Tiefe Wasser
Wenn deine Welt zu wanken beginnt

Philip Nunn

© SoundWords, online seit: 19.04.2011, aktualisiert: 31.01.2018

Vorwort

Es kann auch dir passieren. Und wenn es geschieht,
dann erinnere dich, dass Leben und Gesundheit Gaben aus Gnade sind.
Dieselbe Weisheit, Liebe und Güte, die sie gibt,
mag sie ebenso vorenthalten und widerrufen.

Da ich dies schreibe [Mai 2010], liegt unser Sohn Edward, 15 Jahre alt, auf der Intensivstation des UMC-Krankenhauses hier in Holland. Er unterzog sich am Dienstag vor zwei Wochen einer Herzoperation. Der Chirurg erklärte uns seine Aufgabe: (1) durch das Herz zwei Bypässe anzulegen, so dass das Blut, das in die linke Herzkammer eintritt, auch die rechte Herzkammer erreicht und umgekehrt; (2) eine Spenderherzklappe einzusetzen für das Blut, das vom Herzen zu den Lungen fließt; (3) das Blut, das vom Kopf und den Armen kommt, direkt den Lungen zuzuführen, wobei ungefähr die Hälfte seines Bluts passiv zu den Lungen gelangen darf; und (4) ihn in seinem augenblicklichen Zustand zu stabilisieren. Drei Chirurgen waren über zehn Stunden lang mit ihm beschäftigt, sein Herz wurde während der Hälfte dieser Zeit mit einem Bypass überbrückt, und um am Herzen arbeiten zu können, wurde es für zwei Stunden völlig stillgelegt. Wir sahen ihn, sobald er in die Intensivstation überführt war. Die Chirurgen waren zufrieden und optimistisch.

Wenn deine Welt zu wanken beginnt

Während des darauffolgenden Tages erreichte er nicht die erwartete postoperative Stabilität. Am Donnerstag entschieden die Ärzte, dass irgendetwas nicht in Ordnung sei. Sie vermuteten, dass einer der beiden neuen Durchlässe teilweise kollabiert war. Am Nachmittag öffneten sie das Herz erneut und nahmen die notwendigen Korrekturen vor. Der Freitag war ein Krisentag. Würde sein Herz sich den Veränderungen anpassen? Er sah blass aus, fühlte sich kalt an und zitterte bei jedem Herzschlag. Während des Nachmittags schlossen sie ihn an einen Dialyse-Apparat an, um die Schwellung zu reduzieren. Es war verwirrend, ihn kämpfen zu sehen, während er mit all den Schläuchen, Kabeln und Monitoren verbunden war. „Herr“, schrie ich in meinem Inneren, „müssen wir wirklich diesen Weg gehen?“ Da ist ein plötzlicher Schmerz in der Seele, wenn man spürt, dass man gerade ein Kind verliert. Zusammen mit meiner Frau Anneke ging ich in einen nahe gelegenen, einsamen Park. Ich konnte noch nicht einmal beten. Ich fand keine Worte, um den bedrückenden Schmerz in meiner Seele auszudrücken. Eine unzusammenhängende Flut rasch wechselnder Gedanken verstärkte diese Verwirrung. Tränen begannen zu fließen, als ich mit dem „Was, wenn“ und dem „Warum“ kämpfte, als ich versuchte, die Absichten eines liebenden himmlischen Vaters mit dem Schmerz in Einklang zu bringen, den wir gerade sahen und erlebten. Ich bin kein weinerlicher Typ, aber wenn die Tränen zu fließen beginnen, ist es schwer, sie aufzuhalten.

Hätte es vermieden werden können?

