Was bedeutet „das Haupt nicht festhalten“?
Was tun wir bei Problemen in der Gemeinde?

Dirk Schürmann

© SoundWords, online seit: 06.10.2013, aktualisiert: 30.01.2018

Leitvers:  Kolosser 2,19

Kol 2,19: … und nicht festhaltend das Haupt, aus dem der ganze Leib, durch die Gelenke und Bänder unterstützt und zusammengefügt, das Wachstum Gottes wächst.

Gott der Vater handelt in Verbindung mit Christus

Im ersten Kapitel des Kolosserbriefs stellt Gott den Kolossern vor, wie Er alles, was Er mit uns getan hat oder was Er geschaffen hat, sei es in der ersten oder in der neuen Schöpfung, mit Christus verbunden hat:

  • Wenn Er uns aus dem Machtbereich Satans herausgeholt hat, dann wollte Er uns mit seinem Sohn in dessen Reich in Verbindung bringen (Kol 1,13).
  • Wenn Er uns die Erlösung geschenkt hat, dann war das in Ihm (Kol 1,14).
  • Wenn es um die Kraft ging, in der Er alles erschaffen hat, dann war es in Christus (Kol 1,16a).
  • Wenn es darum ging, Gott in dieser Welt darzustellen, dann war es Christus, der das für Ihn tat (Kol 1,15).
  • Wenn es um „den Künstler“ ging, durch den Er alles erschaffen wollte, dann war es durch Christus (Kol 1,16b).
  • Wenn es um das Endziel Gottes ging, wozu Er alles erschaffen hat, dann war es für Christus (Kol 1,16b).
  • Wenn seine Schöpfung aufrechterhalten werden soll, dann geschieht das durch Christus (Kol 1,17).
  • Wenn Gott seine Versammlung anerkennt, dann nur als einen Leib, dessen Haupt Christus ist (Kol 1,18a).
  • Wenn Er eine Auferstehungswelt geschaffen hat, dann ist Christus derjenige, der dort das Erstgeburtsrecht hat (Kol 1,18b).
  • Wenn Christus auf der Erde war, dann wollte die ganze Fülle Gottes auch in Ihm wohnen (Kol 1,19).
  • Wenn es darum geht, dass alle Dinge versöhnt werden sollen, dann durch Christus (Kol 1,20).
  • Wenn die Herrlichkeit seines Geheimnisses unter den Kolosser beschrieben werden sollte, dann war es Christus in ihnen (Kol 1,27).

An was wir bei dem Handeln Gottes in seiner Schöpfung also auch denken mögen – es dreht sich in allem um Christus, es kommt von Ihm, es ist durch Ihn, es ist für Ihn, Er ist das Haupt, Er ist das Zentrum. Gott der Vater handelt nur in Verbindung mit Ihm.

Auch wir sollten in Verbindung mit Christus handeln

Der Vater könnte aus sich selbst und durch sich selbst handeln, aber Er tut es nicht. Wie viel mehr kann Er erwarten, dass wir – die wir aus uns selbst gar nichts können, ja, die wir gezeigt haben, wie sehr wir in die Irre gegangen sind, als wir unseren eigenen Weg gingen – nun als Erlöste unseren Weg in Abhängigkeit von Ihm gehen und dass wir erst recht in Ihm und durch Ihn und für Ihn handeln. Dafür hat Er uns als Glieder mit Christus dem Haupt verbunden. Eine engere Verbindung könnten wir uns nicht vorstellen. Was könnte irgendeins unserer Körperglieder Sinnvolles tun ohne einen Steuerbefehl aus unserem Kopf?

Die Gefahren für die Kolosser

Zur Zeit des Neuen Testaments gab es mehrere Gefahren, die die Gemeinden, auch die Gemeinde in Kolossä bedrohten – Gefahren, die aus dem Streben des Menschen heraus entstehen, selbst etwas zur Beziehung zur Gott beitragen zu wollen: eigene Anstrengungen, eigene Ideen, von denen er annimmt, dass sie Gott wohlgefällig sind. Dieses Streben mündet letztendlich in Selbsterhöhung.

  1. Erstens bedrohte damals der Judaismus die Kirche; heute ist es der Ritualismus, teilweise mit judaistischen Elementen. Durch einen ritualistischen Gottesdienst z.B. wird das „religiöse Fleisch“ des Menschen erhöht. Einen solchen Ritualismus sollten wir nicht vorschnell auf die katholische Kirche beschränken. Ist vielleicht das Brotbrechen für manche Christen in bestimmten Kreisen zu einem Ritual geworden, wenn sie sonst zu keiner anderen Zusammenkunft mehr gehen?

