Argumente im Zusammenhang mit der Textkritik

Dirk Schürmann

© SoundWords, online seit: 03.09.2019, aktualisiert: 05.09.2019

In diesem Artikel sollen kurz einige Argumente beleuchtet werden, die gegen den griechischen Text (Nestle-Aland) angeführt werden, der heute von vielen Bibelübersetzungen bei der Übersetzung des Neuen Testaments in unterschiedlichem Maß berücksichtigt wird. Die Argumentation hat leider dazu geführt, dass Bibelübersetzungen sehr populär geworden sind (z.B. Schlachter), die nach Überzeugung vieler geistlicher und z.T. auch gelehrter Brüder einen nicht so genauen Bibeltext (auf der Grundlage z.B. des Textus Receptus) enthalten.  Auf der anderen Seite entzieht man guten und genauen Übersetzungen, wie z.B. der Elberfelder Übersetzung, das Vertrauen und lastet ihr sogar an, das Wort Gottes zu verfälschen.
Der Text ist zum größten Teil aus einer Sammlung von Beiträgen entstanden, die Bruder Martin Arhelger in verschieden Foren gepostet hat. Da Bruder Arhelger im Moment keine Zeit hat, die Texte zu überarbeiten, erscheinen sie (teilweise von mir bearbeitet) mit seinem Einverständnis unter meinem Namen.

Ist der NA verdorben, weil manche Wörter und Verse fehlen?

Behauptung

Der Nestle-Aland (NA) hat im Vergleich zum Textus Receptus (TR) und zum Mehrheitstext (MT) einzelne Wörter und z.T. ganze Sätze weniger. Das deutet darauf hin, dass Nestle-Aland einen verdorbenen Text hat.

Antwort

Nach Offenbarung 22,18.19 gibt es zwei Möglichkeiten, das Buch der Offenbarung (und damit allgemein auch die Bibel) zu verfälschen: indem man etwas hinzufügt oder indem man etwas wegnimmt.

Es ist zwar möglich, dass im Nestle-Aland etwas weggelassen worden oder verlorengegangen ist, aber es ist ebenso gut möglich, dass im Mehrheitstext und/oder im Textus Receptus etwas hinzugefügt worden ist. Es ist jedenfalls auffallend, dass Gott vor beiden Gefahren warnt; das hat Er deshalb getan, weil beide Verunstaltungen des Textes leider eingetroffen sind (und Gott das im Voraus wusste). Gott spricht sogar zuerst vom Hinzufügen, denn Er wusste, wie viel seinem Wort im Lauf der Geschichte hinzugefügt werden würde. In Sprüche 30,6 wird sogar ausschließlich vor dem Hinzufügen gewarnt, vielleicht deswegen, weil eine plumpe Auslassung leichter zu durchschauen ist.

Die Bedeutung der Anzahl der Zeugen

Behauptung

Im Alten wie im Neuen Testament hat die Anzahl der Zeugen vor Gott Bedeutung. So lesen wir in Matthäus 18,16: „Durch den Mund von zwei oder drei Zeugen muss jede Sache bestätigt werden.“ Wenn man die genannten Bibelstellen auf die Überlieferung der Heiligen Schrift überträgt, hat die Anzahl der Textzeugen Bedeutung beim Kriterium der Entscheidung, welcher Lesart zu folgen ist. Dies spräche dann eindeutig für den Mehrheitstext und den Textus Receptus.

Antworten

1. In der Heiligen Schrift gibt es tatsächlich das Prinzip der „zwei oder drei Zeugen“: siehe 4. Mose 35,30; 5. Mose 17,6; 19,15; Matthäus 18,16; Johannes 8,17; 2. Korinther 13,1; 1. Timotheus 5,19 und Hebräer 10,28. Bei diesen „Zeugen“ handelt es sich aber nicht um Schriftstücke, sondern um reale Menschen. Matthäus 18,16 und 2. Korinther 13,1 reden sogar ausdrücklich vom „Mund“ der Zeugen. Man konnte diesen menschlichen Zeugen also Rückfragen stellen, sie mit gegenteiligen Behauptungen konfrontieren und Stellung beziehen lassen usw. All das ist bei Handschriften nicht möglich. Man kann und darf das biblische Prinzip der „zwei oder drei Zeugen“ nicht einfach eins zu eins von Menschen auf Handschriften übertragen.

2. Zeugen mussten eine Sache unmittelbar gesehen, gehört oder mitbekommen haben. Nun gibt es (sehr wahrscheinlich) keine einzige heute noch vorhandene Handschrift, die direkt (unmittelbar, ohne Umwege) vom originalen Text eines biblischen Schreibers abgeschrieben wurde. Insofern kann man die heute vorhandenen Handschriften nicht als „Zeugen“ (im Sinn von Mt 18,16) betrachten.

3. Von Zeugen im biblischen Sinn darf man erwarten, dass sie einander nicht widersprechen. Man wird aber sehr große Schwierigkeiten haben, zwei längere Handschriften zu finden, die zu hundert Prozent identisch sind. Das ist auch nicht verwunderlich, denn Handschriften wurden von Menschen kopiert – und kein Mensch ist fehler- oder ermüdungsfrei.

Der Textus Receptus enthält übrigens einige Stellen, die durch überhaupt keine einzige Handschrift gedeckt sind, also noch nicht einmal einen Zeugen für sich beanspruchen können. Wer das oben genannte Kriterium der „zwei oder drei Zeugen“ konsequent auf Bibeltexte anwendet, muss den Textus Receptus als „falschen Zeugen“ einordnen.

4. Auch für die Lesarten des Nestle-Aland lassen sich in der Regel zwei oder drei „Zeugen“ (Handschriften) finden; insofern erfüllen auch sie das geforderte Kriterium. Dagegen argumentiert man, dass die Lesarten des Mehrheitstextes zahlreicher seien. Damit weicht man aber plötzlich vom biblischen Text ab und stellt zwei neue Kriterien auf, die man (vereinfacht gesagt) so formulieren könnte:

  • Zwei oder drei Zeugen können doch unrecht haben.
  • In Wahrheit hat immer die Mehrheit der Zeugen recht.

Ganz abgesehen davon, ob diese beiden neuen Kriterien stimmig sind: Man hat hier (fast unbemerkt) das Prinzip der „zwei oder drei Zeugen“ verlassen und neue Prinzipien aufgestellt, deren Wahrheitsgehalt erst einmal bewiesen werden muss. Ein Blick in die Bibel fördert tatsächlich Fälle zutage, bei denen „zwei oder drei Zeugen“ unrecht hatten, z.B. beim Prozess gegen Nabot (1Kön 21,13). Bei der Verurteilung des Herrn Jesus ist sogar von „vielen“ Zeugen die Rede (Mt 26,60; Mk 14,56), die bekanntlich trotzdem falsche Zeugen waren. Wer also Handschriften als „Zeugen“ ansieht, sollte mindestens damit rechnen, dass Zeugen auch falsch sein können. 5. Mose 19,18 betont deshalb: „Die Richter sollen genau nachforschen; und siehe, ist der Zeuge ein falscher Zeuge, hat er Falsches gegen seinen Bruder bezeugt …“

Der Grundsatz „Die Mehrheit hat (immer) recht“ ist zwar einfach und schnell zu handhaben, aber sie ist leider so pauschal nicht durch die Bibel abgedeckt. Die Schrift warnt uns sogar ausdrücklich: „Du sollst der Menge nicht folgen, um Böses zu tun; und du sollst bei einem Rechtsstreit nicht antworten, indem du dich nach der Menge richtest, das Recht zu beugen“ (2Mo 23,2). Die Bibel kennt zahlreiche Fälle, in denen nur eine Minderheit den Willen Gottes tat und die Mehrheit falschlag: z.B. die vier Männer und vier Frauen, die in der Arche gerettet wurden, während die Masse der übrigen Menschen dem Gericht verfiel; oder die zwölf Kundschafter, von denen nur zwei (Josua und Kaleb) Gottes Meinung vertraten, während die übrigen zehn Kundschafter falschlagen.

