Der Brief des Judas
Der Abfall in der Christenheit und der Weg des Gläubigen

Stanley Bruce Anstey

© SoundWords, online seit: 05.09.2022, aktualisiert: 09.09.2022

Vorwort

Die „allgemeinen“ Briefe von Petrus, Johannes und Judas haben eine besondere Bedeutung für die heutige Zeit, wo der Abfall vom christlichen Zeugnis überhandnimmt. Diese Strömung bewegt sich von der Wahrheit weg und wird ihren Höhepunkt erreichen, nachdem die Kirche in den Himmel heimgerufen worden ist und wenn „der Mensch der Sünde“ (der Antichrist) während der Drangsalszeit offenbart wird (2Thes 2,3). Dann wird die leblose christliche Welt (die bei der Entrückung zurückgeblieben ist) jedes Überbleibsel des Christentums abwerfen, diesem bösen Menschen nachfolgen und das Tier und sein Bild anbeten (Dan 12,11; Mt 24,15; Off 13,11-18).

Wir danken Gott, dass Er den Judasbrief in den Kanon der Heiligen Schrift aufgenommen hat. Dieser Brief entlarvt den wahren Charakter des Abfalls im christlichen Bekenntnis und gibt dem Gläubigen die feste Gewissheit, dass der Abfall ihn nicht betreffen wird, sofern er sich auf die hohepriesterliche Fürbitte Christi verlässt (Heb 7,25). Er, der uns errettet hat, ist auch fähig, uns zu bewahren und zu erhalten, und eines Tages wird Er uns „vor seiner Herrlichkeit untadelig darstellen mit Frohlocken“ (Jud 24).

Einleitung (V. 1-4)

Judas’ Aufgabe ist es, den Abfall vom christlichen Glauben aufzudecken (Jud 4-13) und dessen Ende unter dem Gericht Gottes zu verkünden (Jud 14-16). Ebenso soll er die Gläubigen ermutigen, auf dem Weg des Glaubens mit den Hilfsmitteln voranzugehen, die Gott für solche Zeiten des Abfalls gegeben hat (Jud 17-25). Der Judasbrief verfolgt also einen doppelten Zweck:

  1. Er entlarvt erstens den Charakter der Menschen und das Böse, das sie in das christliche Bekenntnis einbringen werden.
  2. Zweitens gibt er den Gläubigen inmitten der wachsenden Masse von Abgefallenen Orientierung und Ermutigung.

Weil Gott nicht möchte, dass wir uns mit dem Bösen beschäftigen, ist es ein sehr kurzer Brief.

Der zweite Petrusbrief und der Judasbrief ähneln sich  in vielerlei Hinsicht, und doch sind die Wiederholungen nicht unnötig:

  • Beide Briefe beziehen sich auf das Wirken böser Menschen, die sich unter die Christen eingeschlichen haben.
  • Beide Briefe beschreiben den schrecklichen Zustand der Christenheit in der Endzeit.
  • Beide Briefe geben dem Gläubigen, der in diesen schwierigen Zeiten lebt, Rat und Leitung.
  • Beide Briefe führen alttestamentliche Beispiele von Versagen an: Engel, die sündigten; Sodom und Gomorra; Bileam usw.

J.N. Darby weist auf den Hauptunterschied zwischen beiden Briefen hin: Der zweite Petrusbrief spreche von Sünde und der Judasbrief von Abfall. Außerdem gehe es im zweiten Petrusbrief um das Eindringen von Irrlehren, im Judasbrief dagegen um das Aufgeben der gesunden Lehre.[1]

Was ist Abfall?

Es gibt zwei Arten der Abkehr von Gott: Versagen und Abfall vom Glauben. Beide sind schlimm, aber Glaubensabfall ist unendlich viel schlimmer.

  • Versagen: Ein wahrer Gläubiger kann versagen (vom Weg des Herrn abkommen), wenn er nicht darauf achtet, die Gemeinschaft mit dem Herrn aufrechtzuerhalten. Petrus ist ein Beispiel dafür. Er fiel auf dem Glaubensweg aufgrund von Sünde und verleugnete schließlich den Herrn, doch er wurde später wiederhergestellt  durch das Wirken des Herrn als Fürsprecher [Sachwalter].

  • Abfall ist etwas anderes: das willentliche Aufgeben des christlichen Glaubens, zu dem man sich einmal bekannt hat. So etwas kann nur ein bloß bekennender Gläubiger tun, der nie wiedergeboren war. Ein wahrer Gläubiger mag die Gemeinschaft mit Gott verlassen und sich vom Herrn entfernen, aber er wird den Glauben nicht aufgeben. Abfall vom Glauben heißt nicht, den Herrn unter dem Druck von Verfolgung zu verleugnen; Abfall vom Glauben bedeutet, den Glauben willentlich aufzugeben.

Abfall vom Glauben ist sehr ernst, denn wenn ein Mensch einmal abgefallen ist, gibt es keine Hoffnung mehr, dass er umkehrt und Buße tut. Die Heilige Schrift sagt, dass es „unmöglich“ ist, so jemand „wieder zur Buße zu erneuern“ (Heb 6,4-6). Daher sind alle diese Menschen verdammt, auch wenn sie noch in der Welt leben! Judas Iskariot ist ein Beispiel dafür; er war ein Jünger des Herrn, aber er war nie aus Gott geboren (Joh 6,70). Petrus kehrte zum Herrn zurück, aber Judas nicht. Folgende Textstellen beziehen sich auf Abgefallene: Matthäus 7,21-23; 12,43-45; 13,5-7.20-22; Markus 3,28-30; Johannes 15,2.6; Apostelgeschichte 1,25; Römer 11,22; 1. Korinther 9,27; 10,12; Hebräer 2,1-4; 3,7-15; 6,4-6; 10,26-31; 12,12-29; 2. Petrus 2,20.21; Judas 4-16; Offenbarung 8,8-12.

Viele Christen kennen nicht den Unterschied zwischen Versagen und Glaubensabfall. Weil sie beides miteinander verwechseln, werden sie zu falschen Schlussfolgerungen verleitet – zum Beispiel, dass Gläubige das ewige Heil ihrer Seelen verlieren könnten, was nicht stimmt. Deshalb ist es wichtig, den Unterschied zu verstehen.

Die Saat des Glaubensabfalls wurde schon sehr früh in der Kirchengeschichte gesät (Jud 4). Seinen Höhepunkt wird der Abfall erreichen, wenn die Masse der Christen das christliche Bekenntnis aufgibt und dem Menschen der Sünde nachfolgt und das Bild des Tieres anbetet (2Thes 2,3.4; Off 13,11-18). Nie zuvor in der Geschichte des christlichen Zeugnisses trafen die Worte des Judas mehr zu als in der Zeit, in der wir heute leben.

Gruß

Vers 1

Jud 1: Judas, Knecht Jesu Christi und Bruder des Jakobus, den in Gott, dem Vater, geliebten und in Jesus Christus bewahrten Berufenen: 

Judas stellt sich selbst als „Judas, Knecht Jesu Christi und Bruder des Jakobus“ vor. Weder er noch sein Bruder gehörten zu der Gruppe der Apostel, die dem Herrn in den Tagen seines irdischen Wirkens folgte. Sie waren Halbbrüder des Herrn (Mt 13,55), doch sie waren damals ungläubig (Mk 3,21; Joh 7,5). Jakobus bekehrte sich, als der Herr von den Toten auferstand (1Kor 15,7), und auch Judas bekehrte sich wahrscheinlich um diese Zeit. Als der Herr nach seiner Auferstehung zum letzten Mal erschien, waren alle seine Brüder gläubig geworden und warteten gemeinsam mit den Gläubigen im Obersaal in Jerusalem auf das Kommen des Heiligen Geistes (Apg 1,14).

„Jakobus“, auf den Judas sich hier bezieht, ist nicht Jakobus, der Sohn des Zebedäus (Mt 4,21); der wurde schon früh in der Kirchengeschichte von Herodes getötet (Apg 12,1.2). Er war auch nicht der Sohn des Alphäus (Mt 10,3), der auch Jakobus der Kleine genannt wurde (Mk 15,40). Dieser Jakobus wurde ein Führer in der Gemeinde in Jerusalem (Apg 12,17; 15,13; 21,18; Gal 1,19). „Judas“ ist nicht der Judas, den der Herr gemeinsam mit Judas Iskariot aussandte (Lk 6,16). Weder Judas noch Jakobus waren Apostel.[2] Wir könnten uns fragen, warum Judas sich nicht als Bruder des Herrn vorstellt. Nun, er verzichtet darauf, weil er nach dem christlichen Grundsatz handelt: „Daher kennen wir von nun an niemand dem Fleisch nach; und wenn wir Christus dem Fleisch nach gekannt haben, kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr so“ (2Kor 5,16). Sich als Bruder des Herrn vorzustellen, hätte zudem den Anschein erwecken können, er wäre hochmütig und würde Ehre für sich selbst suchen.

