Ein Wort über Versöhnung, Sühnung und Stellvertretung
3. Mose 16; 1. Johannes 2,2

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© SoundWords, online seit: 22.06.2012, aktualisiert: 06.12.2017

Leitvers: 1. Johannes 2,2

1Joh 2,2: Er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt.

Einleitung

Anschauungsunterricht ist eines der besten Unterrichtsmittel, um den Begriffen und Gedanken eines Schülers als Grundlage zu dienen oder seinen Gedankenkreis zu erweitern und da, wo es nötig ist, zu berichtigen. So hat es auch Gott gefallen, uns in seinem Wort auf manche Art und Weise Anschauungsunterricht zu geben; und wer kann unterrichten wie Er? Wenn wir doch nur aufmerksamere und gelehrigere Schüler wären! Wie viel Geduld und Langmut muss Gott mit uns haben, und wie oft muss Er dieselben Unterweisungen wiederholen, bis wir sie endlich erfassen und festhalten!

Es ist vor allem die Person und das Werk seines geliebten Sohnes, worüber Gott schon [im Alten Testament] in immer neuen, lieblichen oder auch ernsten und ergreifenden Bildern und Vorbildern geredet hat. Dennoch ist es ewig wahr, dass „niemand erkennt den Sohn als nur der Vater“ [Mt 11,27]. Die Vereinigung von Gottheit und Menschheit in einer Person wird selbst auch dann noch ein Geheimnis für uns sein, wenn wir den Herrn Jesus sehen werden, „wie er ist“ [1Joh 3,2]. Aber das, was Er war und ist als Sohn Gottes, als Sohn des Menschen, als Diener und Prophet, als König Israels, als Lamm Gottes, als Hoherpriester und Sachwalter, als Haupt seiner Versammlung, der Gemeinde usw. – alles das dürfen wir in der Schule des Heiligen Geistes immer mehr erkennen und bewundern. Und wer das fleißig und treu und in Abhängigkeit von oben tut, wird kostbare Unterrichtsstunden erleben.

Heute wollen wir uns ein wenig mit dem beschäftigen, was Gott im Alten Testament über die Grundlage unserer Beziehungen zu Ihm als Gläubige sagt, das heißt, was Er in Bildern über das große Werk der Versöhnung sagt, wie unser Herr und Heiland es am Kreuz vollbracht hat. Sein Werk wird von den Verordnungen über den Versöhnungstag Israels in 3. Mose 16 veranschaulicht. Dieses wunderbare Kapitel kann man wohl den Kern und Mittelpunkt dieses ganzen Buches, das den Opfer- und Priesterdienst behandelt, nennen.

Der Versöhnungstag war eines der drei Hauptfeste Israels. An ihm mussten alle Männlichen aus dem Volk vor dem Angesicht des HERRN erscheinen (2Mo 23,14-17). Dieses Fest wurde am zehnten Tag des siebten Monats gefeiert, kurz nach dem Fest des Posaunenhalls und wenige Tage vor dem Laubhüttenfest, dem letzten Fest in der ganzen Reihe der Feste. Jeder Israelit musste an diesem Tag „seine Seele kasteien“, sich vor Gott in Buße und Selbstgericht niederbeugen. An diesem Tag durfte „keinerlei Arbeit“ getan werden, denn an diesem Tag wurde Sühnung für sie getan, „um sie zu reinigen: Von allen euren Sünden werdet ihr rein sein vor dem HERRN“ (3Mo 16,29.30). Wer seine Seele nicht kasteite, musste „ausgerottet werden aus seinen Völkern“, und wer an diesem Tag irgendeine Arbeit tat, den wollte Gott selbst „aus der Mitte seines Volks vertilgen“ (3Mo 23,28-30). Warum dieser heilige Ernst, diese unerbittliche Strenge? Weil an diesem Tag immer wieder die Grundlagen der Beziehung Gottes zu seinem Volk erneuert wurden. Immer wieder deshalb, weil das Gesetz nichts zur Vollendung bringen konnte. Es war der Tag der Versöhnung, an dem nur Gott tätig sein konnte und der Mensch seinen Platz im Staub einnehmen musste. Damit kommen wir zu der Frage:

A Was ist Versöhnung?

Das griechische Wort [katallage], das im Neuen Testament für „Versöhnung“ gebraucht wird, kommt nur vor in Römer 5,11; 11,15 und 2. Korinther 5,18.19; das Zeitwort „versöhnen“ [katallasso] nur in Römer 5,10; 1. Korinther 7,11 und 2. Korinther 5,18-20. Es bedeutet eigentlich „Ausgleichung, Auswechslung“ (beim Geldgeschäft), dann im weiteren Sinn „Vergleich, Aussöhnung“. Es bezeichnet also die Entfernung alles Störenden und Trennenden zwischen zwei Parteien, die Zurückführung zu Einheit, Friede und Gemeinschaft zwischen solchen, die einander entfremdet sind oder sich feindlich gegenüberstehen. Wenn wir das auf das Verhältnis zwischen uns und Gott anwenden, so müssen wir beachten, dass hier die Entfremdung und Feindschaft allein auf unserer Seite lag. [Nur wir waren „entfremdet und Feinde“ (Kol 1,21), Gott war niemals unser Feind.] Auf Gottes Seite gab es auch keine Entfremdung, nur eine gerechte Verurteilung der Sünde in dem Menschen. [Deshalb also musste nicht Gott mit uns, sondern wir mussten mit Gott versöhnt werden.] Und diese Gerechtigkeit musste erfüllt werden, wenn das gefallene und von Gott entfremdete Geschöpf zu Gott zurückgebracht oder gar Anteil an den Vorrechten der Ratschlüsse Gottes in Christus bekommen sollte.

Dass Gott mit uns versöhnt worden sei, ist ein ganz schriftwidriger Gedanke. Wir sind mit Gott versöhnt. Es bedurfte keiner Handlung oder Anregung irgendwelcher Art, um Gottes Segen zu ändern. Er handelte völlig frei und unbeeinflusst, so wie es seiner Natur und seinen Ratschlüssen entsprach. In seiner Liebe sandte Gott seinen Sohn „als Sühnung für unsere Sünden“ (1Joh 4,10) für den gefallenen Menschen, und zwar nicht, um den Menschen in das frühere Verhältnis zurückzuführen, das ja durch die Sünde völlig zerstört und verwirkt worden war. Nein, sondern Gott sandte seinen Sohn als Sühnung, um ein ganz neues Verhältnis zu schaffen. Diese neue Beziehung gründet sich auf das Erlösungswerk und zeigt Gottes Gnadenratschlüsse. Dennoch ist es eine Zurückführung in die göttliche Gunst, die verloren worden war.

Versöhnung von Dingen und Menschen

Die Versöhnung hat in der Heiligen Schrift einen doppelten Charakter oder, vielleicht richtiger ausgedrückt, sie hat eine zweifache Bedeutung und Wirkung: Sie bezieht sich auf Dinge und Menschen. Dieser Punkt wird oft übersehen, und doch redet die Schrift so einfach und klar darüber. So lesen wir zum Beispiel in Kolosser 1,19.20:

Kol 1,19.20: Es war das Wohlgefallen der ganzen Fülle [der Gottheit] in ihm [Christus] zu wohnen und durch ihn alle Dinge mit sich zu versöhnen – indem er Frieden gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes –, durch ihn, es seien die Dinge auf der Erde oder die Dinge in den Himmeln.