Drei oder vier Wochen vor Edwards Operation trafen wir an einem Elternabend in der Schule unserer jüngsten Tochter ein liebenswertes christliches Paar. Wir tauschten Geschichten über unsere Kinder aus, wie es bei solchen Gelegenheiten üblich ist. Sie waren überrascht, als sie hörten, dass unser Sohn ein Herzproblem hatte. „Seid Ihr Christen?“, wurden wir gefragt. „Habt ihr nicht für euren Sohn gebetet?“ Dann stellte er uns seine Überzeugung vor: „Es kann nicht sein, dass es Gottes Wille ist, dass Kinder christlicher Eltern nicht gesund sind.“ Auf liebevolle Weise bot er uns an, uns in unserem Haus zu besuchen und für unseren Sohn Edward zu beten. „Ich ermuntere euch“, fügte er hinzu, „das Krankenhaus anzurufen und den Termin für die Operation abzusagen.“ Wir tauschten unsere E-Mail-Adressen aus und gingen dann später nach Hause. Wir waren besorgt. Das war ein liebenswertes und ehrliches christliches Paar. Fehlte es uns an Glauben? Sollten wir unser „Anliegen“ auf eine andere Weise „vor Gott kundwerden“ (Phil 4,6) lassen? Sollten wir uns vor Gott für ihn verwenden und daran festhalten, dass unsere Bitten zur Heilung führen? Müssten unsere Gebete inbrünstiger sein?

Mich reizt die Vorstellung, dass Gott wünscht, dass alle Kinder von Gläubigen gesund sind. Mehr noch, ich würde es lieben, wenn alle Kinder gesund wären, wirklich alle! Aber die tatsächlichen Umstände des Lebens wie die Heilige Schrift selbst unterstützen diese Vorstellung nicht. Der Herr hat Edward bis zu seiner Operation mit einem ruhigen und friedlichen Gemüt gesegnet. Wir luden dieses christliche Paar nicht zu uns nach Hause ein. Wir gingen davon aus, dass es für Edward nur verwirrend wäre, wenn wir in seiner Gegenwart nach dieser fragwürdigen Vorstellung beten würden. Stattdessen luden wir sie ein, die vielen anderen Freunde und Familienangehörigen, die auch damit beschäftigt waren, für Edward zu beten, im Gebet zu begleiten. Entfernung muss kein Hindernis sein (Mt 8,5-10). Unser Gott schuf unsere Natur und steht ihr in Treue bei. Aber manchmal handelt Er gegen die Naturgesetze und greift auf eine wundersame Weise ein. Er hat [in der Vergangenheit] so gehandelt, und Er tut es noch. Das ist es, was uns gewöhnlich auf die Knie zwingt. Aber aus manchen Gründen bleiben Schmerz, Leiden und lähmende Einschränkungen Teil dieser gefallenen Welt, selbst bei unterwürfigen Christen, selbst nachdem wir gebetet haben.

Ausdruck der Liebe Gottes

Während des letzten Monats bekamen wir viele E-Mails von besorgten und betroffenen Christen, von denen uns die meisten bekannt waren, manche aber auch unbekannt, von nah und fern. Bis jetzt haben wir sechzehn verschiedene Länder gezählt. Wir haben uns durch die Ausdrücke der Anteilnahme seines Volkes von unserem himmlischen Vater geliebt gewusst. Die meisten Karten und E-Mails enthalten Worte der Ermutigung. Zum Beispiel aus dem Jemen: „Wir sind im Gebet für euren Sohn … wir hoffen, dass er ganz wiederhergestellt wird … Möge der Herr euch ermutigen und stärken in dieser schwierigen Zeit.“ Aus Kolumbien, wo Edward geboren ist und wo wir fünfzehn Jahre lang als Missionare unseren Dienst taten: „Wir sind bei Euch. Der Allmächtige hat alles unter Kontrolle. Wir lieben Euch“, „Möge der Herr Euch stärken und trösten“, „Wir beten darum, dass Gott in dieser Situation verherrlicht wird.“ Aus China: „… der Herr benutzt Eure Erfahrungen, um mir in meinem Leben zu helfen.“ Aus Deutschland wird ein Lied zitiert: „Gnade war’s, die sicher mich bis hierher brachte, und Gnade bringt mich auch nach Haus.“ Aus Peru: „Alle Geschwister in meiner Gemeinde beten für Euren Sohn Edward.“ Eine SMS aus England lautete: „Seid still und erkennt, dass ich Gott bin“ (Ps 46,10; engl. NIV-Übers.). Von unserer christlichen Heimatversammlung hier in Holland: „Wir danken Gott, dass wir das Verlangen unserer Herzen mit Ihm teilen können. Eure und unsere Wünsche sind es, dass Edward wiederhergestellt wird.“ Und so weiter. Es ist eine sonderbare Sache, die ich schon vor langer Zeit erkannt habe, dass Schmerz und Leiden Gottes Volk zusammenschweißen. Es scheint so, dass dann die Gelegenheit da ist, etwas zu sagen, zu tun, auszudrücken, dass göttliche Liebe uns Christen zusammenbindet.

