Christus, die Offenbarung des Vaters
Johannes 14,9; Matthäus 11,27

Edward Dennett

© EPV/SoundWords, online seit: 12.06.2010, aktualisiert: 10.09.2018

Leitverse: Johannes 14,9; Matthäus 11,27

Joh 14,9: Jesus spricht zu ihm: So lange Zeit bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen, [und] wie sagst du: Zeige uns den Vater?

Mt 11,27: Niemand erkennt den Vater als nur der Sohn und wem irgend der Sohn ihn offenbaren will.

Zu allen Zeiten und unter allen Haushaltungen[1] hat es Gott gefallen, sich den Menschenkindern zu offenbaren, und zwar in vielfacher Weise und unter verschiedenen Namen und Charakteren. So hatte Er sich lange vor dem Kreuz schon Adam zu erkennen gegeben und den Patriarchen und seinem Volk Israel. Aber erst als Christus gekommen war und Gott auf der Erde verherrlicht und das Werk vollendet hatte, das Ihm zu tun gegeben war, konnte Gott völlig hervortreten und sich als Vater offenbaren. Bis dahin war Gott verborgen und wohnte gleichsam in Wolken und Dunkel; als aber durch den Kreuzestod Christi die Versöhnung geschehen war, zerriss der Vorhang, und der Gläubige konnte ins wolkenlose Licht versetzt werden, um hier zu wohnen und zu wandeln, wie Gott im Licht ist. Jeder Abstand, jede Verhüllung war nun beseitigt; so dass alles, was Gott ist, nun völlig offenbart werden konnte, und zwar in Verbindung mit seinem Vaternamen.

O Gott der Liebe! ohne Hülle
bist Du im Sohn geoffenbart,
und unermesslich ist die Fülle,
die hier der Glaub in Ihm gewahrt.

Christus selbst, und zwar Christus als der ewige Sohn, als das Wort, das Fleisch geworden war und unter uns wohnte, offenbarte den Vater. Solange aber der Heilige Geist nicht ausgegossen war, war bei denen, die diese wunderbare Offenbarung Gottes im Sohn schauen durften, nur wenig oder keine Kraft vorhanden, diese hohe Offenbarung zu erfassen und zu würdigen. Einzelne nur, deren Augen gesalbt waren, schauten die Herrlichkeit des Sohnes als die eines Eingeborenen vom Vater. Johannes der Täufer brauchte noch ein bestimmtes Zeichen, um Ihn zu erkennen: Der Heilige Geist stieg auf Ihn nieder und blieb auf Ihm. Und einem Philippus musste der Herr erst zurufen: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9).

So sehen wir, dass praktischerweise (d.h. hinsichtlich der Erkenntnis und des inneren Genusses dieser Beziehungen) Gott nicht als Vater gekannt war, bis zu Pfingsten der Heilige Geist ausgegossen wurde. Dies wird dem Leser klarwerden, wenn wir einen Rückblick auf die verschiedenen Offenbarungen werfen, die Gott seinem Volk unter dem Alten Bund von sich gab.

Zu Abraham sagt Gott: „Ich bin Gott, der Allmächtige; wandle vor meinem Angesicht und sei vollkommen“ (1Mo 17,7)! Zu Moses spricht Er: „Ich bin, der ich bin. Also sollst du zu den Kindern Israel sagen: ,Ich bin‘ hat mich zu euch gesandt“ (2Mo 3,14). Als Gott so in feste Beziehungen zu seinem auserwählten Volk trat, geschah es unter diesem Namen, dem Namen Jehova [Jahwe], d.h. der Ewige, Unwandelbare, der große „Ich bin, der ich bin“; dies blieb nun stets sein Bundesname für Israel.

Man durchsuche das ganze Alte Testament, und man wird das Wort Vater für Gott nicht mehr als fünf- oder sechsmal gebraucht finden. Auch da will der Name Vater meist nur die Quelle alles Bestehens bezeichnen, nicht ein verwandtschaftliches Verhältnis. Natürlich waren alle alttestamentlichen Heiligen wiedergeboren, denn ohne das neue Leben, die neue Natur, hätten sie gar nicht mit Gott verkehren können. Gleichwohl ist es so, wie wir sagten, sie kannten Gott nicht als Vater und konnten daher auch nicht in den innigen und glückseligen Beziehungen von Kindern zu Ihm stehen. Ganz klar spricht hierüber das Wort: „Niemand erkennt den Vater als nur der Sohn und wem irgend der Sohn ihn offenbaren will“ (Mt 11,27).

