Der gegenwärtige und der zukünftige Zeitlauf (11)
Das Kommen des Herrn für die Gemeinde und die Welt

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© SoundWords, online seit: 07.10.2006, aktualisiert: 01.10.2018

Leitverse: 1. Thessalonicher 4,16.17; Sacharja 14,4

1Thes 4,16.17: Denn der Herr selbst wird mit gebietendem Zuruf, mit der Stimme eines Erzengels und mit der Posaune Gottes herniederkommen vom Himmel, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen; danach werden wir, die Lebenden, die übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft; und also werden wir allezeit bei dem Herrn sein.

Sach 14,4: Und seine Füße werden an jenem Tag auf dem Ölberg stehen, der vor Jerusalem gegen Osten liegt; und der Ölberg wird sich in der Mitte spalten nach Osten und nach Westen hin, zu einem sehr großen Tal, und die Hälfte des Berges wird nach Norden und seine andere Hälfte nach Süden weichen.

Kommen des Herrn für die Gemeinde und für die Welt

  1. Wenn der Herr kommt, um seine Gemeinde abzuholen, dann kommt Er nicht auf die Erde herab, sondern nur in die Luft, wo die Versammlung in den Wolken Ihm entgegengerückt wird (1Thes 4,16.17). Wenn Er zum Gericht der Erde kommt, „dann werden seine Füße zu der Zeit auf dem Ölberg stehen, der vor Jerusalem gegen Morgen liegt“ (Sach 14,4). „Alle Nationen werden zusammengebracht und in das Tal Josaphat hinabgeführt; und er wird mit ihnen daselbst rechten“ (Joel 3,7).

  2. Wenn der Herr kommt, um seine Gemeinde abzuholen, so wird Er nur von denen gesehen, die Ihn zur Seligkeit erwarten, wie wir es schon bemerkt haben. Wenn Er zum Gericht kommt, so ist es „gleichwie der Blitz ausfährt vom Aufgang und scheint bis zum Niedergang …, dann werden alle Stämme der Erde wehklagen; sie werden an ihre Brust schlagen und werden den Sohn des Menschen sehen, kommend auf den Wolken des Himmels, mit Macht und vieler Herrlichkeit“ (Mt 24,27.30). „Siehe! Er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn schauen, auch die, die ihn gestochen haben; und alle Geschlechter der Erde werden über ihn wehklagen. Ja, Amen!“ (Off 1,7).

  3. In der Ankunft des Herrn, um seiner Versammlung zu begegnen, ist nur Liebliches und Ermutigendes, „ein gebietender Zuruf“ oder der „Aufmunterung“, wie man auch übersetzen kann, „eine Stimme des Erzengels, und die Posaune Gottes“, aber weder Feuerflamme, noch Zorn, noch Rache. Wie ist es aber so ganz anders, wenn Er sich aufmacht, um die Erde zu richten als derjenige, der recht richtet und streitet. „Seine Augen sind wie Feuerflammen; sein Kleid ist von Blut gefärbt; aus seinem Mund geht ein zweischneidiges Schwert, um die Nationen damit zu schlagen; denn er wird sie mit eiserner Rute regieren; und er tritt die Kelter des Weines des Grimmes Gottes, des Allmächtigen“ (Off 19,11-21; Jes 63,1-6). „Denn siehe, der HERR kommt im Feuer, und wie der Sturmwind sind seine Wagen, auszulassen in Glut seinen Zorn, und sein Schelten in Feuerflammen. Denn mit Feuer rechtet der HERR, und mit seinem Schwert gegen alles Fleisch; und viel sind der Erschlagenen“ (Jes 66,15.16). „Er kommt in einer Feuerflamme, um denen Vergeltung zu geben, die Gott nicht kennen, und denen, die nicht dem Evangelium unseres Herrn Jesu Christus gehorchen, die Strafe leiden werden, ewiges Verderben von dem Angesicht des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Stärke“ (2Thes 1,7-9). Auch werden die Menschen „in die Felsenspalten und Bergklüfte kriechen vor dem Schrecken des HERRN und vor seiner herrlichen Majestät, wenn er sich aufmachen wird, die Erde zu schrecken“ und„sie werden zu den Bergen und Felsen sagen: Fallet auf uns und verberget uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes. Denn der große Tag seines Zornes ist gekommen; und wer kann bestehen?“ (Jes 2,21; Off 6,16.17). Gewiss, dies ist nicht der ersehnte und glückliche Tag der Hochzeit des Lammes.