Gott wollte, dass die ganze Schöpfung, das ganze All, von der Verunreinigung und von dem Fluch der Sünde befreit und in ihre wahre Ordnung und ihr richtiges Verhältnis Ihm gegenüber gebracht wird. Das Werk dafür ist vollbracht und die gerechte Grundlage ist gelegt worden, indem Christus Frieden gemacht hat durch sein am Kreuz vergossenes Blut [Kol 1,20]. Die Folgen seines Werkes sehen wir heute zwar noch nicht: Noch „seufzt die ganze Schöpfung und liegt in Geburtswehen bis jetzt“ [Röm 8,22]. Aber bald werden die „Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge“ anbrechen (Apg 3,21), und schließlich werden ein neuer Himmel und eine neue Erde Zeugnis geben, dass das auf Golgatha geschehene Versöhnungswerk vollkommen ist.

Was uns, die Gläubigen, betrifft, so kann der Apostel hinzufügen:

Kol 1,21.22: Und euch, die ihr einst entfremdet und Feinde wart …, hat er aber nun versöhnt in dem Leib seines Fleisches durch den Tod.

Wir sind versöhnt und genießen [im Gegensatz zur Schöpfung] heute schon [geistlicherweise] die vollen Ergebnisse der Versöhnung. Unser Leib, der noch dieser Schöpfung angehört, wird allerdings erst in der Auferstehung vollendet werden.

Hat Gott bereits alle Menschen mit sich versöhnt?

Wenn wir über diese Dinge reden, werden wir ganz von selbst an eine andere Stelle erinnert, die schon viel Anlass zu verkehrten Schlussfolgerungen gegeben hat. Wir meinen 2. Korinther 5,18-20, vor allem den 19. Vers:

2Kor 5,18-20: 18 Alles aber von dem Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Christus und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat: 19 Nämlich dass Gott in Christus war, die Welt mit sich selbst versöhnend, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnend, und er hat in uns das Wort der Versöhnung niedergelegt. 20 So sind wir nun Gesandte für Christus, als ob Gott durch uns ermahnte; wir bitten an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott.

Was bedeutet diese Stelle? Es heißt nicht: Gott ist in Christus. Nein, Paulus meint Folgendes: Der damalige Dienst des Apostels war an die Stelle des persönlichen Dienstes Christi getreten. Sein Dienst gründete sich auf die Tatsache, dass Gott „den, der Sünde nicht kannte“, am Kreuz für uns zu Sünde gemacht hat, „damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm“ [2Kor 5,21]. Mit anderen Worten: Gott erschien einst in Christus in dieser Welt, um die Welt mit sich selbst zu versöhnen. Er bot der Welt gleichsam eine Rückkehr zu Ordnung und Segnung an, indem Er in bedingungsloser Gnade den Menschen ihre Übertretungen nicht zurechnete. Er rief dem Sünder [in Christus] zu: Ich bin nicht gekommen, zu richten und zu strafen; nein, kehre um zu Mir und Ich will vergeben; kehre um und Ich will des Vergangenen nie mehr gedenken!

Die Welt aber hat dieses Angebot schroff von sich gewiesen; sie wollte Jesus nicht und hasste Gott. Ihr Zustand war hoffnungslos böse und konnte nicht wiederhergestellt werden. Ist nun Gottes Absicht unerfüllt geblieben? Nein, auch wenn die Gesamtheit Ihn verwirft, so nimmt Er den Einzelnen aus dem furchtbaren, [Gott entfremdeten, feindlichen] Zustand, in dem er ist, heraus und stellt ihn auf eine ganz neue Grundlage: „Wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung“ [2Kor 5,17]. Für die Welt allerdings gibt es jetzt keine Rettungsmittel mehr, da sie in ihrer gottfeindlichen Gesinnung das beste und einzige Rettungsmittel zurückgewiesen hat. Nun bleibt für sie nur noch Gericht übrig (vgl. Joh 12,31). Gott hatte der Welt den höchsten Beweis seiner Liebe gegeben, [indem Er seinen Sohn gesandt hat] (Joh 3,16), und Er hatte ihr Heil und Leben angeboten (Joh 3,17; 6,33.51). Doch nachdem die Welt sein Angebot mit tödlichem Hass beantwortet hat, beschäftigt Er sich in diesem Sinn nicht mehr mit der Welt; nun nimmt Er nur noch Einzelne aus der Welt heraus, an denen Er sein Erbarmen groß macht. Fortan heißt es: „damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe“ [Joh 3,15.16]; „wenn jemand in Christus ist“; „wer da will, der komme“, usw. Auf der anderen Seite heißt es aber auch: „Wer nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm“ (Joh 3,36).

Die Wiedergeburt aller Dinge

Aber auch in anderer Beziehung wird Gottes Absicht nicht unerfüllt bleiben. Christus kam in diese Welt, „und die Welt wurde durch ihn“ (Joh 1,10). Alle Dinge sind durch den Sohn Gottes und für Ihn geschaffen, und sie werden, wie wir bereits gesehen haben, aufgrund des Versöhnungswerkes einmal in ein geordnetes Verhältnis zu Gott zurückgebracht werden. Sie sind nicht „freiwillig“, so wie der Mensch, „der Nichtigkeit unterworfen“ worden [Röm 8,20], denn die geschaffenen Dinge haben keinen Willen, sondern sie sind durch den bösen Willen des Menschen in die Versklavung der Vergänglichkeit mit hineingezogen worden. Sehnsüchtig wartet die Schöpfung auf die Offenbarung der Herrlichkeit der Kinder Gottes (Röm 8,19-22). Auch die Schöpfung wird dann eine „Wiedergeburt“ erfahren, wie der Herr seinen Jüngern in Matthäus 19,28 sagt: „Ihr … werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird …“ Es ist dasselbe Wort, das der Heilige Geist in Titus 3,5 („Er errettete uns … durch die Waschung der Wiedergeburt“) auf die Gläubigen anwendet. Selbstverständlich kann bei der Schöpfung, die keinen Willen hat, nicht von einer Erneuerung des Willens oder von einer inneren Umwandlung und dergleichen gesprochen werden wie bei uns. Dennoch nennt die Schrift das, was die Schöpfung in Zukunft erfahren wird, „Wiedergeburt“.

Was bedeutet „Versöhnung der Welt“?

Man redet und schreibt heute viel von einer „Allversöhnung“. Wenn man mit dem Wort ausdrücken will, dass auch das All, alle Dinge, einmal die gesegneten Wirkungen der Versöhnung, die Christus vollbracht hat, genießen wird, so ist das gut und schriftgemäß. Schließt man aber die Rettung aller Menschen und schließlich gar auch Satans und seiner Engel darin ein, so ist das schriftwidrig und von Grund auf böse und kann nicht entschieden genug zurückgewiesen werden.

Römer 5,10.11 werden wir nach dem eben Gesagten leicht verstehen: „Denn wenn wir, da wir Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, so werden wir viel mehr, da wir versöhnt sind, durch sein Leben gerettet werden. Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben.“

Wahrscheinlich bereiten dem einen oder anderen Leser aber eher die Worte des Apostels in Römer 11,15 Schwierigkeiten. Es heißt dort:

Röm 11,15: Wenn ihre [der Juden] Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird die Annahme anderes sein als Leben aus den Toten?

