Auto fahren und Christsein
Römer 13,1.2

Jean Koechlin

© EPV, online seit: 14.01.2005, aktualisiert: 02.10.2018

Leitverse: Römer 13,1.2

Röm 13,1.2: Jede Seele unterwerfe sich den obrigkeitlichen Gewalten; denn es ist keine Obrigkeit, außer von Gott, und diese, welche sind, sind von Gott verordnet. Wer sich daher der Obrigkeit widersetzt, widersteht der Anordnung Gottes; die aber widerstehen, werden ein Urteil über sich bringen.

An einen jungen Autofahrer

Als wir aus meinem Auto ausstiegen, sagte mir ein Bruder, der mit mir gefahren war, ganz unverblümt: „Beim alten Menschen zeigt sich am Steuer am besten, wie er in Wirklichkeit aussieht. Und er ist ein sehr schlechter Fahrer.“

Ohne weiter darüber nachzudenken, gab ich meinem Freunde recht und fügte noch hinzu: „Es ist wahr, die Alten sollten sich nicht mehr ans Steuer setzen. Sie haben keine Reflexe mehr und dazu fahren sie zum Ärger aller in einem mittelalterlichen Schneckentempo auf den besten Straßen.“

Mein Freund unterbrach mich: „Siehst du denn nicht ein, von wem ich sprechen will? Denke nur einmal an diese Fahrt eben. Es scheint mir, dass nacheinander mehrere Personen am Steuer waren. Zuerst wurde ich von einem widerspenstigen, den Gesetzen ungehorsamen Chauffeur gefahren. Du hast kaltblütig die Verkehrsampel überfahren, als sie soeben schon aufs Rotlicht übergegangen war. Dann hast du das letzte Dorf mit fast 90 Stundenkilometer durchfahren. Drei- oder viermal hast du den durchlaufenden Streifen zwischen die Räder bekommen, obwohl du weißt, dass das streng bestraft wird.“

„Ohne irgendjemand zu behindern“, unterbrach ich ihn. „Übrigens sind viele dieser Vorschriften übertrieben, alle Straßenbenützer übertreten sie mehr oder weniger.“

„Nichtsdestoweniger bestehen diese Gesetze und die Christen sollten die Ersten sein, die sie befolgen. Könnten sie denn den Herrn freimütig bitten, sie vor den Gefahren der Straße zu bewahren, wenn sie sich nicht selbst der Obrigkeit unterwerfen, die Gott gerade zu dem Zwecke eingesetzt hat, uns zu schützen? (Röm 13,1) Und unser Zeugnis wird desto besser beachtet, wenn es eine Ausnahme bildet. Mein Fahrer schien mir auch reichlich ungeduldig. Erinnere dich doch an diesen übelriechenden Lastwagen, dem du 10 Minuten lang folgen musstest und der dein Blut bald zum Sieden brachte, so dass Du es wagtest, ihn zu überholen, und das unter ganz fragwürdigen Umständen, die noch zu erörtern wären. Am Ausgang von Bubendorf habe ich feststellen müssen, dass mein Fahrer ein Egoist ist. Du hattest den Anhalter gesehen, der bei strömendem Regen einen Koffer trug, aber das hat dich nicht zum Anhalten bewegen können.“

„Oh, ich habe Grundsätze und prinzipiell halte ich nicht an. Diese Leute würden besser daran tun, zu Hause zu bleiben oder mit der Bahn zu fahren!“

