Die Lücke in 1. Mose 1 – Nur eine Theorie?
1. Mose 1,1.2

Stanley Bruce Anstey

© SoundWords, online seit: 05.01.2022, aktualisiert: 09.01.2022

Vorbemerkung

Die folgenden Ausführungen über die Schöpfung sind das Ergebnis einer Wortbetrachtung, die am 2. September 2012 in Richmond, B.C. (Kanada), stattfand. Da immer wieder Fragen auftauchen, ob es eine Lücke in 1. Mose 1 gibt oder nicht, habe ich mich entschieden, die Notizen zu diesem Thema in Form einer einfachen Erklärung, was die Schrift zu diesem Thema sagt, zu veröffentlichen.

Wir befehlen nun unseren Lesern diese schlichte Abhandlung an und vertrauen darauf, dass der Herr sie benutzt, um allen zu helfen, die nach Licht zu diesem Thema suchen. „Den Aufrichtigen geht Licht auf in der Finsternis“ (Ps 112,4). […][1]

Das Thema

1Mo 1,1.2: Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis war über der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.

Über die letzten zweihundert Jahre hinweg haben die meisten christlichen Lehrer und Ausleger zu 1. Mose 1,1.2 die Position eingenommen, dass es sich um eine ursprüngliche Schöpfung Gottes handelt, bei der die Erde nach einer Art Gericht in einen Zustand des Chaos und der Zerstörung geriet. In 1. Mose 1,3-31 baute Gott dann in sechs buchstäblichen Tagen die Erde wieder auf, wobei die Erschaffung der Tiere und des Menschen dem Wiederaufbau hinzugefügt wurde (1Mo 1,21.27). Bibellehrer haben daraus gefolgert, dass zwischen der Erschaffung der Erde (1Mo 1,1.2) und ihrem Wiederaufbau (1Mo 1,3-31) eine unbestimmte Zeitspanne liegen muss. Sie versuchen nicht, zu berechnen, wie lang diese Lücke gewesen sein mag, weil die Schrift darüber schweigt, sondern stellen einfach fest, dass es sie gegeben haben muss. Einige vermuten, dass diese Lücke Millionen von Jahren umfasst haben könnte, was vielleicht das Vorhandensein der Fossilien in den geologischen Schichten der Erdkruste erklärt. Dabei handelte es sich dann um Geschöpfe, die einst Teil der ursprünglichen Schöpfung der Erde waren.

Diese Auslegung ist die Überzeugung praktisch aller angesehenen Bibelgelehrten des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts: von J.N. Darby, G.V. Wigram, W. Kelly, C.H. Mackintosh, F.W. Grant, W. Scott, A.J. Pollock bis hin zu C.I. Scofield, R.A. Torrey, E. Schuyler English, A.C. Gaebelein, H.A. Ironside, M.F. Unger usw. Die Überschriften in der Scofield Reference Bible zu 1. Mose 1 spiegeln diese Auslegung ebenfalls wider. Dort heißt es zu Vers 1: „Die ursprüngliche Schöpfung“, zu Vers 2: „Die durch das Gericht verwüstete und entleerte Erde“, und zu den Versen 3 bis 31: „Ein neuer Anfang – der erste Tag“ usw.[2]

Trotz dieser allgemein akzeptierten Auslegung glauben die meisten evangelikalen Christen heute, dass diese Gelehrten mit ihrer Sicht von 1. Mose 1 falschliegen – vor allem, weil in den letzten fünfzig oder sechzig Jahren bestimmte geologische Funde entdeckt worden sind. „Junge-Erde-Kreationisten“ (wie sie gemeinhin genannt werden) sind Christen, die die Idee ablehnen, dass es eine ursprüngliche, von Gott geschaffene Erde vor der wiederhergestellten Erde, auf der wir heute leben, gegeben hat. Sie sehen die Verse 1 und 2 als Teil von Gottes Werk in den sechs Tagen der Verse 3 bis 31 an. (Dies ist im Wesentlichen eine Wiederbelebung der reformatorischen Lehre zu 1. Mose 1, wie sie von Männern wie Martin Luther, Johannes Calvin und Matthew Henry vertreten wurde.) Für Junge-Erde-Kreationisten ist 1. Mose 1 eine einzige durchgehende Erklärung der Schöpfung. Sie schlussfolgern daher, dass der Bericht in 1. Mose darauf hinweise, dass die Erde mit etwa sechstausend Jahren relativ jung sei, weil (so sagen sie) die sechs Tage, mit denen die Zeit begonnen hat, den Anfang von Gottes Schöpfungswerk markierten. Sie haben große Anstrengungen unternommen, um zu versuchen, die christliche Welt davon zu überzeugen, und zwar unter Verwendung der Wissenschaft, der Fossilienfunde und falscher Schriftauslegungen. Die Frage lautet nun: Welche dieser beiden Auffassungen ist richtig? Und: Ist das überhaupt wichtig?

Diejenigen, die die Ansicht vertreten, dass es eine solche Lücke gibt, halten diese Frage für nicht allzu entscheidend (denn sie berührt weder die Person noch das Sühnungswerk Christi), aber die kreationistischen Anhänger einer jungen Erde halten diese Frage für sehr wichtig. Sie bestehen nachdrücklich darauf, dass die Erde jung sei, und der Hauptgrund dafür ist, dass dies ein nützliches Instrument ist, um die irrigen Evolutionstheorien zu entlarven, die lange Zeiträume zur Erklärung langsamer Entwicklungen benötigen. Die Behauptung, dass es in 1. Mose 1 eine Lücke gibt – was die Junge-Erde-Kreationisten als „Lückentheorie“ bezeichnen –, ist ihrer Meinung nach ein schrecklicher Kompromiss mit den falschen Vorstellungen der Evolution. Sie glauben, die Idee einer Lücke komme der Evolution entgegen und untergrabe somit die Botschaft des Evangeliums. Sie sind der Meinung, es handle sich dabei um einen schwerwiegenden Irrtum, der dem Zweck zuwiderläuft, zu dem die Christen in diese Welt gesetzt wurden: nämlich das Evangelium zu verbreiten.

Auf der anderen Seite verwenden Gapists oder Gapsters (wie Junge-Erde-Kreationisten diejenigen nennen, die glauben, dass es eine Lücke[3] gibt) überwiegend, wenn nicht sogar ausschließlich, das Wort Gottes, um ihre Überzeugungen über die Schöpfung zu untermauern, und lassen die Wissenschaft außen vor. Sie glauben nicht, dass das Festhalten an den Aussagen der Heiligen Schrift zu diesem Thema (oder zu irgendeinem anderen Thema) die Botschaft des Evangeliums an die Welt schwächen könnte, denn Gott lehrt in seinem Wort keine Dinge, die die an anderer Stelle in seinem Wort verkündete Wahrheit zerstören. „Gapisten“ verstehen, dass der letztlich entscheidende Grund für den Glauben eines Menschen an das Evangelium ein Ergebnis von Gottes lebendig machender Kraft in der Seele ist (Eph 2,5) und dass Atheisten nicht durch gute wissenschaftliche Argumente davon überzeugt werden können, dass ihr Glaube an die Evolution falsch ist. „Gapisten“ sehen aus der Schrift, dass Christen nicht dazu berufen sind, mit Ungläubigen zu diskutieren, und dass es daher nicht ihre Aufgabe ist, verlorene Menschen von der Existenz Gottes und seiner Schöpfung zu überzeugen. Sie begnügen sich damit, die Folgen des Evangeliums Gott zu überlassen, der allein die Macht hat, Menschen zur Umkehr und zum Glauben an den Herrn Jesus Christus zu bringen. Daher sehen „Gapisten“ den Grundsatz der Jungen-Erde-Kreationisten als falsch an – abgesehen davon, dass er unbiblisch ist.

Die Bibel – der absolute Maßstab zur Beantwortung der Frage

Eine verbindliche Antwort auf diese Meinungsverschiedenheit findet man nicht, indem man sich an die Wissenschaft, an die fossilen Überlieferungen oder an die menschliche Vernunft wendet, sondern indem man sich dem Wort Gottes zuwendet. Es ist in Glaubensfragen unsere absolute Autorität. Unsere Untersuchung muss daher mit der Frage beginnen: „Was sagt Gottes Wort zu dieser Frage?“

Eine Untersuchung von 1. Mose 1 zeigt, dass es tatsächlich eine ursprüngliche Schöpfung „der Himmel und der Erde“ gab und dass die Erde in einen chaotischen Zustand überging, in dem sie „wüst und leer“ war und „Finsternis“ über der ganzen Szene herrschte. Wie lange sie sich in diesem chaotischen Zustand befand, wird nicht gesagt, aber es heißt, dass Gott irgendwann handelte und eine neue Erde und einen neuen Himmel „machte“, wobei dabei ein Ausdruck verwendet wird, der „Wiederaufbau“ oder „Wiederherstellung“ bedeutet (vgl. 2Mo 20,11 und 31,17 sowie Ps 33,6). Dies hat viele angesehene und in der Lehre gesunde Bibellehrer zu der Schlussfolgerung geführt, dass zwischen diesen beiden Werken Gottes eine Lücke in der Darstellung bestehen muss. Die Junge-Erde-Kreationisten beschuldigen jene Bibellehrer jedoch, der Schrift eine Lücke hinzuzufügen, während sie in Wirklichkeit doch nur die Tatsache beobachten, dass Gott uns nicht offenbart hat, wann Er sein schöpferisches Werk in der zeitlosen Vergangenheit begonnen hat und wie lange es in einem gefallenen Zustand lag, bevor Er sein Werk des Wiederaufbaus ausführte. Diese angesehenen Bibellehrer sind der Meinung, dass es ein Fehler wäre, zu sagen, dass 1. Mose 1,1.2 dasselbe Werk ist wie 1. Mose 1,3-31 im Licht der Beweise aus der Heiligen Schrift, die wir nun betrachten werden.

