Die Versammlung und das Reich Gottes
Matthäus 13

Arend Remmers

© CSV, online seit: 27.12.2005, aktualisiert: 19.04.2018

Leitverse: Matthäus 13

Unterschiede zwischen Versammlung und Reich

Die Versammlung des lebendigen Gottes setzt sich aus allen denen zusammen, die das Evangelium angenommen und aufgrund dessen den Heiligen Geist empfangen haben, und zwar seit dem Pfingsttag (Apg 2) bis zur Entrückung (Eph 1,13; 1Kor 12,13). Sie entstand durch die Ausgießung des Heiligen Geistes am Pfingsttag, also fünfzig Tage nach der Auferstehung des Herrn Jesus; sie wird bis zur bevorstehenden Entrückung (d.h. ungefähr sieben Jahre vor der Errichtung des Tausendjährigen Reiches) auf der Erde gesammelt und dann für ewig ins Vaterhaus im Himmel aufgenommen. Sie wird also nur eine begrenzte Zeit auf der Erde bleiben. Die Versammlung ist daher ein himmlischer Organismus, denn ihre Hoffnung ist nicht auf diese Erde, sondern auf den Himmel gerichtet.

Das Reich Gottes ist demgegenüber der Herrschaftsbereich Gottes in dieser Schöpfung, der seinen Anfang nahm, als der Herr Jesus, der König dieses Reiches, als Mensch auf der Erde weilte. Dieses Reich dauert jetzt, auch während der Abwesenheit des verworfenen Königs, an und hat deshalb eine abgewandelte, mehr verborgene Form angenommen. Es wird seine öffentliche und herrliche Vollendung während der tausendjährigen Friedensherrschaft Christi finden und mit dem Gericht der Toten am großen weißen Thron enden (1Kor 15,25.26; Off 20,11-15). Zum Reich Gottes gehören daher alle Menschen, die entweder aus Glaubensüberzeugung oder nur dem äußeren Bekenntnis nach den Herrn Jesus als ihren Gebieter anerkennen, d.h. heute die gesamte Christenheit und im Tausendjährigen Reich die ganze Weltbevölkerung.

Die Versammlung Gottes ist der Gegenstand Seines ewigen Vorsatzes in Christus (Eph 3,10.11), während das Reich, als die Verwaltung der Fülle der Zeiten, zeitlich begrenzt ist (Eph 1,10). Diejenigen, die zur Versammlung gehören, sind in Christus auserwählt vor Grundlegung der Welt (Eph 1,4); dagegen sagt der Herr Jesus vom Reich, dass es von Grundlegung der Welt an bereitet ist (Mt 25,34). Die Zukunft der Versammlung liegt im Himmel, im Vaterhaus, das Reich erstreckt sich jedoch nur auf die ganze Schöpfung.

Christus, das Haupt und der König

Bei diesen Unterschieden gibt es doch eine überaus wichtige und kostbare Gemeinsamkeit: Der Herr Jesus nimmt nach Gottes Ratschluss sowohl in der Versammlung als auch im Reich Gottes den ersten, den höchsten Platz ein. Als der ewige Sohn Gottes ist Er die Grundlage und der Erbauer der Versammlung (Mt 16,16-18) und als der verherrlichte Mensch ihr Haupt (Kol 1,18). Er wird in Ewigkeit der Gegenstand der Anbetung der Erlösten sein und in ihrer Mitte den höchsten Platz der Herrlichkeit einnehmen.

Er ist jedoch als Sohn Gottes und Sohn Davids auch der Messias und König Israels. Er wurde von Seinem irdischen Volk zwar abgelehnt und schließlich getötet. Aufgrund Seiner Erniedrigung als Sohn des Menschen hat Er sich aber nun das Recht zur Herrschaft über alle Werke Seiner Hände erworben, die Er als der ewige Sohn erschaffen hat (vgl. Ps 2 und 8). Durch Sein Werk am Kreuz hat der Herr Jesus sich sowohl das Recht zur Herrschaft als König über Sein Reich erworben als auch diejenigen erlöst, die Ihn im Glauben als ihren Erretter annehmen und dadurch jetzt zur Versammlung Gottes gehören (Heb 10,12-14).

Gott will also, dass Sein geliebter Sohn, auf den Er allezeit mit Wohlgefallen blickt, sowohl im Reich Gottes in dieser Schöpfung als auch in Ewigkeit inmitten Seiner Erlösten den ersten Platz einnimmt. Sein göttlicher Ratschluss ist der Ursprung und der Tod Christi am Kreuz von Golgatha die Grundlage von allem.

