Buchstäbliche Opfer im Tausendjährigen Reich?
Hebräer 9–10; Hesekiel 44–46

Dirk Schürmann

© SoundWords, online seit: 02.07.2005, aktualisiert: 17.12.2017

Leitverse: Hebräer 9–10; Hesekiel 44–46

Frage:

Gibt es buchstäbliche Opferhandlungen im Tausendjährigen Reich?

Antwort:

Wenn wir glauben, dass sich die Verheißungen Israels für die Zukunft buchstäblich erfüllen, dann glauben wir das auch für die Verheißung in Bezug auf den neuen Tempel und den entsprechenden Opferdienst nach Hesekiel.

Als Gegenargumente wird oft Folgendes angeführt:

Heb 10,14: Denn mit einem Opfer hat er auf immerdar vollkommen die gemacht, die geheiligt werden.

Damit, so argumentiert man, könne es keine weiteren Opfer mehr geben, die noch irgendeine Auswirkung haben könnten.

Doch es geht in dieser Stelle nicht um alle Auswirkungen eines Opfers, sondern um Sühnung, Vollkommenmachung und Heiligung. Und wir müssen hierbei auch berücksichtigen: Von den Opfern aus dem Alten Bund heißt es im Hebräerbrief, dass diese „Schlachtopfer … niemals Sünden hinwegnehmen können“ (Heb 10,11). Trotzdem wurden damals Opfer dargebracht. Sie wiesen voraus auf das Opfer, das einmal auf Golgatha gegeben würde. Genauso werden die Opfer des Tausendjährigen Reiches keine Sünden hinwegnehmen, sondern auf das ein für alle Mal geschehene Opfer auf Golgatha zurückweisen.

Heb 10,3: Doch in jenen Opfern ist alljährlich ein Erinnern an die Sünden. 

Hier wird argumentiert, dass Gott ja der Sünden nie mehr gedenken wolle und wenn im Tausendjährigen Reich wieder geopfert werde, dann sei ja doch ein Erinnern da.

Zunächst muss festgestellt werden: Bei diesem Argument werden Dinge zusammengebracht, die gar nichts miteinander zu tun haben. Denn bei dem „Erinnern“ geht es ja nicht um Gott, als wenn Er sich erinnern müsste, sondern um Menschen. Doch gibt es noch einen weiteren interessanten Aspekt hierzu zu erwähnen: Das Wort „alljährlich“ zeigt deutlich, dass es nicht um die Opfer aus 3. Mose 1–7 geht, sondern um die Sündopfer des großen Versöhnungstags aus 3. Mose 16 bzw. 3. Mose 23,23-32. Auch wenn wir finden, dass einige Feste des Alten Bundes im Tausendjährigen Reich wieder gefeiert werden, so wird uns dies jedoch nicht vom Versöhnungstag gesagt. Dieses Fest wird ganz kurz vor der Einführung des Tausendjährigen Reiches seine große Erfüllung finden. Das finden wir wunderschön beschrieben in Sacharja 12,10–13,1.

R.A. Huebner schreibt hierzu Folgendes:

