Das ökumenische Jahr der Bibel
... und wer steckt dahinter?

Wolfgang Bühne

© W. Bühne, online seit: 22.01.2003, aktualisiert: 31.07.2018

Einleitung

Mitmachen lohnt sich!“ – so kann man es auf dem „Ideenheft zum Jahr der Bibel 2003“ lesen. Alle paar Jahre ist es so weit, dass Kirchen, Freikirchen, Allianz, Ökumene, freie Werke und Verbände mit vereinten Kräften versuchen, die Bibel wieder in das Bewusstsein der Menschen zu rücken.

Die Verlage rühren sich und bringen eine Anzahl Bücher und Sonderausgaben von Bibeln heraus, darunter die vier offiziellen Ausgaben der „Gute Nachricht Bibel“ (mit und ohne Apokryphen erhältlich), die „Einheitsübersetzung“ (mit Einführungen und Bildern), die „Lutherbibel“ und „Hoffnung für alle“.

Die Kooperation mit Rundfunk- und Fernsehanstalten wird gesucht, um die Bibel öffentlich ins Gespräch zu bringen, Bibelausstellungen werden angeboten, „Theatergottesdienste“ und „orthodoxe Ikonenmalerei als Zugang zur biblischen Botschaft“ empfohlen. An Schulen werden Bibelwettbewerbe und Bibeltage vorbereitet, „ökumenische Kreuzwege“ geplant – um das Leiden und Sterben Jesu „erfahrbar“ zu machen –, und ein „christlicher Sinnenpark“ soll helfen, die Passionsgeschichte vom Kopf ins Herz gelangen zu lassen. Es ist wirklich erstaunlich, welche Ideen entwickelt werden, um das „Buch der Bücher“ populär zu machen.

Träger und Initiatoren

„Das Jahr der Bibel“ wird getragen und organisiert von einer großen Koalition („vier Säulen“) verschiedenster Kirchen und Verbände, die durch vier Personen repräsentiert werden. Im Editorial des „Ideenheftes zum Jahr der Bibel“ sind sie abgebildet und kommen dort kurz zu Wort:

  • Präses Manfred Kock (als Vorsitzender des Rates der Ev. Kirche in Deutschland),
  • Kardinal Karl Lehmann (als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz),
  • Bischof Dr. Walter Klaiber (als Vorsitzender der ACK)
  • Präses Peter Strauch (als Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz).

Im Leitungskreis sind neben Vertretern der Orthodoxen Kirche, der Altkatholiken und der Ökumenischen Centrale in Frankfurt auch bekannte evangelikale Persönlichkeiten wie Reinhold Frey (Bibellesebund), Ulrich Parzany (CVJM), Theo Schneider (Gnadauer Verband) und Hartmut Steeb (Deutsche Ev. Allianz) u.a.

Missionsgesellschaften wie „Aktion: In jedes Haus“, „Jugend für Christus“, „Bibellesebund“, „Missionshaus Bibelschule Wiedenest“, „Willow Creek“ usw. bieten ihre Dienste ebenso an wie das „Seelsorgeamt des Bistum Essen“ und die „Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland“.

Bei dieser gegenseitigen Akzeptanz oder Toleranz, in der alle Unterschiede relativiert werden, fällt allein Kardinal Lehmann auf, der immerhin deutlich Flagge zeigt, wenn er in seinem Statement betont: „Die Bibel ist in eins mit den Sakramenten der kostbarste Schatz, der der Kirche anvertraut ist.“ Mit anderen Worten: Nur in Verbindung mit den Sakramenten der Heiligen Katholischen Kirche, welcher die Sakramente als Gnadenmittel anvertraut sind, hat die Bibel ihren Wert.

Zielsetzungen

Vordergründig geht es darum, die „Bibel ins Bewusstsein der Öffentlichkeit“ zu bringen, und darüber kann sich jeder Christ, der den Herrn und sein Wort liebt, nur von Herzen freuen. Hier gibt es hoffentlich viele Anknüpfungspunkte für evangelistische Gespräche und Kontakte, und was könnte man sich mehr wünschen, als dass die Bibel tatsächlich einen Platz in den Familien der weithin „entchristlichten“ Bevölkerung findet und auch gelesen wird. (Vielleicht hat das „Jahr der Bibel“ auch den positiven Nebeneffekt, dass die Evangelikalen motiviert werden, selber die Bibel zu lesen und sie schätzen zu lernen, um sie dann auch mit in die Gottesdienste und Bibelstunden zu bringen, was in den letzten Jahren leider außer Mode gekommen ist.)

