Gottes Souveränität bei der Erlösung des Menschen (Anhang 6)
Die „Sünde im Fleisch“

Roy A. Huebner

© SoundWords, online seit: 09.08.2014, aktualisiert: 02.01.2018

Die „Sünde im Fleisch“ ist die Wurzel der Sünde im gefallenen Menschen. Wir nennen sie „die alte Natur“. Römer 6 zeigt, dass der gefallene Mensch der Sklave der innewohnenden Sünde ist. Römer 7 zeigt die Notwendigkeit der Erlösung von der Macht der Sünde. Römer 8 zeigt, was Freiheit von der Macht der innewohnenden Sünde ist. Im Folgenden einige Gedanken von J.N. Darby, die gegen die Vorstellungen der Wesleyaner (Arminianer) bezüglich Begierde und Sünde und ihr Verhältnis zueinander gerichtet sind; sie sind in Dialogform geschrieben.


N. Aber ich sage ja gar nicht, dass Fleischeslust/Begierde [engl: lust] nicht Sünde ist; es ist das Verlangen [engl: desire], das keine Sünde ist. Und wenn du die Theorie vertrittst, dass wir das Gesetz nicht halten können, dann scheinst du zu vergessen, dass geschrieben steht: „damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt würde in uns, die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln“ (Röm 8,4). Es ist nämlich so, dass Gott dem Menschen nie etwas zu tun befiehlt, was der Mensch nicht vollbringen kann. Und in diesem Johannesbrief, dem ihr Unvollkommenheitler [Wortspiel; man könnte auch sagen: Anti-Perfektionisten; Anm. d. Übs.] gern entkommen würdet, wird (insgesamt achtmal) verkündet, dass, wer aus Gott geboren ist, nicht sündigt [z.B. 1Joh 3,9; 5,18].

A. Du hast auf jeden Fall gesagt, dass Begierde nicht Sünde ist, und deine Definition erklärt es ausdrücklich; denn die Begierde in meiner Natur ist nicht eine willentliche Übertretung des göttlichen Gesetzes, wenn ich durch Gnade einen Willen habe, der ihr direkt entgegensteht.

N. Ich habe gesagt, dass Begierde nicht Sünde ist, weil Jakobus schreibt: „Wenn die Begierde empfangen hat, gebiert sie die Sünde“ (Jak 1,15), und du verwechselst Versuchungen mit Begierden.

A. Ach, in welche Unsicherheit und Widersprüche taucht der Irrtum den Verstand des Menschen! Was nun das Argument betrifft, das du aus dem Jakobusbrief ableitest, so versichert der Apostel selbst: „Jeder aber wird versucht, wenn er von seiner eigenen Begierde fortgezogen und gelockt wird“ [Jak 1,14].

N. Nein. Die richtige Übersetzung dieses Verses lautet nicht: „von seinen eigenen Lüsten“ [engl: lusts]; sondern: „von seinen eigenen Begierden [engl: desires]“.

A. Deine Unterscheidungen sind beklagenswert subtil und gefährlich. So spielen die Menschen mit Gift. Ich suche vergeblich nach diesem Unterschied; denn das Wort, das du als „Begierde“ übersetzt, ist dasselbe griechische Wort, das Paulus in Römer 7 benutzt, um die Fleischeslust auszudrücken, durch die er der Sünde überführt wurde. Und beachte bitte, dass es dort heißt, dass die Sünde die Begierde bewirkte (Röm 7,8). Es ist wahr: Wenn die Begierde empfangen hat, bringt sie die Sünde als eine Handlung hervor; aber es ist genauso wahr, dass die Sünde, die in unserer Natur ist, alle Arten von Begierden hervorruft. Mit deiner Definition von Sünde, die der Schrift gänzlich zuwiderläuft, kannst du zwar über dieses Thema reden und argumentieren; aber du wirst dich stets in Gegnerschaft zu den Verkündigungen von Gottes Wort befinden. Versuchung mag zweifellos von Sünde unterschieden werden. Wenn ich das Böse verabscheue und der neue Mensch voller Empörung das zurückweist, was der Satan präsentiert, oder möglicherweise auch eine Schmeichelei, so ist das eine Versuchung und keine Sünde. Aber die Begierde in mir ist immer Sünde. Ich sage nicht, dass sie mir zugeschrieben werden wird; aber das liegt einzig und absolut an dem Blut Christi. Aber der „neue Mensch“ verurteilt sie als Sünde. Wehe mir, wenn ich sie nicht verurteile!

