Die Vergebung Gottes
Was versteht Gott unter Vergebung?

Dirk Schürmann

© Soundwords, online seit: 05.02.2021, aktualisiert: 26.08.2021

Hinweis der Redaktion:
Dieser Artikel geht auf einen Vortrag zurück. Der Vortragsstil wurde zum Teil beibehalten.

Bekehrung darf nicht gegen Vergebung ausgespielt werden

Die Vergebung Gottes ist ein Geschenk. Wir haben sie nicht verdient. Wir können sie uns nicht erarbeiten. Sie wird uns aus freier Gnade geschenkt. Bevor wir uns jedoch näher mit diesem Geschenk beschäftigen, möchte ich erst noch etwas über Bekehrung schreiben.

Apg 26,17.18: Ich nehme dich heraus aus dem Volk und aus den Nationen, zu denen ich dich sende, um ihre Augen aufzutun, damit sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott, damit sie Vergebung der Sünden empfangen und ein Erbe unter denen, die durch den Glauben an mich geheiligt sind.

1Thes 1,9.10: Sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch hatten und wie ihr euch von den Götzenbildern zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten, den er aus den Toten auferweckt hat – Jesus, der uns errettet von dem kommenden Zorn.

Bekehrung bedeutet auch für uns, dass wir uns wirklich von den aktuellen Götzenbildern bekehrt haben, all den Idolen und falschen Lebenszielen, die die Menschen in der Welt heute bestimmen. Oder haben wir letztendlich immer noch dieselben Interessen wie unsere Kollegen, die noch zu der Welt gehören? Wenn es da gar keine Unterschiede gibt, wenn wir genauso mitlaufen an die Plätze, wo sie sich wohl fühlen, wenn wir dieselben Interessen haben und dieselbe Zeit dafür verwenden, dieselben Methoden benutzen wie unsere weltlichen Kollegen, ohne uns gefragt zu haben, ob diese auch den Maßstäben Gottes standhalten, dann ist etwas falsch, ja dann müssen wir uns ganz ernstlich fragen, ob wir wirklich bekehrt sind. Wir müssen uns fragen, ob wir uns zu Gott hingewandt haben, wenn Er in unseren ganzen Überlegungen eigentlich nur am Rande und nur für die Ewigkeit eine Rolle spielt. Bedenken wir, dass der Glaube sich im Gehorsam beweisen muss.

Natürlich soll das jetzt nicht bedeuten, dass wir eigentlich erst am Ende unseres Weges wissen können, ob wir wirklich bekehrt sind oder nicht. Und es ist auch nicht so, dass Gott uns die Vergebung erst schenkt, wenn wir 25 Jahre gehorsam gewesen sind. Genauso wenig heißt das, dass wir uns erst dann, wenn wir wirklich unsere Treue bewiesen haben, unserer Vergebung sicher sein können. Nein, so ist es auch nicht. Auch wenn es wahr bleibt, dass der Glaube sich durch Gehorsam erweisen muss, so ist es doch so, dass das, was Gott als Glaube ansieht, der erste Glaubensakt ist. Die erste Sekunde reicht aus, wo ich die Jalousie ein ganz klein wenig hochgezogen habe und der Lichtstrahl der Herrlichkeit Gottes hineingeleuchtet hat. Das ist ausreichend für alles, aber es muss der echte Glaube gewesen sein und dessen können wir uns nur dann sicher sein, wenn es die entsprechenden Früchte in unserem Leben gegeben hat. Wir lesen in 2. Petrus 1,10:

2Pet 1,10: Darum, Brüder, befleißigt euch umso mehr, eure Berufung und Erwählung festzumachen, denn wenn ihr diese Dinge tut, so werdet ihr niemals straucheln.

Und „diese Dinge“, die Petrus in den Versen zuvor aufgezählt hat, sind Glauben, Tugend, Erkenntnis, Enthaltsamkeit, Ausharren, Gottseligkeit, Bruderliebe, Liebe. Das sind die Dinge, die bei uns gefunden werden müssen; und wenn die nicht gefunden werden, dann können wir für uns selber, für unsere Mitgeschwister und auch für die Weltmenschen, unsere Auserwählung nicht bestätigen. Gott allein weiß dann, ob wir uns wirklich bekehrt haben, ob wir wirklich Glauben hatten und ob wir auserwählt sind. Aber für uns selbst haben wir die Gewissheit nicht und wir können sie auch nicht haben.

Kinder Gottes haben die Vergebung sicher

Auf der andern Seite ist es wichtig, dass es eben halt nicht darauf ankommt, dass wir erst dieses oder jenes leisten müssen, um Vergebung zu empfangen bzw. uns unserer Vergebung sicher zu sein.

1Joh 2,12: Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen.

Meine Eltern hatten in meinem Heimatort Kontakt mit einer Christin aus der evangelischen Landeskirche, eine ältere Dame, und ich glaube wirklich, dass sie eine Schwester im Herrn gewesen ist. Sie ist mittlerweile verstorben, und ich denke, sie ist beim Herrn. Aber diese Christin lebte immer in dem Gedanken: Heute kann ich wissen, dass ich Vergebung der Sünden habe. Heute kann ich sie haben, aber ob ich sie morgen noch habe, das weiß ich nicht. Das werde ich erst dann genau wissen, nachdem ich die Augen hier auf der Erde für immer zugetan habe.

Nein, so ist das nicht. Und ich denke mal, dass die meisten der SoundWords-Leser auch nicht unter einer Belehrung aufgewachsen sind, wo Zweifel an der Vergebung gesät worden sind oder gelehrt wurde, dass man sich die Vergebung erarbeiten muss.

Bedeutet uns die Vergebung noch etwas?

Ich denke, das, was uns vielleicht mehr fehlt, das ist, ein richtiges Verständnis dafür zu haben, was Vergebung Gottes ist. Dass es etwas für unser Herz ist und nicht nur für unseren Kopf. Dass es uns mehr bedeutet als: Ja, als ich mich vor 50 Jahren bekehrt habe, da habe ich die Vergebung bekommen und seitdem brauche ich keine Angst mehr vor der Hölle zu haben. – Wenn das fast alles ist, was uns zur Vergebung einfällt, dann ist es nicht das, was Gott uns damit schenken wollte. Und deswegen wollen wir uns in diesem Artikel damit beschäftigen, was Vergebung ist, was Gott sich dazu gedacht hat. Dabei werden wir uns natürlich auch immer wieder daran erinnern, wodurch wir sie bekommen haben und wie sicher sie uns jetzt ist.

Auf thefreedictionary.com findet sich folgende Definition für „vergeben“: jemand wegen einer Handlung (durch die er einem geschadet hat) nicht mehr böse sein.

Das versteht man also in der Welt unter Vergebung. Und wir wollen das zunächst mal so auf uns wirken lassen und später dann sehen, was Gott unter Vergebung versteht.

Warum brauchen wir Vergebung?

Zunächst aber möchte ich darauf eingehen, warum wir Vergebung überhaupt brauchen. Wir fühlen den Bedarf an Vergebung eigentlich erst dann richtig, wenn uns bewusst wird, dass wir einmal einem heiligen Gott gegenübertreten müssen. Dann werden wir uns plötzlich unserer Sünden bewusst, und je mehr Sünden uns einfallen, desto schwerer wird die Sündenlast und desto mehr fühlen wir uns niedergedrückt. Das geht so lange, bis wir – wenn wir die Botschaft der Vergebung nicht kennen – so niedergedrückt sind, dass wir über unseren verlorenen Zustand nur weinen können. Dann weinen wir nicht nur deswegen, weil wir fürchten müssen, dass es für jede Sünde auch einmal eine Strafe gibt, sondern auch weil uns bewusst wird, was wir alles aufgehäuft haben, was uns von Gott trennt.

Es gibt eine Geschichte in den Evangelien, die uns das sehr schön deutlich macht:

Lk 7,7-48: Und siehe, eine Frau, die in der Stadt war, eine Sünderin, … brachte ein Alabasterfläschchen mit Salböl, und hinten zu seinen Füßen stehend und weinend, fing sie an, seine Füße mit Tränen zu benetzen; und sie trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes und küsste seine Füße und salbte sie mit dem Salböl. … Und Jesus antwortete … – Ein gewisser Gläubiger hatte zwei Schuldner; der eine schuldete fünfhundert Denare, der andere aber fünfzig; da sie aber nichts hatten, um zu bezahlen, schenkte er es beiden. … Deswegen sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. Er aber sprach zu ihr: Deine Sünden sind vergeben.

