Die Beschneidung des Christus
Kolosser 2,11

Dirk Schürmann

© SoundWords, online seit: 11.06.2012, aktualisiert: 06.12.2017

Leitvers: Kolosser 2,11

Kol 2,11: [Christus], in dem ihr auch beschnitten worden seid mit einer nicht mit Händen geschehenen Beschneidung, in dem Ausziehen des Leibes des Fleisches, in der Beschneidung des Christus.

Dieser Vers ist nicht so ganz einfach zu verstehen. Dies wird von Gläubigen aus den Heiden, aus denen die Versammlung in Kolossä sicherlich größtenteils bestand, gesagt. Damit gilt das auch für uns. Auch wir Christen heute haben diese Beschneidung erfahren. Was ist denn nun die „nicht mit Händen geschehene Beschneidung“?

Zunächst überrascht diese Aussage den Leser des Kolosserbriefes, denn vorher hatte der Apostel Paulus von etwas ganz anderem gesprochen: von den Gefahren aus der Welt, von Gefahren, die sich aus den Prinzipien ableiten, die die Welt regieren („die Elemente der Welt“; Kol 2,8), und dabei hatte er besonders auf die Gefahren durch die Philosophien und die Gefahren des Traditionalismus hingewiesen. Dann hatte Paulus über die „Fülle der Gottheit“ in Christus gesprochen (Kol 2,9) und dass wir in Ihm zu dieser Fülle gebracht worden sind.

Der dann ziemlich unvermittelt folgende Hinweis auf die Beschneidung geschieht wohl deswegen, weil Paulus daran denkt, dass die Welt in uns einen Bundesgenossen findet: das Fleisch. Deswegen weist er seine Leser jetzt darauf hin, dass Gott mit diesem Fleisch gehandelt hat, und zwar „in der Beschneidung des Christus“. Damit ist nicht die Beschneidung Jesu in Lukas 2 gemeint, denn da handelte es sich um eine „mit Händen geschehene Beschneidung“, sondern es ist das Gericht am Kreuz gemeint. Dort wurde mit dem Leib des Fleisches abgerechnet. Unser Leib ist das, wodurch wir uns äußern, uns bewegen, uns mitteilen. Der Leib des Fleisches ist also alles, wodurch das Fleisch in Erscheinung tritt. Dieser Leib wurde ausgezogen. Christus hat stellvertretend für uns das Gericht über das Fleisch erfahren. In Ihm haben wir an dieser Beschneidung teil.

Auch wenn diese Beschneidung eine Tatsache ist, die für uns alle gleichermaßen geschehen ist, so ist es dennoch wichtig, dass diese Tatsache für uns auch in unserem Lebenswandel Bedeutung hat. Daher ist diese Stelle nicht von der Belehrung des 3. Kapitels zu trennen, wo wir ganz praktisch zu diesem Abschneiden der Auswüchse des Fleisches aufgerufen werden: „Tötet nun eure Glieder, die auf der Erde sind: Hurerei, Unreinheit, Leidenschaft, böse Lust und Habsucht, die Götzendienst ist“ (Kol 3,5).

Als Gott in 1. Mose 17 die Beschneidung einrichtete, hatte Er schon mehr im Sinn, als nur einen Ritus zu geben. Abraham versuchte, durch das Fleisch den Segen Gottes zu bekommen und über Hagar mit Ismael eine Nachkommenschaft zu erreichen. Gott macht ihm klar, dass er durch das Fleisch nichts erreichen kann, und gibt ihm dann die Beschneidung als Zeichen davon.

Mose zeigt, dass er etwas davon begriffen hatte, was Beschneidung bedeutet, als er davon spricht, dass er ein Mann von unbeschnittenen Lippen ist (2Mo 6,30). Er sollte für Gott vor dem Pharao reden, aber ihm war klar, dass er das nicht einfach so tun konnte. Für diese Aufgabe musste mit seinen Lippen etwas geschehen, es musste das „abgeschnitten“ werden, was nicht passte, wenn er für Gott sprechen wollte.