„Glaubst du nicht, dass wir so eine Gelegenheit verscherzt haben, jemand einen Dienst zu erweisen? Insbesondere haben wir versäumt, einer Menschenseele, die Gott uns als Reisebegleiter auf den Weg gestellt hatte, von Jesus zu erzählen! Nachher kam diese sinnlose Rennfahrt, als ein kleinerer Wagen es versuchte, dich zu überholen. Du warst stolz auf deine Akrobatik und ließest keinen an dir vorbeikommen. Du hast mich an Jehu erinnert, der in 2. Könige 9 der ,Rasende‘ genannt wird. Gleichzeitig habe ich noch bemerkt, dass ein selbstgefälliger Großtuer neben mir saß. Unter diesem Gesichtspunkt hatte ich dich noch nicht kennengelernt, mein Lieber. Lass dich warnen und nimm es an als Pfand der tiefen Zuneigung eines Älteren im Glauben. Dieses Geltungsbedürfnis und dieser Schnelligkeitstaumel sind nicht gut. Sie sind in der Bibel in dem ,Hochmut des Lebens‘ einbegriffen. Du und alle jungen Männer, die dir ähnlich sind, gehen, vom Ehrgeiz getrieben, große Risiken ein. Aber dein Leben gehört nicht dir, noch viel weniger das der anderen; so leichtsinnig solltest du es bei diesem halsbrecherischen Überholen nicht aufs Spiel setzen. Willst du deine Tage hienieden beenden mit der steten Anklage, eine Seele, die vielleicht nicht errettet war, in die Ewigkeit befördert zu haben? Zuletzt hattest du in der Stadt diese Karambolage. Natürlich war es der Fehler des ,Gegners‘ – ein Wort, das in der Sprache der Versicherungen gut wiedergibt, was dieser Mensch plötzlich für dich geworden ist, obwohl es vielleicht ein Christ war, ein Bruder. Noch nie habe ich dich in einer so schlechten Laune gesehen!“

„Aber stell dir doch vor, dieser ungeschickte Kerl hat meine Kotflügel gestreift und die Farbe abrasiert …“

„… und hat natürlich unter dem Lack eines gut erzogenen jungen Mannes die ganze Reizbarkeit des natürlichen Menschen gezeigt, die weit mehr missfällt als ein verkratzter Wagen. Unsere Gelindigkeit sollte allen Menschen – auch den anderen Straßenbenützern – kundwerden (Phil 4,5). Du siehst, mein Lieber, dass wir nicht lange miteinander zu fahren brauchten, bis die alte, unzähmbare Natur mit ihren markantesten Zügen in Augenschein trat. Ich bin sicher, dass du sie von jetzt an besser bemerken wirst, wenn sie wieder versucht, sich zu zeigen. Jakobus stellt im dritten Kapitel seines Briefes fest, dass der Mensch fähig ist, die wildesten Pferde in seine Gewalt zu bringen, dass er große Schiffe richtig steuern kann, dass er wilde Tiere aller Art zähmen kann, aber dass er nicht Herr wird über seine Zunge und seinen Charakter. Ist es nicht vor allem die menschliche Natur, wie er sie nennt, die im wilden Zustand blieb? Es ist der alte Mensch, den die Zivilisation, wenn sie ihm auch neue Mittel der Fortbewegung gegeben hat – und auch Mittel zur Beherrschung seiner Artgenossen –, in keiner Weise verändert hat. Diese alten, jähzornigen, hochfahrenden, protzenden rücksichtslosen, egoistischen Menschen wirst du an jeder Kreuzung, in jedem Dorf, bei jeder Stockung mit seinen vielen Gesichtern finden. Was ist mit ihm zu tun? Das ist ganz einfach: Entzieht ihm den Führerschein; gebt jemand anders den Platz am Steuer, jemanden, der zu gleicher Zeit ein wunderbarer Reisebegleiter ist. Wenn die Wartezeit an der Ampel dazu dient, dass du dich mit Ihm unterhältst, so wird es keine verlorene Zeit sein. Im Gegenteil, wenn du darüber nachsinnst, was dir fehlt, wenn du den Herrn bittest, es dir zu geben, so wird sich jede Widerwärtigkeit, jeder Straßenzwischenfall, ganz wunderbar in eine kleine, gewinnbringende Lektion verwandeln, in ein Gebet, in einen Sieg. Ich erinnere mich eines Kolporteurs, der seinem Wagen den Namen Geduldslehrer gegeben hatte. Der Wagen gab ihm morgens und abends eine Lektion mit praktischem Unterricht und Übungen.“

Ich musste zugeben, dass ich bei diesem Examen durchgefallen war, und zwar gründlich. Wohl hatte ich den Führerschein, mich selbst aber hatte ich nicht in der Gewalt. Was sich von mir am Steuer verriet, das war ich auch im täglichen Leben. Es war nun vordringlich, dass ich richtig fahren lernte, oder vielmehr, dass ich den Fahrer wechselte.

Möge der neue Mensch die Kommandohebel in die Hände nehmen und sie behalten! Und der alte Mensch möge den Platz einnehmen und behalten, der ihm von dem Worte Gottes her gebührt, das heißt den Platz im Tode!


Originaltitel: „An einen jungen Autofahrer“
aus Hilfe und Nahrung, Ernst-Paulus-Verlag, 1975, S. 201–204


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