Dies geschah aber nicht zur Zeit des Alten Bundes, sondern erst nach der Menschwerdung des Sohnes Gottes. Ehe Christus kam, war Gott nicht als Vater offenbart und gekannt. Christus erst hat Ihn uns kundgemacht. Vor allem ist es das Johannesevangelium, das uns den Sohn in diesem Charakter, nämlich als die Offenbarung des Vaters vor Augen stellt. Da lesen wir gleich zu Anfang: „Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht“ (Joh 1,18). Hier sehen wir also, dass es der eingeborene Sohn ist, der uns den Vater kundgemacht hat, und dass niemand dazu imstande gewesen ist außer Ihm. Er allein vermochte es zu tun, wegen seiner einzigartigen Stellung und Nähe, Vertraulichkeit und Gemeinschaft, die Er von Ewigkeit her und Er allein, bei Gott dem Vater innehatte: den Platz „im Schoß des Vaters“. Diesen Platz hat Er nie verlassen. Er war auch im Schoß des Vaters (denn diese Worte drücken ein inneres Verhältnis, nicht eine örtliche Bestimmung aus), während Er auf der Erde als Mann der Schmerzen pilgerte, „mit Leiden vertraut“. Er war inmitten dieses Tals der Tränen und des Todesschattens, inmitten dieser Wüste und einer feindseligen Welt nicht minder im Schoß des Vaters als droben, verborgen in der Herrlichkeit, die Er „bei dem Vater hatte, ehe die Welt war“. Und selbst am Kreuz befand Er sich dort.[2] Darum sagt Er auch im Blick auf das Kreuz: „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, auf dass ich es wiedernehme“ (Joh 10,17). Sein Tod war ein Beweis seines Gehorsams gegenüber dem Gebot, das Er empfangen hatte; und so schuf Er gleichsam im Tod nur einen neuen Beweggrund für den Vater, Ihn zu lieben.

Wir wissen, dass einer der Jünger das Vorrecht hatte, im Schoß Jesu zu liegen; und gerade er sollte es später sein, der die göttliche Herrlichkeit des ewigen Sohnes in seinem Evangelium entfaltete.

In göttlichen Dingen gilt immer der Grundsatz, dass wir anderen nur die Dinge mit Erfolg verkündigen und nahebringen können, die wir in unserer eigenen Seele erkannt haben und genießen. Stehen wir selbst nicht in der Kraft und im Genuss dessen, was wir reden, so werden unsere Worte, so klar sie sein mögen, von geringer Bedeutung und Wirkung sein. Der Herr selbst hat diesen Grundsatz niedergelegt in den Worten: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben“ (Joh 3,11).

Beschäftigen wir uns nun damit, wie der Herr den Vater offenbarte. Er selbst sagt es uns. Er antwortet den Juden: „Wenn ihr mich gekannt hättet, so würdet ihr auch meinen Vater gekannt haben“ (Joh 8,19); und zu Thomas sagt Er: „Wenn ihr mich erkannt hättet, so würdet ihr auch meinen Vater erkannt haben; und von jetzt an erkennet ihr ihn und habt ihn gesehen. Philippus spricht zu ihm: Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns. Jesus spricht zu ihm: So lange Zeit bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen; und wie sagst du: Zeige uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich in dem Vater bin und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir selbst; der Vater aber, der in mir bleibt, er tut die Werke. Glaubet mir, dass ich in dem Vater bin und der Vater in mir ist; wenn aber nicht, so glaubet mir um der Werke selbst willen“ (Joh 14,7-11).

So war Christus in allem, was Er war, in allem, was Er redete und tat, in seinem ganzen Leben auf der Erde die Offenbarung des Vaters, d.h., Er war für jeden, der Augen hatte, es zu sehen, und Ohren, es zu hören, die vollkommene Offenbarung und Darstellung von allem, was der Vater ist.

