Kurze Studie über das Kommen des Herrn (1)
Israel

George André

© SoundWords, online seit: 06.11.2010, aktualisiert: 03.09.2016

Leitvers: Jakobus 5,8

Jak 5,8: Die Ankunft des Herrn ist nahe gekommen.

Einführung

Den Gegenstand des Kommens des Herrn Jesus auf die Erde finden wir an vielen Stellen des Wortes Gottes, im Alten und im Neuen Testament. Da wir nicht alle behandeln können, müssen wir eine Auswahl treffen.

In der Tat ist das Kommen des Herrn nicht ein isoliertes Ereignis, ein Datum an sich, sondern eine ganze Zeitperiode. Wenn die Propheten des Alten Testaments, wie Jesaja (z.B. Jes 9,1-7; 61,1-3), von dem sprechen, der kommen soll, stellen sie im Rahmen eines einzigen Bildes sein Kommen als Mensch auf der Erde dar, wo Er ungefähr dreißig Jahre gelebt hat, und sein zukünftiges Kommen, das zur Errichtung des Tausendjährigen Reiches führt. Wenn die Evangelisten ihrerseits die Worte Jesu berichten, sprechen sie von seiner Wiederkehr oft in einer Weise, die die beiden Phasen seines zukünftigen Kommens in ein und derselben Sicht vereinen. Dies ist in Übereinstimmung mit Johannes 16,12, wo Jesus seinen Jüngern ausdrücklich sagt, dass Er ihnen noch vieles zu sagen hätte, aber dass sie dies in diesem Moment nicht ertragen könnten. Erst in den Briefen unterscheidet insbesondere Paulus, gelehrt durch den Geist und mit dem Auftrag, „das Wort Gottes zu vollenden“ (Kol 1,25), klar die zweifache Wiederkehr des Herrn Jesus: seine Ankunft, um die Gläubigen zu entrücken, was man „die Entrückung“ nennt, und seine Ankunft in Herrlichkeit, um sein Reich aufzurichten.

Es gibt keinen Widerspruch zwischen den Prophetien des Alten Testaments, den Evangelien, den Briefen und der Offenbarung, sondern eine fortschreitende Entwicklung der Wahrheit. Wenn wir mehrere Bergketten von einer großen Entfernung aus betrachten, glauben wir, nur eine vor uns zu haben, denn wir erkennen nicht, dass die Täler sie trennen: So ist die Sichtweise, die uns die Propheten geben. Wenn wir uns der ersten Bergkette nähern, bemerken wir, dass sie von den folgenden durch ein tiefes Tal getrennt ist: Dies ist die Offenbarung, die die Evangelisten uns geben konnten. Wenn wir noch näher kommen, erkennen wir, dass die folgenden Bergketten wiederum voneinander durch andere Täler getrennt sind. Es bleibt stets das gleiche Panorama in seiner Gesamtheit, aber je mehr wir uns nähern, desto mehr unterscheiden wir die aufeinanderfolgenden Perspektiven, die aus der Ferne betrachtet zusammenfielen.

Im Alten Testament ist das Kommen des Herrn der Morgen, der kommt, der Morgen ohne Wolken, ein großes Licht (Jes 21,12; 2Sam 23,4). Im Neuen Testament haben wir den Morgenstern, die Hoffnung der Kirche, unterschieden vom Aufgang der Sonne, einem Bild des Messias, der sein Reich aufrichtet. In den Evangelien ist es der Meister, der Sohn des Menschen, der wiederkommt. In der Apostelgeschichte ist es „dieser Jesus“ (2,32), und in den Briefen ist es „der Herr selbst“ (1Thes 4,16). Auf diese Weise teilt sich das große Thema des Kommens des Herrn in zwei klar unterschiedene Perioden:

  • seine erste Ankunft auf der Erde, wo Er geboren wurde, lebte und sein Leben gab
  • seine Wiederkehr aus dem Himmel in zwei aufeinanderfolgenden Phasen: die Entrückung, wenn Er kommen wird, um die Gläubigen zu sich zu nehmen; dann seine Ankunft in Herrlichkeit als Richter und König, um das Tausendjährige Reich aufzurichten.

Diese beiden Phasen sind durch einen Zeitabschnitt getrennt, in dem furchtbare Gerichte sowohl das jüdische Volk als auch die Nationen treffen werden

Wie in Bezug auf alle wichtigen Gegenstände der Schrift kann man die verschiedenen Belehrungen, die sich auf das Kommen des Herrn beziehen, unter drei Gesichtspunkten betrachten:

  • Historisch: Dies betrifft insbesondere sein erstes Kommen auf der Erde.
  • Moralisch: Hierbei handelt es sich um den praktischen Effekt, den die Wahrheit seiner baldigen Wiederkehr auf unsere Herzen ausüben soll.
  • Prophetisch: Dieser Aspekt wird durch die Gesamtheit der Textstellen gegeben, die im Voraus die verschiedenen Ereignisse seines zweiten Kommens ankündigen.