Wie wird das alles ausgehen?

Aber wir erhielten auch andere Botschaften. Von einem nicht christlichen Freund: „Ich will meine Hände gefaltet lassen für Edward.“ Was kannst du anderes sagen ohne Gott? Ein anderer schrieb freundlich: „Meine Familie und ich haben absolutes Vertrauen auf Gott, dass Edward völlig wiederhergestellt wird.“ Wie Sie sich denken können, lässt solch eine Nachricht einen einhalten und nachdenken: Ist das eine Nachricht vom Herrn für uns? Es könnte eine gute Nachricht sein. Paulus sagte etwas Ähnliches zu der verängstigten Mannschaft und den Mitreisenden: „Und jetzt ermahne ich euch, guten Mutes zu sein, denn kein Leben von euch wird verlorengehen, nur das Schiff“ (Apg 27,22-25). Die Mut machende Versicherung des Paulus beruhte auf einer besonderen Offenbarung: „Denn ein Engel des Gottes, dem ich gehöre und dem ich diene, trat in dieser Nacht zu mir und sprach: Fürchte dich nicht, Paulus!“ Der Herr könnte auch heutzutage ähnlich handeln. Aber es würde in die Irre führen, wenn eine solche Versicherung ohne eine Offenbarung gemacht würde. In Bezug auf die Ewigkeit ist Heilung nicht immer die beste Möglichkeit. In Hebräer 11 lesen wir von Männern und Frauen des Glaubens, die litten und starben. Die Geschichte enthält zahllose Erzählungen von Gläubigen, die litten und starben. In Psalm 116,15 wird uns sogar gesagt, dass „der Tod seiner Frommen kostbar ist in den Augen des HERRN“. Ist es möglich, dass mein Sohn jetzt oder in naher Zukunft sterben soll? Es kann jedem von uns passieren. Aber dieser Weg kann oder kann nicht mit der Heilung unseres verletzten Leibes verbunden sein.

Vertrauen oder Verstehen

Am ersten Sonntagmorgen nach der Operation fühlte ich ein tiefes Verlangen, die Gegenwart des Herrn zu suchen. Ich besuchte eine christliche Gemeinde in der Nähe des Krankenhauses. Der Gottesdienst begann mit dem wohlbekannten Kinderlied: „Mein Gott ist so groß, so stark und so mächtig, unmöglich ist nichts meinem Gott.“ Als sie zu singen begannen, füllte Frustration, vielleicht sogar Zorn mein Herz. Neben Edward gibt es viele andere Kinder, aus deren Nase, Mund, Hals, Brust und Kopf Schläuche herausragen. Wenn Er es kann, warum schreitet Er dann nicht ein? Für all das die Sünde Adams und Evas verantwortlich zu machen, kam mir wie eine akademische Bedeutungslosigkeit vor. Erklären Sie das einmal Eltern, deren Baby mit einem Hirnschaden geboren wird oder mit einem nur halben Herzen um das Überleben kämpft! Was genau ist diese Liebe und Freundlichkeit, von der wir so glücklich singen?

