Die prophetische Geschichte der Gemeinde (8)
Offenbarung 3,14-22

Frederick William Grant

© SoundWords, online seit: 14.12.2003, aktualisiert: 12.01.2018

Leitverse: Offenbarung 3,14-22

Off 3,14-22: 14 Und dem Engel der Versammlung in Laodizea schreibe: Dieses sagt der Amen, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: 15 Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! 16 So, weil du lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Mund. 17 Weil du sagst: Ich bin reich und bin reich geworden und bedarf nichts ? und du weißt nicht, dass du der Elende und Jämmerliche und arm und blind und nackt bist ?, 18 rate ich dir, Gold von mir zu kaufen, geläutert im Feuer, damit du reich wirst; und weiße Kleider, damit du bekleidet wirst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar wird; und Augensalbe, um deine Augen zu salben, damit du sehen kannst. 19 Ich überführe und züchtige, so viele ich liebe. Sei nun eifrig und tu Buße! 20 Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen und das Abendbrot mit ihm essen, und er mit mir. 21 Wer überwindet, dem werde ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden und mich mit meinem Vater gesetzt habe auf seinen Thron. 22 Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Versammlungen sagt!

Was die Zeit seiner Geduld zu Ende bringt

Liebe Freunde, wir kommen nun zum ernsten Schluss von allem; und es ist sehr auffällig, dass er direkt auf das Sendschreiben an Philadelphia folgt, in dem mehr als nur ein wenig Glanz an Licht und Segen aufleuchtete. Die beiden Dinge hängen sehr eng zusammen: der Segen für die Gemeinde in Philadelphia führt uns in einem Sinn wirklich zum Gericht über die Gemeinde von Laodizea.

Der wichtigste Zug am Sendschreiben an Laodizea ist, dass sie lauwarm sind – weder kalt noch heiß. Sicherlich können wir sagen, wir haben den kalten Zustand bei Sardes gehabt: Der Tod ist kalt genug. Bei Philadelphia haben wir gesehen, wie der Herr die Dinge wiederbelebt – das könnten wir Glut nennen. Die Mischung aus diesen beiden erzeugt nun den lauwarmen Zustand, von dem Er spricht. Es ist nicht Glut wie in Philadelphia; es ist nicht Kälte wie bei Sardes; aber die Glut reich sozusagen nur aus, die Kälte auf lauwarm zu erwärmen – nicht mehr. Die Wahrheit hat ihrer Wirkung getan, die Wahrheit muss immer wirken, Gottes Wort kommt niemals leer zu ihm zurück, ohne etwas zu bewirken, ohne irgendwie eine Spur in der Seele zurückzulassen.

Aber diese Spur kann von zweierlei Art sein. Es kann Segen sein, wie Gott es beabsichtigt. Ganz gewiss ist das, was Er will, Segen; andererseits aber, wenn die Wahrheit nicht so aufgenommen wird, dass sie Segen wirkt, was dann? Sie hat dennoch eine Wirkung, aber durch vermehrte Verantwortung und entsprechendes Gericht. Und wenn die Christenheit versagt (denn es ist die Geschichte des bekennenden Christentums, die wir betrachtet haben), wenn zwar Gott aus seinem Schatz göttliche Wahrheit hervorbringt, aber diese keine rechte Aufnahme findet, kein Segen für die Massen daraus wird, keine Erweckung großen Stils hervorgebracht wird, was dann? Dann bleibt Ihm nichts anderes zu tun – dann muss das Gericht kommen. Dann muss Er alles neu aufrollen.

Seht, wenn da das Gesetz war (und das versagte, wie wir wissen), versagte es (das heißt natürlich, als die Menschen unter ihm versagten und von ihm als Übertreter verurteilt wurden) – wenn das Gesetz versagte, hatte Gott etwas anderes, was Er einführte: die kostbare Gnade der Christenheit. Und dies tat Er, während Er aber doch den verderbten Zustand der Dinge im Judentum verurteilte. Dennoch, Gott kam und gab uns den „kostbaren Glauben“ des Christentums. Wenn das Christentum nun versagt, was hat Er zu tun? Was hat Er noch zu bringen? Wenn seine Wahrheit, zuvor geprüft und nun wieder geprüft (sein zweifacher Zeuge), nicht ausreicht, um die Dinge zu beleben, was dann?

Nun, der Zustand ist so, wie wir ihn in Jesaja 26 finden: „Wird dem Gesetzlosen Gnade erzeigt, so lernt er nicht Gerechtigkeit.“ Das ist es, was wir hier haben: Gericht muss kommen, weil die Gnade abgelehnt worden ist; weil sie für die Welt im Großen und Ganzen nichts erreicht hat, muss Er das eiserne Zepter nehmen; weil sein Wort und sein Geist abgelehnt worden sind, muss Er mit eisernem Stab kommen, um die Opposition niederzuschlagen.

Doch beachten wir, was sehr verblüffend ist hier: Gott hat nicht nur seine Wahrheit neu gegeben, und sie ist abgelehnt worden; sie ist angenommen worden, sonst gäbe es keine Glut in Laodizea; sonst wäre da nichts als die Kälte von Sardes. Eine Wirkung ist da. Die Wahrheit ist angenommen worden, aber wofür ist sie angenommen worden? Nicht um den Menschen zu richten und um alle seine hochmütigen Gedanken in der Gegenwart Gottes zu erniedrigen, damit Er erhoben und gesegnet werde, sondern sie ist vom Menschen genommen worden, damit er sich selbst durch sie erhebe. Er ist dadurch „reich und reich geworden und bedarf nichts“. In seiner eigenen Denkweise ist es so; während er doch in Wirklichkeit „der Elende und Jämmerliche und arm und blind und bloß“ ist. Das ist das Auffälligste, was wir hier haben. Christus selbst wird nicht mit der Wahrheit in Verbindung gebracht. Die Wahrheit ist angenommen worden, und die Leute schmeicheln sich damit, dass sie sie haben; sie sind reich und brauchen nichts.

Sie haben sehr viel bekommen, aber Christus haben sie nicht. Christus ist draußen, wenn Er auch vor der Tür steht und anklopft und noch immer bereit ist hereinzukommen; wenn Ihm jemand die Tür aufmacht, will Er hereinkommen und mit ihm das Abendmahl halten und er mit Ihm. Andererseits, wenn Christus vor der Tür steht, kann der Mensch in seiner Abwesenheit tun, was er in seiner Gegenwart nicht könnte: Er kann sich aufputzen mit der Wahrheit, die Gott ihm zu einem anderen Zweck gegeben hat – er kann sich statt Gott verherrlichen.

Der Herr spricht daher von sich als von dem, der sozusagen alles getan hat, was Er konnte, und alles hat versagt. Er ist „der Amen“, der treue und wahrhaftige Zeuge: Er hat nicht versagt. Er ist der „Amen“. Wir finden in Kapitel 1 des zweiten Korintherbriefes, dass der Apostel von dem Wort, das er predigt, sagt, es habe den Charakter von Ja und Amen: Denn in Christus ist es Ja; in Christus ist es niemals Ja und Nein. Nichts Ungewisses oder Zweifelhaftes war an Christus oder seinem Wort; Er war immer einfach positiv „ja“ – immer sagte Er eine Sache, und darauf konnte man sich vollkommen verlassen. Wenn wir nur ein Wort haben, ist es eine gesegnete Wirklichkeit, die Gott uns in seiner unendlichen Liebe gegeben hat, an die wir für alle Ewigkeit unsere Seele hängen dürfen und die uns nie im Stich lassen wird.