Judas schreibt an „die Berufenen“ – an diejenigen, die durch das Evangelium berufen und errettet sind. Sie sind ein Überrest von wahren Gläubigen inmitten der Masse derer, die lediglich bekennen, gläubig zu sein. Er betrachtet sie zum einen als solche, „die in Gott, dem Vater, geliebt“ sind, und zum anderen als solche, die „in Jesus Christus bewahrt“ sind. Dass wir geliebt und bewahrt sind, ist eine tröstliche Wahrheit, auf die wir uns in Zeiten des Abfalls stützen können. Die wahren Gläubigen sind die besonderen Gegenstände der Liebe Gottes, und trotz des Abfalls, der um sich greift und in der Christenheit immer mehr Fahrt aufnimmt, werden sie alle bis zum Ende bewahrt werden. Wir sind auf ewig sicher und werden deshalb von dem bewahrt, der uns berufen und errettet hat. Mit demselben glücklichen Gedanken schließt der Judasbrief. Dass ein wahrer Gläubiger bewahrt bleibt, bedeutet nicht, dass er nicht durch Abfall betroffen sein kann. Zwar wird er nicht vom Glauben abfallen, aber er kann von dem Strom des Glaubensabfalls beeinflusst werden und beginnen, bestimmte Grundsätze und Praktiken aufzugeben, die er einmal festgehalten hat. Das einzige Mittel dagegen ist, sich nah beim Herrn zu halten (5Mo 33,12).

Vers 2

Judas fügt hinzu:

Jud 2: Barmherzigkeit und Friede und Liebe sei euch vermehrt!

Gott versorgt uns mit Gnade, um uns dabei zu helfen, auf dem christlichen Weg voranzuschreiten. Er versorgt uns in dieser letzten Zeit also überreichlich.

Wir müssen für den Glauben kämpfen

Vers 3

Es liegt Judas auf dem Herzen, über das Heil zu schreiben, das allen Christen gemeinsam ist. Doch der Heilige Geist drängt ihn, die Gläubigen zu ermahnen, für die Wahrheit zu kämpfen, die von bösen Menschen untergraben wird. Er sagt:

Jud 3: Geliebte, während ich allen Fleiß anwandte, euch über unser gemeinsames Heil zu schreiben, war ich genötigt, euch zu schreiben und zu ermahnen, für den einmal den Heiligen überlieferten Glauben zu kämpfen.

Der „Glaube“, auf den Judas sich hier bezieht, ist die christliche Offenbarung der Wahrheit. Wenn das Wort „Glaube“ in der Heiligen Schrift ohne den bestimmten Artikel „der“ verwendet wird, ist damit in der Regel die innere Kraft des Vertrauens auf Gott gemeint (Eph 2,8 usw.). Wenn das Wort „Glaube“ jedoch mit dem Artikel verwendet wird, so wie hier in unserem Text, bezieht es sich auf den kostbaren Schatz der Wahrheit, den Gott uns gegeben hat – auf die Summe der christlichen Erkenntnis.

Die einfache, aber wichtige Ermahnung des Judas lautet: Wir sollen für die Wahrheit kompromisslos eintreten. Wie Schamma das Linsenfeld gegen die Philister verteidigte (2Sam 23,11.12), so sollen wir kein Jota der Wahrheit dem Feind überlassen. Wir sollen sie nicht aufgeben und nicht verkaufen (Spr 23,23), sondern bewahren, wie Paulus Timotheus ermahnt: „Bewahre das schöne anvertraute Gut durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt“ (2Tim 1,14).

Wir sollen für den Glauben „kämpfen“, indem wir zuerst die Wahrheit erkennen und dann in ihr wandeln. Wir können die Wahrheit nicht verteidigen, wenn wir uns nicht die Zeit nehmen, sie kennenzulernen. Einige haben eine große Herzenshingabe an Christus, und das ist vorbildlich, aber leider verstehen sie die Wahrheit nicht gut. In ihrem Wunsch, treu zu sein, halten sie daher manchmal unwissend an einem Irrtum fest und verteidigen ihn tapfer, weil sie denken, er wäre die Wahrheit. Aber diese Art von fehlgeleiteter Energie trägt nur zur Verwirrung im christlichen Zeugnis bei (vgl. Joh 16,2). Deshalb sollten wir uns eifrig bemühen, sorgfältig die Wahrheit kennenzulernen (1Tim 4,6; 2Tim 2,15), und Gnade von Gott erbitten, in der Wahrheit zu wandeln (3Joh 3).

Für die Wahrheit zu kämpfen, bedeutet nicht, zu debattieren und zu streiten. Man kann etwas Richtiges auf eine falsche Weise tun. In einigen Punkten der Wahrheit recht zu haben, bedeutet noch lange nicht, dass Streit und Diskussionen hinnehmbar sind. Paulus warnt Timotheus davor: Er solle „nicht Wortstreit … führen, was zu nichts nütze“ ist (2Tim 2,14). Wie bereits angedeutet, sollen wir das schöne anvertraute Gut „durch den Heiligen Geist“ bewahren (2Tim 1,14). Das heißt, wir sollen im Geist und nicht im Fleisch handeln, wenn wir die Wahrheit festhalten wollen. Es ist eine Sache, zu streiten, aber eine ganz andere, streitsüchtig zu sein. „Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streiten, sondern gegen alle milde sein“ (2Tim 2,24). Es genügt also nicht, die Wahrheit zu verteidigen, sondern unser Verhalten muss eine Empfehlung sein für die Wahrheit, die wir bekennen (Phil 1,27).

Der Glaube ist den Gläubigen „einmal“ überliefert worden. Das bedeutet: Die Wahrheit ist einmal für alle Zeiten überliefert worden; die Überlieferung der Wahrheit ist abgeschlossen. Es gibt also keine weitere Wahrheit, die offenbart oder hinzugefügt werden könnte. Falsche Lehrer behaupten gern, es gäbe noch mehr Wahrheit zu offenbaren und das, was sie haben, wäre eine neue Wahrheit – aber diese irrige Vorstellung öffnet nur die Tür für falsche Lehren. Aufgrund dessen, was Judas hier sagt, sollen wir, wenn jemand mit etwas Neuem zu uns kommt, sofort wissen, dass seine neue Idee nicht die Wahrheit sein kann, denn uns ist schon die ganze Wahrheit gegeben worden.

Man beachte: Die Wahrheit wurde „überliefert“, sie wurde nicht entdeckt, indem in den alttestamentlichen Schriften nach ihr gesucht worden wäre. Das liegt daran, dass die christliche Offenbarung der Wahrheit nicht im Alten Testament steht. Sie wurde den Aposteln und Propheten durch den Heiligen Geist offenbart (1Kor 2,10; Eph 3,5) und „den Heiligen“ in der Kraft des Geistes mitgeteilt (1Kor 2,10-13).

Darüber hinaus wurde die Gesamtheit der christlichen Erkenntnis „den Heiligen“ überliefert. Sie wurde nicht den Aposteln überliefert, sondern durch die Apostel den Gläubigen. Die Apostel waren also nur die Kanäle; die Gläubigen sind die Empfänger der Wahrheit. Der Begriff „Heilige“ bezieht sich auf die gesamte Schar der Christen; er umfasst sowohl die Brüder als auch die Schwestern. Das zeigt: Wir alle sollen die Wahrheit bewahren. Es liegt in der Verantwortung eines jeden Gläubigen, die Wahrheit zu kennen, in der Wahrheit zu wandeln und für sie auch zu kämpfen. Manche haben die Vorstellung, der Kampf für den Glauben wäre den Lehrern vorbehalten, aber in Wirklichkeit ist er ein Vorrecht und eine Verantwortung aller Gläubigen. Vielleicht sagt eine Schwester: „Ich überlasse das alles meinem Mann und den Brüdern in der Versammlung.“ Aber diesen Gedanken stützt die Schrift nicht, denn wie Judas hier durch das Wort „Heilige“ zeigt, sollen auch die Schwestern die Wahrheit festhalten. Was an den Beröern so vorbildlich war: Unter ihnen waren viele ehrbare Frauen, die die Heilige Schrift erforschten; nicht nur die Männer taten das (Apg 17,11.12). Die Verteidigung des Glaubens einigen wenigen „qualifizierten“ Personen oder begabten Lehrern zu überlassen, hat in Wirklichkeit – wie die Kirchengeschichte beweist – dazu beigetragen, dass die Wahrheit verlorengegangen ist. Der römische Katholizismus hat diese Idee auf die Spitze getrieben: Er lehrt, dass die Heilige Schrift in den Händen des Klerus bleiben und in Klöstern weggeschlossen werden sollte. Auf diese Weise hat er die Heilige Schrift (die Wahrheit) den Gläubigen aus der Hand genommen!

