Das Matthäusevangelium (16–18)
Kapitel 16–18

William Kelly

© J. Das, online seit: 08.07.2003, aktualisiert: 24.01.2018

Leitverse: Matthäus 16–18

Kapitel 16

In Matthäus 16 machen wir trotz (ja geradezu wegen) des offensichtlichen und tiefen Unglaubens auf allen Seiten einen großen Schritt vorwärts. Der Herr hatte den Juden nichts mehr mitzuteilen. Sein Teil war es jetzt, den Weg bis zum Ende zu gehen. Er hatte vorher schon die neue Form des Reiches angesichts einer Gesinnung, die sich durch die unvergebbare Lästerung des Heiligen Geistes verraten hatte, vorgestellt. Das Werk unter Seinem alten Volk war dem Grundsatz nach abgeschlossen und ein neues Werk Gottes im Reich der Himmel enthüllt. Hier stellt Er nicht nur das Königreich vor, sondern auch Seine Versammlung (Kirche). Den Anlass dafür gab nicht einfach der hoffnungslose Unglaube der Volksmenge, sondern das Bekenntnis von Seiner inneren Herrlichkeit als Sohn Gottes durch Seinen auserwählten Zeugen. Sobald Petrus die Wahrheit über die Person Jesu verkündet hatte – „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16,16) –, hielt Jesus das Geheimnis nicht länger zurück. „Auf diesen Felsen“, sagte Er, „will ich meine Versammlung bauen und des Hades Pforten werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18). Er gab auch, wie wir später sehen, Petrus die Schlüssel des Reiches. Aber zuerst erkennen wir den neuen und großen Gedanken, dass Christus ein neues Bauwerk, Seine Versammlung, auf die Wahrheit und das Bekenntnis Seiner Person, des Sohnes Gottes, bauen wollte. Zweifellos war dieser Plan eine Folge des vollständigen Ruins Israels durch ihren Unglauben. Doch der Verfall des Geringeren öffnete den Weg für die Gabe einer besseren Herrlichkeit als Antwort auf den Glauben des Petrus an die Herrlichkeit des Herrn. Sowohl der Vater als auch der Sohn haben ein ihnen angemessenes Teil in den Ratschlüssen Gottes, genauso wie auch der Geist Gottes, der zur gegebenen Zeit vom Himmel gesandt werden sollte, wie wir anderen Stellen der Schrift entnehmen können. Bekannte Petrus, wer der Sohn des Menschen wirklich ist? Es war die Offenbarung des Vaters über den Sohn. Fleisch und Blut hatten es Petrus nicht geoffenbart, sondern „mein Vater, der in den Himmeln ist“. Daraufhin hatte auch der Herr etwas zu sagen. Er erinnerte zunächst Petrus an seinen neuen Namen, der zu dem passte, was dann folgt. Er stand im Begriff, Seine Versammlung „auf diesen Felsen“ (nämlich die Wahrheit, dass Er der Sohn Gottes ist) zu bauen. Von da an verbot Er auch den Jüngern, Ihn als Messias zu verkünden. Das war erst einmal durch die blinde Sünde Israels vorbei. Er war auf dem Weg, in Jerusalem zu leiden und nicht zu herrschen.

Danach erkennen wir, ach, in Petrus ein Bild von dem, was der Mensch ist, selbst wenn ihm so große Offenbarungen gemacht wurden. Er, der soeben die Herrlichkeit des Herrn bekannt hatte, wollte Seinen Herrn nicht von Seinem Weg zum Kreuz reden hören. Dabei konnte sowohl die Versammlung als auch das Reich nur auf dieser Grundlage aufgerichtet werden. Petrus suchte Ihn von dem Weg abzubringen. Aber das einzigartige Auge Jesu entdeckte sofort die Schlinge Satans, in der Petrus durch fleischliche Gedanken möglicherweise einem Fall entgegengeführt wurde. Und da dessen Worte nicht göttliche, sondern menschliche Gedanken verrieten, indem er sich des Herrn schämte, befahl der Herr ihm, hinter Ihn (nicht: hinweg) zu gehen. Anschließend bestand der Herr nachdrücklich darauf, dass das Kreuz zu Seinem Weg gehörte und dass diese Wahrheit sich auch in jedem, der Ihm nachfolgen will, verwirklichen muss. Die Herrlichkeit der Person Christi stärkt uns, so dass wir nicht nur Sein Kreuz verstehen, sondern auch unser eigenes aufnehmen.

Kapitel 17

In Matthäus 17 wird uns ein anderer Schauplatz gezeigt, dessen Anblick schon in Matthäus 16,28 einigen der Dabeistehenden verheißen war und der, wenn auch verborgen, mit dem Kreuz in Verbindung stand. Es ist die Herrlichkeit Christi. Es ist nicht so sehr die Herrlichkeit als Sohn des lebendigen Gottes, sondern vielmehr diejenige des erhöhten Sohnes des Menschen, der einst hienieden litt. Nichtsdestoweniger verkündete auch in dieser Entfaltung der Herrlichkeit des Königreiches die Stimme des Vaters Ihn als Seinen eigenen Sohn und nicht nur als den verherrlichten Menschen. Es war natürlich das Reich Christi als Mensch, doch Er blieb dabei Gottes eigener Sohn, Sein geliebter Sohn, an dem Er Wohlgefallen gefunden hatte. Jetzt sollte man Ihn hören und nicht Moses und Elias, welche verschwinden, um Ihn mit den ausgewählten Zeugen allein zu lassen.