Übrigens hat Gott zugelassen, dass die Mehrheit der biblischen Handschriften im Neuen Testament überhaupt nicht in der Grundsprache (Griechisch) überliefert ist. Es gibt deutlich mehr lateinische Handschriften (aus der „Vulgata“) als griechische. Trotzdem wird man natürlich nicht deshalb die lateinischen Texte bevorzugen (obwohl die katholische Kirche das jahrhundertelang getan hat). Unter diesem Blickwinkel sollte dann auch die Frage erlaubt sein, weshalb man sich nur auf handschriftliche Texte beschränken sollte. Bezieht man auch gedruckte Texte mit ein, sieht das Bild natürlich anders aus: Vom 16. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts dürfte dann der Textus Receptus die „Mehrheit“ der (griechischen) Texte ausmachen, heute dürfte das wohl der Nestle-Aland sein. Trotzdem ist auch hier die „Mehrheit“ kein biblisches Kriterium. „Mehrheit“ und „Wahrheit“ sind nicht das Gleiche.

Statt des „Mehrheitsprinzips“ zeigt die Bibel einen anderen Grundsatz: Wenn eine Sache unklar ist, „so sollst du genau untersuchen und nachforschen und fragen; und siehe, ist es Wahrheit, steht die Sache fest“ (5Mo 13,15). Ähnlich heißt es in 5. Mose 17,4, man solle „genau nachforschen; und siehe, ist es Wahrheit, steht die Sache fest“. Biblisch fundierte Textkritik wird immer genau prüfen und nachforschen, welche Lesarten es an einer bestimmten Stelle überhaupt gibt; wie sie entstanden sein können und voneinander abhängig sein mögen; welches Vertrauen eine bestimmte einzelne Handschrift verdient und wie eine Lesart im Kontext der gesamten Schrift zu bewerten ist usw. Dieses Vorgehen ist zwar zeitaufwendiger, mühsamer und schwieriger, aber es ist biblischer als das relativ bequeme Nachzählen, welche Lesart die Mehrheit der Handschriften auf sich vereinigt.

Wichtiger als das Zählen der Textzeugen ist das Abwiegen der Textzeugen. Eine Handschrift, die an eindeutigen Stellen oft unzuverlässig ist, wird man bei anderen Stellen, wo die Entscheidung schwerfällt, nicht sehr beachten. Es gab sorgfältige und nachlässige Abschreiber, und man kann versuchen, die Güte einer Handschrift zu ermitteln. Es gibt Schreiber, die zeitlich näher an den Originalen waren als andere. Auch das wird seine Berücksichtigung finden müssen.

Gab Gott den „richtigen“ Text erst am Ende?

Behauptung

Es ist viel wahrscheinlicher, dass Gott sein Wort über die Jahrhunderte einheitlich überliefert hat, und es erscheint dagegen unwahrscheinlich, dass erst am Ende der Tage durch Nestle/Aland Gottes Wort in der richtigen Form zur Verfügung steht. Es ist kaum vorstellbar, dass Gott es zugelassen haben soll, dass die ganze evangelische Christenheit seit der Reformation, durch die Er ihnen das Wort Gottes zurückgegeben hat, einen Text in ihren Bibeln hatte, der zum Teil nicht richtig ist.

Antwort

Den Textus Receptus gibt es auch erst seit 1517; so kann eine jahrhundertelange einheitliche Überlieferung also nicht aussehen. Die große Mehrheit der (noch heute vorhandenen) Textzeugen vor 1517 war lateinisch. Wenn man von der Heiligen Schrift sprach, meinte man selbstverständlich die lateinische Vulgata. Die griechischen Handschriften fristeten ein Schattendasein in der griechisch-orthodoxen Kirche. Man darf nicht Gott dafür die Schuld geben.

Im 16. Jahrhundert kam nicht nur die Reformation auf, sondern auch die Bibelkritik erhielt einen kräftigen Aufschwung. Ebenso blühten viele andere Irrlehren (wieder) auf. Die Behauptung, durch die Taufe werde man wiedergeboren, wurde nur von kleinen Randgruppen als Irrlehren erkannt. Andererseits wurden die biblische Wahrheit vom Unterschied zwischen Israel und der Kirche, die Unterscheidung von der Entrückung und der Ankunft zur Aufrichtung des Friedensreiches und andere Wahrheiten nicht (oder nicht klar) von den Reformatoren erkannt. Das alles geschah, obwohl damals der Textus Receptus verwendet wurde.

In Wahrheit könnte man die oben genannten Irrtümer sowohl aus dem Textus Receptus als auch aus dem Mehrheitstext als auch aus dem Nestle-Aland als falsch entlarven. Und umgekehrt stehen in allen drei Textformen die Grundlagen für Wahrheiten, die die Reformatoren nicht erkannten. Verantwortlich sind nicht die Textformen, sondern der unverständige Mensch, der seine Traditionen über Gottes Wort stellt.

Haben Irrlehrer und Ketzer in Ägypten den Bibeltext verfälscht?

Behauptung

Der Nestle-Aland geht vor allen Dingen auf ägyptische Texte zurück. Dort waren aber besonders ausgeprägt Irrlehrer und Ketzer aktiv. Deshalb muss man bei Abweichungen vom Mehrheitstext davon ausgehen, dass der Text, der in Ägypten benutzt wurde, mit besonders großer Wahrscheinlichkeit verändert /verfälscht wurde.

Antwort

Würde jemand heute eine Aufzählung von „Irrlehrern und Sekten in Berlin“ aufstellen, dann würde sicher eine stattliche Liste herauskommen. Es wäre nicht seriös, anhand einer solchen Liste zu behaupten, fast alle Christen in Berlin seien Sektierer oder Irrlehrer. Lehren, die sich in Kreisen von Berliner Christen nachweisen lassen, sind grundsätzlich mit der gleichen Skepsis zu beachten wie die aus anderen Orten.

Obige Behauptung im Blick auf Alexandrien in Ägypten greift ebenfalls zu kurz. Alexandria war im Altertum eine Weltstadt, in der es alles gab – auch viele christliche Gruppierungen und darunter auch Irrlehrer. Aber es gab sie wohl kaum signifikant mehr als an anderen Stellen des Altertums, wo das Christentum verbreitet war. Es ist einfach unredlich, wenn man aus der Tatsache, dass es in Ägypten auch Irrlehrer gab, den Schluss zieht, die neutestamentlichen Texte, die auch (!) dort verbreitet waren, seien korrumpiert und verdorben.

Es stimmt, dass im 2. Jahrhundert Basilides (gest. 140 n.Chr.) in Alexandria im Sinne der Gnosis wirkte. Aber zu etwa derselben Zeit wirkte der Gnostiker Satornil (Saturninus) um 120 in Antiochien (Syrien). Satornil betonte, Jesus habe einen Scheinleib gehabt. Barsilides hatte keineswegs nur Anhänger in Ägypten, sondern auch an vielen anderen Stellen der damaligen Welt. Brutstätten der Gnosis waren also Syrien, Ägypten und Rom und keineswegs nur Ägypten, wie es häufig dargestellt wird. Gnostische Elemente lassen sich schon bei Kerinthos (um 100 n.Chr.) in Kleinasien (Ephesus) feststellen, also in dem Gebiet, in dem später der byzantinische Reichstext entstand, die frühe Form des Mehrheitstextes, dem der Textus Receptus nahesteht.

Der Ägypter Valentinius (gest. nach 160) wird als bedeutender Gnostiker betrachtet. Man darf aber nicht vergessen, dass er nach seinem Wirken in Ägypten (um 135 n.Chr.) längere Zeit in Rom wirkte und dort seine Lehren verbreitete (um 136–165). Unter den Schülern von Valentinus befand sich deshalb nicht nur eine orientalische Schule, sondern auch eine abendländische Schule, zu denen z.B. Ptolemäus (um 180) und Herakleon (Mitte 2. Jahrhundert) zählten. In Syrien wirkte Bar-Daisan (Bardesanes; um 154 –223) im Sinne der Gnosis.

Gemeinden, die sich an Marcion (um 85–160) und seine Irrlehren anlehnten, gab es vom Orient bis nach Frankreich und nicht nur in Ägypten. Schwerpunkte waren noch um 400 Rom, Palästina, Arabien, Syrien und Kypros.