Er konnte daher zu dem Vater sagen: „Ich habe dich verherrlicht auf der Erde. Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan“ (Joh 17,4.26). Der Name ist in der Heiligen Schrift stets der Ausdruck von dem, was jemand ist. Der Herr sagt uns also selbst, dass Er, der ewige Sohn Gottes, die Wahrheit und das Wesen des Vaters uns völlig kundgetan habe.

Indem Christus diese wechselvolle Welt durchschritt, wurde jeder Charakterzug, wenn wir so sagen dürfen, jede Eigenschaft des Vaters, alle Schönheit und Vollkommenheit seiner Gedanken, seines Wesens und seines Herzens zum Ausdruck gebracht, so dass die, die mit Ihm, dem „Fleisch gewordenen Wort“, in Berührung kamen – soweit ihre Augen gesalbt waren –, in Ihm die Verkörperung, die lebendige Darstellung des Vaters sehen durften, „den Abglanz seiner Herrlichkeit, den Abdruck seines Wesens“ (Heb 1,3). Freilich, für das natürliche Auge war Er nur „Jesus von Nazareth“, der „Sohn des Zimmermanns“. Wie wunderbar aber, dass das durch den Heiligen Geist geöffnete Auge in Ihm die Herrlichkeit eines Eingeborenen vom Vater (Joh 1,14) erblicken, Ihn also erkennen durfte, der den Vater hier auf der Erde tagtäglich völlig offenbarte und zu jeder Zeit in Vollkommenheit darstellte.

Aber kommen wir zu den Einzelheiten dieser herrlichen Offenbarung! Der Herr selbst bezeichnet uns näher, wie Er durch seine Worte und Werke uns seinen Gott und Vater vor Auge und Herz gestellt und offenbart habe. Durch Wort und Werk allein können wir ja erfahren, was im Menschen ist und so auch allein, was in Gott ist. Wir hörten schon, dass der Herr Jesus sagt: „Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir selbst“; und in Johannes 5,19 spricht Er: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich selbst tun, außer was er den Vater tun sieht; denn was irgend er tut, das tut auch der Sohn gleicherweise.“ Der Herr Jesus redete und tat nichts aus sich selbst; in keinem Wort, in keiner Tat war Er unabhängig von dem Vater (Joh 8,28). Obgleich Er der ewige Sohn und „Gott von Ewigkeit“ war, war Er doch nicht gekommen, um seinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der Ihn gesandt hatte (Joh 6,38). Darum war jedes seiner Worte und Werke nur der Ausdruck seines vollkommenen Gehorsams, indem Worte und Werke niemals seinem eigenen Willen – so vollkommen dieser auch war –, sondern stets dem Willen des Vaters entsprangen. Er redete und handelte nie anders als in Abhängigkeit von dem Vater und in freiwilliger Unterwürfigkeit unter seinen Willen. So war jedes seiner Worte und Werke die Offenbarung und Darstellung dessen, der Ihn gesandt hatte.

Dies alles zeigt uns einerseits die wunderbare Vollkommenheit des Herrn, andererseits aber auch zugleich im traurigen Gegensatz dazu unsere Unvollkommenheit. Göttlich vollkommen wie Er selbst waren auch alle seine Worte und seine Werke. Zwischen seinen Worten, seinen Werken und seiner Person bestand hinsichtlich des Charakters kein Unterschied. Auf die Frage der Juden „Wer bist du?“ konnte Er antworten: „Durchaus das, was ich auch zu euch rede.“ Er war die Wahrheit, Er sprach die Wahrheit, Er tat die Wahrheit. Oder wie ein anderer gesagt hat: „Seine Rede stellte Ihn selbst, der zugleich die Wahrheit in Person war, dar.“ Unsere Worte enthalten oft weniger als die Wahrheit, oder aber sie gehen über die Wahrheit hinaus. Häufig müssen wir zu unserer Demütigung erkennen, dass wir selbst das, was wir sagen wollten, nicht richtig zum Ausdruck brachten. Wie oft lassen wir durch die Unvollkommenheit unserer Worte einen unrichtigen, wenn nicht gar unwahren Eindruck zurück. Bei Ihm dagegen war jedes Wort vollkommen und daher sowohl ein Strahl seiner eigenen, persönlichen Herrlichkeit, als auch eine Kundmachung des Vaters. Und war es mit jedem seiner Werke nicht ebenso der Fall? Er konnte sagen: „Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir selbst; der Vater aber, der in mir bleibt, er tut die Werke“ (Joh 14,10). Man beachte in diesem Ausspruch die Verbindung und den Übergang von den Worten zu den Werken. Seine Worte waren so vollkommen wie seine Werke; und beide dienten zur Offenbarung und Darstellung des Vaters in dieser Welt.

