Hiobs Lektion und seine Gerechtigkeit
Hiob 27,6

William Henry Westcott

online seit: 19.11.2020, aktualisiert: 19.11.2020

Leitvers: Hiob 27,6

Hiob 27,6: An meiner Gerechtigkeit halte ich fest und werde sie nicht fahren lassen. 

Die meisten, die diesen Vers zitieren, vergleichen ihn mit Römer 3. Sie meinen, hier den Entschluss Hiobs zu finden, vor Gott aufgrund seiner eigenen Gerechtigkeit stehen zu wollen. Das steht natürlich dann im Gegensatz zu jener Gerechtigkeit Gottes, von der wir aus Römer 3 wissen, dass sie im Evangelium offenbart wird.

Dennoch ist diese Bedeutung wohl zunächst eher unwahrscheinlich, denn die Gerechtigkeit Gottes im Sinne des Evangeliums wurde erst offenbart, nachdem das Evangelium gekommen war (Röm 1). Die Prüfung, die Satan über Hiob bringen durfte, bestand nicht darin, herauszufinden, ob seine Seele errettet war und er eine gerechte Grundlage vor Gott hatte, sondern ob er Gott wegen des Wohlstands und der materiellen Vorteile fürchtete oder nicht – Satan hielt das nämlich für völlig ausreichend, um Frömmigkeit in einem Menschen zu erzeugen.

Hiobs Freunde

Die Männer, die von den Katastrophen hörten, die über Hiob gekommen waren, scheinen den Standpunkt vertreten zu haben, dass die Wege und Vorsehungen Gottes immer nach der Würdigkeit oder Unwürdigkeit der Menschen zu deuten waren. Offensichtlich hatten sie bestimmte Standardfälle von Männern im Kopf, die fromm waren und deren Umstände alle Anzeichen der Gunst Gottes zeigten. Auf der anderen Seite kannten sie solche, die, da sie böse waren, von deutlichen Gerichtszeichen erdrückt wurden. Mit einer vergleichsweise oberflächlichen Kenntnis der Weisheit des Allmächtigen oder der Gründe für Hiobs Züchtigung ziehen sie ihre Schlüsse. Dann stülpen sie Hiob diese Schlussfolgerungen über und belasten ihn damit, alles, was er erleide, habe er reichlich verdient.

Ihre Ratschläge

Ohne ins Detail zu gehen, diese „leidigen Tröster“, wie Hiob sie nennt, versuchen, auf eine mögliche Sünde in seinem früheren Leben zu stoßen, die für sein Elend unter Gottes Missfallen verantwortlich sein könnte. Seine Kinder müssten wohl sehr böse gewesen sein, wenn sie plötzlich so abgeschnitten wurden. Oder vielleicht muss der Stolz seiner Sturheit, mit der er sich diesen Andeutungen widersetzt, gebrochen werden. Es könnte auch eine geheime Sünde sein, die er gerade praktiziert und die den Trost Gottes so gering macht. Oder es gibt vielleicht ein Motiv in seinem Herzen, einen geheimen Vorsatz, den der allsehende Schöpfer vereiteln musste und für den Er ihn verurteilen musste. Sie durchstöbern seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – alles, um zu versuchen, dem armen Leidenden einen passenden Grund für solch einzigartiges Leiden und Unglück zu geben.

Hiobs Antworten

Auf alle diese Fragen antwortet Hiob, dass es weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart die kleinste bekannte Abweichung von seiner Pflicht gab; und was die Zukunft betrifft, so hatte er nicht die geringste Absicht, sich von der ihm durch Gottes Willen zugewiesenen Bahn zu entfernen. Auf den Vorschlag seiner Frau hin hätte er Gott verfluchen und sterben und damit sein Elend beenden können, das sie als unerträglich empfand. Aber er hielt es für eine schlechte Sache, Gott in Verruf zu bringen; denn obwohl er Ihn nur schwach kannte, kannte er Ihn zu gut, um so etwas zu tun. Was die Gegenwart anging, war er trotz aller Qualen, aller Belastung und allem Leid sicher, dass Gott alles zufriedenstellend erklären würde, wenn er nur wüsste, wo er Ihn finden könnte. Und was die Zukunft betraf, so war Hiob weit davon entfernt, sich von seiner Frömmigkeit durch irgendein erlittenes Unglück oder durch irgendein sündiges Verlangen oder Aussicht auf Gewinn abwenden zu lassen – er war entschlossen, dass er, selbst wenn Gott ihn töten würde, dennoch auf Ihn vertrauen würde.

Sein Standpunkt

Hiob empfindet in furchtbarer Weise jeden Schmerz, den Satan (wie wir wissen) ihm zufügen durfte, und widerlegt die Andeutungen seiner „Freunde“ aus vollem Herzen und mit aller Kraft. Damit rechtfertigt er mit aller Entschiedenheit den Charakter Gottes. Die Aussagen der Freunde ließen nämlich den Gedanken zu, Gott sei ungerecht und verurteile ihn für Sünden, die er nicht begangen hatte.