Man darf auch die Irrlehre des Montanismus nicht unter den Teppich kehren. Diese Bewegung begann etwa 160 n.Chr. in Kleinasien. Ihre Mitglieder glaubten, Offenbarungen des Heiligen Geistes zu besitzen, die ihrem Gründer Montanus angesichts des nahen Weltendes eingegeben worden seien. Noch im 3. Jahrhundert hatte diese Irrlehre in Kleinasien ihre Hauptverbreitung.

Origenes (um 185–254), ein häufig genannter Irrlehrer, wirkte nicht nur in Ägypten, sondern vor allem auch in Caesarea, wo er eine eigene Schule begründete. Schüler von Origenes fanden sich im ganzen Orient, z.B. der pontische Bischof Gregorius Thaumaturgus (gest. um 270/275) und Pamphilos von Caesarea (um 240–309).

Der Neuplatonismus hatte zweifellos in Ägypten eine wichtige Wirkungsstätte. Aber ihr früher Hauptvertreter Plotinus (um 205–270) wirkte nicht nur in Ägypten, sondern seit 244 in Rom, ebenso wie sein bedeutender Schüler Porphyrus (233–304).

Auf der anderen Seite wird auch häufig übersehen, dass der rechtgläubige Athanasius (um 300–373) in Alexandria (Ägypten) wirkte.

Einige frühe nationale Kirchen vertraten lange Zeit die Irrlehre des Arianismus, die dem Sohn Gottes nur eine untergeordnete Stellung zubilligt und die Dreieinheit leugnet. Solche arianische Nationalkirchen hatten manchmal Vorformen des Mehrheitstextes in Gebrauch, z.B. die Goten mit ihrer Bibelübersetzung durch Wulfila.

Die Textform des Mehrheitstextes wurde manchmal auch von Irrlehrern verwendet, beispielsweise die Lesarten des Irrlehrers Marcion in 1. Korinther 15,47 und in Römer 14,10.

Stammen die Sonder-Lesarten des NA (fast) alle aus Ägypten?

Behauptung

Die (Sonder)-Lesarten, für die sich Nestle-Aland entschieden hat, stammen aus dem lokal begrenzten Raum Ägyptens und finden sich in der restlichen Welt in der Regel nicht. Das deutet auf einen lokal gefärbten Text hin.

Antwort

Die obige Behauptung ist eine unseriöse Vereinfachung. Bei vielen alten Bibelhandschriften kennen wir den Ort der Abfassung (oft genug selbst den Fundort) nicht. Es setzt sich unter den Wissenschaftlern heute immer mehr die Ansicht durch, dass der (sogenannte) „alexandrinische“ Text in den ersten Jahrhunderten im gesamten Mittelmeerraum verbreitet war und erst später durch andere Textformen überdeckt wurde. Für diese Annahme sprechen auch die alten Übersetzungen und die Kirchenväterzitate. Dass es die „alexandrinische“ Textform auch in Ägypten gab, ist unbestritten, denn von dort haben wir viele alte Papyri. Aber bei vielen alexandrinischen Codices (Vaticanus, Sinaiticus, teilw. Alexandrinus) ist völlig unbekannt, wo sie entstanden sind. Wir wissen lediglich, wo sie Jahrhunderte später aufbewahrt wurden. Ob sie wirklich in Ägypten entstanden, ist ungewiss.

300 Jahre evangelische Christenheit ohne die „richtige“ Bibel?

Behauptung

Es ist doch kaum vorstellbar, dass Gott es zugelassen haben soll, dass die ganze evangelische Christenheit der drei Jahrhunderte nach der Reformation, durch die Er ihnen das Wort Gottes zurückgegeben hatte, einen Text in ihren Bibeln hatte, der zum Teil nicht richtig ist.

Antwort

Mit demselben Argument könnte man dann auch alle biblischen Lehren aus dieser Zeit rechtfertigen. Sollte Gott es zugelassen haben, dass die ganze evangelische Christenheit der drei Jahrhunderte eine Lehre über die Kirche, über Israel über die Wiederkunft Christi hatte, die falsch war? Und auch hier gilt die weitere Frage: Sollte Gott vorher 14 Jahrhunderte lang zugelassen haben …?

Auslassungen im NA waren nötig, um bestimmte Lehrauffassungen nicht zu stören

Behauptung

Die Eliminierung von Apostelgeschichte 8,37 durch den Nestle-Aland lässt sich gut dadurch erklären, dass die Erwähnung der Vorbedingung des Glaubens zur Taufe beim Kämmerer („Wenn du von Herzen glaubst, so kann es [die Taufe] geschehen“) für Kindertäufer sehr wichtig war.

Antwort

Es wird schwierig sein, Kindertäufer zu finden, die ihre Ansicht auf das Fehlen von Apostelgeschichte 8,37 stützen würden. Genauso schwierig wird es werden, einen Kindertäufer zu finden, der Apostelgeschichte 8,37 für echt hält und deshalb seine Kindertauf-Lehre verworfen hätte. Als Apostelgeschichte 8,37 in den meisten Bibeln stand (zur Reformationszeit), waren jedenfalls die meisten Leute Kindertäufer.

Tatsache ist jedoch, dass Apostelgeschichte 8,37 in den griechischen Handschriften äußerst schlecht bezeugt ist: Etwa zwanzig Handschriften vor dem 16. Jahrhundert haben es (z.T. noch mit Varianten unter sich). In der großen Masse der Handschriften – ob alt oder jung – fehlt dieser Vers; auch im Mehrheitstext fehlt er. Erasmus nahm diesen Vers wahrscheinlich deshalb auf, weil er ihn in der lateinischen Vulgata fand, die für ihn als katholischen Gelehrten die Grundlage bildete. Das lässt sich natürlich nicht beweisen und wird sicher von Verfechtern des Textus Receptus abgelehnt mit dem Hinweis, Erasmus habe eine griechische Handschrift gehabt, die heute nicht mehr zur Verfügung stehe.

Jedenfalls kann es gut sein, dass Apostelgeschichte 8,37 ein Versuch ist, eine kirchliche Liturgieformel, die der Täufling sprechen sollte, in den Bibeltext einzufügen, um so ein Taufbekenntnis salonfähiger zu machen. Das Neue Testament kennt keine Taufformeln, die ein Täufling aussprechen müsste. Sie passen nicht zur urchristlichen Taufe in ihrer erhabenen Schlichtheit. Aber der Mensch liebt schon seit jeher Ritus, Zeremonie und Formenwesen.

Ehrentitel des Herrn Jesus werden im NA unterschlagen

Behauptung

Im Nestle-Aland werden Bezeichnungen und Namen des Herrn und Gottes ausgelassen. Die Gnostiker und Irrlehrer in Ägypten haben diese Bezeichnungen getilgt, um göttliche Personen ihrer Ehre zu berauben.

Antwort

Zunächst einmal ist diese Behauptung durch nichts bewiesen. Es fehlen jedwede Hinweise für solche bewussten Streichungen. Dazu muss man sich fragen: Wenn man solche Streichungen durchgeführt hat – warum war man dann so inkonsequent und „übersah“ viele Stellen?  

So steht im Johannesevangelium tatsächlich an vielen Stellen im Textus Receptus „mein Vater“, wogegen im Nestle-Aland „der Vater“ steht. Wenn nun tatsächlich jemand vorgehabt hätte, die Beziehung des Herrn zu seinem Vater zu vertuschen, warum hat derjenige dann einige Stellen im Nestle-Aland belassen?

Ein anderes Beispiel aus dem Johannesevangelium: Darin wird der Herr Jesus sehr oft als Sohn Gottes bezeichnet (z.B. Joh 1,34.49; 3,16-18; 5,25 usw.), und zwar im Textus Receptus ebenso wie im Nestle-Aland. Warum, so fragt man sich, sollen die angeblichen Ketzer nun bei Johannes 6,69 den „Sohn Gottes“ getilgt und durch „Heiligen Gottes“ ersetzt haben, an allen anderen Stellen aber nicht? Hätten sie in solchen Fällen nicht auch an allen anderen Stellen solche Ersetzungen vornehmen müssen?

