Besonderheiten im Text der Heiligen Schrift – Das Zusammenkommen versäumen
episynagogé – egkataleípo

Christian Briem

© CSV, online seit: 07.03.2006, aktualisiert: 28.01.2018

Leitverse: Hebräer 10,25; 2. Thessalonicher 2,1.2

Im Brief an die Hebräer findet sich ein wichtiger Hinweis auf das Zusammenkommen der Gläubigen – eine Warnung zudem, die nicht selten missverstanden wird:

Heb 10,25: … Indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei einigen Sitte ist.

Die gläubigen Hebräer waren in Gefahr, unter dem Druck von Verfolgungen und Drangsalen am Christentum irrezuwerden und sich wieder dem Judentum zuzuwenden. Es war bei ihnen die natürliche Tendenz vorhanden, das öffentliche Zeugnis aus Furcht vor den Folgen zu vermeiden; sie mochten denken, dass in Zeiten der Verfolgung der persönliche Glaube ausreiche. Ja, es waren „einige“ in ihrer Mitte (das Wort „einige“ hat in den Briefen oft keinen guten Klang, indem es auf bloße Bekenner, auf falsche Apostel und Verführer hinweist, vgl. 1Kor 15,12.34; 2Kor 10,2; Gal 1,7; 1Tim 1,3.6; 4,1; 5,15), denen es schon zur Sitte, zur „Gewohnheit“ geworden war, das christliche Zusammenkommen aufzugeben. Das griechische Wort für „versäumen“ = egkataleípo ist ein durch zwei Vorsilben doppelt verstärktes Wort und bedeutet „verlassen, im Stich lassen, lebend zurücklassen“. Es ist dasselbe Wort, das der Herr Jesus in Seinem erschütternden Aufschrei am Kreuz benutzt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46; Mk 15,34).

„Zusammenkommen“ ist ein seltenes Wort, das nur zweimal im Neuen Testament vorkommt. (Wohl finden wir zum Beispiel in Matthäus 23,37 das entsprechende Tätigkeitswort: „Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel.“) Es setzt sich aus dem uns bekannten Wort „Synagoge“ und der Vorsilbe epi zusammen: episynagogé, was wörtlich „Zusammenkommen zu, Sammlung zu“ bedeutet. Das Zusammenkommen von uns Christen ist keine bloße „Synagoge“ ohne wahren Mittelpunkt. Durch die Benutzung von episynagogé für unser Zusammenkommen will der Heilige Geist die hebräischen Christen und auch uns heute stärken und ermuntern, indem Er uns auf die kostbare Tatsache hinweist, dass unsere Zusammenkünfte nicht eines erhabenen Mittelpunktes entbehren. Andere Stellen zeigen uns, was und wer der Mittelpunkt ist: der Name, und damit die Person, unseres Herrn Jesus Christus (Mt 18,20; 1Kor 5,4).

Kann man dann bei den Zusammenkünften leichtfertig fehlen, wenn Er Selbst zugegen ist? Ist ein – auch nur vorübergehendes – Vernachlässigen oder Aufgeben des Zusammenkommens, zum Beispiel aus Bequemlichkeit, nicht eine Geringschätzung der Gegenwart des Herrn und der Gemeinschaft der Gläubigen?

Solch eine Gewohnheit zu haben, ist nicht allein wahrer Gläubiger unwürdig, sondern auch äußerst gefährlich. Es bringt uns in die unmittelbare Nähe zum „Abfall“. Wie geringfügig der Anfang aussehen mag, es ist der Anfang von einem großen und möglicherweise tödlichen Übel (W. Kelly).

Der erhabene Charakter unserer Zusammenkünfte wird noch durch das zweite Vorkommen von episynagogé im Neuen Testament unterstrichen. In 2. Thessalonicher 2,1.2 lesen wir:

2Thes 2,1.2: Wir bitten euch aber, Brüder, wegen der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus und unseres Versammeltwerdens zu ihm hin, dass ihr euch nicht schnell in der Gesinnung erschüttern noch erschrecken lasst.

Hier ist von der Ankunft des Herrn zur Entrückung der Heiligen die Rede, wie wir sie in 1. Thessalonicher 4,13-18 näher beschrieben finden: Wir werden in Wolken dem Herrn entgegengerückt werden in die Luft, wir werden – um mit den Worten des zweiten Briefes zu reden – zu Ihm hin versammelt werden.

Was für eine gesegnete, glückselige „Zusammenkunft“ wird das sein! Und dieses Schriftwort lässt auch keine Frage darüber offen, wem unser Zusammenkommen, unser Versammeltwerden, gilt: Er Selbst, unser Herr Jesus Christus, der vom Himmel herabkommt, ist dann unser alleiniger Gegenstand und Mittelpunkt. Dem Charakter nach ist zwischen jenem glorreichen Zusammentreffen mit Ihm in der Luft und unserem heutigen Zusammenkommen, wenn Er uns um Sich schart, insoweit kein Unterschied; denn in beiden Fällen ist Er persönlich der alles beherrschende Mittelpunkt. Wie adelt dies das Zusammenkommen der Gläubigen, die zu Seinem Namen hin versammelt sind, und wären es auch nur zwei oder drei.

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Aus Ermunterung und Ermahnung
Dieser Artikel und viele andere sind auch erschienen in dem Buch Antworten auf Fragen zu biblischen Themen
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