Ein doppeltes Übel

Vers 4

Judas erklärt nun weiter, warum es so wichtig ist, für den Glauben zu kämpfen: Viele Verführer hatten sich in das christliche Bekenntnis eingeschlichen und waren dabei, die Menschen mit ihren bösen Lehren und Praktiken zu verderben. Er sagt:

Jud 4: Denn gewisse Menschen haben sich nebeneingeschlichen, die schon längst zu diesem Gericht zuvor aufgezeichnet waren, Gottlose, die die Gnade unseres Gottes in Ausschweifung verkehren und unseren alleinigen Gebieter und Herrn Jesus Christus verleugnen.

Diese ungöttlichen Menschen kannten die Wahrheit verstandesmäßig, aber ihre Wege waren nicht in Übereinstimmung damit. Sie hatten sich unter die Gläubigen unbemerkt „nebeneingeschlichen“, indem sie sich äußerlich zum Glauben bekannten; doch sie waren Scharlatane. Simon der Zauberer war der erste falsche Bekenner, der sich einschlich, aber er wurde von Petrus und Johannes entlarvt und verworfen (Apg 8). Judas spricht von Menschen, die sich unbemerkt eingeschlichen hatten; sie blieben unter den Gläubigen und taten ihr böses Werk.

In der englischen King-James-Übersetzung heißt es, dass sie „zu dieser Verdammnis vorherbestimmt“ waren, doch der Text sollte lauten: „die schon längst zu diesem Gericht zuvor aufgezeichnet waren“. Gott bestimmt die Menschen nicht im Voraus für das Gericht; niemand ist für die Hölle vorherbestimmt. Judas sagt hier: Gott wusste schon im Vorhinein, wer diese Personen waren, und veranlasste die Apostel und Propheten, die Gläubigen vorzuwarnen, dass diese bösen Menschen aufstehen würden, und uns zu sagen, dass ihr Ende das Gericht sein würde. Da wir also davor gewarnt werden, dass sie unter den Christen zu finden sein würden, sollten wir nicht überrascht sein, sie in der Christenheit am Werk zu sehen. Ihre Saat der Gottlosigkeit hat einen doppelten Charakter:

  • die Missachtung der Gnade
  • die Verleugnung der Rechte Christi, ihres Gebieters

„Die Gnade unseres Gottes in Ausschweifung verkehren“: Das bedeutet, die Wahrheit der christlichen Freiheit in eine Erlaubnis für das Fleisch zu verdrehen (Gal 5,13). Diese Menschen verdrehen die Wahrheit der Freiheit von der Sünde (Röm 6,18) in Freiheit zur Sünde!

H. Smith sagt:

Das große Prinzip, durch das Gott den Menschen von der Sünde befreit und ihn belehrt, besonnen zu leben, wird von diesen ungöttlichen Menschen als Gelegenheit benutzt, das Fleisch zu befriedigen und den Begierden nachzugehen. Zugleich halten diese Menschen ein gutes Bekenntnis aufrecht und bewegen sich weiter im christlichen Bereich.[3]

„Unseren alleinigen Gebieter und Herrn Jesus Christus verleugnen“: Das bedeutet nicht notwendigerweise, äußerlich seinen Namen zu leugnen, sondern sich zu weigern, sich seiner Autorität praktisch zu unterwerfen – obwohl sie gleichzeitig bekennen, genau das zu tun! Er ist ihr „Gebieter“, weil Er sie am Kreuz erkauft hat (Mt 13,44; Heb 2,9; 2Pet 2,1), aber Er ist nicht ihr Herr und Erretter. Sie sprechen Ihm das Recht ab, über sie zu herrschen, indem sie Ihn in ihrer Lehre auf dieselbe Stufe herabsetzen, auf der sie selbst sind. So beraubt ihre Lehre den Herrn seiner Gottheit, seines sündlosen Menschseins und seiner göttlichen Eigenschaften und macht Ihn zu einem Menschen wie jeder andere (Ps 50,21). Die praktische Folge ihrer irrigen Vorstellungen ist, dass sie sich seiner Autorität nicht unterordnen.

Sechs AT-Beispiele beschreiben das Böse, das den Abfall vom Christentum kennzeichnet (V. 5-11)

Diese gottlosen Menschen, die sich in das christliche Bekenntnis eingeschlichen haben, werden im nächsten Abschnitt durch verschiedene Pronomen der dritten Person identifiziert: „jene“, „sie“, „ihre“, „ihnen“. Sie stehen im Gegensatz zu den wahren Gläubigen, die in Judas 17-25 angesprochen werden. Um diese Gläubigen zu kennzeichnen, verwendet Judas die Pronomen der ersten und zweiten Person: „ihr“, „euer“ und „unser“. Sie bilden einen Überrest wahrer Gläubiger inmitten der Masse der Gottlosen, die sich nur äußerlich zum Christentum bekennen.

In diesem Abschnitt beschreibt Judas den gefallenen Zustand des christlichen Zeugnisses anhand von sechs Beispielen aus dem Alten Testament. Daher beginnt er mit: „Ich will euch aber, die ihr ein für alle Mal alles wisst, daran erinnern …“ (Jud 5). Er geht also davon aus, dass sie mit den alttestamentlichen Schriften vertraut sind.

1. Die Kinder Israel: Unglaube

Vers 5

Jud 5: Ich will euch aber, die ihr ein für alle Mal alles wisst, daran erinnern, dass der Herr, nachdem er das Volk aus dem Land Ägypten gerettet hatte, zum anderen die vertilgte, die nicht geglaubt haben;

Jeder Abfall beginnt mit Unglauben – man hat keinen persönlichen Glauben an den Herrn Jesus Christus. Als Beispiel dafür verweist Judas auf die Ungläubigen unter den Kindern Israel: „Der HERR hat das Volk aus dem Land Ägypten errettet und danach die Ungläubigen vernichtet“ (siehe 4Mo 14,28-35; 5Mo 2,14; 1Kor 10,5-10). Die Kinder Israel waren vom HERRN physisch „errettet“ worden, indem Er sie äußerlich von dem Heer des Pharaos am Roten Meer befreite (2Mo 14,30.31); aber diese zeitliche Errettung bedeutete nicht, dass sie aus Gott geboren waren. Viele waren es nicht. Als sie in der Wüste geprüft wurden, offenbarten sie ihren Unglauben und daraufhin wurden sie von Gott „niedergestreckt“ (1Kor 10,5). Das Volk war auf Mose im Meer getauft worden (1Kor 10,1.2) und stand in einer Bundesbeziehung mit dem HERRN (Heb 9,19-21); somit befanden sie sich in einer privilegierten Stellung. Aber das waren nur Äußerlichkeiten; sie brauchten zu diesen äußeren Zeichen der Gunst ein inneres Werk des Glaubens in ihren Seelen – doch genau das fehlte ihnen.

Das ist es vor allen Dingen, was die heutige Christenheit kennzeichnet. Die Mehrzahl der bekennenden Christen ist getauft und/oder hat ein Glaubensbekenntnis abgelegt und befindet sich somit in einer Stellung äußerer Nähe zu Gott. Ihnen fehlt jedoch der persönliche, seelenrettende Glaube an den Herrn Jesus Christus (Apg 16,31; 20,21; Eph 2,8). Wie die Kinder Israel, die in der Wüste unter Gottes Gericht fielen, werden auch sie ihr Ende unter dem Gericht Gottes finden.

2. Die gefallenen Engel: Rebellion

Vers 6

Unglaube führt zu Rebellion; darauf geht Judas als Nächstes ein. Um dies zu veranschaulichen, verweist er auf die Engel, die zur Zeit der Sintflut sündigten:

Jud 6: … und Engel, die ihren ersten Zustand nicht bewahrt, sondern ihre eigene Behausung verlassen haben, hat er zum Gericht des großen Tages mit ewigen Ketten unter der Finsternis verwahrt.

Bibellehrer glauben im Allgemeinen, dass andere Engelwesen gemeinsam mit Satan fielen, als er aus dem Himmel vertrieben wurde (Hes 28), denn danach lesen wir von „dem Teufel und seinen Engeln“ (Mt 25,41). Judas 6 bezieht sich nicht auf dieses Ereignis, sondern auf das, was zur Zeit der Sintflut geschah. Einige dieser gefallenen Engel zeigten sich unzufrieden mit ihrem Status als Engel und lebten mit den Töchtern der Menschen zusammen, um eine Art Superrasse aus Menschen und Engeln zu schaffen (1Mo 6,1-4). Weil sie mit ihrem Zustand unzufrieden waren und rebellierten, verließen sie „ihre eigene Behausung“ im Himmel und mischten sich unter die Menschen, um ihren bösen Plan zu verwirklichen. Doch in der Sintflut vernichtete Gott die Riesen und mächtigen Menschen, die aus diesen unheiligen Verbindungen hervorgegangen waren, und legte diese bösen Engel in „ewige Ketten unter der Finsternis“. Petrus nennt diesen besonderen Ort der Gefangenschaft im Abgrund „den tiefsten Abgrund“ (2Pet 2,4).

