Das Johannesevangelium (20)
Johannes 20

Hamilton Smith

© SoundWords, online seit: 13.11.2010, aktualisiert: 27.01.2018

Leitverse: Johannes 20

In jedem der Evangelien ist die Auferstehung, so wie auch alles andere, in Übereinstimmung mit dem besonderen Gesichtspunkt des Evangeliums beschrieben. Zum Beispiel finden wir im Lukasevangelium, das den Herrn Jesus in seiner Vollkommenheit als den Sohn des Menschen darstellt, Einzelheiten, die beweisen, dass Er nach seiner Auferstehung immer noch wahrer Mensch war. So aß Er Fisch und von einer Honigscheibe. Nur Johannes zitiert im Einklang mit seinem Ziel, den „Eingeborenen vom Vater“ zu zeigen, die Worte des Herrn sofort nach seiner Auferstehung, dass Er im Begriff stand, zu seinem Vater aufzufahren.

Im Verlauf des Kapitels spielen sich drei verschiedene Szenen ab. Erstens finden wir in Johannes 20,1-18 die Begebenheit, früh am Morgen der Auferstehung, in der Maria Magdalene eine bedeutende Rolle einnimmt. Sie soll die Jünger bekanntmachen mit der neuen Stellung, in der sie sich nun befinden. Der Herr gebraucht sie, um die Seinen auf den neuen christlichen Boden zu führen. Zweitens finden wir in Johannes 20,19-23 den Bericht, wie der Herr seinen Jüngern am gleichen Tag abends erscheint und ihnen einen Vorgeschmack seiner Gegenwart und seiner Verwaltung in der Gemeinde gibt. Drittens wird in Johannes 20,24-31 beschrieben, auf welche Weise der Herr den Seinen acht Tage später erscheint. Diese Begebenheit scheint eine Vorschau des gottesfürchtigen Überrests der Juden zu sein, der in der Zukunft besondere Segnungen empfangen und den Anfang der Wiederherstellung Israels bilden wird.

Verse 1.2

Joh 20,1.2: 1 Am ersten Tag der Woche aber kommt Maria Magdalene früh, als es noch dunkel war, zur Gruft und sieht den Stein von der Gruft weggenommen. 2 Sie läuft nun und kommt zu Simon Petrus und zu dem anderen Jünger, den Jesus lieb hatte, und spricht zu ihnen: Sie haben den Herrn aus der Gruft weggenommen, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

Falls andere Frauen Maria begleiteten, so wie es die synoptischen Evangelien anzudeuten scheinen, wird nur Maria in dem Bericht von Johannes in den Vordergrund gestellt. Sie war von Dämonen besessen gewesen, aber der Herr hatte sie aus diesem schrecklichen Zustand erlöst. Nun hing ihr Herz an dem Einen, der sie befreit hatte, und sie hatte, zusammen mit einigen anderen Frauen, den Herrn begleitet und Ihm ergeben gedient (Lk 8,23; 23,55; 24,10). Es scheint jedoch, dass ihre Liebe tiefer war als die der anderen und sie deshalb in dieser wunderschönen Szene in den Vordergrund gestellt wird. Wir müssen daher diesem Bericht entnehmen, dass das, was Christus am meisten schätzt, die Liebe zu Ihm selbst ist. In seinen Augen ist Liebe wichtiger als Dienst. Die Gemeinde in Ephesus war vorbildlich in ihrer Mühe und Arbeit, um Ihm zu dienen, aber der Herr musste ihr sagen: „Du hast deine erste Liebe verlassen.“ Vielleicht werden viele Dienste mit einem Mangel an Liebe verrichtet, doch gibt es kaum eine tiefe Liebe für den Herrn, ohne dass Er uns in seinem Dienst gebraucht. Daher werden wir noch sehen, wie der Herr diese ergebene Frau als Bindeglied zwischen Ihm und seinen Jüngern gebraucht.

