Frage:
In den letzten Wochen habe ich in verschiedenen Büchern die faszinierende
Geschichte der Hutterer (Bruderhöfe in Kanada und Amerika) gelesen. Ihre
Lebensart und Konsequenz beeindrucken mich. Was haltet ihr von dieser
religiösen Gemeinschaft?
R.Z.
Antwort:
Lieber Leser,
vielen Dank für deine Frage.
Es
ist wirklich faszinierend, dass sich diese (Deutsch sprechenden) Bruderhöfe in
Kanada und Amerika nun schon seit fast 470 Jahren halten. Sie leben dort in
Kanada und Amerika in absoluter Zurückgezogenheit. Oft liegen zwischen einem
Bruderhof und der nächsten Stadt bis zu 60 Meilen. Bis vor wenigen Jahrzehnten,
war das Auto dort noch verpönt und so waren 60 Meilen eine "halbe Ewigkeit"
für einen Hutterer. So ähnlich ja auch die Amish-People.
Das hutterische Leben kann man einfach beschreiben: arbeiten,
beten, essen, schlafen.
Es war die Zeit der Wiedertäufer zwischen 1520-1530, zu denen sich auch die
Hutterer zählten. Viele Menschen mussten ihr Leben lassen, weil sie es für nötig
erachteten, sich "wieder" oder ein zweites Mal taufen zu lassen und damit ihre
Kindstaufe nicht anerkannten. Diese Wiedertäufer sprachen von dem "Suhlbad" der
Kindstaufe. Somit verstießen diese Menschen aber bewusst gegen das erlassene
Gebot von Kaiser Karl V., der auf dem Reichstag 1529 zu Speyer Folgendes
festlegte: "Keiner so einmal nach christlicher Ordnung getaufft worden ist /
(darf) sich widerumb oder zum zweytenmal taufen lassen / bey Straff des Tods
..."
So starben bis 1530 über 2000 Täufer den Märtyrertod. Aber zwischen 12000 und
15000 Brüdern und Schwestern gelang die Flucht nach Mähren, wo man ihnen Schutz
gewährte.
Hier tauchte auch zum erstem Mal der Name Jakob Hutter, ein Hutmacher aus dem
Südtiroler Dorf Moss bei Bruneck im Pustertal, auf. Er hatte auf seinen
Wanderungen die Schweizer Brüder kennengelernt und sich ihnen angeschlossen.
Schon bald traf man auf eine Gruppe von Gleichgesinnten, welche zudem noch die
Gütergemeinschaft praktizierten (siehe Apg 2,44), was seitdem auch das
typische Kennzeichen der Hutterer wurde. Alles wurde im Blick auf die
Gemeinschaft getan. (Später bekundete man durch die Aufnahme in die
Brudergemeinschaft (durch Taufe) für alle sichtbar, dass nicht mehr das "Ich",
sondern das "Wir" zählte.)
In drei Jahren gelang es Jakob Hutter, die vertriebenen Brüder und Schwestern
aus den verschiedenen Gemeinschaften zu einen, die dann viele Jahrhunderte und
manchen mächtigen Verfolger überdauern sollte.
Im Anfang war diese Bewegung noch sehr missionarisch veranlagt, wurde dann nach
Russland (um 1670) vertrieben, wo man 100 Jahre ohne äußere Bedrängnis lebte, bis
der Nationalismus das Zarenreich erreichte und die allgemeine Wehrpflicht
eingeführt wurde. Da die Hutterer friedliche Menschen sind, die niemals zur
Waffe greifen würden, entschlossen sie sich 1874 nach Kanada umzusiedeln, wo sie
sich über die Jahre auch stark vermehrten. Ein Bruderhof besteht aus max. 125
Personen und eine Familie hat durchschnittlich 10,5 Kinder. Wird die Gemeinde
größer, erwirbt man neues Land und baut einen neuen Bruderhof – sog. Kolonien.
Diese gibt es jetzt sowohl in Kanada als auch in Amerika.