Dennoch war es zur gleichen Zeit für ihn völlig unerklärlich, dass er, der täglich Gott gefürchtet hatte, einer solchen Qual überlassen wurde. Jeder Bezweiflung der Rechtschaffenheit seines Verhaltens wollte er sich stellen; und wenn sein Elend nicht ein Gericht für Fehlverhalten war, so schien es, als sei der Schöpfer umsonst grausam ihm gegenüber geworden und als sei er aus reiner Willkür zum Ziel für die Pfeile des Allmächtigen gesetzt worden.

Seine Lektionen

Armer Hiob. Er wusste wenig über die Gefühle des Herzens, das ihn dazu brachte, die Tiefen seines eigenen Denkens auszuloten. Er sollte sich selbst in seiner eigenen Bedeutungslosigkeit, in der Begrenztheit seiner Sichtweise, in der Armut seiner Vorstellungen von Gott kennenlernen. Er sollte die moralische Nichtigkeit seines Wesens und die Verderbtheit und Verabscheuungswürdigkeit seines Daseins lernen, mit dem er den Allmächtigen vor seinem Gericht unverschämt angeklagt hatte und Ihn wegen der Schicksalsschläge, die ihm widerfahren waren, für grausam und ungerecht erklärt hatte, einfach weil er den Grund dafür nicht erkennen konnte. Kurzum, er sollte durch tiefen Kummer erfahren, dass er unbewusst HIOB zum Zentrum seiner selbst gemacht hatte. Er sollte lernen, dass es die schlimmste Ungehörigkeit ist, GOTT danach zu beurteilen, was Hiob dachte, wie Gott sein und handeln sollte. Denn im Grunde machte er damit sich selbst besser, größer und gerechter als Gott – wie Elihu betont (Hiob 30).

Die fragliche Textstelle

Doch nun zu Hiob 27. Offensichtlich tadelt Hiob Gott für die offenkundige Grausamkeit, die sein Leben so bitter gemacht hat. Aber solange er lebt (Hiob 27,3), ist er entschlossen, der Sünde nicht nachzugeben. Was auch immer die drei Freunde behaupten, er wird eine falsche Anklage nicht zugeben (Hiob 27,5), und trotz ihres harten Urteils ist er entschlossen, die Rechtschaffenheit seines ganzen früheren Lebens bis zum Tag seines Todes zu wahren. In diesem Zusammenhang sagt er: „An meiner Gerechtigkeit halte ich fest und werde sie nicht fahren lassen“ (Hiob 27,6a). Das heißt, nichts könnte ihn dazu veranlassen, sich von dem abzuwenden, von dem er wusste, dass es richtig war. Deshalb fügt er hinzu: „Mein Gewissen straft mich über keinen meiner Tage“ (Hiob 27,6b; Schlachter 2000). Er wollte sein ganzes Leben lang ein gutes Gewissen bewahren, wie später Paulus (Apg 23,1; 2Kor 1,12; 1Tim 1,19).

Man kann darauf hinweisen, dass Saulus von Tarsus entdeckte, dass sein gutes Gewissen ihn nicht vor Irrtum bewahrt hatte und dass seine Gerechtigkeit, die eine Gerechtigkeit des Gesetzes war, in der Gegenwart der Herrlichkeit Christi nur Dreck war. Das ist wahr. Aber obwohl er lernte, Christus so zu schätzen, dass er alles aufgab, was der Mensch selbst in seiner besten Verfassung ist, veranlasste ihn dies nicht dazu, die Pflege eines guten Gewissens aufzugeben. Tatsächlich war es für die Aufrechterhaltung eines guten Gewissens in der Zukunft notwendig, dass das Leben für ihn „nicht ich, sondern Christus“ sein sollte.

Das Ende des Herrn

Könnte es bei Hiob anders gewesen sein? Wenn er einmal gelernt hatte, dass er Teil eines gewaltigen Ordnungs- und Herrschaftssystems war, das von Gott abhing und dessen Zentrum und Umfang daher Gott und nicht Hiob war, würde er dann nicht fortan neue Gedanken über die Majestät und unfehlbare Güte Gottes haben; eine Güte, die Ordnung aus dem Chaos und Gutes aus dem Bösen zu machen wusste? Würde er nicht auch gelernt haben, sich selbst und den Begründungen und Schlussfolgerungen seines eigenen Verstandes sowie denen seiner Freunde zu misstrauen, und würde er nicht die Weisheit entdeckt haben, auf Gott zu warten, bis das helle Licht, das in der Wolke war, gesehen werden konnte?

Er würde auf keinen Fall seine Rechtschaffenheit aufgeben, er würde auf keinen Fall seine Gerechtigkeit loslassen. Aber, wie Elihu es ausdrückt, seine „Gradheit“ oder seine „Gerechtigkeit“ (siehe Hiob 33,23.26) würde jetzt darin bestehen, sich unter Gottes Hand zu beugen, den Bemühungen seiner Zucht zu vertrauen, die Lektion zu lernen, die Gott lehren würde. Kurz gesagt würde das bedeuten, von sich selbst weg auf Gott zu schauen und nach diesem neuen Grundsatz vor Ihm zu leben, indem er sich auf den HERRN und nicht mehr auf sich selbst konzentriert.


Engl. Originaltitel: „The Endurance of Job and the End of the Lord. Scripture Note on Job 27,6“
aus Scripture Truth, Jg. 9, 1917, S. 82–83

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