Beim Schöpfungsbericht ist es wichtig, zu beachten, dass das Wort Gottes drei verschiedene Ausdrücke verwendet („gemacht“, „geschaffen“ und „gebildet“ in 1Mo 2,4-7), um Gottes Werk zu beschreiben:

  • „Erschaffen“ (bara) bedeutet, dass etwas ins Leben gerufen wird, was noch nie zuvor existiert hat, ohne vorher existierendes Material zu verwenden (1Mo 1,1.21.27).
  • „Machen“ (asa) setzt die Verwendung von Material voraus, das zuvor geschaffen wurde, und bedeutet, dass daraus etwas Neues gemacht wird (1Mo 1,31; 2,3.4).
  • „Bilden“ (yasar) bedeutet, dass man etwas Geschaffenes nimmt und es zu einem bestimmten Zweck in eine neue Form bringt (1Mo 2,7.8).

In Jesaja 43,7 werden alle drei Begriffe in einem einzigen Vers erwähnt: „Jeden, der mit meinem Namen genannt ist und den ich zu meiner Ehre geschaffen, den ich gebildet und gemacht habe!“ (s. auch Jes 45,18). Demzufolge hat Gott an den ersten vier Tagen des Neuaufbaus der Schöpfung nur gemacht; am fünften Tag hat Er gemacht und erschaffen; am sechsten Tag hat Er gemacht, erschaffen und gebildet; am siebten Tag hat Er nichts von alledem getan.

Die Befürworter einer jungen Erde behaupten, diese Begriffe in der Schrift würden austauschbar verwendet und alle dasselbe bedeuten. Ein aufmerksamer Blick in den Schöpfungsbericht zeigt jedoch, dass diese Begriffe nicht austauschbar sind. Beispielsweise heißt es in 1. Mose 2,3: „Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte Er von all seinem Werk, das Gott geschaffen hatte, indem Er es machte.“ Wenn „geschaffen“ und „machte“ identische Begriffe wären, wäre dieser Vers eine sinnlose Aussage. Gott verwendet im Allgemeinen keine zwei Begriffe mit austauschbaren Bedeutungen in seinem Wort. Wenn ein anderes Wort im Text auftaucht, dann deshalb, weil das Thema, um das es geht, eine andere Bedeutung trägt oder weil ein anderer Aspekt der Sache betont wird. Dies ist in der gesamten Heiligen Schrift der Fall und „die Schrift kann nicht aufgelöst werden“ (Joh 10,35).

Junge-Erde-Kreationisten werden auf 1. Mose 1,26.27 verweisen, um ihre Vorstellung zu untermauern, dass Gott austauschbare Begriffe für dieselbe Sache verwendet. In diesen Versen heißt es: „Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserem Bild, nach unserem Gleichnis; und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das sich auf der Erde regt! Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bild Gottes schuf Er ihn; Mann und Frau schuf Er sie.“ Allerdings beziehen sich diese beiden Begriffe „machen“ und „schaffen“ hier auf verschiedene Teile des dreiteiligen Wesens des Menschen. 1. Mose 1,26 betont die natürliche und physische Seite des Menschen, die Gott gemacht hat, während sich 1. Mose 1,27 auf die geistige Seite des Menschen bezieht, die Gott schuf, als Er den Menschen machte (1Mo 2,7).

Beweise für eine Lücke in 1. Mose 1

Eine Reihe interner Beweise im Schöpfungsbericht selbst bestätigen, dass es tatsächlich eine Lücke zwischen der ursprünglichen Schöpfung und dem Wiederaufbau der Erde gibt.

Exegetische Beweise

Einer der wichtigsten Grundsätze biblischer Exegese[4] besagt: Wir müssen die Heilige Schrift im Licht aller anderen Schriftstellen auslegen. Darauf bezog sich der Apostel Petrus im Wesentlichen, als er sagte, dass „keine Weissagung der Schrift von eigener Auslegung ist“ (2Pet 1,20). Das bedeutet: Wir können nicht einfach einen Abschnitt der Schrift vom Rest des Wortes Gottes abtrennen und hätten damit seine volle Bedeutung vor uns. In der Fußnote der Darby-Bibelübersetzung zu 2. Petrus 1,20 heißt es:

Man könnte fast sagen: „Keine Prophezeiung erklärt sich selbst.“

In ähnlicher Weise sagt G. Campbell Morgan:

Man braucht die ganze Bibel, um einen einzigen Abschnitt der Bibel zu erklären.

Folglich müssen wir das Licht der gesamten Heiligen Schrift auf eine bestimmte Stelle werfen, um seine volle Bedeutung richtig zu verstehen. Wir müssen daher andere Stellen in der Heiligen Schrift heranziehen, die von der Schöpfung sprechen, um 1. Mose 1 richtig zu verstehen. Wir behandeln nun vier solcher Bibelstellen:

(1) Jesaja 45,18

Jes 45,18: So spricht der HERR, der die Himmel geschaffen (er ist Gott), der die Erde gebildet und sie gemacht hat (er hat sie bereitet; nicht als eine Öde hat er sie geschaffen; um bewohnt zu werden, hat er sie gebildet).

Statt „nicht als eine Öde“ könnte auch „nicht wüst“ übersetzt werden. Es handelt sich dabei um das hebräische Wort tohu, das auch in 1. Mose 1,2 auftaucht. Wenn wir also im Schöpfungsbericht lesen: „Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis war über der Tiefe“, dann kann sich das nicht auf Gottes anfänglichen Schöpfungsakt beziehen, denn in Jesaja 45,18 heißt es, dass Gott sie gerade nicht auf diese Weise geschaffen hat, d.h., dass Er sie wüst geschaffen hätte. William Kelly schreibt:

Gott hat nicht eine Masse unverdauter Stoffe geschaffen.[5]

Daher ist klar: 1. Mose 1,2 ist eine Beschreibung des Zustands, in den die Erde erst nach ihrer Erschaffung fiel.

Ganz allgemein können wir festhalten: Wenn Gott etwas schafft, ist es vollkommen und vollständig. Er beginnt nicht mit einer Masse von Elementen und baut dann schrittweise sein fertiges Produkt daraus zusammen. Aber wenn Er etwas macht (wie beim Wiederaufbau der Erde), tut Er oftmals genau das: Er baut eine Sache auf die andere, bis sein Werk vollendet ist. Daher kann 1. Mose 1,2 keine Beschreibung von Gottes Schöpfungswerk sein, denn Er schafft nicht unvollständig. W. Scott unterstreicht diesen Punkt:

Die Szene der völligen Verwüstung, die im zweiten Vers der Bibel so anschaulich beschrieben wird, war nicht das schöpferische Werk Gottes, denn „sein [schöpferisches] Werk ist vollkommen“.[6]

Außerdem weist er darauf hin, dass die oft verwendete Formulierung „In sechs Tagen schuf der HERR den Himmel und die Erde“ in der Heiligen Schrift nicht zu finden ist. In der Bibel heißt es: „In sechs Tagen hat der HERR den Himmel und die Erde gemacht“ (2Mo 20,11; 31,17).

Ein genauerer Blick auf 1. Mose 1,2 zeigt einen dreifachen Zustand, in den die Erde fiel: wüst, leer und finster. Das mit „war“ (hay’thah im Hebräischen) übersetzte Wort sollte nach Ansicht vieler Gelehrter mit „wurde“ übersetzt werden. J.N. Darby schreibt z.B.:

Ich glaube kaum, dass hay’thah („war“) hier die einfache Existenz bedeutet, sondern eher „wurde“ …, ein Zustand, in den es übergegangen war.[7]

Der Bibeltext könnte also lauten: „Und die Erde wurde wüst und leer.“ Das Wort „wurde“ weist darauf hin, dass eine Veränderung eintrat im Zustand dessen, was Gott geschaffen hatte. Es bestätigt somit, dass Er die Erde nicht in einem Zustand des Chaos geschaffen hat. In der King-James-Übersetzung gibt es allein im ersten Buch Mose siebzehn Stellen, an denen dieses Wort (hay’thah) mit became („wurde“) übersetzt wird. Es ist nicht bekannt, warum die Übersetzer in 1. Mose 1,2 „was (war)“ verwenden, da sie das Wort doch an so vielen anderen Stellen des Buches mit became übersetzen. Auch die New-International-Version (eine Lieblingsübersetzung vieler Junge-Erde-Kreationisten) gibt in einer Fußnote an, dass die alternative Lesart für „war“ „wurde“ ist.