„Ein wichtiger Tipp: Führen Sie Aktionen möglichst ökumenisch durch …“

Auffällig ist, dass in dem ausführlichen, 82 Seiten umfassenden „Ideenheft zum Jahr der Bibel 2003“ immer wieder Appelle zu lesen sind, die eine scheinbar sehr wichtige Nebenabsicht erkennen lassen: das Zusammenrücken und die Zusammenarbeit aller christlichen Kirchen und Verbände, mit anderen Worten: die Verwirklichung der Ökumene vor Ort.

Dazu einige Zitate:

Wir wünschen uns, „2003. Das Jahr der Bibel“ samt dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin mittendrin möge zu einem Neuaufbruch der Ökumene in unserem Land führen und zu einem größeren Verstehen untereinander (S. 3).

„2003. Das Jahr der Bibel“ will alle Gemeinden und Gruppen motivieren, ihre ökumenischen Initiativen zu verstärken und gemeinsam Ideen für die eigene Arbeit zu entwickeln (S. 6).

Es ist zu wünschen, das sich auch auf der regionalen und lokalen Ebene Arbeitskreise bilden, denen Vertreter der Gemeinden der verschiedenen Kirchen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) und der freien Werke und Verbände angehören. Gerade im überkonfessionellen Miteinander wird das gemeinsame Einladen zur Bibel glaubwürdig (S. 7).

Deshalb ist es sinnvoll, möglichst frühzeitig die Tore zu öffnen – zu den anderen Konfessionen am Ort, zur ACK, zu den kirchlichen Verbänden, freien Werken und für mögliche Interessierte, die sich eingeladen fühlen sollten (S. 22).

„Es soll doch kein Streit zwischen uns sein“

Unter dieser Überschrift auf S. 22 finden sich einige bemerkenswerte Sätze, die deutlich machen, dass Gegner des ökumenischen Prozesses vom „Jahr der Bibel“ ausgeschlossen sind:

Das Buch der Bücher soll als das verbindende Buch der Christenheit in den Mittelpunkt gestellt werden. Daher erhalten alle Gruppen, die sich auf eigene Sonderoffenbarungen berufen, die konfessionellen Streit schüren wollen oder den ökumenischen Charakter der Aktion ablehnen, hier keine Plattform.

Das sind deutliche Worte, die jedem Bibelleser die Türe weisen, der den „ökumenischen Charakter der Aktion“ ablehnt! Eigenartigerweise steht das Bibelverständnis überhaupt nicht zur Debatte und auch nicht die Frage: Ist die Bibel Gottes Wort – oder enthält sie Gottes Wort? Man scheint vorauszusetzen, dass der Streit um die Autorität und Irrtumslosigkeit der Bibel einem vergangenen Jahrtausend angehört.

Überregionale Projekte –
„ProChrist“ und „Ökumenischer Kirchentag“

Neben der „Allianzgebetswoche“ im Januar und der „Gebetswoche für die Einheit der Christen“, deren „biblischer Leittext das ökumenische Gebet inspirieren soll“ (S. 16), wird auch auf den „Weltgebetstag der Frauen“ aufmerksam gemacht.

Sehr deutlich wird auch auf die Vernetzung der Initiative „ProChrist“ mit dem „Jahr der Bibel“ hingewiesen, was nicht verwunderlich ist, weil Männer des Leitungskreises auch im Vorstand von „ProChrist“ wiederzufinden sind.

Die Idee ist, eine öffentlich wirksame Vernetzung der Initiative ProChrist mit dem Jahr der Bibel zu erreichen (S. 18).

Ebenso wird zum ersten „Ökumenischen Kirchentag“ vom 28. Mai bis 1. Juni 2003 nach Berlin eingeladen:

Die Idee ist, „dass über alle Konfessionsgrenzen hinweg die Gemeinsamkeit im Glauben stärker und bedeutender ist, als das Trennende“ … die Zielvorstellungen sind, dass gemeinsam christliche Standpunkte gefunden werden und diese Überzeugungen in der Gesellschaft vertreten werden, dass eine Begegnung in der Vielfalt der Traditionen geboten wird und das Schritte auf dem Weg zur Einheit der Christen getan werden, die Mut machen für den weiteren ökumenischen Weg (S. 18).