Da sehen wir die große Not durch unsere Sünden. Selber können wir nicht bezahlen, nichts rückgängig machen, nichts ausgleichen; wir haben kein Mittel, um dieser Not zu begegnen. Wir haben aus uns selbst keine Möglichkeit, diesen Sündenberg, der uns von Gott trennt, wegzuräumen.

Das Geschenk Gottes

Doch dann begegnet uns Gott mit seiner Vergebung und wir bekommen die Lösung für unser Sündenproblem geschenkt. „Da sie aber nichts hatten, um zu bezahlen, schenkte er es beiden.“ Es ist nicht nur so, dass Gott darauf verzichtet, die Schuld einzuklagen, nein es ist ein aktives Schenken! Das Wort „schenken“ hier ist übrigens dasselbe griechische Wort (charizomai), das in Kolosser 2,13 mit „vergeben“ übersetzt wird:

Kol 2,13: Und euch als ihr tot wart in den Vergehungen und der Vorhaut eures Fleisches, hat er mit lebendig gemacht mit ihm, in dem er uns alle Vergehungen vergeben hat.

Das ist Vergebung Gottes. Er schenkt uns alles, worin wir in seiner Schuld stehen. Es ist also nicht nur, dass Er nur ungern und mit einem gewissen Groll und einem Stöhnen vielleicht verzichtet und sagt: „Na ja, ich kann es eh nicht eintreiben und dann streiche ich das durch, ich bekomme es sowieso nicht.“ Nein, Er schenkt es. Gott schenkt uns die Vergebung, weil Er unsere Not sieht.

Wie konnte Gott gerechterweise Vergebung schenken?

Doch wie wird dabei Gottes Gerechtigkeit und Heiligkeit Genüge getan?

Damit Gott uns diese Vergebung bringen konnte, war es notwendig, dass der Herr Jesus auf die Erde kam. Als sein Kommen angekündigt wurde, da wurde schon gleich deutlich gemacht, dass Er u.a. kommen sollte, um seinem Volk „Vergebung ihrer Sünden“ zu geben:

Lk 1,77.78: … um seinem Volk Erkenntnis des Heils zu geben in Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, in der uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe.

Das war Gott, der sich über die Not der Menschen erbarmte und der seinen Sohn gesandt hat mit dem Ziel, uns Vergebung der Sünden zu schenken.

Die Antwort des Menschen auf Gottes Geschenk

Und wie hat sein Volk dieses Geschenk Gottes angenommen? Das Erste, was wir lesen, als Christus in seiner Heimatstadt predigte, ist, dass Er gekommen war, um Zerschlagene in Freiheit zu bringen. Da ist die erste Reaktion ein Wundern über die „Worte der Gnade, die aus seinem Munde hervorkamen“. Und dann – ich weiß nicht, wie viel Minuten später; man den Eindruck, dass es vielleicht gerade mal zehn Minuten waren –, da waren sie so wütend über diese Worte der Gnade – bloß deswegen, weil die Gnade ja nicht nur zu ihnen kam, sondern auch zu den Heiden –, dass sie ihn ermorden wollten: Sie wollten Ihn vom Berg herabstürzen (vgl. Lk 4,16-30).

So haben wir Menschen das Geschenk, das Gott mit der Vergebung angeboten hat, beantwortet. Zu jenem Zeitpunkt war es zwar noch so, dass der Herr Jesus einfach durch die Mitte der Volksmenge hinwegging, aber die Endantwort war: „Kreuzige, kreuzige ihn“ (Lk 23,21). Das war die Antwort auf die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, der sein Heil geben wollte zur Vergebung unserer Sünden. Und nachdem Pilatus ihrem Willen nachgegeben hatte, führten sie das auch aus: Sie kreuzigten Ihn:

Lk 23,33: Als sie an den Ort kamen, der Schädelstätte genannt wird, kreuzigten sie dort ihn und die Übeltäter, den einen auf der rechten, den anderen auf der linken Seite.

In dem Gleichnis von dem Weingärtner finden wir das auf ernste Weise zusammengefasst:

Lk 20,9-15: Er fing aber an, zu dem Volk dieses Gleichnis zu sagen: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und verpachtete ihn an Weingärtner und reiste für lange Zeit außer Landes. Und zur bestimmten Zeit sandte er einen Knecht zu den Weingärtnern, damit sie ihm von der Frucht des Weinbergs gäben; die Weingärtner aber schlugen ihn und schickten ihn leer fort. Und er fuhr fort und sandte einen anderen Knecht; sie aber schlugen auch den und behandelten ihn verächtlich und schickten ihn leer fort. Und er fuhr fort und sandte einen dritten; sie aber verwundeten auch diesen und warfen ihn hinaus. Der Herr des Weinbergs aber sprach: Was soll ich tun? Ich will meinen geliebten Sohn senden; vielleicht werden sie sich vor diesem scheuen. Als aber die Weingärtner ihn sahen, überlegten sie miteinander und sagten: Dieser ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, damit das Erbe unser werde. Und als sie ihn aus dem Weinberg hinausgeworfen hatten, töteten sie ihn. Was wird nun der Herr des Weinbergs ihnen tun?

Die Antwort Gottes auf die Reaktion des Menschen

Jetzt kommt die große Frage: Was wird nun der Herr des Weinbergs tun?

Gehen wir noch einmal zurück zu Lukas 23,33: „Sie kreuzigten dort ihn und die Übeltäter“, als ob Er einer von den Übeltätern wäre. Und was ist jetzt die Reaktion Gottes darauf? Was war die Reaktion des Herrn Jesus auf diesen Hass? Das steht im nächsten Vers:

Lk 23,34: Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!

Nachdem der Mensch so schrecklich gehandelt hatte, ist es da nicht ein Wunder der Gnade Gottes, dass wir direkt im nächsten Vers lesen: „Vater, vergib ihnen!“? Das ist die Antwort des Herrn Jesus. Und die Antwort Gottes darauf ist die Predigt der Vergebung. Jetzt wo man meinen könnte, der Weingärtner hat jetzt doch Grund genug, Schluss zu machen, wo sie seinen geliebten Sohn so behandelt haben, dann lesen wir:

Lk 24,46.47: So steht geschrieben, dass der Christus leiden und am dritten Tag auferstehen sollte aus den Toten und in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden gepredigt werden sollten allen Nationen, angefangen von Jerusalem.

Das ist direkt nach der Auferstehung. Der Herr ist noch nicht in den Himmel gefahren. Da lesen wir schon, dass Vergebung gepredigt werden soll, nicht nur Israel, sondern allen Nationen. Und dann gerade anfangend von der Stadt, die Ihn so verworfen hat, der Stadt, in der Er gekreuzigt wurde. In Jerusalem, da, wo die schlimmste Sünde passiert war, da sollte der Anfang gemacht werden mit dieser Predigt der Vergebung. Was für eine Gnade Gottes! Was für eine herzliche Barmherzigkeit! Petrus hat diese Botschaft dann auch gepredigt:

Apg 5,30.31: Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ermordet habt, indem ihr ihn an ein Holz hängtet. Diesen hat Gott durch seine Rechte zum Führer und Heiland erhöht, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben.

Ohne Buße geht es nicht. Aber ist es nicht wunderbar, dass Gott direkt mit der Predigt der Buße auch schon die Vergebung predigt? Wir hätten vielleicht erwarten können, dass Gott die Buße predigt und dass Er dann später mal irgendwann nach genügender Buße sagt: „Na ja, jetzt möchte ich euch dann aber auch vergeben. Ich werde euch das jetzt mal doch auch nicht anrechnen.“ Aber dass Er gleich die Vergebung predigt, das ist gewaltig.

Die Antwort des Menschen auf die erneute Predigt der Vergebung

Und doch, was ist der Mensch! Vers 33 hier, ist das nicht furchtbar? Jetzt war das alles schon voraufgegangen. Gott hat einen solchen Beweis seiner Liebe gegeben, dass Er die Kreuzigung beantwortet hat mit der Predigt der Vergebung. Und da lesen wir jetzt:

Apg 5,33: Sie aber wurden, als sie es hörten, durchbohrt und beratschlagten, sie {die Apostel} umzubringen.