Welchen Wert und welche Kostbarkeit verleiht dies allem, was wir von unserem Herrn aufgezeichnet finden. Manches, was Er gesagt und getan hat, ist uns nicht aufbewahrt worden (Lk 24,27; Joh 21,25; Apg 1,3); und wir sind vielleicht schon versucht gewesen, darüber zu trauern. Wir können aber überzeugt sein, dass uns kein Wort und keine Tat des Herrn, die uns hätten mitgeteilt werden müssen, um uns eine vollkommenere Offenbarung des Vaters zuteil werden zu lassen, unbekannt geblieben ist. Wäre uns mehr aus dem Leben des Herrn überliefert worden, als wir wissen, so vollkommen auch jede neue Mitteilung von Ihm sein würde, das Bild Gottes würde dadurch nicht vollständiger werden. So haben wir denn über keinen Verlust zu klagen; göttliche Weisheit und göttliche Liebe haben für die Aufbewahrung von allem gesorgt, was zur Verherrlichung Gottes, des Vaters, wie auch zu unserer Belehrung und Segnung notwendig war. Mit einem Wort: Was uns in der Heiligen Schrift gegeben ist, ist eine vollkommene Darstellung des Herrn Jesus und somit eine vollkommene Offenbarung des Vaters. Man lasse nur ein Wort, eine Handlung aus den heiligen Berichten fort und die Schönheit und Vollständigkeit des Bildes wäre verletzt. In Tagen wie den unsrigen ist es sehr wichtig, die Unantastbarkeit der Heiligen Schrift zu betonen. Auf der einen Seite sucht heute eine schamlose Kritik, die einem törichten Unglauben entspringt, unser Vertrauen in die Echtheit der vier Evangelien wie auch der übrigen Teile des Wortes Gottes völlig zu erschüttern; auf der anderen Seite hat sich seit alter Zeit die menschliche Fantasie angemaßt, Erzählungen zu erdichten, die scheinbare Lücken im Bericht über das Leben unseres Herrn ausfüllen oder den vierfachen, göttlich eingegebenen Bericht der Evangelisten auf irgendeine Weise vervollständigen und ergänzen sollen. Das eine und das andere ist ein Werk des Feindes, ein Angriff auf Gottes heiliges Wort und seine herrliche Offenbarung durch seinen geliebten Sohn, wodurch den Seelen Schaden und Verderben bereitet wird.

Der Herr machte, wie wir gesehen haben, durch sein Leben hier den Vater völlig kund; dennoch ist es wahr, dass erst sein Tod diese Kundmachung vollendete. Nicht dass Er, der Sohn Gottes, der Eingeborene des Vaters, der vollkommen Heilige und Sündlose, der in seiner Vollkommenheit und moralischen Herrlichkeit stets der Einzige bleibt, je in seinem Leben weniger gewesen wäre als die volle Offenbarung des Vaters. Da war kein Augenblick, wo Er nicht hätte sagen können: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ Aber dennoch ist es wahr, dass sein Tod, seine freiwillige Dahingabe dazugehörte, die Offenbarung des Vaters zu vollenden.

