Die unbequeme Wahrheit
... oder: Woran Gemeinden zerbrechen können

Dirk Schürmann

© SoundWords, online seit: 02.03.2007, aktualisiert: 23.09.2017

Leitverse: Johannes 3,20.21; 1. Korinther 5,8; Epheser 5,9

Joh 3,20.21: Denn jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht bloßgestellt werden; wer aber die Wahrheit tut, kommt zu dem Licht, damit seine Werke offenbar werden, dass sie in Gott gewirkt sind.

1Kor 5,8: Darum lasst uns Festfeier halten, nicht mit altem Sauerteig, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit Ungesäuertem der Lauterkeit und Wahrheit.

Eph 5,9: Denn die Frucht des Lichts besteht in aller Gütigkeit und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Vor einiger Zeit traf es mich, als ich einen Satz von Al Gore las:

Einige Wahrheiten hört man nicht gerne. Denn wenn man sie sich anhört und weiß, wie richtig sie sind, dann muss man sich verändern. Und Änderung kann ziemlich unbequem sein. (Aus einem Flyer zu dem Film Eine unbequeme Wahrheit)

Wie kommt es, dass Gemeinden heutzutage immer häufiger zerbrechen oder zumindest immer kleiner werden, auf jeden Fall aber starrer? Sicher gibt es dafür mehrere Gründe. Einen davon wollen wir jetzt untersuchen, und dabei meinen wir folgenden Punkt: Man hat kein Ohr für die Wahrheit. Wahrheit ist unbequem.

Das war der Grund schon für den Stadthalter Felix, den Paulus nicht weiter hören zu wollen, für Herodias, den Johannes enthaupten zu lassen, und für die Pharisäer, den Herrn ans Kreuz zu bringen. (Joh 8,40: „Jetzt aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der die Wahrheit zu euch geredet hat, die ich von Gott gehört habe; das hat Abraham nicht getan.“)

Was ist das „Schlimme“ an der Wahrheit? Sie fordert uns (meistens) zur Veränderung auf, und die können wir nicht gebrauchen:

  • Da sind verwandtschaftliche Bindungen, die empfindlich gestört würden.
  • Da sind finanzielle Abhängigkeiten, aus denen man sich nur so schwer befreien kann.
  • Da ist eine große „Fan-Gemeinde“, die man nicht enttäuschen kann.
  • Man muss liebgewordene Traditionen aufgeben.
  • Man kann nicht mehr nach einem Schema verfahren. Das ist nicht so einfach!
  • Dann muss man Gespräche führen, das hat man vielleicht nie gelernt.
  • Wenn ich wissen will, was die Wahrheit ist, muss ich Arbeit hineinstecken, Dinge zu untersuchen. Das ist anstrengend. Die Beröer untersuchten täglich die Schriften, ob es sich so verhielte, wie Paulus predigte – das ging nicht ohne Arbeit und Mühe.

Der Feind aller Veränderung ist die Uniformität. Doch gerade diese macht das Leben so einfach. Es ist einfach, in Uniformität zu leben.

Ein Beispiel: Wenn alle kein Fernsehgerät haben, ist es viel einfacher, selbst auch keins zu haben, und man entgeht vielen Nöten, die damit verbunden sind. Die Kinder fragen nicht, und man muss nicht immer die einsame Ausnahme spielen usw. Wenn man dagegen keine Uniformität hat, muss jeder sich mit diesen Themen auseinandersetzen. Wenn alle Frauen Röcke tragen, braucht sich eine Frau nicht zu fragen, ob ihre Hose wirklich zu einer Frau passt oder nicht, und auf der anderen Seite hat sie keine Probleme damit, dass andere Geschwister Kleidung tragen, in der sie sich wohler fühlen als ich. Deswegen wollen wir Uniformität auch unbedingt durchsetzen, das heißt, alle müssen sich so verhalten wie ich. („Warum soll es denen besser gehen als mir?“)

Theologische Konstruktionen werden gebastelt, um die eigenen Ideen zu bestätigen, nach dem Motto: „Herr, ich habe eine Auslegung, gib mir die Bibelstelle.“ Sachliche Kritik wird als persönliche Beleidigung aufgefasst, und mit frommen Sätzen wie „Das überlasse ich dem Herrn“ geht man dann einer Auseinandersetzung aus dem Weg und kaschiert seine eigene Angst, sich mit der unbequemen Wahrheit auseinandersetzen zu müssen.