Die Beziehung zwischen Versammlung und Reich

In Seinen Gleichnissen über das Reich der Himmel in Matthäus 13 erwähnt der Herr Jesus zum ersten Mal – wenn auch noch in verschleierter Form – die Versammlung Gottes: „Wiederum ist das Reich der Himmel gleich einem Kaufmann, der schöne Perlen sucht; als er aber eine sehr kostbare Perle gefunden hatte, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie“ (Mt 13,45.46).

Das Reich Gottes ist ein bereits im Alten Testament bekannter Begriff, der die Herrschaft Gottes durch Seinen Sohn, den verherrlichten Menschen Jesus Christus, über die ganze Schöpfung bezeichnet. Was im Alten Testament jedoch noch zukünftig war, wurde durch das Kommen des Herrn Jesus in diese Welt Wirklichkeit (Mt 12,28; Lk 17,21). Als der König erschien, begann auch das Reich Gottes auf der Erde. Jeder, der heute die Autorität Christi dadurch anerkennt, dass er sich zu Ihm bekennt und sich Christ nennt, gehört zum Reich Gottes (oder: Reich der Himmel).

Die Versammlung Gottes war jedoch ein im Alten Testament noch nicht offenbartes Geheimnis. Das kommt in dem Gleichnis von der kostbaren Perle zum Ausdruck: Eine Perle ist von ihrem Ursprung her eine verborgene Kostbarkeit. Daher kann man wohl sagen, dass die Versammlung, von der diese sehr kostbare Perle zweifellos ein Bild ist, den wertvollsten Teil des Reiches Gottes bildet. Wie der Kaufmann für die Perle alles verkaufte, was er hatte, so hat Christus die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben (Eph 5,25).

Jeder wahre Christ ist daher ein Glied am Leibe Christi und hat gleichzeitig seinen Platz im Reich Gottes. Im ersteren Sinn kennt er Christus als Haupt, im zweiten als Herrn und Gebieter (allerdings nicht als Untertan des Königs, wie es z.B. bei Israel im Tausendjährigen Reich der Fall sein wird). In unserer Zugehörigkeit zum Reich Gottes kommt ein Autoritätsverhältnis zum Ausdruck, das sich in unbedingtem Gehorsam gegenüber unserem Herrn Jesus erweisen soll. Dagegen stellt unsere Zugehörigkeit zur Versammlung Gottes eine viel engere Lebensverbindung dar, die durch die vollkommene Liebe gekennzeichnet ist. Aber in den Gedanken Gottes hat beides seinen Platz. Das höhere Vorrecht der Zugehörigkeit zur Versammlung löscht die Autorität des Herrn als Gebieter in Seinem Reich keinesfalls aus. Im Gegenteil, als in Christus Begnadigte sollten wir jetzt viel mehr imstande sein, die Grundsätze des Reiches Gottes zu verstehen und die damit verbundenen Segnungen zu genießen, weil wir mehr Verständnis besitzen können und auch die himmlische Seite dieses Reiches kennen. Denn nur wir sind schon jetzt „errettet … aus der Gewalt der Finsternis und versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe“, wie der Apostel Paulus den Kolossern schreibt (Kol 1,13). Das zeigt uns, welchen wunderbaren Charakter dieses Reich für uns trägt: Es ist gekennzeichnet durch die Liebe des Vaters zu Seinem Sohn, der unser Erlöser, aber auch unser alleiniger Herr und Gebieter geworden ist!

Aber nicht jeder, der sich im Reich Gottes befindet, ist auch ein Glied der Versammlung. So wie sich das Reich Gottes heute darstellt, stimmt es seinem Umfang nach mit der Namenschristenheit überein. Wer aber nur ein leeres christliches Bekenntnis trägt, d.h. vielleicht zu einer Kirche oder Gemeinschaft „gehört“, ohne von neuem geboren zu sein, befindet sich zwar äußerlich im Reich Gottes, dem Bereich, in dem die Autorität des Herrn Jesus gilt, gehört aber nicht als erretteter und mit dem Heiligen Geist versiegelter Gläubiger zur Versammlung des lebendigen Gottes.