Während des Gottesdienstes kam ich zur Ruhe. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, dass immer wenn ich mich ängstlich, frustriert und von Gott enttäuscht fühle, irgendetwas in meinem Verständnis von Gott oder seinen Wegen der Korrektur bedarf. Wir mögen einfache Bilder, um zu erklären, „wie Gott wirkt“. Aber zuweilen passen diese Bilder nicht zur Wirklichkeit. Sie wecken manchmal falsche Erwartungen. Wir können das Offensichtliche ignorieren oder leugnen. Wir können einfache, kleine Erklärungen erfinden. Oder wir können lernen, mit der Anspannung und dem Unbegreiflichen zu leben. Es ist wohl wahr, dass Gott einerseits weise, liebevoll und gut ist und dass „es nichts gibt, was Er nicht tun könnte“. Andererseits ist es ebenso wahr, dass es in dieser Welt, wie wir sie sehen und manchmal erleben, zu vieles an Leid und Ungerechtigkeit ist. Könnte beides wahr sein? Sind wir gezwungen, dem einen zuzustimmen und das andere zu verleugnen? Die Wahrheit bleibt wahr, unabhängig von dem, was ich sehe und erfahre. Das Wesentliche am Glauben ist Vertrauen. Wenn wir nicht gut sehen, wenn wir nicht verstehen, können wir nur weitergehen, wenn wir Vertrauen haben. Können wir uns auf Gott und sein Wort verlassen? Jesus sagte: „Euer Herz werde nicht bestürzt. Ihr glaubt an Gott, glaubt auch an mich!“ (Joh 14,1). Wir haben keine andere Wahl, als zu vertrauen.

Die Entscheidung, Geschenke „fahren zu lassen“

Zwei Tage vor der Operation saß ich zusammen mit Edward am Sonntagnachmittag in einer Lobpreisstunde in unserer christlichen Gemeinde in Eindhoven. Es war das letzte Lied, das meine Aufmerksamkeit gefangennahm. Es war Matt Redmans „Gepriesen sei Dein Name“. Es ist ziemlich einfach, 1. Thessalonicher 5,16-18 zu befolgen und sich zu freuen, zu beten und dem Herrn zu danken, „wenn die Sonne auf mich herabscheint“ und in der Welt alles so ist, wie es sein sollte. Aber es ist nicht so leicht, wenn unser Weg „durch Leiden gekennzeichnet“ ist. Das Lied endet mit den Worten: „Du gibst und nimmst. Mein Herz hat entschieden zu sagen: Herr, gepriesen sei Dein Name.“

Wir lieben unsere vier Kinder, aber von Zeit zu Zeit buchen meine Frau und ich ein Hotel, wo nur wir beide uns für eine oder zwei Nächte „ausklinken“. Dann ist Zeit, spazierenzugehen, zu untersuchen, uns zu unterhalten, auszuruhen und uns ganz einfach darüber zu freuen, dass wir zusammen sind. Vor einem Monat hatten wir unsere Auszeit in Gent, Belgien. Während unserer morgendlichen Andacht dachten wir über die Möglichkeit nach, dass wir unseren Sohn Edward „verlieren“ könnten. Seine angeborene Herzschwäche bedeutete, dass wir ihn fast schon verloren hätten, als er gerade geboren war. Kinder werden den Eltern für eine begrenzte Zeit anvertraut. Wir hatten ihn nun fünfzehn Jahre gehabt. Könnte es sein, dass diese Zeit nun ihrem Ende entgegenging? Waren wir jetzt bereit, ihn gehen zu lassen? Hiob war ein gerechter Mann, der Gott ernstnahm. Nachdem er alle seine Kinder verloren hatte, „fiel er zur Erde nieder und betete an“ und sprach: „Der HERR hat gegeben, und der HERR hat genommen, der Name des HERRN sei gepriesen!“ (Hiob 1,21). An diesem Morgen entschieden wir, Gott unseren Sohn zurückzugeben. Wir beteten etwa so: „Herr, es ist unser Herzenswunsch, ihn noch viele Jahre mehr zu haben und uns an ihm zu erfreuen. Du hast ihn uns geschenkt. Wir geben ihn Dir zurück. Wenn es Dein guter Wille ist, ihn uns erneut anzuvertrauen, werden wir uns freuen! Bitte stärke uns und gib uns Deinen Frieden.“ Während dieser letzten zwei Wochen haben wir manch schwierige Augenblicke durchlebt. Dieses Gebet minderte nicht den Schmerz. Aber es beruhigte das Verlangen, unsere [eigenen] Ansprüche geltend zu machen und Gott vorzuschreiben, was Er tun soll. Heute habe ich fünf Stunden in der Intensivstation an seiner Seite verbracht. Seine Bewegungen sind schwach und er hängt immer noch an einer Herz-Lungen-Maschine. Als ich ihn verließ, habe ich ihn zärtlich umarmt und dem Herrn, seinem wahren Besitzer, anvertraut.