N. Aber Christus selbst hatte Begierden.

A. Oh! Schau, wie weit es mit dir gekommen ist, dass du Jesus Christus auf deine Ebene herunterziehen musst, um dich selbst zu erhöhen! Das ist ein furchtbares Prinzip. Nein, nein; du wagst natürlich nicht zu sagen, dass Jesus Christus solche Begierden hatte wie die, die sich in unserer gefallenen Natur finden lassen. Du wirst antworten, dass es Begierden gibt, die nicht sündig sind. Ich gebe es zu. Es gibt zum Beispiel Hunger, Durst und dergleichen. Diese Begierden sind das Ergebnis von Bedürfnissen, von denen unser himmlischer Vater weiß, dass sie in uns existieren. Aber würdest du es wagen, Begierden, die im menschlichen Herzen sind und die, wie du sagst, in den frömmsten Menschen Fehler verursachen, die des Blutes Christi bedürfen, mit den Begierden zu vergleichen, die im Herzen unseres anbetungswürdigen Heilands waren? Ist es nicht wahr, dass alle Gedanken Christi von dem Heiligen Geist kamen, während Er noch die Bedürfnisse und Nöte eines Menschen empfand? Haben also jene bösen Begierden, die in uns sind, die unter Kontrolle gehalten werden müssen und die, wenn sie nicht gebändigt werden, Sünde hervorrufen, im Herzen Jesu Christi existiert? Mein lieber Freund, je mehr ich Einblick nehme in deine Doktrin und ihre Neigung, Gott, Christus (der keine Sünde kannte) und uns arme niedrige Kreaturen, die wir aus unserer ersten Stellung gefallen sind, auf ein und dieselbe Ebene zu bringen – desto mehr sehe ich, dass sie, anstatt eine Doktrin der Heiligung zu sein, eine Doktrin ist, die, während sie vorgibt, unseren Zustand zu erhöhen, all das erniedrigt, was wert ist, erhöht zu werden; sie erhöht alles, was erniedrigt werden sollte, und zerstört den Unterschied zwischen Gut und Böse. Du sagst mir überdies, dass Gott nichts gebietet außer, was der Mensch vollbringen kann. Wo liest du das in der Bibel? Das Gesetz zum Beispiel wurde den Israeliten gegeben, in anderen Worten, dem Menschen im Fleisch. Kann der Mensch es erfüllen?

N. Nein; aber wir können es durch den Geist des Lebens, der in Christus Jesus ist {Röm 8,2}.

A. In einem Sinne ist das wahr; aber es errichtet keineswegs den Grundsatz, den du so sehr betonst: dass Gott nichts gebietet, was nicht ausgeführt werden kann. Das Gesetz wurde dem Menschen im Fleisch gegeben, und das Neue Testament lehrt mich sehr deutlich, dass Gott das Gesetz nicht mit der Überlegung gab, dass der Mensch es halten könnte. Der fleischliche Verstand gibt vor, es zu tun; aber das Wort sagt mir, dass das Gesetz Gottes gegeben wurde, um den Menschen der Sünde zu überführen, und zwar durch die Entdeckung, dass er es nicht gehalten hatte, „damit die Sünde überaus sündig würde durch das Gebot“ [Röm 7,13]. Das Gesetz kam dazwischen hinein, so sagt der Apostel, damit die Sünde zunähme [Röm 5,20]. Die Sünde aber nahm das Gebot zum Anlass und erregte in mir Begierden aller Art; denn ohne das Gesetz war die Sünde tot [Röm 7,8]. Nebenbei bemerkt ist hier beachtenswert, dass die Sünde Begierden, ja Lüsternheit, hervorruft. Als das Gesetz sagte: „Du sollst nicht begehren!“, da erkannte Paulus die Sünde [Röm 7,7]. „Die Kraft der Sünde ist das Gesetz“, sagt derselbe Apostel an anderer Stelle (1Kor 15,56). Ich ersehe daraus, dass es, als Er das Gesetz gab, Gottes Absicht war, den Menschen der Sünde, die in ihm ist, zu überführen; und nicht, wie du sagst, dass der Mensch es halten könnte und würde.

N. Aber es steht geschrieben, dass Gott die Sünde im Fleisch verdammt hat, damit die Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist (Röm 8,3.4).