Das Wesen Christi sollte sich dem Christen aufprägen; Christus, wie Er in seinem Wort gesehen wird, sollte sich in seinem Volk zeigen; aber wenn sie, wie leider hier in Laodizea, nicht getreu gewesen sind, bleibt Er doch treu: Er ist der Amen, der „treue und wahrhaftige Zeuge“. Die Kirche ist alles andere als das gewesen. Er steht im Begriff, ihren Leuchter wegzunehmen, weil sie untreu und unwahr sind; aber der Herr hat nicht versagt, und Er stellt sich dar als der absolut Treue und Verlässliche. Und wir können sagen, dass das unsere Freude und unser Trost ist inmitten des Versagens ringsum in der Gegenwart. Das Versagen seines Volkes ist nicht das seine. Der Unglaube mag sich mit dem Versagen von Christen rechtfertigen; und sogar Christen bringen es leider fertig, im allgemeinen Zusammenbruch, es beinahe Ihm anzulasten. Doch nein, Er bleibt treu, Er kann sich nicht verleugnen. Er ist der „treue und wahrhaftige Zeuge“.

Und Er ist „der Anfang der Schöpfung Gottes“; das ist eine sehr wichtige Sache. Wir sehen, dass der Herr in all diesen Sendschreiben immer das über sich selbst aussagt, was für den Zustand, den Er vor sich findet, besonders wichtig ist und Ihm begegnet. So ist Er hier nicht nur der treue und wahrhaftige Zeuge, sondern Er ist auch der Anfang der Schöpfung Gottes. Die alte von der Sünde verdorbene Schöpfung vergeht; ihre Geschichte ist aus Gottes Sicht abgeschlossen, und im Kreuz Jesu ist das Urteil über sie gesprochen. Christus, der Auferstandene von den Toten, ist nicht die Reparatur für die alte Schöpfung, sondern die Einführung der neuen Schöpfung. Auferstanden von den Toten ist in Ihm alles, was sein ist und damit wirklich Gott gehört, was zuerst und immer in seinen Gedanken ist, und wofür der Untergang des Alten nur den Weg bereitete.

Als der Psalmist seine Augen zum Himmel erhob und angesichts der herrlichen Werke Gottes dort ausrief: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“, lautet die Antwort: „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als die Engel.“ Aber wen? Er spricht nicht von dem ersten Menschen, sondern von dem zweiten: dem Einen, in dem allein sein wahres Ideal vom Menschen verwirklicht ist,dem Einen, für den der erste Adam nur ein flüchtiges Abbild und sogar ein Gegensatz war.

Wenn das nun so ist, müssen wir besonders die Worte beachten, die hier über den Zustand der Dinge in Laodizea gebraucht werden; denn es ist offensichtlich, dass sie zwar Christus draußen lassen, dass sie aber die Wahrheit, die Er brachte, aufnehmen und sich damit schmücken und sich für reich und ohne Bedürfnisse halten; das heißt, sie nehmen Gottes Wahrheit, um die alte Schöpfung aufzubauen, nicht die neue. Es ist eine äußerst ernste Sache, wenn man sieht, dass er gerade die Wahrheit, die Gott hervorgebracht hat, um den Menschen zu richten, zum Zweck der Selbstbeweihräucherung benutzt.

Nimmt man das Gesetz, wie hat der Mensch das Gesetz gebraucht? Gott gab es, „dass jeder Mund gestopft werde“, wie der Apostel sagt, „und die ganze Welt dem Gericht Gottes verfallen sei“ (Röm 3). Wie hat der Mensch es gebraucht? Wir wissen, dass er es gebraucht hat, um seine eigene Gerechtigkeit damit aufzurichten: statt es anzunehmen als Verdammnis, hat er es genau für das Gegenteil gebraucht. Und genau so mit dem Christentum: Gott hat die Wahrheit von der neuen Schöpfung eingebracht, da die Welt vor ihm dem Tod und Gericht verfallen war. Und doch nahm der Mensch die gesegnete Wahrheit des Christentums und überkleidete die alte Schöpfung damit, wollte die Welt flicken und sie besser machen, wenn er konnte. Leider tut er das nach allen Seiten; und die Menschen rühmen sich des Erfolgs ihrer Bemühung.

Wir wissen, welchen Fortschritt die Menschen zu machen meinen – wie viel besser die Welt sei; und sie hoffen, das Friedensreich sei nicht mehr fern. Das Evangelium zeigt seine Wirkung, denn die Kirchen sind voll, und man hat reichlich Geld, um es nach Übersee zu schicken, und recht viele Bibeln für die Heiden – lauter Äußerlichkeiten, die gar nichts beweisen. Man kann für viel Geld alle möglichen Bibeln kaufen, aber man kann nicht für viel Geld, den Geist Gottes kaufen.

Kein Zweifel, Gottes Geist wirkt wirklich und weitreichend, aber sein Ziel und das Ziel des Menschen gehen so weit auseinander, dass, während Er Seelen bekehrt, um „sie aus dieser gegenwärtigen bösen Welt zu erlösen“, der Mensch den Gedanken hat, die Welt zu verbessern, eine christliche Welt: die Wirkung ist, dass Christen und die Welt vermischt werden und das Christentum immer weniger biblisch wird.

Aber in diesen letzten Tagen hat Gott es vielen wenigstens gegeben, die Wahrheit in seinem Wort zu erkennen. Wieder hat Er die Wahrheit von der neuen Schöpfung aufleben lassen und uns die praktischen und fruchtbaren Folgen offenbart, die sich aus einem Platz in Christus ergeben, dort, wo Er ist in den Himmeln. Liebe Freunde, was machen wir aus dieser Wahrheit, die wir erkennen? Reden wir davon, in Christus zu sein, eine neue Kreatur, das Alte vergangen und alles ist neu geworden, und doch klammern wir uns mit all unserer Kraft an das, was all die moralischen Elemente in sich hat, welche die Welt ausmachen: „Fleischeslust, Augenlust, hoffärtiges Wesen“? Rang, Stellung, Herkunft, Wohlstand, weltlicher Berufsstand: Was sind sie uns? Zählen sie etwas in unserer Wertschätzung? Oder die Dinge, die uns „Gewinn“ waren, haben wir sie aufrichtig „um Christi willen für Schaden“ geachtet? Sind wir „erneuert zur Erkenntnis nach dem Bilde dessen, der ihn erschaffen hat; wo nicht ist Grieche und Jude, Beschneidung und Vorhaut, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen“? Ist das für uns Theorie, oder ist es praktische Wirklichkeit? Muss sich der Herr auch uns beschwörend zuwenden als der, der „Anfang der Schöpfung Gottes“ ist? Wenn ja, in welchem Maße ist Laodizea auch bei uns?