Das Reich Gottes heute

Wie besonders Seine ersten Gleichnisse über das Reich der Himmel in Matthäus 13 beweisen, hat der Herr diese negative Entwicklung zwar vorausgesehen, aber es wäre falsch zu glauben, dies entspräche Seinem Willen. Der jetzige Zustand des Reiches ist eine der Folgen der Verwerfung des Herrn. Die göttlichen Grundsätze dieses Reiches, die Er während Seines Erdenlebens verkündigt hat, behalten trotzdem ihre Gültigkeit in der heutigen Zeit; sie werden im Tausendjährigen Reich vollständig zur Geltung gelangen.

So ist es verständlich, dass der Herr nach Seiner Auferstehung mit Seinen Jüngern über die Dinge redete, „welche das Reich Gottes betreffen“ (Apg 1,3), dass später der Evangelist Philippus „das Evangelium von dem Reiche Gottes und dem Namen Jesu Christi“ verkündigte (Apg 8,12) und dass auch der Apostel Paulus dieses Reich bezeugte und predigte (Apg 19,8; 20,25; 28,23.31). Damit ist offenbar nicht die zukünftige, herrliche Seite dieses Reiches gemeint wie in Apostelgeschichte 1,6.7 und 14,22, sondern die gegenwärtige Zeit der Verwerfung und Abwesenheit des Königs (vgl. Apg 17,7), denn in unserer Zeit umschließt das Reich auch die Versammlung.

Die Juden, denen nach den Berichten der Apostelgeschichte gewöhnlich in jeder Stadt als Ersten die gute Botschaft des Evangeliums verkündet wurde, warteten ja seit langem auf dieses Reich. Aber in der Verkündigung des Evangeliums musste jetzt außer den Leiden, die auf Christus gekommen waren, und den noch zukünftigen Herrlichkeiten des Reiches auch die gegenwärtige Wahrheit der Versammlung, ihrer Vorrechte und Aufgaben und ihrer Hoffnung dargelegt werden. Es wäre Paulus nicht in den Sinn gekommen, das Reich zu vernachlässigen oder gar zu übergehen, weil jetzt neue, weitergehende Offenbarungen über Christus und Seine Versammlung gegeben worden waren.

Das kommt nicht nur in der Apostelgeschichte, sondern auch in den Briefen zum Ausdruck, in denen sowohl von der gegenwärtigen als auch von der zukünftigen Seite des Reiches die Rede ist. Auch wenn der König verworfen und daher nicht sichtbar anwesend ist, ist die Erkenntnis Seiner Gedanken und die Unterwerfung unter Seinen Willen erforderlich. Unbedingter Gehorsam ist das Kennzeichen des Reiches auch in der jetzigen Zeit (vgl. Mt 7,21).

Den Korinthern, die so sehr mit den ihnen verliehenen Gnadengaben beschäftigt waren, Streitigkeiten untereinander hatten und auch sonst manches, was zur Verunehrung des Herrn diente, musste der Apostel schreiben: „Das Reich Gottes besteht nicht im Wort, sondern in Kraft“ (1Kor 4,20). Von dieser Kraft, die Grundsätze des Reiches Gottes im Gehorsam gegenüber Seinem Wort zu verwirklichen, war im Leben der Gläubigen in Korinth wenig zu erkennen.

In Rom gab es unter den Gläubigen Streit um das Essen bestimmter Speisen. Paulus erinnert sie deshalb daran, dass das Reich Gottes nicht Essen und Trinken ist, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist (Röm 14,17). Die Gläubigen dürfen im Gegensatz zu der sie umgebenden Welt also bereits jetzt geistliche Vorrechte genießen, die im Tausendjährigen Reich nach Gottes Ratschluss das Teil aller Menschen auf der Erde sein sollen. In Hebräer 7,2 wird der Priester-König Melchisedek als König der Gerechtigkeit und des Friedens vorgestellt. Er ging Abraham entgegen und segnete ihn, als dieser von der Schlacht der Könige zurückkehrte (1Mo 14). Melchisedek ist ein Vorbild Dessen, der „Hoherpriester geworden ist in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks“ (Heb 6,20). Zwar wird die volle Erfüllung dieses Vorbildes erst im Tausendjährigen Reich sichtbar, wenn der Herr Jesus als der wahre König der Gerechtigkeit und des Friedens herrschen und alle Völker an Seinem Segen teilhaben lassen wird. Aber die Grundlage dazu hat Er auf Golgatha gelegt (Heb 2,17), als Er die Gerechtigkeit Gottes offenbart und Frieden gemacht hat durch das Blut Seines Kreuzes (vgl. Röm 3,21-26 und Kol 1,20).