A. Das ist wahr; und doch wird auch dort die Bösartigkeit und Verdorbenheit des Fleisches wieder herausgestellt als ewig gleich in ihrer Natur. Aber wir sind befreit worden von dem Gesetz der Sünde und des Todes durch das neue Leben, das wir in Jesus Christus haben, gestärkt durch den Geist Gottes, der hier [in Vers 2] der Geist des Lebens in Christus Jesus genannt wird. Wir sind dann also, wenn wir gemäß diesem neuen Leben wandeln, fähig, die Verfehlung des Gehorsams seinen Geboten gegenüber zu unterlassen, während – und gerade weil – wir das Fleisch weiterhin richten. Aber sobald wir nach dem Fleisch denken und handeln, wird das Gesetz nicht länger erfüllt. Andererseits hat uns Gott, indem Er uns dieses Leben gab, in dem wir in Liebe wandeln, gleichzeitig die Erkenntnis eines Zustandes gegeben, die uns der Tatsache überführt, dass wir sehr weit hinter Jesus Christus zurückbleiben (soll heißen, von der Vollkommenheit des Beispiels, das Er uns gegeben hat). „Wir wissen, dass wir, wenn es offenbar werden wird, ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und jeder, der diese Hoffnung zu ihm hat, [schaut nicht bloß auf das Gesetz, sondern] reinigt sich selbst, wie er rein ist“ (1Joh 3,2.3). Wenn Gott uns also Kraft gibt, auf seinen Wegen zu wandeln, gibt Er uns diese Kraft durch ein Wissen, das uns gleichzeitig zu verstehen gibt, dass wir hier auf Erden noch nicht einmal das erreichen können, was wir wissen. Anstelle eines Ziels, das wir erreichen können und dessen Erreichen uns kühn machen könnte, stellt Gott uns also das vor Augen, was in Zukunft mit Sicherheit in uns vollendet werden wird, uns jetzt aber immer demütig erhält, immer in dem Gefühl, dass wir nicht alles das sind, was wir sein möchten. Aber genau dies lässt uns immer auf unser großes Ziel zugehen. Dein Grundsatz, der den Anschein hat, nichts zu verlangen, als was gerecht und angemessen ist, steht daher völlig im Gegensatz zu dem, was Gott im Sinn hat; es ist verwandt mit der Selbstgerechtigkeit, die es vorzieht, zu sagen: „Ich habe das Ziel erreicht“, anstatt zu sagen: „stark zu sein in der Gnade“ [2Tim 2,1], die Gott uns gegeben hat. Gott hat uns ganz zu Beginn unseres Werdegangs eine völlige Begnadigung gegeben; und zu seinem Ende hat Er eine Herrlichkeit vor uns gestellt, deren Kraft in uns ist durch die Übertragung des Lebens Christi: Aber die Natur und gerade die Erhabenheit dieser Herrlichkeit machen es uns offensichtlich, dass sie nichts ist, was wir je erreichen können, während wir hier auf Erden sind. Wir „rühmen uns in der Hoffnung der Herrlichkeit Gottes“ (Röm 5,2). „Denn in Hoffnung sind wir errettet worden“ (Röm 8,24); und im Vertrauen auf die Gewissheit von Gottes Gnade streben wir dem Ziel zu, streben wir nach dem Siegespreis der hohen Berufung in Christus Jesus.

N. Aber es heißt doch, dass wir „frei gemacht werden“ von der Sünde selbst und nicht nur von dem Gesetz der Sünde.

A. Wenn du den ganzen Abschnitt gelesen hättest, dann hättest du gesehen, dass der Apostel, wenn er „frei gemacht worden“ sagt, ihnen zuvor gesagt hat, dass er „menschlich redet“ wegen der Schwachheit ihres Fleisches [Röm 6,19]. Er sagt „frei gemacht“ als Gegensatz zur Sklaverei; und deshalb fügt er zur Verdeutlichung des Kontrastes hinzu, dass sie Gott zu Sklaven geworden waren (Röm 6,22). Es ist ein einfacher Vergleich zwischen einem Sklaven und einem Freigelassenen; er wird eingeführt, um den Sachverhalt besser verständlich zu machen. Und bitte beachte, dass dies nicht nur der Zustand eines vollkommenen Christen ist, sondern ohne Ausnahme der Zustand aller Christen; so dass dieser Abschnitt nicht zur Untermauerung deiner Doktrin anwendbar ist. Dasselbe gilt für die acht Abschnitte des Johannesbriefes, der von all denen geliebt wird, die Gott lieben, ungeachtet der unangebrachten Vorwürfe derer, die ihre Brüder verachten. Beweisen deine acht Abschnitte, dass gewisse Christen die Vollkommenheit erlangt haben, so dass sie nicht mehr sündigen, während andere Christen dieses Ziel nicht erreicht haben? Keineswegs; es wird darin von denjenigen gesprochen, die „aus Gott geboren“ sind. Wer die Sünde tut, ist aus dem Teufel …, er hat ihn [Gott] nicht erkannt“ (1Joh 3,8.6). Demnach wäre, so wie du diese Abschnitte anführst, jeder, der nicht vollkommen ist, vom Teufel. „Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht Sünde, denn sein Same bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist“ (1Joh 3,9). Dies gilt folglich für jeden Christen; und ich kann nicht verstehen, wie irgendjemand, der mit der Angelegenheit auch nur im entferntesten vertraut ist, solche Zitate mit einfachem Herzen miteinander vereinbaren kann – es sei denn durch einzigartige Voreingenommenheit. Du wirst antworten, dass viele Schüler in ein und derselben Klasse unterschiedliche Fortschritte gemacht haben können; aber dies wird von der gesamten Klasse gesagt und gilt nicht dem größeren oder geringeren Fortschritt der Schüler.