Gott will nicht, dass wir den prophetischen Aspekt vom moralischen Aspekt trennen: Die beiden müssen eng verbunden bleiben, wie wir es z.B. in Lukas 21,27-36 sehen. Auf der anderen Seite kommen die moralischen Belehrungen hinsichtlich des Kommens des Herrn in den Gleichnissen, den Briefen und anderswo gleichermaßen mit Bezug auf die Entrückung wie auch auf die Ankunft in Herrlichkeit zur Anwendung.

Wir halten unter den Prophetien als die wesentlichsten bezüglich des Kommens des Herrn folgende fest:

  • die von Daniel, der die Dinge von der Erde aus sieht
  • die der Evangelien, die die Zukunft hauptsächlich von der „jüdischen Seite“ aus sehen
  • die der Offenbarung, wo Johannes die Sichtweise des Himmels hat, nachdem er gehört hatte: „Komm hier herauf“ (Off 4,1).

1 Prophetischer Überblick

Die verschiedenen Haushaltungen, von denen die Schrift spricht, betreffen Israel, die Nationen oder die Kirche (1Kor 10,32). Die jeweiligen geschichtlichen Verläufe laufen in der Wiederkehr des Herrn zusammen:

  • die Krönung der Geschichte Israels: die Ankunft des Messias in Herrlichkeit und die Aufrichtung des Tausendjährigen Reiches
  • die Segnung der einstigen Nationen: die Herrschaft der Gerechtigkeit und des Friedens, eingeleitet durch die Ankunft Christi in Herrlichkeit
  • die Hoffnung der Kirche Christi und das Ende seiner Geschichte auf der Erde: die Entrückung und die Begegnung mit dem Bräutigam.

1.1 Israel

Wir lesen: 1. Mose 12,1-3; Daniel 9,23-27; Sacharja 12,10-14; Sacharja 14,3-5.

Die Segnung Edens ist beim Sündenfall durch das Fehlverhalten des Menschen zu Ende gekommen. Die Nachkommen Adams haben sich verderbt auf der Erde und wurden durch die Sintflut ausgelöscht. Die „Geschlechter“ der Söhne Noahs haben sich ebenso dem Götzendienst geweiht. Zu diesem Zeitpunkt greift Gott ein, nicht mehr im Blick auf die Menschen im Allgemeinen, sondern um aus ihrer Mitte heraus eine Familie, ein Volk, zu ziehen. Er beruft Abraham: Dieser wird der Träger der Verheißungen, und Gott macht mit ihm einen Bund.

Aus Isaak, und dann Jakob (Israel) entsteht ein Volk Gottes auf der Erde, ein Volk, das von allen abgesondert ist (4Mo 23,9; 5Mo 7,6); immer noch getrennt von den anderen, existiert es bis heute, trotz seiner notvollen und tragischen Geschichte. Diesem Volk hat Gott gegeben:

  • ein Land: Palästina, Zankapfel durch die Jahrhunderte hindurch
  • eine Offenbarung: die Bibel, insbesondere das Alte Testament
  • einen Retter: den Messias.

Obwohl sich die Juden eifersüchtig widersetzten, galt die Heilige Schrift nicht nur ihnen allein, sondern allen Menschen, und der Messias war nicht nur der Messias für die Juden allein, sondern Er war der Retter der Welt.

Nach dem Auszug aus Ägypten und der Eroberung Kanaans bleibt das Volk Israel mehrere Jahrhunderte lang in seinem Land und entfernt sich unter dem Königtum immer mehr von Gott. Diese Untreue führt schließlich zu den aufeinanderfolgenden Wegführungen in die Gefangenschaft, wie sie uns in den letzten Kapiteln des zweiten Buches der Könige und der Chronika berichtet werden; der größte Teil der Israeliten wird in andere Länder weggeführt. Der entscheidende Moment ist, als die Geräte des Hauses Gottes durch Nebukadnezar weggenommen werden, und zwar im dritten Jahr der Regierung Jojakims (Dan 1,1.2). Von da ab zählen die von den Propheten angekündigten (Jer 29,10; Dan 9,2) 70 Jahre der Gefangenschaft, an deren Ende nach einem Edikt des Kyros (Kores) eine erste Rückkehr mit Serubbabel (Esra 1) stattfand.

Entsprechend seiner Bekanntgabe hatte der König von Persien das Ziel, den Altar und den Tempel von Jerusalem aufzubauen. Erst Nehemia erhält, nach der dem Daniel anvertrauten Weissagung (Dan 9,25), den Auftrag, die Stadt und ihre Mauern wieder aufzubauen (Neh 2,8). Dies markiert den Beginn der 70 Wochen, von denen der Engel Gabriel dem Daniel in einem Gesicht Kenntnis gibt.