„Gerechtigkeit und Friede haben sich geküsst“, sangen schon die Söhne Korans in Psalm 85,10 im Blick auf die Segnungen des Reiches, wenn Israel befreit und wiederhergestellt sein wird. Wir sind schon jetzt aus Glauben gerechtfertigt und haben Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus (Röm 5,1), d.h., wir genießen in geistlicher Beziehung bereits einen Teil der Segnungen des kommenden Tausendjährigen Reiches vorweg. Ist es nicht ein kostbarer Gedanke, dass wir jetzt dem wahren König des Friedens und der Gerechtigkeit dienen dürfen und dass Er uns nicht nur Gerechtigkeit und Frieden, sondern auch Freude im Heiligen Geist schenkt, so wie Melchisedek Abraham außer Brot auch Wein brachte?

In seinem Brief an die Kolosser nennt Paulus seine Mitarbeiter im Werk des Herrn „Mitarbeiter am Reiche Gottes“ (Kol 4,11), und zwar im gleichen Sinn und mit der gleichen Berechtigung, wie er an anderer Stelle von Timotheus sagt: „Er arbeitet am Werke des Herrn wie auch ich“ (1Kor 16,10).

Der Christ und das kommende Reich

Andererseits erwähnt Paulus auch immer wieder das kommende Reich, in dem der Herr Jesus als der verherrlichte Sohn des Menschen nach einem gerechten Gericht Sein Erbteil in Besitz nehmen und tausend Jahre in Gerechtigkeit und Frieden herrschen wird. Auch die Gläubigen, die zu Seiner Versammlung gehören, werden mit Ihm erben und herrschen (Eph 1,10.11; vgl. Off 20,5.6).

Noch ist jedoch die Zeit, in der wir mit Ihm herrschen, nicht angebrochen. Die Korinther mussten in dieser Hinsicht belehrt werden, weil sie in völliger Verfehlung ihrer Berufung meinten, bereits herrschen zu können. Der Apostel Paulus musste ihnen deshalb – nicht ohne eine gewisse Ironie – schreiben, dass er wohl wünschte, dass sie herrschten, d.h. dass die Zeit des Tausendjährigen Reiches anbrechen möchte, aber mit dem Zusatz: „… auf dass auch wir mit euch herrschen möchten“ (1Kor 4,8). In der jetzigen Zeit der Verwerfung des Königs kann es für Seine Nachfolger zwar Leiden, Trübsal und Ausharren, aber keine Herrschaft geben (vgl. Apg 14,22; 2Tim 2,12). Doch diese Zeit wird bald enden. Dann kommt die Zeit, in der all die Seinen, die jetzt zum Ausharren berufen sind, mit Ihm herrschen werden (vgl. Off 2,26.27).

Diesen zum Teil sehr verantwortungslos lebenden Christen in Korinth lässt Gott durch den Apostel Paulus auch zurufen: „Oder wisset ihr nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht ererben werden? Irret euch nicht! Weder Hurer noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Weichlinge noch Knabenschänder noch Diebe noch Habsüchtige noch Trunkenbolde noch Schmäher noch Räuber werden das Reich Gottes ererben“ (1Kor 6,9.10). Ähnliche Worte werden in Galater 5,21 und Epheser 5,5 gebraucht. Auch wird in 1. Korinther 15,50 erklärt, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können, ebenso wenig wie die Verwesung die Unverweslichkeit ererbt.

Den im Glauben noch jungen Thessalonichern konnten dagegen die tröstenden Worte geschrieben werden, dass sie von Gott zu Seinem eigenen Reich und zu Seiner eigenen Herrlichkeit berufen waren (1Thes 2,12) und dass die Leiden, die sie von den Feinden des Evangeliums zu erdulden hatten, der Beweis dafür waren, dass sie des Reiches Gottes für würdig geachtet wurden (2Thes 1,5).

Paulus selbst lebte nicht nur in der freudigen Erwartung der Entrückung, sondern auch der Erscheinung des Herrn Jesus in Herrlichkeit zum Antritt Seines Reiches (vgl. 2Tim 4,1.8).