Die „Berliner Ökumene-Erklärung 1974“

Vor fast 30 Jahren haben führende und bekannte Evangelikale in Berlin eine Bekenntnisversammlung durchgeführt und die „Berliner Ökumene-Erklärung 1974“ unterschrieben. Dazu gehörten Männer wie Walter Künneth, Rudolf Bäumer, Fritz Grünzweig, Peter Beyerhaus, Paul Deitenbeck usw. In dieser Erklärung warnte man deutlich vor den ökumenischen Tendenzen und Aktivitäten, welche die Evangelikalen theologisch und organisatorisch zu vereinnahmen suchten.

Damals stellt man nüchtern fest:

Es wird heute immer deutlicher, das der Ökumenische Rat der Kirchen alles daran setzt, den von ihm bisher eher geringschätzig behandelten Block der Evangelikalen sowohl theologisch wie auch organisatorisch zu vereinnahmen.

Man sprach von einer „dreifach heiklen Lage“:

  1. Die ökumenische Strategie ist es, die Lausanner Bewegung (damit sind die Evangelikalen gemeint) zu vereinnahmen.
  2. Gewisse Evangelikale sind geneigt, sich tatsächlich auf einem zunächst neutralen Kurs zu arrangieren.
  3. Die Gemeinden, die sich nach ihrer gespannten Erwartung vom Schweigen Lausannes zu Genf (damit ist der Ökumenische Rat der Kirchen gemeint) nachträglich enttäuscht sehen, werden zusehends verwirrt.[1]

Heute – nach etwa dreißig Jahren – hat man den Eindruck, dass die Strategie Genfs erfolgreich war und das Ziel erreicht hat: Fast alle bekannten evangelikalen Persönlichkeiten sind auf den Zug „Lausanne-Genf-Rom“ aufgesprungen und laden unterwegs fleißig andere ein, auch aufzusteigen.

Damals in Berlin (1974) schloss der bekannte Evangelist und Pfarrer Paul Deitenbeck seine Schlussansprache auf dem Bekenntnistag in Berlin mit den Worten:

So geht das wandernde Gottesvolk, ganz dicht bei Ihm bleibend, seinen Weg gegenüber den Abwerbungsversuchen des Widerchristen, gegenüber den Herausmanövrierungsversuchen des Teufels, ganz dicht bei Ihm bleibend, bei Seinem Wort, im Gebetsumgang mit dem Herrn und in der Gemeinschaft der Brüder und im Warten und Handeln, bis dass Er wiederkommt.[2]

Heute scheint unter der Führung einer neuen Generation evangelikaler Leiter einzutreffen, was man in Gedichtform im Mecklenburger Sonntagsblatt vom 31. Mai 1970 lesen konnte:

New Look – ökumenisch

Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt,
treibt flott im Sog der Zeit.
Am Horizont ein Leuchtturm brennt,
doch der ist fremd und weit.

Die Nadel im Kompassgehäuse
weist längst nicht mehr nach Nord.
Das Logbuch fraßen die Mäuse.
Die Seekarte flog über Bord.

Sie ändern die Farben des Standers [Flagge].
Sie ändern den Kurs ohne Scheu.
Sie machen alles anders …
Ein anderer macht alles neu.[3]

Was tun?

An dieser Stelle kann ich nur für mich sprechen. Das Selbstverständnis und die Zielsetzung des „Ökumenischen Jahres der Bibel“ lösen das Problem, denn sie schließen mich – als Gegner des ökumenischen Prozesses – von jeder Mitarbeit beim Jahr der Bibel aus. Ich bin von vornherein nicht erwünscht, weil meine Überzeugung der Intention der Veranstalter widerspricht.

Aber dennoch möchte ich mit ganzer Kraft versuchen, nicht nur zu einem „Jahr der Bibel“, sondern zu einem Leben mit der Bibel zu ermutigen und dazu die sich bietenden Möglichkeiten und Anknüpfungspunkte im kommenden Jahr zu nutzen.

Wir werden dankbar sein für jede Bibel, die im „Jahr der Bibel“ gekauft und hoffentlich auch gelesen wird, und wir wollen beten und darauf vertrauen, dass das Wort Gottes in vielen Herzen und Leben Veränderung schafft.

 

Anmerkungen

[1] W. Künneth / P. Beyerhaus: Reich Gottes oder Weltgemeinschaft, Verlag der Liebenzeller Mission, S. 311.

[2] Ebd. S.73.

[3] Ebd. S. 2.


Originaltitel: „Das ökumenische Jahr der Bibel“
aus fest und treu, Nr. 100, 4/2002, S. 12–14
www.clv.de

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