Die unterschiedlichen Leiden Christi
Jesaja 63,9; Psalm 69

Dirk Schürmann

© SoundWords, online seit: 29.07.2013, aktualisiert: 24.05.2019

Leitverse: Jesaja 63,9; Psalm 69

Jes 63,9: In all ihrer Bedrängnis war er bedrängt.

Sühnende Leiden

Der Herr Jesus hatte verschiedene Arten von Leiden zu erdulden. Er litt auch zu verschiedenen Zeiten. Was uns zunächst sicher immer am meisten berührt, weil wir so sehr davon betroffen sind, waren die sühnenden Leiden auf Golgatha. Es waren insbesondere diese sühnenden Leiden, die die Not für Ihn so unendlich groß machten. Diese Leiden sind für uns die wichtigsten Leiden überhaupt, denn wenn Er diese Leiden nicht erlitten hätte, dann würden wir in der Hölle ewige Qual leiden müssen. Aber weil Er dort auf Golgatha für uns gelitten hat und wir das in Anspruch nehmen dürfen, was Er dort für uns getan hat, brauchen wir diese Leiden, diese Qualen nicht zu fürchten. Er nahm sie für uns auf sich, Er wurde unser Stellvertreter.

Leiden um der Gerechtigkeit willen

Doch Christus litt nicht nur an unserer statt; Er musste auch Leiden um der Gerechtigkeit willen erdulden, weil Er als Gerechter hier unter Ungerechten war und ungerecht behandelt worden ist. Weil Er ein gerechtes, heiliges, sündloses Leben führte, wurde Er angefeindet; man hasste Ihn, man wollte Ihn nicht. Man wollte das Licht nicht, das Er ausstrahlte; das war ihnen doch zu grell, weil es das Böse im Leben aufdeckte. Und deswegen hasste man Ihn. Das waren Leiden, die Er um der Gerechtigkeit willen erdulden musste. Die Leiden um der Gerechtigkeit willen müssen auch wir heute möglicherweise erfahren, die einen mehr, die anderen weniger. Wenn wir in unsere Umgebung das Licht Christi bringen, dann wird das manchen zu grell sein, und man wird uns Probleme machen. Das werden wir sogar von solchen erfahren, die sich Christen nennen und manchmal auch wirklich sind.

Leiden der Vorahnung und Vorempfindung

Doch gibt es noch eine andere Art der Leiden unseres Herrn, die nicht so bekannt ist. Wenn wir den Bericht über Gethsemane lesen, der uns in drei Evangelien geschildert wird, dann wissen wir, dass der Herr dort in Vorahnung und Vorempfindung dessen litt, was Er im Gericht Gottes auf Golgatha erdulden sollte.

Diese Art der Leiden ist eine Art, die uns sehr häufig in den Psalmen begegnet. Denn diese Leiden stehen auch besonders mit dem in Verbindung, was einmal auch der gläubige Überrest Israels in der Zukunft erleben wird. In diese Leiden trat der Herr freiwillig ein, um mit seinem Volk mitleiden zu können.

Wenn wir diese Leiden nicht von den sühnenden Leiden unterscheiden, kommen wir schnell in Verwirrung. Dann wundern wir uns über Leidenspsalmen, in denen doch zum Schluss von Gericht die Rede ist, und fragen uns, ob der Herr vielleicht doch schon vor den drei Stunden des Verlassenseins für Sünden gelitten hatte. Nehmen wir Psalm 69 im Vergleich zu Psalm 22. Da ist zum Beispiel Psalm 69,14: „Mein Gebet ist zu dir, HERR, zur Zeit der Annehmung.“ Nicht wie in Psalm 22,3.1: „Mein Gott! Ich rufe am Tag, und du antwortest nicht; … warum hast du mich verlassen?“

Nein, es ist die Zeit der Annehmung. Damit ist ganz klar: Es kann sich nicht um die drei Stunden des Verlassenseins handeln. Wir werden feststellen, dass Psalm 22 einen ganz anderen Geist atmet als Psalm 69. Nachdem dort das Werk im 22. Vers zu Ende beschrieben ist, finden wir nur noch Segen, und zwar einen Segen, der immer größere Kreise zieht, bis zur nachfolgenden Generation im Tausendjährigen Reich. Es ist immer nur Segen, und der wird immer größer. Da ist von Gericht überhaupt nichts zu finden. Dagegen lesen wir in Psalm 69,23-29: „Ihr Tisch werde vor ihnen zur Schlinge … Lass ihre Augen dunkel werden, … lass ihre Lenden beständig wanken! Schütte deinen Grimm über sie aus … Verwüstet sei ihr Zeltlager … Füge Ungerechtigkeit zu ihrer Ungerechtigkeit … Lass sie aus dem Buch des Lebens ausgelöscht … werden!“