Solche Beispiele lassen schon sehr große Fragezeichen hinter die Verschwörungstheorie einer bewussten Veränderung des Textes durch Irrlehrer aufkommen. Dazu wird vielfach verschwiegen, dass der Textus Receptus an anderen Stellen dasselbe tut. Beispiele:

  • Johannes 12,1. Hier sagt Nestle-Aland: „Lazarus …, den Jesus aus den Toten auferweckt hatte“. Der Textus Receptus hat nur „er“ statt „Jesus“!
  • In Apostelgeschichte 26,15 steht laut Nestle-Aland: „Der Herr aber sprach“. Im Textus Receptus fehlt „Der Herr“!

Hat ein Ketzer nun gegen seine Absicht, dem Herrn seine Herrlichkeit zu rauben, das genaue Gegenteil getan und hier diese Begriffe eingefügt?

Auch der Name Gottes fehlt an wichtigen Stellen:

  • In Römer 11,22 fehlt „Gottes“ im Textus Receptus.
  • In 1. Korinther 1,29 fehlt „Gott“ im Textus Receptus.

Man könnte jetzt auch eine umgekehrte Verschwörungstheorie aufstellen und „beweisen“, dass der Textus Receptus auf das Konto von Ketzern und Häretikern geht. Hierzu ein Beispiel im Stil mancher Vertreter des Textus Receptus:

„In Judas 25 liest Nestle-Aland folgendermaßen: ‚Gott, … unserem Heiland, durch Jesus Christus, unseren Herrn, sei Herrlichkeit, Majestät, Macht und Gewalt vor aller Zeit und jetzt und in alle Ewigkeit!‘ Der Textus Receptus lautet genauso, aber die kursiv gedruckten Worte fehlen im Textus Receptus. Dabei streicht der Textus Receptus gleich zwei wichtige biblische Lehren: Zuerst vermeidet er die Worte „durch Jesus Christus unseren Herrn“, denn den Irrlehrern des Textus Receptus war es unerträglich, den Sohn Gottes als Herrn zu bezeichnen, und sie versuchten, seine Erwähnung möglichst aus dem Text herauszustreichen. Außerdem streicht der Textus Receptus die wichtige Bemerkung, dass Gott die Ehre schon ‚vor aller Zeit‘ zuteilwurde, was Gott seiner Ehre in der vergangenen Ewigkeit beraubt. Es ist offensichtlich, dass solche Streichungen, die der Textus Receptus an Gottes Wort vorgenommen hat, aus einer trüben Quelle stammen müssen.“

Ein weiterer Punkt ist, dass bestimmte Bezeichnungen gerade durch ihre Hinzufügung im Textus Receptus die Ehre des Herrn mindern. Einen solchen Fall finden wir z.B. in Offenbarung 5,14. Hier hat der Textus Receptus „Und die vierundzwanzig Ältesten fielen nieder und beteten den an, der lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Die Worte „den, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit“ sind hier eingeschoben. Leider ändert das den Sinn, denn „der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit“ ist in der Offenbarung eine Bezeichnung Gottes (Off 4,9.10; 10,6; 15,7). Die Anbetung erfolgte aber nicht nur für Gott, sondern auch für das Lamm, wie Offenbarung 5,13 belegt. Der Einschub des Textus Receptus nimmt damit gerade etwas von der Ehre weg, die dem Lamm zuteilwerden soll. Denken wir daran, was Offenbarung 22,18 sagt: „Wenn jemand zu diesen Dingen hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen hinzufügen, die in diesem Buch geschrieben sind.“ Nicht nur Auslassungen sind schlimm.

Der NA raubt dem Herrn die Ehre, das Gericht auszuüben

Behauptung

In Römer 14,10 ändert Nestle-Aland den „Richterstuhl des Christus“ in „Richterstuhl Gottes“ und nimmt damit dem Herrn Jesus Christus die Ehre, der Richter zu sein. Diese willkürliche Änderung steht in ausdrücklichem und entlarvendem Widerspruch zu der Aussage in Johannes 5,22.23: „Der Vater richtet auch niemand, sondern alles Gericht hat er dem Sohn gegeben, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren.“

Antwort

Man könnte die Aussage auch umdrehen und behaupten, der Textus Receptus nimmt Gott die Ehre, einen Richterstuhl zu haben, obwohl Hebräer 12,23 doch auch im Textus Receptus ausdrücklich sagt, das Gott der „Richter aller“ ist.

Wenn jemand diese Textstelle bewusst so verändert hätte, um dem Herrn die Ehre zu nehmen, der Richter zu sein, warum hat er dann 2. Korinther 5,10 nicht auch geändert? Das Problem mit Johannes 5,22.23 ist, dass dort eben nicht steht: „Gott richtet niemand …“, und in Römer 14,10 nicht steht: „Richterstuhl des Vaters“.

Der NA mindert den Ernst der ewigen Verdammnis

Behauptung

Der Nestle-Aland streicht in Markus 9,44.46 gleich zwei ganze Verse aus der Bibel, die den Ernst der ewigen Verdammnis betonen: „… und du in die Hölle kommst, in das unauslöschliche Feuer, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.“ Diese Verse sind wichtig, weil sie zeigen, was Gott unter ewigem Gericht meint: ein Gericht, das nicht aufhört. Wenn von den drei gleichlautenden Aussagen in dem Abschnitt nur noch eine übrigbleibt, so ist das eine ernsthafte Beeinträchtigung der Schrift, die oftmals nach dem Grundsatz der „zwei oder drei Zeugen“ verfährt.

Antwort

Auch hier gilt wieder: Wenn jemand diese Texte bewusst gelöscht hätte, um den Ernst der ewigen Verdammnis herunterzuspielen, warum hat er dann in unmittelbarer Nachbarschaft in Vers 43 doch „in das unauslöschliche Feuer“ und in Vers 48 „wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlöscht“ stehengelassen? Zudem finden sich auch in Matthäus 3,12 und in der Parallelstelle in Lukas 3,17 der Hinweis auf das „unauslöschliche Feuer“.

Die Wahrscheinlichkeitsberechnung beweist den MT

Behauptung

Hodges’ mathematische Untersuchungen mit Hilfe der statistischen Wahrscheinlichkeitsrechnung zeigen, dass die richtige Lesart aus dem Urtext immer in einem Mehrheitstext zu finden sein wird.

Antwort

Hodges’ Text kann man nachlesen in einem Anhang in Wilbur N. Pickerings Buch The Identity of the New Testament Text, herunterladbar unter http://digidownload.libero.it/domingo7/TMPickering.pdf (hier: S. 158ff.) Solche Ausarbeitungen kann kaum jemand, der nicht Mathematik studiert hat, nachvollziehen. Sie haben damit für viele den Anschein eines unwiderlegbaren Beweises.

Robert B. Waltz hat in seinem Buch The Encyclopedia of New Testament Textual Criticism auf den Seiten 608–614 Hodges’ Thesen einer vernichtenden (aber leider berechtigten) Kritik unterzogen, siehe: https://books.google.de/books?id=pefhAAAAQBAJ. Interessant ist ein hier zu findender Hinweis, dass selbst Maurice Robinson, einer der bekanntesten Befürworter des Mehrheitstextes, diese Ausarbeitung von Hodges als Blendwerk bezeichnet.

Statistik für Überlieferung spricht für den MT

Behauptung

Je älter eine Lesart, desto größer ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass sie in einer Vielzahl von Handschriften überliefert ist.

Antwort

Hierzu gibt es zahlreiche Gegenbeispiele, wie z.B. die Koranüberlieferung oder die Überlieferung klassischer Autoren der Antike.

Die Bibelzitate bei den Kirchenvätern sprechen für den MT

Behauptung

Wenn man die Literatur der frühen Kirchenväter aus der Zeit von 100– 400 n.Chr. auf die Bibelzitate hin untersucht, stellt man fest, dass hier in der Mehrheit der Mehrheitstext verwendet wird.

Antwort

Es kommt darauf an, wie man hier zählt. Wenn man nur die Zitate gelten lässt, die sehr wahrscheinlich echt sind, dann sieht das Bild anders aus. Es ist nämlich keinesfalls selbstverständlich davon auszugehen, dass das, was man heute in den Textausgaben findet, auch tatsächlich in den Bibeln der Kirchenväter stand. So waren die Abschreiber dieser Texte ständig in großer Gefahr, den Bibeltext mit den ihnen vertrauten Lesarten zu ersetzen, insbesondere dann, wenn es ein längerer Text war.