Solch eine Predigt ist nur ein Anlass, die, die das predigen, umzubringen. Da sehen wir, dass das Menschenherz derartig verdorben ist, dass die wunderbarste Predigt und das überwältigendste Geschenk Gottes kommen können und der Mensch nimmt es nicht an. Um auf mein Bild vom Anfang zurückzukommen: Wenn Gott nicht das Licht in uns hineinstrahlt, wir selber zünden es nicht an. Was wir in dieser Geschichte finden, ist die Antwort unserer Herzen, wenn Gott nicht das Licht anzündet.

Vergebung durch den Namen Jesu aufgrund des Glaubens

Das Anzünden des Lichtes Gottes in unseren Herzen (vgl. 2Kor 4,6) hängt auf unserer Seite mit dem Glauben, den uns Gott schenkt, zusammen:

Apg 10,43: Diesem geben alle Propheten Zeugnis, dass jeder, der an ihn glaubt, Vergebung der Sünden empfängt durch seinen Namen.

Apg 13,38.39: So sei es euch nun kund, Brüder, dass durch diesen euch Vergebung der Sünden verkündigt wird; und von allem, wovon ihr durch das Gesetz Moses nicht gerechtfertigt werden konntet, wird durch diesen jeder Glaubende gerechtfertigt.

Trotz all dem – wie furchtbar der Mensch immer wieder auf das Angebot Gottes reagiert hat – steht Vergebung weiterhin zur Verfügung und wird jedem Glaubenden zuteil. Wir müssen die Tür oder das Fenster öffnen, damit das Licht hineinstrahlen kann. Aber es kommt nicht auf die Menge des Glaubens an und nicht auf die Dauer, wie lange wir gehorsam waren; nein, ein ganz kleiner Funke Glauben ist genug, dann wird die Vergebung unser.

Diese Vergebung hat Gott mit dem Herrlichsten verbunden, was Er hat: mit dem Namen seines Sohnes, mit dem Namen Jesu Christi. Der Name drückt im Wort Gottes aus, was eine Person ist. Es ist die ganze Herrlichkeit der Person, die Gott so vollkommen verherrlicht hat in seinem Leben hier auf der Erde, die alles nur zur Ehre Gottes tat und die so viel gelitten hat, damit Gottes Ratschlüsse zur Ausführung kommen könnten. Mit dem Namen dieser Person verbindet Gott die Vergebung. Er verbindet sie mit der Person, die es möglich gemacht hat, dass Er auf eine gerechte Weise Vergebung anbieten kann.

Wir Menschen können untereinander jemand etwas vergeben, indem wir sagen: „Gut, Schwamm drüber, ich werde mich bemühen, nicht mehr daran zu denken.“ Ja, das können wir Menschen gegenüber vielleicht machen, Gott aber kann das nicht. Wegen der Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes geht das nicht so einfach. Und da ist es so wunderbar, dass Gott die Vergebung mit der Herrlichkeit dieser Person Jesus Christus verbindet, die dadurch, dass sie für alles bezahlt hat, Gottes Gerechtigkeit völlig entsprochen hat, auch und gerade betreffs unserer Sünden.

Vergebung auch für die Nationen

Und das ist möglich für jeden Glaubenden. Somit auch für uns aus den Nationen. Wir aus den Nationen, wir sind nicht ausgeschlossen. Das Gesetz hatte Gott nur auf Israel beschränkt, und wir können so dankbar sein, dass Er es nur auf Israel beschränkt hat. Aber die Gnade, die Vergebung, dieses Angebot, diese Predigt der Vergebung, die ist für uns aus den Nationen ganz genauso. Davon sind wir nicht ausgeschlossen und Paulus hat das gepredigt; er war gesandt, um den Nationen zu predigen und …

Apg 26,18: … um ihre Augen aufzutun, damit sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott, damit sie Vergebung der Sünden empfangen und ein Erbe unter denen, die durch den Glauben an mich geheiligt sind.

Hier ist das auch wieder: Bekehrung hat diese zwei Seiten. „Von“ und „zu“, „von der Finsternis … zu dem Licht“. Und „von der Gewalt Satans“, unter der wir vorher standen, „zu Gott“. Und dann ist das Nächste: Vergebung der Sünden empfangen. Das ist der Anfang. Es geht dann weiter, es gibt noch viel mehr nach der Vergebung, es ist erst der Anfang. Doch wie wunderbar groß ist dieser Anfang. Das wird uns deutlicher, wenn wir sehen, in welchen Zusammenhängen wir die Vergebung erwähnt finden. Ich bin überzeugt, dass die meisten der Leser das so nicht erwartet hätten.

Vergebung in den Evangelien

Wenn wir suchen, wann und in welchem Zusammenhang der Herr Jesus in den Evangelien von der Vergebung spricht, werden wir auch überrascht. Zunächst ist es gar nicht so häufig, wie wir vielleicht erwartet haben. Dann finden wir Vergebung aber auch in Zusammenhängen, in denen wir es nicht erwartet hätten. Neben der Geschichte mit der Sünderin in Lukas 7 fällt uns vielleicht noch die Geschichte ein, in der vier Freunde ihren gelähmten Freund zu dem Herrn Jesus bringen, indem sie das Dach aufdecken und ihn durch das Dach herablassen. Und hier werden wir – genau wie die Zuschauer damals – überrascht, dass der Herr Jesus als Erstes sagt: „Kind, deine Sünden sind vergeben“, statt wie alle erwarten: „Sei geheilt.“ Aber der Herr Jesus wusste, was für diesen Mann viel wichtiger war, als wieder laufen zu können. Ansonsten lesen wir nicht viel über Vergebung. Aber es gibt noch eine markante Stelle und da hätten wir das Thema sicher nicht erwartet:

Mt 26,26-28: Während sie aber aßen, nahm Jesus Brot, segnete, brach und gab es den Jüngern und sprach: Nehmt, esst; dies ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte und gab ihnen diesen und sagte: Trinkt alle daraus. Denn dies ist mein Blut, das des neuen Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.

Das ist doch wirklich erstaunlich, dass wir Vergebung in Verbindung mit dem Brotbrechen finden.

Wir wissen aus 1. Korinther 10,16, dass der Kelch beim Brotbrechen der Kelch der Segnung ist. „Der Kelch der Segnung, den wir segnen, ist er nicht die Gemeinschaft des Blutes des Christus? Das Brot, das wir brechen, ist es nicht die Gemeinschaft des Leibes des Christus?“ Durch das Blut des Christus haben wir eine unendliche Fülle von Segnungen erhalten, bildlich ausgedrückt in dem Kelch mit Wein. Der Kelch ist das Symbol für all die herrlichen Segnungen, die in den Briefen mit dem Blut in Verbindung gebracht werden (vgl. Röm 3,5; 5,9 − Rechtfertigung; 1Kor 10,16 − Gemeinschaft; Eph 1,7; 1Pet 1,19 – Erlösung; Eph 2,13 – die Nähe zum Vater; Kol 1,20 – Frieden; Heb 9,14 – Reinigung des Gewissens; Heb 9,22; 10, 4 – Vergebung; Heb 10,19 – Eintritt in das Heiligtum; 1Joh 1,7 – Reinigung von aller Sünde). Alles ist zusammengefasst in diesem Kelch der Segnung. Und welche Segnung nimmt der Herr Jesus jetzt davon heraus. Eine einzige nimmt Er heraus, und das ist die Vergebung der Sünden. Das ist doch erstaunlich, dass Er gerade die herausnimmt. Aber es ist die, die uns zuallererst das Herz Gottes gezeigt hat, „die herzliche Barmherzigkeit unseren Gottes“. Deswegen nimmt Er die heraus. Sie ist der Startpunkt für alle weiteren Segnungen. Aber sie ist auch so gewaltig, dass Er sie hier extra erwähnt.