Zunächst wurde durch den Gehorsam des Sohnes Gottes bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz und durch seine freiwillige und völlige Aufopferung auf dem Kreuz die Heiligkeit und Gerechtigkeit des Vaters gewahrt und aufrechterhalten, ja offenbart und verherrlicht. Am Kreuz verherrlichte Christus Gott vollkommen im Blick auf die Sünde, da Er, der die Sünde nicht kannte, dort für uns zur Sünde gemacht wurde. Er trat mit seinem Tod freiwillig für die unbeugsamen Rechte der ewig unverletzlichen Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes, seines Vaters, ein. Und so war sein Tod ein neuer Beweggrund für den Vater, Ihn zu lieben (Joh 10,17). Ja, mehr als das Leben des Sohnes Gottes hat das Kreuz zur Verherrlichung des Vaters gedient und Ihn völliger enthüllt. Zugleich hat der Sohn in seiner völligen Aufopferung für die Ehre und Herrlichkeit seines Gottes und Vaters am Kreuz gezeigt, wie groß seine eigene sittliche Herrlichkeit ist (Joh 13,31).

Ferner aber war der Tod des Herrn Jesus notwendig zur vollen Offenbarung des Herzens und der Liebe Gottes des Vaters: „Wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt. Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott zu uns hat“ (1Joh 4,14-16).

Alle Eigenschaften und Charakterzüge Gottes, seine Heiligkeit und Gerechtigkeit, seine Wahrheit und seine Majestät sind durch das Kreuz und den Tod Christi völlig zum Ausdruck gebracht und befriedigt, ja verherrlicht worden. Aber wenn wir hören, dass der Vater seinen Sohn in die Welt sandte und Ihn für uns dahingab, auf dass Er für alle, die an Ihn glauben, aus Juden und Heiden, der Retter würde, dann ist es uns vergönnt, in die unergründliche Tiefe seines Herzens zu blicken. Oh, wie wunderbar: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe“ (Joh 3,16). Wie es wahr ist, dass sich der Sohn freiwillig hingab zur Verherrlichung des Vaters, so ist es auch wahr, dass der Vater den Sohn gab, dass Er Ihn, den Eingeborenen Seines Herzens, für uns opferte und so seine unergründliche Liebe zu uns Menschenkindern kundtat.[3]

Wir verstehen nun vielleicht die Worte des Herrn zu Philippus besser: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ Wollen wir den Vater besser erkennen, so kann dies nur mittels einer völligeren Erkenntnis Christi geschehen.

Das Kennzeichen der „Väter“, denen Johannes schreibt (1Joh 2), ist dies, dass sie „den erkannt haben, der von Anfang ist“, nämlich Christus; Er ist „das ewige Leben, welches bei dem Vater war und uns offenbart worden ist“ (1Joh 1,2). Sie kannten darum auch den Vater am besten, denn wie wir gesehen haben, ist in Christus der Vater offenbart. Das sollten wir nie aus dem Auge verlieren; denn eines der Übel der althergebrachten Theologie, unter deren Einfluss noch viele Menschen stehen, besteht darin, dass man in seinen Gedanken und Betrachtungen Christus zu sehr von dem Vater getrennt hat. Indem man mit Recht hingewiesen hat auf die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes und auf die Notwendigkeit der Versöhnung als die Grundlage seines Handelns in Gnade dem Menschen gegenüber, hat man die Tatsache aus dem Auge verloren, dass Gott selbst es ist, der uns Christus gegeben hat, und dass die Liebe, die in Christus zum Ausdruck gekommen ist, gerade ihre Quelle in dem Herzen des Vaters hat und darin wohnt. Es ist nicht so, wie manche meinen, dass Christus erst Gott mit uns versöhnt oder uns erst Gottes Liebe erworben hat. Nein, Gott bedurfte keiner Versöhnung, Er war nie unser Feind; wir aber mussten versöhnt werden; wir waren Gottes Feinde. Und wie klar sagt uns die Heilige Schrift, was die Liebe Gottes zu uns betrifft: „Gott erweist seine Liebe gegen uns darin, dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist“ (Röm 5,8).