Übrigens ist der Gegensatz, den wir soeben zwischen der Wiederkunft des Herrn für die Gemeinde und seiner Wiederkunft für Israel und die Welt bezeichnet haben, nur eine Folge des Gegensatzes, den wir ebenfalls zwischen der Abwesenheit des Herrn in Bezug auf seine Versammlung und seiner Abwesenheit in Bezug auf Israel und die Nationen bemerken.

Das Hingehen Jesu in den Himmel, das für Israel und die Nationen, die irdischen Völker, ein Gericht ist, ist für die Versammlung, das himmlische Volk, eine Quelle der Segnungen. Wenn aber der Herr, seiner Drohung gemäß, wieder an seinen Ort ging und sein Volk ohne König ließ (Hos 3,4; 5,15), so war dies ähnlich dem, was ein Vater tut, wenn er, nachdem er umsonst alles versucht hat, um sein Kind zu bessern, dasselbe, wenigstens für einige Zeit, sich selbst überlässt. Hingegen ist die Gegenwart Jesu im Himmel für die Versammlung die Quelle der schönsten Segnungen. So kann Er vor Gott, als ihr Stellvertreter, Sachwalter und Vorläufer, für sie erscheinen und ihr auch alle Hilfe und Tröstungen des Geistes verschaffen (Joh 7,38.39; 14,1-13; 16,7 usw.).

Daher kommt denn auch der Unterschied seiner Ankunft für die Versammlung und seiner Ankunft für Israel. Wenn Er wiederkommt, um seine Versammlung abzuholen, so geschieht es, um sie in den Besitz der Güter zu setzen, die Er ihr erworben hat und wegen derer Er in den Himmel ging, um sie für sie zu bereiten. Wenn Er wieder unter Israel und die Nationen kommt, die Ihn verworfen haben, so muss Er mit Richten und Strafen anfangen, damit Er, nachdem seine Ungnade ein Ende genommen hat, nachher segnen kann (Lk 19,12-27; 20,9-18; Jes 9).

  1. Wenn der Herr kommt, um seine Versammlung abzuholen, so ist es „der Sohn Gottes“ (1Thes 1,10); was sehr an den himmlischen Charakter dieser Brüder erinnert, denen Er, ehe Er in den Himmel ging, sagte: „Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott“ (Joh 20,17).

    Wenn Er kommt, um die Welt zu richten, nennt Er sich „Sohn des Menschen“ (Dan 7,13; Mt 24,27.30.37.39.44; 26,64); was mit dem Charakter jenes Augenblicks in Beziehung ist, in dem Er als Sohn Davids kommt, um die Ihm bestrittenen Rechte als König Israels in Anspruch zu nehmen. Er kommt, um den Thron Davids, seines Vaters, in Besitz zu nehmen, um über das Haus Jakob ewiglich zu regieren (2Sam 7,12-16; Lk 1,32).