Und der Herr verbindet das auch noch mit dem neuen Bund. Der neue Bund hat zwei Kennzeichen, und ein großes Kennzeichen davon ist die Vergebung der Sünden. Fünfzig Prozent dieses Bundes lässt Gott dafür dienen, uns zu zeigen: „Ich bin für euch. Ich schenke euch die Vergebung der Sünden. Ich möchte nicht, dass irgendetwas zwischen mir und euch ist. Ich möchte, dass das, was da hindert, die Mauer der Sünde, nicht mehr da sein soll. Ich möchte mit euch Gemeinschaft haben.“

Vergebung in den Briefen des Paulus

Kommen wir nun zu den Briefen des Paulus. In welchen Briefen und welchen Abschnitten würden wir wohl erwarten, dass Paulus auf die Vergebung eingeht? Ich glaube, die meisten würden doch annehmen, dass das im Römerbrief ist, wo uns das Evangelium entfaltet wird. Da erwarten wir doch, etwas über Vergebung zu hören. Aber erstaunt müssen wir feststellen, dass wir dort außer einem Zitat aus dem Alten Testament nichts über Vergebung finden − zumindest nicht den Ausdruck. Wenn wir vielleicht auch den Gedanken finden, aber der Ausdruck selbst kommt sonst nicht vor. Und auch in anderen Briefen werden wir häufig enttäuscht werden, weil wir denken, da müsste doch eigentlich jetzt mal was davon stehen. Aber wir finden nichts. So häufig kommt das für uns so wichtige Thema in den Briefen auch nicht vor. Aber in zwei Briefen kommt es sehr wohl vor, und ich weiß nicht, wer von den Lesern es da erwartet hätte. Es kommt nämlich genau in den Stellen vor, wo uns die höchsten Segnungen gezeigt werden. Da, wo uns die höchsten Wahrheiten mitgeteilt werden, genau an den Stellen taucht plötzlich die Vergebung auf, die wir, da wir sie mit dem Beginn unseres Glaubenslebens verbinden, viel eher im Römer- oder Thessalonicherbrief gesucht hätten. Einige Leser können vielleicht schon auf fünfzig Jahre zurückblicken, wo sie die Vergebung der Sünden empfingen.

Vergebung im Epheserbrief

Doch es ist Epheser 1, der Abschnitt, der uns sicherlich in die höchsten Ratschlüsse Gottes einführt und uns von höchsten Segnungen berichtet. Es fängt dort damit an, dass wir „mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern“ gesegnet sind (Eph 1,3). Mit jeder, da ist keine ausgeschlossen. Da wird uns der Ursprung unserer Segnungen genannt: in der Auserwählung vor der Zeit und in der Bestimmung zur Sohnschaft, dass wir „vor Gott“ sein sollen (Eph 1,4), dass wir nach dem Wohlgefallen seines Willens dazu bestimmt sind (Eph 1,5), zum Preise der Herrlichkeit seiner Gnade, dass wir angenehm gemacht worden sind in dem Geliebten (Eph 1,6). Und dann kommt plötzlich die Vergebung in Vers 7:

Eph 1,7: In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade.

Man könnte meinen – ich habe das selber früher auch so empfunden –, als wenn es hier dann noch mal so ein bisschen zurückgeht, ein bisschen herunter von der Höhe, wo wir hingekommen waren. Das ist alles so wunderbar, ist immer höher geklettert, die Gedanken Gottes für uns immer gewaltiger, und jetzt auf einmal kommt eine Senke. Das ist aber nur deswegen, weil wir ein falsches Bild von dem haben, was Vergebung von der Seite Gottes her ist. Ich sage es noch mal: Es ist das Herz Gottes, das uns offenbart wird, die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes. Und deswegen kann der Geist Gottes nicht anders, wenn Er hier diese Reichtümer aufzählt, als darauf zurückzukommen, uns zu sagen: „Seht – alles hat angefangen mit der Vergebung der Vergehungen, und darin zeigte Gott den ganzen Reichtum seiner Gnade.“

Vergebung in Lukas 15

Dieser Reichtum der Gnade Gottes wir besonders schön im sogenannten „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ illustriert.

  1. Wiedergeburt/
    Glaube

17 Als er aber zu sich selbst kam,

  1. Buße

sprach er: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Überfluss an Brot, ich aber komme hier um vor Hunger. 18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und will zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, 19 ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen; mache mich wie einen deiner Tagelöhner.

  1. Bekehrung

20 Und er machte sich auf und ging zu seinem Vater.

  1. Vergebung –
    der „Reichtum der Gnade“

Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um den Hals und küsste ihn sehr.

  1. Bekenntnis

21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen.

  1. Versöhnung

22 Der Vater aber sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und tut einen Ring an seine Hand und Sandalen an seine Füße;

  1. Gemeinschaft

23 und bringt das gemästete Kalb her und schlachtet es und lasst uns essen und fröhlich sein.

 

Der Zentralpunkt in dieser Kette von sieben Schritten ist die Vergebung, sie zeigt den Reichtum der Gnade Gottes in herrlicher Weise:

  1. Der Sohn hatte alles Geld, das er sich vom Erbe des Vaters hatte ausbezahlen lassen, verprasst und war mittlerweile bei den Schweinen gelandet. „Als er aber zu sich selbst kam“ – das ist der Augenblick, wo Gott das Licht anzündet, das ist die Wiedergeburt, das ist der Glaube.

  2. „Da sprach er: Wie viel Tagelöhner meines Vaters haben Überfluss an Brot, ich aber komme um vor Hunger. Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und will zu ihm sagen, Vater ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig dein Sohn zu heißen, mache mich wie einen deiner Tagelöhner.“ Das ist die Buße, die Sinnesänderung. Jetzt denkt er völlig neu über sein Tun nach, völlig anders. Er sieht seinen Vater auch völlig anders. Er sieht sein eigenes Tun völlig anders.

  3. Und es folgt der nächste Schritt, das ist die Bekehrung. Und er machte sich auf und ging zu seinem Vater. Wenn er bei den Schweinen geblieben wäre, hätte es keine Vergebung gegeben. Er musste sich zu dem Vater wenden. Der Schritt der Bekehrung ist notwendig.

  4. Aber jetzt kommt dieser wunderbare vierte Punkt, wo nicht der Sohn etwas tut, sondern der Vater. „Als er aber noch fern war“ – Nur der erste Schritt war notwendig. Der Vater kommt ihm da schon entgegen. Der sitzt nicht zu Hause und denkt: „Na ja, wollen mal gucken, ob der auch genügend eingesehen hat, was er alles da verbockt hat, wie er mein Geld verschwendet hat.“ So lesen wir das später von dem Bruder, der dann noch hinzufügt: „der deine Habe mit Huren verschlungen hat“. Der Vater denkt nicht: Wir wollen erst mal alles hören, ob er darüber wirklich Buße getan hat, und dann warten wir mal ein halbes Jahr, in dem er beweisen kann, dass er ein anderer Mensch geworden ist. Danach können wir mal über Vergebung reden. – Nein, nichts davon; der Vater sieht ihn, als er noch fern war, und dann wurde er innerlich bewegt. Das Herz Gottes wird bewegt, wenn Er irgendwo sieht, dass da ein Sünder Buße tut und sich zu Ihm hinwendet. Das kleinste bisschen, den ersten Schritt sieht Er und dann wird sein Herz bewegt. Dann lesen wir: „Und er lief hin.“ Der Vater läuft. Nicht der verlorene Sohn, der ging zu seinem Vater; aber der Vater, der läuft. Das ist wieder das Herz des Vaters, das wir in dem Laufen sehen können. Und dann fällt der Vater ihm um den Hals und küsst ihn sehr. Diesen Mann, der da nach Schweinen stinkt, den nimmt er in den Arm und küsst ihn. Nein, nicht nur küsst er ihn, er küsst ihn sehr. Was hier in diesem Vers an Barmherzigkeit und Liebe Gottes zum Ausdruck kommt, das ist nicht zu überbieten. Das ist Vergebung Gottes. Wir wissen ja, dass Vergebung eigentlich Bekenntnis voraussetzt. Aber schauen wir hier mal auf die Reihenfolge: Der Vers 21 mit dem Bekenntnis kommt erst bei Punkt 5.