Der Sinn der Stelle ist einfach und bestätigt nur das, was wir bisher ausgeführt haben. Die Juden hatten bis zur Verwerfung ihres Messias in einem geordneten Verhältnis zu Gott gestanden, auch wenn sie darin untreu gewesen waren. Die Welt hatte gar keine Beziehungen zu Gott; die Menschen waren „entfremdet dem Bürgerrecht Israels und Fremdlinge betreffs der Bündnisse der Verheißung“; sie waren ohne jede Hoffnung und ohne Gott in der Welt [Eph 2,12]. Nach dem Fall Israels wurde das anders. Gott ließ nun alle Menschen überall auffordern, Buße zu tun: Nach den „Zeiten der Unwissenheit“ (Apg 17,30) wurde jetzt das Evangelium Gottes aller Welt angeboten, und „das Wort der Versöhnung“ wurde der ganzen Welt ohne Unterschied verkündigt. Wenn Israels Verwerfung schon eine solche Segenswelle über die Welt gebracht hat, welche Folgen muss dann erst Israels Wiederherstellung haben, wenn Gott sich zuletzt seines Volkes wieder annehmen und ihm alle seine Verheißungen erfüllen wird!

Die gerechten und heiligen Ansprüche Gottes erfüllen

Kehren wir zu 3. Mose 16 zurück und fragen wir uns: Wie wird die bisher behandelte Wahrheit dort dargestellt? Wir werden mit Erstaunen finden, dass die Reinigung des Heiligtums und des Zeltes der Zusammenkunft am Versöhnungstag zuerst in Betracht kam. Erst in zweiter Linie werden Priester und Volk genannt. Zunächst mussten die heiligen Ansprüche Gottes im Hinblick auf sein Wohnen inmitten seines Volkes zufriedengestellt werden: Aaron musste mit dem Blut des Opfertieres „Sühnung tun für das Heiligtum wegen der Unreinheiten der Kinder Israel und wegen ihrer Übertretungen, nach allen ihren Sünden“ (3Mo 16,16).

Die Stiftshütte in der Wüste war in ihren drei Abteilungen ein Bild des Weltalls. Und so wie der Hohepriester mit dem Sühnungsblut durch das ganze Zelt bis ins Allerheiligste ging, so ist auch Christus „durch die Himmel gegangen“ [Heb 4,14] und als Hoherpriester ins Heiligtum eingetreten. Im Alten Bund wurde alles (Hütte und Altar) durch Blut gereinigt, und in gleicher Weise wird Gott einmal alles, was im Himmel und auf Erden ist, durch das Blut seines geliebten Sohnes mit sich versöhnen. Die Grundlage dafür ist im Kreuz Christi gelegt worden, das Sühnungsblut ist geflossen; und das Ergebnis dieses Werkes wird im Tausendjährigen Reich und in der neuen Schöpfung gesehen werden. In gewissem Sinn ist das Weltall das Haus, die Wohnung Gottes. Der Himmel ist sein Thron und die Erde der Schemel seiner Füße. Gott lässt sich herab, um in dem zu wohnen, was Christus erschaffen hat, und diese seine Wohnung muss und wird von der Verunreinigung, die sie durch die Schuld des Menschen erfahren hat, gereinigt werden. Diese Reinigung konnte und kann nur geschehen durch eine vollgültige Sühnung, durch die „Abschaffung der Sünde“, wie es in in Hebräer 9,26 heißt. Das führt uns aber zu der weiteren Frage:

B Was ist Sühnung?

Wenn von dem Sühnungswerk Christi die Rede ist, denkt man im Allgemeinen daran, dass unsere Sünden weggetan werden, dass unsere Schuld, die wir vor Gott hatten, bezahlt wird. Man hält das für das Wichtigste, wenn nicht gar für das Einzige. An die Erfüllung der gerechten und heiligen Forderungen Gottes und vor allem an seine Verherrlichung durch dieses Sühnungswerk denkt man selten. Und doch ist gerade die die erhabenste Seite der Sühnung, der wichtigste Teil des Werkes.

Zwei Böcke und zwei Aspekte des Sühnungswerkes

Am großen Versöhnungstag mussten (außer dem besonderen Opfer, das der Priester für sich und sein Haus darzubringen hatte) zwei Böcke vor den Herrn gestellt werden: Der eine Bock wurde durch das Los für den HERRN bestimmt, der andere für das Volk. Und beachten wir: Obwohl die Sünden des Volkes zu der ganzen Opferhandlung Anlass gaben, wurden doch bei dem ersten Bock, der für den HERRN war, diese Sünden gar nicht erwähnt! Sie wurden erst auf den Kopf des zweiten Bockes bekannt und von diesem Bock in ein ödes Land getragen, wo niemand sie mehr sah. Mit dem Blut des ersten Bockes, der im Vorhof geschlachtet wurde, ging der Hohepriester ins Allerheiligste, um einmal auf und siebenmal[1] vor (oder an die Vorderseite) des goldenen Sühndeckels zu sprengen. Auf diese Weise tat er Sühnung für das Heiligtum und in weiterem Sinn für das Volk. „Denn das Blut ist es, das Sühnung tut durch die Seele“ (3Mo 17,11).

Warum musste aber das Blut ins Heiligtum gebracht werden? Weil hier der Thron des durch die Sünde verunehrten und beleidigten Gottes aufgerichtet war. Gottes Herrlichkeit erstrahlte über den beiden Cherubim, den symbolischen Wächtern darüber, dass Gottes gerechte Forderungen erfüllt und seine richterlichen Wege ausgeführt wurden. Ihre Angesichter waren stets gegen die Bundeslade gerichtet, in der die beiden Gesetzestafeln lagen. Diese Tafeln waren die feierlichen Zeugen gegen das sündige Volk: Statt dass die Zehn Gebote von Israel beachtet worden wären, befleckten zahllose Übertretungen des Volkes die Wohnung Gottes und bedurften der Sühnung.

Wer aber konnte eine gültige Sühnung vollziehen? Wer konnte das dafür notwendige Opfer bestimmen und bereiten? Gott allein. Und Er tat es. Die beiden Böcke[2] bildeten allerdings nur ein schwaches Vorbild von jenem reinen und heiligen Opfer, das Gott schon vor Grundlegung der Welt zuvor erkannt hat [1Pet 1,20] und das allein Ihn wirklich zufriedenstellen konnte. Aber dennoch sind die beiden Böcke ein sehr eindrucksvolles Bild: ein Bock für den HERRN, ein Bock für das Volk; ein Bock, um die heiligen Ansprüche Gottes zufriedenzustellen, ein Bock, um die Sünden des Volkes hinwegzutun; ein Bock, um die Grundlagen für die Verherrlichung Gottes und seiner Gnadenwege zu legen, ein Bock, um die anklagenden Gewissen zum Schweigen zu bringen und den zagenden Herzen Ruhe zu geben.