  2. Wenn Jesus der Versammlung entgegenkommt, so geschieht es, um sie zu sich zu nehmen, damit da, wo Er ist, auch sie sei. Wenn Er erscheint, um die Welt zu richten, so kommt seine Versammlung zu Ihm, denn sie bildet einen Teil dieser himmlischen Heere, die seine glorreiche Begleitung ausmachen. Wie könnte man daran zweifeln, wenn man darauf achtet, dass diese Heere „mit weißer reiner Leinwand angetan sind“ und dass„die Leinwand die Gerechtigkeiten der Heiligen sind?“ (Off 19,8.14). Übrigens sagte schon Henoch, der siebente nach Adam: „Siehe, der Herr kommt mit seinen heiligen Tausenden, Gericht wider alle auszuführen und alle ihre Gottlosen von allen ihren Werken der Gottlosigkeit, die sie gottlos getan haben, und von all den harten Worten, die gottlose Sünder wider ihn geredet haben, völlig zu überführen“ (Jud 15). Diese einfache Bemerkung sollte schon allein genügen, um diese beiden Erscheinungen des Herrn zu unterscheiden. Wenn Er mit seinen Heiligen kommt, um die Welt zu richten, so müssen doch diese Heiligen vorher zu Ihm aufgenommen worden sein.

  3. Wenn Jesus kommt, um die Versammlung abzuholen, so ist Er „der Morgenstern“, der , solange die Nacht noch die Erde bedeckt, den Tag ankündigt und der nur von denen gesehen wird, die wachen (2Pet 1,19; Off 2,28; 22,16). Wenn Er zum Gericht kommen wird, so wird Er „die Sonne der Gerechtigkeit“ sein, die, nachdem sie, brennend wie der Ofen, alle Verächter und Bösen verzehrt haben wird, den Sanftmütigen der Erde das Heil bringt – denjenigen nämlich, die inmitten der großen Versuchung ausharrten, auf dasselbe zu warten; „denjenigen, die sein Wort fürchten und die von ihren Brüdern, um seines Namens willen, gehasst werden“ (Mal 3,16; 4,1.2; Jes 66,5).

  4. Wenn Jesus kommt, um die Versammlung abzuholen, so ist Er gleichsam der Hausvater, der kommt, um die Erstlinge einzusammeln, um sie Gott in seinem Tempel darzubringen (5Mo 26). Denn „nach seinem eigenen Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt, auf dass wir in etwa Erstlinge seiner Schöpfung seien … wir, die wir zuvor auf den Christus gehofft haben“ (Jak 1,18; Eph 1,12).

    Wenn Er kommt, um die Welt zu richten, so ist Er gleichsam der Hausvater, der kommt, um die Ernte einzusammeln, der das Unkraut zusammenbindet, um es mit dem Stroh in dem Feuer, das nicht erlischt, zu verbrennen, und der den Weizen auf den Speicher sammelt und also seine Tenne ganz und gar reinigt (Mt 3,12; Mt 13,30).

  5. Für die Ankunft des Herrn zum Gericht gibt es vorlaufende Zeichen. Ohne von dem Zeichen des Sohnes des Menschen zu reden, das dann am Himmel erscheinen wird (Mt 24,30) und von dem wir nichts wissen, als was uns hier davon gesagt ist; ohne, sage ich, von diesem Zeichen zu reden, müssen, ehe der Sohn des Menschen selbst erscheint, die Juden in ihr Land zurückgekehrt und Jerusalem wieder aufgebaut sein, der Abfall unter dem Antichristen seinen Höhepunkt erreicht haben und das Evangelium vom Reich auf der ganzen Erde gepredigt sein.

    Aber es ist uns kein Zeichen gegeben, das der Ankunft des Herrn, um seine Versammlung abzuholen, vorangehen müsse. Für sie ist Er immer „der Kommende!“, „denn noch um ein gar Kleines, und der Kommende wird kommen und nicht verzögern“ (Heb 10,37). „Ich bin das Alpha und das Omega, Anfang und Ende! – spricht der Herr Gott, der ist, der war, und der kommt –, der Allmächtige“ (Off 1,4.8; 8,11; 22,7.20).

Die Zeit des Aufenthaltes der Versammlung auf der Erde ist sogar nie nach Jahren oder Monaten oder Wochen und Tagen gemessen – mit einem Wort, nicht nach den Umdrehungen der Sonne oder des Mondes bestimmt worden, wie dies bei Israel und den Heiligen der Erde der Fall ist, weil es im Himmel, von wo die Versammlung ist, weder Stunde, noch Jahr, noch Jahreszeit gibt, und auch wohl ohne Zweifel deshalb, weil der Herr will, dass sie Ihn beständig erwarte. Es ist immer „um ein gar Kleines“ (Joh 14,9; 16,16; Heb 10,37).

