Kurze Studie über das Kommen des Herrn (2)
Die Nationen und die Kirche

George André

© SoundWords, online seit: 06.03.2011, aktualisiert: 17.10.2016

1 Prophetischer Überblick (Fortsetzung)

1.2 Die Nationen

Nachdem die Menschen beim Turm zu Babel zerstreut worden sind, rücken sie als Gesamtheit gesehen in den Hintergrund des Geschehens. Dieses wird mehr durch die Berufung Abrahams und die Bildung des Volkes Gottes, Israels, bestimmt.

Aber als Israel, nachdem es den HERRN verlassen hat, in die Gefangenschaft geführt wird, setzt Gott die Nationen wiederum in den Vordergrund, was die Regierung der Erde betrifft. Die „Zeit der Nationen“ beginnt mit der Gefangenschaft Israels (Dan 1,1.2; 606 v.Chr.) und verlängert sich bis zur vollständigen Befreiung Jerusalems durch die Ankunft des Herrn in Herrlichkeit.

Der Traum Nebukadnezars (Dan 2) wird durch Daniel gedeutet, und seine Visionen durch ihn selbst (Dan 7; 8). Diese zeigen, dass die Herrschaft nacheinander vier „Reichen“ übertragen wird:

  • Babylon: das Haupt aus Gold (Dan 2,32.38), der Löwe (Dan 7,4)
  • die Meder und Perser: die Brust des Standbildes (Dan 2,32.39), der Bär (Dan 7,5), der erobert werden würde durch
  • das Griechenland Alexanders des Großen: der Bauch, die Lenden aus Kupfer (Dan 2,32.39), der Leopard (Dan 7,6), der seinerseits fällt unter den Schlägen von
  • Rom: die Schenkel und die Füße des Standbildes (Dan 2,33.40.43), das Tier, schrecklich und furchtbar (Dan 7,7.8.19-25).

Sowohl im Traum des Standbildes als auch in der Vision der Tiere und in den folgenden wird diesen irdischen Königreichen schließlich ein Ende gemacht, in der Vision Nebukadnezars durch den „Stein“, der „sich losriss ohne Hände“ (Dan 2,34.35.45), das „Königtum“ des Sohnes des Menschen, „das nie zerstört werden wird“ (Dan 7,14).

Daniel erklärt in seiner Vision des vierten Tieres, dass in der Mitte der zehn Hörner ein „kleines Horn“ emporstieg (Dan 7,8.20.21.24.25). Dieses ist mit einer großen Macht ausgestattet, redet große Dinge gegen den Höchsten und verfolgt die Heiligen. Es repräsentiert dieselbe Person, die wir in Offenbarung 13,1-9 und erneut in Kapitel 17 finden.

Ohne in die Einzelheiten zu gehen, sehen wir:

Daniel, der die Dinge aus einer entfernten Perspektive betrachtet, sieht den zukünftigen Führer des römischen Reiches als ohne Zeitabstand in Erscheinung tretend. Er ignoriert vollständig die Zeit der Kirche, die für Johannes in der Offenbarung hingegen eine Realität ist. Daher berichtet uns Johannes vom vorübergehenden Erlöschen des Römischen Reiches: Das Tier „war und ist nicht und wird aus dem Abgrund heraufsteigen“ (Off 17,8). Dieses Erlöschen des Römischen Reiches entspricht, mehr oder weniger, dem Zeitraum zwischen der 69. und 70. Woche aus Daniel 9 und der Zeit der Kirche (obwohl das römische Westreich während der ersten Jahrhunderte der Geschichte der Kirche auf der Erde weiter existiert hat – aber das Prinzip bleibt).

Die durch das „kleine Horn“ aus Daniel 7 dargestellte Person, die in dem Tier von Offenbarung 13,1 wiedergefunden wird, ist auch dieser Fürst aus Kapitel 9, der für eine Woche mit den „Vielen“ einen Bund schließen und von dem eine universelle Bedrückung (Off 13,7) ausgehen wird. Letztere verschärft sich in der zweiten Hälfte dieser Woche: die 3 ½ Jahre oder 42 Monate oder auch 1260 Tage der großen Drangsal.

Daniel sah das Ende der vier Reiche der Nationen, das durch den Stein, der „sich losriss ohne Hände“, bewirkt wird. Dies ist gleichzusetzen mit der Aufrichtung des Reiches des Sohnes des Menschen. Das Neue Testament gibt uns darüber mehr Einzelheiten, denn der, der das Tier, den falschen Propheten und ihre Begleiter besiegen wird, ist das Lamm (Off 17,14). Der Herr Jesus wird den Gesetzlosen durch den Hauch seines Mundes verzehren und durch die Erscheinung seiner Ankunft vernichten (2Thes 2,8).