Einige fragen sich, ob in Judas 6 von einem zweiten Fall der Engel die Rede ist. J.N. Darby wurde dazu wie folgt befragt: „Gab es zwei Stürze von Engelwesen zu zwei verschiedenen Zeiten?“ Er antwortete:

Ihre Frage setzt voraus, dass Engel zwei Mal gefallen sind. Obwohl die Schrift nicht davon spricht, ist das sehr wohl möglich.[4]

Weil man sich also hütet, über das hinauszugehen, was in der Schrift offenbart ist, geht man im Allgemeinen davon aus, dass diese Stelle sich auf eine Rebellion unter einigen der gefallenen Engel bezieht. Weil sie so teuflisch verdorben waren, nahm Gott sie von der Erde weg und sperrte sie in den Abgrund. Sie werden am großen Tag des Gerichts in den Feuersee (Hölle) geworfen (Mt 25,41; Off 20,10). Der Rest der gefallenen Engel unter Satan ist heute noch frei und übt das Böse aus. Sie werden zu Beginn des Tausendjährigen Reiches in den Abgrund geworfen und dort eingesperrt (Off 20,1-3). Nach dem Tausendjährigen Reich werden der Teufel und seine Engel am Tag des Gerichts in den Feuersee geworfen.

Judas erwähnt diese Rebellion unter den gefallenen Engeln, um uns die geistige Haltung der gottlosen Menschen zu zeigen, die in der Endzeit im christlichen Zeugnis zu finden sein werden. Sie werden mit der natürlichen Schöpfungsordnung,  die Gott gegeben hat, unzufrieden sein und sich dagegen auflehnen. Dieser Geist manifestiert sich heute auf vielfältige Weise: Frauen lehren öffentlich im Haus Gottes (1Tim 2,12); sie legen die Kopfbedeckung ab, die die Rollen von Mann und Frau kennzeichnet (1Kor 11,2-16), nämlich die Unterordnung der Frau unter den Mann im Haus (Eph 5,22.23) usw. Das ist der Geist, der heute die Christenheit durchdringt.

3. Sodom und Gomorra: Unmoral

Vers 7

Unzufriedenheit und Rebellion gegen Gottes natürliche Schöpfungsordnung werden schließlich in Unmoral enden. Judas führt Sodom und Gomorra an, um dieses Übel zu veranschaulichen (1Mo 19):

Jud 7: Wie Sodom und Gomorra und die umliegenden Städte, die sich, ebenso wie jene, der Hurerei ergaben und anderem Fleisch nachgingen, als ein Beispiel vorliegen, indem sie die Strafe des ewigen Feuers erleiden. 

Judas bezeichnet die Homosexualität Sodoms mit den Worten: „anderem Fleisch nachgehen“. Er nennt es „anderem“, weil diese Art von unheiliger Vereinigung der moralischen Schöpfungsordnung Gottes völlig fremd ist. Was er damit sagen will: Das Christentum wird dadurch gekennzeichnet sein, dass Menschen sich dieser Art von Sünde hingeben, sich aber gleichzeitig als Christen bekennen! Wie unglaublich widersprüchlich ist es, eine solche Sünde mit dem heiligen Namen Christi in Verbindung zu bringen! Das bedeutet nicht, dass jeder Unmoral praktizieren wird. Doch sie wird in der Endzeit in den Reihen der Christen so weit verbreitet sein, dass Menschen sie dulden und sogar verteidigen werden. Heute lassen viele kirchliche Amtsträger, auch wenn sie persönlich keine Unmoral praktizieren, diese Unmoral in ihren Kirchen zu und entschuldigen sogar diejenigen, die sie praktizieren – sogar die Sünde der Homosexualität!

Verse 8-10

Jud 8-10: 8 Doch ebenso beflecken auch diese Träumer das Fleisch und verachten die Herrschaft und lästern Herrlichkeiten. 9 Michael aber, der Erzengel, als er, mit dem Teufel streitend, Wortwechsel hatte um den Leib Moses, wagte nicht, ein lästerndes Urteil über ihn zu fällen, sondern sprach: Der Herr schelte dich! 10 Diese aber lästern, was sie nicht kennen; was irgend sie aber von Natur wie die unvernünftigen Tiere verstehen, darin verderben sie sich.

„Diese Träumer beflecken das Fleisch“ durch ihre unmoralischen Praktiken. Diese Sünde beschreibt der Apostel Paulus in Römer 1. Der Unterschied zwischen dem Abschnitt im Römerbrief und dem im Judasbrief: Paulus spricht von den Heiden außerhalb der christlichen Gemeinschaft, Judas dagegen von denen, die sich als Christen bekennen. Diese Leute sagen, sie seien Christen!

Auch „verachten sie die Herrschaft [Autorität]“. Da sie sich gegen Gott auflehnen, lehnen sie sich natürlich auch gegen die staatlichen Institutionen auf, die von Gott eingesetzt sind (Röm 13,1). Sie zeigen dies, indem sie „Herrlichkeiten {Würdenträger} lästern“. Dies würde nicht einmal der Erzengel Michael zu tun wagen – selbst wenn es sich um unseren Feind, den Teufel, handelte! Das zeigt: Der Teufel ist zwar jetzt gefallen, doch er besaß früher unter den Engeln eine hohe Würde, und bevor er schließlich von Gott gerichtet wird, ist seine Würde zu respektieren. Selbst ein Engel mit einer so hohen Engelswürde wie der Erzengel Michael respektierte sie. Deshalb wagte er nicht, den Teufel zurechtzuweisen, sondern überließ es dem Herrn, dies zu tun, indem er sagte: „Der Herr schelte dich!“ Obwohl Satan gefallen ist, hat er immer noch große Macht. Wir sollen seine Macht respektieren, aber wir brauchen ihn nicht zu fürchten. Im Gegenteil, es wird uns gesagt: „Widersteht dem Teufel, und er wird vor euch fliehen“ (Jak 4,7). Aber nie sollen wir ihn „lästern“.

Der „Stein“ des Anstoßes bei diesem Anlass war das Grab Moses. Satan wollte dort wahrscheinlich ein Heiligtum zum Gedenken an Mose errichten und so das Volk Israel in Götzendienst verstricken (vgl. 2Kön 18,4). Deshalb bestattete Gott Moses Leichnam im „Tal von Moab“ heimlich (5Mo 34,5.6).[5]

Judas fügt hinzu: „Was irgend sie aber von Natur wie die unvernünftigen Tiere verstehen, darin verderben sie sich.“ Mit „Natur“ sind die tierischen Instinkte gemeint. Das zeigt: Diese moralisch verdorbenen Menschen hätten es aus der Beobachtung des Tierreichs (Hiob 12,7) besser wissen müssen, denn die Tiere erniedrigen sich nicht auf diese Weise. Doch diese Menschen setzen sich über das Zeugnis der Natur hinweg und verderben sich selbst. Zusammengefasst verüben sie zweifach Böses:

  • In geistlichen Dingen erheben sie ein „lästerndes Urteil“ gegen die Wahrheit.
  • In natürlichen Dingen „verderben sie sich“ mit unmoralischen Praktiken.

4. Kain: Blutlose Religion der Werke

Vers 11a

Judas führt dann das Beispiel Kains an, um auf ein anderes Kennzeichen der abgefallenen Christenheit hinzuweisen – auf blutleere Religion:

Jud 11a: Wehe ihnen! Denn sie sind den Weg Kains gegangen …

Der Weg Kains besteht darin, sich Gott auf der Grundlage guter Werke zu nähern und nicht auf der Grundlage eines Opfers (1Mo 4,3). Kain suchte die Anerkennung bei Gott durch das, was er durch die Arbeit seiner Hände vollbracht hatte, und deshalb lehnte Gott sein Opfer ab. Dies zeigt, wozu ein großer Teil der Christenheit verkommen ist, was die grundlegende Vorstellung davon betrifft, wie ein Mensch vor Gott als gerecht gilt: Viele christliche Konfessionen stellen das stellvertretende Sühnopfer Christi in Frage und lehnen es sogar ab. Sein vollendetes Werk am Kreuz als einziger Weg, damit ein Mensch durch den Glauben Erlösung erfährt (Joh 19,30), wird durch gute Werke ersetzt, die man ableistet, um von Gott angenommen zu werden.

Der Tod Christi wird herabgesetzt, indem man sagt, er wäre nicht mehr als nur ein Vorbild für Demut. Infolgedessen werden die Menschen ermahnt, ihren Nächsten zu lieben und gute Werke zu tun, damit sie von Gott anerkannt werden. Ein solch unblutiges Evangelium ist tatsächlich „ein anderes Evangelium“, das nicht von Gott ist (2Kor 11,4). Es ist der Weg Kains.