Wo dies nicht erkannt wird, werden die Herzen, die sich um Errettung und Erlösung zu Christus und zu seinem am Kreuz vollendeten Werk gewandt haben, noch nicht ganz frei werden von einem gewissen Gefühl von Beklommenheit und Distanz Gott gegenüber, haben sie Ihn doch nur in seinem Charakter als Richter erkannt. Die Erkenntnis, dass Gott für uns ist, dass sein Herz und Auge stets mit dem Wohlgefallen eines Vaters, ja mit Wonne auf uns ruht, weil wir in Christus vor Ihm stehen, ist leider nur verhältnismäßig wenigen Gläubigen eigen, obwohl sie doch alle mit gleicher Liebe geliebt sind. Die meisten Gläubigen erfreuen sich nur in geringem Maße einer vollen Freimütigkeit in der Gegenwart Gottes und haben wenig Licht über ihr Kindesverhältnis. Möchten alle Herzen die kostbare Wahrheit, die uns hier beschäftigt, in sich aufnehmen; welch ein Segen wäre es für sie! Möchten sie erkennen und verstehen, dass Christus die vollkommene Offenbarung des Vaters ist. Dann würden sie wissen, dass alles Herrliche, das sie von Christus erkennen, sie zugleich auch vom Vater erkannt haben; und sie würden so in den reichen und stets zunehmenden Genuss der Liebe des Vaters eintreten. Der Herr Jesus sagt uns: „Ich und der Vater sind eins.“ Eins im Wesen, eins in Gedanken, Ratschlüssen, Handlungen und Zielen, eins auch in den Zuneigungen zu uns. Er ist in dem Vater und der Vater in Ihm, und so ist Er notwendigerweise der vollkommene Ausdruck von allem, was der Vater ist.

Wie und woher aber können wir eine völligere Erkenntnis Christi erlangen, um so auch den Vater völliger zu erkennen? Die Antwort auf diese Frage ist von hoher praktischer Bedeutung. Sie lautet einfach: aus der Heiligen Schrift. Hier redet Gott zu uns; sie ist sein Wort. Zweifellos können und werden wir in unseren Herzen und Gedanken über den Herrn nachsinnen; unsere Seele darf und soll Ihn betrachten und von Ihm sich nähren. Wollen wir jedoch vor den Verirrungen des Mystizismus[4] und aller falschen religiösen Vorstellungen bewahrt bleiben, so muss das Wort Gottes allezeit die Grundlage unserer Gedanken und Betrachtungen bilden und bleiben.

Wir können nicht genug betonen, dass die Heilige Schrift die einzige Offenbarung von Christus ist, die wir besitzen. Wenn der Heilige Geist Christus in uns verklärt und verherrlicht, von Ihm nimmt und uns gibt (Joh 16,15), so geschieht dies stets mittels des Wortes. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn wir behaupten: Es gibt keine Berührung mit dem lebendigen und verherrlichten Christus außer durch den Heiligen Geist aufgrund des geschriebenen Wortes Gottes. Wohl kann und wird sich Christus der Seele kundtun und erschließen, dass sie seine Gegenwart erkennt und genießt, aber auch dieses gesegnete Teil und Vorrecht steht in Verbindung mit dem Halten seiner Gebote und seines Wortes (Joh 14, 21-23).

Umgeben und bedroht von Gefahren, sowohl seitens menschlicher Verstandesspekulationen als auch seitens eines geistlich sein sollenden Mystizismus und des Rationalismus und Ritualismus[5], können wir es nicht genug betonen, dass wir Christus nur ergreifen können durch den Glauben an Gottes Zeugnisse über Ihn in der Heiligen Schrift. Und zwar gilt dies sowohl von Christus, wie Er auf der Erde war, als auch von Ihm, wie Er heute ist zur Rechten Gottes; denn seine sittliche, d.i. wesentliche innere Herrlichkeit ist stets dieselbe, auch unter verschiedenen Verhältnissen.

Diese ernste Tatsache aber gibt uns einen neuen Ansporn, die Heilige Schrift zu erforschen und bewahrt uns demutsvoll unter der Leitung des Heiligen Geistes zu den Füßen des Herrn, wo einst Maria von Bethanien gesessen und gelernt hat. Wir werden so den Menschen Jesus Christus betrachten, wie Er, Gott geweiht, über den Schauplatz der Sünde und Leiden schritt, aber unser Herz wird nie vergessen, dass Er, der auf diesem Schauplatz in Liebe und Erbarmen unablässig tätig war, und der da redete, „wie niemals ein Mensch geredet hat“, „der eingeborene Sohn“ war, „der in des Vaters Schoß ist“. Er ist in all seinen Worten und Werken der lebendige Ausdruck und Abglanz von dem, was der Vater ist. Lesen wir die Schriften in diesem Geist, so werden wir es tun in wahrer Anbetung, und sie werden uns mehr und mehr zu Ihm ziehen und erheben, der uns geliebt und sich selbst für uns dahingegeben hat, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch.