Dann werden auch wir unser Erbteil mit dem Herrn Jesus antreten (Eph 1,11.18). Es ist das Erbteil des Herrn Jesus als des verherrlichten Sohnes des Menschen, das wir aus Gnade mit Ihm teilen dürfen. Als Er Mensch wurde, machte Er sich selbst zu nichts und wurde gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Durch Seinen Tod aber erwarb Er sich als Mensch das Anrecht auf Seine Schöpfung und die Herrschaft darüber (vgl. Phil 2,5-11; Ps 8,4-6). Diese Macht wird Er mit uns, Seinen Heiligen, teilen. Wir werden einmal verherrlicht mit Ihm erscheinen, um diese Herrschaft anzutreten (2Thes 1,5-10; vgl. Joh 17,22).

Praktische Schlussfolgerungen

Versammlung und Reich sind also nach dem Ratschluss Gottes zwei verschiedene Gedanken. Ihre Beachtung, aber auch ihre Unterscheidung ist von größter Bedeutung für die Praxis des christlichen Lebens.

Ein bemerkenswertes Beispiel mag hierzu genügen. In dem Gleichnis vom Unkraut im Acker (Mt 13,24-30) sagt der Hausherr zu seinen Knechten auf die Frage, ob sie das Unkraut zusammenlesen sollten: „Nein, damit ihr nicht etwa beim Zusammenlesen des Unkrauts zugleich mit demselben den Weizen ausraufet. Lasst es beides zusammen wachsen bis zur Ernte, und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Leset zuerst das Unkraut zusammen und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber sammelt in meine Scheune.“ Im Reich Gottes (Reich der Himmel) gilt also in der gegenwärtigen Zeit der Abwesenheit des Herrn nach Seinen eigenen Worten der Grundsatz, dass das Böse heranreifen wird, ohne dass Seine Knechte eingreifen. Bei Seiner Erscheinung wird Er selbst das Gericht an den dann Lebenden ausüben (siehe Mt 25,31-46) und dadurch die Schafe von den Böcken bzw. den Weizen von dem Unkraut trennen. Aber im Hause Gottes, der Versammlung des lebendigen Gottes, gilt ein ganz anderer Grundsatz: „Was irgend ihr auf der Erde binden werdet, wird im Himmel gebunden sein, und was irgend ihr auf der Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst sein“, und: „Tut den Bösen von euch selbst hinaus“ (Mt 18,18; 1Kor 5,13). In der Versammlung muss nach dem Willen des Herrn der Heiligkeit Gottes durch geistliche Zucht entsprochen werden.

In der Christenheit begann jedoch schon sehr früh, d.h. in den ersten Jahrhunderten, eine völlige Verwirrung und Vermischung der Grundsätze der Versammlung und des Reiches Gottes. Dadurch wurde die Kirche zu einem Machtfaktor auf der Erde. Kirche und Staat näherten sich immer mehr. Der himmlische Charakter, die Fremdlingschaft auf der Erde, ging verloren. Die Erwartung des Kommens des Herrn geriet in Vergessenheit, und es wurde und wird gelehrt, dass das Tausendjährige Reich entweder bereits angebrochen oder aber überhaupt nicht zu erwarten sei.

Eine Überbewertung der Gedanken über das Reich Gottes birgt immer die Gefahr in sich, dass der Christ sich seiner himmlischen Stellung nicht mehr so bewusst ist und fälschlicherweise meint, sich irdischen, wenn nicht gar weltlichen Dingen zuwenden zu dürfen. Andererseits kann aber auch die Gefahr bestehen, zu vergessen, dass wir nicht nur das Vorrecht besitzen, zur Versammlung Gottes zu gehören, sondern auch unter der Verantwortung stehen, den Willen unseres Herrn in Seinem Reich zu verwirklichen. W. Kelly schrieb dazu im vorigen Jahrhundert die beherzigenswerten Worte:

Der Verfall der Kirche ist dadurch gefördert worden, dass man einen kleinen Teil der Wahrheit so betrachtet hat, als sei er die ganze Wahrheit. Der einzige richtige Weg, davor bewahrt zu bleiben, ist, … sich nicht nur mit der Versammlung, sondern mit Christus zu beschäftigen. Nur dann werden wir die Versammlung, das Reich Gottes und jeden anderen Teil der Wahrheit über Gottes Handeln im rechten Licht erkennen und verstehen.


Originaltitel: „Die Versammlung und das Reich Gottes“
aus Ermunterung und Ermahnung, 1991, S. 202–214


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