5. Bileam: Die Kommerzialisierung des Christentums

Vers 11b

Judas sagt, dass diese gottlosen Menschen sich …

Jud 11b: …  für Lohn dem Irrtum Bileams hingegeben haben, …

Sie strebten nach Ehre und Ruhm in der Sphäre der göttlichen Dinge (4Mo 22–24). Der Apostel Petrus sagt, dass „sie dem Weg Bileams nachfolgten …, der den Lohn der Ungerechtigkeit liebte“ (2Pet 2,15). Bileam war also nicht nur selbstsüchtig, sondern auch habgierig, bereit, seine prophetische Gabe herabzuwürdigen, um Reichtum zu erlangen, auch wenn er alles tat, um den Anschein zu erwecken, es wäre anders (4Mo 22,18). Auch würden diese Männer „die Lehre Bileams“ lehren, die das Volk Gottes zur Weltlichkeit verführen soll (Off 2,14).

Nimmt man diese drei Dinge zusammen, so ergibt sich ein Gesamtbild der geldgierigen, nach Ruhm strebenden Seite der Christenheit. Habgierige Menschen versuchen, das Christentum in ein profitables Geschäft zu verwandeln, und in vielerlei Hinsicht gelingt ihnen das. Sie sehen nichts Falsches darin, gegen Bezahlung auf der Kanzel zu dienen, Geld von den Verlorenen zu nehmen usw. Viele Prediger bereichern sich unvorstellbar. Der Apostel Paulus verurteilt dies: „Wir machen keine Geschäfte mit … dem Wort“ (2Kor 2,17; Fußnote). W.T.P. Wolston weist darauf hin, dass viele Kirchen in der Christenheit ohne Geld und Entertainment zugrunde gehen würden: Ohne Entertainment würden sie ihre große Zuhörerschaft verlieren und ohne Geld würden sie viele Männer und Frauen auf den Kanzeln verlieren.

6. Korah: Kirchlicher Irrtum

Vers 11c

Judas führt ein weiteres Beispiel aus dem Alten Testament an, um etwas anderes zu veranschaulichen, was die Christenheit kennzeichnet: kirchlicher Irrtum, und zwar Irrtum in Bezug auf kirchliche Lehre und Praxis. Judas deckt dies auf mit den Worten: 

Jud 11c: … und in dem Widerspruch Korahs sind sie umgekommen.

Korah und seine Rotte (4Mo 16) wollten eine Stellung über dem Volk. Doch diese stand nur Mose und Aaron zu. Beide sind ein doppeltes Abbild Christi, des „Apostels und Hohenpriesters unseres Bekenntnisses“ (Heb 3,1). Korah und seine Männer begnügten sich nicht mit der Stellung, die Gott ihnen als Leviten gegeben hatte, sondern sie wollten ein eigenes Amt. Ihr Aufstand gegen Gottes Ordnung unter dem mosaischen Gesetz stieß auf Gottes Missfallen und führte zu Gericht.

In der Christenheit haben sich Menschen in ähnlicher Weise erhoben und das Amt eines Geistlichen eingeführt. Dieses Amt in der Kirche ist eine rein menschliche Erfindung, denn Gottes Wort spricht nicht davon. Es verleiht dem Inhaber dieses Amtes (sei es ein Mann oder eine Frau) einen besonderen Platz zwischen Gott und seinem Volk. Gott hatte jedoch nie beabsichtigt, dass es eine Klasse von Personen geben sollte, die einer christlichen Gemeinde vorstehen. Tatsächlich wird so etwas in seinem Wort verurteilt (1Pet 5,3). Diese Menschen sind anmaßend und bezeichnen die Herde Gottes oft als ihre eigene Herde. Aufgeblasen von einem Gefühl der Wichtigkeit, übersehen sie Gottes Ordnung für christliche Anbetung und Dienst, wie sie in den Briefen gelehrt wird, und führen eine eigene, von Menschen gemachte Ordnung ein. Infolgedessen ist das System aus Klerus und Laien in den meisten, wenn nicht sogar in allen Konfessionen der Christenheit in unterschiedlichem Maß anzutreffen. Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen Korah und seinen Männern und  ihren christlichen Gegenstücken: Korahs Männer brachten es nicht so weit, ein Amt zu übernehmen; die Geistlichen in der Christenheit dagegen sind seit mehr als tausend Jahren auf ihrem von Menschen geschaffenen Platz tätig.

Der Charakter des Dienstes von abgefallenen Geistlichen (V. 12.13)

Verse 12.13

Jud 12.13: 12 Diese sind die Flecken {Klippen} bei euren Liebesmahlen, indem sie ohne Furcht Festessen mit euch halten und sich selbst weiden; Wolken ohne Wasser, von Winden hingetrieben; spätherbstliche Bäume, fruchtleer, zweimal erstorben, entwurzelt; 13 wilde Meereswogen, die ihre eigenen Schändlichkeiten ausschäumen; Irrsterne, denen das Dunkel der Finsternis in Ewigkeit aufbewahrt ist.

Wir sagen nicht, dass jeder Mann und jede Frau, die dem Klerus angehören, Abgefallene sind, denn die meisten sind wahre Gläubige. Aber viele sind leblose Bekenner. Judas verweist auf fünf Vorbilder in der Natur, um den Charakter dieser falschen Geistlichen und ihres Dienstes zu beschreiben:

1. Flecken

Erstens sagt Judas: „Diese sind die Flecken bei euren Liebesmahlen, indem sie ohne Furcht Festessen mit euch halten.“ Diese „Flecken“ oder auch „Klippen“ sind Felsen knapp unter der Wasseroberfläche. Wenn ein Segelschiff darauf stößt, kann es Schiffbruch erleiden. Felsen, die auf der Schiffskarte verzeichnet sind, sind nicht schwer zu umschiffen, doch verborgene Untiefen können für Segler katastrophal sein. Diese erste Metapher zeigt: Obwohl die falschen sogenannten Geistlichen von einer religiösen Körperschaft ordiniert worden sind und einen Doktor der Theologie haben, treiben sie viele in geistlichen „Schiffbruch“ (1Tim 1,19.20). Judas sagt, dass sie „ohne Furcht Festessen mit euch halten“. Sie haben also das Vertrauen der Mehrheit gewonnen und sind in vielen Kreisen willkommen.

2. Wolken

Zweitens sind sie wie „Wolken ohne Wasser, von Winden hingetrieben“. Das heißt, sie versprechen Segensströme, haben aber nichts, um die Seele zu erfrischen. Sie werden von „Winden“ mitgerissen, das heißt, ihr Dienst ist vergiftet von den Irrlehren, die in der Christenheit umhertreiben (Eph 4,14).

3. Spätherbstliche Bäume

Drittens sind sie wie „spätherbstliche Bäume, fruchtleer, zweimal erstorben, entwurzelt“. Normalerweise ist der Herbst die Zeit, in der die Bäume Früchte tragen, aber diese Menschen haben keine Früchte. Judas erklärt, warum: Sie sind „zweimal erstorben“. Das bezieht sich darauf, dass sie „tot sind in Vergehungen und Sünden“ (Eph 2,1.5) und auch tot durch Abfall (Off 8,9-11). All diese Bäume werden „entwurzelt“ und in das Feuer des Gerichts Gottes geworfen werden (Mt 15,13).

4. Wilde Meereswogen

Viertens sind sie „wilde Meereswogen“. Dies spricht von ihrem Ungehorsam. Da ihre Seele zügellos ist und kein Gesetz anerkennt, weigern sie sich, sich vom Wort Gottes leiten zu lassen. Ihre Lehre ist in Wirklichkeit das „Ausschäumen ihrer eigenen Schändlichkeiten“. Sie ist unverhohlen gotteslästerlich und entschuldigt eher die Sünde, als dass sie Rechtschaffenheit lehrt. Zwar merken sie ihre Schändlichkeiten selbst nicht, aber dennoch sind diese Dinge eine Schande für sie (Phil 3,19).

5. Irrsterne

Sie sind fünftens „Irrsterne, denen das Dunkel der Finsternis in Ewigkeit aufbewahrt ist“. Seit Tausenden von Jahren beobachten Seefahrer die Sterne zum Navigieren. Sterne sind ein Sinnbild von den Führern des Volkes Gottes, die dafür verantwortlich sind, den Gläubigen geistliches Licht und Orientierung zu geben (Off 1,20). Judas nennt diese falschen Geistlichen „Irrsterne“, denn ein Stern, der seinen Platz verlässt, führt die, die sich von ihm leiten lassen, nur in die Irre. Sie sind falsche Führer. Ihr falsches Licht wird im „Dunkel der Finsternis“ bald für immer ausgelöscht werden.