  2. Zweitens bedrohte damals die Philosophie der Griechen die Kirche; heute sind es die moderne Philosophie und der Rationalismus. Hier besteht die Gefahr, dass der Mensch sich seines Verstandes rühmt und sein „intellektuelles Fleisch“ erhöht, wenn er meint, mit seiner Weisheit, mit seinem Intellekt etwas zur Beziehung zu Gott beitragen zu können.

In beiden Fällen wird Christus ersetzt. Aber Christus muss alles sein. Wenn wir von der Gabe, der Ausstrahlungskraft, der Intelligenz oder von sonstigen herausstechenden Merkmalen eines Redners beeinflusst werden, dann suchen wir nicht Christus als Hilfsquelle. Selbst wissenschaftliche Beweise oder menschliche Erkenntnisse können im geistlichen Bereich als Ersatz dienen: wenn man z.B. meint, die Psychologie biete für ein bestimmtes Problem eine Lösung, statt im Gebet den Herrn um Hilfe zu bitten.

  1. Die dritte Gefahr für die Kirche können wir vielleicht mit dem Begriff Mystizismus beschreiben. Die Kolosser wollten sich mit den Engeln beschäftigen. Die Engel haben zwar mit uns zu tun, sie sind ausgesandt zum Dienst für diejenigen, die das Heil ererben sollen (Heb 1,14). Aber wir haben Umgang mit Christus zu pflegen, nicht mit den Engeln. Man könnte meinen: Wenn Engel mit uns zu tun haben, warum wir nicht mit ihnen? Wenn sie mit uns in Bezug auf das Heil zu tun haben und sie bei Gott sind, dann könnten wir sie doch auch in Anspruch nehmen bei Gott?

    So unnatürlich ist der Gedanke also nicht, allerdings wird Christus dadurch an die Seite gedrängt. Christus ist höher als die Engel, und Er will unser Haupt sein, unsere Hilfsquelle, aus der alles kommt, was wir für unser geistliches Wohlergehen brauchen. Für alles, was wir auf geistlichem Gebiet brauchen, haben wir Christus, Er ist unser Haupt. Wenn wir Engel oder – wie in bestimmten Kirchenkreisen – „Heilige“ an diesen Platz setzen, ist das also eine doppelte Verunehrung seiner Person: Denn einerseits setzen wir Geschöpfe an seine Stelle, und zum anderen drücken wir damit aus, dass Christus allein uns nicht ausreicht. Für die Kolosser bestand die Gefahr unter anderem darin, sich mit Engeln zu beschäftigen und sich auf sie zu verlassen; für uns sind es vielleicht ganz andere Dinge: zum Beispiel unser Organisationstalent, das wir in unserem Beruf vielleicht schon oft zum Nutzen eingesetzt haben.

Gestorben und begraben, beschnitten und getauft

Doch dieses Erhöhen des Geschöpfes und der Gedanke, Christus dadurch noch etwas hinzuzufügen, ist das, was der Herr nicht möchte und wovor der Apostel warnt. Ich bin vollendet in Christus (Kol 2,10); ich muss Christus nichts mehr hinzufügen. Deswegen wird hier auch die Taufe eingeführt. Wenn ich getauft bin, dann bin ich ein begrabener Mensch. Wenn ich auf dieser Erde begraben worden bin, dann bin ich auf dieser Erde nicht mehr sichtbar. Ich habe hier keinen Status mehr. Ich bin als begraben von allem abgeschnitten. Niemand hat mehr Ansprüche an jemand, der begraben ist. Das Fleisch ist vollständig beiseitegesetzt. Das Begrabensein geht noch über das Gestorbensein hinaus. Ein Toter, der nicht begraben ist, ist immer noch sichtbar. Sein Körper ist wenigstens noch da. „Ich“ bin völlig beiseitegetan. Der Leib des Fleisches ist durch das Kreuz weggetan.

Kol 2,11: … in dem ihr auch beschnitten worden seid mit einer nicht mit Händen geschehenen Beschneidung, in dem Ausziehen des Leibes des Fleisches, in der Beschneidung des Christus …

Das ist die geistliche Beschneidung. Aber das ist nicht alles – ich bin auch mit Ihm begraben in der Taufe:

Kol 2,12: … mit ihm begraben in der Taufe, in welcher ihr auch mitauferweckt worden seid durch den Glauben an die wirksame Kraft Gottes, der ihn aus den Toten auferweckt hat.