Es wurde oft die Frage gestellt: „Wenn 1. Mose 1,2 einen gefallenen Zustand beschreibt, wer oder was hat ihn verursacht?“ Die Heilige Schrift macht dazu keine direkte Aussage; die Antwort auf diese Frage könnte jedoch in den Worten „wüst“ (tohu) und „leer“ (bohu) zu finden sein. Es fällt auf, dass an jeder der fünf anderen Stellen in der Bibel, an denen diese Wörter auch verwendet werden, sie immer das Ergebnis eines Gerichtsakts im Zusammenhang mit Sünde sind (Jes 24,1; 34,11; 45,18; Jer 4,23; Nah 2,10). Es wäre daher eine gesicherte und mit der gesamten Heiligen Schrift übereinstimmende Schlussfolgerung, dass dies hier in 1. Mose 1,2 ebenfalls der Fall war.

Aber was für ein Gericht soll das gewesen sein und über wen oder was? Aus den obigen Hinweisen können wir ableiten, dass es etwas gewesen sein muss, was aus den sündigen Handlungen Satans resultierte, denn soweit die Schrift offenbart, waren er und seine Engel die einzigen Geschöpfe, die damals mit einer solchen Macht ausgestattet waren, die sündig wirkte. Da es Satans Natur ist, alles, was Gott tut, zu zerstören und zu verderben, können wir daraus Folgendes schlussfolgern: Nachdem Satan aus der Wohnung Gottes vertrieben worden war (Hes 28,11-19), verderbte er die Erde, woraufhin Gott die ganze Szene mit einem Akt des Gerichts beendete. Zwar können wir nicht mit Nachdruck behaupten, dass dies die Ursache für den gefallenen und chaotischen Zustand der Erde ist, doch stimmt es mit dem Grundtenor der Heiligen Schrift überein.

Die Verfechter der Idee einer jungen Erde lehnen diese Argumentation ab, weil es für die Existenz von Tod und Gericht die Sünde gegeben haben müsse, und die Sünde habe es (ihrer Meinung nach) vor dem Sündenfall noch nicht gegeben (1Mo 3). Dabei berufen sie sich auf Römer 5,12. Dieser Vers bezieht sich jedoch nicht auf den Eintritt von Sünde und Tod in die Urschöpfung, sondern auf den Eintritt von Sünde und Tod in das Menschengeschlecht (die adamitische Welt). Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass die Sünde nicht existierte, bevor Adam fiel. Der Apostel Johannes schreibt, dass Satan „von Anfang an“ gesündigt hat (1Joh 3,8). Er und seine Engel waren die ersten Sünder, und folglich wurden sie aus dem Himmel vertrieben. Das sieht man ja auch ganz deutlich daran, dass er bereits im Garten Eden sündig wirkte, indem er die Frau belog und verführte, bevor sie und ihr Mann gegen Gott sündigten (1Mo 3,1-7). In Römer 5,12 zeichnet Paulus lediglich den Eintritt der Sünde in das Menschengeschlecht nach; Johannes dagegen geht bis zum Ursprung der Sünde zurück.

Trotzdem lehnen die Junge-Erde-Kreationisten die Vorstellung ab, dass es Sünde und Tod schon gab, bevor Adam sündigte, denn in 1. Mose 1,31 heißt es: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ Sie glauben nicht, dass Gott dies hätte sagen können, als die Erdkruste voller Fossilien war, die die Zeichen von Krankheit, Gewalt, Tod und Verfall trugen, da sie sich nicht vorstellen können, wie Gott das hätte „sehr gut“ nennen können. Eine genaue Untersuchung des Verses zeigt jedoch: Gott sprach über das, was Er in den sechs Tagen des Wiederaufbaus „gemacht“ hatte, und nicht über das, was in der Schöpfung zuvor verdorben worden war. Er sagt ja, dass „es“ (was Er in den sechs Tagen gemacht hatte) „sehr gut“ war. Ein genaues Lesen des Textes ist hier ausreichend.

Markus 10,6 ist als Beweis dafür angeführt worden, dass der Mensch bereits Teil der in 1. Mose 1,1 erwähnten Schöpfung gewesen sei. Der „Anfang der Schöpfung“, von dem der Herr in Markus 10,6 spricht, ist allerdings nicht der schöpferische Anfang des Himmels und der Erde, sondern die Erschaffung des Menschen; der Zeitpunkt, als der Mensch seinen Anfang hatte (1Mo 1,26.27).

(2) Hebräer 11,3

Heb 11,3: Durch Glauben verstehen wir, dass die Welten durch Gottes Wort bereitet worden sind.

Das griechische Wort für „bereitet“ (katartizo) bedeutet „reparieren“ oder „flicken“ (Strongs) oder „wieder in Ordnung bringen“ (Liddell und Scott) oder „angepasst“ (Nestle). Dasselbe Wort wird in Matthäus 4,21 und Markus 1,19 verwendet und dort mit „ausbessern“ übersetzt. In Galater 6,1 wird es mit „wieder zurechtbringen“ übersetzt. Dieser Vers deutet also darauf hin, dass Gott das, was Er zuvor geschaffen hatte, repariert oder wiederhergestellt hat. Die Tatsache, dass es wiederhergestellt werden musste, zeigt deutlich, dass es in einen chaotischen Zustand geraten war.

(3) 2. Petrus 3,5

2Pet 3,4-7: 4 Wo ist die Verheißung seiner Ankunft? Denn seitdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles so von Anfang der Schöpfung an. 5 Denn nach ihrem Willen ist ihnen dies verborgen, dass von alters her Himmel waren und eine Erde, entstehend {bestehend} aus Wasser und im {durch} Wasser durch das Wort Gottes. 6 durch welche die damalige Welt, von Wasser überschwemmt, unterging. 7 Die jetzigen Himmel aber und die Erde sind durch dasselbe Wort aufbewahrt für das Feuer, behalten auf den Tag des Gerichts und des Verderbens der gottlosen Menschen.

In diesem Abschnitt antwortet Petrus auf die Unwissenheit der Ungläubigen, die spöttisch behaupten, dass alles seit dem Beginn der Schöpfung gleichgeblieben sei (2Pet 3,4). Er zeigt dann, dass es in der Vergangenheit zwei katastrophale, weltweite Eingriffe Gottes in Gericht gab (2Pet 3,5.6) und dass ein dritter bevorsteht (2Pet 3,7). Vers 5 bezieht sich auf das Gericht, das die Erde in dem in 1. Mose 1,2 beschriebenen chaotischen Zustand zurückließ; Vers 6 bezieht sich auf das Gericht der Sintflut in den Tagen Noahs und Vers 7 beschreibt ein zukünftiges Gericht nach dem Tausendjährigen Reich am Ende der Zeit.

Dessen ungeachtet bestehen Junge-Erde-Kreationisten darauf, dass sich die Verse 2. Petrus 3,5.6 auf die Flut beziehen. Bei Vers 6 ist das auch mit Sicherheit der Fall, aber bei Vers 5 kann es nicht sein. Wer die Geschichte der Sintflut kennt, weiß, dass die Wasser der Sintflut die höchsten Berge bedeckten (1Mo 7,18-20); es gab keine Landstücke, die aus den Wassern ragten, wie es in Vers 5 heißt.[8] Vers 5 muss sich also auf etwas anderes beziehen. Da das, was in Vers 5 beschrieben wird, vor der Beschreibung der Sintflut in Vers 6 erwähnt wird, stellt sich die Frage: Auf welches Ereignis in den ersten sechs Kapiteln von 1. Mose soll sich dieser Vers sonst beziehen, wenn nicht auf 1. Mose 1,2?