Es gibt auch etwas Besonderes für Israel darin [dem Versöhnungstag], so wie uns Johannes 11,51.52 zeigt [„Dies aber sagte er nicht aus sich selbst, sondern da er jenes Jahr Hohepriester war, weissagte er, dass Jesus für die Nation sterben sollte; und nicht für die Nation allein, sondern damit er auch …“]. Für Israel bedeutet der Versöhnungstag, dass sie dahin kommen, dass sie die Sühnung Christi verstehen, wie sie für sie geschehen ist, und zwar in einer Weise, wie sie es niemals zuvor verstanden haben. Ihre Gedanken werden eingehen in die Wirksamkeit und Kraft des Opfers Christi. Sie werden verstehen, dass der Segen des HERRN dadurch kommt, dass Er den Wert des Blutes Christi sieht. Sie werden dazu gebracht werden, die Größe ihrer Blutschuld anzuerkennen wie niemals zuvor. Das bedeutet, in ihren Gewissen werden sie dazu gebracht werden, den Wert des Blutes Christi für ihre Annahme und ihren Frieden mit dem HERRN zu erkennen – das Blut gerade desjenigen, der geschlagen wurde von jenen, die Ihn hätten annehmen sollen. Wir müssen dabei im Gedächtnis behalten, dass diejenigen, die den jüdischen Überrest während der Zeit der Drangsal Jakobs bilden, aus Gott geboren sind („wiedergeboren“), aber sie kennen solch eine Annahme und Frieden nicht, bis sie durch göttliche Handlung da hineingebracht werden. Das ist es, was der Versöhnungstag für sie bedeutet. Das Blut der Versöhnung wurde ein für alle Mal auf Golgatha vergossen. Die Erfüllung dieses Festes des Versöhnungstages für Israel bedeutet nicht, dass ein weiteres Werk der Versöhnung in der Zukunft für Israel von Christus unternommen wird. Solch ein Gedanke würde ein schlimmer Angriff auf das ein für alle Mal beendete Werk Christi am Kreuz sein. Sein Tod reichte aus für die Nation (Joh 11,52). Die Anwendung bestimmter Dinge, die sein Werk im Blick hat, wartet noch auf die Zeit, die Gott dafür passend hält – alles im Blick auf seine Herrlichkeit in Christus, in der irdischen Sphäre. Manche haben den Gedanken, dass die Juden „bekehrt werden“, indem sie Christus anschauen. Das ist ein ernstes Missverständnis. Der Überrest ist aus Gott geboren, aber ihre Gewissen sind nicht in Frieden in der Erkenntnis ihrer Annahme kraft des Blutes Christi. Sie werden da hineingebracht werden durch das Fest des großen Versöhnungstages. Es ist ein Werk des Geistes Gottes in ihren Gewissen und ihrer Seele. Es ist das Gewissen, was die Eingangstür ist für Wahrheit, die in der Seele wohnt (so wie wir das in Joh 4 sehen) … Dieses Fest geschah am 10. des siebten Monats (3Mo 23,7). Es wird folgen auf die Sammlung Israels am Ersten des Monats und wird geschehen direkt vor dem Laubhüttenfest, worin sie die Freude des messianischen Reiches feiern werden. Aber bevor sie diese Freude feiern können, wird ein vertiefendes Werk in den Seelen eines jeden Einzelnen geschehen, der teilhat an der wiederhergestellten Nation. Das Maß der Freude geht Hand in Hand mit einer Einschätzung dessen, was wir sind und unsere eigene Schuld ist und wie Christus Gott im Bezug darauf zufriedengestellt und eine Sühnung für Ihn gefunden hat. Es ist moralisch passend, dass das so ist … Sacharja 12,10 sagt: „Sie werden auf mich schauen, den sie durchstochen haben.“ Nun sicherlich werden sie ihn vor dieser Zeit gesehen haben. Er hat schon die Rebellen aus dem Land weggereinigt und die, die aus Gott geboren sind, in das Land geführt (Hes 20,33-38; usw.). Aber alles hat seine Zeit, und es ist am 10. des siebten Monats, dass sie, als eine Nation, auf Ihn schauen, wie sie es niemals zuvor getan haben. Dann wird der Geist auf ihre Gewissen ihre Blutschuld aufdrücken, wie Er es niemals zuvor in dieser Intensität getan hat. Und der Geist wird ihr Verständnis öffnen für alles wie niemals zuvor und wird ihren Seelen den großen Wert der Zufriedenstellung Gottes in Bezug auf die Sünde klarmachen, die ihr Messias am Kreuz erwirkt hat. Nun, das Gefühl der Überführung und darauf folgenden Wehklage, die sich daraus ergibt, finden wir deutlich in Sacharja 12,11-14 gezeigt. Dieser Schriftabschnitt beschreibt die Erfüllung des Festes des Versöhnungstages für Israel. Lasst uns das ein wenig anschauen. In Vers 11 wird die Wehklage verglichen mit der Wehklage für Josia (2Chr 35,20-25). Das hatte auch einen allgemeinen Charakter. Aber die Wehklage betreffs dessen, den sie durchstochen haben, ist weit tiefer. Jede Familie und jede einzelne Person, wird in diesem Geist der Wehklage eintreten. Es ist zu Recht gesagt worden: „Diejenigen, die wehklagen, bestehen aus einem Volkskörper – einer Nation; jeder Teil, jede Gruppe, und jedes moralische Element davon wird ausgedrückt durch vier Einzelpersonen, deren Geschichte und Berufung, die unterschiedlichen Teile des Ganzen repräsentiert.“ (The Present Testimony 14:183)

David repräsentiert das Königtum. Er war es, der im Falle des Urija eine Blutschuld hatte. Nathan repräsentiert den Propheten, den, der David von seiner Sünde überzeugt hatte. Hier finden wir auch sein Haus überführt. In Levi (der priesterlichen Klasse) und Simeon (dem Volk) sehen wir ihre Blutschuld im Falle der Sichemiter (1Mo 34,30). Die Priester und das Volk hatten sich gegen Christus vereinigt. So wehklagen „alle übrigen Geschlechter, jedes Geschlecht besonders, und ihre Frauen besonders“. Es hat sowohl einen nationalen als auch einen individuellen Charakter. Es ist durch und durch ein Werk des Geistes, schön zu seiner Zeit, dass sie ihre Sünde und Sünden anerkennen und im Werk Christi sehen, was diesem begegnet. „Und ich werde euch unter dem Stab hindurchziehen lassen und euch in das Band des Bundes bringen“ (Hes 20,37). „Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben; und ich werde ihr Gott, und sie werden mein Volk sein“ (Jer 31,33; Heb 8). Wie wunderbar antwortet Sacharja 12,11-14 auf 3. Mose 23,29 [„Denn jede Seele, die sich nicht kasteit an diesem selbigen Tage, die soll ausgerottet werden aus ihren Völkern“]. Jemand hat dazu bemerkt: „Alle Leichtfertigkeit des Gedankens über Sünde in der Gegenwart der Gnade Gottes muss verurteilt werden.“ Es ist eine ernste Warnung für uns. (The Seven Set Feasts of Jehova, S. 41–43)