Damit bin ich auch nicht nur „der Sünde gestorben“, wie wir das im Römerbrief (Röm 6,2) finden, sondern auch den „Elementen der Welt“, dem ABC des Handelns in der Welt, den Grundsätzen der Welt, wie wir das in Kolosser 2,20 finden: „Wenn ihr mit Christus den Elementen der Welt gestorben seid, was unterwerft ihr euch Satzungen, als lebtet ihr noch in der Welt?“

Alles, was mich mit der Welt verbindet, ist durch den Tod Christi abgebrochen. Deswegen können wir uns gut vorstellen, dass ein Mönch sich beim Abschreiben von Vers 11 dachte: Was für einen Nutzen hat meine Religion noch, wenn das hier wahr ist; wenn das wahr ist, dass der Leib des Fleisches keine Bedeutung mehr hat? – Wir können uns gut vorstellen, dass er sich dachte: Damit kann nur das gemeint sein, was mit den Sünden zu tun hat, und dass er eine Fußnote anfügte: „und der Sünden“. Der nächste Mönch nahm beim Abschreiben diese Fußnote dann in den Bibeltext auf. In der Folge ist dann das in den sogenannten Textus Receptus eingeflossen, was wir heute zum Beispiel in Kolosser 2,11 in zwei Übersetzungen finden, die beide auf den TR zurückgehen: in der Schlachter-2000-Übersetzung („durch das Ablegen des fleischlichen Leibes der Sünden“) oder in der alten Lutherübersetzung („durch Ablegung des sündlichen Leibes im Fleisch“).

Wir brauchen keine andere Hilfsquelle als das Haupt

Die Kolosser standen in der großen Gefahr, zu glauben, dass der Mensch Gott durch seine eigene Religiosität oder seine Bildung dienen könne, dass also das „Fleisch“ neben Christus auch noch etwas für Gott beitragen könne. Aber der Apostel möchte ihnen beibringen, dass sie nach keiner anderen Hilfsquelle zu suchen brauchen, wenn sie das Haupt festhalten. Die Lehre daraus ist: (1) Wir sind vollkommen in Ihm, und (2) der Leib des Fleisches ist vor Gott völlig beiseitegetan.

Der Mensch, wie auch immer er sein mag, verschwindet, wenn er mit Christus verglichen wird: „… wo nicht ist Grieche und Jude, Beschneidung und Vorhaut, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen“ (Kol 3,11). Hier wird jede Klasse aufgezählt, seien es intelligente und gebildete Leute („Griechen“) oder seien es religiöse Menschen („Juden“), seien es Menschen mit den Vorrechten einer äußeren Beziehung zu Gott („Beschneidung“) oder Menschen ohne diese Vorrechte („Vorhaut“), seien es unkultivierte Menschen („Barbaren“, „Skythen“), seien es solche mit einem hohen sozialen Status („Freie“) oder solche mit dem ganz geringen Status eines Sklaven. Alle diese Unterschiede, so bedeutsam sie auch sonst sein mögen, fallen weg, sobald Christus eingeführt wird.

Ist Christus auch für uns alles?

Christus muss auch für uns alles und in allem sein, so wie Er es für Gott den Vater ist. Ein Christ, der auf seine eigenen Fähigkeiten vertraut, auf seine Gaben, seine Werke, seine Nützlichkeit, seine Redegewandtheit und was es sonst noch gibt, hält nicht das Haupt fest; er versucht vielmehr, das Wachstum aus sich selbst zu erreichen. Das ist einerseits „aufgeblasen“ (Kol 2,20) und zum anderen Christus verunehrend und wird das Ziel niemals erreichen.

Vielleicht ist die Situation so schwierig oder die eigenen Hilfsquellen sind so naheliegend oder wir sind durch unsere Bildung bzw. unsere religiösen oder kulturellen Vorzüge so geprägt, dass Christus dann doch oft „weit weg“ erscheint. Manchmal erscheint es uns, dass der Herr so weit weg ist, dass wir mit Maria Magdalene fast ausrufen könnten: „Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben“ (Joh 20,13). Wir wissen gar nicht mehr, wo Er ist. Wenn dieses Empfinden eingetreten ist, suchen wir nach anderen Hilfsquellen. Wenn der Herr Maria Magdalene erscheint, dann sagt Er ihr, wo Er sein wird: „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20,17). Das ist sein Platz, und deshalb fordert uns Paulus in Kolosser 3,1 auf: „Wenn ihr nun mit dem Christus auferweckt worden seid, so sucht, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes.“

Wenn wir das Haupt festhalten, ist unser Gedanke bei jeder Schwierigkeit: Es gibt kein Problem, ich brauche nur zu Christus zu gehen; bei Ihm ist alles, was ich brauche.