Die Beschreibung der Erde in 2. Petrus 3,5 scheint vielleicht zunächst nicht zu der Beschreibung aus 1. Mose 1,2 zu passen, aber es ist keine Schwierigkeit, die beiden Stellen miteinander in Übereinstimmung bringend zu erklären, wenn wir uns daran erinnern, dass die Bibel eine fortschreitende Offenbarung der Wahrheit ist. Aussagen des Alten Testaments werden im Neuen Testament häufig erweitert und noch ausführlicher dargestellt. Beispielsweise lernen wir in 2. Timotheus 3,8 mehr über die ägyptischen Zauberer, die sich Mose widersetzten, als uns das Alte Testament berichtet. Und so erweitert 2. Petrus 3,5 die Darstellung aus 1. Mose 1,2. Wenn wir allein den Bericht aus 1. Mose 1 hätten, würden wir meinen, dass die Erde vollständig mit Wasser bedeckt war, aber aus 2. Petrus 3,5 wissen wir, dass es Teile der Erde gab, die unter Wasser standen, und Teile, die nicht unter Wasser standen. Wenn wir uns 1. Mose 1,2 genauer ansehen, stellen wir fest, dass dort nicht gesagt wird, dass die Erde vollständig mit Wasser bedeckt war; es ist nur eine Annahme, dass sie es war. Man könnte nun darauf verweisen, dass das Land erst am dritten Tag erschienen ist. Auch das sagt die Schrift nicht; sie sagt, dass das Land am dritten Tag „trocken“ wurde. In 1. Mose 1,9.10 ist nicht die Rede vom trockenen Land, sondern vom „Trockenen“, das sichtbar wurde. Wenn wir 1. Mose 1,2 und 2. Petrus 3,5 zusammennehmen, stellen wir fest: Als die Erde „wüst und leer“ war, war sie teilweise überflutet. Kelly schreibt dazu:

Die vor uns liegende Stelle [2Pet 3,5.6] wird von einigen nur auf den Urzustand der Erde, von anderen auf die Sintflut bezogen. Es ist klar genug, dass der Apostel beides nacheinander betrachtet.[9]

(4) 1. Mose 2,4

Dieser Vers ist eine göttlich inspirierte Zusammenfassung des Schöpfungsberichts. Dort heißt es:

1Mo 2,4: Dies ist die Geschichte des Himmels und der Erde, als sie geschaffen wurden, an dem Tag, als Gott der HERR Erde und Himmel machte.

Das Wirken Gottes wird in diesem Vers zweimal erwähnt. Zunächst im Zusammenhang mit dem, was Er in der zeitlosen Vergangenheit „geschaffen“ hat. (Beachte: Die Himmel werden vor der Erde erwähnt, was der Reihenfolge aus 1. Mose 1,1 entspricht.) Zweitens wird dann Gottes Wirken im Zusammenhang mit den Dingen, die Er „gemacht“ hat, erwähnt. (Beachte: Die Erde wird nun vor den Himmeln erwähnt, was der Reihenfolge von Gottes Werk in den sechs Tagen des Wiederaufbaus in 1. Mose 1,3-31 entspricht.) Dadurch dass der Geist Gottes auf diese Dinge in dieser markanten Weise Bezug nimmt, zeigt Er deutlich, dass der Bericht zwei unterschiedliche Werke Gottes enthält.

Kelly schließt seine Ausführungen zu diesem Thema mit den Worten:

Die verbreitete Vorstellung, die Erschaffung der Welt liege etwa sechstausend Jahre zurück, ist blanker Irrtum. Die Bibel ist in keinster Weise dafür verantwortlich. Wo sollte es in der Schrift stehen oder auch nur angedeutet werden?[10]

Strukturelle Beweise

Die Heilige Schrift ist zuverlässig und genau (da sie göttlich inspiriert ist) und so muss sie auch studiert werden: „Gebot auf Gebot, Vorschrift auf Vorschrift“ (Jes 28,10). Das bedeutet, dass wir auch auf die kleinsten Details in Gottes Wort achten sollten. Wir werden auch dazu aufgerufen, „das Wort der Wahrheit recht zu teilen“ (2Tim 2,15). Das bedeutet: Das Wort Gottes enthält Unterteilungen, und diese Unterteilungen müssen wir beachten, wenn wir versuchen, ein Verständnis für die Wahrheit zu erlangen. Themen werden durch bestimmte wiederkehrende Begriffe und Wendungen abgegrenzt. Auf diese Weise werden einheitliche Abschnitte gekennzeichnet. Der Bibelleser sollte sich dessen bewusst sein. Ein Beispiel dafür sind die fünf Bücher der Psalmen; jedes Buch wird sorgfältig abgegrenzt, indem es mit den Sätzen „Amen, ja, Amen“ oder „Lobet den Herrn“ endet (Ps 41,14; 72,19; 89,53; 106,48; 150,6).

Die allererste Unterteilung im Wort Gottes, die Leser der Heiligen Schrift beachten sollten, ist die zwischen 1. Mose 1,2 und 1. Mose 1,3. Die Struktur des biblischen Berichts selbst weist darauf hin. Das sieht man daran, dass die sechs Tage in diesem Abschnitt jeweils durch zwei wiederkehrende Formulierungen unterteilt sind, die den Anfang und das Ende jedes Tages markieren. Der erste Tag beginnt mit „Und Gott sprach“ und endet mit „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: erster Tag“. Diese beiden sich wiederholenden Sätze dienen als Rahmen für jeden Tag. Dieses Muster zieht sich durch den gesamten Bericht hindurch. Es zeigt deutlich, dass der erste Tag in Vers 3 beginnt und nicht in Vers 1, wie die Junge-Erde-Kreationisten behaupten. Es anders zu lehren, ist eine Missachtung des Musters, das Gott in sein Wort gelegt hat.

Dies zeigt, dass die ersten beiden Verse einen eigenen Abschnitt bilden, der vom Rest des Kapitels getrennt ist. Die Dinge, die in diesen beiden Versen erwähnt werden, sind also Handlungen, die eindeutig nicht zur gleichen Zeit stattfanden wie die Dinge, die im Rest des Kapitels erwähnt werden. Dieser Bruch im Text deutet auf eine Lücke zwischen der Schöpfung und dem Wiederaufbau hin, wobei die Länge dieser Lücke unerwähnt bleibt.

Grammatikalische Beweise

George V. Wigram stellt in seinem Aufsatz „Examination of the Hebrew Bible as to the Structure and Idiom of the Language“ (Untersuchung der hebräischen Bibel im Hinblick auf Struktur und Idiomatik der Sprache) fest, dass es in 1. Mose 1 einen bedeutsamen Wechsel in den Zeitformen gibt und dass dieser Wechsel auf ein neues Werk Gottes ab Vers 3 hindeutet.[11]

Er weist darauf hin, dass es sich bei 1. Mose 1,1.2 um eine vergangene Handlung handelt, während 1. Mose 1,3-31 eine gegenwärtige Handlung beschreibt. Dieser Wechsel in der Zeitform zeigt erneut, dass die ersten beiden Verse als eigenständiger Abschnitt anzusehen sind. Wigram stellt dabei fest, dass „schuf“ und „war [wurde]“ Verben in der „vollkommen vergangenen Zeit“ sind, und zeigt dann, dass die folgenden Verse auf ein neues Handeln Gottes hinweisen, das durch einen Wechsel in die Gegenwartsform betont wird. Diese Gegenwartsform zieht sich durch den gesamten weiteren Verlauf des Kapitels. Er sagt, dass die Verse 3, 6, 9, 14 usw. genauer übersetzt werden könnten mit: „Gott spricht: Es werde Licht …“, und mit: „Gott sieht das Licht, dass es gut ist …“ Auch die Verse 5, 8, 13, 19, 23 und 31 sollten lauten: „Und es ist Abend und es ist Morgen, der erste Tag …“ Dies zeigt, dass der Geist Gottes beim Schreiben des Schöpfungsberichts eindeutig auf eine Veränderung hinwies. Wigram schlussfolgert:

Jeder, der dies gründlich untersucht, wird feststellen, dass hier ein vollkommen neuer Abschnitts beginnt.[12]

Auch die Zeitform weist also auf einen Sprung im Bericht von der Erschaffung der ursprünglichen Erde (1Mo 1,1) zum Wiederaufbau der heutigen Erde (1Mo 1,3-31) hin.

Diejenigen, die den Gedanken ablehnen, dass es eine ursprüngliche Schöpfung gab, die ins Chaos fiel, weisen darauf hin, dass Vers 3 mit dem Wort „Und“ (waw) beginnt. Ihrer Ansicht nach zeige dies, dass die Verse 3 bis 31 mit den Versen 1 und 2 verbunden seien und somit die ersten beiden Verse Teil des ersten Tages seien. Das Wort „und“ (waw) steht jedoch im hebräischen Text in Vers 3 nicht als eine separate Konjunktion, die verbindend wirkt. Es ist stattdessen an das mit „sprach“ übersetzte Wort angehängt und Teil davon und könnte daher gar eine trennende Wirkung besitzen. Eine Übersetzung könnte lauten: „Dann sprach Gott …“ (NKJV; NASB; NLT; NRSV; J. Green Interlinear Bible, Wycliffe Bible Committee, usw.). Dies unterstützt den Gedanken eines neuen Ausgangspunktes Gottes, ohne ihn notwendigerweise mit den vorangegangenen Versen zu verbinden. Die Wahl des Wortes „und“ am Anfang von Vers 3 hatte einige zu der Annahme verleitet, das Kapitel sei ein einziger kontinuierlicher Schöpfungsprozess, was also nicht der Fall ist.