Denn sicher ist, wie Philadelphia uns diese wahre „brüderliche Liebe“ vorstellt, die aus unserem Verstehen einer Beziehung entsteht, die wir in Christus und mit Gott zu einander haben, so spricht dies tödliche abschließende Wort „Laodizea“ von dem, was das gerade Gegenteil dieses Verstehens ist. Laodizea bedeutet „Recht des Volkes“ (aus laos = „Volk“ und dike = „Recht“), nicht Christi Herrlichkeit. Das ist eine Forderung, die ganz und gar zu der alten Schöpfung gehört und nicht zu der neuen – eine Forderung, welche die Bedeutung des Kreuzes als Urteilsspruch und als Problem des ersten Adam beiseiteschiebt und natürlich ebenso den gesegneten Platz nicht beachtet, den wir aus Gnaden in Christus haben. Aber wir kommen noch darauf zurück.

Gehen wir nun weiter in dem, was der Herr sagt: „Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest.“

Demnach akzeptiert Er also das lauwarme Laodizea nicht als Verbesserung gegenüber der Kälte von Sardes. Und warum? Weil die Wärme nicht die Wärme der Erweckung ist, sondern der Abweichung. Es ist das Endergebnis dessen, was Er gegeben hatte, um etwas ganz anderes herbeizuführen. Das Versagen kommt nach wiederholter, gründlicher Prüfung. Es ist das Versagen der allerhöchsten, reichsten und wundervollsten Wahrheit: Gottes Herz rückhaltlos dem Menschen ausgeschüttet, dass wir Ihn erkennen, genießen und mit Ihm vertraut sein sollten. Es ist das Herz, das sich angesichts des geöffneten Himmels abwendet, um sich der Tünche und dem Tand der Welt zuzuwenden. Darum sagt Er: „Also, weil du lau bist und weder kalt noch warm, so werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“ Das ist das traurige Ende des bekennenden Christentums.

Natürlich wird Er nicht die geliebten Seinen aus seinem Munde ausspeien. Er muss diese zuerst zu sich nehmen, ehe Er die große Masse als ihm abscheulich ablehnen kann. Und wir haben schon im Sendschreiben an Philadelphia gesehen, dass der Herr ihnen sagt, Er werde bald komme und Er werde sie bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über die Welt kommen werde. Nicht nur vor der Versuchung – dafür könnte Er sie in der Wüste verstecken –, sondern vor der Stunde. Demnach muss Er sie zu sich nehmen, ganz heraus aus der Welt. Und das ist mit dem „Ich komme bald“ auch gesagt.

Hier nun haben wir die kurze, ernste Pause, ehe der Herr sein Volk zu sich nimmt. Er muss dies tun, ehe Er die bekennende Gemeinschaft aus seinem Munde ausspeit. Er kann so nicht das ärmste, schwächste und verirrteste der Seinen ablehnen. Und es ist wichtig, dies zu betonen, denn die Ansicht ist in Umlauf, wonach nur eine Klasse Christen, die besser sind als die durchschnittlichen, aufgenommen werde, wenn der Herr kommt, während der Rest auf der Erde bleibe, um durch die Versuchung zu gehen, die dann folgt, wenn die Erde seine Zornesschalen erdulden muss. Sie weisen auf die Verheißung an Philadelphia hin als die Verheißung an eine besondere Klasse.

Und die zehn Jungfrauen aus dem Gleichnis unseres Herrn gelten ihnen als alle Christen (da sie als Beweis anführen, es seien alles „Jungfrauen“), nur törichte Christen, nicht wachsam, nicht bereit, zwar mit dem Öl des Geistes in ihren Lampen, aber ohne extra Vorrat in ihren „Gefäßen“. So hören ihre Lampen, die zunächst gebrannt hatten, auf zu brennen, und als sie neues Öl holen, ist es zu spät für sie, zum Hochzeitsfest hereingelassen zu werden. Der Herr weist sie nur als seine Braut zurück: Diesen Platz verlieren sie, und sie werden ausgesperrt, um in der Versuchung gereinigt zu werden und hinterher bereit zu sein für das Reich Gottes.

Aber wie viele kostbare Realitäten müssen von denen, die diese Ansicht vertreten, geleugnet werden! Ist es denn unsere Treue, die uns einen Anteil gibt unter denen, die würdig sind, den Titel der Braut Christi zu tragen? Wird der Herr, wenn Er kommt, wirklich in dieser Weise zwischen größerer und geringerer Treue unterscheiden? Zwischen gewöhnlichen und außergewöhnlichen Christen? Welch ein Aufwand, um die gesegnete und reinigende Hoffnung in ein Mittel zur Selbstgefälligkeit und zur Verzweiflung zu verwandeln! Wenn ich einer dieser mehr als gewöhnlichen Christen sein soll, die von Ihm anerkannt werden, wo muss man die Linie ziehen, und auf welcher Seite stehe ich? Soll sich meine freudige Erwartung auf diese gesegnete Zeit auf meinen Glauben an meine Überlegenheit über die vielen anderen Brüder gründen? Welch bequemes Pharisäertum oder welches Verzweifeln vor der Gerechtigkeit muss eine solche Ansicht mit sich bringen! Wenn das stimmt, warum sollte dann nur unter den lebenden Heiligen eine solche Unterscheidung gemacht werden? Warum sollte sie nicht auch die Toten betreffen? Und was soll sie denn reinigen?

Was die Bibel betrifft, so ist die Unterstützung, die sie derartigen Ansichten gibt, nur scheinbar und das Ergebnis der Deutung einzelner Abschnitte, die im Gegensatz steht zu ihrer ganz klaren Lehre. Das Kommen des Herrn zur Entrückung seiner Heiligen wird in der Bibel nie in Verbindung gebracht mit unseren Pflichten und deren Beachtung, sondern mit der Erfüllung der Hoffnung, mit der die Gnade uns belebt hat. Unsere Pflichten und der Lohn für unsere Werke werden immer verbunden mit dem, was Wiederkunft oder Offenbarung oder Kommen Christi genannt wird: sein Kommen mit den Heiligen, nicht um sie zu holen. An der Tür zum Hause des Vaters, wo Er uns willkommen heißt, wenn Er kommt, steht kein Wachposten. Wir gehen gereinigt durch das teure Blut Christi und in Christus hinein. Wir sind schon jetzt nicht nur berechtigt, sondern „fähig gemacht zu dem Anteil am Erbe der Heiligen in dem Licht“.

Wenn Er in die Welt kommt und die Seinen ihre Plätze mit Ihm als Beteiligte an seiner Herrschaft einnehmen, werden Würden, Ehren und Lohn des Werkes ihren Platz bekommen. Es wird heißen: „Du sollst über zehn herrschen“, und: „Du sollst über fünf Städte regieren.“ Wir können uns das nicht genug verdeutlichen. Erlösung, Gerechtigkeit, Kind sein dürfen beim Vater, Mitgliedschaft im Leib Christi, unsere Beziehung zu Christus als seine Braut – ja, dass wir „Könige und Priester sind vor seinem Gott und Vater“, sind Dinge, die durch unser Werk überhaupt nicht erworben oder verloren werden können. Christus hat sie für uns erworben, und die Gnade verleiht sie – die Gnade und nur die Gnade allein.