Ohne überhaupt eine Auferstehung des Herrn in Erwägung zu ziehen – denn anscheinend erwartete nicht einer der Jünger, dass Er auferstehen würde –, ist Maria unwiderstehlich durch Liebe hingezogen zu dem Ort der Grablegung des Herrn, die sie beobachtet hatte. Sie findet keine Ruhe in einer Welt, wo Christus nicht ist. Sie kommt „früh, als es noch dunkel war, zur Gruft“, doch sie bemerkt, dass der Stein weggenommen und das Grab leer ist. In ihrer Verzweiflung eilt sie zu den beiden leitenden Aposteln, um ihnen zu berichten: „Sie haben den Herrn aus der Gruft weggenommen, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“ Es ist deutlich, dass das leere Grab kein Beweis für Maria ist, dass der Herr auferstanden war; das Einzige, was ihr in den Sinn kommt, ist der unwürdige Gedanke, dass Weltmenschen es geschafft haben, den Leib des Herrn wegzutragen.

Verse 3.4

Joh 20,3.4: 3 Da ging Petrus hinaus und der andere Jünger, und sie gingen zu der Gruft. 4 Die beiden aber liefen zusammen, und der andere Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam als Erster zu der Gruft.

Die beiden Jünger laufen sofort zum Grab. Jedoch hat Gottes Geist besonders vermerkt, dass Petrus, obwohl er der Erste zu sein scheint, eingeholt wird. Der Jünger, der sich selbst fünf Mal bezeichnete als den Jünger, den Jesus liebte, holt den Jünger ein, der sich seiner Liebe zu Jesus gerühmt hatte. Dieses scheinbar kleine Ereignis ist sicherlich zu unserer Belehrung aufgeschrieben worden. Vielleicht soll es uns nur daran erinnern, dass derjenige, der in Christi Liebe bleibt, durch seine Fortschritte im Glauben diejenigen übertrifft, die sich allzu viel ihrer Liebe zu Christus rühmen. Dieses Begebnis ist von besonderer Bedeutung in einem Abschnitt, der Marias ergebene Liebe zu Christus betont. Vielleicht beneiden wir Maria wegen ihrer großen Liebe zu Christus; jedoch lasst uns vor allem ausruhen in der Liebe Christi zu uns.

Verse 5-10

Joh 20,5-10: 5 … und sich vornüber bückend, sieht er die Leinentücher liegen; doch ging er nicht hinein. 6 Da kommt auch Simon Petrus, ihm folgend, und ging in die Gruft hinein und sieht die Leinentücher liegen 7 und das Schweißtuch, das auf seinem Haupt war, nicht bei den Leinentüchern liegen, sondern für sich zusammengewickelt an einem Platz. 8 Dann ging nun auch der andere Jünger hinein, der als Erster zu der Gruft gekommen war, und er sah und glaubte. 9 Denn sie kannten die Schrift noch nicht, dass er aus den Toten auferstehen musste. 10 Da gingen die Jünger wieder heim.

Am Grab stehend, bemerken diese beiden Jünger die Leintücher und das Schweißtuch „für sich zusammengewickelt an einem Platz“ – Einzelheiten, die nur im Johannesevangelium berichtet werden. Offensichtlich war der Leib nicht aus dem Grab gestohlen worden, denn warum hätte man in solch einem Fall die Grabestücher zurückgelassen? Doch noch stärker ist das Zeugnis hinsichtlich der Macht dieser herrlichen Persönlichkeit, die, nachdem sie vom Todesschlaf erwacht war, die Grabeskleider geordnet hinterlassen konnte. Lazarus kam in seine Grabgewänder gewickelt aus der Gruft heraus, während der Herr sie zurückließ. Durch solche Beweise vor ihren Augen sind die beiden Jünger überzeugt, dass der Herr sich nicht mehr im Grab befindet. Jedoch ist das ein Glaube, der sich auf Gesehenes gründet, so wie wir im Johannesevangelium lesen: „Er sah und glaubte.“ Sie nahmen mit ihren Sinnen wahr, dass Er verschwunden war, aber „sie kannten die Schrift noch nicht, dass er aus den Toten auferstehen musste“. Daher gehen die beiden Jünger einfach wieder nach Hause.