Beweise aus einer typologischen Auslegung des Abschnitts[13]

Frederick W. Grant weist darauf hin, dass das Muster in 1. Mose 1

  • Generierung/Schöpfung (1Mo 1,1)
  • Degeneration/Verfall (1Mo 1,2) und
  • Regeneration/Wiederaufbau (1Mo 1,3-31)

mit dem Muster von Gottes Umgang mit den Menschen an anderer Stelle in der Schrift übereinstimmt. Die Typologie des Kapitels stützt also die Auslegung, dass es eine ursprüngliche Schöpfung Gottes gab, die verwüstet wurde, und dass Gott dann nach einer unbestimmten Zeitspanne (einer Lücke) die heutige Erde und den Himmel machte.

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie der Bericht auf typologischer Ebene ausgelegt werden kann:

1. Gottes moralisches und geistliches Handeln im Menschen

Erstens kann er so verstanden werden, dass er das moralische Handeln Gottes in den Seelen der Menschen darstellt: von der Neugeburt und Errettung bis hin zu ihrem Wachstum und ihrer vollen Entfaltung in der Wahrheit. Auf diese Weise blickt der Apostel Paulus auf den Schöpfungsbericht, wenn er in 2. Korinther 4,6 sagt: „Denn der Gott, der sprach: Aus Finsternis leuchte Licht, ist es, der in unsere Herzen geleuchtet hat zum Lichtglanz der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi.“ Paulus vergleicht hier die Handlungen Gottes beim Wiederaufbau der Erde mit dem göttlichen Wirken in den Herzen gefallener Menschen, um sie zur Erlösung zu führen, und zeigt damit, dass 1. Mose 1 typologisch in dieser Weise ausgelegt werden kann.

So wie die ursprüngliche Schöpfung Gottes, die in makelloser Schönheit errichtet wurde, durch Satans Wirken unter Gericht fiel, so fiel auch das Menschengeschlecht schnell unter Gericht. Der Mensch wurde in einem sündlosen Zustand im Garten Eden erschaffen, aber er wurde durch Satans Wirken verdorben; so kam er als ein verantwortlicher Sünder unter das Gericht Gottes (1Mo 2,16.17; 3,17-19; Pred 7,29). Der Zustand der „Finsternis“, der über der ganzen Szene lag, beschreibt die moralische und geistige Finsternis, die das gefallene Menschengeschlecht eingehüllt hat (Lk 22,53; Apg 26,18; 2Kor 4,4; Eph 4,18; Kol 1,13).

Der Schöpfungsbericht teilt uns mit, dass Gott seine Schöpfung nicht in einem Zustand der Verwüstung gelassen hat:

  • Am ersten Tag begann Er mit einer umfassenden Erneuerung der Erde, um sie wiederherzustellen. Dazu gebrauchte Gott auf der einen Seite seinen Geist („der Geist Gottes schwebte“) und auf der anderen Seite sein Wort („Und Gott sprach“). Genau das hat Gott mit bestimmten Menschen, den Gläubigen, aus dem gefallenen Geschlecht Adams getan. Er hat ein moralisches und geistliches Werk in den Menschen begonnen, durch das Er sie aus ihrem gefallenen Zustand geholt und unter Segen gestellt hat. Der Beginn dieses göttlichen Wirkens in der Seele eines Menschen ist die Neugeburt (Joh 3,3-8; 1Pet 1,23-25), die in der Bibel auch mit dem Ausdruck „lebendig gemacht“ bezeichnet wird (Eph 2,5; Kol 2,13). Es handelt sich ausschließlich um einen göttlichen Vorgang, bei dem Gott in derselben Weise wirkt wie auch beim Wiederaufbau der Erde (Joh 3,5). Der Heilige Geist wendet das Wort Gottes auf die Seelen an und gibt ihnen dadurch das göttliche Leben. So wie das „Licht“ die erste Wirkung in Gottes Werk beim Wiederaufbau der Erde war, so ist auch das geistliche Licht die erste Wirkung in einer wiedergeborenen Seele. Darum beschreibt Paulus Gott in 2. Korinther 4,6 als denjenigen, „der in unsere Herzen geleuchtet hat“. Menschen, die aus Gott geboren sind, sind zum ersten Mal in der Lage, „das Reich Gottes zu sehen“, und haben somit die Fähigkeit, göttliche Dinge zu verstehen (Joh 3,3). Daher entspricht der erste Tag (1Mo 1,3-5) dem Werk Gottes bei der Neugeburt.

  • Am zweiten Tag (1Mo 1,6-8) wurde eine „Ausdehnung“ (die Atmosphäre) geschaffen, damit der Mensch atmen und dort in Gemeinschaft mit Gott „leben und sich bewegen“ konnte (Apg 17,28). Zu diesem Zeitpunkt gab es jedoch noch keine Menschen, die von dem, was Gott geschaffen hatte, hätten Nutzen haben können. Obwohl dies ein notwendiger Schritt im Prozess des Wiederaufbaus war, bezeichnet Gott diese Phase nicht als „gut“[14]. Zu diesem Zeitpunkt gab es Luft und Wasser, aber kein Land. Es gab „die Wasser, die unterhalb der Ausdehnung“ waren, und die „Wasser, die oberhalb der Ausdehnung“ waren, aber keinen festen Boden, auf den der Mensch seinen Fuß hätte setzen können. Dies entspricht vielleicht dem instabilen Seelenzustand, der in Römer 7,14-24 beschrieben wird, wo ein Mensch zwar aus Gott geboren ist (Leben und ein gewisses Maß an Licht hat), aber keine klare Vorstellung von dem vollendeten Erlösungswerk Christi hat. Daher gibt es nichts Festes, worauf diese Seele geistlich ruhen könnte. Es ist zwar eine Erfahrung, die Gläubige durchlaufen müssen, um wahre Befreiung zu erreichen, aber es ist kein Zustand, in dem Gott seine Kinder gerne sieht. Daher nennt Er ihn auch nicht gut.

  • Am dritten Tag (1Mo 1,9-13) schuf Gott ein festes Fundament, auf dem die Menschen stehen und für Gott Frucht bringen konnten. Er ließ „das trockene [Land]“ erscheinen, indem Er die Wasser „an einen Ort“ sammelte. Es wurde vorgeschlagen, in diesem Ort, bildlich gesprochen, das Kreuz zu sehen. Dort sammelten sich die Wasser des Gerichts und überspülten den Herrn Jesus (Amos 5,24; Ps 42,7; 88,6.7; usw.) und damit bereitete Er den Boden für unsere Erlösung. Das trockene Land spricht (typologisch) von dem Fundament, das Gott in den Gläubigen legt, indem sie im Glauben auf dem Tod und der Auferstehung Christi ruhen. Dies ist der dritte Tag. F.W. Grant sieht darin den gefestigten Zustand eines Gläubigen, wie ihn Römer 8 beschreibt. Als Ergebnis davon kommt am dritten Tag Leben auf, von Gras über Kräuter (Sträucher) bis hin zu Bäumen. Dies beschreibt das Wachstum, das sich im Leben von Gläubigen ergeben sollte, die ihre Stellung in Christus verstehen und die Befreiung genießen.

  • Am vierten Tag (1Mo 1,14-19) wurden Sonne, Mond und Sterne an ihren Platz im Himmel gesetzt. Die Himmel waren von der Verwüstung, die in Vers 2 über die Erde hereingebrochen war, unberührt geblieben. Deshalb wurden am vierten Tag die Lichter am Himmel nur an neu geordnete Plätze im Verhältnis zur Erde gesetzt.[15] Dies alles geschah mit Blick auf das Wohl und den Segen der Menschen, die die Erde bewohnen sollten. Der Zweck dieser Himmelskugeln war es, Licht auf die Erde zu bringen und auch die Zeit einzuteilen.[16] Nachdem ein Gläubiger durch den Glauben auf dem festen Fundament des Todes und der Auferstehung Christi steht, stellt Gott ihm himmlische Dinge und Segnungen vor Augen, die er in Christus betrachten und genießen kann. Diese himmlischen Dinge wird Gott als Licht benutzen, um dem Gläubigen den Weg auf dieser Erde zu weisen. Insbesondere die Briefe an die Epheser und an die Kolosser stellen diese himmlischen Dinge vor.

  • Am fünften Tag (1Mo 1,20-23) wurden höhere Lebensformen hervorgebracht, und zum ersten Mal im Wiederaufbauprozess schuf Gott etwas: Er schuf lebende Geschöpfe und segnete sie. Was die geistliche Anwendung betrifft, so deutet dies darauf hin, dass Gott den Christen ein Leben mit höheren Privilegien gewährt, als es anderen Lebensformen – einschließlich der Engel und Heiligen anderer Zeitalter – zuteilgeworden ist.

  • Am sechsten Tag (1Mo 1,24-31) kam Gott mit der Schöpfung durch das Machen und Formen von Adam und Eva zu dem Höhepunkt seines Werkes. Sie wurden dann in Gemeinschaft mit Ihm selbst auf die Erde gestellt. Dies deutet darauf hin, dass Gott die Zuneigung der Gläubigen zu sich selbst und zueinander in einer intelligenten Gemeinschaft regelt. Da eine Gemeinschaft von Heiligen, die in der Liebe Gottes wohnen, den Höhepunkt aller christlichen Erfahrung darstellt, ist es sehr passend, dass Gott sein Werk an diesem Tag mit dieser krönenden Handlung abschloss.