Sie leben streng nach ihrem Verständnis von der Bibel, wobei das
Gemeinschaftsleben durch Regeln und Ordnungen ihrer Väter bestimmt wird (in
vielen, vielen überlieferten Bänden, welche immer wieder neu abgeschrieben
werden). So sind die Gepflogenheiten seit 470 Jahren fast identisch. So tragen
z.B. die Männer schwarze Einheitskleider und die Frauen lange Röcke bis zu den
Knöcheln und den ganzen Tag ein Kopftuch und sind mit häuslichen Arbeiten
beschäftigt. Die Männer besorgen die Landwirtschaft und üben handwerkliche
Berufe aus. Jeder Hutterer hat den gleichen "Besitz", wenn man Kleidung, Wohnung
mit Bett und einer Truhe als Besitz bezeichnen kann. Bei den Hutterern wird
christlicher Kommunismus gelebt. Dies ist vielleicht auch der größte
Anziehungspunkt für Christen, die im Materialismus groß geworden sind. Die
Hutterer sind durchweg sehr fleißige, zufriedene Menschen, denen Geld so gut wie
nichts bedeutet.
Durch ihre Abgeschiedenheit von der Welt sind sie nicht so sehr den Versuchungen
vieler Christen ausgesetzt (sie gehen höchstens einmal zum Arztbesuch in die
Stadt), die "inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts" als
Himmelslichter leuchten wollen. Auch irdische Wünsche kommen durch mangelnde
Vergleichsmöglichkeiten nicht so schnell auf. Trotzdem ist auch bei den
Hutterern die sündige Natur nicht ausgeschaltet. Und so kann man feststellen,
dass, wenn diese Menschen dann einmal gesehen haben, was die Welt "bietet", ihr Fall
manchmal schlimmer ist als bei den anderen Christen, die ständig von diesen
bösen Dingen umgeben sind.
Ein Hutterer hat aber wesentlich weniger Möglichkeiten, auf
"dumme Gedanken" zu
kommen, da sich das Leben in der Gemeinschaft abspielt. Es wird gemeinsam
gegessen; es wird gemeinsam gebetet; es wird gemeinsam hart gearbeitet. Es
bleibt also kaum Zeit, um einer sündigen Sache nachzugehen.
Hier muss man klar sagen, dass dies vielleicht eine der größten Herausforderungen
unserer Zeit ist, dass Christen wie Nicht-Christen so viel Freizeit haben, wie in
keiner anderen Zeit jemals zuvor. Und dass die Einsamkeit auch noch nie so groß
war wie heute. Immer weniger besuchen sich die Christen untereinander, immer
mehr steht das persönliche oder wenigstens das Familienleben im Vordergrund und
man hat kaum noch Zeit füreinander. Fragen wir uns, wo wir überhaupt noch
Kontakt haben mit unseren Glaubengeschwistern! Kann man eigentlich von einer
lebendigen Gemeinde reden, wenn man sich lediglich zu den Gottesdienststunden
trifft?
Doch eigentlich ist das, was diese Hutterer leben, modernes Eremitentum. Nun, die
Schrift kennt eine derartige Absonderung nicht. Der Herr hat diejenigen, die Er
berufen hat, zu Sich gerufen. Die Gläubigen sind seit diesem Moment nicht mehr von
der Welt, wohl aber noch in der Welt. Die Jünger zur Zeit des Herrn Jesus
waren genauso Menschen ihrer Zeit (vor und nach ihrer Bekehrung), wie wir es
heute im Jahr 2001 ebenfalls sind. Erwartet der Herr von uns, dass wir, weil wir
jetzt Christen geworden sind, einen Lebensstil einer anderen vergangenen Zeit
annehmen sollen?
Der Grund für solche Bestrebungen liegt darin, dass man den Einflüssen der Welt
und der Zeit entfliehen will – und welcher Christ hätte diesen Wunsch nicht
schon gehabt? Vielleicht mag es durch ein solches Zurückziehen in gewisser Weise
auch eine Zeitlang gelingen. Allerdings ist dies nur in einem weiten Land wie
z.B. den USA möglich. In Europa oder gar in Deutschland scheint uns dies nicht
realisierbar, oder die Mauern eines solchen Ortes müssten extrem hoch sein.