Die Auflehnung der Nationen gegen Gott wird am Ende der Zeiten einen Höhepunkt erreichen. Dann wird ihre Geschichte enden durch die herrliche Erscheinung des Herrn Jesus und die Aufrichtung seines Reiches des Friedens und der Gerechtigkeit zum Segen der ganzen Erde:

„Das Ersehnte aller Nationen wird kommen“ (Hag 2,7).

1.3 Die Kirche

Als Antwort auf die Aussage des Petrus „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ erklärt der Herr Jesus hier auf der Erde: „Ich werde meine Versammlung bauen“ (Mt 16,18). Dies war also zu diesem Zeitpunkt noch eine zukünftige Sache.

In 1. Korinther 12,13 sehen wir, dass durch die Taufe des Heiligen Geistes alle Gläubigen zu dem einen Leib gebildet worden sind. Diese Taufe des Heiligen Geistes fand am Pfingsttag statt (Apg 2), und seitdem sind die, die an den Herrn Jesus glauben, versiegelt mit dem Heiligen Geist (Eph 1,13) und werden Teilhaber dieser Taufe, die die Versammlung gebildet hat – sie sind dadurch Glieder des Leibes Christi. Es handelt sich nicht mehr um Juden einerseits und Nationen andererseits, sondern um „einen neuen Menschen“ (Eph 2,15). Er wird sowohl durch Juden, die zum christlichen Glauben geführt wurden, als auch durch Erlöste aus den Nationen (Apg 15,14) gebildet.

Die Kirche oder Versammlung nahm ihren Anfang am Tag der Pfingsten. Sie besteht aus Juden und Heidenvölkern, die alle vereint sind „in einem Leib“ für Gott „durch das Kreuz“. Die Versammlung wird so „eine Behausung Gottes im Geist“ (Eph 2,15-22). Nur wiedergeborene Gläubige, die den Heiligen Geist besitzen, gehören somit zur Versammlung Gottes. Ebenso gehören damit ausnahmslos alle Gläubigen, die durch den Glauben Kinder Gottes geworden sind und den Heiligen Geist empfangen haben (Apg 15,8.9) zu dieser Versammlung. Wenn aufgrund des Wandels oder tiefer Irrtümer Zuchtmaßnahmen bei dem einen oder anderen ausgeübt werden müssen und dies für eine Zeit ein Hindernis für ein gemeinsames Zeugnis von der Einheit des Leibes Christi am Tisch des Herrn darstellt – oder wenn andere sich von diesem fernhalten –, so bleibt dennoch bestehen, dass sie Glieder seines Leibes bleiben und für immer zur Versammlung Gottes gehören. Eine solche Teilhabe hängt tatsächlich nicht vom Lebenswandel ab, sondern von dem Werk Christi und dem Glauben an Ihn. Dennoch – wie viel Verlust und Leid, und vor allem Verunehrung des Namens des Herrn, wenn das praktische Zeugnis nicht der Stellung entspricht, die Er uns erworben hat!

Das „Geheimnis“ der Kirche war im Alten Testament nicht offenbart worden (Eph 3,3-6). Gott beschäftigte sich damals nur mit einem bestimmten Volk, das von den anderen abgesondert war: Israel. Jetzt zieht Gott aus der Welt, da und dort, aus allen Milieus, Seelen heraus, die Er durch seinen Geist untereinander und mit dem verherrlichten Herrn Jesus vereint. Die Kirche ist somit durch das ihr eigene Wesen außerhalb der Welt gestellt, getrennt von ihr. Sie hat ihr Ziel nicht auf der Erde, sondern im Himmel. Eben dort sollen wir unseren Schatz haben (Mt 6,20); dort sollen unsere Namen angeschrieben sein (Lk 10,20); unsere Gedanken und Zuneigungen sollen sich nach oben richten, wo sich Christus befindet; unser Bürgertum ist dort (Phil 3,20). Mit dem Herrn Jesus zu sein, seine Herrlichkeit zu schauen (Joh 17,24), Ihm gleich zu sein (1Joh 3,2), das ist unsere Hoffnung.

Die Thessalonicher hatten sich „von den Götzenbildern zu Gott bekehrt“, um Ihm auf der Erde zu dienen und seinen Sohn Jesus aus den Himmeln zu erwarten (1Thes 1,9.10). Ein Christ ist also nicht jemand, dem es verboten ist, diese oder jene Sache zu tun, an diesen oder jenen Ort zu gehen, an dieser oder jener Kundgebung teilzunehmen. Sondern er ist ein Mensch, dessen Welt sich geändert hat, dessen Gefühle und Wünsche in eine andere Richtung gehen als die seiner ungläubigen Mitmenschen.