Man kann solche Anpassungen manchmal auch zweifelsfrei nachweisen. Es kommt nämlich ab und zu vor, dass in einer mittelalterlichen Handschrift eines Kirchenvaters ein Bibeltext nach byzantinischer Lesart zitiert wird, dann aber aus der folgenden Erklärung des Kirchenvaters eindeutig hervorgeht, dass der Kirchenvater nur eine nichtbyzantinische Lesart benutzt haben kann, weil seine Ausführungen nur in einem nichtbyzantinischen Text überhaupt Sinn ergäben (z.B. wenn er eine lexikalische Erklärung zu einem Wort abgibt, das es im byzantinischen Text gar nicht gibt, das aber im alexandrinischen Text steht). Man sieht daran übrigens auch, wie unkritisch solche Texte oft abgeschrieben wurden.

Bei nichtbyzantinischen Lesarten ist das etwas entspannter: Wenn ein mittelalterlich abgeschriebener Text eine alexandrinische Lesart enthält, dann kann man ja nicht sinnvoll annehmen, dass solche Zitate an spätere Texte angepasst wurden (weil die ja anders lauten). Aber auch hier muss man natürlich vorsichtig sein. Die Grunddevise lautet: Nur absolute zweifelsfreie Fälle dürfen verwendet werden.

Als Nächstes muss man berücksichtigen, dass man oft auch bei in den Text eingestreuten Zitaten nicht genau sagen kann, woher gerade zitiert wird, wenn ein Text in ähnlicher Form an mehreren Stellen vorkommt, wie es zum Beispiel bei den synoptischen Evangelien der Fall ist. Auch ist es nicht sicher, ob der Kirchenvater nun exakt zitiert, nur eine Anspielung gemacht oder das Zitat bewusst etwas umgeformt hat, weil er es nicht als Zitat benutzen wollte, sondern nur den Inhalt in einem bestimmten Aspekt besonders deutlich machen wollte. Vielleicht hatte er die Handschrift auch gar nicht selbst vorliegen – damals hatte ja nicht jeder eine Bibel im Schrank liegen – und hatte aus dem Gedächtnis zitiert.

Daher gilt es, bei der Auswertung der Kirchenväterzitate sehr vorsichtig zu sein.

Frühe Übersetzungen unterstützen den MT

Behauptung

In den frühen Übersetzungen gibt es auch zahlreiche Unterstützung des Mehrheitstextes, wie z.B. die Altlateinische Übersetzung (2. Jh.), die Syrische Peschitta oder die Mittelägyptische Übersetzung (3. Jh.)

Antwort

Man könnte auch die Gegenbehauptung aufstellen, dass es in den frühen Übersetzungen auch zahlreiche Unterstützung des Nestle-Aland gebe, und auch dafür viele Beweise erbringen.

Wenn diese Übersetzungen den Mehrheitstext insgesamt unterstützen sollten, dann müssten sich nicht nur einzelne Lesarten dort finden lassen; vielmehr sollte man dann erwarten, den Text als Textform insgesamt dort zu finden. Das ist jedoch nicht der Fall.

Urschriften als Korrektiv in den Ländern des MT

Behauptung

Nach Ägypten wurden keine originalen Handschriften gesandt. Dort konnte man die Abschriften deshalb nicht anhand der Urschriften der Apostel und Schreiber des Neuen Testaments korrigieren. In den nördlichen Mittelmeerländern waren die Urschriften noch längere Zeit vorhanden, vielleicht sogar einige Jahrhunderte lang. Deshalb konnten die Abschriften dort am Original während einer langen Zeit immer wieder geeicht werden. Der Mehrheitstext kommt aber nun gerade aus diesen Ländern, wo die Abschriften ständig durch die Originale korrigiert werden konnten – im Gegensatz zum Nestle-Aland, der hauptsächlich aus Ägypten kommt, wo es diese Originale nicht gab. Hierzu schreibt Tertullian um 208 n.Chr. Folgendes:

Diejenigen apostolischen Gemeinden (durchzugehen), in denen die wahrhaftige Herrschaft der Apostel in ihrer Stellung immer noch überragend sei, in denen ihre eigenen, echten Schriften (authenticae) gelesen werden, indem jede für sich die Stimme jedes Einzelnen von ihnen verbreitet und das Angesicht jedes Einzelnen von ihnen darstellt. Wenn Achaja nahe bei euch ist, findet ihr Korinth. Wenn ihr nicht weit entfernt seid von Mazedonien, habt ihr Philippi, ihr habt die Thessalonicher. Wenn ihr nach Asien hinübergelangen könnt, findet ihr Ephesus. Wenn ihr überdies nahe bei Italien seid, habt ihr Rom, von woher auch in unsere Hände die wahre Autorität (der Apostel selbst) gelangt.[1]

Antwort

Von den Briefadressaten, die sich tatsächlich alle im nördlichen oder östlichen Mittelmeerraum befinden, her zu schließen, dass die Urschriften nicht in Ägypten angekommen seien, ist reine Vermutung. Beweise dafür müssen erst noch erbracht werden. Jedenfalls war es so, dass der Kolosserbrief sogar bewusst nach Laodizea geschickt werden sollte (Kol 4,16). Warum soll nicht auch – zumindest zeitweilig – eine Handschrift nach Ägypten gekommen sein? Der Beweis, dass man die Abschriften wirklich auch anhand der Originale noch mal geeicht hat, selbst wenn man sie hatte, steht auch noch aus.

Nun noch etwas zu Tertullian. Tertullian war bekanntlich ein lateinischer Kirchenvater, d.h., er schrieb in Latein und für lateinisch sprechende Christen. Wenn er von den „authentischen Schriften“ spricht, dann kann er das sehr gut in dem Sinn gemeint haben, wie wir als Deutsche vom „(griechischen) Grundtext“ reden. Damit hätte er also keineswegs die Autographen an sich gemeint, sondern nur den Grundtext an sich. Mit einer so unsicheren Stelle bei Tertullian die Existenz von Autographen in Kleinasien um 200 n.Chr. „beweisen“ zu wollen, ist kühn. Es ist auch deshalb sehr zweifelhaft, denn wenn die Originale damals noch existiert haben sollen, warum diskutiert Tertullian selbst dann gelegentlich Lesarten (z.B. „Gegen Marcion XV“)? Er hätte dann doch die Originale befragen können.

Aber schon die damals einsetzende Diskussion um richtige Lesarten zeigt, dass man keinen Zugang zu den Autographen mehr hatte. Man sieht das sogar schon etwas früher: Bereits Irenäus (ca. 135–202) diskutiert in seinem antignostischen Werk Gegen die Häresien eine (noch heute bekannte) Textvariante zu Offenbarung 13,18. Außerdem würde dieses Verständnis der Stelle bei Tertullian gerade gegen den Mehrheitstext und den Textus Receptus sprechen. Falls nämlich Tertullian mit diesen authenticae wirklich die Autographen gemeint hätte und dazu Zugang hatte, dann wäre der von ihm gelesene Text ja der Urtext. Nur weicht der vom Mehrheitstext und damit auch vom Textus Receptus ab.

Durch Abnutzung gehen gute Handschriften schneller zugrunde

Behauptung

Gute Handschriften wurden viel gebraucht und gingen dadurch schneller zugrunde. Schlechte Handschriften blieben besser erhalten. Wenn sehr alte Handschriften, wie die Papyri, erhalten geblieben sind, könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass sie nicht benutzt wurden, weil sie schlecht waren.

Antwort

Es gibt viel zu viel Gründe für Erhaltung bzw. Nichterhaltung einer Handschrift, als das man solche Rückschlüsse ziehen könnte. Kirchenbücher aus dem 19. Jahrhundert sind nicht selten schlechter erhalten als die aus dem 17. Jahrhundert, obwohl Letztere älter sind und mehr benutzt wurden. Bei der Frage der Erhaltung spielen zahllose Faktoren eine Rolle. Benutzung ist nur eine.