Man sagt zwar, dass Paulus die Thessalonicher gelehrt habe, auf die Zeichen achtzuhaben, die der Ankunft des Herrn, um sie abzuholen, vorangehen würden (2Thes 2,1-3). Wenn aber dies die Absicht Paulus gewesen wäre, so hätte er sich widersprochen, indem er so oft seine Brüder ermahnte, in einer beständigen Erwartung des Herrn zu stehen. Und hieße das nicht, sich auf die offenbarste Weise widersprechen, wenn man ermahnt, den Herrn täglich zu erwarten, und zu gleicher Zeit lehrt, dass, ehe Er kommt, diese und jene noch zukünftigen Dinge erfüllt werden müssen, dass der Abfall seinen Höhepunkt erreicht, dass der Antichrist offenbart sein müsse usw.? Wenn alle diese Dinge geschehen müssen, ehe der Herr kommt, um seine Versammlung abzuholen, so habe ich nur diese Zeichen zu erwarten, die sich nicht in einem Tag verwirklichen können, und bis dahin kann ich in der Gewissheit leben, dass der Herr noch nicht kommt.

Nein, dies war nicht der Gedanke des Paulus; man hatte aber die Thessalonicher beunruhigt, indem man ihnen sagte und schrieb, dass „der Tag Christi da sei“; gerade wie es heutzutage einige Christen machen, die in jeder Revolution, jedem Kriegsgeschrei, jedem Ereignis, das ein wenig außerhalb des gewöhnlichen Laufes der Dinge ist, die Zeichen der Ankunft des Sohnes des Menschen sehen (Mt 24) und die ebenfalls sagen: „Der Tag Christi ist da.“ Wenn dies wäre, so hätten wir Ursache, bestürzt zu sein, wir nämlich, die wir, wie die Thessalonicher, Jesus vom Himmel erwarten, uns vor dem zukünftigen Zorn zu erretten, denn wir hätten uns in unserer Erwartung, unserem Haupt entgegengerückt, um mit Ihm vereinigt zu sein, bevor Er auf diese Welt seine Zornschalen ausgießen wird, getäuscht. Dieser Beunruhigung wollte gerade Paulus bei seinen Brüdern in Thessalonich zuvorkommen. Deshalb erinnert er sie, dass, ehe der Tag Christi komme, (d.h. das Gericht und das Reich), der Abfall kommen und der Mensch der Sünde offenbart sein müsse; aber er sagt keineswegs, dass der Herr seine Gemeinde nicht abholen werde, ehe diese Dinge geschehen sein würden. Im Gegenteil wollte er sie in dieser Hoffnung, die er ihnen eingeflößt hatte und die durch irrige Belehrungen in Gefahr stand, erschüttert zu werden, befestigen. Deshalb erinnert er sie in Vers 13, dass sie nicht zum Zorn gesetzt seien, sondern zur Seligkeit und zur Erlangung der Herrlichkeit. So hatte er ihnen in 1. Thessalonicher 5,8, schon gesagt: „Angetan mit dem Helm der Hoffnung zur Seligkeit; denn Gott hat uns nicht zum Zorn gestellt“ – nicht gesetzt, um den Tag des Zornes des Lammes durchzumachen, weil wir im Gegenteil an jenem Tag mit Ihm die Welt richten werden –, „sondern zur Erlangung der Seligkeit durch unseren Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, auf dass wir, sei es, dass wir wachen oder schlafen“ –, d.h., sei es, dass wir leben, wenn Er kommen wird, oder vorher gestorben sind – „zusammen mit ihm leben.“ Denn alle, sowohl die Auferstandenen, als die Verwandelten, werden miteinander Ihm entgegengerückt werden, um allezeit bei Ihm zu sein.