  • Am siebten Tag (1Mo 2,1-3) ruhte Gott in Gemeinschaft mit seinen Geschöpfen.

2. Die dispensationalistische Auslegung

Eine zweite Weise, dieses Kapitel typologisch auszulegen, stellt die dispensationalistische Sichtweise dar. Sie bezieht sich auf die „die Zeitalter der Zeit“ (2Tim 1,9; Tit 1,2). Auch dabei tritt das Muster von Aufbau, Verfall und Wiederaufbau auf. Das Kapitel gibt dabei einen Überblick über Gottes Wege mit den Menschen im Laufe der Zeit. Und es ist sehr passend, dass dies bereits am Anfang des Wortes Gottes zu finden ist („was von jeher bekannt ist“, Apg 15,18).

Die ursprüngliche Schöpfung in ihrer unverdorbenen Schönheit vor der Zerstörung der Erde stellt das Zeitalter der Unschuld dar (vor dem Sündenfall von 1Mo 3), als der Mensch in einen sündlosen Zustand auf die Erde gesetzt wurde.

  • Der erste Tag entspricht dem Zeitalter nach dem Sündenfall, als der Mensch und seine Nachkommen das Licht des Gewissens erlangten.

  • Der zweite Tag entspricht dem Zeitalter nach der Sintflut, als die Menschen unter Selbstverwaltung standen; dieses Zeitalter war jedoch sehr instabil.

  • Der dritte Tag, an dem sich die Erde aus dem Wasser erhob, steht für das Hervortreten Israels (das Land) aus den heidnischen Völkern (den Meeren), in dem Ruf Abrahams und seiner Familie.

  • Am vierten Tag wurden die Lichter am Himmel (die Sonne und der Mond) an ihren Platz gesetzt. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die Gemeinde (der Mond) in Beziehung zu Christus (der Sonne) als sein Leib (eine himmlische Gemeinschaft von Gläubigen) ins Leben gerufen wurde.

  • Am fünften Tag war das Wasser unruhig; doch es kam Segen daraus hervor. Dies spricht von den unruhigen Zeiten der großen Drangsal, durch die Israel und die heidnischen Völker vor dem Segen des Reiches gehen werden (Jer 30,7; Mk 13,8).

  • Der sechste Tag steht für das Tausendjährige Reich, in dem Christus und die Gemeinde (das Gegenbild von Adam und Eva) die Herrschaft über das Universum innehaben werden.

  • Der siebte Tag steht schließlich für die ewige Ruhe Gottes.[17]

Wir haben beide Linien einer typologischen Auslegung dieses Kapitels (die moralische und die dispensationalistische) betrachtet und gesehen, dass beide dem Muster von Aufbau, Verfall und Wiederaufbau folgen. […]

Beweise aus dem Urteil der masoretischen Gelehrten

Auch der masoretische hebräische Text von 1. Mose 1 weist auf eine Unterbrechung nach den Versen 1 und 2 hin. Diese alten jüdischen Gelehrten fügten kleine Hinweise in den Text ein, um dem Leser bei der Aussprache und Interpretation zu helfen. Es ist bezeichnend, dass sie nach den Versen 1 und 2 ein kleines Zeichen („Rebhia“ genannt) einfügten. Es dient dazu, den Vorlesenden darauf hinzuweisen, dass an dieser Stelle eine Pause in der Erzählung vorliegt. Diese Rebhias sind nicht in den Originalmanuskripten enthalten und stellen daher nur das wohlüberlegte Urteil der masoretischen Lehrer dar, aber das Urteil dieser Gelehrten sollte in dieser Angelegenheit ein gewisses Gewicht haben.

Schlussfolgerung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Lücke zwischen den beiden Schöpfungswerken Gottes in 1. Mose 1 (des Schaffens und des Machens) bewiesen ist. Wir sind daher davon überzeugt, dass diese Lücke keine „Theorie“, sondern durch die Schrift gestützte Wahrheit ist.

Gibt es gar zwei Lücken?

Walter Scott, E. Schuyler English und andere schlagen gar vor, dass es zwei Lücken gegeben haben könnte! Sie beharren nicht dogmatisch auf diesem Gedanken, aber sie schlagen ihn vor, um zu zeigen, dass wir wirklich nicht über das hinausgehen können, was in der Heiligen Schrift geschrieben steht. Im ersten Vers heißt es, dass Gott die Himmel und die Erde schuf; es wird nicht gesagt, wie lange sie in diesem unberührten Zustand bestehen blieb. Das ist also die erste Lücke. Dann heißt es, dass die Erde durch eine Umwälzung oder ein Gericht verwüstet wurde. Auch hier wird nicht gesagt, wie lange die Erde in diesem Zustand blieb. Folglich haben wir es mit einer weiteren undefinierten Zeitspanne zu tun, einer zweiten Lücke.

Abschließende Bemerkungen und Schlussfolgerungen

Im Zusammenhang mit der Sichtweise einer „jungen Erde“ in 1. Mose 1 sind noch einige Punkte zu bedenken. Die Dinge, die wir jetzt ansprechen, berühren die Grundsätze, mit denen diese Vorstellung zu tun hat; ja, die unserer Auffassung nach ihre Grundlage bilden.

Das Konzept einer jungen Erde fußt stärker auf der Wissenschaft als auf dem Wort Gottes

Es scheint, dass die Auffassung von einer „jungen Erde“ mehr auf wissenschaftlichen Untersuchungen und geologischen Erkenntnissen beruht als auf dem, was die Schrift sagt. … Es bedeutet, der Wissenschaft den Vorrang vor dem Wort Gottes zu geben. Es hat den Anschein, dass Christen heute lieber dem Urteilsvermögen von Wissenschaftlern vertrauen als dem Urteilsvermögen gottesfürchtiger Bibellehrer! Die eigentliche Frage ist: Beruht unser Verständnis der Schöpfung auf der Wissenschaft oder auf dem, was das Wort Gottes sagt? Die Bibel sagt nicht: „Durch Wissenschaft verstehen wir“, sondern: „Durch Glauben verstehen wir, dass die Welten durch Gottes Wort bereitet worden sind“ (Heb 11,3). Kenntnisse wahrer Wissenschaft werden das Wort Gottes bestätigen, aber die nur „fälschlich so genannte Kenntnis“ steht dem Wort Gottes entgegen (1Tim 6,20). Letztlich sehen wir ein unangemessenes Vertrauen in „die unsichere Wissenschaft der Geologie“ (W. Kelly, The Creation, S. 7) und einen traurigen Mangel an Vertrauen in das, was uns aus Gottes Wort durch zuverlässigste Bibellehrer vorgestellt wurde. […]

Wenn die Wissenschaft mit der Heiligen Schrift in Konflikt steht, muss der Christ an der Bibel festhalten und das, was die (sogenannte) Wissenschaft sagt, beiseitelassen. Der Grund dafür: Die Erkenntnisse, die als Wissenschaft bezeichnet werden, sind möglicherweise nicht wahre Erkenntnis, sondern Dinge, die Menschen gelernt haben, die aber falsch sein können. Die Verse der Bibel sind hingegen niemals falsch. C.H. Mackintosh hat es kurz und bündig formuliert:

Mögen die Geologen das Innere der Erde erforschen und von dort Ergebnisse zutage fördern, welche die göttliche Urkunde zu vervollständigen oder ihr auch zu widersprechen scheinen; mögen sie ihre Forschungen über versteinerte Körper anstellen – der Jünger des Herrn beugt sich mit heiliger Freude über das göttlich eingegebene Wort.[18]

Die Junge-Erde-Kreationisten tun dies oftmals nicht. Sie halten sich an das, was ihrer Meinung nach die Wissenschaft sagt (sofern diese eine junge Erde zu befürworten scheint), und versuchen, die Schrift so auszulegen, dass sie ihre falschen Schlussfolgerungen unterstützt.

Das Konzept einer jungen Erde scheint auf arminianischen Vorstellungen zu basieren

Wenn wir einen Schritt zurücktreten, um die Argumentation hinter der Lehre einer jungen Erde zu betrachten, sehen wir, dass es ein gutgemeinter Versuch ist, die Ideen der Evolution zu entkräften mit dem Ziel, das Evangelium für die Welt überzeugender zu machen. Die Leugnung der wissenschaftlichen Schlussfolgerungen dieser Kreationisten über die Schöpfung empfinden diese Christen als einen schrecklichen Kompromiss mit der Evolutionslehre. Sie glauben, dass wir – wenn wir behaupten, dass es eine unbestimmte Zeitspanne (eine Lücke) gibt, bevor Gott begann, diese Erde zu machen – den Menschen die Tür öffneten, damit sie glauben, dass die Evolution doch richtig sei. In ihren Augen untergräbt dies die Botschaft des Evangeliums.