Danach offenbarte sich der traurige Zustand der Jünger am Fuß des Berges, wo Satan in dem gefallenen und ruinierten Menschen herrschte. Trotz aller Herrlichkeit Jesu, des Sohnes Gottes und Sohnes des Menschen, bewiesen die Jünger, dass sie nicht wussten, wie sie Seine Gnade für andere Menschen nutzen konnten. Dabei war das doch ihre eigentliche Aufgabe hienieden! Der Herr zeigt jedoch in diesem Kapitel, dass es nicht allein darauf ankommt, was Er getan und was Er erlitten hat bzw. was bald geschehen wird. Es kommt vor allem auch darauf an, was Er war, was Er ist und was Er immer sein wird. Das offenbarte sich in ganz besonders gesegneter Weise durch das Versagen der Jünger. Petrus, der gute Bekenner von Kapitel 16, macht eine traurige Figur in Kapitel 17; denn als man ihn ausforschte, ob sein Lehrer die Steuer bezahle, antwortete er, dass sein Herr sicherlich ein zu guter Jude sei, um das zu vernachlässigen. Doch unser Herr fragte Petrus mit Würde: „Was dünkt dich, Simon?“ Er bekundete, dass zu derselben Zeit, als Petrus die Erscheinung und die Stimme des Vaters vergaß und Ihn praktisch auf den Boden eines einfachen Menschen stellte, Er Gott, geoffenbart im Fleisch, blieb. Es ist immer so. Gott erweist, was Er ist, in der Offenbarung Jesu. „Von wem erheben die Könige der Erde Zoll oder Steuer, von ihren Söhnen oder von den Fremden?“ Petrus antwortete: „Von den Fremden.“ „Demnach“, sagte der Herr, „sind die Söhne frei. Auf dass wir ihnen aber kein Ärgernis geben, geh an den See, wirf eine Angel aus und nimm den ersten Fisch, der heraufkommt, tue seinen Mund auf, und du wirst einen Stater finden; den nimm und gib ihnen für mich und dich“ (Mt 17,25-27). Ist es nicht sehr schön, wenn wir sehen, dass Er, der sofort Seine göttliche Herrlichkeit bewies, uns mit sich verbindet? Wer, außer Gott, konnte nicht nur den Wellen, sondern auch den Fischen des Sees gebieten? Selbst die großzügigste Gabe, die Gott jemals dem gefallenen Menschen auf der Erde gegeben hatte, und zwar dem goldenen Haupt der Nationen (Dan 2), umfasste nicht die Tiefe der Wasser und ihre ungezähmten Bewohner. Wenn Psalm 8 weiter geht, dann gewiss für den Sohn des Menschen, der, weil Er den Tod erlitten hatte, erhöht wurde. Ja, es ist Sein Teil, genauso das Meer zu beherrschen und ihm und seinen Geschöpfen zu befehlen wie dem Land und allem, was darauf lebt. Er brauchte dazu auch nicht auf Seine Erhöhung als Mensch zu warten; denn Er war immer Gott und Gottes Sohn, der darum, wenn man so sagen darf, auf nichts – auf keinen Tag der Herrlichkeit – warten musste. Auch die Art und Weise ist bemerkenswert. Eine Angel wurde in den See geworfen, und der Fisch, der sie annahm, brachte das erforderliche Geld für Petrus und seinen gnädigen Lehrer und Herrn. Einen Fisch würde wohl kein Mensch zu seinem Bankier machen. Bei Gott sind alle Dinge möglich. Er wusste, wie Er in bewunderungswürdiger Weise in einer einzigen Handlung sowohl göttliche Herrlichkeit, die unwiderlegbar verteidigt wurde, als auch demütigste Gnade in einem Menschen verschmelzen konnte. Und so dachte Er, dessen Herrlichkeit von Seinem Jünger vergessen wurde, Jesus, an gerade jenen Jünger und sagte: „Für mich und dich.“

Kapitel 18

Das 18. Kapitel nimmt die beiden Gedanken bezüglich des Reiches und der Versammlung wieder auf. Es zeigt die Bedingung für den Eintritt in das Reich und die Entfaltung der göttlichen Gnade und ihre Anwendung in lieblichster Weise – und zwar in der Praxis. Das Vorbild ist der Sohn des Menschen, wie Er Verlorene rettet. Er führt nicht das Gesetz ein, um das Reich zu regieren oder die Versammlung (Kirche) zu leiten. Die beispiellose Gnade des Heilandes muss hinfort die Heiligen formen und gestalten. Am Ende des Kapitels wird im Gleichnis die unbegrenzte Vergebung, die dem Reich angemessen ist, vorgestellt. Ich kann nicht anders, als hier in die Zukunft zu schauen, wo diese Wahrheit in Vollkommenheit erfüllt wird; aber sie hat auch ihre besondere Bedeutung für die sittlichen Bedürfnisse der Jünger damals und immer. Im Königreich wird die Vergeltung um so schonungsloser sein, je mehr die Gnade verachtet oder missbraucht wurde. Alles dreht sich darum, was zu einem solchen Gott, dem Geber Seines eigenen Sohnes, passt. Wir brauchen dabei nicht zu verweilen.

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Aus Lectures Introductory to the Study of the Gospels
Heijkoop, Winschoten, NL, 1970
(im Deutschen herausgegeben und übersetzt von J. Das)
Die Zwischenüberschriften stammen von SoundWords


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