Ein weiterer Gedanke ist hier auch der, dass man sich durch ein solches Zurückziehen
nicht nur von den Bestrebungen der Welt absondert, sondern auch von den
anderen Gläubigen, die einen solchen extremen Schritt nicht für nötig halten,
die ganz deutlich sehen, dass wir inmitten dieser Welt (Phil 2,15) ein
Zeugnis sein sollten. So trennt man sich also auch von Gläubigen und verurteilt
sie eigentlich damit und gibt den Gedanken des einen Leibes auf, zugunsten
eines abgeschotteten Systems, einer scheinbaren Elite-Einheit inmitten der
Christenheit – man möchte so etwas sein wie ein Überrest im Überrest. Allerdings
kann man diese Gefahren auch in anderen heutigen christlichen Gruppierungen
feststellen.
Damit kommen wir zu einem weiteren Gedanken. Zu jeder Zeit gab es solche
Bestrebungen, sich zurückzuziehen. Denken wir nur an das Mönchtum im
Mittelalter. Vielleicht mag man sich manchen verderblichen Einflüssen entziehen
können, aber vor den Neigungen des Herzens können wir nicht fliehen oder uns
ihnen entziehen. Und so hat es schon die Geschichte gezeigt, dass nach schon kurzer Zeit
an solchen Orten Sünde erkennbar war und manchmal sogar Sünde (Ausschweifung,
Unzucht, Hurerei, Inzest, Heuchelei uvm.), die noch schrecklicher als vorher zum
Vorschein kam. Vor diesen Gefahren sind auch die Hutterer nicht gefeit.
Solche Bestrebungen wie die der Hutterer sind verlockend - besonders auch für
das religiös angehauchte Fleisch. Denn hier kann man nach außen hin etwas tun.
Man kann ganz fromm und für den Herrn abgesondert erscheinen. Man kann alle
Regeln befolgen - ohne dass das Herz nur irgendwie mitmacht oder mitmachen
braucht. Aber der Herr will es genau anders herum. Der Herr möchte die Hingabe
unserer Herzen. Der Herr will unsere Herzen ganz ausfüllen, damit wir dann aus
dieser Fülle unserer Herzen leben und ein Zeugnis geben. Der Herr Jesus hätte
uns ja auch direkt nach unserer Bekehrung zu Sich in den Himmel holen können.
Das hat Er nicht getan. Warum nicht? Er möchte, dass wir Seine Zeugen sind. Er
möchte, dass wir unter weltlichen Arbeitnehmern ein Zeugnis sind von Ihm, indem
wir andere Arbeitnehmer sind, die z.B. nicht mobben oder den Chef hintergehen.
Er möchte, dass wir unter den vielen, vielen "kaputten" Ehen ein wenig von Ihm,
von Seiner Treue, Liebe und Hingabe zeigen, indem wir "bessere" Eheleute sind.
Er möchte, dass wir gerade unter den vielen zerbrochenen Familien, wo Eltern die
Kinder und Kinder die Eltern nicht mehr verstehen, etwas von Ihm, von Seiner
Fürsorge auf der einen Seite und Seinem Gehorsam auf der anderen Seite zeigen.
Er ist jetzt nicht mehr auf dieser Erde. Aber Er hat Seine Zeugen hier. Wir
wollen zunächst uns selbst, aber auch unsere Leser ermuntern, Ihn dadurch zu
ehren und zu verherrlichen, dass wir gerade in einer bösen Umgebung etwas von Ihm
offenbaren. Dann wird auch ein mündliches Zeugnis effektiv sein und Menschen,
die um uns her ins ewige Verderben rennen, erreichen.
Zum Schluss noch ein Hinweis: Es gibt ein sehr interessantes Buch von einem
Reporter, der Ende der 70er-Jahre für ein Jahr die Hutterer in Kanada besucht hat, um bei ihnen zu
leben. Er hat sich allen Dingen unterworfen und alles für ein Jahr
mitgemacht. Er hat ganz Erstaunliches und für ihn auch Faszinierendes erlebt. Er
berichtet viel Lobenswertes von den Hutterern, aber auch manches Fragwürdige.
Leider hat sich dieser Reporter (der 1983 im Alter von 36 Jahren starb) trotz tiefer Eindrücke nicht zu dem lebendigen
Gott bekehrt. Dennoch macht dieses Buch den Eindruck, ehrlich und authentisch
geschrieben zu sein und bringt einem den Lebensstil der Hutterer näher. Es
heißt: "Das vergessene Volk" von Michael Holzach (ISBN 3-423-10051-6).
Mit herzlichen Grüßen
die SoundWords-Redaktion
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