Das Ende des Christentums unter dem Gericht Gottes (V. 14-16)

Verse 14.15

Judas führt dann die Prophezeiung Henochs an, um zu zeigen: Der Herr wird nicht zulassen, dass diese Verderbnis, die mit seinem Namen verbunden wird (das christliche Zeugnis), auf unbestimmte Zeit anhält. Christus wird auf entschiedenste Weise durch Gericht eingreifen. Das christliche Zeugnis wird also keine Wiederherstellung erleben, sondern sein Ende wird das Gericht sein. Judas sagt:

Jud 14.15: 14 Es hat aber auch Henoch, der Siebte von Adam, von diesen geweissagt und gesagt: „Siehe, der Herr ist gekommen inmitten seiner heiligen Tausende, 15 um Gericht auszuführen gegen alle und zu überführen alle Gottlosen von allen ihren Werken der Gottlosigkeit, die sie gottlos verübt haben, und von all den harten Worten, die gottlose Sünder gegen ihn geredet haben.“

Hätten wir nur das Alte Testament, so hätten wir nie von dieser allerersten Prophezeiung überhaupt erfahren, denn dort wird sie nicht erwähnt (1Mo 5,21-23). Von Henoch wüssten wir nur: Er war ein Mensch, der mit Gott wandelte, was Gott wohlgefiel; und daraufhin wurde Henoch in den Himmel aufgenommen, ohne den Tod zu sehen (Heb 11,5). Aber aus dem Judasbrief erfahren wir, dass er auch ein Prophet war. Judas bezeichnet ihn als den „Siebten von Adam“, um ihn von dem gottlosen Henoch aus der Familie Kains zu unterscheiden (1Mo 4,17.18).

Henoch sprach diese Prophezeiung vor etwa viertausendfünfhundert Jahren aus! Der zentrale Punkt seiner Prophezeiung ist das Kommen des Herrn, seine Erscheinung. Auch viele andere Propheten sprechen von diesem Ereignis (Jes 30,27.28; Sach 14,5; Mt 16,27; 24,27-30; 1Thes 3,13; 4,14; 5,2; 2Thes 1,7-9; 2,8; 2Tim 4,1; Off 1,7; 19,11-21). Was so ernst ist im Zusammenhang mit dem Kommen Christi, um die Masse der Abgefallenen in der Christenheit zu richten: Das christliche Bekenntnis ist dadurch privilegiert, dass ihm die höchste Wahrheit (die Wahrheit des Geheimnisses) anvertraut ist; deshalb wird das größte Gericht die treffen, die vom Christentum abfallen (Lk 12,46-48)!

Der Herr lehrt, dass die falschen Bekenner, die bei seiner Erscheinung noch auf der Erde leben, von den Engeln lebendig in den Feuersee geworfen werden (Mt 13,37-42; 22,13; 24,37-41)! Sie werden nicht getötet und kommen deshalb auch nicht vor den großen weißen Thron, der ein Gericht über die bösen Toten ist (Off 20,11-15). Sie werden dem Richter selbst gegenüberstehen, wenn Er erscheint, und brauchen daher keine weitere Prüfung oder Beweise für ihre Schlechtigkeit. Sein alles sehendes Auge hat ihre gottlosen „Werke“ gesehen und seine Ohren haben ihre bösen „Worte“ gehört. Nicht nur die wahre Kirche wird bei der Entrückung von der Erde entrückt werden, ohne den Tod zu sehen. Bei der Erscheinung Christi wird auch die falsche Kirche (also diejenigen, die dann noch leben) von der Erde weggenommen werden, ohne den physischen Tod zu sehen. Doch wie groß wird der Unterschied sein – wie der Unterschied zwischen Himmel und Hölle!

Judas verwendet hier im Zusammenhang mit dem Gericht über diese gottlosen Menschen das Wort „überführen“. J.N. Darby sagt, dass es ein schwer zu übersetzendes Wort (elenko) ist (Joh 3,20; Fußnote). In ihm steckt der Gedanke des Tadelns, indem jemandes Schuld aufgedeckt wird. W.E. Vine schlägt vor, es habe damit zu tun, den Verurteilten zu beschämen. Das wird in diesem Gericht der Fall sein. Diese Abgefallenen (vor allem die religiösen Führer) haben in ihren theologischen Lehren schlimme und verletzende Dinge über Christus selbst und sein Werk gesagt, doch an jenem Tag werden sie öffentlich beschämt und auf höchst erniedrigende Weise verurteilt werden: Sie werden von den Engeln als Schurken ergriffen und lebendig in die Hölle geworfen.

Vers 16

Jud 16: Diese sind Murrende, mit ihrem Los Unzufriedene, die nach ihren Begierden wandeln; und ihr Mund redet stolze Worte, und um des Vorteils willen bewundern sie Personen.

Judas entlarvt diese Männer (insbesondere die Führer): Sie werden von fleischlichen Motiven und Selbstsucht getrieben. Sie reden „stolze Worte“ der Schmeichelei, um das Ego reicher und gesellschaftlich hochstehender Personen zu streicheln. Ihr Ziel: Sie wollen von ihnen einen persönlichen „Vorteil“ für sich selbst erlangen. So verhalten sich Weltmenschen, aber das alles hat ein jähes Ende, wenn der Herr zum Gericht eingreift.

Das Gericht über die Christenheit in drei Phasen

Das Gericht über die Christenheit wird genau genommen in drei Phasen vollzogen:

1. Bei der Entrückung

Erstens wird der Herr bei der Entrückung die lediglich bekennende Masse der sogenannten Christen aus seinem Mund „ausspeien“, indem Er sie auf der Erde zurücklässt, und sich damit ausdrücklich von ihnen distanzieren (Off 3,16).

2. In der Mitte der siebzigsten Woche Daniels

Zweitens: In der Mitte der siebzigsten Jahrwoche Daniels, also etwa dreieinhalb Jahre nach der Entrückung, wird das Tier, der Anführer des westlichen Staatenbundes, zu Beginn der großen Trübsal (Dan 9,27; 12,11; Mt 24,15-22) die große Hure (die Christenheit unter der Herrschaft des Katholizismus) vernichten und damit ihren götzendienerischen Praktiken ein Ende setzen. Dies geschieht, um den Weg freizumachen für die Anbetung des Tieres und seines Bildes durch alle Menschen im Westen (Off 17,16.17). Die rein bekennende Mehrheit wird ihr leeres christliches Bekenntnis aufgeben und das Tier anbeten, was der Mensch der Sünde (der Antichrist) fördern wird (2Thes 2,3.4).

3. Nach der großen Trübsal

Drittens wird nach der großen Drangsal der Herr aus dem Himmel erscheinen, um die Abgefallenen, die das Bekenntnis zum Christentum aufgegeben haben, zu richten, indem Er sie in den Feuersee wirft (Off 3,3). Diese letzte Phase ist das, was Henoch prophezeite.

Ratschläge für den Überrest der wahren Gläubigen (V. 17-23)

Wenn wir von all dem Bösen im christlichen Zeugnis erfahren, fragen wir uns vielleicht, was wir tun sollen. Judas sieht schon voraus, dass diese Frage uns beschäftigen wird, und so gibt er uns im letzten Abschnitt seinen göttlichen Rat: Die Antwort besteht nicht darin, verzweifelt aufzugeben oder sich in die Abgeschiedenheit zu begeben, damit wir uns vor den bösen Einflüssen des Abfalls schützen. Beachte auch: Judas sagt nicht, dass wir versuchen sollen, die in Unordnung geratene Christenheit in Ordnung zu bringen. Diese „Last“ hat der Herr seinem Volk nicht auferlegt (Mt 13,27-30; Off 2,24). Vielmehr zeigt uns Judas: Wir sollen in der Gnade, die Gott uns schenkt, und mit den Mitteln, die Er uns gegeben hat, im Glauben vorangehen und den Herrn erwarten, dass Er kommt und uns in das Haus des Vaters im Himmel heimholt.

In diesem letzten Abschnitt des Briefes wendet sich Judas an die wahren Gläubigen inmitten der leblosen bekennenden Masse, indem er sagt: „Ihr aber, Geliebte …“ Er identifiziert sie mit den Pronomen der ersten und zweiten Person: „ihr“, „euch“ und „unseres“. 

„Erinnert euch an die Worte der Apostel“

Verse 17.18

Seine Worte voller Gnade und Trost sind eine echte Ermutigung für uns:

Jud 17.18: 17 Ihr aber, Geliebte, erinnert euch an die von den Aposteln unseres Herrn Jesus Christus zuvor gesprochenen Worte, 18 dass sie euch sagten, dass am Ende der Zeit Spötter sein werden, die nach ihren eigenen Begierden der Gottlosigkeit wandeln. 