Hes 44,27: … und an dem Tag, an dem er in das Heiligtum, in den inneren Vorhof, hineingeht, um im Heiligtum zu dienen, soll er sein Sündopfer darbringen, spricht der Herr.

Hes 45,15-17: … zum Speisopfer und zum Brandopfer und zu den Friedensopfern, um Sühnung für sie zu tun, spricht der Herr, HERR. Das ganze Volk des Landes soll zu diesem Hebopfer für den Fürsten in Israel verpflichtet sein. Und dem Fürsten sollen obliegen die Brandopfer und das Speisopfer und das Trankopfer … Er soll das Sündopfer und das Brandopfer und die Friedensopfer opfern, um Sühnung für das Haus Israel zu tun.

Hes 46,20: Das ist der Ort, wo die Priester das Schuldopfer und das Sündopfer kochen, wo sie das Speisopfer backen sollen.

Diese Stellen werden als Beweis genommen, dass es nicht sein könne, dass Hesekiel von der Zukunft im Tausendjährigen Reich spricht, da ein für alle Mal Sühnung geschehen ist und Hesekiel erwähnt, dass durch die Opfer erneut Sühnung getan wird.

Mit dieser Begründung müsste man folgerichtig jedoch auch leugnen, dass die Opfer im Alten Bund echte Opfer gewesen waren – denn von ihnen heißt es auch, dass sie Sühnung taten –, weil Hebräer 10,4 doch deutlich sagt: „Denn unmöglich kann Blut von Stieren und Böcken Sünden hinwegnehmen.“

Wo innerhalb des Leibes Christi die geistliche Wirklichkeit der Opfer gekannt wird ohne Handhabung der stofflichen Schattenbilder, da kann sehr wohl bald in Israel die geistliche Wirklichkeit der Opfer gekannt werden mit Handhabung der Schattenbilder. Die Tieropfer, die bald im Tempel Hesekiels während des Friedensreiches gebracht werden, bringen das Opfer Christi dann auch auf überhaupt keine Weise in Misskredit, sondern sollen bewusst dazu dienen, Gedächtnisopfer zu sein, die zurückweisen auf das Opfer Christi, genauso wie die Opfer des Alten Testamentes keinen Wert in sich selbst hatten, sondern bloß vorauswiesen auf das Werk, das Christus am Kreuz vollbracht hat. (W.J. Ouweneel, Israel en de Kerk, S. 130–131)

Heb 9,11.12: Christus aber – gekommen als Hoherpriester der zukünftigen Güter … nicht mit Blut von Böcken und Kälbern, sondern mit seinem eigenen Blut – ist ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen, als er eine ewige Erlösung erfunden hatte.

Heb 10,12.14.18: Er aber, nachdem er ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht hat … Denn mit einem Opfer hat er auf immerdar die vollkommen gemacht, die geheiligt werden … Wo aber eine Vergebung derselben ist, da ist nicht mehr ein Opfer für die Sünde.

Mit Hebräer 9,12; 10,12.14.18 argumentiert man wie folgt: Christus ist die Erfüllung all dessen, worauf das AT hindeutete. Weil Christus sich selbst als Opfer dargebracht hat, sind weitere Opfer für die Sünde nicht mehr nötig. Wenn die Opfer des AT ihre Daseinsberechtigung nur durch ihren Hinweis auf Christus und sein Opfer hatten, so haben sie sie jetzt nicht mehr, da Christus gekommen ist und das erfüllt hat, worauf sie hindeuteten.

Die Antwort liegt eigentlich schon in der Argumentation selbst. Natürlich handelt es sich nicht mehr um dieselben Opfer, wie sie im Alten Testaments dargebracht wurden. Vorausweisen auf das Opfer Christi können Opfer stofflicher Art heute nicht mehr. Das ist ganz klar. Aber die Opfer im Tausendjährigen Reich bekommen ihre Daseinsberechtigung auch nicht durch einen Hinweis, sondern durch einen Rückverweis auf das Opfer Christi.

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