N. Aber heißt es nicht: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Verstand, und deinen Nächsten wie dich selbst [Lk 10,27]?

A. Ich habe deine Frage bereits im Prinzip beantwortet. Gott gebietet zwangsläufig, was sein sollte, und nicht, was der Mensch vollbringen kann; denn dieses Gebot, das der Kern des Gesetzes ist, wurde dem Menschen im Fleisch gegeben, als er „ohne Kraft“ war. Und wir haben bereits gesehen, dass es, obwohl es das ewige Gesetz vollkommener Wesen ist, zu einem Dienst, das den Tod bringt und zur Verdammnis führt, wird (2Kor 3,7.9), wenn es denjenigen auferlegt wird, die bereits unter der Sünde sind.

N. Das gebe ich zu, aber wir, die wir unter der Gnade sind, können es erfüllen.

A. Ich habe dir auch zu diesem Punkt bereits geantwortet. Unter der Gnade ist uns ein neues Leben gegeben worden. Es ist das Leben Christi in uns, das Jesus Christus verherrlicht sieht und Ihn als verherrlicht betrachtet und das weiß, dass wir bei seinem Erscheinen sein werden wie Er, weil wir Ihn sehen werden, wie Er ist. Dieses Leben beurteilt nun alles in uns nach der Vollkommenheit unseres zukünftigen Zustandes in der Auferstehung. Es erkennt, dass wir noch nicht die Erlösung unseres Leibes erlangt haben. Es richtet den alten Menschen in uns: seine Wurzel, seinen Stamm und seine Äste. Aber die ganze Zeit über reinigt sich der Christ, wie Christus selbst rein ist. Beachte, dass es nicht nur heißt, dass er Wachstum in Christus anstrebt, sondern dass er sich reinigt, wie Er rein ist. Er sagt nicht, dass er gereinigt ist, sondern dass er sich reinigt nach dem Bild des verherrlichen Christus; und weil er weiß, dass die Zeit für die Erlösung seines Leibes noch nicht gekommen ist, träumt er nicht von Vollkommenheit hier auf Erden.

N. Ich glaube, ich verstehe dich. Der Christ hat bereits in seiner Seele „die Kraft der Auferstehung“. Nichts, was nicht nach der Kraft der Auferstehung ist, kann ihn zufriedenstellen. Er denkt nicht, dass er es erreicht hat, obwohl er solch einer Reinigung seiner selbst nachstrebt, wie er sie in Christus sieht, dessen Leben er besitzt und in dessen Bild er bereits verwandelt ist von Herrlichkeit zu Herrlichkeit (2Kor 3,18). Und doch scheint es mir entmutigend zu sein, zu einem Christen zu sagen: Du kannst das Ziel, das du im Blick hast, niemals erreichen.