Müssen Sie am Herzen operiert werden?

Vor etwa dreißig Jahren, als mein jüngerer Bruder etwa im Alter von Edward war, lag er gelähmt in einem Krankenhaus in Cali, Kolumbien. Drei Monate lang war er an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, um ihn am Leben zu halten. Dann folgte der allmähliche und lang andauernde Prozess der Rehabilitation. Seit einigen Jahren leidet seine Frau, im Alter von vierzig Jahren, an fortschreitender Multipler Sklerose. Sie haben Erfahrung mit „tiefen Wassern“. Letzte Woche schrieb John uns eine kurze E-Mail: „Wir können uns nur denken, wie schwer und herzzerreißend es während dieser Zeit für Euch ist. In mancherlei Weise scheint es mir, dass Ihr Euch alle Herzoperationen verschiedenster Art unterziehen müsst … und vielleicht ist die Art, die Ihr gerade durchlebt, schmerzhafter als die, die Eddie gerade hatte.“ Könnte das wahr sein? Es scheint so, dass manche Veränderungen sich langsam und gleichmäßig entwickeln, dass andere dagegen eine Art plötzlicher „Krise“ brauchen. Der Brief fährt fort: „Ihr alle werdet innerlich auf eine Weise verwandelt, die Ihr nicht beschreiben könnt, und während dies geschieht, mögt Ihr entweder erstarrt oder hypersensibel sein. Mal mögen die Dinge scharf zu sehen, ein anderes Mal dagegen völlig verschwommen sein. Frühere Sicherheiten mögen unzuverlässig erscheinen, und gegenwärtige Zweifel unüberwindbar. Es mag sein, dass Ihr zwischen dem Gefühl, alles andere sei unbedeutend und sinnlos, und dem anderen Extrem schwankt, auf kleinste Dinge, Sichtweisen oder Vorkommnisse Wert zu legen, die Ihr normalerweise nicht einmal beachtet hättet.“ Mose erfuhr seine „Herzoperation“ in der Wüste, Hanna, als sie kinderlos war und sich nach einem Kind sehnte, Paulus, als er blind in Damaskus ankam. Niemand entscheidet sich freiwillig für eine „Herzoperation“. Aber manchmal brauchen wir sie einfach. Und unser liebender Vater weiß das.