R. Radebaugh fasste die Bewegung der Schöpfungswissenschaft als „eine reflexartige Reaktion auf die Evolution“ zusammen. In der Junge-Erde-Bewegung sehen wir Christen, die versuchen, den Atheisten und Ungläubigen dieser Welt zu beweisen, dass sie mit der Evolution im Unrecht sind und dass sie sich zur Erlösung an Christus wenden sollten. […] Die Schrift beschreibt den Zustand eines verlorenen Menschen (eines Ungläubigen) jedoch als geistlich „tot“ (Eph 2,1-5; Kol 2,12.13), d.h., er hat kein geistliches Vermögen, die Botschaft des Evangeliums zu hören und zu glauben. Die Schrift macht folgende Aussagen über den Menschen in seinem natürlichen Zustand im Fleisch:

  • Er kann das Reich Gottes nicht „sehen“ (d.h. verstehen) (Joh 3,3).
  • Er kann ins Reich Gottes nicht „eingehen“ (Joh 3,5).
  • Er kann das Zeugnis Gottes über seinen Sohn nicht „empfangen“ (Joh 3,27; 1Kor 2,14).
  • Er kann keinen einzigen Schritt gehen, um zu Christus zu „kommen“ (Joh 6,44.65).
  • Er kann die Wahrheit nicht „wissen“ (Joh 8,14).
  • Er kann die Wahrheit nicht „hören“ (Joh 8,43.47).
  • Er kann Gott nicht „gefallen“ (Röm 8,8).

Daher fordert die Schrift Christen an keiner Stelle auf, mit Atheisten oder Ungläubigen über die verschiedenen Aspekte ihres Unglaubens zu diskutieren oder zu streiten. Tatsächlich warnt sie sogar vor dieser Methode (2Tim 2,14). Wir sind nicht dazu berufen, die Menschen, die im Fleisch sind, von der Existenz Gottes und seiner Schöpfung zu überzeugen. Die Bibel versucht nicht, dies zu erklären, sondern setzt bei allen, die sie lesen, Glauben voraus (Heb 11,6). Wenn wir Menschen, die nicht wiedergeboren sind, intellektuell davon überzeugen könnten, ihre falschen Vorstellungen von der Evolution aufzugeben und an den Herrn Jesus zu glauben, dann würde ihr „Glaube“ auf „Menschenweisheit“ beruhen und nicht auf „Gottes Kraft“ (1Kor 2,5). Kluge wissenschaftliche Argumente können Ungläubige nicht davon überzeugen, den Herrn Jesus Christus anzunehmen. Denn die Menschen haben in ihrem natürlichen Zustand nicht das geistige Vermögen, die Wahrheit zu verstehen; es ist alles Torheit für sie (1Kor 2,14). Wenn jemand dem Evangelium glaubt, so ist es einzig und allein aufgrund Gottes lebendig machender Kraft. Bei der Neugeburt wendet der Geist Gottes das Wort Gottes auf die Seelen an und vermittelt ihnen dadurch das göttliche Leben. So wird ihnen die Fähigkeit verliehen, den Ruf Gottes im Evangelium zu hören und darauf zu antworten. Unsere Verantwortung bei der Evangeliumsverkündigung besteht daher darin, die Botschaft der erlösenden Gnade aus dem Wort Gottes klar, einfach und leidenschaftlich zu verkünden und die Ergebnisse dem Geist Gottes zu überlassen. Er allein hat die Macht, Leben zu geben und Menschen zur Umkehr und zum Glauben an den Herrn Jesus zu führen. In der Bibel lesen wir: „Es glaubten, so viele zum ewigen Leben bestimmt waren“ (Apg 13,48).

Die Prämisse der Junge-Erde-Kreationisten steht [möglicherweise] also auf einem verkehrten Fundament. Sie scheint auf arminianischen Missverständnissen über den gefallenen Zustand des Menschen zu beruhen. Jacobus Arminius (1560–1609) lehrte, dass alle Menschen verdorbene Sünder sind. Doch er sah nicht, dass ihre Verdorbenheit so groß ist, dass sie sich nicht für den Glauben an das Evangelium entscheiden können. Er lehrte, dass der Mensch, obwohl er ein gefallenes Geschöpf ist, dennoch ein moralisch frei handelnder Akteur sei und somit die Macht habe, an das Evangelium zu glauben, wenn er sich so entscheiden wolle. (Die Wahrheit ist, dass der nicht wiedergeborene Mensch keinen freien Willen hat; er kann in den gewöhnlichen Dingen des Lebens Entscheidungen treffen, aber er wird sich niemals für Christus entscheiden.)

Wir sagen nicht, dass jeder Junge-Erde-Kreationist in seinem Erlösungsverständnis arminianisch denkt, sondern dass der Arminianismus viele Christen dazu gebracht hat, zu glauben, es sei ihre Pflicht, mit den Atheisten und den Ungläubigen aus der Welt zu argumentieren und zu versuchen, sie davon zu überzeugen, dass ihre Ideen falsch sind und dass sie an Christus glauben sollten. Die meisten evangelikalen Christen sind heute arminianisch eingestellt und sehen daher nichts Falsches in der intellektuellen Darstellung des Evangeliums durch die wissenschaftlichen Ergebnisse der Junge-Erde-Kreationisten. Doch auch wenn ihre Motive gut sein mögen: Das ganze Unterfangen ist ein grundlegendes Missverständnis über die völlige Verdorbenheit des Menschen. Es setzt voraus, dass der gefallene Mensch noch einen Funken Gutes in sich trägt, der ihm die Macht gibt, sich für den Glauben zu entscheiden – sofern er es nur will. Deshalb meinen sie, versuchen zu müssen, mit den Menschen zu argumentieren und sie durch Wissenschaften wie Geologie von der Wahrheit zu überzeugen. Wenn dem so wäre, dann wäre der gefallene Mensch nicht völlig verdorben und er wäre auch nicht tot!

[…] Wir glauben, dass es sicherer ist, die Wissenschaft außen vor zu lassen und sich an eine solide Auslegung der Heiligen Schrift zu halten, die von angesehenen Bibelgelehrten über viele Jahre hinweg bestätigt worden ist. […]


Anhang

Es folgen noch einige Auszüge aus einem Briefwechsel, den der Autor zu obigem Text hatte:

1. Über 1. Mose 1,31

Du erwähnst 1. Mose 1,31. Dabei handelt es sich um einen Lieblingsvers der Junge-Erde-Kreationisten. Sie führen ihn an, um eine Art Schlussstrich unter die ganze Diskussion zu ziehen. Tatsächlich aber zeigt sich dabei nur, dass sie den Vers nicht sorgfältig gelesen haben. Sie lehnen die Vorstellung ab, dass es Sünde und Tod schon gegeben habe, bevor Adam sündigte, weil es heißt: „Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ Sie meinen, Gott würde so etwas nicht sagen, wenn die Erdkruste voller Fossilien wäre, die die Zeichen von Krankheit, Gewalt, Tod und Verfall tragen, und stellen die Frage: „Wie kann Gott so eine Erde sehr gut nennen?“ Beachtet man jedoch die genaue Formulierung des Verses, fällt auf: Gott äußerte sich zu dem, was Er in den sechs Tagen des Wiederaufbaus „gemacht“ hatte, und nicht zu dem, was zuvor zerstört worden war. Gott sagte, dass „es“ (das, was Er in den sechs Tagen gemacht hatte[19])  sehr gut sei. Ein genaues Lesen ist hier ausreichend.

2. Über die Behauptung, der Gedanke einer Lücke sei eine Reaktion auf die Evolutionslehre

Häufig bin ich in Artikeln von Junge-Erde-Kreationisten auf die Behauptung gestoßen, dass solche, die an eine Lücke glauben, diese aus dem Grund in die Schrift „eingefügt“ hätten, weil sie sich dann besser gegen die mittlerweile entstandene Idee der Evolution verteidigen könnten. Doch dies ist gleich in doppelter Hinsicht unzutreffend:

  • Erstens hatte die christliche Welt ganz allgemein akzeptiert, dass es eine nicht näher bezeichnete Zeitspanne (eine Lücke) zwischen 1. Mose 1,2 und 3 gibt, lange bevor Darwin in den 1860er Jahren mit seiner Evolutionstheorie an die Öffentlichkeit trat. (Es mag hier und da Menschen gegeben haben, die vor Darwin evolutionäre Ideen hatten, aber es ist allgemein anerkannt, dass die Evolution offiziell nicht als wissenschaftliches Lehrsystem angesehen wurde, ehe Darwin sie vorstellte.) Die Vorstellung, dass die Lücke erfunden worden sei, um die Evolution zu bekämpfen, entspricht also nicht den historischen Tatsachen.