Verse 11-16

Joh 20,11-16: 11 Maria aber stand bei der Gruft draußen und weinte. Als sie nun weinte, bückte sie sich vornüber in die Gruft 12 und sieht zwei Engel in weißen Kleidern sitzen, einen zu dem Haupt und einen zu den Füßen, da, wo der Leib Jesu gelegen hatte. 13 Und diese sagen zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie spricht zu ihnen: Weil sie meinen Herrn weggenommen und ich nicht weiß, wo sie ihn hingelegt haben. 14 Als sie dies gesagt hatte, wandte sie sich zurück und sieht Jesus dastehen; und sie wusste nicht, dass es Jesus war. 15 Jesus spricht zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie, in der Meinung, es sei der Gärtner, spricht zu ihm: Herr, wenn du ihn weggetragen hast, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast, und ich werde ihn wegholen. 16 Jesus spricht zu ihr: Maria! Sie wendet sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni! – das heißt Lehrer.

Den Jüngern fehlt nicht nur die aus dem Wort kommende Weisheit von oben, sondern auch die ungeteilte Liebe zu Christus, die Ihn zum höchsten Ziel und Zweck der Seele macht. Bei Maria ist es völlig anders. Es mag auch ihr an Verständnis fehlen, aber ihre Liebe zu Christus ist so umfassend, dass sie nur an Christus denkt. Sie kann keine Ruhe finden und sich nicht wohlfühlen in einer Welt, wo Er nicht anwesend ist. Daher lesen wir: „Maria aber stand bei der Gruft draußen und weinte.“ Ihre Liebe zu Christus macht sie zu einer einsamen Frau mit gebrochenem Herzen. Wenn Christus verschwunden ist, ist für Maria alles verloren. Aber lasst uns beachten, dass sie an diesem einsamen Ort Christus findet und durch Ihn in eine neue, himmlische Gemeinschaft geführt wird. Ihre Liebe zu Ihm löst sie von dieser Welt, und die Gemeinschaft mit Ihm führt sie hin zu einer anderen Welt. In ihrer Verlassenheit wirft sie einen Blick ins Grab und bemerkt zwei Engel, die zu ihr sagen: „Frau, warum weinst du?“ Verloren in ihren Gedanken an Christus, zeigt sie sich nicht überrascht, diese himmlischen Wesen zu sehen, sondern sagt – anders als zu den Jüngern: „Sie haben den Herrn weggenommen“ –: „… weil sie meinen Herrn weggenommen haben.“ Was andere auch immer von Jesus denken mögen, Maria kann mit völliger Zuversicht, die in der Liebe ihren Ursprung hat, sagen: „Er ist mein.“

Solch einem Menschen gibt der Herr sich willig zu erkennen. Maria dreht sich um und sieht jemand, den sie für den Gärtner hält und der sie fragt: „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ Ohne den Namen des Einen, den sie sucht, zu nennen, erwidert sie: „Herr, wenn du ihn weggetragen hast, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast, und ich werde ihn wegholen.“ Da ihr Herz von Christus erfüllt ist, nimmt sie an, dass alle wissen, wen sie meint. Sofort offenbart sich der Herr mit einem einzigen Wort: „Maria!“ Wie so oft in diesem Evangelium, ruft der Hirte sein Schaf beim Namen; das Schaf hört seine Stimme und erkennt Ihn freudig als seinen Herrn an.

Verse 17.18

Joh 20,17.18: 17 Jesus spricht zu ihr: Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und meinem Gott und eurem Gott. 18 Maria Magdalene kommt und verkündet den Jüngern, dass sie den Herrn gesehen und er dies zu ihr gesagt habe.