  5. Hier lesen wir, wie der Sohn zum Vater sagt: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen.“ Das Bekenntnis kommt erst, als die Vergebung schon da war. Der Vater hat das Herz des Sohnes gesehen, dass es verändert war bei diesem Sohn. Und so ist er sofort mit seinem Vergebungsgeschenk bereit. Seine ganze Liebe ist sofort da und mit der herzlichen Umarmung drückt sich die Vergebung Gottes aus. Das sind seine liebenden Arme, das sind seine Küsse, seine vielen Küsse. Das ist die Vergebung Gottes.

  6. Es folgen jetzt noch die Versöhnung und

  7. die Gemeinschaft – weitere wunderbare Segnungen, die der Vater bereit hat, auf die ich an dieser Stelle aber nicht weiter eingehen möchte. Mir lag es auf dem Herzen, den überragenden Reichtum der Gnade Gottes in der Vergebung zu zeigen, die sich einmal darin zeigt, dass sie die größten Sünden vergeben kann, und andererseits so schnell wie möglich von ganzem Herzen angeboten wird.

Vergebung im Kolosserbrief

Kommen wir zu der anderen Stelle, bei der Paulus die Vergebung noch erwähnt und wo wir sie eigentlich eher nicht erwartet hätten. Das ist im Kolosserbrief im Zusammenhang mit einem Abschnitt, der uns sicherlich in größtem Maß die Herrlichkeit unseres Herrn vorstellt:

Kol 1,12-15: 12 … danksagend dem Vater, der uns fähig gemacht hat zu dem Anteil am Erbe der Heiligen in dem Licht, 13 der uns errettet hat aus der Gewalt der Finsternis und versetzt hat in das Reich des Sohnes seiner Liebe, 14 in dem wir die Erlösung haben, die Vergebung der Sünden; 15 der das Bild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Schöpfung.

Nach den herrlichen Eigenschaften – „Bild des unsichtbaren Gottes“ und „Erstgeborener aller Schöpfung“ – werden noch viele weitere Herrlichkeiten der Person unseres Herrn aufgelistet. Vorher wird uns gesagt, dass wir in das Reich des Sohnes der Liebe des Vaters eingeführt sind. Es ist ein Reich, das gekennzeichnet ist von der Liebesbeziehung zwischen dem Vater und seinem geliebten eingeborenen Sohn. In diese Beziehung der Liebe werden wir nun auf zweierlei Weise mit einbezogen.

Zum einen danksagen wir dem Vater dafür, dass wir in ein Reich kommen dürfen, wo die Liebe regiert, eine Liebe, deren Maßstab die Liebe des Vaters zum geliebten Sohn ist. Es ist der Vater des von Ihm so sehr geliebten Sohnes, der jetzt auch unser Vater ist. Er hat jetzt viele Söhne, die Er liebt. Dieses Reich bietet Platz für viele Söhne. Und wir dürfen wissen, dass Er uns mit derselben Liebe liebt wie den eingeborenen Sohn (vgl. Joh 17,23). Mit dieser Liebe ist Er uns begegnet, als Er uns in die Arme nahm, als wir aus der Not unserer Sünden kamen und als Er uns mit vielen Küssen bedeckt hat, als Er uns die Vergebung geschenkt hat. Das war der Augenblick, wo wir erfahren haben: Ja, der Vater liebt nicht nur diesen herrlichen Sohn, an dem nichts Fehler- oder Fleckenhaftes war und der alles nur zur Freude des Vaters getan hat; Er liebt auch uns, die wir das ganze Gegenteil gewesen waren. Wir können verstehen, dass Er diesen Sohn liebt, aber dass Er uns jetzt mit derselben Liebe liebt, ist das vorstellbar? Und das hat Er zum ersten Mal gezeigt, als wir uns bekehrt haben und Er uns in die Arme genommen hat. Deswegen wird hier auch dann direkt erwähnt, dass wir die Vergebung der Sünden haben.

Der andere Aspekt ist dieser: Der Sohn ist der Sohn der Liebe des Vaters. Aber Er ist auch der Sohn unserer Liebe. Denn durch Ihn war es ja allein möglich, dass wir die Vergebung der Sünden bekommen konnten, durch sein Werk (Kol 1,14). Deswegen lieben wir Ihn schon allein deswegen, nicht nur weil Er so eine herrliche Person ist, sondern auch weil Er die Grundlage für unsere Vergebung geliefert hat. Welch ein wunderbarer Rahmen, in den die Herrlichkeiten seiner Person eingefasst sind, die uns auch daran erinnern, wie es angefangen hat mit unserem Interesse an diesen Herrlichkeiten, wie Gott uns in seiner herzlichen Barmherzigkeit erschienen ist.

Vergebung im Hebräerbrief

Heb 9,22: … und fast alle Dinge werden mit Blut gereinigt nach dem Gesetz, und ohne Blutvergießung gibt es keine Vergebung.

Heb 10,14-22: 14 Denn mit einem Opfer hat er auf immerdar die vollkommen gemacht, die geheiligt werden. 15 Das bezeugt uns aber auch der Heilige Geist; denn nachdem er gesagt hat: 16 „Dies ist der Bund, den ich ihnen errichten werde nach jenen Tagen, spricht der Herr: Indem ich meine Gesetze in ihre Herzen gebe, werde ich sie auch auf ihren Sinn schreiben“; 17 und: „Ihrer Sünden und ihrer Gesetzlosigkeiten werde ich nie mehr gedenken.“ 18 Wo aber eine Vergebung derselben ist, da ist nicht mehr ein Opfer für die Sünde. 19 Da wir nun, Brüder, Freimütigkeit haben zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu, 20 auf dem neuen und lebendigen Weg, den er uns eingeweiht hat durch den Vorhang hin, das ist sein Fleisch, 21 und einen großen Priester haben über das Haus Gottes, 22 so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in voller Gewissheit des Glaubens, die Herzen besprengt und so gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser.

Wir haben gesehen, dass die Vergebung mit der wunderbaren Stellung zu tun hat, in die wir gebracht worden sind, mit unserer Kindschaft, Sohnschaft und Erbschaft. Wir haben gesehen, dass sie zu tun hat mit der Einführung in die Beziehung, die zwischen Gott und seinem Sohn liegt. Doch jetzt im Hebräerbrief sehen wir noch etwas anderes, was aber letztendlich auch auf einer unendlichen Höhe steht: nämlich dass uns die Vergebung den Zugang zum Heiligtum geöffnet hat.

Wir sind das vielleicht so gewohnt, viele von uns haben das so oft schon gehört und gelesen, gerade diese Stellen aus Hebräer 10, dass wir uns gar nicht mehr bewusst sind, was das bedeutet. Für einen Israeliten, der an Christus gläubig geworden war, war das etwas Unvorstellbares. Er wusste, was die Gegenwart Gottes bedeutete, was es hieß, dass nur einmal im Jahr der Hohepriester, und das nicht ohne Blut, in das Heiligtum gehen konnte, um im Allerheiligsten vor Gott zu erscheinen. Und sie hatten solch eine Angst davor, dass man lesen kann, dass sie eine Schnur an die Füße des Hohenpriesters banden, damit sie , wenn sie das Gericht ereilte, ihn dann wenigstens noch herausziehen konnten aus dem Heiligtum, ohne selbst in Gefahr zu geraten, in die Gegenwart Gottes treten zu müssen. In diese Gegenwart Gottes zu gehen, war für sie mit Angst und Schrecken verbunden. Nadab und Abihu hatten wegen falschen Feuers in dieser Gegenwart direkt der Tod ereilt.

Und wir, wir dürfen freien Zugang haben in die Gegenwart Gottes selbst, in die Gegenwart dieses heiligen, allmächtigen, gerechten, majestätischen Gottes. Das wird uns hier entfaltet in diesem Kapitel 10. In Hebräer 9 werden wir schon erinnert: „Ohne Blutvergießung gibt es keine Vergebung“ der Sünden (Heb 9,22). Warum nicht? Weil Gott eine gerechte Grundlage haben muss. Es muss dieses eine Opfer geben, mit dem Er „auf immerdar die vollkommen gemacht hat, die geheiligt werden“ (Heb 10,14). Ohne dass der Herr Jesus nicht jede einzelne meiner Sünden bekannt und dafür die Strafe getragen hätte, ohne dass Er mit seinem Blut dafür bezahlt hätte, wäre Gott nicht in der Lage gewesen, uns die Vergebung zu schenken. Er musste diese gerechte Grundlage haben, und Er hat sie bekommen in dem Werk des Herrn Jesus, in diesem herrlichen Opfer. Und das ist so gewaltig, dass es ein für alle Mal ist und auf immerdar und nicht nur so eine halbe Sache. Deswegen sind wir auch vollkommen gemacht.