Was wir von den Jüngern lernen können

Auch in den Gläubigen früherer Epochen, bevor die Zeit der Gemeinde begann, hat der Herr gewirkt, und Er hat auch durch sie gewirkt. Aber die Verbindung, die diese Gläubigen mit Gott hatten, war doch eine ganz andere. Eine solch enge Verbindung wie heute – die Verbindung des Hauptes mit dem Leib – gab es niemals zuvor und wird es auch später nie wieder geben. Damals stand darüber hinaus jeder Gläubige allein. Jetzt gibt es nur ein Haupt für alle.

Eine Vereinigung mit Ihm, so wie der Leib mit dem Haupt verbunden ist, kannten selbst die Jünger nicht. Auch wenn sie aufgrund dessen, dass der Herr bei ihnen war, noch so viele Vorrechte besaßen – sie besaßen Ihn nicht als Haupt. Darin haben wir als Gläubige nach Pfingsten weit mehr als sie. Und doch können wir einiges von ihnen lernen: Die Jünger waren sich dessen bewusst, dass der Herr Jesus die hungrige Seele sättigen konnte. Auf seine Frage: „Als ich euch ohne Börse und Tasche und Sandalen sandte, mangelte euch wohl etwas?“, antworteten sie: „Nichts“ (Lk 22,35). Doch als Er ihnen gebot, die Volksmenge zu speisen, da gingen auch sie nach den „Elementen der Welt“ vor und überlegten bei sich wie ein Weltmensch auch: „Für zweihundert Denare Brote reichen nicht für sie aus, dass jeder ein wenig bekomme“ (Joh 6,7). Ein anderes Mal machten sie sich Sorgen, weil sie nur ein einziges Brot mitgenommen hatten.

Die Leitung durch das Haupt in den Zusammenkünften

Die Leitung durch dieses unsichtbare Haupt sollte natürlich besonders auch in den Zusammenkünften sichtbar werden: Eine göttliche Ordnung, d.h. eine von Gott und nicht von Menschen gewirkte Ordnung, sollte sichtbar werden. Es ist wie bei den Heuschrecken: „Sie haben keinen König, und doch ziehen allesamt aus in geordneten Scharen“ (Spr 30,27). So ist es auch im Haus Gottes. Es gibt keinen vorgefertigten Plan, keinen Menschen, der alles regelt. Alles geht von einem unsichtbaren Haupt aus. Dass es eine göttliche Organisation gibt, die jedoch nicht sichtbar ist, sollte auch besonders in den Versammlungsstunden erkennbar sein: Zum Beispiel sollte keiner ein Lied vorschlagen, ein Gebet sprechen, einen Bibelvers lesen oder sonst etwas tun oder sagen, es sei denn, er ist von dem Haupt des Leibes dazu bestimmt. Und wenn ich ein Wort sagen muss, dann bin ich bereit, auch über das, worüber ich nur wenig Licht habe, etwas zu sagen, weil ich weiß, dass es von Ihm ist; weil ich überzeugt bin, dass Er möchte, dass ich darüber etwas sage; weil es vielleicht gerade das ist, was ein Bruder oder eine Schwester gerade braucht. (Damit möchte ich selbstverständlich nicht dazu ermutigen, sich zu beteiligen, ohne sich in der Woche mit dem Wort beschäftigt zu haben und mit den Gedanken Gottes und seines Wortes vertraut zu sein.)

Wenn es um einen Dienst in der Zusammenkunft geht, ist es nicht ausschlaggebend, ob ich etwas „auf meinem Herzen“ habe. Auch den Schwestern liegt sicherlich oft ein Lied oder eine Schriftstelle oder sonst ein Gedanke auf dem Herzen. Dennoch haben sie grundsätzlich kein Recht, dies auszusprechen. Aber auch ein Bruder hat kein Recht, ein Lied vorgeschlagen oder eine Stelle zu lesen, bloß weil er sie „auf dem Herzen hat“. Es geht darum, dass durch das Haupt, das die Bänder und Gelenke benutzen möchte, und nur von Ihm aus, „der Leib das Wachstum Gottes wächst“ (Kol 2,19). Deswegen müssen wir Christus selbst vor unseren Blicken haben und nicht das, was „auf unseren Herzen“ ist und zwar unserem Zustand entspricht, aber vielleicht gar nicht dem Zustand der Versammlung.