Die Schatten und der Körper

Ich möchte es noch einmal betonen: Diese Opfer, „die sie [die Israeliten] alljährlich ununterbrochen darbringen“ [Heb 10,1], konnten den, der den Gottesdienst übte, niemals vollkommen machen. Die Opfer konnten keinen festen Frieden und keine bleibende Ruhe geben; das Bewusstsein der Sünde blieb [Heb 10,2]. Doch welchen Blick lassen sie uns in das Wesen dieser Vorbilder tun, wie weisen sie uns auf den Körper dieser Schatten hin: auf Christus! „Der Körper aber ist des Christus“ (Kol 2,17). So wie das Blut des „Bockes für den HERRN“ ins Heiligtum gebracht und vor die Angesichter der Cherubim auf den Gnadenstuhl (oder den Sühndeckel) gesprengt wurde, so dass die Cherubim jetzt zwischen sich und dem gebrochenen Gesetz das Sühnungsblut erblickten, so ist Christus mit seinem Blut in die Gegenwart Gottes eingegangen, in den Himmel selbst, nachdem Er an der Stätte der Sünde durch seinen Tod am Kreuz Gott im Blick auf die Sünde vollkommen verherrlicht hat. Dort ist die Sünde gerichtet worden und eine „ewige Erlösung“ [Heb 9,12] zustande gekommen – in Ihm, der „in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde“ und „für die Sünde“ gekommen war [Röm 8,3].

Gottes Verherrlichung

Zugleich ist in jener Stunde wie nie vorher und nachher ans Licht getreten, wer Jesus und wer Gott ist. Auf dem Weg zum Kreuz konnte Er sagen: „Jetzt ist der Sohn des Menschen verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in ihm“ (Joh 13,31). Wer außer Christus hätte die Verherrlichung Gottes mit der Ordnung der Frage der Sünde verbinden können? Indem Er sich „zur Abschaffung der Sünde“ [Heb 9,26] als Opfer dahingab, ist alles, was in Gott ist – seine Majestät, Gerechtigkeit, Liebe, Gnade, Wahrheit –, in herrlicher Weise gezeigt worden, und das Blut gibt jetzt im Heiligtum droben für immer Zeugnis davon.

Die Sünde als feindliche Macht musste weggetan werden

Man vergisst immer wieder, dass neben den persönlichen Verschuldungen der Menschen die Sünde [Einzahl] als solche in der Welt ist und wie eine feindliche Macht zwischen Gott und der Welt steht. Weil sie durch den Fall des ersten Adam in die Welt gekommen ist, musste der letzte Adam zuerst die Sünde als feindliche Macht aus der Schöpfung entfernen. Wenn wir uns diese Tatsache vergegenwärtigen, so verstehen wir, warum Johannes der Täufer jubelnd ausruft:

Joh 1,29: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!

Und dann verstehen wir auch die Bedeutung der Worte in Hebräer 9,26:

Heb 9,26: Jetzt aber ist er [Christus] einmal in der Vollendung der Zeitalter offenbart worden zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer.

Was der erste Mensch in die Welt gebracht hat, musste durch den zweiten Menschen wieder aus ihr entfernt werden. Ich wiederhole: Es handelt sich hier nicht um Sünden (Mehrzahl), nicht um Schuld, sondern um die Sünde (Einzahl) als solche, um die Sünde als Grundsatz oder Element. Nirgendwo heißt es in der Schrift, dass Christus die Sünden aller Menschen getragen habe; sie vermeidet diesen Ausdruck sorgfältig. Es kann auch nicht anders sein. Wie würde Gott sonst irgendeinen Menschen zur Rechenschaft ziehen und richten können? Wäre die Schuld aller bezahlt, so könnte Gott an niemand mehr eine Forderung stellen.

Nachdem die Sünde in die Welt gekommen war, hätte Gott sich in seiner Gerechtigkeit natürlich des Sünders entledigen können, indem Er ihn das Gericht für seine Schuld treffen ließ. Aber was wäre dann aus seiner Liebe und aus seinen Gnadenratschlüssen geworden? Wie hätte Er seine Herrlichkeit als der Gott, der Licht und Liebe ist, aufrechterhalten, und wie hätte Er die Sünde wieder aus seiner Schöpfung entfernen können? Alles das konnte nur dadurch geschehen, dass das heilige Lamm Gottes in die Welt kam, „die Sünde der Welt“ auf sich nahm und sich „zur Sünde“ machen ließ [Joh 1,29; 2Kor 5,21]. Und indem Christus das tat, entsprach Er allem, was die Majestät des Thrones Gottes forderte. Nach seinem Werk am Kreuz hat sich der Thron des Gerichts in einen Gnadenstuhl verwandelt. Nun kann sich die Gnade frei und ungehindert entfalten, und der Anbeter darf mit Freimütigkeit ins Heiligtum eintreten [Heb 10,19]. Aufgrund des vollbrachten Sühnungswerkes kann nun auch aller Welt Gnade und Vergebung angeboten und jeder Sünder eingeladen werden, von der ganzen Fülle der Gnade Gebrauch zu machen. Das Blut ist vor Gottes Auge, und Er sagt: „Sehe ich das Blut, so werde ich vorübergehen“ [2Mo 12,13].

Die Sünde ist gesühnt

Im Hinblick auf die kommende Sühnung konnte ein heiliger Gott vor dem Kreuz eine schuldige Menschheit in Nachsicht tragen, und im Rückblick auf das geschehene Werk kann Er heute in Langmut und Gnade handeln, kann Er seine Sonne aufgehen lassen über Gut und Böse und den feindlichen Menschen den ganzen Schatz seiner Gnadenreichtümer aufschließen. Allen Forderungen seines Thrones ist entsprochen; was ihm gebührte, „das Teil des HERRN“, ist ihm geworden; die Taufe, von der Jesus in Lukas 12,50 redet („Ich habe aber eine Taufe, womit ich getauft werden muss, und wie bin ich beengt, bis sie vollbracht ist!“), ist vollbracht, und nun ist alle „Beengung“ aufgehoben: Der Strom der göttlichen Liebe kann seine Schleusen öffnen und sich ungehindert nach allen Seiten hin ergießen. Die Sünde ist gesühnt, Gott ist im Sohn verherrlicht, „der durch Gottes Gnade für alles den Tod schmeckte“ [Heb 2,9], und nun kann Gott Ihn wiederum verherrlichen und in Ihm und durch Ihn seinen wunderbaren Heilsplan im Blick auf die ganze Schöpfung darstellen und ausführen. Heißt das, dass nun auch alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, wie das nach 1. Timotheus 2,4 Gottes Wunsch und Wille ist? Damit kommen wir zum letzten Teil unseres Themas, zur Frage:

C Was ist Stellvertretung?

Es ist erstaunlich, wie wenig im Allgemeinen der Unterschied zwischen Sühnung und Stellvertretung beachtet und in seiner tiefgehenden Bedeutung verstanden wird. Die ernste Folgen davon sind einerseits ein unklares, unbestimmtes Evangelium, und andererseits sind viele Gläubige unsicher im Blick auf ihre Errettung oder gar friedelos. Deshalb ist es so wichtig, dass wir den Unterschied kennen und aufgrund des Wortes Gottes feststellen, was diese beiden Worte wirklich bedeuten. Der Herr wolle uns bei dieser Untersuchung behilflich sein durch die Leitung seines Heiligen Geistes!