Die große Trübsal zwischen den beiden Kommen des Herrn

Haben wir nun erkannt, dass die Ankunft des Herrn, um seine Versammlung abzuholen, und sein Kommen, um die Welt zu richten, zwei verschiedene Tatsachen sind, so kann man nur noch fragen, was uns berechtigt, zwischen diese beiden Tatsachen die große Trübsal zu setzen, und dass demgemäß die Versammlung nicht durch diese hindurchzugehen hat.

Wir hatten schon Gelegenheit, auf die Verheißung des Herrn, in Betreff der Versammlung zu Philadelphia, aufmerksam zu machen: „Ich werde dich vor der Stunde der Versuchung bewahren“, worauf dann Laodizea aus dem Mund des Herrn gespien wird. Verdient dies nicht ernstlich in Betracht gezogen zu werden? Und wie kann man eine genaue und genügende Erklärung von diesen Offenbarungen geben, wenn man nicht die Entrückung der Versammlung vor der Stunde der Versuchung darin sieht? Dem System, das lehrt, dass die ganze Welt sich am Ende der jetzigen Zeitperiode bekehren werde, ist es gewiss befremdend, zu hören, dass der Herr der Versammlung dieser Zeit zu der Versammlung des Endes sagt: „Ich werde dich aus meinem Munde ausspeien!“ Zwar steht der Herr auch noch nach diesem vor der Tür und klopft an, damit, wenn jemand seine Stimme höre und Ihm auftue, Er zu diesem einkehre und mit ihm Abendmahl halte. So hat also der Herr auch dann noch seine Auserwählten; aber diese Auserwählten haben nicht den Charakter der Glieder der Versammlung, wie wir es schon zu einem früheren Zeitpunkt betrachtet haben.

Wenn der Apostel Paulus den Thessalonichern sagt: „Schon ist das Geheimnis der Gesetzlosigkeit wirksam, nur ist jetzt der, der zurückhält, vorhanden, bis er aus dem Weg ist; und dann wird der Gesetzlose offenbart werden …“ (2Thes 2,7.8), will er da nicht von der Versammlung sprechen? Ist es nicht die Versammlung dieses dem Namen des Herrn geweihten Volkes, das hier unten für Ihn Zeugnis ablegend, noch heute das Hindernis ist, dass der Gesetzlose offenbart wird? Wenn aber die Versammlung aus dem Wege sein wird, das heißt aus der Welt entrückt und in die himmlischen Örter gesammelt, dann wird Satan aus diesen vertrieben, und, indem er mit großem Zorn auf die Erde herabkommt, wird er daselbst den Antichristen, das Werkzeug seiner boshaften Absichten, erwecken. Dann wehe den Bewohnern der Erde, weil dies die Stunde der großen Trübsal sein wird (Off 12,7.12).

Diesen Betrachtungen ist noch dieses hinzuzufügen: Es gibt eines der wichtigsten Bücher der Schrift, das sich offenbar auf die Zeit des Endes des Zeitlaufes bezieht und worin wir jeden Augenblick Gefühle ausgedrückt finden, die nicht der Versammlung angehören können; es ist das Buch der Psalmen. Wer es ohne Vorurteile liest, wird bald darin die lieblichen Gesänge Israels, nach eingegebenen Ausdrücken, erkennen (2Sam 23,1), in denen es durch den Geist seinen Messias, seine Leiden, die Kämpfe und die Herrlichkeiten seines Reiches besingt, wie dies von den Propheten im Allgemeinen gesagt ist (1Pet 1,11). Die Seufzer, die Gebete, die durch die Lästerungen und die Verfolgungen des Gottlosen in den Getreuen hervorgerufen werden, die Hoffnungen, die Triumph- und Dankgesänge, die die Wiederkunft ihres Königs, die Zerstörung seiner Feinde und die Aufrichtung seines Reiches ihnen eingibt – dies alles bildet gleichsam eine prophetische Geschichte der Zeit des Endes.[1]  Wir haben nun gesagt, dass mehrere dieser in den Psalmen ausgedrückten Gefühle nicht in der Versammlung sein können, wie zum Beispiel:

  1. Die Psalmen sprechen beständig von Israel und den Nationen als Völkern, sogar als Gott feindlichen Völkern, weil sie Feinde seines Volkes sind. Dann zeigen sie uns dieselben gezüchtigt und hernach mit ihren Königen und Regenten gesegnet. In der Versammlung ist nicht von Völkern die Rede, sondern von Sündern, wovon jeder persönlich für sich verloren ist und in Christus persönlich errettet, ohne irgendwelchen Unterschied des Volkes.