Der Herr gibt sich nicht nur gerne dem an Ihm hängendem Herzen zu erkennen, sondern Er weiht es auch in die Geheimnisse seines eigenen Herzens ein. Außerdem kann Er Maria in seinem Dienst gebrauchen, indem Er ihr die große Ehre verleiht, den Jüngern seine göttlichen Geheimnisse zu überbringen. Obwohl Maria vielleicht unwissend war, so wie auch die Jünger zu diesem Zeitpunkt, ist ihre Liebe jedoch echt, und durch Liebe erkennen wir die Wahrheit. Daher kann der Apostel in späteren Jahren beten, dass wir „in Liebe gewurzelt und gegründet“ seien, dass wir „völlig zu erfassen vermögen“ (Eph 3,17.18). Es scheint, dass Maria die Erste war, die die Folgen der Auferstehung begriff. Da sie die Gefühle des gottesfürchtigen jüdischen Überrests repräsentiert, klammert sie sich an ihren auferstandenen Herrn mit dem Gedanken, dass Er seinen Platz auf der Erde als der rechtmäßige Erbe aller Dinge einnehmen wird, da Er jetzt wiedergekommen ist – nicht mehr in Erniedrigung, sondern in der Herrlichkeit seiner Auferstehung. Aber Maria und der Überrest müssen erfahren, dass Gott vor den Herrlichkeiten des Königreichs noch größere Herrlichkeiten für Christus und noch viel tiefere Segnungen für sein Volk bereithält. Daher kann der Herr sagen: „Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und meinem Gott und eurem Gott.“

Somit deutet der Herr erstens an, dass man Ihn nicht länger nach dem Fleisch, in Verbindung mit der Erde und einem irdischen Königreich „berühren“ oder kennen soll, sondern in einer neuen, überirdischen Beziehung. Zweitens kann der Herr von seinen Jüngern als von seinen „Brüdern“ sprechen. Nie zuvor hatte Er seine Jünger als seine Brüder bezeichnet, aber nachdem Er sie durch seinen Tod geheiligt hat, schämt Er sich nicht, sie Brüder zu nennen (Heb 2,11). So wie die Braut im Hohelied Salomons sagen kann: „Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein“, so sagt Maria mit liebendem Herzen: „Mein Herr“, und Jesus kann in seiner unermesslichen Liebe, darauf eingehen, indem Er die Seinen „meine Brüder“ nennt.

Drittens erfahren wir, dass die Seinen in eine neue und himmlische Beziehung gebracht worden sind. Der Herr spricht nicht nur von seiner Himmelfahrt und folglich vom Verlassen der Erde, sondern auch vom Zurückkehren zu einer Person – dem Vater, mit dem Er uns durch sein Werk in Verbindung bringt, sogar in Verbindung mit Ihm selbst, und darum kann Er sagen: „Mein Vater und euer Vater, mein Gott und euer Gott.“ Er fährt auf zum Himmel, um uns vor dem Vater zu vertreten, während wir hier auf der Erde gelassen werden, um Ihn vor der Welt zu vertreten.

Maria hat das große Vorrecht, gebraucht zu werden, um diese neuen, himmlischen Segnungen den Jüngern bekanntzumachen. Dadurch werden wir an eine Wahrheit erinnert, die wir oft nur langsam lernen und schnell wieder vergessen: dass es für den Herrn eine Freude ist, den Schwachen und Niedrigen zu erwählen und durch ihn den höchsten Dienst zu verrichten. Wie oft ist es geschehen, dass ein großes Werk Gottes mit etwas angefangen hat, was in den Augen der Welt gering und schwach ist! Das Christentum hat mit einem kleinen Kind in einer Krippe angefangen; das Königreich ist durch ein Senfkorn entstanden und die neuen, himmlischen Beziehungen werden durch eine weinende Frau überbracht.