Das ist doch alles anders, als was wir erwarten würden und müssen – aber auch erwarten können –, wenn es in Psalm 22 um die Versöhnung geht. Wenn es um die Versöhnung geht, dann sind diese Sünden gesühnt – gerade durch dieses Werk. Dann bietet dieses Werk Gnade an. Damit will ich jetzt nicht sagen, dass diejenigen, die hier den Herrn ans Kreuz gebracht haben, nun einfach versöhnt werden. Sicher mag da auch der eine oder andere dabei gewesen sein, der hinterher noch Gnade gefunden hat. Aber der Herr hat natürlich nicht die Sünden von solchen gesühnt, die keine Buße getan und die Gnade nicht angenommen haben. Aber wenn es um Sühnung geht, dann hat das grundsätzlich Segen als Ergebnis.

Mitleid als Folge von Versuchung und Leiden bei der Versuchung

Man kann manchmal gar nicht genau entscheiden: Wird von dem Herrn geredet oder von den Gläubigen? Der Herr Jesus hat auch so gelitten, wie wir das im Hebräerbrief lesen, in einer ganz besonderen Form.

Heb 4,15.16: Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid zu haben vermag mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem versucht worden ist in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde. Lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe.

Hier geht es also darum, dass der Herr Jesus als Hoherpriester Mitleid mit uns haben kann. Dann wird uns hier gesagt, wie das kommt, dass Er Mitleid mit uns haben kann: nämlich weil Er versucht worden ist genauso wie wir, ausgenommen die Sünde.

Was heißt das nun, dass Er versucht worden ist? Was heißt das, dass Er Mitleid mit uns haben kann? Wenn ich von jemand höre, der vielleicht ein Kind verloren hat, dann kann ich mit ihm Mitleid haben, aber das ist Mitleid mit einem gewissen Abstand, wenn ich zu denen gehöre, die selbst noch kein Kind verloren haben. Der Herr Jesus hat in anderer Weise Mitleid; Er ist versucht worden in gleicher Weise wie wir.

Lesen wir nun in Hebräer 2,18, was es bedeutete, dass Er versucht wurde:

Heb 2,18: Denn worin er selbst gelitten hat, als er versucht wurde, vermag er denen zu helfen, die versucht werden.

Das bedeutet: Wenn Er Mitleid hat, ist Er selbst in dieser Sache versucht worden, und wenn Er versucht worden ist, bedeutet das, dass Er gelitten hat. Das heißt, sein Mitleid steht immer in Verbindung damit, dass Er selbst gelitten hat. Wenn Er also mit den Seinen Mitleid zu haben vermag, dann muss Er selbst gelitten haben, und das geht sehr weit. Egal, in welchen Umständen Gläubige sind: Wir müssen immer berücksichtigen, dass Er – und das macht sein Hohepriestertum so groß – Mitleid hat, weil Er selbst gelitten hat. Und das wird umso größer, je größer auch die Nöte sind, die jemand mitmachen muss. Und das gilt auch für Israel, denn wir lesen in

Jes 63,9: In all ihrer Bedrängnis war er bedrängt.