  • Zweitens fügen Christen, die der Ansicht sind, dass zwischen den beiden Werken Gottes in 1. Mose 1 eine nicht näher bezeichnete Zeitspanne liegt, der Schrift nichts hinzu; sie stellen lediglich fest, dass Gott uns nicht mitgeteilt hat, wann Er mit seinem Schöpfungswerk begann und wie lange es in einem gefallenen Zustand gelegen hatte, bevor Er mit seinem Werk des Wiederaufbaus begann. Sie sind der Meinung, es ginge über die Schrift hinaus, wenn man sagt, dass 1. Mose 1,1.2 Teil desselben Werkes sei wie 1. Mose 1,3-31 und dass beide zur gleichen Zeit geschehen seien. Dies gilt ganz besonders deswegen, weil sie in der Schrift Beweise für eine Unterbrechung von Gottes Schöpfungswerk an dieser Stelle des Kapitels sehen, wie ich [in meinen Ausführungen oben] gezeigt habe. Die Junge-Erde-Kreationisten gehen davon aus, dass diese beiden Teile des Kapitels (1Mo 1,1.2 und 1Mo 1,3-31) – da sie im Wort Gottes nebeneinanderstehen – sich auf dasselbe Ereignis bezögen. Doch hier wird „das Wort der Wahrheit“ nicht richtig geteilt (2Tim 2,15). Stattdessen wird etwas „in den Text hinein“ geschlussfolgert. Meiner Meinung nach sind es also die Junge-Erde-Kreationisten, die etwas hinzufügen. Sie bringen eine Vermutung in den Text hinein und ziehen daraus eine falsche Schlussfolgerung.

3. Über die argumentativen Grundlagen derer, die an eine Lücke, und derer, die an eine junge Erde glauben

Der Hauptunterschied, den ich zwischen den Vertretern einer Lücke und den Junge-Erde-Kreationisten sehe, besteht darin, dass Erstere das, was sie für die Wahrheit halten, fast ausschließlich aus dem Wort Gottes schöpfen – zumindest auf die Seriösen unter ihnen trifft dies zu. Junge-Erde-Kreationisten hingegen stützen ihre Überzeugungen auf sogenannte wissenschaftliche Hypothesen und geologische Erkenntnisse sowie auf einige (meiner Meinung nach) falsch angewandte Verse aus der Bibel.

Was ich meine, ist Folgendes: Wenn jemand zu einem Seminar eines Kreationisten geht, der die Vorstellung einer jungen Erde vorstellen will, würde er eine Menge außerbiblischer Materialien, Filme usw. und etwas auch aus der Bibel zu sehen bekommen. Aber wenn jemand zu einem Vortrag über die Schöpfung geht, den ein Bibellehrer hält, der an die Lücke glaubt, wird es im Großen und Ganzen eine Präsentation aus der Bibel sein. Was ich damit einfach sagen möchte: Der Schwerpunkt des einen liegt überwiegend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und entsprechenden Hilfsmitteln, während der Schwerpunkt des anderen auf der Bibel und ihren Aussagen liegt. Welch ein Unterschied!

Wie ich geschrieben habe, spiegelt der Junge-Erde-Kreationismus im Grunde ein unangemessenes Vertrauen in „die unsichere Wissenschaft der Geologie“ (W. Kelly) und einen traurigen Mangel an Vertrauen in das, was die Bibel lehrt. Es hat den Anschein, dass Christen heute ihren Glauben an die Schöpfung lieber auf das stützen, was Wissenschaftler sagen, als auf das, was die Bibel sagt. Meine Schlussfolgerung: Bei ihrem Versuch, die Evolution zu entlarven und das Zeugnis des Evangeliums zu fördern, sind die Junge-Erde-Kreationisten aus dem Gleichgewicht geraten, weil sie sich zu sehr auf die Wissenschaft stützen. Außerdem hat ihre inkonsequente Argumentation dazu geführt, dass die Menschen über sie lachen. Sie denken wahrscheinlich, dass sie das Zeugnis des Evangeliums unterstützten, aber ich habe den Eindruck, dass sich die Menschen dadurch eher vom Evangelium abwenden könnten. Es mag natürlich Ausnahmen geben.

Es scheint mir ein wenig wie der Wagen zu sein, mit dem David versuchte, die Lade Gottes nach Jerusalem zu bringen (1Chr 13). David hatte gute Motive, weil er etwas für Gott tun wollte, aber es konnte nicht unter dem Segen Gottes stehen, weil es im Prinzip eine Philistersache war. Es ist traurig, weil dabei jemand ums Leben kam. Wahre Wissenschaft wird das Wort Gottes bestätigen, aber die Idee von einer „jungen Erde“ steht meiner Meinung nach im Widerspruch zum Wort Gottes. Es ist fast so, als ob die Junge-Erde-Kreationisten die Auffassung vertreten, dass ein Gläubiger die Wahrheit über die Schöpfung erst dann vollständig kennen konnte, als die Wissenschaft ihr Licht auf die Heilige Schrift warf! R. Radebaugh hat die Bewegung der Schöpfungswissenschaft kurz und bündig zusammengefasst mit den Worten: „Die ganze Sache ist eine reflexartige Reaktion auf die Evolution.“


Originaltitel: The Gap in 1. Mose 1 – Is It a Theory?
Surrey, B.C. (Christian Truth Publishing) 32018. 
Anhang: „Correspondence Regarding the Gap in 1. Mose 1. Answers to Objections and Questions“, 2013

Übersetzung: David Hildenbrand

 

Anmerkungen

[1] Anm. d. Übers.: Anstey zitiert aus der King-James-Übersetzung (KJV) oder alternativ aus der Darby-Übersetzung o.a.; die deutsche Übersetzung des Artikels  verwendet die Elberfelder Übersetzung, Edition CSV.

[2] Anm. d. Red.: Die Scofield Reference Bible mit den Anmerkungen von C.I. Scofield (1843–1921) erschien 1909 zum ersten Mal und wurde acht Jahre später erstmalig revidiert. Seit 1967 erscheint bei Oxford Unity Press eine überarbeitete Fassung der Scofield-Bibel, die einige ursprüngliche Aussagen Scofields abgeändert hat. Die deutsche Übersetzung der Scofield-Anmerkungen beruht auf dieser Revision. In den uns vorliegenden deutschen Auflagen (41997, 62001 und 82015) lauten die Überschriften zu den Versen 1, 2 und 3ff. anders als ursprünglich bei Scofield. Dort heißt es stattdessen: „Schöpfung von Himmel und Erde“, „Die Erde wüst und leer“, „Erster Tag: Licht verbreitet“, usw.

[3] Anm. d. Übers.: Engl. gap = „Lücke“.

[4] Anm. d. Übers.: Exegese = Bibelauslegung.

[5] W. Kelly, The Creation. A Lecture on 1. Mose 1 and 2,  Oak Park (BTP), S. 10.

[6] W. Scott, The Two Trees of Paradise: or God’s Grace and Man’s Responsibility, London (Holness) 1898, S. 5–6.

[7] J.N. Darby, Notes and Comments on Scripture, Bd. 1, S. 111.

[8] Anm. d. Übers.: Die King-James-Bibel übersetzt statt „entstehend/bestehend aus Wasser“ standing out of the water, was als „aus dem Wasser ragen“ verstanden werden könnte.

[9] W. Kelly, The Second Epistle of Peter, S. 165.

[10] W. Kelly, The Creation. A Lecture on 1. Mose 1 and 2, Oak Park (BTP), S. 11.

[11] G.V. Wigram, Memorials of the Ministry of G.V. Wigram, Bd. 2, Teil 2: „Critical“, London (Broom) 1880, S. 161–169.

[12] G.V. Wigram, Memorials of the Ministry of G.V. Wigram, Bd. 2, Teil 2: „Critical“, London (Broom) 1880.

[13] Anm. d. Red.: Sicherlich kann die typologische Auslegung eine Lücke zwischen 1. Mose 1,1 und 2 nicht beweisen, aber sie ist ein weiteres Argument dafür. Wir selbst sind von der typologischen Auslegung überzeugt, fordern sie aber auch nicht zwingend ein. An dieser Stelle ist es in erster Linie interessant, dass die Wiederherstellung der menschlichen Seele nach demselben Muster abgelaufen zu sein scheint wie die Schöpfungstage. Es ist kein Beweis, aber ein starkes Indiz.

[14] Es ist der einzige Tag, der nicht so bezeichnet wird.

[15] Statt „zur Bestimmung von Zeiten“ könnte auch übersetzt werden: „zur vorbereiteten Zeit“. Vergleiche dazu auch Psalm 74,16 und Psalm 104,19.

[16] Die Wissenschaft sagt uns, dass die Erde an einem unbedeutenden Ort in einer unbedeutenden Galaxie im Universum steht, aber diese Verse zeigen, dass die Erde Gottes moralisches Zentrum des Universums ist.

[17] Für eine ausführlichere Erklärung der typologischen Auslegung dieses Abschnittes siehe F.W. Grant: Genesis in the Light of the New Testament. (Anm. d. Red.: Im Deutschen erschien das Buch 1986 im Ernst-Paulus-Verlag unter dem Titel Das erste Buch Mose im Licht des Neuen Testamens.)

[18] C.H. Mackintosh, Die fünf Bücher Mose, Hückeswagen (CSV) 22011, S. 3.

[19] Anm. d. Übers.: … und nicht die ganze Erde.


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüft aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...

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