Für einen anderen eintreten

Auf „Sühnung“ sind wir bereits oben eingegangen. Bei dem Wort „Stellvertretung“ denken wir sogleich an Einzelwesen, an Personen, für die ein anderer eintritt, indem er ihre Rechte wahrnimmt oder, wie in dem vorliegenden Fall, ihre Verpflichtungen einlöst. Auf den Herrn Jesus und sein Opfer angewandt kann also im Hinblick auf die Schöpfung oder die Welt von einer „Stellvertretung“ nicht die Rede sein. Während hier der Gedanke an eine „Sühnung“ durchaus am Platz ist, wäre „Stellvertretung“ geradezu sinnlos. So lesen wir denn auch:

1Joh 2,2: Er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt.

Der Gläubige darf sagen, dass alle seine Sünden gesühnt sind, und er kann hinzufügen: Diese Sühnung erstreckt sich in ihrem Wert, in ihrer Wirksamkeit [und in ihrer Reichweite] auf die ganze Welt. Deshalb kann jeder, ob Jude, Heide, Muslim oder Namenschrist, kommen und ebenso wie der Gläubige von dieser Sühnung Gebrauch machen kann. Ja mehr noch: Das ganze Weltall wird, die wir in dem vorhergehenden Abschnitt gesehen haben, einmal die gesegneten Folgen dieses Sühnungswerkes genießen. Ganz falsch aber wäre es, wenn man aus diesem Vers den Schluss ziehen wollte, dass Christus die Sühnung der Sünden der ganzen Welt oder der ganzen Menschheit sei. Luther hat die Stelle wohl so verstanden, denn er übersetzt mit der Vulgata: „nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt“ (… für die „Sünden“ der ganzen Welt). Aber diese Übersetzung ist unmöglich; sie steht auch mit der übrigen Belehrung des Wortes Gottes in unmittelbarem Widerspruch.

Der Gedanke der Sühnung bzw. Entfernung der Sünden der Welt ist der Schrift völlig fremd. Nirgendwo lehrt sie, dass Christus alle Sünden getragen habe oder, mit anderen Worten, dass Er – und damit kommen wir zu der wahren Bedeutung des Wortes „Stellvertretung“ – für die Vergehungen und Schulden aller Menschen haftbar gemacht worden sei und an der Stelle der Schuldigen die gerechte Strafe von Seiten Gottes getragen habe. Wäre das geschehen, so könnte kein Mensch verlorengehen; Gott wäre ungerecht, wenn Er noch irgendeine Forderung an den Sünder stellen wollte; die Verdammnis wäre eine Fabel, die Lehre von einer ewigen Vergeltung eine Lüge usw. Wenn die Schrift von Sündenvergebung redet, so spricht sie immer nur von „vielen“, niemals von „allen“.

Der zweite Bock und die Stellvertretung

Das Kapitel über den großen Versöhnungstag, 3. Mose 16, ist sehr hilfreich, um uns den Begriff „Stellvertretung“ zu erläutern. Zwei Böcke mussten vor den HERRN gestellt werden, aber nur das Blut des einen, nämlich des für den HERRN bestimmten Bockes, wurde ins Heiligtum getragen und von dem Hohenpriester nach Gottes Anordnung dort verwandt. Von dem anderen Bock heißt es:

3Mo 16,10: Und der Bock, auf den das Los für Asasel [Abwendung] gefallen ist, soll lebend vor den HERRN gestellt werden, um auf ihm Sühnung zu tun, um ihn als Asasel fortzuschicken in die Wüste.

Wenn dann Aaron [mit dem Blut des ersten Bockes] die Sühnung des Heiligtums und des Zeltes der Zusammenkunft vollendet hatte, musste er den lebendigen Bock herzubringen:

3Mo 16,20-22: Und hat er die Sühnung des Heiligtums und des Zeltes der Zusammenkunft und des Altars vollendet, so soll er den lebenden Bock herzubringen. 21 Und Aaron lege seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes und bekenne auf ihn alle Ungerechtigkeiten der Kinder Israel und alle ihre Übertretungen nach allen ihren Sünden; und er lege sie auf den Kopf des Bockes und schicke ihn durch einen bereitstehenden Mann fort in die Wüste, 22 damit der Bock alle ihre Ungerechtigkeiten auf sich trage in ein ödes Land; und er schicke den Bock fort in die Wüste.

Wenn der Israelit den Hohenpriester, der mit dem Blut des ersten Bockes ins Heiligtum gegangen war, zurückkehren sah, so wusste er, dass Gott das Opfer angenommen hatte und dass Sühnung für das Heiligtum geschehen war. Mit anderen Worten: Die Wiederkehr des Hohenpriesters bewies, dass die Grundlage für das Wohnen Gottes inmitten seines Volkes wieder für ein Jahr gelegt war und dass Israels Beziehungen zu dem HERRN, seinem Gott, wieder bis zum nächsten Versöhnungstag gesichert waren. Die Sünde, die dem entgegenstand, war gesühnt, Gottes Herrlichkeit war ans Licht gebracht.[3]

Wie aber stand es mit den vielen Vergehungen, mit den zahllosen Übertretungen der heiligen Gebote Gottes, die auf dem Gewissen der einzelnen Glieder des Volkes lasteten? Auch wenn die Frage der „Sünde“ [Einzahl] Gottes Herrlichkeit entsprechend gerichtlich behandelt worden war – von „Sünden“ [Mehrzahl] war bis dahin keine Rede gewesen. Würde Gott nur ein halbes Werk tun? Würde Er die Beantwortung der Fragen, die aus persönlicher Schuld hervorgingen, unerledigt lassen? Nein, Er tut nichts halb. Er führt alles herrlich hinaus. Nachdem die wichtigste Frage – dass nämlich die gerechten Forderungen des heiligen Gottes im Hinblick auf die Sünde [Einzahl] erfüllt worden sind – beantwortet ist, sollte auch die zweite Frage, an die der Mensch als Erstes denkt, beantwortet werden: Wie kann ich wissen, dass meine Sünden, für die ich verantwortlich bin und die mich verurteilen, vergeben sind? Und wie wurde diese Frage beantwortet? „Asasel“, der Bock der Abwendung, gibt uns die Antwort.

Nachdem der zweite Bock vor den Herrn gestellt war, musste der Hohepriester, der Stellvertreter Gottes und zugleich der Vertreter des ganzen Volkes, seine beiden Hände auf den Kopf des Bockes legen. Dadurch drückte er seine völlige Einsmachung mit dem Bock aus. Dann musste er „alle Ungerechtigkeiten der Kinder Israel und alle ihre Übertretungen nach allen ihren Sünden“ auf den Bock bekennen [3Mo 16,21]. Ob ungerechte Handlungen im allgemeinen Sinn oder Übertretungen bestimmter Gebote – alle Sünden wurden so in göttlicher Weise, nach einer durch Gott vermittelten Erkenntnis, auf das Opfertier gelegt und dann von dem Bock in die Wüste getragen, in ein ödes Land, wo niemand mehr der Sünden gedachte. Der Bock der Abwendung (oder: der abwendet, davongeht) musste sie anstelle der Übertreter, d.h. der sündigen Israeliten, auf sich nehmen und aus Gottes Gegenwart sowie aus den Augen der Kinder Israel hinwegtragen. Nachdem der erste Bock dargebracht und geschlachtet und sein Fleisch samt Haut und Mist „außerhalb des Lagers verbrannt“ worden ist, dient dieser zweite Bock als Stellvertreter des schuldigen Volkes bzw. der einzelnen Glieder des Volkes, „nach allen ihren Sünden“, um ihre Sünden hinwegzutun und so die anklagenden Gewissen der Schuldigen zur Ruhe zu bringen, wenn auch nur unvollkommen und zeitlich. Ich möchte es noch einmal wiederholen: Selbstverständlich konnte das nur in Verbindung mit dem ersten Bock geschehen; beide Böcke bildeten ein Opfer, denn „ohne Blutvergießung gibt es keine Vergebung“ [Heb 9,22]. Das Blut ist das Zeugnis dafür, dass das ganze Werk vollendet ist; ohne Blut hätte der Hohepriester niemals ins Heiligtum eintreten dürfen. Aber so gewiss er dort eingetreten war und nun alle Sünden Israels auf den Kopf des zweiten Bockes bekannte, so gewiss tat er jetzt auf ihm Sühnung für die Sünden, so dass Gott sie nicht mehr sah.