Die Geschichte der Kirche auf der Erde wird für die Erlösten mit dem Kommen des Herrn, wenn Er die Seinen zu sich entrücken wird (1Thes 4,15-18), ein Ende finden. Die Kirche, die sich zwar als christlich bezeichnet, aus der aber die wahren Gläubigen bei der Entrückung herausgenommen werden, wird noch einige Jahre weiter bestehen, wie man in Offenbarung 17 sieht, und zwar in der Gestalt der großen Hure. Letztendlich wird sie durch das Tier selbst zerstört werden (Off 17,16.17).

Am Anfang der Offenbarung (Off 2 und 3) geben die Briefe an die sieben Versammlungen einen Abriss der Geschichte der Kirche in dieser Welt wieder. Die vier letzten zeigen, dass der Zustand der Dinge, wie er in ihnen beschrieben ist, bis zur Ankunft des Herrn andauert. Eine besondere Verheißung wird Philadelphia gemacht (Off 3,10): „Ich werde dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird.“ Der Text sagt sehr wohl: Ich werde dich bewahren vor der Stunde der Versuchung – und nicht: durch die Stunde der Versuchung hindurch. Darüber hinaus sehen wir, dass der dritte Teil der Offenbarung („was nach diesem geschehen muss“, d.h. die Gerichte) in Kapitel 4 beginnt, nachdem die Geschichte dessen, „was ist“ (die Kirche auf der Erde), zu Ende gekommen ist.

Die Kirche erwartet gemäß der Verheißung aus 1. Thessalonicher 1,10 den Bräutigam, nicht den Tag des Zorn. Wir werden sehen, dass der Herr bei seiner Ankunft in Herrlichkeit begleitet sein wird von allen Heiligen; daraus folgt, dass sie vorher zu Ihm entrückt worden sind.

In der Zeitspanne, die der letzten Woche Daniels entspricht, wird das Evangelium des Reiches verkündigt werden; dies wird nicht mehr das Evangelium der Gnade sein, wie wir es heute kennen.

Die Kirche könnte daher nicht mehr auf der Erde sein, wenn das Evangelium des Reiches verkündigt wird, denn das Ergebnis des Glaubens an das aktuelle Evangelium der Gnade ist eben, aus einem Gläubigen ein Glied am Leib Christi zu machen, und nicht, ihm ein Teil am irdischen Königreich zu geben!

Aber wenn wir aufgrund dieser und noch anderer Textstellen meinen möchten, dass die Entrückung der Kirche vor der großen Drangsal stattfinden wird, sogar auch vor der Zeitperiode der Gerichte, die der letzten Woche Daniels entspricht, dann bedeutet das nicht, dass die Christen bis zur Ankunft des Herrn nicht berufen sind, auf der Erde zu leiden! Viele Christen haben durch die Zeiten hindurch gelitten, sei es in speziell gegen sie gerichteten Verfolgungen oder selbst als Teil derer, die die schon genug schreckliche Gerichte durchlitten haben, die sich auf so viele Länder ergossen haben. 1. Petrus 4,17 ist bejaht das: „Die Zeit ist gekommen, dass das Gericht anfange bei dem Haus Gottes; wenn aber zuerst bei uns, was wird das Ende derer sein, die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen?“ Nur dass die Gerichte, die ausgeübt werden, solange die Kirche auf der Erde ist, in einer Zeit stattfinden, in der die Gnade noch voll verkündigt wird, während die Gerichte der Zeitspanne der letzten Wochenhälfte Daniels einen unerbittlichen Charakter haben, obwohl gerade in dieser Zeit eine Vielzahl von Seelen für das Reich gerettet werden (Off 7,9.14).

Dieser Überblick der Geschichte Israels, der Nationen und der Kirche auf der Erde, die jeweils mit der Ankunft des Herrn endet, lehrt uns ein wenig, die Dinge von oben aus zu sehen, so wie Gott sie sieht. Wir müssen aus unserer kleinen begrenzten Sphäre und unserem Egozentrismus heraustreten, um in der Schrift die Dinge aus der Sicht Gottes zu betrachten. Wir verstehen dann besser unsere Winzigkeit und die unendliche Größe der Person Christi.


Originaltitel: „Courte étude sur la venue du Seigneur (2)“
Quelle: http://www.bible-notes.org/article-610-courte-etude-sur-la-venue-du-seigneur-2.html 

Übersetzung: Germund Hensel


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...