Die 70 Wochen: Es handelt sich um „Wochen von Jahren“, also insgesamt 490 Jahre, die damit enden, das „Allerheiligste zu salben“, d.h. mit dem verheißenen Reich des Messias. Während der 7 ersten Wochen (49 Jahre) werden „Straßen und Gräben wiederhergestellt“ (Neh), dann verlaufen 62 Wochen, also 434 Jahre, „bis auf den Messias, den Fürsten“ (Dan 9,26a). Mit Ablauf der 69 Wochen befinden wir uns am Ende des Lebens des Herrn Jesus auf der Erde. Daniel 9,26a erklärt: „Nach den 62 Wochen wird der Messias weggetan werden und nichts haben.“ Demnach ist es am Ende der 69. Woche, dass der Messias weggetan wird. Dann wird Jerusalem ungefähr 40 Jahre später zerstört: „… und bis ans Ende: Krieg, Festbeschlossenes von Verwüstungen“ (Dan 9,26c). Diese Worte decken die ganze für uns unbestimmte Periode der Zerstreuung der Juden nach der Zerstörung Jerusalems ab, eine Periode, die annähernd der Geschichte der Kirche auf der Erde entspricht.

Daniel sagt, dass die „Verwüstung“ „bis ans Ende“ dauert. Lukas 21,24 präzisiert: „bis die Zeiten der Nationen erfüllt sind“; Matthäus 23,39 ergänzt: „bis ihr sprecht: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn“, und Römer 11,25: „bis die Vollzahl der Nationen eingegangen ist“. Während dieser Zeit bleiben die Juden trotz ihrer Zerstreuung als Volk, getrennt von den anderen, bestehen. 1933 gab man offenbar die Zahl derer, die als solche anerkannt waren, mit sechzehn Millionen an, aber seither sind ungefähr fünf bis sechs Millionen infolge der erlittenen Verfolgungen umgekommen. Die Gründung des Staates Israel 1948 ist ein Ereignis, das starke Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, da es das erste Mal war, dass dieses Volk eine persönliche Regierung wiedergefunden hat seit seiner Zerstreuung, obwohl es sich bis jetzt nur um eine rein politische Bewegung handelt und nicht um die von den Propheten angekündigte Buße. Es ist nebenbei bemerkenswert, dass die Zahl der bereits nach Palästina zurückgekehrten Juden und derer, die jeden Monat hinzukommen, viel größer ist als die Zahl derer, die in der Zeit Serubbabels, Esras und Nehemias zurückkamen.

Wenn die Geschichte der Kirche Christi auf der Erde mit ihrer Entrückung ihr Ende finden wird, wird Gott erneut in Beziehung zu Israel treten, und die 70. Woche, deren Erfüllung noch aussteht, wird beginnen. An deren Anfang wird der „kommende Fürst … einen festen Bund mit den Vielen schließen für eine Woche“ (Dan 9,27). Es handelt sich demnach um einen Pakt zwischen der Masse der (ungläubigen) Juden und dem Haupt des wiederhergestellten römischen Reiches. „Zur Hälfte der Woche“ wird eine Intervention vonstatten gehen mit dem Endziel, „Schlachtopfer und Speisopfer aufhören“ zu lassen und „an heiligem Ort“ „den Gräuel der Verwüstung“ zu errichten (Mt 24,15). Alle werden dahin gebracht werden, das Tier und sein Bild anzubeten (2Thes 2,4; Off 13,8.15). Dies ist der Anfang der Periode von 3½ Jahren, die durch die große Trübsal für Israel gekennzeichnet ist, die „Drangsal für Jakob“ (Jer 30,7), und durch große Gerichte, die auf die ganze Erde fallen, wie es uns die Offenbarung berichtet.

Eine bereits vorher begonnene, wirkliche Herzensübung wird inmitten eines Teils der in ihr Land zurückgekehrten Juden, des „Überrests“, vor sich gehen; sie werden zu einer tiefen Buße in Bezug auf die Ablehnung und Kreuzigung des Messias geführt werden (Sach 12,10-14). Dann werden die zehn früher zerstreuten Stämme ebenso nach Palästina zurückkommen, wobei sie auf dem Weg und bei ihrer Ankunft verschiedenen Gerichten unterzogen werden (Hes 20). Diese Periode von 3½ Jahren (42 Monate), während der das Tier und der falsche Prophet triumphieren (Off 13), endet mit der Erscheinung des Herrn Jesus in Herrlichkeit, der sie zerstört (2Thes 2). Er erringt den Sieg über alle seine Widersacher (Off 19) und errichtet sein Reich (Sach 14,3-5).


Originaltitel: „Courte étude sur la venue du Seigneur (1)“
Quelle: http://www.bible-notes.org/article-606-courte-etude-sur-la-venue-du-seigneur-1.html 

Übersetzung: Germund Hensel


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