Vom Schatten zur Wirklichkeit

So weit das Bild. Es redet in wunderbar eindringlicher und verständlicher Sprache von einem anderen, größeren Opfer. Was wir in jenem Bock vorbildlich dargestellt sehen, ist in Christus zur Wahrheit, zum Wesen geworden. Der Schatten hat sich in die Wirklichkeit verwandelt. Der erste Bock zeigt uns Christus als den, der für die Sünde [Einzahl!] Sühnung getan und der Gott im Hinblick auf die Sünde verherrlicht und den Weg zu Ihm ins Heiligtum gebahnt hat. In dem zweiten Bock sehen wir Christus als den Stellvertreter seines erlösten Volkes, als den, der alle ihre Sünden getragen und für immer hinweggetan hat, so dass Gott ihrer Sünden nie mehr gedenkt und auch wir sie als für ewig getilgt betrachten dürfen. Der Gläubige darf sagen: Gott selbst hat alle meine Sünden, meine ganze unermessliche Schuld, nach seiner göttlichen Kenntnis (nicht nur so, wie sie mir bekannt ist oder zum Bewusstsein kommt) auf Jesus gelegt; Er hat alle meine Ungerechtigkeiten und Übertretungen von meinem ersten bis zu meinem letzten Atemzug auf Ihn gelegt, und Jesus hat sie an meiner statt getragen. Er hat meine Schuld gebüßt, und nun darf ich da ruhen, wo Gott mit Freude ruht: in dem kostbaren Werk seines geliebten Sohnes. Alle meine Sünden sind vergeben auf gerechter, göttlicher Grundlage. „Mit einem Opfer hat er auf immerdar die vollkommen gemacht, die geheiligt werden“ (Heb 10,14), so dass sie triumphierend fragen können: „Wer wird gegen Gottes Auserwählte Anklage erheben? Gott ist es, der rechtfertigt; wer ist es, der verdamme?“ (Röm 8,33.34).

Den Unterschied beachten

Wenn man den Unterschied zwischen „Sühnung“ und „Stellvertretung“ nicht beachtet oder die eine Seite einseitig betont, ohne die andere Seite gebührend zu berücksichtigen, kommt es immer wieder zu theologischen Streitigkeiten und ernsten Spaltungen. Die eine Richtung [der Arminianismus], die den Begriff der Gnade verallgemeinert, besteht darauf, dass Christus für alle gestorben ist, indem sie damit das Tragen der Sünden verbindet. Die andere Richtung [der Calvinismus] weist nur auf das Werk Christi für die Seinen hin und beschränkt damit die Gnade. Sie betont die Gnadenwahl übermäßig und vergisst dabei, dass Christus für alle gestorben ist. Die erste Richtung [der Arminianismus] lehrt, Gott könne nicht einige besonders lieben könne, wenn Er alle geliebt habe; die Folge eines solchen Gedankens ist, dass der Gläubige unsicher über seine Errettung wird bzw. sich und sein Tun erhebt. Die zweite Richtung [der Calvinismus] lehrt, wenn Christus seine Gemeinde geliebt und sich selbst für sie hingegeben habe, könne es keine wirkliche Liebe für irgendetwas anderes geben; das Werk Christi sei nur für die Auserwählten geschehen. Damit leugnet man, dass Christus „sich selbst gab als Lösegeld für alle“ (1Tim 2,6), und vergisst, dass „Gott ihn dargestellt hat als ein Sühnmittel [oder: Gnadenstuhl] durch den Glauben an sein Blut“ (Röm 3,25). Die erste Richtung [der Arminiasmus] setzt die Bedeutung des Bockes Asasel, die Stellvertretung, beiseite; die zweite [der Calvinismus] lässt die Bedeutung des ersten Bockes, die Sühnung, [deren Reichweite die ganze Welt umfasst], außer Acht und sieht nichts anderes als Stellvertretung. Beide Richtungen teilen also das Wort der Wahrheit nicht recht (vgl. 2Tim 2,15) und kommen so zu einseitigen, falschen Ergebnissen.

Alle oder viele?

Nach diesen allgemeinen Ausführungen wollen wir noch kurz die verschiedenen Stellen des Neuen Testamentes betrachten, die unser Thema betreffen und die wir noch nicht berührt haben. Dies wird uns nicht nur helfen, unser Thema besser zu verstehen, sondern uns auch weitere Einblicke tun lassen in das Werk Christi überhaupt und so Anbetung und Dank in unseren Herzen bewirken.

Wir haben schon mehrmals darauf hingewiesen, dass die Schrift niemals sagt, dass der Herr Jesus die Sünden aller getragen habe. Bei der Einsetzung des Abendmahls sprach Er selbst nach Matthäus 26,28 in Verbindung mit dem Kelch die Worte:

Mt 2,28: Dies ist mein Blut, das des neuen Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.

(Markus 14,24 lautet ähnlich: „Dies ist mein Blut, das des neuen Bundes, das für viele vergossen wird.“) So lesen wir auch in Hebräer 9,28, dass Christus einmal geopfert worden ist, um vieler (nicht aller) Sünden zu tragen:

Heb 9,28: … nachdem er einmal geopfert ist, um vieler Sünden zu tragen.

An verschiedenen Stellen steht „alle“ geradezu im Gegensatz zu „viele“ oder zu „die vielen“. So zum Beispiel in Römer 5,18.19:

Röm 5,18.19: 18 Also nun, wie es durch eine Übertretung gegen alle Menschen zur Verdammnis gereichte, so auch durch eine Gerechtigkeit gegen alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens. 19 Denn so wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden.

Vers 18 bedeute nicht, dass alle gerechtfertigt werden, sondern dass die „Rechtfertigung des Lebens“ sich gegen alle richtet, und zwar, wie wir sahen, aufgrund des vollendeten Sühnungswerkes. Die Rechtfertigung ist für alle da, für alle erreichbar. Warum aber dann eine Änderung [von „alle“ in „viele“] in Vers 19 (vgl. auch V. 15)? Aus dem einfachen Grund, weil es sich in beiden Fällen wohl um viele Menschen handelt (in dem ersten Fall in Vers 18 auch um alle, denn alle stammen von dem ersten Adam ab); in dem zweiten Fall handelt es sich aber nicht um alle, sondern nur um diejenigen, die mit dem letzten Adam verbunden sind.

Hierher gehört wohl auch das bekannte Wort aus Römer 3:

Röm 3,21.22: Jetzt aber ist, ohne Gesetz, Gottes Gerechtigkeit offenbart worden … Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus gegen alle und auf alle, die glauben.