Zuerst sollen wir uns daran erinnern, was die Apostel über den Verfall des christlichen Zeugnisses sagen. Der Apostel Petrus sagt: „Diesen zweiten Brief, Geliebte, schreibe ich euch …, damit ihr euch erinnert an die von den heiligen Propheten zuvor gesprochenen Worte und an das Gebot des Herrn und Heilandes durch eure Apostel; indem ihr zuerst dieses wisst, dass in den letzten Tagen Spötter mit Spötterei kommen werden, die nach ihren eigenen Begierden wandeln“ (2Pet 3,1-3). Gott hat den Untergang vorausgesehen und die Gläubigen durch die Apostel warnen lassen, dass das christliche Zeugnis zugrunde gehen würde (Apg 20,29-31; 1Tim 4,1; 2Tim 3,1-9; 4,3.4; 2Pet 2,1.2; 1Joh 2,18.19 usw.). Sein Untergang sollte uns also nicht überraschen. Wir sind darüber im Vorhinein in Kenntnis gesetzt worden, so dass wir zwar traurig darüber sind, aber nicht verzweifeln. Der Herr weiß: Wir wären nicht in der Lage, die nachfolgenden Ermahnungen, die Judas weitergibt, überzeugt umzusetzen, wenn wir beunruhigt oder gar verzweifelt wären. Die Seele muss zuerst einmal zur Ruhe kommen und ungestört, unbehelligt sein – und genau dafür hat der Herr gesorgt, indem Er uns den Untergang des christlichen Zeugnisses vorausgesagt hat. Es ist beruhigend, zu wissen, dass Er alles darüber weiß. Deshalb sagt Judas uns, dass „Spötter“ auftreten, die die Wahrheit verhöhnen werden, und dass wir uns darauf einstellen sollen (2Pet 3,3.4).

J.N. Darby bemerkt zu dieser Art von frechem Widerstand gegen die Wahrheit:

Die Unwissenheit ist allgemein zuversichtlich, weil sie unwissend ist.[6]

Wir können also mit Widerstand rechnen, aber wir sollten darüber nicht bestürzt sein. Die Spötter können über die Wahrheit spotten, sie angreifen und versuchen, sie zu untergraben, doch das ändert nichts an der Wahrheit.

Vers 19

Jud 19: Diese sind es, die sich absondern, natürliche Menschen, die den Geist nicht haben.

Diese Spötter verursachen viele Sekten und Spaltungen, die sich in der Christenheit entwickelt haben. W. Kelly bemerkt:

Sie brechen die Gemeinschaft ab und bilden etwas Neues, was nicht die Billigung des Wortes Gottes hat. Das wird in der Heiligen Schrift als Häresie [Sektiererei] bezeichnet.[7]

Vergleiche 2. Petrus 2,1! Dass sie „den Geist nicht haben“, macht deutlich, dass sie nie errettet waren (Gal 3,2; Eph 1,13).

„Erbaut euch selbst auf euren allerheiligsten Glauben“

Vers 20a

Als Nächstes spricht Judas davon, dass wir auf dem festen Fundament der Wahrheit aufgebaut sein müssen:

Jud 20a: Ihr aber, Geliebte, euch selbst erbauend auf euren allerheiligsten Glauben …

Der „allerheiligste Glaube“ ist die christliche Offenbarung der Wahrheit. Sie ist den Gläubigen von den Aposteln überliefert worden (Jud 3) und ist in den einundzwanzig Briefen des Neuen Testamentes zu finden. Es ist jedoch eine Sache, die Wahrheit in den Händen zu halten, und eine andere, auf ihr erbaut zu sein. Wir könnten uns fragen: „Wie genau werden wir auf den allerheiligsten Glauben auferbaut?“ Der Apostel Paulus antwortet darauf mit den Worten: „Und nun befehle ich euch Gott und dem Wort seiner Gnade {der Heiligen Schrift} an, das vermag, aufzuerbauen und das Erbe zu geben unter allen Geheiligten“ (Apg 20,32). Wir erbauen uns also auf unseren allerheiligsten Glauben, indem wir das Wort Gottes (insbesondere die Briefe) gründlich kennen. Tun wir das also mit der nötigen Sorgfalt (1Tim 4,6.16; 2Tim 2,15), damit wir nicht „von jedem Wind der Lehre umhergetrieben“ werden (Eph 4,14). Welch ein Kontrast ist das zu dem, was wir zuvor im Brief gesehen haben: Während die Irrlehrer die Fundamente des Glaubens in den Herzen ihrer Zuhörer einreißen, sollen wahre Gläubigen sich selbst im allerheiligsten Glauben erbauen.

Beachte: Judas sagt nicht: „Baue den Glauben auf.“ Das würde bedeuten: Die Wahrheit ist nicht vollständig und hat daher noch Ergänzungen nötig – doch das ist abwegig. Der Apostel Paulus sagt, dass mit der Offenbarung des Geheimnisses die Wahrheit „vollendet“ ist (Kol 1,25-27). Nachdem Paulus das gesagt hatte, schrieben noch andere Schreiber Briefe, doch sie fügten der Wahrheit des Geheimnisses nichts mehr hinzu.

„Betet im Heiligen Geist“

Vers 20b

Wir sollten nicht nur das Wort Gottes studieren, sondern auch einsichtig beten. Deshalb fügt Judas hinzu:

Jud 20b: … betend im Heiligen Geist, …

Diese beiden Dinge gehören unbedingt zusammen – „wie die Hand im Handschuh“ (vgl. Lk 10,39–11,13). Beides muss ausgewogen sein. Das ist wichtig, denn wenn wir das Wort Gottes ohne Gebet studieren, kann das zu Gesetzlichkeit führen; und Gebet ohne das Studium des Wortes kann zu Fanatismus führen. Wenn wir „im“ Geist beten, dann stimmt unser Gebet mit den Gedanken des Heiligen Geistes überein. Denn wir kennen die Wahrheit und haben persönliche Gemeinschaft mit dem Herrn.

Beachte: Judas sagt, dass er im Geist betet, nicht, dass er für das Kommen des Geistes betet. Es gibt kein weiteres Pfingsten und keine weitere Taufe mit dem Heiligen Geist. Daher sollen wir nicht darauf hoffen, dass das öffentliche Zeugnis der Kirche wiederhergestellt wird. Der Geist Gottes ist gekommen, und da Er jetzt in der Kirche auf der Erde wohnt, sollen wir im Geist wandeln (Gal 5,16) und im Geist beten (Eph 6,18).

„Erhaltet euch selbst in der Liebe Gottes“

Vers 21a

Judas kommt zu etwas anderem, was wir angesichts des Glaubensabfalls tun sollten: Wir sollen uns an der Liebe Gottes erfreuen und sie genießen. Er sagt nicht: „Liebt Gott weiterhin.“ Er sagt auch nicht: „Haltet Gott dazu an, euch weiterhin zu lieben.“ Sondern vielmehr:

Jud 21a: … erhaltet euch selbst in der Liebe Gottes, …

Er spricht nicht von unserer Liebe zu Gott, sondern von Gottes Liebe zu uns! Es ist wie die Sonne, die auf die Straße scheint: Die eine Seite der Straße kann im Schatten liegen und die andere im Sonnenschein. Auf welcher Seite gehen wir? Gott liebt alle seine Kinder gleichermaßen, aber sie genießen seine Liebe nicht alle in gleichem Maß. Wir „erhalten“ uns im Sonnenschein seiner Liebe, indem wir uns selbst beurteilen und unsere Gemeinschaft mit Ihm aufrechterhalten.

„Erwartet die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus“

Vers 21b

Als Nächstes spricht Judas davon, dass wir das Kommen des Herrn (die Entrückung) erwarten sollen:

Jud 21b: … indem ihr die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus erwartet zum ewigen Leben.

Wir neigen heute in diesen letzten Tagen dazu, uns mit dem Niedergang in der Christenheit und in der Welt zu beschäftigen, aber das darf nicht unser Schwerpunkt sein. Denken wir daran, dass diejenigen, die sich mit dem Versagen beschäftigen, zu Versagern werden! Noahs Arche hatte ein Fenster „oben“, aus dem er und seine Familie schauen konnten (1Mo 6,16). Das bedeutet: Ihr Blick war himmelwärts gerichtet! Das Fenster befand sich nicht an der Seite der Arche. Wäre es dort gewesen, hätten sie sich vielleicht mit der Szene des Todes um sie herum beschäftigt, und das wäre entmutigend gewesen.

Dieser Vers im Judasbrief ist die einzige Stelle in der Heiligen Schrift, wo das Kommen des Herrn als „Barmherzigkeit“ bezeichnet wird. Unser Wunsch, aus dieser verdorbenen Welt herausgeholt zu werden, ist nicht der höchste Beweggrund, das Kommen des Herrn herbeizusehnen, doch was für eine Barmherzigkeit wird sein Kommen sein! Das „ewige Leben“ wird hier als etwas betrachtet, was am Ende unseres Weges steht, wenn wir verherrlicht sind und uns in der Sphäre befinden, wohin wir gehören. Dort wird die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn unsere ungetrübte Freude sein.

„Im Dienst beschäftigt sein“

Verse 22.23

Schließlich sollen wir im aktiven Dienst für den Herrn beschäftigt sein und denen helfen, die verwirrt und in den Irrtümern der Christenheit verstrickt sind. Judas sagt:

Jud 22.23: 22 Und die einen, die streiten, weist zurecht, 23 die anderen aber rettet mit Furcht, sie aus dem Feuer reißend, indem ihr auch das vom Fleisch befleckte Kleid hasst.