Der NA lässt sich genauso wenig beweisen wie der TR

Behauptung

Es lässt sich genauso wenig stichhaltig nachweisen, dass der Nestle-Aland in den verschiedenen Punkten mit dem Urtext übereinstimmt, wie Textus-Receptus-Vertreter es auch nicht können.

Antwort

Das ist natürlich wahr. Aber es ist etwas anderes schon möglich: Man kann Verse nachweisen, in denen der Textus Receptus eindeutig falsch ist, und ebenso Verse nachweisen, in denen Nestle-Aland eindeutig falsch ist. Überall dort, wo eine Lesart eine falsche Lehre oder eine Unwahrheit ergibt oder anderen Schriftstellen widerspricht, muss sie falsch sein. Solche Stellen gibt es sowohl bei Nestle-Aland als auch im Textus Receptus Deshalb haben auch übrigens die Übersetzer der CSV-Elberfelder das einzig Richtige getan: Sie folgen weder dem Textus Receptus noch Nestle-Aland sklavisch, sondern sie untersuchen jede Lesart in jedem einzelnen Fall gesondert.

Textkritik ist geistliche Anmaßung

Behauptung

Wenn Übersetzer – wie zum Beispiel die der Elberfelder Bibel – sich anmaßen, aus den Texten und Lesarten herauszusuchen, was nun Gott wirklich gesagt hat und was nicht, so schwingen sie sich zum Richter über Gottes Wort auf. Dadurch rückt – ohne dass solche Übersetzer das wollen – diese Textkritik in die Nähe der Bibelkritik. Solche Übersetzer übernehmen die kritisch-rationalistische Denkweise der ungläubigen Forscher, die Bibelkritik üben, und werden dadurch dann ähnlich in die Irre geleitet wie jene.

In beiden Fällen meint der Mensch durch seinen eigenen Verstand, durch sein Bibelwissen und seine Analysen bestimmen zu können: Dieser Satz, dieses Wort gehört zu dem, was Gottes Wort ist – dieser Satz dagegen, ist eine späte Hinzufügung. Dabei sollte doch jedem einfältigen Christen klar sein, dass kein sterblicher Mensch bestimmen kann, was Gott gesagt hat und was nicht, was zu seinem Wort gehört und was nicht. Der Mensch ist nicht bereit einzusehen, dass er nur einen armseligen Verstand hat. Er sollte viel besser demütig den Text aus Gottes Hand annehmen, statt sich darüberzustellen und sich Dinge anzumaßen, die Gott letztlich seine Autorität nehmen.

Antwort

Auch Vertreter des Textus Receptus kommen nicht um eine menschliche Entscheidung herum. All das, was sie dem Übersetzer vorwerfen, müssen sie zwangsweise auch Erasmus vorwerfen, von dem sie selber nicht einmal den klaren Beweis haben, dass er überhaupt neues Leben aus Gott besaß. Denn Erasmus musste damals genau das tun, was Übersetzer heute machen. Sie möchten nur diese Entscheidung als die Entscheidung Gottes für die richtige Lesart ansehen und setzen damit den Inspirationsprozess bis ins Mittelalter fort – auch wenn sie noch so stark betonen, dass sie es nicht wollen.

Schlechte Qualität der beiden großen Codices

Behauptung

Zwischen den beiden Hauptzeugen für den Nestle-Aland, den beiden großen Codices Aleph und B, gibt es Tausende von Differenzen, allein in den Evangelien gibt es dreitausend Unterschiede. Das macht diese Texte nicht vertrauenswürdig.

Antwort

Zunächst kommt es darauf an, dass man die Unterschiede gewichtet und nicht jeden kleinen Rechtschreibfehler als substantiellen Textunterschied wertet. Dann muss man auf der anderen Seite sich vor einem Zirkelschluss hüten: Man lässt nur diejenigen Handschriften als gute Mehrheitstexthandschriften gelten, die den bevorzugten Text bieten – und stellt dann fest, dass diese Schriften „erstaunlicherweise“ einander sehr ähnlich sind!

Das Altersargument

Behauptung

Das Argument der Befürworter des Nestle-Aland „Die ältesten Handschriften sind die besten“ ist so nicht korrekt. Eine Handschrift aus dem Jahr 900 kann eine direkte Kopie einer Handschrift um 200 n.Chr. sein. Damit ist diese späte Handschrift nicht schlechter als eine andere Kopie derselben Vorlage aus dem Jahr 201 n.Chr.

Antwort

Die Behauptung ist zwar richtig, aber es ist eben nicht wahrscheinlich, dass es so abgelaufen ist. Eine alte Handschrift stammt mit Sicherheit von einer noch älteren. Aber eine junge Handschrift ist nur mit geringer Wahrscheinlichkeit von einer ganz alten abgeschrieben.

Zuverlässigkeit des TR

Behauptung

Der Textus Receptus ist die zuverlässige Wiedergabe von Gottes Wort!

Antwort

Zur Überprüfung dieser Behauptung sollen einmal einige Stellen des Textus Receptus beleuchtet werden, die für den unvoreingenommenen Leser die Zuverlässigkeit dieses Textes doch ziemlich in Frage stellt. Dazu greifen wir auf die Schlachter-Übersetzung zurück, die den Textus Receptus im Deutschen wiedergibt.

Römer 8,1

In Römer 8,1 wird in das wunderbare Geschenk Gottes: „Also ist jetzt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind“, das von unserem eigenen Tun völlig unabhängig ist und damit die freimachende Botschaft des Evangeliums darstellt, nach dem Textus Receptus eingefügt: „die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist“. Dieser Satz gehört zweifellos zu Römer 8,4, doch in Vers 1 passt er nicht und schmälert, ja verunstaltet er das Evangelium. Es handelt es sich um einen späteren Zusatz. Wahrscheinlich wollte ein späterer gesetzlich eingestellter Schreiber nicht, dass dort nur stand, dass für die, die in Christus Jesus sind, keine Verdammnis mehr ist. Punkt. Man wollte lieber noch hinzufügen, dass so jemand dann aber doch auch entsprechend leben musste – eine typische Einschränkung, die genau in die katholische Theologie des Mittelalters passt, aber nicht ins Wort Gottes. Das ist nicht das Evangelium Gottes.

Römer 16,5

Nach dem Textus Receptus heißt es hier: „Epänetus, der ein Erstling von Achaja für Christus ist“.

Nach 1. Korinther 16,15 war der Erstling Achajas das Haus des Stephanas. Da es nicht zwei verschiedene Erstlinge geben kann, muss es mit den besten älteren Handschriften heißen: „Erstling Asiens“.

1. Korinther 7,3

Nach dem Textus Receptus heißt es hier: „Der Mann gebe der Frau die Zuneigung, die er ihr schuldig ist.“ Viele ältere Handschriften haben hier statt Zuneigung: „die eheliche Pflicht“. Das ist schon etwas anderes und passt viel mehr in den Zusammenhang: Paulus empfiehlt: Wer nicht in der Lage ist, enthaltsam zu leben, soll heiraten. Hier verflacht der Textus Receptus den Sinnzusammenhang deutlich.

1. Korinther 9,20

Hier fehlt im Textus Receptus der Satzteil: „obwohl ich selbst nicht unter Gesetz bin“. Dieser Satz steht jedoch in fast allen alten Handschriften. Man versteht gut, dass die Mönche des Mittelalters beim Abschreiben diesen Satz „vergessen“ haben, denn er passt gar nicht in die katholische Gesetzlichkeit der Mönche.

Philipper 3,11

Nach dem Textus Receptus möchte Paulus hier „zur Auferstehung der Toten“ gelangen.

Hier hat sich wieder ein kirchlicher Irrtum in den Textus Receptus eingeschlichen. Der Fehler konnte leicht entstehen, wenn jemand (wie die Mönche im Mittelalter) fälschlich an eine allgemeine Auferstehung DER Toten glaubte. Das Besondere der Erwartung von Paulus war aber gerade eine „Aus-Auferstehung“ aus Toten, bei der ein Teil der Toten nämlich im Grab bleiben wird. Und nach alten Handschriften lesen wir hier auch genau von der „Auferstehung aus den Toten“.