Unsere Hilfsquelle im Dienst in der Zusammenkunft

Dann werden wir uns auch nicht auf Rhetorik verlassen, um beim Dienst für Christus eine bestimmte Wirkung zu erzeugen. Das Haupt bestimmt alles. Wenn ich mit dem Haupt verbunden bin und mich in den Zusammenkünften beteilige, bin ich damit nicht nur meinem Herrn gehorsam, sondern automatisch strömen die Leitung und der Segen von Christus zu dem Leib hin, und ich selbst werde wie ein Band oder ein Gelenk benutzt, um das Wachstum des Leibes zu bewirken.

Das Haupt festhalten ist zunächst individuell. Wir halten als Einzelne das Haupt fest. Aber es geht hier doch noch um etwas anderes als um den Gedanken, den wir auch in dem Ausdruck „in Christus“ finden, oder darum, dass wir von Ihm Kraft empfangen, weil Er durch den Geist in uns wirkt. Christus wird hier als Haupt des Leibes vorgestellt, durch den dieser Leib „das Wachstum Gottes wächst“ (Kol 2,20), Und diese enge Verbindung mit Christus bringt uns mit den anderen Gliedern des Leibes ebenfalls in Verbindung. Unser „Nichtfesthalten des Hauptes“ bekommt damit eine Auswirkung auf die anderen Glieder und ist deshalb am schnellsten in den Zusammenkünften sichtbar.

Wenn wir alle ein Haupt haben, ist es in gewisser Weise so, als ob wir unseren eigenen Kopf abgegeben hätten und jetzt ein anderes Haupt haben, das allen Christen gemeinsam ist. Jeder hat dasselbe Haupt. Nur leider halten nicht alle dieses Haupt fest. Wenn alle das Haupt festhielten, geschähe in jeder Zusammenkunft alles nur unter der Leitung Christi: jeder Dienst, jedes Lied, jedes Gebet, jede Belehrung. Wenn wir alle ein Haupt haben und festhalten, wird es auch keine Unterschiede im Urteil geben. Wir können unterschiedliche Erkenntnis haben und mit unterschiedlichen Dingen beschäftigt sein; aber wenn wir das eine Haupt festhalten, dann müssten wir immer dasselbe Urteil haben.

Können wir das Haupt ersetzen?

Kommen wir noch einmal auf den anderen wichtigen Aspekt zurück, der damit in Verbindung steht, dass wir alles durch das Haupt empfangen. Nur durch das Haupt geschieht das Wachstum des Leibes. Wenn wir als Gemeinde meinen, das ginge auch anders und wir könnten unsere eigenen Fähigkeiten einsetzen, dann geben wir in diesen Punkten die Verbindung zu dem Haupt auf und halten es nicht fest. Das wird aber kein gesundes Wachstum fördern. Das Haupt durch eigene Klugheit zu ersetzen, ist die Gefahr, in der die Kolosser standen und in der auch wir alle stehen.

Nehmen wir zwei Beispiele: In einer Versammlung stellt man fest, dass es mit dem Ältestendienst nicht richtig „funktioniert“. Wenn man jemand braucht, ist plötzlich niemand mehr „zuständig“ usw. Dann überlegt man, was man unternehmen könnte, um die Situation zu verbessern, und kommt auf die Idee, Älteste zu wählen. Dann haben alle Geschwister die gewählten Ältesten akzeptiert, und wir haben Verantwortliche, die „es machen“ müssen.

Oder eine andere Situation: Wir stellen fest, dass mit dem Dienst am Wort in der Gemeinde etwas nicht mehr stimmt; die Dienste sind langweilig und enthalten kaum Belehrung, und sie sind oft nur eine Nacherzählung. Dann denken wir vielleicht: Klar, wenn die Brüder keine Zeit haben, sich vorzubereiten, und/oder nicht wissen, worauf sie sich vorbereiten sollen, dann ist das eben eine schlechte Praxis. Also legen wir als Erstes fest, wer wann was sagt, und als Nächstes, worüber gesprochen werden soll; das hat dann ja auch noch den „Vorteil“, dass die Zuhörer sich darauf einstellen können. Und damit meinen wir, das „Problem“ gelöst zu haben. 