Mit umgefallenen Bäumen rechnen

In der Nähe dieses Krankenhauses gibt es einen schönen Park. Er hat einen Fußpfad, der durch den Wald führt, entlang eines Sees und über einen Sumpf. Ein großer, umgestürzter Baum weckte unsere Aufmerksamkeit. Die Erbauer des Fußpfads hatten sich entschlossen, einige Stufen zusätzlich zu bauen, um den Fußgängern zu ermöglichen, über diesen umgestürzten Baum zu klettern. Zuweilen passieren unerwünschte Dinge und können mit der Zeit wiederhergestellt, korrigiert oder in den alten Zustand zurückversetzt werden. Aber manchmal bewirkt oder erlaubt Gott es, dass Dinge passieren, die nicht rückgängig gemacht werden können. Es kann sich um einen Unfall handeln oder um eine bestimmte traumatische Erfahrung in unserer Vergangenheit als Folge eigener Sünde oder auch der Sünde eines anderen oder um eine frustrierende gesundheitliche Einschränkung, den Verlust von etwas oder von jemandem, das bzw. den wir sehr liebgewonnen hatten. Manchmal kann ein Erdbeben, ein Sturm oder starke Böen die Ursache sein, dass ein riesiger Baum umstürzt. Es ist so, wie der König Salomo beobachtete: „Und wenn ein Baum nach Süden oder nach Norden fällt: An dem Ort, wo der Baum fällt, da bleibt er liegen“ (Pred 11,3). Wir können unser Leben damit verbringen zu versuchen, diesen unbewegbaren Baum wieder aufzurichten. Wir können aufhören zu wachsen, vorwärtszugehen, wir können aufhören, für andere ein Segen zu sein – und in einer unwirklichen Welt von Wünschen, Träumen und Erinnerungen leben. Oder wir können uns dazu entschließen, die Folgen davon zu akzeptieren, dass wir in einer gefallenen Welt leben: bereuen, wenn wir uns einer Sünde bewusst werden; vergeben, wenn jemand anderes gegen uns gesündigt hat; dem Herrn danken für die Gaben, die wir hatten und für solche, die wir immer noch haben; sich auf das neue Kapitel in der Geschichte unseres Lebens einstellen und es akzeptieren. Wir müssen lernen, uns an dem Leben zu erfreuen, wie es ist – selbst mit seinen vielen Einschränkungen bleibt es immer ein Geschenk aus Gnade.

Schluss

Heute sind wir immer noch gefordert, durch „tiefe Wasser“ zu gehen. Wie König David mögen wir beten: „Höre, Gott, mein Schreien, horche auf mein Gebet … ich rufe zu dir, wenn mein Herz verschmachtet; du wirst mich auf einen Felsen leiten, der höher ist als ich“ (Ps 61,2.3; engl. NIV-Übersetzung). Der Herr bleibt uns nahe. Er ist der Fels. Halten wir uns an Ihn! „Rette mich, o Gott, denn die Wasser sind bis an die Seele gekommen! Ich bin versunken in tiefen Schlamm, und kein Grund ist da; in Wassertiefen bin ich gekommen, und die Flut überströmt mich“ (Ps 69,2.3). Die Zusagen des Herrn sind sicher und unverrückbar – Er sollte unser fester Grund sein. Bald wird unsere Reise beendet sein. Im Haus unseres Vaters wird es nie mehr Ungerechtigkeit, nie mehr Schmerz, nie mehr Tränen und nie mehr Abschiede geben. [Aber] noch sind wir nicht da!

Postscriptum: Wir haben uns entschlossen, diese Gedanken niederzuschreiben und zu verbreiten, während er noch auf der Intensivstation liegt. Sie werden sich nicht ändern, unabhängig davon, was mit unserem Sohn geschieht. Über die Jahre werden meine Frau und ich sie erneut lesen. Sie werden uns an unsere eigene „Herzoperation“ erinnern und uns vorbereiten auf künftige „tiefe Wasser“. Wir sind ja vergessliche Geschöpfe. Sollte Edward dies irgendwann lesen, dann möge es ihn daran erinnern, dass dieses Leben ein ganz besonderes Geschenk Gottes ist und dass der Herr sein Leid und seine Pein dazu benutzt hat, an dem Leben von vielen von uns zu arbeiten. Und Sie, lieber Leser! … möchten Sie [durch diesen Bericht] herausgefordert, besser vorbereitet und ermutigt sein.


Originaltitel: „Deep Waters“
Quelle: www.philipnunn.com

Übersetzung: Hans-Robert Klenke

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