Ihm war klar, dass nicht nur seine Lippen „beschnitten“ werden mussten: In 5. Mose 10,15.16 fordert er das Volk auf, „die Vorhaut ihres Herzens“ zu beschneiden. Das wird Gott in der Zukunft mit Israel noch tun, wie uns 5. Mose 30,6 zeigt. Dort finden wir auch, was es bedeutet, am Herzen beschnitten zu sein: „Und der HERR, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden, damit du den HERRN, deinen Gott, liebst mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele.“ Unser Herz ist dann von Liebe erfüllt.

Auch Jeremia fordert das Volk zu einer geistlichen Beschneidung auf: „Beschneidet euch für den Herrn“ (Jer 4,4), und beklagt, dass ihr Ohr unbeschnitten ist und sie nicht aufmerksam zuhören können, ja dass das Wort des Herrn ihnen sogar zum Hohn geworden war und sie keinen Gefallen daran hatten (Jer 6,10). In Jeremia 9,25 schreibt er: „Ägypten und Juda und Edom und die Kinder Ammon und Moab und alle mit geschorenen Haarrändern, die in der Wüste wohnen; denn alle Nationen sind unbeschnitten, und das ganze Haus Israel ist unbeschnittenen Herzens.“ Das Zeichen, die noch „mit Händen geschehene Beschneidung“, das Israel zur Unterscheidung von den Nationen gegeben war, war bedeutungslos, da kein Unterschied zu den Nationen mehr festzustellen war. „Juda“ steht hier sogar zwischen „Ägypten“ und „Edom“.

Die geistliche Bedeutung der im Alten Testament genannten Beschneidungen war also:

  1. eine Beschneidung der Lippen, so dass man für Gott und in seinem Sinne reden kann und redet
  2. eine Beschneidung des Herzens, so dass das Herz mit Liebe erfüllt ist
  3. eine Beschneidung für den Herrn, so dass man Ihm geweiht ist
  4. eine Beschneidung der Ohren, so dass man auf den Herrn hört und an seinem Wort Freude hat
  5. eine Beschneidung zur Absonderung, so dass man getrennt ist von der Welt.

Der Herr Jesus brauchte für sich selbst nicht beschnitten zu werden, denn Er hatte nicht das Fleisch wie wir. Aber Er offenbarte die Kennzeichen, die wir zeigen, wenn wir gemäß dieser fünf Punkte beschnitten sind:

  1. Wir lesen in Lukas 4,22, dass alle „sich verwunderten über die Worte der Gnade, die aus seinem Mund hervorgingen“. Dabei werden wir an ein Psalmwort erinnert, das der Psalmist prophetisch ausspricht: „Holdseligkeit [oder: Gnade] ist ausgegossen über deine Lippen“ (Ps 45,3).
  2. Er hat den Vater in vollkommener Weise geliebt, so dass Er sagen konnte: „… damit die Welt erkenne, dass ich den Vater liebe“ (Joh 14,31).
  3. Er war dem Vater in vollkommener Weise geweiht (Joh 4,34; 5,30; 6,57; 7,18; 8,29).
  4. Er war so vollkommen Mensch, dass Er sich Morgen für Morgen das Ohr von seinem Gott und Vater öffnen ließ, um zu hören wie Jünger, die von Gott belehrt werden (Jes 50,4).
  5. Er war nicht nur „abgesondert von den Sündern“ (Heb 7,26), sondern in allem der wahrhaft „Abgesonderte unter seinen Brüdern“ (1Mo 49,26).

Wenn wir nicht damit zufrieden sind, nur einmal unserer Stellung nach beschnitten zu sein, wie wir das in Kolosser 2 finden, sondern wenn wir diese Beschneidung auch praktisch verwirklichen, so werden diese fünf Bereiche nach Kolosser 3 auch in unserem Leben sichtbar:

  1. Lästerung, schändliches Reden und Lüge (Kol 3,8.9) wird ersetzt dadurch, dass wir in Liedern zueinander reden (Kol 3,16).
  2. Wir haben die Liebe als „das Band der Vollkommenheit“ angezogen (Kol 3,14).
  3. Alles, was wir tun, tun wir für den Herrn (Kol 3,23).
  4. Wir lassen „das Wort des Christus reichlich in uns wohnen“ (Kol 3,16).
  5. Wir wandeln nicht mehr wie früher unter den „Söhnen des Ungehorsams“ (Kol 3,6.7).

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