Was macht man, wenn man der Wahrheit aus dem Weg gehen will, um sich nicht verändern zu müssen? Da gibt es eine grenzenlose Kreativität:

  • Man schiebt die Verantwortlichkeit auf andere, z.B. mit dem Satz: „Ich vertraue den Brüdern, dem Pastor, dem Priester oder den Gemeindeältesten.“
  • Man stellt sich als Märtyrer dar: „Ich allein bin übriggeblieben und mir will man was …“
  • Bibelstellen werden aus dem Zusammenhang gerissen zitiert.
  • Es wird ignoriert, verleumdet, gelogen, eingeschüchtert, hinter dem Rücken geredet, falsch angeklagt.
  • Man lehnt mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen „Ein Knecht des Herrn soll nicht streiten“ eine Unterhaltung ab.
  • Man führt Gespräche ohne Zeugen, um dann hinterher alles Mögliche behaupten zu können.
  • Man verbietet Audioaufnahmen bei Vorträgen, um Beweismittel ausschalten oder Dinge abstreiten zu können.

Es ist eine beunruhigende Liste, die keinesfalls vollständig ist. Und das Erschreckende daran ist: Es sind Christen, die diese Dinge tun, um sich nach der Konfrontation mit der Wahrheit dennoch nicht verändern zu müssen.

„Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh 8,32). Natürlich sagt der Herr dies in Bezug auf die generelle Annahme des Wortes der Wahrheit. Aber dennoch bleibt die Aussage wahr. Wenn wir als Christen uns nicht bedingungslos der Wahrheit ausliefern und daraufhin unser Leben danach ausrichten, wird uns ein Netz aus merkwürdigen Traditionen oder Heuchelei und Selbstbetrug gefangen nehmen. Oft ist dann die Folge der Bruch oder gar Zusammenbruch ganzer Gemeinden.

Lasst uns den Herrn bitten, dass Er uns die Kraft und den Mut schenkt, uns allen diesen Fallstricken zu entziehen, die Wahrheit zu erforschen und die nötigen Veränderungen bei und in uns durchführen zu lassen. Dann wird die Folge sein, was Petrus in seinem ersten Brief sagt: „Da ihr eure Seelen gereinigt habt durch den Gehorsam gegen die Wahrheit zur ungeheuchelten Bruderliebe, so liebt einander mit Inbrunst aus reinem Herzen“ (1Pet 1,22).

Wir wollen uns aber auch erneut daran erinnern, welche Kraft der Herr schenkt, die in einer der Wahrheit entsprechenden Kurskorrektur liegt. Lasst uns an die Reformation zur Zeit Luthers denken. Wie hat diese Rückkehr zur Wahrheit sogar Gemeinden entstehen lassen! Wie hat diese Erneuerung zu lebendigem Glaubensleben ganz persönlich geführt. Noch deutlicher hat sich das bei der Erweckung zu Beginn des 19. Jahrhunderts gezeigt. Durch das Erkennen und Umsetzen der Wahrheit – selbst oft unter großer Not und Anfeindung – sind Gemeinden entstanden, deren Anzahl beispiellos ist.

Wenn Christen die Wahrheit abblocken, dann können sie sich eigentlich nur durch menschliche Organisationen (Systeme), also sektiererische Strukturen, verbinden; wenn sie sich dagegen bei der Wahrheit treffen und diese auch praktizieren, wird sie das dagegen ehrlich (schriftgemäß) miteinander verbinden – dies bildet also die Grundlage wahrhaftiger Gemeinden.

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