Natürlich sind wir nicht in unserem praktischen Leben vollkommen, obwohl wir das natürlich anstreben – aber vor Gott stehen wir vollkommen da. Er sieht uns in Christus, und was unser Gewissen angeht, da brauchen wir keine einzige Minute mehr Sorge zu haben, dass Gott noch auf irgendetwas zurückkommen wird, wenn wir bei Ihm sind. Wir brauchen keine Sorge zu haben, dass Gott vielleicht noch eine Sache findet, an die wir gar nicht mehr gedacht hatten. Nein, so etwas wird es nicht geben. Alles ist auf immerdar vollkommen erledigt. „Wo aber eine Vergebung derselben ist, da ist nicht mehr ein Opfer für die Sünde“, es braucht nichts mehr getan zu werden.

Vergebung hat das Thema der Sünde vollständig abgeschlossen. Daher schließt an den Vers 18, der von der Vergebung spricht, direkt der Vers 19 an, der uns etwas sagt von der Freimütigkeit zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu, dieses Blut, das die Vergebung bewirkt hat. Deswegen ist Vergebung so gewaltig! Deswegen ist Vergebung nicht etwas, was vor so vielen Jahren im Anfang unseres Glaubenslebens direkt nach unserer Bekehrung mal stattgefunden hat und mit dem wir dann weiter nichts mehr zu tun haben. Es ist so viel mehr als in der Definition von Vergebung, die wir bei thefreedictionary.com gefunden haben, dass Gott uns wegen unserer Handlungen, durch die wir Ihn verunehrt haben, nicht mehr böse ist. Im Gegenteil, die höchsten Segnungen stehen damit in Verbindung.

Vergebung im ersten Johannesbrief

1Joh 1,9: Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit.

Hätten wir nicht eher erwartet, dass es heißen würde: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er barmherzig und gnädig, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit“? Wenn wir an Vergebung denken, dann denken wir zunächst daran, dass Gott gnädig und barmherzig ist. Und natürlich ist Gott gnädig und barmherzig, dass Er uns die Vergebung geschenkt hat. Aber wenn wir heute als Gläubige im Bekenntnis zu Ihm kommen und Er uns diese speziellen Sünden wieder vergibt, weil unsere Gemeinschaft mit Ihm gestört ist, dann hat das mit etwas anderem zu tun. Er treu und gerecht, weil Er diese Grundlage hat, dieses ein für alle Mal geschehene Opfer und diese damit ein für alle Mal geschehene Vergebung. Darauf geht Gott zurück und darum wird diesmal nicht von Gnade und Barmherzigkeit gesprochen, sondern Er ist treu dem Werk seines Sohnes gegenüber und gerecht der schon geschehenen Bezahlung unserer Sünden gegenüber und Er vergibt uns praktisch die Sünden und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit – auch das, was wir nicht bekannt haben, was wir vergessen haben oder noch nicht eingesehen haben. Alles Störende ist dann weg. Alles wegen dieses wunderbaren Geschenks der Vergebung.

Verleitet die volle Vergebung nicht zum Sündigen?

Jetzt noch ein kurzer Einschub. Als ich vor einiger Zeit mit jemand über diese Vergebung Gottes sprach, da meinte er zu mir: „Das kann ja nicht sein, dass wir so eine Vergebung bekommen. Dann kann ich ja machen, was ich will. Wenn alles vergeben ist, dann könnte ich ja drauflos sündigen.“

Ja, es ist wirklich so: Die grundsätzliche Vergebung Gottes ist nicht irgendwie zeitgebunden. Es sind uns nicht nur die Sünden bis zu unserer Bekehrung vergeben und die anderen nicht. Es gibt überhaupt keine Einschränkung. Als das Werk für die Vergebung geschah, da war sowieso alles, was mit uns zu tun hat, noch zukünftig. Da waren alle unsere Sünden noch zukünftig. Für Gott gibt es das nicht: vergangene und gegenwärtige und zukünftige Sünden. Und deswegen hat Er, als das Werk vollbracht wurde, für die volle Bezahlung gesorgt. Und als wir diese Werk in Anspruch genommen haben, hat Er uns die volle Vergebung geschenkt.

Natürlich ist da die Frage irgendwie schon berechtigt: Verleitet das nicht zur Gleichgültigkeit? Dazu wollen wir einmal folgende drei Stellen ansehen:

Ps 130,4: Doch bei dir ist Vergebung, damit du gefürchtet werdest.

Ps 32,1-6: 1 Glückselig der, dessen Übertretung vergeben, dessen Sünde zugedeckt ist! 2 Glückselig der Mensch, dem der Herr die Ungerechtigkeit nicht zurechnet und in dessen Geist kein Trug ist! … 5 Ich tat dir meine Sünde kund und habe meine Ungerechtigkeit nicht zugedeckt. Ich sprach: „Ich will dem Herrn meine Übertretungen bekennen“; und du hast die Ungerechtigkeit meiner Sünde vergeben. – Sela. 6 Deshalb wird jeder Fromme zu dir beten, zur Zeit, da du zu finden bist.

Lk 7:42-47: 42 Wer nun von ihnen wird ihn am meisten lieben? 43 Simon aber antwortete und sprach: Ich meine, der, dem er das meiste geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt. 44 Und sich zu der Frau wendend, sprach er zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser auf meine Füße gegeben, diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. 45 Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seitdem ich hereingekommen bin, nicht aufgehört, meine Füße zu küssen. 46 Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; diese aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. 47 Deswegen sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.

„Doch bei dir ist Vergebung, damit du gefürchtet werdest.“ – Wenn wir solch eine Umarmung von dem Vater bekommen haben, wenn wir diese vielen Küsse in unserem Elend gespürt haben, als wir eben aus unserem Dreck, in dem wir waren, herausgekommen waren, als unsere Kleider noch zerlumpt waren und nach Schweinen stanken – kann es dann anders sein, kann unsere Reaktion wirklich anders sein, als dass wir Ihm in aller Ehrfurcht dienen wollen? In Psalm 32, wo wir von der Vergebung der Übertretung lesen, heißt es in Vers 6: „Deshalb wird jeder Fromme zu dir beten, zur Zeit, da du zu finden bist.“ Die Vergebung der Ungerechtigkeit bedeutet, dass es selbstverständlich ist, dass ich von da an ein frommes Leben lebe. Wenn ich so eine Vergebung von so einem Vater kennengelernt habe, dann kann das nicht anders sein.

Wir kommen jetzt noch mal zu der Geschichte mit der Sünderin zurück, die wir zum Teil schon behandelt haben. Jetzt geht es um einige Verse, die wir dort ausgespart hatten. Der Herr fragt Simon in Bezug auf die Geschichte mit den Gläubigern: „Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben?“ Simon antwortet: „Ich meine, dem er das meiste geschenkt hat.“ Der Herr sagt: Ja, das stimmt, und fügt deswegen hinzu: „Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.“ Er zählt dann auf, was Er bei dieser Frau alles gefunden hat. Was für Beweise, dass sie eine Antwort auf seine Liebe hatte, eine Antwort auf seine Vergebung. Wenn wir solch eine Vergebung kennengelernt haben und dann keine Liebe da ist in unseren Herzen, die nichts mehr geschehen lassen will, was irgendwie noch weiter solch eine Vergebung erfordert, dann stimmt etwas ganz gewaltig nicht. Wie könnte es sein, dass ich gegen einen Vater, der mich so in die Arme genommen und geküsst hat, dass ich dagegen noch etwas tun will. Das kann nicht sein!

Ein Vorbild, wie wir vergeben sollen

Bevor ich diesen Artikel beende, möchte ich noch darauf eingehen, dass die Vergebung Gottes auch Vorbild für die Vergebung ist, die wir üben müssen:

Eph 4,32: Seid aber zueinander gütig, mitleidig, einander vergebend, wie auch Gott in Christus euch vergeben hat.