Während Gottes Gerechtigkeit gegen alle gerichtet ist und allen umsonst angeboten wird, kommt sie doch nur „auf alle, die da glauben“. Gott rechtfertigt nur den, „der des Glaubens an Jesus ist“ (Röm 3,26). Allen übrigen Menschen dient sein gnädiges Angebot nur zu vermehrter Verantwortlichkeit, zu verschärfter Strafe. (Vergleiche Matthäus 11,20-24; Lukas 12,47.48.)

Ein weiteres, sehr beachtenswertes Beispiel ist 1. Timotheus 2,3-6, verglichen mit Matthäus 20,28 und Markus 10,45. Paulus nennt Gott unseren …

1Tim 2,3-6: … Heiland-Gott, der will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn Gott ist einer, und einer ist Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Jesus Christus, der sich selbst gab als Lösegeld für alle.

Gott, der gerechte und rettende Gott (vgl. Jes 45,21), hat ein Mittel gefunden, durch das allen Menschen geholfen werden kann, wenn sie von diesem Mittel Gebrauch machen wollen. Christus hat ein Lösegeld bezahlt, das für alle genügt und das auch im Hinblick auf alle und zum Vorteil für alle bezahlt worden ist, und Gott hat dieses Lösegeld angenommen. Er will nicht, „dass irgendwelche verloren gehen“, sondern dass alle zur Buße und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (vgl. 2Pet 3,9). Doch nicht alle kommen zur Buße: Zur Zeit des Herrn Jesus machten die Pharisäer und die Gesetzgelehrten „den Ratschluss Gottes in Bezug auf sich selbst wirkungslos“ (Lk 7,30), indem sie nicht Buße tun und ihre Sünden bekennen wollten. Ebenso weisen auch heute Millionen und abermals Millionen von Menschen die Gnade Gottes gleichgültig oder verächtlich von sich ab. Gott möchte sie erretten, aber sie wollen nicht zu Ihm kommen, damit sie Leben haben (vgl. Joh 5,40). Nun könnte man einwenden: Wenn aber ein Lösegeld für alle bezahlt worden ist, so müssen doch auch alle des Segens und der Wirkung dieses Lösegeldes teilhaftig werden!? Ich antworte: Ja, in dem oben beschriebenen Sinn, dass das Lösegeld für alle da ist und von allen benutzt werden kann; nein, in dem Sinn, dass die Schulden, die Sünden aller dadurch getilgt worden wären und deshalb nicht mehr eingefordert werden könnten.

Wir lesen darum auch in den beiden anderen Stellen (Mt 20,28 und Mk 10,45):

Mk 10,45: Der Sohn des Menschen ist … gekommen, … um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.

Wer des Griechischen kundig ist, wird überrascht sein, wenn er diese beiden Stellen mit 1. Timotheus 2,6 vergleicht und herausfindet, dass im Griechischen das mit „für“ übersetzte Wort jeweils ein ganz anderes ist. Während es in 1. Timotheus 2,6 den Sinn hat von: „im Blick (in Hinsicht) auf, zum Vorteil von“ [griech. hyper], hat es an den beiden Stellen in den Evangelien die Bedeutung: „anstelle von, in Stellvertretung für“ [griech. anti]. Wie genau ist doch Gottes Wort! Kein Wort zu wenig und keines zu viel, und jedes Wort an seinem Platz!

Während uns also 1. Timotheus 2,3-6 an die Bedeutung des ersten Bockes erinnert – das heißt an das Sühnungswerk Christi, das allen Menschen, selbst der Schöpfung, zugute kommt –, so müssen wir bei den beiden anderen Stellen an den zweiten Bock denken, in dem die Stellvertretung zum Ausdruck kommt. Christus, der einzige Mittler zwischen Gott und Menschen, starb nicht nur für einen Teil der Menschheit, sondern für alle; aber stellvertretend setzte Er sein Leben nur ein für viele, nur für die, die an Ihn geglaubt haben oder noch an Ihn glauben werden, ob in der gegenwärtigen Zeit der Gnade oder in dem zukünftigen Zeitalter des Tausendjährigen Reiches. Nur ihre Sünden sind Ihm als seine Sünden angerechnet worden, nur ihre Schuld hat Er getilgt, und nur sie dürfen sagen, dass Christus ihren Platz im Gericht vor Gott eingenommen hat, so dass sein gegenwärtiger Platz zur Rechten Gottes wiederum auch ihr Platz ist.

Der Ausdruck „als Lösegeld für [hyper] alle“ [aus 1. Timotheus 2,6] führt uns zu einer anderen ähnlichen Stelle in 2. Korinther 5. Dort heißt es im 14. und 15. Vers:

2Kor 5,14.15: Die Liebe des Christus drängt uns, in dem wir so geurteilt haben, dass einer für [hyper] alle gestorben ist und somit alle gestorben sind. Und er ist für [hyper] alle gestorben, damit die, die leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für [hyper] sie gestorben und auferweckt worden ist.

[Beachten wir: Im Griechischen lautet das Wort, das hier mit „für“ übersetzt ist, ebenso wie in 1. Timotheus 2,6, hyper.] Der Apostel sagt hier: Dass einer für alle sterben musste, ist der Beweis, dass alle gestorben bzw. dem Tod verfallen sind. Andernfalls hätte Christus nicht zu sterben brauchen. Sein Tod ist der Beweis für den Todeszustand aller Menschen.

Und weshalb ist Christus für alle gestorben? Um alle aus ihrem Todeszustand herauszuführen und zu erretten? Ja, das war die Liebesabsicht Gottes, aber die Bosheit des Menschen hat sie durchkreuzt. Deshalb kann der Apostel nur im Blick auf die, die sich bitten und mit Gott versöhnen lassen (2Kor 5,20), hinzufügen: „… damit die, die leben [d.h. sich vom Tod haben erretten lassen], nicht mehr sich selbst leben.“ Sie gehören von nun an nicht mehr sich selbst an, sondern dem, der für sie gestorben und aus den Toten auferstandenen ist. Die anderen bleiben im Tod, unter dem Zorn Gottes (Joh 3,36). Für sie ist Christus „umsonst gestorben“ [Gal 2,21].

Werden alle begnadigt und lebendig gemacht?

Kommen wir noch zu Römer 11,32. Diese Stelle wird von den Anhängern der Wiederbringungslehre auch gern für ihre Zwecke benutzt. Wir lesen dort:

Röm 11,32: Denn Gott hat alle zusammen in den Unglauben [o.: Ungehorsam] eingeschlossen, um alle zu begnadigen.