  2. In den Psalmen bitten die Heiligen um Rache für ihre Feinde. „Zerbrich ihre Zähne in ihrem Maul … sie müssen zergehen wie Wasser, das dahinfließt … der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Rache sieht und wird seine Füße baden in des Gottlosen Blut; dass der Mensch sagen wird: der Gerechte hat ja Frucht! Es ist ja Gott Richter auf Erden … Schütte deinen Grimm auf die Nationen, die dich nicht kennen, und über die Königreiche, die deinen Namen nicht anrufen“ (Ps 58; 59; 79; 83; 140). Dies ist nicht die Gesinnung der Gemeinde Gottes.

  3. Endlich ist die Hoffnung der Gerechten in den Psalmen diese: die Bösen von der Erde ausgerottet zu sehen, dass sie selbst aber darauf bleiben, um in allerlei irdischen Segnungen gesegnet zu sein. „Die Bösen werden ausgerottet, aber die auf den HERRN harren, werden das Land erben. Es ist noch um ein Kleines, so ist der Gottlose nicht mehr; du achtest auf seine Stätte, und er ist nicht mehr. Aber die Sanftmütigen werden das Land erben und Lust haben in großem Frieden“ (Ps 37,9-11 usw.). Ist dies die Hoffnung der Versammlung? Nimmermehr. Die schon gerechtfertigte Versammlung kommt nicht mit dem Gottlosen ins Gericht, und vor allem bleibt sie nicht nach Gericht auf der Erde, um dort mit irdischen Segnungen überhäuft zu werden. Im Gegenteil: Ihre Hoffnung ist, damit sie zu ihrem Heiland geht; währenddessen werden die Bösen hier unten dem Gericht Gottes überlassen.

Zusammenfassung

Wer fühlt nicht den großen Unterschied des Charakters, der eine so verschiedene Hoffnung voraussetzt? Da nun der Charakter der Heiligen dieser Zeit nicht der der Glieder der Versammlung sein kann, so kann die Versammlung dann also nicht mehr auf der Erde sein und muss folglich vor der großen Trübsal entrückt worden sein. Dies ist übrigens in vollkommener Übereinstimmung mit dem, was wir von ihrer Natur und ihrer Bestimmung gesehen haben.

Es kommt auch auf diesen so einfachen Grundsatz zurück. Die göttliche Gesinnung, wovon jede Haushaltung die besondere Offenbarung ist, ist die Gesinnung, die der Geist Gottes den Heiligen der betreffenden Haushaltung insbesondere einflößt. Es wäre sonst Widerspruch in Gott, indem sein Geist seinen Heiligen Gesinnungen einflößen würde, die denen, die Er selbst empfindet, entgegen wären und deren Verwirklichung Er in diesem Augenblick will. Da die Versammlung die vollkommenste Offenbarung der Gnade und der Geduld Gottes gegen die Welt ist, so soll sie diese vollkommene Gnade verkündigen, ohne jedoch von dem, was das Reich des Herrn betrifft, zu schweigen. Ihr Zeugnis ist: „Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben, und er kommt nicht ins Gericht, sondern er ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen“ – und ihr Gebet: „Komm, Herr Jesu!“ (Off 22,20). Aber wenn die Geduld Gottes erschöpft und seine Versammlung gesammelt sein wird, erhebt Er sich von seinem Thron, um die Welt mit seinen Plagen heimzusuchen; dann verkündigen auch seine Heiligen, indem sie seine Gefühle teilen, das herannahende Gericht. Und wie könnten sie dann noch die Gnade anbieten, die der Versammlung angeboten wurde, wenn dieselbe zu ihrem Herrn gesammelt ist? Es bleibt denjenigen Heiligen, die dann noch auf der Erde wohnen, keine andere Aussicht mehr, als die, durch die Gerichte hindurch errettet zu werden wie Noah durch die Wasser der Sintflut. Auch ist dann das Zeugnis der Heiligen in diesem Augenblick:

„Fürchtet euch vor Gott und gebt ihm Ehre; denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen“ (Off 14,7). Sie flehen: „Der Sünder müsse ein Ende werden auf Erden und die Gottlosen nicht mehr sein“ (Ps 104,33-35).

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Anmerkungen

[1] Wenn die Psalmen nicht die Gesänge der Versammlung sind, und wenn diese nicht berufen ist, dieselben unmittelbar auf sich anzuwenden, so geht daraus nicht hervor, dass sie das Lesen derselben vernachlässigen soll oder dass sie etwas dabei verlieren würde. Denn zunächst gibt es allgemeine Grundsätze darin, von denen Gott in seinen Wegen mit den Menschen nie abgeht und die sich also in allen Haushaltungen vorfinden: sein Hass gegen das Böse, das Er früher oder später bestraft, indem Er den Weisen in seiner Klugheit erhascht und den Bösen in die Grube fallen lässt, die Er gegraben hatte; seine Erbarmungen, die alle seine Werke übertreffen; die Leiden und der vollkommene Gehorsam seines vielgeliebten Sohnes, kraft dessen Er die Ungerechtigkeiten vergibt und die Gebrechen derer heilt, die sich Ihm anvertrauen. Diese in den Psalmen betrachteten Wege Gottes werden stets die Freude des Christen sein. Wenn er nur vom Geiste gelehrt worden ist, in allem diesem die besondere Seite für Israel zu unterscheiden, so läuft er nicht Gefahr, sich in falsche Anwendungen zu verirren, wie man es oft gemacht hat und Gedanken und Hoffnungen an die Erde knüpfte, die sich nur nach oben richten sollten.

Wenn man übrigens in den Psalmen eine prophetische Geschichte der Zeit des Endes erblickt, so gewinnen sie ein ganz besonderes Interesse. Es eröffnet sich uns in dem unendlichen und herrlichen Feld der Offenbarungen Gottes eine neue Aussicht. Viele Stellen, die uns bis dahin nur einen unbestimmten Sinn darboten oder die wir sogar auf keine Weise mit unserem Verständnis in den Wegen Gottes vereinbaren konnten, werden für uns, wenn sie dann ihren wahren Platz finden, einfach und klar sein. Wir haben ohne Zweifel das Vorrecht, während der traurigen Tagen des Endes des Zeitlaufs nicht mehr auf der Erde zu sein; das, was aber Gott nach seinem Wohlgefallen uns darüber offenbart hat, ist deshalb nicht ohne Interesse. Könnte uns etwas, was den Kampf unseres Herrn gegen seine Feinde betrifft, sein schließlicher Triumph und die Aufrichtung seines Reiches auf der Erde gleichgültig sein, wenn wir den Herrn lieben und wenn wir uns daran erinnern, dass wir mit Ihm triumphieren und regieren sollen? Nein, indem wir die Anwendung der Psalmen, sowie auch aller übrigen Propheten, unmittelbar auf Israel beziehen, verlieren wir nichts; wir machen uns nicht ärmer, es sei denn, dass das Sich-arm-Machen heiße, wenn man zum Erbe den Himmel lieber als die Erde nimmt: Denn der Unterschied zwischen Israel und der Versammlung kommt immer auf dieses zurück.


Originaltitel: „Der gegenwärtige und der zukünftige Zeitlauf“
aus Botschafter des Heils in Christo, 1857, S. 144–158
aus dem Französischen übersetzt
von der Redaktion sprachlich leicht angepasst


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