Wenn wir wissen wollen, wie wir zu vergeben haben, dann müssen wir von Gott lernen: So wie auch Gott in Christus uns vergeben hat, genauso sollen auch wir einander vergeben. Wenn da etwas ist zwischen mir und meinem Bruder, dann habe ich nicht zu warten, bis er sich auch ja genügend gedemütigt hat und genügend alles bekannt hat, bevor ich ihm vergebe. Damit die Vergebung auch für den andern wirksam wird, ist natürlich seinerseits auch – wie wir aus 1. Johannes 1,9 auch lernen – ein Bekenntnis nötig. Aber auf meiner Seite gilt: Ich muss grundsätzlich eine vergebende Haltung dem anderen gegenüber haben, so wie es bei Gott mir gegenüber war. Wenn wir diese Haltung nicht haben, wird es zu großem Schaden für uns selbst sein. Das zeigt uns eines der zehn Gleichnisse des Reiches der Himmel im Matthäusevangelium:

Mt 18,21-35: 21 Dann trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft soll ich meinem Bruder, der gegen mich sündigt, vergeben? Bis siebenmal? 22 Jesus spricht zu ihm: Nicht bis siebenmal, sage ich dir, sondern bis siebzig mal sieben. 23 Deswegen ist das Reich der Himmel einem König gleich geworden, der mit seinen Knechten Abrechnung halten wollte. 24 Als er aber anfing abzurechnen, wurde einer zu ihm gebracht, der zehntausend Talente schuldete. 25 Da dieser aber nichts hatte, um zu bezahlen, befahl sein Herr, ihn und seine Frau und die Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und so zu bezahlen. 26 Der Knecht nun fiel nieder, flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir, und ich will dir alles bezahlen. 27 Der Herr jenes Knechtes aber, innerlich bewegt, ließ ihn frei und erließ ihm das Darlehen. 28 Jener Knecht aber ging hinaus und fand einen seiner Mitknechte, der ihm hundert Denare schuldete. Und er ergriff und würgte ihn und sprach: Bezahle, wenn du etwas schuldig bist. 29 Sein Mitknecht nun fiel nieder, bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir, und ich will dir bezahlen. 30 Er aber wollte nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er die Schuld bezahlt habe. 31 Als nun seine Mitknechte sahen, was geschehen war, wurden sie sehr betrübt und gingen und berichteten ihrem Herrn alles, was geschehen war. 32 Dann rief ihn sein Herr herzu und spricht zu ihm: Du böser Knecht! Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen, da du mich ja batest; 33 hättest nicht auch du dich deines Mitknechtes erbarmen sollen, wie auch ich mich deiner erbarmt habe? 34 Und sein Herr wurde zornig und überlieferte ihn den Peinigern, bis er ihm die ganze Schuld bezahlt habe. 35 So wird auch mein himmlischer Vater euch tun, wenn ihr nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergebt.

Bruce Anstey schreibt hierzu:

In diesem Gleichnis sehen wir, wie wichtig es ist, einen richtigen Seelenzustand in Bezug auf den Herrn und unsere Brüder im Hinblick auf das Regierungshandeln Gottes zu bewahren. Das ist vielleicht das Wichtigste, um das wir uns heute sorgen sollten, während wir im „Reich der Himmel“ leben.

Petrus fragte den Herrn, wie oft ein Mensch seinem Bruder vergeben solle. Die Rabbiner lehrten, dass man einem Irrenden dreimal vergeben solle. Petrus war bereit, bis siebenmal zu gehen, aber der Herr sagt ihm: „Bis siebzigmal sieben“ (Mt 18,22). Mit anderen Worten: Wir sollen einander unbegrenzte Vergebung gewähren.

Das veranlasste den Herrn, ein weiteres Gleichnis für das Reich der Himmel zu geben, das die Notwendigkeit von guten Beziehungen zueinander anspricht. Der „König“ ist unser „Vater“ (Mt 18,23), der jetzt in dieser Zeit „Abrechnung“ im Reich mit seinen Dienern halten will. Es handelt sich nicht um eine zukünftige Sache, sondern um das, was Gott heute tut. Als Rechenschaft eingefordert wurde, fand man einen, der seinem Herrn viel schuldete − „zehntausend Talente!“ Aber als der Mann niederfiel, seine Schuld eingestand und um Gnade flehte, wurde sein Herr „innerlich bewegt, ließ ihn frei und erließ ihm das Darlehen“. Das spricht davon, wie Gott uns die Fehler und Versäumnisse, die wir in unserem Leben machen, von seiner Regierung her vergeben lässt. Nun, es ist wahr, dass wir ewige Vergebung haben, aber das ist nicht das Thema dieses Gleichnisses. Der Aspekt der Vergebung ist hier ein regierungsbezogener. Wir wissen das, weil diese Vergebung später widerrufen wurde (Mt 18,34); die ewige Vergebung dagegen wird niemals widerrufen werden, weil wir ewig sicher sind (vgl. Joh 10,27.28).

Wir stellen dann fest, dass derselbe Knecht, dem sein Herr großzügig vergeben hatte, einem seiner Mitknechte nicht die kleinste Schuld erließ! Der Mann hat Gnade und Vergebung völlig missverstanden, obwohl er selbst der größte Empfänger davon war. Seine Handlungen machten seinen Herrn zornig, also widerrief sein Herr die Schuld, die er ihm vergeben hatte, und „überlieferte“ ihn den „Peinigern“, bis er alles bezahlt haben würde, was er schuldig war.

Dieses Gleichnis veranschaulicht das Zusammenspiel von Regierungsvergebung und brüderlicher Vergebung. Sie sind miteinander verbunden, wie der Herr hier zeigt. Gott hat uns vergeben, und wir müssen unseren Brüdern vergeben, die gegen uns sündigen. Wenn wir unseren Brüdern nicht vergeben, könnten wir uns unter dem Regierungsgericht Gottes wiederfinden. Obwohl wir niemals ewig gerichtet werden, ist es möglich, dass wir Gottes Regierungsgericht spüren, während wir auf der Erde leben. Der Apostel Petrus sagt: „Wenn ihr den Vater anruft, der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk, so wandelt die Zeit eurer Fremdlingschaft in Furcht“ (1Pet 1,17). Das bedeutet, dass unser Vater seine Kinder richtet, wenn es nötig ist, um ihre Gesinnung zu korrigieren. Das hat nichts mit unserem ewigen Heil zu tun, sondern mit unserem Leben in dieser Welt.

Der Unterschied zwischen ewiger Vergebung und Regierungsvergebung ist folgender: Ewige (oder gerichtliche) Vergebung ist eine Begnadigung, die ein Mensch durch den Glauben empfängt und die ihn vom ewigen Gericht in der nächsten Welt befreit, während Regierungsvergebung eine Begnadigung ist, die ein Mensch empfängt und die ihn vom Regierungsgericht in dieser Welt befreit. Das eine hat mit der Zukunft zu tun, das andere mit der Gegenwart. Gerichtlich geht Gott mit dem Ungläubigen auf Kreditbasis um; seine Sünden häufen sich gegenwärtig an, und ein Tag der Abrechnung steht bevor, an dem er für seine Sünden in einer verlorenen Ewigkeit bezahlen wird. Auf Regierungsebene geht Gott mit uns auf einer Cash-Basis um – wir zahlen sozusagen, wenn wir gehen. Wir kommen als seine Kinder mit nichts davon, obwohl Er sehr geduldig mit uns ist und uns vergibt, wie dieses Gleichnis zeigt.

Ein wahrer Gläubiger kann also den „Peinigern“ „ausgeliefert“ werden, wenn er seinem Bruder nicht vergibt. Nun magst du fragen: „In welchem Sinne würde ein Christ den Peinigern ausgeliefert werden?“ Wie ich schon gesagt habe, ist es ein Regierungshandeln Gottes, um eine schlechte Einstellung zu korrigieren, die wir vielleicht haben. Gott wird den bitteren, unversöhnlichen Geist, den wir gegenüber jemand haben, so weit über uns herrschen lassen, dass wir davon gequält werden. Jedes Mal, wenn wir diese Person sehen oder ihren Namen hören, dreht sich uns der Magen um und wir werden allein durch den Gedanken an sie gequält. Es ist Gottes Regierungsgericht, dass Er geschickt hat, um uns zu korrigieren. Er lässt zu, dass es so lange weitergeht, bis wir uns selbst richten und der Person vergeben.