Zum Schluss möchten wir noch auf zwei Dinge hinweisen, die unser Herr und Heiland seinen Jüngern mitteilte, um sie zu einem besseren Verständnis der oben behandelten Wahrheit zu führen. Er sagt zu ihnen am Schluss seines Weilens unter ihnen: „Dies habe ich in Gleichnissen zu euch geredet; es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Gleichnissen zu euch reden, sondern euch offen von dem Vater verkündigen werde. An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen, und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde; denn der Vater selbst hat euch lieb, weil ihr mich geliebt und geglaubt habt, dass ich von Gott ausgegangen bin“ (Joh 16,25-27).

Hier hören wir nicht nur, dass es keine Möglichkeit gab, zu dem Vater zu kommen, außer durch Ihn; der Herr sagt uns auch, dass wir nun in der Tat durch Ihn zu dem Vater gekommen sind. Wir sollen nun fortfahren, in seinem Namen zu bitten, aber dabei verstehen, dass der Vater selbst uns liebt. Der Herr Jesus richtet unseren Blick von sich auf den Vater hin: Ihn, den Vater, sollen wir erkennen und wissen, dass wir Gegenstände seines Herzens, seiner Liebe sind. Diese Belehrungen unseres teuren Herrn möchten wir in unseren Tagen vielen Gläubigen recht ans Herz legen. Denn, ist nicht Gefahr da, zu vergessen, dass der Vater uns nun offenbart worden ist, dass wir durch den Herrn Jesus zu Ihm gebracht worden sind und dass wir uns nun allezeit seiner Vaterliebe erfreuen dürfen?

Ferner stellt der Herr seine Jünger dem Vater gegenüber auf den gleichen Platz, in die gleiche Stellung, die Er hier auf der Erde eingenommen hat. Dies vernehmen wir in seinem Gebet, dessen Ohrenzeugen die Jünger sein durften: „Ich bitte für sie; nicht bitte ich für die Welt, sondern für die, welche du mir gegeben hast, denn sie sind dein (und alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, mein), und ich bin in ihnen verherrlicht. Und ich bin nicht mehr in der Welt, und diese sind in der Welt, und ich komme zu dir. Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, auf dass sie eins seien, gleichwie wir“ (Joh 17,9-11; vergl. noch Joh 17,16-26).

Nach seiner Auferstehung machte der Herr dann die Jünger voll und ganz bekannt mit diesem Platz und dieser herrlichen Stellung, in die sie nun vor Gott gebracht worden waren. Maria Magdalene durfte die Überbringerin der herrlichen Botschaft des Herrn sein, die Er ihr sagte: „Gehe hin und sage meinen Brüdern: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, und zu meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20,17). Hier nennt der Herr zum ersten Mal die Jünger seine Brüder und sagt ihnen deutlich, dass sein Gott ihr Gott sein Vater ihr Vater geworden ist. Wir werden in einem nächsten Artikel diese herrlichen Worte näher betrachten; hier möchten wir nur auf die Tatsache hinweisen, dass der Herr die Seinigen aufgrund der Erlösung, die Er durch seinen Tod und seine Auferstehung zuwege gebracht hat, in die ganz gleiche Stellung und Beziehung zu Gott, dem Vater, geführt hat, in der Er selber war. Gott sollte hinfort nicht mehr nur als Jehova oder „Jehova-Elohim“ gekannt werden wie in Israel, sondern als der Gott und Vater der Seinen, wie Er der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus ist. So finden wir denn in den Briefen, dass alle uns in Christus zugesicherten und geschenkten Segnungen in dieser doppelten Beziehung entfaltet werden (man lese z.B. 2Kor 1,2.3; Eph 1; 3; 1Pet 1,3).