Die Leiden des gläubigen Überrests

Im Buch der Psalmen werden uns die Nöte gezeigt, insbesondere von Gläubigen, die erst in der Zukunft leben werden – der sogenannte gläubige Überrest, der in der „Drangsal für Jakob“ (Jer 30,7) leben wird und der schreckliche Nöte durchmachen muss. Das sind nicht nur die Verfolgungen, die Er mitmachen muss – und das von verschiedenen Seiten: einmal von dem Antichrist, der alle, die ihm und dem römischen Weltherrscher keine Verehrung bringen wollen, umzubringen sucht; dann von dem Assyrer, dem König des Nordens, der in Israel einmarschieren wird, der Juda zerstören und Jerusalem belagern und einnehmen wird; dann aber auch (selbst wenn sie vor diesen beiden bewahrt bleiben) von denen, bei denen sie sich aufhalten. Selbst wenn sie am Leben bleiben, werden sie auch dort, wo sie vielleicht vor dem Zugriff dieser beiden Feinde sicher sind, schlimme Dinge durchmachen müssen. Sie werden leiden durch ihre Nachbarn, aber – und hier kommt das Schlimmste – sie werden vor allen Dingen auch leiden, weil ihre Stellung vor Gott nicht klar ist. Sie kennen nicht wie wir heute ein vollbrachtes Erlösungswerk, eine Sicherheit des Heils. So wie wir wissen, dass wir ein für alle Mal errettet sind, wenn wir Buße getan und den Herrn Jesus angenommen haben. Uns kann niemand mehr aus der Hand unseres Vaters rauben! Das kennen sie alles nicht, sie kennen Gott nicht als ihren Vater. Sie wissen nur, dass Israel das Gesetz gebrochen und den Messias ans Kreuz geschlagen hat. Sie wissen, dass Blutschuld auf ihnen liegt – zu einem gebrochenen Gesetz kommt das noch hinzu. Und sie wissen nicht, ob es dann noch einmal eine Möglichkeit gibt, dass da Gnade kommt, dass der verheißene Messias doch noch einmal zurückkommt. Ob ihre Sünde wirklich vergeben wird, das wissen sie nicht. Bis eines Tages dann der große Versöhnungstag auch für sie kommt. Aber bis dahin ist ihre Stellung vor Gott nicht klar, sie haben keinen festen Boden unter ihren Füßen. So wie es in Psalm 69,3 heißt: „Kein Grund ist da.“

Und in ihrer Not, da kommt alles zusammen. Das spüren auch wir manchmal, dann haben wir nicht nur ein Problem, nein, da haben wir gleich das und das und das, und wenn dann alles zusammenkommt – mit einem Problem könnten wir noch fertig werden, mit zweien vielleicht auch noch, aber wenn dann alles zusammenkommt, dann sacken wir auch zusammen. Dann sagen wir: „Jetzt können wir nicht mehr.“ Und so wird das auch bei dem Überrest sein. Und das Allerschlimmste für sie ist, dass sie Gott nicht als ihren liebenden Vater kennen. Sie haben immer noch ein tiefes Vertrauen zu Gott, das tritt auch immer wieder in den Psalmen zutage. Letztlich vertrauen sie doch immer wieder auf Gott, aber eine Sicherheit haben sie nicht. Es geht immer auf und ab, und letztlich geht es immer tiefer, immer tiefer in den Schlamm. Und dann sind da ihre Sünden, ihre Vergehungen, ihre Übertretungen, ihre Torheit, die kommt ihnen dann ins Bewusstsein. Sie denken daran: „Gott weiß das.“

Das Mitgefühl des Herrn mit dem Überrest

Wenn der Herr Jesus jetzt Mitleid mit ihnen haben will, dann muss Er mitgefühlt haben. Und das hat Er auch. Er konnte das auch, Er konnte freiwillig in diese Leiden im Vorgefühl hineingehen, weil Er tatsächlich auch das Schuldopfer geben würde. Er würde wirklich auch diese Sünden auf sich nehmen; das wissen die Gläubigen in der Zukunft erst wesentlich später. Erst wenn Er wiedergekommen sein wird, werden sie das erst richtig erfahren, dass Er für ihre Sünden gelitten hat, dass Er auch ihre Sünden bekannt hat. Zunächst haben sie das Empfinden, was sie quälen muss, dass da Sünden sind auf ihrem Gewissen. Der Herr konnte in diese Gefühle hineingehen; Er hat es sicherlich in Gethsemane getan, Er hat schon bei der Taufe gesagt: „Ich will mich einsmachen mit denen, die ihre Sünden bekennen“, und hat sich auch taufen lassen, obwohl Er der Reine und Heilige war. Und dann hat Er in Gethsemane im Geiste das alles durchgemacht, was dieser Tod bedeuten würde. Natürlich bedeutete dieser Tod den Zorn und das Verlassensein von Gott. Sicherlich gilt das auf für die Situation in Johannes 12, wo wir sehen, dass seine Seele bestürzt war. Das waren auch solche Momente, wo Er das im Voraus empfunden hat, was auf Golgatha auf Ihn zukommen würde. Und da würde es wirklich so sein, dass Er meine Torheiten und meine Vergehungen auf sich nehmen würde und sie vor Gott bringen würde und von Gott dafür auch gestraft werden würde. Und das sah Er voraus, und deswegen wandte Er sich mit starkem Geschrei an seinen Gott und betete darum, dass dieser Kelch, wenn möglich, an Ihm vorübergehen sollte, dass Er mit diesen Sünden nicht in Verbindung kommen würde. Dieses Leiden ist so schlimm und so schrecklich, dass es, wenn wir nicht solche Psalmen hätten, alle anderen Leiden überlagern würde.