A. Aber er ist sicher, dass er sein Ziel erreichen wird! Und es ist offensichtlich, dass Gott es nicht als eine Entmutigung ansieht, sondern vielmehr als Antrieb und Anstachelung: „Und jeder, der diese Hoffnung zu ihm hat, reinigt sich selbst, wie er rein ist“ (1Joh 3,3). Und Paulus sagt: „Ich denke von mir selbst nicht, es ergriffen zu haben; eins aber tue ich: Vergessend, was dahinten, und mich ausstreckend nach dem, was vorn ist, jage ich, das Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christus Jesus“ (Phil 3,13.14). Diese Sichtweise mag nach deinem System – das alle Vorrechte des Christentums herabsetzt – entmutigen; aber das liegt daran, dass dein Christentum in einem hohen Maße ein Christentum des Menschen und nicht Gottes ist: ein Christentum, das arbeitet, um das ewige Leben zu erlangen, und dieses nicht als Gottes Gabe empfängt. Was du wirklich brauchst, ist nicht, in der Lage zu sein, zu sagen: „Ich werde es hier auf Erden ergreifen“; sondern in der Lage zu sein, mit dem Apostel zu sagen: „Ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möge, indem ich auch von Christus Jesus ergriffen bin“ (Phil 3,12). Was du wirklich brauchst, ist, zu glauben, dass wir durch Gnade wahrhaftig das Leben Jesu in uns haben, ewiges Leben durch unser Einssein mit Ihm; dass alle Dinge unser sind; dass wir Miterben Christi sind; dass wir der Liebe Gottes sicher sind; dass wir von Ihm geliebt werden, wie Er Christus liebt. Also eilen wir mit Freude und Fröhlichkeit des Herzens weiter, solange wir auf Erden sind, auf die Verwirklichung dieser Herrlichkeit zu. Durch die Kraft des Heiligen Geistes werden wir in dasselbe Bild verwandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit; durch den Glauben wurden wir bereits Teilhaber an einer Vollkommenheit, die uns in ihrer ganzen Fülle gegeben werden wird, wenn Jesus Christus wiederkommt. „Unser Bürgertum ist in den Himmeln, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus als Heiland erwarten, der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit, nach der wirksamen Kraft, mit der er vermag, auch alle Dinge sich zu unterwerfen“ (Phil 3,20.21). Nein; wir sagen nicht, dass wir stolpern müssen; denn – theoretisch gesprochen – warum können wir nicht jeden Augenblick nach dem Geist wandeln [s. Röm 8,4]? Aber praktisch und aus Erfahrung gesprochen wissen wir, dass wir alle oft straucheln (Jak 3,2). Aber während wir unsere Verfehlungen bekennen und bekennen, dass wir ohne Entschuldigung sind, wissen wir, dass Gott treu ist und dass Er nicht zulassen wird, dass wir über unser Vermögen versucht werden [1Kor 10,13]. Gott, der uns liebt und Gutes aus Bösem hervorbringt – wenngleich Er Letzteres nie rechtfertigt –, Gott, so sage ich, demütigt uns entweder durch seinen Geist oder durch seine Züchtigungen und gibt uns ein tieferes Verstehen der grenzenlosen Reichtümer seiner Gnade. Und selbst ich spreche jetzt nicht von äußerlichem Hinfallen; und es liegt mir fern, zu behaupten, dass Versagen notwendig ist zu unserer Belehrung, zu unserer Erziehung; aber tatsächlich lernen wir in der zärtlichen und treuen Fürsorge unseres Gottes, dass seine Gnade uns genügt, dass seine Kraft in unserer Schwachheit vollbracht wird [2Kor 12,9]. Aber deine Doktrin richtet das Herz auf niedrige Ansichten, und in dem Glauben, dass du sie realisiert hast, wird dein Christentum entwürdigt und stolz. Deine Wachsamkeit ist keine Frucht des zuversichtlichen Vertrauens auf Gottes Liebe und der Freude an seiner Heiligkeit und an der Gemeinschaft mit Ihm, sondern der Furcht; denn einer deiner vollkommenen Menschen kann sich am Ende in der Hölle wiederfinden! Tatsächlich war einer deiner hervorragendsten Lehrer, der ganz sicher ein Kind Gottes war, vierfach vollkommen. Er fiel aus diesem Zustand ab, so sagt er uns (und der dem zugeschriebene Grund ist seltsam genug), weil es in dem Zustand der Vollkommenheit Untreue in seinem Verhalten gab: Folglich verlor er, was ihm gegeben worden war; und du mahnst uns zur Vorsicht gegenüber denen, die bekennen, dass wir einmal in Gnaden immer in Gnaden und unzweifelhaft in Herrlichkeit sind. Ich gebe zu, dass die Gegenwart des Geistes denjenigen, die in diesem System sind, eine fröhliche Widersprüchlichkeit gibt; und ich preise den Herrn dafür. Mr. Wesley, der ursprünglich dachte, dass ein vollkommener Mensch nicht aus diesem Zustand herausfallen könnte, beteuerte später, dass es ein großer Irrtum sei, so zu denken.[1]

Vorheriger Teil Nächster Teil

 

Anmerkungen

[1] Auszug aus „The Doctrine of the Wesleyans“, Collected Writings, 3:182–188.


„Appendix 6: Sin in the Flesh“
aus God’s Sovereignty and Glory in the Election and Salvation of Lost Men
Present Truth Publishers, Jackson, 2003

Übersetzung: S. Bauer


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...