In Maria sehen wir das für Christus so Kostbare: ein Herz voll überwältigender Liebe zu Ihm. So jemanden kann Er sich offenbaren, ihn in das Verständnis göttlicher Dinge einführen und in seinem Dienst gebrauchen. Das Versagen der Gemeinde in ihrer Verantwortung, wie es in den sieben Sendschreiben in der Offenbarung beschrieben ist, fing in Ephesus mit Dienst ohne reine Liebe an und endete in Laodizea mit Erkenntnis ohne Hingabe. Bloße Erkenntnis wird nie zu Hingabe führen, wogegen ein hingegebenes Herz mit Sicherheit Erkenntnis erlangen wird, weil es dem Herrn gefällt, dem, der Ihm in Liebe zugeneigt ist, Einsicht in geistliche Dinge zu vermitteln. Wir können uns viel Wissen über göttliche Dinge aneignen, aber wenn es unsere Herzen nicht näher zu Christus bringt und Christus in uns Gestalt gewinnt, wird es nur die Eitelkeit des Fleisches fördern. „Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber erbaut“ (1Kor 8,1). Am Anfang des Zeitalters der Gemeinde galt des Herrn Lob vor allem der persönlichen Liebe zu Ihm selbst. Auch noch am Ende, wenn alles in unseren Händen durch den Verlust der ersten Liebe zerbrochen sein wird, wird der Herr Ausschau halten nach individueller Liebe zu Ihm selbst. Seine letzte Mahnung an die Seinen, inmitten des Zerfalls, ist die Erinnerung an seine Liebe zu uns und dass Er auf Erwiderung dieser Liebe wartet. So hören wir Ihn sagen: „Ich überführe und züchtige, so viele ich liebe. Sei nun eifrig und tue Buße! Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen und das Abendbrot mit ihm essen, und er mit mir“ (Off 3,19.20). Er fordert nicht irgendein großes Opfer oder einen Dienst, der eine Schau vor der Welt macht oder uns in den Augen der Menschen ehrt, sondern Er sucht ein Herz, das seine Liebe erwidert und so in die Gemeinschaft mit Ihm selbst geführt wird. So jemandem wird Er gewisslich eine Tür für den Dienst öffnen, aber es wird ein Dienst sein, der aus Liebe heraus getan wird.

Verse 19-23

Joh 20,19-23: 19 Als es nun Abend war an jenem Tag, dem ersten der Woche, und die Türen da, wo die Jünger waren, aus Furcht vor den Juden verschlossen waren, kam Jesus und stand in der Mitte und spricht zu ihnen: Friede euch! 20 Und als er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen. 21 Jesus sprach nun wieder zu ihnen: Friede euch! Wie der Vater mich ausgesandt hat, sende auch ich euch. 22 Und als er dies gesagt hatte, hauchte er in und spricht zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! 23 Welchen irgend ihr die Sünden vergebt, denen sind sie vergeben, welchen irgend ihr sie behaltet, sind sie behalten.

Im zweiten Teil des Kapitels werden uns die Ereignisse berichtet, die sich am gleichen Tag am Abend zutragen, als der Herr zu den Seinen kommt. In Vorwegnahme der neuen Ordnung des Segens haben wir hier ein Abbild der Gemeinde und ihrer Vorrechte. Die Jünger fanden sich zusammen am „ersten Tag der Woche“, der später „des Herrn Tag“ genannt wird (Off 1,10) – im Gegensatz zu dem Sabbat der Juden. Es war der Tag, an dem die Jünger der Urgemeinde zusammenkamen, um „Brot zu brechen“ (Apg 20,7). Als diese Jünger sich versammelten, waren außerdem die Türen aus Furcht vor den Juden verschlossen. Offensichtlich waren diese Jünger ganz abgesondert vom religiösen Verfall jener Zeit. Sie bildeten eine separate Gruppe.