Aber diese Psalmen – wie hier der 69. Psalm oder auch andere Stellen – zeigen uns, dass es auch andere Leiden gab, die der Herr Jesus dort tief in seinem Inneren fühlte. Er musste das nicht. Er hätte das jederzeit abbrechen können, Er hätte zum Vater zurückgehen können. All das nahm Er freiwillig auf sich, Er ging da hinein. Auch um Mitgefühl haben zu können, nahm Er das auf sich. Weil es vor Ihm stand, dass Er diese Sünden bekennen würde, konnte Er auch mitfühlen, was das heißt, eine Sache mit Gott ordnen zu müssen. Und sein Schweiß wurde wie große Blutstropfen und mit starkem Geschrei und Tränen wandte Er sich zu Gott. Das bewirkte es für Ihn, diese Dinge vor sich zu haben, in diese Dinge hineinzugehen. Denn Er wusste, was das bedeutete, wenn Er mit unseren Sünden beladen sein würde: dass dann der Zorn Gottes über Ihn kommen musste.

Weggetan werden und nichts haben

Das können wir uns auch vorstellen, wenn wir zum Beispiel in Daniel 9,26 lesen: „Der Messias wird weggetan werden und nichts haben.“ Aus, vorbei! Alle irdischen Hoffnungen, für die Er als Messias gekommen war, sind vorbei. Was das für Ihn bedeutete, weggetan zu werden, das empfand Er ganz tief. Das waren Schmerzen, die Ihn so sehr trafen, dass wir uns gar kein Bild davon machen können, denn seine reine, heilige Seele war viel empfindsamer, als wir überhaupt empfinden können. Wir sind ja abgestumpft durch die Sünde. Aber Er nicht, Er empfand das alles ganz tief. Das waren Leiden, die mit Leiden um der Gerechtigkeit willen, die Er in seiner Seele empfand, insofern erst einmal nichts zu tun hatten. Und da empfand Er, was es bedeutete, dass für Israel auch alles damit aus war. Er empfand zum Beispiel, was es bedeuten würde, was wir in Psalm 69 finden:

Ps 69,26: Verwüstet sei ihr Zeltlager, in ihren Zelten sei kein Bewohner.

Er wusste, die Römer würden kommen und Jerusalem zerstören. Als Er auf dem Weg nach Golgatha war, sagte Er:

Lk 23,31: Denn wenn man dies tut an dem grünen Holz, was wird an dem dürren geschehen?

Das grüne Holz war Er, das dürre Holz war das Volk. Und das, was im Jahr 70 geschah, ist ja noch nicht alles. Es wird ja alles noch schlimmer werden. Eine Drangsal, wie sie niemals auf der Erde war, wird erst noch kommen. Er empfand das alles schon im Voraus. Er empfand es, was es bedeutet, den Zorn Gottes vor sich zu haben. Nicht wegen seiner Sünde, nicht wegen irgendetwas, was Er getan hätte; sondern weil Er unsere Sünde auf sich nehmen wollte, weil Er bereit war, sich zur Sünde machen zu lassen. Er empfand es, was es bedeutet, dem Zorn Gottes zu begegnen. Das wird auch das Empfinden sein von den Gläubigen in der Zukunft, der Zorn Gottes – das ist ein Problem für sie. Sie haben beides: Sie haben einerseits das Vertrauen auf Gott und andererseits die Angst vor seinem Zorn. Das wird so eine Wechselwirkung bei ihnen ausüben. Aber dann dürfen sie sich darauf verlassen, dass einer da war, der nicht zuschanden geworden ist. Dem war das so wichtig, dass Er gerade in diesen Leiden sagt:

Ps 69,7: Lass nicht durch mich beschämt werden, die auf dich harren, Herr, HERR der Heerscharen. Lass nicht durch mich zuschanden werden, die dich suchen, Gott Israels.