Wenn der Herr selbst also herabkommt vom Himmel mit lautem Rufen, mit der Stimme des Erzengels und mit der Posaune Gottes, gibt es dann Diskriminierung unter denen, die in Christus sind: unter den Toten, die auferweckt werden sollen, unter den Lebenden, die verwandelt werden sollen? Keineswegs, sondern „die Toten in Christo werden zuerst auferstehen; danach werden wir, die Lebenden, die übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft; und also werden wir allezeit bei dem Herrn sein“. Gesegnete Worte, wie sie den frostigen Nebel der Gesetzlichkeit durchdringen und zerstreuen und die „gesegnete Hoffnung“ nicht zu einem Mittel schmerzlichster Verwirrung und des Zweifels machen, sondern wirklich zu „Hoffnung“!

Und die Schriftabschnitte, auf denen diese Schreiber aufbauen, stehen auch keineswegs im Widerspruch zueinander. Die Verheißung für den Überwinder bei Philadelphia gehört zu einer Gruppe von apokalyptischen Aussagen, die, wenn man sie gemeinsam betrachtet, deutlich zeigen, dass sie sich an jeden wahren Glaubenden richten. Nehmen wir die Verheißung von Ephesus und fragen wir uns, wird nicht jeder Glaubende „zu essen bekommen vom Baum des Lebens, welcher in dem Paradiese Gottes ist“? Nehmen wir jene für Smyrna und fragen wir, wird jemand, der glaubt, „beschädigt werden von dem zweiten Tode“? Und so weiter durch alle übrigen. Auch dem geringsten Gläubigen kommt sicherlich etwas vom Geist des Überwinders zu; und während die Verheißungen als Ermutigung für den Glauben gedacht und auf den besonderen Zustand zugeschnitten sind, der aufgezeigt wird, wissen wir doch, dass die Frucht vom Baum des Lebens und die Bewahrung vor dem zweiten Tod nicht das Ergebnis irgendeines Tuns auf unserer Seite ist, sondern das Werk seiner Gnade und sein Werk allein.

Was nun wiederum die zehn Jungfrauen betrifft, ist es ein Fehler, anzunehmen, dass in diesem Bild Christen als Christus anverlobt dargestellt werden sollen. Die Jungfrauen, die dem Bräutigam entgegengehen, sind nicht die Braut, und setzt man sie an diese Stelle, fällt das Gleichnis auseinander. Nach der ganzen Grundstimmung der Prophezeiung dieser Kapitel geht es hier vor allem um das jüdische Volk und die Erde, und das Gleichnis von den Jungfrauen ist als ein Einschub zu verstehen, der die Verbindung der Christen damit aufzeigt. Der Herr kommt, um eine jüdische Braut zu nehmen gemäß der Sprache der alttestamentlichen Propheten. Auf seinem Wege dazu ist sein Volk der Gegenwart aufgerufen, ihm entgegenzugehen und mit ihm umzukehren. Das geht aus den Formulierungen im Griechischen hervor. Demnach geschieht es erst, wenn Er wieder auf die Erde gekommen ist, dass die törichten Jungfrauen abgewiesen werden; sie werden nicht als seine Braut abgewiesen, sondern werden völlig aus seinem Königreich ausgewiesen. Was das Öl betrifft, wird ausdrücklich gesagt, dass sie kein Öl mitgenommen hatten; und die ablehnenden Worte des Herrn „Ich kenne euch nicht“, sind entscheidend, wenn sie von dem kommen, der „die Seinen kennt“ und sie niemals aufgibt.

Das Gleichnis gehört zu den Gleichnissen vom Reich Gottes; und in den Gleichnissen umfasst das Reich Gottes den ganzen Bereich des Bekennens. „Jungfrauen“, „Knechte“ und ähnliche Bezeichnungen weisen nur auf die Pflicht zum Bekenntnis hin, nicht unbedingt auf die Wahrheit. Der war auch ein Knecht, der das Geld seines Herrn in ein Tuch wickelte und verwahrte und nie wirklich diente. Er war ein Knecht, aber ein böser; und so ist es auch mit diesen törichten Jungfrauen.

Nein, Er kann die Seinen nicht ausspeien aus seinem Munde; Er muss sie herausnehmen, wo Er Gericht üben will, noch ehe die ersten heißen Tropfen des Urteils fallen. Auch dann noch wird öffentlich kundgetan werden, ehe Er die öffentlich bekennende Gemeinschaft ablehnt, wie sie ihrerseits Ihn wirklich abgelehnt haben. Das Christentum endet in offener Ablehnung. Der Tag des Herrn kommt erst, nachdem es einen Abfall gegeben hat und der Mensch der Sünde offenbar geworden ist. Das Papsttum, so böse es ist und auch so antichristlich, ist doch weder das letzte noch das schlimmste Übel. Es ist die ehebrecherische Frau, nicht der Mann. Es ist seit mindestens über dreihundert Jahren offenbar, und doch ist der Tag des Herrn noch nicht gekommen. Der Antichrist wird den Vater und den Sohn zugleich leugnen.

Wie traurig, wenn man dies letzte Ende dessen betrachtet, was so ganz anders begann! Wie über alles traurig zu bedenken, dass, sowohl am Anfang wie am Ende, die Sünde und das Versagen seines eigenen Volkes das ist, was das Verderben hervorbringt und vollendet! Wer kann bezweifeln, dass Christen überall diese selbstzufriedene Aussage aufnehmen: „reich geworden und bedarf nichts“? Wer sähe nicht, dass die Wahrheit aufgenommen wird als eine Form der Gottseligkeit unabhängig von Kraft, unabhängig von all den praktischen Ergebnissen, die aus ihr hervorströmen sollten? Und wer, der Augen hat zu sehen, kann dies schrecklichste und entmutigendste Zeichen von allen wahrnehmen, wenn das Salz, mit dem die Masse gesalzen werden sollte, seine Würzkraft verliert und kraftlos wird, um überhaupt für Gott zu wirken?

Oh, den Trost des Evangeliums schätzen und seine dem Menschen gebotenen Segnungen annehmen ist eine Sache, eine andere aber, ehrlich mit der Ebene einverstanden sein, auf welche das Evangelium alle bringt und die Stellung vor Gott in Christus, die Arme und Reiche, Hohe und Niedrige vollkommen gleich macht, so dass der Reiche sich rühmt, niedrig geworden zu sein, ebenso wie der geringe Bruder über seine Aufwertung.