Zu diesen versammelten Jüngern kam Jesus und stand in ihrer Mitte. Er wurde zum zentralen Punkt ihrer Zusammenkunft. Obwohl Er seit seiner Himmelfahrt nicht mehr unter seinem Volk sichtbar erscheint, sind doch seine Worte immer noch gültig: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18,20). Diese kleine Gruppe schwacher Menschen, wahrscheinlich unbekannt in ihrer Umgebung oder, falls bekannt, verachtet und ohne Bedeutung, war sicherlich die allerehrwürdigste Gruppe in Jerusalem an diesem Tag, da der der Herr in ihrer Mitte war. Wir stellen fest, dass der Herr in seinem verherrlichten Leib in ihre Mitte kommt, „als die Türen verschlossen waren“, und noch ein Mal, acht Tage später, lesen wir: „Dann kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren.“ Jemand bemerkte, dass nicht erwähnt ist, dass die Türen sich öffneten, um den Herrn einzulassen, so wie sie sich öffneten, um Petrus aus dem Gefängnis zu lassen (Apg 12,10; 5,19). Wir dürfen dies auch nicht als ein Wunder ansehen, so wie es für unsern jetzigen Körper sein würde. Es war etwas ganz Normales für seinen Herrlichkeitsleib, so wenig wie wir es auch verstehen können.

Nachdem Er zu den Seinen gekommen ist, verkündet Er seinen Jüngern Frieden. Dann zeigt Er ihnen seine Hände und seine Seite, um sie durch diese Wundmale an das große Werk, durch das Frieden gemacht worden ist, zu erinnern. Frieden kann nicht erlangt werden durch Tränen oder Seufzer oder Gebete, durch Selbstverurteilen oder Selbstverleugnen, durch Sündenbekenntnisse oder Wiedergutmachung, sondern nur durch das am Kreuz vergossene Blut, durch Glauben an sein Wort. Nachdem Er ihnen erschienen ist und ihnen Frieden verkündet hat, werden ihre Herzen mit seiner Freude erfüllt: „Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.“ Unsere Herzen werden nur froh, wenn wir die Augen von uns selbst und den anderen abwenden und den Herrn in seiner Schönheit sehen.

So sind die Jünger ausgerüstet, um ihren Dienst für den Herrn zu beginnen, und Er kann sagen: „Wie der Vater mich ausgesandt hat, sende auch ich euch.“ Sie sollen hinausgehen und den Sündern die Gnade Gottes verkünden, aber sie sind ausgesandt von der Gemeinde der Heiligen, mit dem Herrn als Mittelpunkt. Um sie zu ihrem Auftrag zu befähigen, „hauchte Er in sie, und spricht zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!“. Wir wissen, dass der Heilige Geist in Wirklichkeit erst an Pfingsten kam. Könnte dieses nicht eher das neue Auferstehungsleben, das in der Kraft des Heiligen Geistes gelebt wird, bedeuten? Es scheint im Gegensatz zu der Reihenfolge in der ersten Schöpfung zu stehen, als Gott den Odem des Lebens in die Nase Adams hauchte und der Mensch eine lebendige Seele wurde (1Mo 2,7). Jetzt, nach der Auferstehung, in der Ordnung der neuen Schöpfung, haucht der Herr in seine Jünger ein neues Leben, das in der Kraft des Heiligen Geistes gelebt wird – das Leben, von dem wir in Römer 8,2 lesen: „… der Geist des Lebens in Christus Jesus.“

Darüber hinaus gibt der Herr seinen Jüngern mit dieser neuen Aufgabe die Autorität, offiziell Sünden zu vergeben. Deshalb lesen wir später, dass bußfertige Seelen zur Vergebung ihrer Sünden getauft wurden (Apg 22,16), während solchen wie Simon und Elymas die Sünden behalten wurden (Apg 8,20; 13,11). Dieses hat nichts mit ewiger Sündenvergebung zu tun, die ein Mensch nicht verleihen und die Taufe nicht sicherstellen kann. Gott alleine kann dank des teuren Blutes ewige Vergebung der Sünden gewähren. Es hängt zusammen mit der Art und Weise, wie Gott die Welt regiert. Als Paulus sich der Taufe unterwarf, hatte er sich vollkommen von seinem früheren Leben mit allen seinen Sünden getrennt und wurde deshalb ins Volk Gottes aufgenommen als einer, dem Vergebung zuteilgeworden war.