Da sieht der Herr andere, die in ähnlichen Leiden sind, und Er bittet darum, dass Er nicht zuschanden wird, damit nicht andere an seinen Leiden und an dem, was Er mitmacht, selbst auch irregehen. Die Emmaus-Jünger wären fast daran zuschanden geworden. Sie waren so verzweifelt, dass dieser Gerechte, dass dieser, der Gott so vertraut hatte, für sie im Grab war. Alles vorbei! Das konnte doch nicht sein! Deswegen bemüht Er sich gleich nach seiner Auferstehung, ihre Herzen zu trösten. Und Er konnte empfinden, was sie bewegte, weil Er selbst gelitten hatte. Und auch in der Zukunft wird es wieder Gläubige geben, die Mut finden werden durch solch einen Psalm, weil sie dort jemand finden, der in ähnlich schrecklichen Umständen ist wie sie und der gerettet wurde.

Auch in Psalm 69,27 sieht Er sich in Verbindung mit anderen: „Denn den du geschlagen hast, haben sie verfolgt, und vom Schmerz deiner Verwundeten erzählen sie.“ Da wird also der Messias, der hier geschlagen wird, verbunden mit anderen, mit den Verwundeten.

Unschuldig und schuldig zugleich

Wie schon gesagt, werden diese Gläubigen in der Zukunft in Israel nicht, so wie wir, einen Frieden mit Gott kennen, im Bewusstsein einer vollbrachten Erlösung und in dem Bewusstsein, dass sie ein für alle Mal errettet sind. Sie werden Vertrauen zu Gott haben, aber keine Sicherheit. Und das bedeutet: Sie werden immer wieder hin und her geworfen werden zwischen ihren Zweifeln und ihrem Vertrauen und auf der anderen Seite auch hin und her geworfen werden in Bezug auf das Thema Sünde. Denn einerseits wissen sie, dass sie das Gesetz gebrochen haben und dass sie auch national mit der Sünde des Mordes an dem Messias zu tun haben, und auf der anderen Seite sehen sie auch ihre persönliche Tadellosigkeit (siehe z.B. Ps 26). Und zwischen diesen beiden werden sie auch immer hin und her geworfen. Das steht manchmal ganz eng miteinander in Verbindung, so wie in Psalm 69,5.6. Denn wenn sie in Vers 6 von ihrer Schuld sprechen, dann sprechen sie in Vers 5 davon, dass sie ohne Grund angefeindet werden und dass sie das erstatten müssen, was sie nicht geraubt haben, dass sie also unschuldig. Das heißt: einerseits unschuldig, andererseits schuldig; einerseits Vertrauen, andererseits Sorge. Und in dieser Not werden sie hin und her geworfen sein in der Zukunft und werden vor allen Dingen auch Angst haben vor diesem Zorn Gottes über ihre Sünden. Und darin kann der Herr Jesus vollkommen mitfühlen, weil Er selbst darin gelitten hat. Er war auch in solch einer Situation, wo Er sah, dass der Zorn Gottes wegen Sünde – es war meine und deine, aber auch ihre Sünde – auf Ihn kommen würde. Und deshalb kann Er vollkommen mitempfinden, was sie empfinden werden.