Dennoch haben wir Menschen sagen hören: „Ich könnte dieser Person niemals vergeben.“ Nun, lieber Bruder oder liebe Schwester, wenn du dazugehörst, dann steuerst du auf eine miserable Zeit in deinem Leben zu. Wenn du einen unversöhnlichen Geist gegenüber jemand hast, wirst du den „Peinigern“ ausgeliefert werden. Gott wird sich mit dir beschäftigen, bis du deine Hand öffnest und dieser Person von Herzen vergibst! Ich habe einige sagen hören: „Ich kann vergeben, aber ich kann nicht vergessen.“ Wenn wir solche Dinge sagen, dann machen wir niemand etwas vor; es ist nur eine andere Art, zu sagen: „Ich werde nicht vergeben!“ Es lohnt sich einfach nicht, jemand etwas vorzuhalten; wir verletzen uns damit nur selbst.

Dieses Gleichnis zeigt, dass die Regierungsvergebung Gottes von unserer brüderlichen Vergebung abhängt. Deshalb lehrte der Herr die Jünger zu beten: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben“ (vgl. Mt 6,12-15). George Washington Carver sagte: „Ich werde nicht zulassen, dass jemand mein Leben ruiniert, indem er mich dazu bringt, ihm gegenüber einen unversöhnlichen Geist zu haben!“

Im Lukasevangelium lehrte der Herr, dass wir unserem Bruder vergeben sollen, wenn er bereut (Lk 17,3.4). Hier bei Matthäus gibt es keine solche Bedingung. Das mag wie ein Widerspruch erscheinen, aber ein genauerer Blick zeigt, dass Matthäus sich auf unser Herz bezieht, während Lukas von unserem Mund spricht. Es sind zwei Teile derselben Sache. Wenn sich jemand falsch verhält und gegen uns sündigt, sagt der Herr, dass wir ihm in unserem „Herzen“ vergeben sollen (Mt 18,35). Das soll unabhängig davon getan werden, ob die Person ihr Unrecht bekennt oder nicht. Es ist wichtig, dass wir das tun, damit wir nicht einen Geist der Bitterkeit entwickeln. Wenn Gott in ihrem Herzen wirkt und Reue erzeugt, so dass sie ihr Unrecht bekennt, dann können wir ihr unsere Vergebung verbal ausdrücken. Man hat es so ausgedrückt: Wir sollen einen Vorrat an Vergebung in unseren Herzen gegenüber der beleidigenden Person haben, der darauf wartet, ausgeschüttet zu werden. Wenn sie kommt und ihr Unrecht zugibt, können wir es ausdrücken und ihr auch mit Worten vergeben.

Das Problem ist, dass einige von uns in Worten vergeben, aber nicht in Taten. Während wir sagen, dass wir der Person vergeben haben, ist es offensichtlich, dass wir es nicht getan haben. Mr. Clark pflegte zu sagen: „Sie begraben das Kriegsbeil, aber sie halten immer noch den Griff in der Hand!“ Das ist keine vergebende Gesinnung.

Lernen wir aus diesem Gleichnis vom Reich der Himmel, einen rechten Seelenzustand in Bezug auf den Herrn und unsere Brüder zu bewahren aus Furcht vor dem regierenden Handeln Gottes in unserem Leben.[1]

Schluss

Erinnern wir uns noch einmal an die Definition für Vergebung aus dem Wörterbuch: jemand wegen einer Handlung (durch die er einem geschadet hat) nicht mehr böse sein. Ist es das, was Gott mit Vergebung geschenkt hat? Nein, das ist etwas ganz anderes. Vergebung Gottes hat eine gerechte Grundlage in dem Blut des Herrn Jesus. Die steht mit der ganzen Herrlichkeit seiner Person in Verbindung. Sie wird angeboten, sie wird gepredigt – mit der Buße schon direkt mitgepredigt –, und das Zentrale ist, sie zeigt das Herz Gottes in dieser herrlichen Weise, wie in Lukas 15 beschrieben. Sie räumt den Sündenberg weg, sie ist bedingungslos und jeden Tag neu wirksam. Wenn wir irgendetwas gesehen haben, was die Gemeinschaft mit unserem Vater getrübt hat, dann können wir wieder darauf zurückgreifen und durch das Bekenntnis der Sünde diese Vergebung auch wieder praktisch erfahren. Das ist die Vergebung Gottes.

  • Sie hat eine gerechte Grundlage.
  • Sie steht mit der Person des Herrn Jesus in Verbindung.
  • Sie wird angeboten.
  • Sie zeigt das Herz Gottes.
  • Sie räumt den Sündenberg weg.
  • Sie ist bedingungslos.
  • Sie kann durch Bekenntnis der Sünden immer wieder praktisch erfahren werden.

Vielleicht kennen einige die folgende Geschichte schon, aber sie zeigt noch einmal das Wunder der Vergebung auf eine zu Herzen gehende Weise:

Der junge Mann saß allein im Bus und starrte die meiste Zeit aus dem Fenster. Er war ungefähr Mitte zwanzig und sah gut aus mit seinem sympathischen Gesicht. Sein dunkelblaues Hemd passte zu seinen Augen und sein Haar war kurz geschnitten.

Ab und zu sah er sich im Bus um und die Sorge in seinem Blick berührte das Herz einer älteren Dame, die auf der anderen Seite des Ganges saß. Der Bus erreicht gerade die Vororte einer kleinen Stadt und sie fühlte sich so zu dem jungen Mann hingezogen, dass sie ihn fragte, ob sie sich neben ihn setzen dürfe.

Nach einigen Sätzen über das Wetter platze der junge Mann heraus: „Ich habe zwei Jahre im Gefängnis gesessen. Heute Morgen wurde ich entlassen und jetzt fahre ich nach Hause.“

Er erzählte ihr, dass er aus einer armen, aber stolzen Familie stammte und dass seine Eltern sich wegen seines Vergehens sehr schämten.

In den ganzen zwei Jahren hatte er nichts von ihnen gehört. Er wusste, dass sie nicht genug Geld hatten, um ihn zu besuchen, und wahrscheinlich fühlten sie sich zu ungebildet, um ihm zu schreiben. Er hatte aufgehört, ihnen zu schreiben, als er nie eine Antwort erhielt.

Drei Wochen vor seiner Entlassung hatte er ihnen einen letzten verzweifelten Brief geschrieben. Er hatte ihnen gesagt, wie traurig er darüber war, dass er sie enttäuscht hatte, und bat sie um Vergebung. Dann erklärte er, dass er bald entlassen würde und den Bus nach Hause nehmen würde. Die Linie führte genau am Vorgarten seiner Eltern vorbei, und in seinem Brief hatte er geschrieben, dass er es verstehen würde, wenn sie ihm nicht vergeben könnten.

Er wollte es ihnen möglichst leicht machen und so hatte er sie gebeten, ihm ein Zeichen zu geben, das er vom Bus aus sehen konnte. Wenn sie ihm vergeben hatten und wollten, dass er nach Hause kam, sollten sie in den Apfelbaum vor dem Haus ein weißes Tuch knoten. Wenn dieses Zeichen nicht da war, würde er einfach im Bus sitzen bleiben und sie nie wieder belästigen.

Als sich nun der Bus seiner Straße näherte, wurde der junge Mann immer nervöser, bis er sich schließlich nicht mehr getraute, aus dem Fenster zu schauen. Er war sich so sicher, dass kein weißes Tuch im Baum hängen würde.

Die alte Frau bot ihm deshalb an, für ihn aus dem Fenster zu schauen. Dann sah sie den Apfelbaum. Sie berührte den jungen Mann an der Schulter und rief: „Sehen Sie nur! Oh, sehen Sie doch nur! Der ganze Baum hängt voller weißer Tücher!“[2]

 

Anmerkungen

[1] S.B. Anstey, The Kingdom of the Heavens and the Kingdom of God. The Two Main Aspects of the Kingdom, Bible Truth Publishing, S. 20–23.

[2] http://www.diakon-arthur.de/?p=824.

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