So haben wir ein Bild der Gemeinde, die aus einer Gruppe von Gläubigen besteht, die Christus in Liebe zugetan und als Kinder Gottes anerkannt sind, die vor Gott vertreten werden durch den aufgefahrenen Christus und, abgesondert vom religiösen Verfall um sie her, Christus als Mittelpunkt in ihren Versammlungen haben, die im Genuss des Friedens leben, den Er gemacht hat, und die ausgesandt sind in seinen Dienst.

Verse 24-29

Joh 20,24-29: 24 Thomas aber, einer von den Zwölfen, genannt Zwilling, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Da sagten die anderen Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meinen Finger in das Mal der Nägel lege und meine Hand in seine Seite lege, so werde ich nicht glauben. 26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger wieder drinnen und Thomas bei ihnen. Da kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und stand in der Mitte und sprach: Friede euch! 27 Dann spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus spricht zu ihm: Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt. Glückselig sind, die nicht gesehen und doch geglaubt haben!

In der letzten Begebenheit, die sich acht Tage später zuträgt, hat Thomas einen markanten Platz. Er war nicht gegenwärtig, „als Jesus kam“. Was der ersten Versammlung solch einen Wert gab, war die Tatsache, dass „Jesus kam“, und Thomas hatte es verpasst – er hatte die erste Versammlung, die sich um die Person Jesu scharte, verpasst. Bei diesem zweiten Erscheinen des Herrn unter den Seinen werden wir unweigerlich entrückt über die Zeit der Gemeinde hinaus bis hin zur Endzeit, wenn wieder ein gottesfürchtiger Rest unter den Juden gefunden werden wird, so wie er durch Thomas versinnbildlicht ist. Genauso wie für die Juden ist es für Thomas schwer zu glauben, ohne zu sehen und zu fühlen. Wir lesen über die Juden der letzten Tage, dass, wenn der Geist der Gnade auf sie ausgegossen wird, „sie auf mich blicken werden, den sie durchbohrt haben“ (Sach 12,10). Sie werden sagen: „Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn … der Herr ist Gott … du bist mein Gott“ (Ps 118,26-28; Mt 23,39). So kann Thomas, auf den Herrn blickend, ausrufen: „Mein Herr und mein Gott!“

Der Herr erkennt sicherlich Thomas’ Glauben an, fügt aber hinzu: „Glückselig sind, die nicht gesehen und doch geglaubt haben!“ Das ist das lobenswerte Teil derjenigen, die die Gemeinde Christi während der Zeit seiner Abwesenheit ausmachen, so wie der Apostel Petrus es ausdrückt: „Den ihr, obgleich ihr ihn nicht gesehen habt, liebt; an welchen glaubend, obgleich ihr ihn jetzt nicht seht, ihr mit unaussprechlicher und verherrlichter Freude frohlockt“ (1Pet 1,8).

Verse 30.31

Joh 20,30.31: 30 Auch viele andere Zeichen hat nun zwar Jesus vor seinen Jüngern getan, die nicht in diesem Buch geschrieben sind. 31 Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr glaubend Leben habt in seinem Namen.

Die beiden abschließenden Verse dieses Kapitels berichten uns, dass Jesus zwar noch andere Wunder tat, aber dass genügend aufgeschrieben worden sind, um das großartige Ziel dieses Evangeliums zu erreichen: Jesus, den Sohn Gottes, vorzustellen, damit die, die an Ihn glauben, Leben in seinem Namen haben.

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