Nicht nur ein Problem für den gläubigen Überrest

Dieses Problem mit der Heilsunsicherheit und dem Fürchten des Zornes Gottes gilt übrigens nicht nur für den gläubigen Überrest, das muss man auch mal sagen. Das gilt eigentlich für den allergrößten Teil der Christenheit. Denn, mal so ganz grob, von Ausnahmen abgesehen, hat es, kurz nachdem die Apostel heimgegangen waren, von da an, bis zur Reformation, das auch nicht gegeben. Millionen von Christen werden es sicher in dieser Zeit gewesen sein. Aber Frieden mit Gott, Kenntnis des Friedens mit Gott, Kenntnis einer vollbrachten Erlösung, das war eine Seltenheit. Das haben einige vielleicht in einem gewissen Vertrauen gewusst, aber es waren Ausnahmen. Generell gab es das für die Christen nicht. Das waren auch solche, die ständig Angst hatten vor dem Zorn Gottes, die auch wieder Vertrauen hatten auf der anderen Seite, dass Gott ihnen gnädig sein würde, aber die eine vollbrachte Erlösung auch nicht kannten. Und auch für solche Gläubige konnte der Herr Jesus vollkommen mitempfinden, weil Er selbst gelitten hat und weil Er selbst das kannte. Sicherlich in ganz anderer Form als sie, denn es waren ihre persönlichen Sünden, die sie getan hatten, weshalb sie das Gericht fürchteten. In diesem Fall, bei dem Herrn, sind es Sünden, die Er stellvertretend auf sich nahm. Aber Er wusste auch, dass dafür der Zorn Gottes über Ihn kommen würde.

Schon damals hatte der Herr Mitleid mit Israel

Aber kommen wir noch mal auf Israel zurück. Wir finden an einigen Stellen, wie der Herr Jesus an Israel dachte in Bezug auf das, was sie sich an Gericht zugezogen hatten:

Lk 13,34: Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder sammeln wollen wie eine Henne ihre Brut unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt! Siehe, euer Haus wird euch überlassen. Ich sage euch aber: Ihr werdet mich nicht sehen, bis die Zeit kommt, dass ihr sprecht: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!

Wenn wir das da so lesen: „Ich habe deine Kinder sammeln wollen wie eine Henne ihre Brut unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt“, dann sehen wir diese mütterliche Empfinden, wie eine Mutter sich um ihre Kinder kümmert und sie beschützen will und dann sieht, es ist nicht möglich. Was das für ein Mutterherz bedeutet?! Als Eltern ist man schon mal in der Situation, dass man Kinder sieht, die nicht gehorsam sein wollen, sie einen bestimmten Weg gehen wollen, und man will sie beschützen, aber man kann es nicht. Es zerreißt einem das Herz. Glauben wir nicht, dass der Herr tief darunter gelitten hat, dass Er Israel nicht von seinem Weg ins Unglück zurückreißen konnte?

In Lukas 19,41 sehen wir, wie sehr Er gelitten hat:

Lk 19,41: Und als er sich näherte und die Stadt [Jerusalem] sah, weinte er über sie.

Er weinte über sie. Da sehen wir, wie sehr Er gelitten hat, dass diese Stadt so viel an Sünde auf sich lud und dafür auch ein entsprechendes Gericht erleiden würde. Und selbst als Er den Weg nach Golgatha ging, mit dem Kreuz auf dem Rücken, lesen wir in Lukas 23,28.29, wie Er sagt:

Lk 23,28.29: Töchter Jerusalems, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder, denn siehe, Tage kommen, an denen man sagen wird: Glückselig die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren, und die Brüste, die nicht genährt haben! Dann werden sie anfangen, zu den Bergen zu sagen: Fallt auf uns!, und zu den Hügel: Bedeckt uns! Denn wenn man dies tut an dem grünen Holz, was wird an dem dürren geschehen?

Das hat der Herr nicht gesagt in dem Sinne von: „Dafür werdet ihr Strafe bekommen, dafür wird es euch auch einmal richtig dreckig gehen.“ Nein, nicht in dem Sinn, sondern in dem Sinn, wie wir das im Kapitel 19 gelesen haben: dass Er tief im Herzen empfand, wie schrecklich es auch für Israel sein würde, was sie alles mitmachen würden; insbesondere auch später, denn das ist das ja, wo es in den Psalmen insbesondere darum geht, wenn die Zeit kommt, die noch nie dagewesen ist und die auch nie wieder kommen wird, diese schrecklichste Zeit auf der Erde. Dann wird das vollkommen in Erfüllung gehen, was da geschrieben ist, wenn dann die Menschen sagen werden: „Hügel, fallt auf uns!“ Er hat alles im Voraus empfunden, was da passieren würde, und diese Empfindungen finden wir in den Psalmen ganz besonders häufig zum Ausdruck kommen. Darin macht Er sich dann eins mit den Gläubigen, die dann leben werden.

Die Leiden unseres Herrn sind sehr vielfältig und unserer Beschäftigung wert. Daher möchten wir die Serie „Die Leiden Christi“ von J.N. Darby sehr empfehlen.

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