Müssen wir nicht erinnert werden, was zwischen den zusammengewürfelten Jüngern und ihrem Herrn vor sich ging auf ihrer ernsten Wanderung hinauf nach Jerusalem, als ihrem Meister das Kreuz vor Augen stand, aber sein unheimlicher Schatten nicht die Streitereien zwischen seinen Nachfolgern beilegen konnte darüber, wer Ihm zur Rechten und zur Linken in seinem Reich sitzen werde? „Ihr macht ein heidnisches Reich daraus!“, sagt Er praktisch zu ihnen. „Ihr denkt an irdische Stellung, an das, was dem Ehrgeiz und der selbstsüchtigen Gier dient! Glaubt ihr, ich kann diese Plätze vergeben? Nein; bei mir ist das Höchste das Geringste; Größe besteht im niedrigsten Dienst; gesegnet sein bedeutet geben nicht empfangen; der Höchste dort ist Er (dessen Geist unverändert ist), der als Menschensohn kam, nicht dass Er sich dienen lassen, sondern dass Er diene und gebe sein Leben zu einer Bezahlung für viele.“

Und was nun unsere persönliche Beziehung zu Christus betrifft, so ist es Not, die uns zuerst zu Ihm führt und uns mit Ihm bekannt macht; und in seiner Gegenwart bleibt das Bewusstsein der Bedürftigkeit, der Bedürftigkeit, für die Er aufkommt, immer bestehen. Das entmutigt uns nicht, denn an seiner Gnade dürfen wir uns genügen lassen; aber nur in der Schwachheit wird noch immer seine Kraft vollkommen. „Reich und reich geworden und bedarf nichts“, das kann keine Seele in Gegenwart Christi von sich sagen. Reich ist Er; und sein Reichtum steht uns offen; aber je reicher Er in unseren Augen ist, desto ärmer sind wir in unseren eigenen Augen. Wir können den Zustand von Laodizea nur aufrechterhalten, wenn wir den Herrn vor unserer Tür halten.

Und gibt es nicht heute überall ein Bekenntnis, das großenteils gesprochen wird von jenen, die behaupten in gewisser Weise die Führer der Christenheit heute zu sein, das tatsächlich dem Bekenntnis von Laodizea sehr nahe kommt? Wie kann die Behauptung, reich geworden zu sein und nichts zu bedürfen, realer erhoben werden als von jenen, die „Vollkommenheit“ für sich beanspruchen? Vollkommenheit! Was meinen sie damit? Dass sie in der Tat und in der Wahrheit wandeln, gleichwie „Christus gewandelt ist“? Das ist der christliche Maßstab; wir können ihn mit der Bibel vor uns nicht niedriger ansetzen. Aber will irgendjemand sagen, er sei auch nur einen Tag, nur eine Stunde gewandelt, wie Christus es tat?

Ich weiß, es gibt Bibelstellen, dies zu belegen. Der Teufel bedient sich immer gern der Bibel, um Christen zu täuschen, wenn er kann, um seinen Zweck zu erreichen. Aber die biblische Formulierung bedeutet nicht das, was es im Dialekt vom sogenannten „höheren Leben“ an Bedeutung untergeschoben bekommt. Nehmen wir einen der stärksten in diesem Zusammenhang gebrauchten Texte: „Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ Der Textzusammenhang zeigt entscheidend, was hier gemeint ist. Wir sprechen von einem Ding, als wenn alle zugehörigen Teile beisammen sind, ohne dass wir darauf achten, wie vollendet die Teile sind. So sagt uns der Herr, dass wir als Kinder unserem Vater gleichen sollen und dazu die verschiedenen Züge unseres Vaters an uns sichtbar sein sollen. Wir sollen nicht nur die lieben, die uns lieben, sondern, wie Er seine Sonne aufgehen lässt über Gerechte und ungerechte, so müssen auch wir diesen Wesenszug an uns haben: nicht nur Gerechtigkeit allein, sondern auch Liebe.

„Vollkommenheit“ wird auch für den Zustand des reifen Christen gebraucht, wie das Wort Erwachsene in Hebräer 5,14 genauer heißen müsste. Ebenso in 1. Korinther 14,20 geht es um „reifes Alter“ oder „Vollkommenheit“. Daraus ergeben sich zwei Anwendungen. Im Hebräerbrief wird das Christsein selbst als Vollkommenheit oder Reife angesprochen im Gegensatz zum Judentum, das ein Zustand der Kindheit war. Doch auch unter den Christen gibt es jene, die vollkommen oder reif sind im Gegensatz zu den „Säuglingen“; und in Philipper 3 bewertet sich der Apostel Paulus (nachdem er von sich sagt, er habe die „Vollkommenheit“ noch nicht erreicht – einen Stand, den er in diesem Sinne erst erreichen werde, wenn er bei Christus in der Herrlichkeit sein werde) unmittelbar nach denen, die es in einem anderen Sinne schon erreicht hatten: „So viele nun vollkommen sind, lasst uns also gesinnt sein.“

Es gibt noch viele Textstellen, die ich jetzt nicht alle durchgehen kann, doch sollte dies genügen, um zu verhindern, dass man sich an ein Wort klammert, wie viele Leute es tun. Es steht zweifellos viel über die Vollkommenheit in der Bibel; aber, wie ich schon sagte, wenn die Leute irgendeinen Maßstab praktischer Vollkommenheit ansetzen, in dem es um weniger geht, als zu wandeln wie Christus, setzen sie das Maß herab. Wenn sie sich andererseits mit Christus messen können und sich nicht kritikwürdig finden, müssen sie überdurchschnittlich selbstzufrieden sein.

Dieser Gedanke bewirkt auf zweierlei Weise Unheil. Erstens wird damit Sünde leicht bemäntelt, entschuldigt oder durch irreführende Bezeichnungen verdeckt. Begierde wird Versuchung genannt, und sogar an Christi Ehre wird gerührt durch die Unterstellung, dass auch Er in gleicher Weise „versucht“ wurde. Die Leute zitieren: „Er wurde versucht in allen Stücken gleich wie wir, doch ohne Sünde“, als sollte das heißen, Er hätte solche geheimen Wünsche gehabt, sie aber unterdrückt, so dass sie nicht zum Durchbruch kamen. Diese – die eigentliche Blasphemie von Irving und Thomas – infiziert in milderer und weniger eindeutiger Form heute Massen von Menschen. Der Text, den sie in der gängigen Übersetzung zitieren, gibt diesen Ansichten zu viel Vorschub. Es kein „doch“ im Originaltext, wie man deutlich daraus sieht, dass es im Text kursiv gedruckt ist. „Er wurde versucht in allen Stücken wie wir, ohne Sünde“, müsste es richtig heißen. Wir dürfen dem Heiligen Gottes in keiner Weise Sünde unterstellen! Sünde bringt Begierde hervor, und Begierde wiederum bringt die positive Äußerung der Sünde hervor. Er hatte keines von beiden und war darin das vollkommene Gegenteil von uns, wie die Schrift bezeugt: „Wir sind alle schuldig in vielen Dingen.“

Aber leider wird durch diesen Perfektionismus das Wesen der Heiligkeit betrüblich beeinträchtigt. Es wird daraus Selbstbeobachtung, Selbstbehauptung. Wie viel von Christus findet sich wirklich in den Erfahrungen, über die sich jene so sehr verbreiten, die diese Lehre vertreten? Ist es, mit dem Apostel, „nicht ich, sondern Christus lebt in mir“, oder ist es leider ein verherrlichtes, verklärtes, sehr befangenes Ich, das in ihnen und durch sie regiert? Sie sehen nicht, dass ja auch das natürliche Leben im Zustand der Gesundheit keine Aufmerksamkeit erregt oder hervorruft – wie der Herzschlag oder das Pulsieren der Lungen nicht gefördert, sondern durcheinandergebracht wird –, wenn man daran denkt, so bringt auch dies Zielen auf eine befangene Heiligkeit ein armseliges und kränkliches Christentum hervor. Ist es weit entfernt von denen, die sagen: Ich bin reich und bedarf nichts?