Es erfordert also Unterscheidungsvermögen, Menschen zu helfen, denn nicht alle Fälle sind gleich. In Zeiten des Abweichens von der Wahrheit müssen wir zwischen Führern und Geführten unterscheiden. Die einen sind willensstarke und eigensinnige Lehrer, die anderen sind nur Nachfolger, die wegen Irrlehrern gestrauchelt sind (Röm 16,17.18). Beachte auch, dass es in diesem Abschnitt eine moralische Ordnung gibt:

  1. Zuerst spricht Judas davon, dass wir auf dem allerheiligsten Glauben aufgebaut sind, im Heiligen Geist beten, uns der Liebe Gottes durch Gemeinschaft erfreuen und die unmittelbare Ankunft des Herrn vor Augen haben.
  2. Erst danach ermutigt er uns, anderen zu helfen. Unsere Wirksamkeit im Dienst für den Herrn wird stark beeinträchtigt, wenn die unter Punkt 1 erwähnten Dinge in unserem Leben nicht vorhanden sind.

Drei Klassen von Personen – Unterscheidung erforderlich

  1. Die erste Klasse von Menschen sind die Führer, die in ihren bösen Lehren gefangen sind. Wir sollen nicht versuchen, sie zu retten, denn sie sind abgefallen und können nicht zur Buße erneuert und wiederhergestellt werden (Heb 6,4-6). Vielmehr sollen wir sie mit der Wahrheit „zurechtweisen {überführen}“.[8] Es ist klar, dass diese Männer die Wahrheit nicht wollen; sie wollen darüber streiten. Das Wort, das in Judas 9 im Zusammenhang mit dem Streit des Teufels mit dem Erzengel Michael verwendet wird, ist dasselbe Wort, das hier verwendet wird. Diese Leute, die über die Wahrheit streiten, tun also das Werk ihres Meisters!

  2. Die zweite Klasse von Menschen kann gerettet werden, indem man sie „aus dem Feuer reißt“. Das sind nicht die Verführer, sondern die, die von den Verführern verführt worden sind. Sie sind versehentlich in böse Lehren verstrickt worden und müssen von diesen falschen Ideen befreit werden. Da wir auf dem allerheiligsten Glauben erbaut und in der Wahrheit unterwiesen sind, wozu Judas uns ermahnt, sollten wir wohl fähig sein, diese Menschen aus diesen Irrlehren herauszuführen, wenn sie nicht eigenwillig darauf beharren. Beachte: Es heißt, dass wir sie aus der geistlichen Verwirrung und dem Durcheinander,  in dem sie sich befinden, „herausreißen“ sollen, nicht „herausschieben“. Schieben bedeutet, zu ihnen in den Graben zu steigen; doch wenn wir das tun, könnten wir selbst in das Böse verwickelt werden. Nein, wir sollen von der Verderbnis getrennt bleiben, auf festem Boden bleiben und sie herausziehen. Die Errettung, von der Judas hier spricht, ist nicht die ewige Errettung der Seele; das kann nur der Herr tun, wenn wir an sein Werk am Kreuz glauben. Es handelt sich um eine praktische Errettung von den Irrlehren der Christenheit (1Tim 4,16).

  3. Die dritte Klasse sind diejenigen, von denen Judas sagt: „Und die anderen errettet.“ Das sind Menschen, die moralisch und geistlich so verdorben sind, dass wir besonders vorsichtig sein müssen, wenn wir ihnen die Hand reichen, damit wir nicht durch die Umstände, in denen wir sie vorfinden, verunreinigt werden. Deshalb fügt Judas hinzu: „indem ihr auch das vom Fleisch befleckte Kleid hasst“. Ein „Kleid“ ist etwas, was jemand umgibt, wenn er es trägt. Es wird in der Schrift oft bildlich verwendet, um die Umstände zu bezeichnen, in denen jemand lebt (3Mo 13,47-59; Mk 10,50 usw.). Wir müssen sein „Kleid“ hassen, weil seine Umstände verunreinigend sind. Wir sollen also den Menschen lieben, aber seine Sünden hassen – und dieser Hass muss immer aufrechterhalten bleiben. Da wir uns der verunreinigenden Situationen, in denen sich diese Menschen befinden, bewusst sind, müssen wir „mit Furcht“ arbeiten, damit wir durch einen solchen Umgang nicht selbst verunreinigt werden. Deshalb sollten wir mit Vorsicht vorgehen. Es geht nicht darum, das Böse, in dem sie sich befinden, zu tolerieren, sondern darum, dass wir uns des Bösen bewusst sind und moralisch davon getrennt bleiben, während wir versuchen, sie zu befreien.

Ein Lobgesang (V. 24.25)

Verse 24.25

Abschließend befiehlt Judas die Gläubigen dem Herrn an, der in der Lage ist, uns vor den Fallstricken des Weges zu bewahren. Judas schließt mit einem kurzen Lobgesang:

Jud 24.25: 24 Dem aber, der euch ohne Straucheln zu bewahren und vor seiner Herrlichkeit untadelig darzustellen vermag mit Frohlocken, 25 dem alleinigen Gott, unserem Heiland, durch Jesus Christus, unseren Herrn, sei Herrlichkeit, Majestät, Macht und Gewalt vor aller Zeit und jetzt und in alle Ewigkeit! Amen.

Da wir den haben, „der vermag“, uns „ohne Straucheln“ zu bewahren, gibt es keinen Grund, warum wir unser christliches Leben nicht ohne Versagen leben können – selbst in diesen geistlich gefahrvollen Zeiten (2Tim 3,1)! Egal, wie dunkel und schwierig der Tag ist – die Gnade des Herrn ist diesem Tag gewachsen (Jak 4,6). Wenn wir uns an Ihn wenden und Ihn um Hilfe bitten, wird Er uns durch sein hohepriesterliches Wirken vor jeder Gefahr auf dem Weg erretten (Heb 7,25). Auch wenn wir in Tagen des allgemeinen Niedergangs leben, vermag Er uns „vor seiner Herrlichkeit untadelig darzustellen … mit Frohlocken“. Das ist wirklich ein ermutigendes Wort!

Weil Er in der Lage ist, uns zu bewahren, können wir nur uns selbst die Schuld geben, wenn wir auf dem Weg straucheln und versagen. „Abfallen“ ist ein Begriff, der gewöhnlich verwendet wird, um den Glaubensabfall zu bezeichnen (Lk 8,13; 2Thes 2,3; Heb 6,6; Off 8,10). Ein Gläubiger kann straucheln (Röm 14,21; 2Kor 11,29; 2Pet 1,10; 1Joh 2,10) oder „aus seiner eigenen Festigkeit fallen“ (2Pet 3,17), aber er „fällt nicht ab“.

Welch ein Gegensatz zwischen den abgefallenen Verderbern und den wahren Gläubigen Gottes! Die Abgefallenen werden ihr Ende im Gericht finden; die wahren Gläubigen dagegen werden ihr Ende darin finden, dass sie „mit Frohlocken vor seiner Herrlichkeit dargestellt werden“ (Jud 24)! Es ist nicht verwunderlich, dass Judas seinen Brief mit einem Lobgesang beschließt auf den, der es wert ist.


Aus The Epistle of Jude. The Apostasy of Christendom and the Path for the Faithful Amidst Those Conditions
E-Book-Version 1.3

 

Übersetzung: Stephan Isenberg

Anmerkungen

[1] J.N. Darby, Synopsis of the Books of the Bible, Loizeaux, Bd. 5, S. 547. Vgl. J.N. Darby, Betrachtung über Judas (Synopsis), auf bibelkommentare.de.

[2] Siehe W. Kelly, Lectures on the Epistle of Jude, S. 10–11.

[3] H. Smith, The Epistle of Jude, S. 5. Der Judasbrief, Quelle: bibelkommentare.de.

[4] J.N. Darby, Letters of J.N. Darby, Bd. 2, S. 447.

[5] Anmerkung: „Erzengel“ steht in der Einzahl; es gibt nur ein solches Geschöpf. In ähnlicher Weise steht „Teufel“ in der Heiligen Schrift immer in der Einzahl. Die englische KJV sagt jedoch gelegentlich „Teufel“ [Mehrzahl], aber es sollte mit „Dämonen“ übersetzt werden. Es gibt einen Teufel, aber viele Dämonen.

[6] J.N. Darby, Synopsis of the Books of the Bible, Loizeaux, Bd. 1, S. 11. Betrachtung über das erste Buch Mose (Synopsis), Vorwort. Quelle: bibelkommentare.de.

[7] W. Kelly, Lectures on the Epistle of Jude, S. 142.

[8] Dies ist dasselbe Wort wie in Judas 15, wo es darum geht, dass eine verurteilte Person beschämt wird, so dass ihre Schuld für alle offenbar wird.

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