Da steht es doch unzweideutig, so ruft man triumphierend aus, dass alle Menschen begnadigt werden sollen! – Aber ist das der Sinn der Stelle? Dieser Vers steht am Ende einer längeren Abhandlung des Apostels über die Wege Gottes mit seinem irdischen Volk Israel. Obwohl Israel die natürlichen Zweige des Baumes der Verheißung und Segnung bildete und daher große Vorzüge vor den Nationen besaß, stand es doch auf der Grundlage des Gesetzes und hatte auf dieser Grundlage durch seinen Ungehorsam und Unglauben alle Anrechte an Segen und Leben verloren. Die Nationen, die von Natur aus ungläubig und von Gott entfremdet waren, besaßen überhaupt keine Ansprüche, sie hatten keine Hoffnung und waren „ohne Gott in der Welt“ (Eph 2,12). Beide, Juden und Nationen, waren also vor Gott verloren und dem Gericht verfallen und konnten nur auf der Grundlage bedingungsloser Gnade Errettung finden. Es handelt sich hier also gar nicht um die Frage, ob alle Menschen errettet werden oder nicht. Nein, es geht hier einfach einfach um das Ergebnis der Wege Gottes mit Israel und den Nationen: dass nämlich beide, als Gesamtheit betrachtet, nunmehr „unter die Begnadigung gekommen“ sind (Röm 11,30.31). Darum preist auch der Apostel am Schluss seiner Beweisführung nicht etwa den „Reichtum der Gnade“ Gottes wie zum Beispiel in Epheser 1,7 und 2,7 und anderen Stellen, sondern er rühmt die „Tiefe des Reichtums“ seiner Weisheit und Erkenntnis und fügt hinzu: „Wie unerforschlich sind seine Gerichte und unergründlich seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Mitberater gewesen?“ (Röm 11,33-36).

Eine weitere Stelle, die von den Anhängern der Wiederbringungslehre oft herangezogen wird, um ihre Behauptungen zu begründen, ist 1. Korinther 15,20-28, vor allem der 22. Vers:

1Kor 15,22: Denn wie in dem Adam alle sterben, so werden auch in dem Christus alle lebendig gemacht werden.

Wir brauchen kein Wort darüber zu verlieren, dass im Zusammenhang nur von der leiblichen Auferstehung, nicht aber von einem geistlichen Lebendigmachen die Rede ist. In Vers 12 widerlegt der Apostel die Irrlehre, „dass es keine Auferstehung der Toten gebe“ (1Kor 15,12). Im Anschluss daran will er zunächst die Tatsache vorstellen, dass die Leiber der Verstorbenen auferstehen werden, und zwar kraft der Auferstehung Christi aus den Toten; denn der Tod ist das Teil aller Nachkommen Adams. Die Auferstehung der Toten betrifft nun zwar alle Menschen unterschiedslos, doch man kann in Vers 22 das Wort „alle“ unmöglich von den Personen trennen, mit denen es jeweils in Verbindung steht: Die „alle“ in Adams Fall umfassen die gesamte Nachkommenschaft Adams, das ganze Menschengeschlecht; die „alle“ in Christi Fall umfassen notwendigerweise diejenigen, die „in dem Christus sind“, also seine Familie. Der nächste Vers beseitigt jeden Zweifel: „Jeder aber in seiner eigenen Ordnung: der Erstling, Christus; dann die, die des Christus sind bei seiner Ankunft“ (1Kor 15,23). Nur die, die Ihm angehören, und keine anderen werden hier als diejenigen bezeichnet, die aufgrund seiner Auferstehung aus den Toten „in dem Christus lebendig gemacht“ werden sollen. Werden denn die übrigen Toten nicht auferstehen? Ohne Frage; aber da der Apostel hier nur an die erste Auferstehung (die Auferstehung des Lebens) denkt, erwähnt er die zweite Auferstehung (die Auferstehung des Gerichts) gar nicht. Nur die das Gute getan haben, sind des Herrn, nur für sie hat Er den Sieg erstritten.

Davon unberührt bleibt, dass Christus auch der „Erstgeborene der Toten“ ist (Off 1,5), dass Er also Gewalt hat über die Toten überhaupt, indem Er dem Tod die Macht genommen hat. In unserer Stelle wird diese Auferweckung der „Übrigen der Toten“ (Off 20,5) aber gar nicht genannt. Der Apostel fährt fort: „Dann das Ende, wenn er das Reich dem Gott und Vater übergibt, wenn er weggetan haben wird alle Herrschaft und alle Gewalt und Macht“ (1Kor 15,24). Wenn dieses „Ende“ kommt, das heißt, wenn Er Gott das Reich übergeben wird, in dem Er regieren und richten wird, muss alles Gericht – jedenfalls die Auferweckung der Übrigen der Toten – vorüber sein: „Denn er muss herrschen, bis er alle seine Feinde unter seine Füße gelegt hat. Als letzter Feind wird der Tod weggetan“ (1Kor 15,25.26).

Die zweite Auferstehung, die Auferstehung der „Übrigen der Toten“, wird darum hier gar nicht erwähnt, sondern als selbstverständlich eingeschlossen betrachtet, und zwar als eine Handlung der richterlichen Gewalt. Die Auferstehung der „Übrigen der Toten“ kennzeichnet das Reich des Herrn; sie wird in dem Hinwegtun des letzten Feindes, des Todes, ihren Abschluss finden. Er muss herrschen und alle seine Feinde richten; darum nennt der Herr die Auferstehung der Ungerechten, die dann nicht mehr unter der Macht des Todes und Satans liegen – denn beide werden in dem Feuersee ihr Ende bzw. ihr ewiges Teil finden –, ausdrücklich eine Auferstehung des Gerichts. Die aus den Toten auferstanden Heiligen werden mit dem Sohn des Menschen verbunden sein, wenn Er kommt, um sein Reich zu übernehmen, und die Bösen werden gerichtet werden, wenn Er [nach dem Tausendjährigen Reich] die Herrschaft in die Hände des Vaters zurückgelegt, um dann selbst dem unterworfen zu sein, der ihm alles unterworfen hat. Der ewige Zustand von Offenbarung 21,1-8 wird dann angebrochen sein.

Halte fest!

Wir schließen hiermit unsere Betrachtung. Möge der Herr selbst uns weiter einführen in die Erkenntnis seines kostbaren Opfers und uns bewahren vor den Einflüssen falscher Lehre und ungesunder Lehrer, die immer stärker auf uns eindringen! Sein Wort an Philadelphia: „Halte fest, was du hast!“, gewinnt immer ernstere Bedeutung, je weiter die Dinge sich entwickeln und je näher wir dem Ziel kommen.

 

Anmerkungen

[1] „Sieben“ ist die Zahl der Vollkommenheit in geistlichen Dingen, so wie „Zwölf“ eine Vollkommenheit in einer dem Menschen anvertrauten Regierung oder Verwaltung andeutet.

[2] Es braucht kaum gesagt zu werden, dass die beiden Opfertiere einen Christus vorstellen, aber in der doppelten Bedeutung seines Opfers: einmal auf Gott gerichtet [der erste Bock] und dann auf den Menschen gerichtet [der zweite Bock].

[3] So wird der gläubige jüdische Überrest am Ende der Tage erst dann wissen, dass seine Sache mit Gott geordnet und eine vollgültige Sühnung geschehen ist, wenn er den wahren Hohenpriester, Christus, aus dem Heiligtum wiederkehren sieht mit den Wundenmalen, den Zeichen des vollbrachen Werkes, in seinen Händen und Füßen. Er wird sehen und glauben, wie einst Thomas in Johannes 20,29. Wir die Gläubigen aus den Nationen glauben, ohne gesehen zu haben, und werden vom Herrn deshalb „glückselig“ gepriesen. Uns hat die Sendung des anderen Sachwalters, des Heiligen Geistes, bezeugt, dass das Blut unseres Stellvertreters eine „ewige Erlösung“ zustande gebracht hat.


Aus Botschafter des Heils in Christo, Jg. 70, 1922, S. 1–15, 29–44
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