„Ich rate dir“, sagt der Herr zu Laodizea, „ich rate dir, Gold von mir zu kaufen, geläutert im Feuer, auf dass du reich werdest; und weiße Kleider, auf dass du bekleidet werdest, und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde; und Augensalbe, deine Augen zu salben, auf dass du sehen mögest.“

Drei Dinge zu kaufen werden sie ermahnt. Sie sind so wohlhabend, dass der Herr nichts von Geben sagen will. Und es wäre wirklich gut für sie, wenn sie ihren Reichtum für diese Dinge eintauschten: den falschen Glanz für echtes Gold. Das ist das Erste, Gold – in der Bibel ein viel gebrauchtes Symbol, wie wir wissen; lauteres Gold, oder hier „Gold, im Feuer geläutert“, um zu sehen, was göttlich ist. In der Stiftshütte und in der Möblierung der heiligen Räume insgesamt deckte Gold alles. Ich glaube, der Apostel gibt uns die genaue Bedeutung, wenn er von den goldenen Cherubim spricht als „den Cherubim der Herrlichkeit, den Gnadenstuhl überschattend“. Die „Herrlichkeit“ ist die Darstellung dessen, was Gott ist. Gott verherrlicht sich selbst, wenn Er hervorleuchtet in der gesegneten Wirklichkeit dessen, was Er ist, und Christus ist das wahre Heiligtum, in welchem sich die beiden Materialien beisammen finden: Gold und Akazienholz. Der Strahlenglanz der göttlichen Herrlichkeit ist das Gold; das Akazienholz die kostbare Echtheit des Menschseins.

Sehen wir nicht ein, warum für Laodizea das „im Feuer geläuterte Gold“ das erste Erfordernis ist? Ihr Reichtum war nur Papiergeld, hergestellt aus den Lumpen der Selbstgerechtigkeit und nur von konventionellem, nicht von gediegenem Wert. Christus mangelte ihnen: göttliche Herrlichkeit auf dem einzigen Gesicht, aus dem sie ungetrübt leuchtet. Das ist die Kraft der Christenheit, ihr Wesentliches und zugleich ihre Kraft; und dies ist, was der falschen, anmaßenden Christenheit von Laodizea so schrecklich fehlte: erfasst sein von Christus, Erkenntnis, was wahr und wertvoll ist und wo man es findet. Wissen, wo es ist, heißt, es haben. Der Glaube ist es, der diesen Schatz findet. Es nicht haben, bedeutet wirklich arm sein.

Das Nächste, „weiße Kleider, auf dass du bekleidet werdest“, ist zweifellos die praktische Gerechtigkeit von Leben und Wandel. Es besteht eine Verbindung zwischen diesem und dem Vorhergehenden, die sehr deutlich wird, sobald wir wissen, was damit gemeint ist. Wenn wir nicht für unsere Seele die göttliche Herrlichkeit haben, die aus Jesu Angesicht leuchtet, fehlt uns die Fähigkeit, richtig zu leben oder zu wandeln. Das „Weiß“ ist die Reflexion des vollen, ungebrochenen Lichtstrahls; und Gott ist Licht. Wie soll unser Leben anders dies widerspiegeln als durch „Gott, der das Licht aus der Finsternis leuchten ließ, der hat einen hellen Schein in unser Herz gegeben, dass Licht der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi“? Leviticus geht Numerus immer voran. [Priesterschrift vor Geschlechterregister / 3. Mose vor 4. Mose; Anm. d. Üb.] Wir müssen hineingehen ins Heiligtum und Gott sehen, ehe wir fähig werden, in der Welt mit Ihm zu wandeln.

Schließlich: „Salbe deine Augen mit Augensalbe, auf dass du sehen mögest.“ Demnach gab es völlige Blindheit – wieder der Zustand der Pharisäer, denn sie erkannten es gewiss nicht, sondern sagten: „Wir sehen“; und so blieb ihre Sünde. Währen sie sich ihrer Blindheit bewusst gewesen: Christus war da, sie zu heilen. Aber, ach, sie brauchten den Arzt nicht.

Dennoch sagt Er: „Ich überführe und züchtige, so viele ich liebe. Sei nun eifrig und tue Buße! Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür auf tut, zu dem werde ich eingehen und das Abendbrot mit ihm essen und er mit mir.“ Bis zu letzt bietet Er eine freundliche Einladung an. Sein Herz zögert, während immer noch bei ihnen die Möglichkeit besteht, dass sie antworten. Aber der Tag der Gnade geht schon fast zu Ende. Wenn die Worte, die wir betrachtet haben, jene Parallele finden, die ich gezogen habe, wenn sie nicht falsch war, dann sind wir wirklich dem Ende nahe! Wer weiß, wie nahe?

Bevor ich schließe, muss ich aber noch einmal auf das bedeutsame Wort kommen, das so anschaulich das moralische, geistliche, ja, und politische Wesen jener letzten Tage beschreibt: „die Gemeinde von Laodizea“ – die Menschen, welche die „Menschenrechte“ fordern. Seltsamer Name! Schreckliche Forderung, wenn sie dem Gott in die Ohren gerufen wird, der stark und heilig, wenn auch so geduldig und täglich provoziert ist. Es ist eine Forderung, welche den Sündenfall und den zugehörigen Schuldspruch leugnet, der bestätigt wird von den zahllosen einzelnen Sünden – die Forderung einer Welt, welche den Sohn Gottes abgelehnt und gekreuzigt hat, der in liebendem Erbarmen in diese Welt kam!

Betrachten wir es politisch, denn der politische Aspekt ist nicht ohne tiefere Bedeutung. Zittern nicht die Nationen überall vor der Möglichkeit, dass sich die Massen unter eben diesem Schlagwort erheben könnten? Als Demokratie nur die Einschränkung despotischer Herrschermacht bedeutete, als sie noch Achtung vor Wohlstand und Status und Recht und Gesetz bedeutete, konnte man sich über sie freuen und sie als Anzeichen für moralisch bessere Zeiten anführen. Nur abwegiger Machtmissbrauch musste eingedämmt werden; es sollte Gleichheit vor dem Recht und Ruhe und Sicherheit durch diese Gerechtigkeit geschaffen werden. Zweifellos war der Missbrauch der Macht groß genug gewesen, um Vergeltungsmaßnahmen zu provozieren und den Sturz des Absolutismus zum scheinbaren Fortschritt zu machen. Aber der Mensch war und ist sich gleich geblieben; und es bleibt immer ein Fehler anzunehmen, dass Veränderungen dieser Art den moralischen Zustand wirklich berühren oder heilen können, welcher den Kern des Problems bildete. Die Lepra, die hier oberflächlich heilte, würde an anderer Stelle aufbrechen, denn sie saß tiefer als in der Oberfläche: im Blut, im Lebensnerv der Menschheit selbst.

Wer könnte sagen, wo die Bewegung für die Menschenrechte haltmachen wird? Wer kann zu den rastlosen Wogen der Brandung sagen: Bis hierher und nicht weiter, hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!? Es gab und gibt noch grenzenlose und gewaltige Übel: Macht und Missbrauch des Reichtums zum Beispiel, Tyranneien, die noch von keiner Regierungsform berührt oder vorausberechnet werden konnten. Was bedeutet jedermanns Recht auf das Seine? Was ist das Seine? Soll sein Recht, es zu gebrauchen, auch das Recht auf den übermäßigen Missbrauch einschließen, den Eigeninteresse, sobald es Macht hinter sich hat, immer hervorbringt? Wessen Rechte sollen geachtet werden, wenn sie sich überschneiden?