2. Timotheus 2,7

In 2. Timotheus 2,7 lesen wir im Textus Receptus: „Der Herr gebe dir in allem Verständnis.“

Der Text alter Handschriften, die hier eine Tatsache ausdrücken: „Der Herr wird dir Verständnis geben in allen Dingen“, wird im Textus Receptus somit zu einem Wunsch verflacht.

2. Timotheus 4,1

Statt „Ich bezeuge ernstlich vor dem Angesicht Gottes und des Herrn Jesus Christus, der Lebende und Tote richten wird, um seiner Erscheinung und seines Reiches willen“ liest hier der Textus Receptus, dass Jesus Christus „Lebendige und Tote richten wird zu der Zeit seiner Erscheinung und seines Reiches“. Die Aussage ist lehrmäßig falsch und irreführend. Der Herr wird die Toten erst tausend Jahre nach seiner Erscheinung richten. Der Fehler ist ein typischer Irrtum des katholischen Spätmittelalters: Damals hatte man ganz unbiblische Vorstellungen von der Zeit des Endes, indem man an einen großen letzten Gerichtstag dachte, der unmittelbar nach dem Kommen des Herrn stattfinden werde; da fiel es nicht schwer, aus dem griechischen kai („und“) ein kata („bei“) zu machen oder zu lesen.

1. Johannes 2,23

Im Textus Receptus fehlt der Satz „Wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater“ vollständig. Wenn es umgekehrt wäre, würden die Kritiker des Nestle-Aland jetzt wieder argumentieren: Hier haben wir wieder einen typischen Fall, wo dem Sohn Gottes seine Ehre genommen wird.

1. Johannes 5,7.8

Der Textus Receptus liest hier: „Denn drei sind es, die Zeugnis ablegen im Himmel: der Vater, das Wort und der Heilige Geist und dies drei sind eins; und drei sind es, die Zeugnis ablegen auf der Erde: Der Geist und das Wasser und das Blut.“

Hier liegt ein Einschub vor, mit dem man einen Vers schaffen wollte, in dem die Dreieinheit vorkam. Dabei hat man aber dem Text Gewalt angetan und unbiblische Gedanken eingefügt, denn

  1. es ist Unsinn, im Himmel Zeugnis ablegen zu wollen. Zeugnis wird nur auf der Erde benötigt.
  2. die Schrift verwendet nie den Ausdruck „der Vater“ und „das Wort“ (als Bezeichnung des Sohnes) in einem Atemzug. Das „Wort“ wird immer in Verbindung mit „Gott“ genannt.

2. Johannes 9

Statt „Jeder, der weitergeht und nicht in der Lehre des Christus bleibt“ hat der Textus Receptus: „Jeder, der Übertretung begeht und nicht in der Lehre des Christus bleibt …“

Auch hier haben wir wieder einen Fall, wo Befürworter des Textus Receptus wohl eher den Textus Receptus im Nestle-Aland erwartet hätten. Die Übertretung eines Gebots (wie in Mt 15,2.3) schränkt nämlich die Klasse der hier gemeinten Personen deutlich und unzulässig ein.

Offenbarung 1,2

Der Textus Receptus hat hier: „der das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi bezeugt hat und alles, was er sah“.

Durch das letzte „und“ wird der Sinn zerstört, denn dadurch wird hier eine dritte Klasse von bezeugten Dingen angefügt. In Wirklichkeit bildeten die Dinge, die Johannes sah, das Wort Gottes und das Zeugnis Jesus Christi für die sieben Versammlungen. Das ist wichtig zum Verständnis der Offenbarung: Die Visionen selbst bilden das Zeugnis. Die richtige Übersetzung lautet also: „der bezeugt hat das Wort Gottes und das Zeugnis Jesu Christi, alles, was er sah“.

Offenbarung 1,11

Der Textus Receptus hat hier: „Und sende es den Gemeinden, die in Asia sind: nach Ephesus …“

Der Textus Receptus liest sich hier so, als habe es in der Provinz Asien nur genau diese sieben Versammlungen gegeben! Dieser Fehler ist offensichtlich von späteren Schreibern gemacht worden, die die genauen historischen und geographischen Zusammenhänge nicht mehr kannten.

Offenbarung 1,19.20

Offenbarung 1,19.20 lautet nach der Schlachter-Übersetzung: „Schreibe, was du gesehen hast, und was ist, und was nach diesem geschehen soll: das Geheimnis der sieben Sterne, die du in meiner Rechten gesehen hast, und der sieben goldenen Leuchter. Die sieben Sterne sind Engel der sieben Gemeinden …“

Durch die Interpunktion des Textus Receptus mit dem Doppelpunkt hinter „soll“ und dem Punkt hinter „Leuchter“ wird der Sinn dieses Schlüsselverses zur Offenbarung verdunkelt. Korrekt sollte es heißen: „Schreibe nun das, was du gesehen hast und was ist und was nach diesem geschehen wird. Das Geheimnis der sieben Sterne, die du in meiner Rechten gesehen hast, und die sieben goldenen Leuchter: Die sieben Sterne sind Engel der sieben Versammlungen …“

Offenbarung 2,20

Hier hat der Textus Receptus: „Aber ich habe ein weniges gegen dich, dass du es zulässt, dass die Frau Isebel, die sich eine Prophetin nennt, meine Knechte lehrt und verführt.“

Der Textus Receptus ist hier eine echte Verflachung, denn zunächst ist es keineswegs nur ein „weniges“, wenn eine Versammlung eine Isebel duldet. Hiergegen wird argumentiert, dass die Aussage ganz parallel zu dem für den Engel der Gemeinde in Pergamus sei. Bei beiden heißt es dann: „Aber ich habe ein weniges gegen dich“ – und der Tadel sei auch im Grunde ganz ähnlich ausgerichtet. Beide seien persönlich für das böse Treiben der Irrlehrer nicht verantwortlich gewesen, hätten es aber geduldet und wären nicht energisch dagegen eingeschritten. Wenn das „ein weniges“ hier verharmlosend sein sollte, dann müsse das sinngemäß auch für Pergamus gelten; dort aber ist das „ein weniges“ unbestritten.

Vergleicht man allerdings die Abschnitte einmal genau, dann erkennt man, dass von Pergamus zu Thyatira das Böse bereits viel weiter fortgeschritten ist. Während Pergamus noch solche „hatte“, „duldet“ Thyatira sie. Während wir von Pergamus noch lesen, dass böse Lehren („nur“) festgehalten wurden, wird dies Böse in Thyatira gelehrt und die Knechte des Herrn werden verführt.

Mit besseren Lesarten sollte hier also übersetzt werden: „Aber ich habe gegen dich, dass du die Frau Isebel duldest, die sich eine Prophetin nennt, und sie lehrt und verführt meine Knechte.“

Offenbarung 5,4

Der Textus Receptus liest hier: „weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch zu öffnen und zu lesen, noch auch hineinzublicken“. In anderen Handschriften fehlt „lesen“; statt „hineinblicken“ heißt es dort „anblicken“.

Hier soll natürlich betont werden, dass niemand das Buch auch nur anblicken konnte. Der Textus Receptus verflacht diesen Sinn, indem er nur zugesteht, dass man nichts darin lesen konnte (aber betrachten konnte man es dann offenbar schon).

Offenbarung 15,3

Statt „König der Nationen“ liest der Textus Receptus hier „König der Heiligen!“.

Der Sohn Gottes ist jedoch nicht der König der Heiligen, auch wenn das heute in vielen evangelikalen Kreisen gelehrt und insbesondere in Liedern in Umlauf gebracht wird.[2] Dieser Titel verhindert, dass man die wahre Beziehung der Heiligen zum Herrn erkennt.

Singulärlesarten des TR

Behauptung

Wenn Erasmus in einigen Stellen der Offenbarung Fehler korrigiert hat, dann kann man nicht einfach behaupten, er habe die anderen Stellen mit Singulärlesarten aus Versehen oder Bequemlichkeit stehengelassen. Bis zum Beweis des Gegenteils muss man davon ausgehen, dass Erasmus und auch seine Nachfolger, die bemerkenswerterweise auch auf eine Korrektur verzichteten, dafür Handschriften hatten, die uns heute nicht mehr zugänglich sind. Wenn manche Worte des Textus Receptus scheinbar in den heute bekannten Handschriften so nicht auftauchen, bedeutet das noch nicht, dass sie automatisch Fehler sind!