Ich habe bewusst etwas extreme Beispiele gewählt, ohne auf Differenzierungen einzugehen. Sicherlich gibt es bei offiziellen Ältesten Unterschiede. Es mag sein, dass sie nicht gewählt, sondern benannt worden sind (wie auch immer das aussehen mag!). Das ist sicher ein großer Unterschied. Allerdings kann selbst ein Benennen von Ältesten ein Nichtfesthalten des Hauptes in dem Punkt der Ordnung in der Versammlung bedeuten. Wenn man – statt mit dem Problem zu dem Herrn zu kommen und Ihn um Hilfe in der Not anzuflehen, so dass das Wachstum des Leibes vom Haupt aus geschieht – nur deshalb Älteste benannt hat, weil man ein Problem im Ältestendienst gesehen hat und man eine kluge organisatorische Lösung geschafft hat, die das Problem auch klärt, dann kann man nicht behaupten, das Haupt festgehalten zu haben.

Die direkte Verbindung zum Haupt

Eigentlich sind wir ja als Leib mit dem Haupt verbunden, aber Kolosser 2,19 sagt, dass jedes Glied des Leibes unmittelbar mit dem Haupt selbst verbunden ist. In anderen Bibelstellen lesen wir, dass die Glieder zunächst untereinander verbunden sind, doch in unserer Bibelstelle hier sind alle Glieder gleich eng mit dem Haupt verbunden. Damit ist die Verbindung zum Haupt anders als bei unserem Körper, wo der Arm viel näher am Haupt ist als der Fuß. Doch beim Leib Christi ist das anders. Dort empfängt jedes Glied unmittelbar von dem Haupt das göttliche Wachstum. Nichts steht zwischen uns und Christus: nicht der Heilige Geist, durch den wir zu einem Leib getauft sind, nicht unsere Mitgeschwister, mit denen wir als Glieder am Leib verbunden sind. So wahr wie diese Teile der Wahrheit auch sind, sie werden hier nicht erwähnt.

Einen ähnlichen Gedanken finden wir in einem anderen Zusammenhang in Johannes 12. Wenn wir dort lesen: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein“ (Joh 12,24), denken manche, damit sei gemeint, dass der Tod des Herrn Jesus notwendig ist, um viele zu retten. Aber darum geht es hier nicht in erster Linie. Es geht um viel mehr: Es geht um Frucht derselben Art. Wenn ein Weizenkorn wächst und Ähren hervorbringt, dann gibt es plötzlich viele Weizenkörner. Der Schreiber des Hebräerbriefes drückt es folgendermaßen aus: „Sowohl der, der heiligt, als auch die, die geheiligt werden, sind alle von einem“ (Heb 2,12). Sie haben alle dasselbe Leben. Sie sind alle von dem einen Weizenkorn und haben alle dadurch ihr Leben. Sie sind mit ihm verbunden. Ebenso ist es heute am Leib, wir alle haben Ihn als Haupt. Wir empfangen unser Leben alle von Ihm und durch die Verbindung mit ihm.

Die Verbindung zum Haupt: abhängig von unserer Verantwortung

Es ist auch erstaunlich, wie uns die Wahrheit über unsere Verbindung mit dem Haupt hier im zweiten Kapitel des Kolosserbriefs vorgestellt wird. Aus anderen Stellen wissen wir, dass die Verbindung zwischen Haupt und Leib unverbrüchlich von Gott so eingesetzt und durch den Heiligen Geist absolut fest ist. Das ist die objektive Seite. Hier im Kolosserbrief finden wir die Seite unserer Verantwortung: Wir sind verpflichtet, diese Verbindung aufrechtzuerhalten. Wir müssen das Haupt festhalten, als ob die Verbindung von unserer Verantwortlichkeit abhinge. Wenn wir so das Haupt festhalten, dann bedeutet das in der Praxis das, was wir im dritten Kapitel des Kolosserbriefes finden: nämlich dass wir nach droben schauen, „wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes (Kol 3,1).

Heutzutage wird an einigen Orten viel davon geredet, die Einheit des Geistes festzuhalten, aber sehr wenig davon, das Haupt festzuhalten. Weil wir mit Ihm als Haupt verbunden sind, werden die Dinge, die uns selbst betreffen, und die Art und Weise, wie sie uns selbst betreffen, an Einfluss abnehmen, und wir werden sie in Bezug auf das Haupt und in Bezug auf den Leib sehen. Dann werden wir immer mehr in die Gedanken des Hauptes eingehen, und sie werden Teil unseres Denkens. Wir werden uns immer mehr unserer Abhängigkeit bewusst sein und alles von ihm erwarten. Darin werden wir Gemeinschaft haben mit dem Vater.

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