Und von einer Ebene weiter unten kommt Gemurmel, heiser und drohend: Sozialismus, Kommunismus, Nihilismus, Anarchismus – gefürchtete Worte, nicht nur für den Monarchen, sondern auch für den Besitzenden und den gesetzestreuen Bürger. „Menschenrechte“ drohen in schreckliche Konflikte miteinander zu geraten, und wie viel Schlimmes wird in ihrem Namen verübt! Das ist das Laodizea der Politik, das dazu bestimmt ist, der Stein zu sein, auf dem Regierungsreform sicherlich zersplittern und in Anarchie und Chaos enden wird.

„Und es werden Zeichen sein an Sonne und Mond und Sternen, und auf der Erde Bedrängnis der Nationen in Ratlosigkeit bei brausendem Meer und Wasserwogen; indem die Menschen verschmachten vor Furcht und Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen, denn die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden.“ Aber die Entfernung der Dinge, die erschüttert werden können, wird nur den Weg frei machen für das Reich Gottes – nicht eines, wie man es erwartet, sondern ein absolutes, das keinen Disput mehr zulässt und völlig gerecht ist. Wie tröstlich, sich von den Gedanken abzuwenden, mit denen wir uns beschäftigt haben und an den Gegensatz zu all dem Regieren zu denken, das die Welt je gesehen hat! „Er wird dein Volk richten in Gerechtigkeit, und deine Elenden nach Recht. Es werden dem Volke Frieden tragen die Berge und die Hügel durch Gerechtigkeit. Er wird Recht schaffen den Elenden des Volkes; er wird retten die Kinder des Armen, und den Bedrücker wird er zertreten … In seinen Tagen wird der Gerechte blühen, und Fülle von Frieden wird sein, bis der Mond nicht mehr ist. Und er wird herrschen von Meer zu Meer, und vom Strome bis an die Enden der Erde. … Und alle Könige werden vor ihm niederfallen, alle Nationen ihm dienen.“

Politisch beschließt der Zustand von Laodizea auch die gegenwärtige Lage. In einer weiteren Phase werden wir finden, wie Laodizea den kirchlichen Zustand charakterisiert. Wenn Kirche und Staat einander so nahe gekommen sind, hat die politische Seite natürlich auch Auswirkungen auf den kirchlichen Aspekt. Die Demokratie offenbart sich unverwechselbar auch in diesem Bereich. Die Leute erheben sich gegen die langjährige Herrschaft ihrer geistlichen Führer und verlangen aus deren Händen ihr Recht. Aber sie sind nicht zufrieden mit dem, was ihnen hier rechtmäßig zukommt: Sie wollen über ihre bisherigen Meister herrschen. Sie bezahlen ihre Pastoren; und wer ist wirklich der Meister, der, der zahlt, oder der, der bezahlt wird? Da sie so den Geldbeutel kontrollieren, sehen sie keinen Grund, warum sie sich nicht ihren Pastor so wählen sollen, wie sie sich ihren Rechtsanwalt oder ihren Arzt wählen. Doch das bedeutet, dass die Prediger so predigen müssen, dass es den Leuten gefällt: Ihre Lehren und ihr Stil müssen der Kritik ihrer Hörer standhalten. Und so erfüllt sich leider immer mehr die Schrift, die für jene letzten Tage weissagt: „Denn es wird einen Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Lüsten sich selbst Lehrer aufhäufen werden, indem es ihnen in den Ohren kitzelt; und sie werden die Ohren von der Wahrheit abkehren und zu den Fabeln sich wenden.“

Es ist bekannt, dass ich, wenn ich dies sage, keine geistliche Aristokratie befürworte. Die Leute könnten mir eher das gegenteilige Extrem vorwerfen. In Wahrheit aber sind beide gleich unbiblisch. Weder Aristokratie noch Demokratie sind Gottes Prinzip, sondern eine wahre Theokratie. Christus allein ist der Meister – nicht die Geistlichkeit und nicht das Volk. Geistliche/Diener am Wort/ sind „Diener“; aber nicht „Diener“ für Menschen, wir erinnern uns, wie energisch der Apostel sich dagegen verwahrt hatte. „Denn suche ich jetzt Menschen zufriedenzustellen“, sagt er, „so wäre ich Christi Knecht nicht.“ Demnach bilden diese beiden Dinge einen grundlegenden Gegensatz. Christus muss den Ihm zukommenden Platz haben, den das Verhalten von Laodizea Ihm hier und anderswo verweigert. Lässt man Christus herein, so sind die Geistlichen seine Diener. Sein Dienst, der allen in gleicher Weise zukommt, bedeutet wahre und vollkommene Freiheit für alle in gleicher Weise.

Man wird mich verstehen, wenn ich sage, ich freue mich, wenn ich sehe, wie die verderbliche Unterscheidung zwischen Geistlichkeit und Laien immer mehr verschwindet. Ich freue mich über die freie Evangelisation, die in fast allen Denominationen vor sich geht. Ich freue mich, wenn ich sehe, wie alle Christenmenschen den ihnen bestimmten Platz einnehmen als eine von ihm erwählte Priesterschaft und wenn die überkommenen Rechte der Geistlichkeit beseitigt werden. Nur muss das alles nach dem Wort Gottes geschehen: Christus muss seine Herrschaftsrechte haben, dann wird der Zustand von Laodizea unmöglich sein.

Doch bedenken wir abschließend, dass es ein geistliches Laodizea gibt. Und auch dies in doppelter Weise. Es kann rein geistlich sein, und hier ist der Perfektionismus, den wir betrachtet haben, klar als eine dieser Formen erkennbar. Eine weitere findet sich auf einer tieferen Ebene in jenem Geist, der sich zufrieden gibt mit äußerem kirchlichen Wohlstand; der göttliche Maßstäbe außer Acht lässt und so Kirche und Welt sich einander annähern sieht und meint, die Welt erhebe sich auf die Ebene der Kirche, während es doch die Christen sind, die heruntersinken auf die Ebene der Welt. Für alle, die so denken, muss Christus vor der Tür bleiben.

Die Seele, die mit Christus Abendmahl hält und Er mit ihr, kennt seinen Geschmack zweifellos besser und weiß, wie wenig Ihm verknöchertes Kirchentum oder spektakuläres Wohltun zusagen. Ich will nicht abschätzig reden. Ich werfe nicht alle und alles auf eine gemeinsame Müllkippe (da sei Gott vor!). Es gibt zahlreiche hingegebene, ernsthafte Mitarbeiter, deren Arbeit mit Gott geschieht und deren Frucht sich bei Ihm findet. Und Er, der nicht sieht, wie Menschen sehen, und nicht nach äußerem Schein noch hart vorzeitig urteilt – Er, der uns lehrt, wenn wir das Wertvolle unter dem Verderbten hervorheben, werden wir sein Mund sein –, Er wird zweifellos viel mehr das finden, was Ihm wertvoll ist, wo wir nur Unrat sehen. Doch davon wird das allgemeine Ergebnis kaum berührt. Das Herz, das mit Selbstzufriedenheit den allgemeinen Zustand der religiösen Situation betrachten kann, ist kaum mit Christus in Einklang. Es ist nicht nur eine Frage prophetischer Kenntnisse oder welche Ansichten wir über das Kommen des Herrn haben (obwohl unsere Ansichten und die Einstellung unseres Herzens sich nicht völlig voneinander trennen lassen), sondern es ist eine Frage nach dem Gehorsam gegen sein Wort und der Aufrichtigkeit des Herzens vor Ihm.

