Kann man die ganze Heilige Schrift heute auf uns anwenden?
2. Timotheus 3,16

Shawn Abigail

© SoundWords, online seit: 10.02.2020, aktualisiert: 01.11.2020

Leitvers: 2. Timotheus 3,16

2Tim 3,16: Alle Schrift … ist nützlich.

Bestimmte Fragen sind für die christliche Lehre und Praxis von entscheidender Bedeutung. Zum Beispiel die Frage: Wo finden wir die autoritative, die maßgebende Offenbarung von Gott? Wenn die Antwort lautet: In der Bibel und in späteren Büchern, dann landen wir beim Mormonentum oder Islam. Wenn die Antwort lautet: In der Bibel und in den Lehren der Kirche, dann werden wir römisch-katholisch. Wenn die Antwort lautet: In der Bibel und in modernen prophetischen Reden, dann verbinden wir uns mit einigen extremen Formen der charismatischen Bewegung. Aber wenn unsere Antwort lautet: Allein in der Bibel, dann befinden wir uns auf dem festen Boden evangelikaler, evangeliumsgemäßer christlicher Lehre.

Kann man die ganze Heilige Schrift heute auf uns anwenden? Diese grundlegende Frage wird heute von vielen in großem  Maße falsch verstanden. Das wird deutlich, wenn wir uns in evangelikalen Kreisen umsehen. Ganze Gemeinschaften sind auf Lehrirrtümern aufgebaut, die sich aus dieser einen Frage ergeben. In den neutestamentlichen Gemeinden wird diese Lehre richtig verstanden, aber oft wird sie nicht in den alltäglichen Fragen angewendet, die sich in unserem Leben stellen.

Nicht alle Schrift kann man auf uns anwenden

Die Antwort auf die Frage „Kann man heute die ganze Heilige Schrift auf uns anwenden?“ ist einfach: Alle Schrift ist nützlich [2Tim 3,16], aber nicht alle Schrift können wir auf uns anwenden.

Damit wir dies verstehen, wollen wir uns 1. Mose 2,16.17 ansehen:

  • 1Mo 2,16.17: Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du nach Belieben essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben.

Diese Schriftstelle ist nützlich für uns, weil sie grundlegend dafür ist, was wir über den Ursprung der Sünde wissen müssen. Aber wir können sie nicht auf uns anwenden, weil sie einzigartig war für Gottes Handeln mit Adam. Als Christen brauchen wir heute keine flammenden Predigten zu hören, die uns davor warnen, vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen zu essen!

So verstehen alle Christen bis zu einem gewissen Grad, dass es Abschnitte in der Schrift gibt, die wir nicht auf uns heute anwenden können. Wir können nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen essen, weil dieser Baum nicht mehr existiert. Leider wenden Christen noch viele andere Schriftstellen fälschlicherweise auf sich an. Die Geschichte der Kirche ist voll von Bestrebungen von Christen, einen Teil oder das ganze alttestamentliche Gesetz auf sich anzuwenden.

Dass das Gesetz für die Erlösung nicht notwendig ist, sollte klar sein. Einer der bekanntesten Verse in der Bibel, Epheser 2,8.9, macht dies sehr deutlich:

  • Eph 2,8.9: Durch die Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme.

Und falls jemand versuchen sollte, das alttestamentliche Gesetz in eine bestimmte Kategorie von Werken einzuordnen, auf die Epheser 2,8.9 nicht zutrifft, hat Gott uns den Galaterbrief gegeben. Zum Beispiel sagt Galater 3,11:

  • Gal 3,11: Dass aber durch Gesetz niemand vor Gott gerechtfertigt wird, ist offenbar, denn „der Gerechte wird aus Glauben leben“.

Paulus benutzt eine sehr starke Sprache gegen jene, die behaupten, das Gesetz sei für Christen bindend, wenn er sagt: „Er sei verflucht!“ (Gal 1,9).

Der Zweck des mosaischen Gesetzes

Aber andere sind in ihren Aussagen subtiler. Einige geben zu, dass die Erlösung ganz und gar aus Gnade kommt, doch sie behaupten, das Gesetz sei eine nützliche Lebensregel. Es spielt jedoch keine Rolle, wie subtil ihre Bemühungen sind; im Grunde genommen versuchen sie, Christen wieder unter die Herrschaft des alttestamentlichen Gesetzes zu bringen. Doch die Schrift unterstützt die Ansicht nicht, dass das Gesetz eine nützliche Lebensregel sei. Galater 3,3.5 macht sehr deutlich, dass das Gesetz nicht die Grundlage für das christliche Leben ist:

  • Gal 3,3.5: Seid ihr so unverständig? Nachdem ihr im Geist angefangen habt, wollt ihr jetzt im Fleisch vollenden? … Der euch nun den Geist darreicht und Wunderwerke unter euch wirkt, ist es aus Gesetzeswerken oder aus der Kunde des Glaubens?