Antwort

Es ist zwar wahr, dass es das nicht automatisch bedeutet. Aber wenn Erasmus, Beza und die anderen Herausgeber nicht einmal die Existenz dieser Handschriften bezeugten, dann ist es zumindest sehr unwahrscheinlich, dass es solche Handschriften gab. Und zu den Gründen, warum sie es nicht änderten, liefern gerade die heutigen Textus-Receptus-Verfechter eine andere plausiblere Begründung. Es war die Ehrfurcht vor den Texten, die sie schon lange kannten, insbesondere sicher auch der Vulgata.

Schlechte Qualität der Papyri

Behauptung

Viele der Papyri, die Hauptzeugen des Nestle-Aland, fallen durch ihre überaus zahlreichen offensichtlichen Fehler auf. Herausragendes Beispiel ist hier der P66, der sich zwar durch sehr hohes Alter, aber auch durch große Schludrigkeit in der Textabschrift auszeichnet. Solchen Texten einen so hohen Wert zuzumessen, wie es Verfechter des Nestle-Aland tun, ist mehr als unverständlich.

Antwort

Nicht alle Papyri wimmeln von Rechtschreibfehlern. Außerdem gibt es auch unsorgfältige Handschriften des Mehrheitstextes – allerdings sind sie (verständlicherweise) kaum publiziert. Zudem wäre es doch unseriös, die Papyri als Hauptzeugen des Aland-Textes zu bezeichnen.

Jeder muss sich selbst fragen, ob er jemand, der ein wichtiges (aber leider verlorengegangenes) Dokument direkt abgeschrieben hat, mehr Vertrauen schenken will als jemand, der zwar eine saubere Abschrift des Dokuments vorlegt, diese Abschrift jedoch nicht anhand des Originals angefertigt hat, sondern anhand der Abschrift der Abschrift einer Abschrift des Originals.

Zahlreiche Verstöße gegen die griechische Grammatik

Behauptung

Wenn man von einem fehlerfreien Originaltext ausgeht, muss man die zahlreichen Verstöße gegen die griechische Grammatik in den ägyptischen Handschriften, die der Nestle-Aland berücksichtigt, zwangsläufig für Kopierfehler halten.

Antwort

Schwere Verstöße gegen die griechische Grammatik, auch „Solözismen“ genannt, beobachtet man bei sehr vielen einfachen Schreibern der ersten Jahrhunderte nach Christus. Konsequenterweise müsste man viele Alltagsbriefe aus damaliger Zeit (von denen uns noch manche erhalten geblieben sind) als nicht original ansehen, weil sie solche Fehler enthalten. Da Johannes (anders als z.B. Paulus) kein Gelehrter war, sondern ein einfacher Mann (siehe Apg 4), wäre es vielmehr verwunderlich, wenn er geschliffenes Griechisch geschrieben hätte. Man kann auch an einen „fehlerfreien Originaltext“ glauben mit solchen Solözismen, wenn man bloß „fehlerfrei“ nicht als „fehlerfrei im Sinne des attischen Sprachgebrauchs“ auffasst. Der Heilige Geist ist ja nicht gezwungen, sich an die Grammatikregeln der attischen Sprache zu halten. Viel wahrscheinlicher ist, dass nachfolgende „gebildete“ Schreiber den einfachen Sprachstil des Johannes an ihren (vermeintlich richtigeren) Sprachduktus angleichen wollten, als umgekehrt.

Ungläubige als Textkritiker

Behauptung

Wer einem Text wie dem Nestle-Aland vertraut, dessen Hauptbegründer wie Aland, aber auch seine Vorgänger Westcott und Hort Ungläubige und Bibelkritiker waren, vertraut mehr auf ungläubige Wissenschaft als auf die Bewahrung des Textes durch Gott.

Antwort

Eins steht absolut fest: Die Textkritiker, die die letzte Entscheidung über eine Lesart fällen, müssen unbedingt wiedergeboren, gesund im Glauben und bewandert in der Lehre sein. Einem Ungläubigen fehlt nicht die nur von Gottes Geist verliehene Fähigkeit zum Prüfen und Entscheiden, er wird auch nicht nach geistlichen Prinzipien entscheiden. Das heißt jedoch nicht, dass man deswegen die Arbeiten, die Männer wie Erasmus (auch er war Bibelkritiker und höchstwahrscheinlich Ungläubiger, auch wenn Textus-Receptus-Vertreter das gerne anders sehen), Westcott und Hort oder auch Aland geleistet haben, nicht sofort in den Mülleimer werfen muss. Solche Wissenschaftler haben uns in einem anderen Sinn einen großen Dienst erwiesen und uns viel Arbeit abgenommen: Erasmus z.B., indem er vielen Menschen einen (wenn auch teilweise minderwertigen) griechischen Bibeltext zugänglich gemacht hat; Aland z.B., indem er die Lesarten von Handschriften verlässlich für andere zugänglich gemacht hat.

Ein ungläubiger Wissenschaftler, der sein Fach ehrlich und ernst betreibt, wird nicht in Widerspruch zur Bibel kommen; Gott kann sogar in Grenzen durch das Studium der Natur erahnt werden (siehe Ps 19). Ebenso wird ein ungläubiger Historiker, der sein Fach ernst und gewissenhaft betreibt, niemals zu historischen Ergebnissen kommen, die mit der Bibel in Widerspruch stehen.

Betrachtet man Nestle-Aland als Zusammenstellung von Lesarten, die mit großer historischer Sorgfalt erstellt wurden, und lässt man die theologischen Entscheidungen von Nestle-Aland unbeachtet, dann ist diese Textzusammenstellung sehr wohl nützlich, wenn man sie richtig verwendet.

Ein christlicher Buchautor freut sich sicherlich, wenn in seinem Buch auch Druckerschwärze und Papier von einem Bruder im Herrn geliefert wurde. Aber sollte man sein Buch verwerfen, nur weil die Druckerschwärze und das Papier von einem ungläubigen Hersteller stammen? Genauso wenig ist es einzusehen, dass man Nestle-Aland verwerfen sollte, wenn man ihn eigentlich nur zur Angabe verwendet, welche Lesart Handschrift x an der Stelle y hat, die Entscheidung über die Lesarten an sich jedoch nicht Nestle-Aland überlässt.

Auf der anderen Seite können Textkritiker zwar wiedergeboren sein, sind aber trotzdem als Textkritiker völlig ungeeignet, und zwar dann, wenn ihre Meinung über den richtigen Text schon von vorneherein feststeht – dann ist nämlich gar nichts mehr zu prüfen. Das gilt für alle Textus-Receptus-Verfechter, denn für sie ist schon vor der Untersuchung klar, dass als Ergebnis die Überlegenheit des Textus Receptus feststehen muss. Im Ansatz gilt das auch für die Mehrheitstext-Verfechter, denn auch bei ihnen muss schon von vorneherein der (nach ihrer Ansicht richtige) Mehrheitstext als Ergebnis feststehen.

Auch sollte man nicht so tun, als ob Erasmus und Aland (beide Bibelkritiker und wahrscheinlich ungläubig) die einzigen Textkritiker gewesen wären, die es gab. Es gab eine ganze Reihe Männer, die Textkritik geübt haben und deren Gläubigkeit und zum Teil auch ihre wissenschaftliche Arbeitsweise keinem Zweifel unterliegt. Dazu gehören nicht nur Männer wie J.N. Darby und besonders W. Kelly, sondern auch Tregelles und wohl auch von Tischendorf. Es fällt auf, dass alle diese gläubigen Männer die Minderwertigkeit des Textus Receptus (und prinzipiell auch des Mehrheitstextes) erkannt und an vielen Stellen verworfen haben.

 

Anmerkungen

[1] Vgl. Prescription against Heretics, 36, The Ante-Nicene Fathers, Bd. III, Übersetzung: M.W. Holmes.

[2] Siehe dazu auch den Artikel „Ist der Herr Jesus ,unser König‘?“.

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