Doch der geistliche Zustand von Laodizea hat noch eine weitere Phase, und – soll ich dies hier gestehen? – mir scheint sie die hoffnungsloseste und betrüblichste. Wenn nämlich man die Gnade hat und den christlichen Standpunkt einnimmt, die christliche Sprache führt, die kirchliche Stellung sozusagen in Ordnung ist, wenn aber all dies praktisch keine Auswirkungen auf die Seele hat! Denn das Versagen des Wortes wird hier am deutlichsten entschieden; und wenn das Wort versagt, woran sollen wir uns dann erneuern?

Liebe Brüder, lasst mich darum ein wenig darauf eingehen: Können wir zu deutlich werden, wo dieser schreckliche Makel von Laodizea auf einem lastet, der Gottes Wahrheit nur bekennt, dass sie mehr denn je geleugnet werde – wenn Christi Name getragen wird, nur um dadurch besonders entehrt zu werden!

Gehört uns unser Platz in der neuen Schöpfung wirklich? Bekennen wir uns dazu, zu diesem wundervollen Platz, wo für jeden, der in Christus Jesus ist, gilt: „Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden“? Wenn unser Stand in Ihm ist, folgt unser „Wandel dieser Regel“ der neuen Schöpfung in Christus Jesus? Sind wir nach allem fleischlichen Maß, Titel und Anspruch gestorben mit Christus und begraben, dass das Alte nie mehr hervorkommen kann? Wer könnte sich bei einem solchen Stand der Dinge auf Werte berufen, wie sie für Laodizea wichtig sind? Wer wollte meinen, „Menschenrechte“ könnte hier noch das Kennwort für die Nachfolger des Zimmermannssohnes sein, den die Welt kreuzigte und dessen wichtigste geistliche Führer Fischer vom galiläischen Meer waren?

Brüder, seid kalt oder heiß! Seid deutlich eines oder das andere. Wenn alle eins sind in Christus, bleibt dann noch Raum für den hasserfüllten Streit, ob Demokratie oder Aristokratie, als sei die Welt nicht gekreuzigt für uns, als rühmten wir uns nicht des Kreuzes Christi, durch das wir der Welt gekreuzigt sind? „Miteinander Glieder“, „alle eins in Christus Jesus“ – ist das nicht soziale Gleichheit allerhöchster Ordnung? Gleiche Brüder in der Familie Gottes, sind das nicht wirklich engere, herzlichere, festere Bande als die Bande des Fleisches? Nicht Aristokratie, nicht Demokratie, sondern Theokratie – das sei das Kennwort!

Ist eine weltliche Position wichtig? Spüren unsere Brüder, dass wir uns wirklich in unserem Umgang mit ihnen (in einer Sprache, für welche die Bibel nicht verantwortlich ist, obwohl die gängige Übersetzung so lautet) „herunterhalten zu den niedrigen“? (englisch: uns herablassen zu Menschen von niederem Stand). Empfinden sie das als „Herablassung“, nicht als Anerkennung wahrer Gleichheit? Andererseits, gilt eine weltliche Position, die wir nicht haben, uns etwas? Und gebrauchen wir unsere christliche Stellung, um uns vor der Welt zu erheben oder um vor einem anderen die „gleichen Rechte“ zu behaupten, die uns zukommen?

Für beide Seiten gibt es nichts Heilsameres als die Lektüre des kurzen Briefes, mit dem der Apostel Paulus einen entlaufenen Sklaven, der nun Christ ist, in seine frühere Stellung zurückschickt zu seinem früheren Herrn, der ebenfalls Christ ist: „Nimm ihn auf wie mich“, schreibt er dem Letzteren, „nicht länger als einen Sklaven, sondern mehr als einen Sklaven, als einen geliebten Bruder.“ So war die Beziehung des Onesimus zu seinem früheren Herrn; und in jenen alten Tagen der stärkeren Wirklichkeit bedeuteten diese Worte, was sie aussagten. Und was andererseits Onesimus betraf, konnte er den Platz beanspruchen, auf den ihn die Gnade gestellt hatte und auf „gleichen Rechten“ gegenüber seinem Herrn bestehen? Konnte er sein Christentum dazu verwenden, der Sklaverei zu entgehen und nur, weil sein Herr ein Christ war? Nein, für beide Seiten nein! Die Gnade war das Vorherrschende, worunter beide, Herr und Sklave nun gleich waren – der Sklave war seinem Herrn ein „geliebter Bruder“, doch er selbst war Untertan der Gnade, die ihm zwar die neue Beziehung gegeben hatte, die ihn aber zugleich lehrte, sie zu wertzu achten, als dass er sie entehrt hätte, indem er weltliche Vorteile daraus herleitete.

Gnade beansprucht man nicht, sonst ist es nicht Gnade. Es ist nicht Gnade in mir, wenn ich den anderen herabziehe von einer Ebene, auf der ich ihn wähne, oder wenn ich von anderen das Ihre beanspruche. Voraussetzung für die Gnade ist, sich bücken, um zu dienen; und doch ist es Voraussetzung der Gnade, dass sie den Geringsten so hoch erhebt, dass die erhabensten Fürsten der Erde es sich zur Ehre anrechnen, mit Ihm umgehen zu dürfen. Welch herrliches Sein, das Christsein! – Abendmahl essen mit Ihm, der uns nur dann in seine Gesellschaft aufnimmt, wenn wir die Tür offen lassen für alle, die die Seinen sind! Ihm gehören und verbunden sein mit Ihm in der nahenden Herrlichkeit, vor der schon jetzt alle irdische Herrlichkeit verblasst und verflackert!

Philadelphia und Laodizea, bedeutsame Gegensätze! Wohin gehören wir? Gewiss, gewiss, die letzten Tage des Christentums sind die von Laodizea. Mit Kummer bemerke ich es und bestätige ich es. Und was dann? Nun, dann ist Er nahe; Er wird kommen. Wappnen wir uns für unsere Pflicht; halten wir am Glauben fest; unterwerfen wir uns Ihm noch vollkommener, dessen Herrschaft das Dienen ist, dessen Joch leicht, dessen Gegenwart und Gemeinschaft den Himmel schon auf Erden für uns beginnen lassen. Welch Glück, dies zu wissen! Wenn wir um uns sehen, wenn wir in uns schauen, wandelt sich unsere Ermahnung zum Gebet.

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Originaltitel: „Lecture 8. What Brings the Time of His Patience to an End“
aus The Prophetic History of the Church or, „Some evils which afflict Christendom and their remedy, as depicted by the Lord’s own words to the seven churches“


Hinweis der Redaktion:

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