Wenn diese Lehre nun also eine falsche Anwendung des Gesetzes auf die Gläubigen heute ist, wie kann das Gesetz für uns heute nützlich sein? Was war der Zweck des alttestamentlichen Gesetzes? Galater 3,19 sagt dazu:

  • Gal 3,19: Warum nun das Gesetz? Es wurde der Übertretungen wegen hinzugefügt (bis der Nachkomme käme, dem die Verheißung gemacht war), angeordnet durch Engel in der Hand eines Mittlers.

Da der Mensch sündig war, gab Gott dem Menschen bestimmte Verhaltensregeln – damit er sich nicht auf sein Gewissen verließ –, damit er das Wesen, den Charakter der Übertretung verstehen konnte. Wir lesen in Galater 3,24:

  • Gal 3,24: Also ist das Gesetz unser Erzieher gewesen auf Christus hin, damit wir aus Glauben gerechtfertigt würden.

Das Wort „Erzieher“ oder auch „Schulmeister“ ist schwer zu übersetzen, da es in unserer Gesellschaft keine direkte Entsprechung hat. Ein „Erzieher“ (griech.: paidagogos) war ein Sklave, der die Verantwortung für einen Jungen hatte: Er führte ihn zur Schule; er hielt ihn davon ab, in Schwierigkeiten zu geraten; und er betreute ihn bei seinen Schularbeiten. Obwohl der Erzieher ein Sklave war und der Junge vielleicht der Erbe der Familie war, hatte der Erzieher das Recht, den Jungen zu disziplinieren und zu bestrafen, um sicherzustellen, dass er seine Lektionen lernte. Der Vers in Hebräer 6,1 fasst dies schön zusammen, indem er sich auf alttestamentliche Gebote als „Grund(lage)“ bezieht:

  • Heb 6,1: Deshalb, das Wort von dem Anfang des Christus verlassend, lasst uns fortfahren zum vollen Wuchs und nicht wiederum einen Grund legen mit der Buße von toten Werken und mit dem Glauben an Gott.

Der Zweck des alttestamentlichen Gesetzes war also, uns zu lehren, dass Gott heilig und der Mensch sündig ist. […][1]

Alle Schrift ist nützlich für uns

Nehmen wir also an, wir haben diese grundlegenden Lehren verstanden. Was ist der Zweck des Gesetzes für die Christen heute? Es ist keine Lebensregel, denn nachdem wir mit Christus begonnen haben, kehren wir nicht zum alttestamentlichen Gesetz zurück, damit es uns zeigt, wie wir in Christus geistlich reif werden! Aber für Christen von heute veranschaulicht das alttestamentliche Gesetz die Gebote des Neuen Testaments. Das Neue Testament warnt uns vor sexueller Unmoral (Röm 1,24), aber es listet nicht alle verschiedenen Handlungen auf, die Gott als unmoralisch betrachtet. Diese sind im Alten Testament ausführlich aufgeführt.

Aus diesen Gründen sollte klar sein, dass ein Großteil des Alten Testaments heute nicht direkt auf Christen anwendbar ist. Aber das Alte Testament ist für Christen immer noch nützlich. Wie oben erwähnt, veranschaulicht es die Gebote des Neuen Testaments. Es zeigt uns auch, wie Gläubige in anderen Zeitaltern ihr Leben in Treue zu ihrem Gott führten. Es lehrt uns die verderbliche Natur der Sünde. Es zeigt uns, woher wir kommen und was unsere geistlichen Wurzeln sind. Und es lehrt uns grundlegende Wahrheiten über Christus. Deshalb finden einige Missionare es hilfreich, unerreichte Volksgruppen über das Alte Testament zu unterrichten, bevor sie sie in das Neue Testament einführen.

Fazit

Menschen, die versuchen, Gesetz und Gnade miteinander zu verbinden, gibt es seit den ersten Tagen der Gemeinde. Das wird nicht aufhören. Falsche Lehrer werden immer aktiv sein. Aber wir werden wohl bewahrt sein, wenn wir diesen einfachen Grundsatz verstehen: Alle Schrift ist nützlich für uns, aber nicht alle Schrift kann auf uns angewendet werden.

 

Anmerkungen

[1] Anm. d. Red.: Das Gesetz war so lange der Erzieher, bis Christus kam.


Originaltitel: „Does all Scripture apply to us today?“

Übersetzung: Gabriele Naujoks

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