In diesem Sinne und mit diesen Wahrheiten schließt das Evangelium Johannes.[6] Es beginnt mit der Einführung des Wortes, das bei Gott war und das Gott war und das gleichzeitig als der ewige Sohn Gottes der Offenbarer des Vaters war; und es schließt damit, dass der Herr Jesus seine Jünger in seiner unaussprechlichen Liebe und Fürsorge, aufgrund seines Todes und seiner Auferstehung, in seine eigene Stellung und Beziehung zu seinem Gott und Vater einführt. Sie konnten noch nicht alsbald ganz und voll in den Genuss dieser Stellung und Segnung eintreten – dies geschah erst mit der Herniederkommen und dem Einzug des Heiligen Geistes in ihre Herzen –, aber Er erwarb ihnen diese Stellung und Segnung und brachte die Jünger in sie. Dies war die Frucht seines wunderbaren, nun vollendeten Erlösungswerkes. Gelobt sei sein Name!

 

Anmerkungen

[1] Gottes Wort spricht von verschiedenen „Haushaltungen“; wir haben gegenwärtig die „Haushaltung“ oder „Hausverwaltung“ (oikonomia) der Gnade Gottes und des Geheimnisses (Eph 3,2-10), in der aus allen Völkern der Erde die Braut Christi gebildet wird. – Nach vollendeter Sammlung der Braut und nach deren „Entrückung“ (Röm 11,25.26; 1Thes 4,17) wird Gott eine neue „Haushaltung“ beginnen: die Sammlung und Segnung Israels.

[2] Wohl musste Er als unser Mittler und Versöhner in jenen drei dunklen Stunden unserer Sünden wegen von Gott verlassen werden, aber Er ruft nicht: „Mein Vater, mein Vater, warum hast du mich verlassen?“, sondern: „Mein Gott, mein Gott …“ Musste Gott auch als der gerechte Richter den Sohn, der für uns am Kreuz zur Sünde gemacht war, dahingehen und verlassen, Er, der Sohn, verließ Gott nicht, Er verblieb im Schoß des Vaters und verherrlichte Ihn.

[3] Es mag manchem Leser von Nutzen sein, wenn wir hier folgende Worte eines anderen Schreibers anführen:

Man wird finden, dass in den Schriften des Johannes das Wort Gott gebraucht wird, wenn von der Welt oder unserer Verantwortlichkeit die Rede ist; dagegen wenn von Gnade den Gläubigen gegenüber geredet wird, dann ist es der Vater und der Sohn. Handelt es sich um Gnade der Welt gegenüber (oder auch uns gegenüber, als wir noch Feinde, d.h. Unbekehrte waren), also um Gottes Charakter der Welt gegenüber in Christo, so heißt es: Gott.

Wie wichtig ist es also, genau darauf zu achten, in welcher Weise der Heilige Geist die verschiedenen Namen Gottes, auch diejenigen unseres geliebten Herrn, anwendet. Ja, das richtige Verständnis einer Schriftstelle hängt vielfach allein hiervon ab.

[4] Der Mystizismus, der hier gemeint ist, ist nicht bloße fromme „Selbstbeschaulichkeit“ und „beschauliche Innerlichkeit“ (die auch schon ihre Gefahren für die Seele hat, indem sie das Auge meist von Christus wegwendet auf das eigene arme Ich), sondern auch die oft damit verbundenen verderbten Lehren der Heiligung des Fleisches und die hochkirchliche Lehre von der Wiedergeburt durch die Taufe und von der Ernährung der Seele durch den Gebrauch des sogenannten „Sakraments des Altars“.

[5] Der Rationalismus will nur glauben, was die Vernunft begreift; und der Ritualismus sucht die Bedürfnisse der Seele durch Beobachtung von Zeremonien und äußeren religiösen Gebräuchen zu stillen.

[6] Kapitel 21 kann als ein Anhang betrachtet werden. Es weist vorbildlich hin auf die Zeit des Tausendjährigen Reiches sowie auf das Weiden der Herde bis dahin und auf den bis zur Ankunft des Herrn reichenden Dienst des Johannes. Kapitel 20 bildet somit den eigentlichen Abschluss des geschichtlichen Teiles des Evangeliums.


Aus dem Buch Die Kinder Gottes, Ernst-Paulus-Verlag
von der Redaktion sprachlich leicht bearbeitet


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüft aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...