„Als er groß geworden war“
Hebräer 11,24-27

Algernon James Pollock

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Leitverse: Hebräer 11,24-27

Heb 11,24-27: Durch Glauben weigerte sich Mose, als er groß geworden war, ein Sohn der Tochter des Pharaos zu heißen, und wählte lieber, mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, als den zeitlichen Genuss der Sünde zu haben, indem er die Schmach des Christus für größeren Reichtum hielt als die Schätze Ägyptens; denn er schaute auf die Belohnung. Durch Glauben verließ er Ägypten und fürchtete die Wut des Königs nicht; denn er hielt standhaft aus, als sähe er den Unsichtbaren.

Es gibt keinen Lebensabschnitt, der mehr mit Möglichkeiten für Gutes und Böses angefüllt ist als die Zeit, „wenn wir groß geworden sind“. Als Kinder haben wir andere, die über uns entscheiden, und unser Platz ist es, den Eltern und Lehrern zu gehorchen. Wenn wir aber ein gewisses Lebensalter erreichen, dann kommt die Zeit, in der Verantwortung auf unseren eigenen Schultern liegt. Es ist die Zeit, in der ein jeder die Wahl für das trifft, was das Leben gestaltet oder verdirbt.

Zweifellos hilft die genossene Erziehung dem jungen Menschen oft, die rechte Wahl zu treffen. Weise wäre es für Rehabeam gewesen, wenn er auf die Ratschläge seines Vaters gehört hätte, die uns in dem Buch der Sprüche gegeben sind. Doch er dachte, er wüsste es besser als sein Vater, und machte aus sich selbst einen Toren und richtete sein Königtum zugrunde. „Nicht die Bejahrten sind weise, noch verstehen die Alten, was recht ist“ (Hiob 32,9), noch sind die Jungen immer weise, wie wir im Fall Rehabeam sehen. Wenn ein junger Mann älter wird, dann sieht er oft ein, dass sein Vater weiser war, als er früher gedacht hatte. Es ist oft gesagt worden, dass Erfahrung eine teure Schule ist, doch häufig lernt ein junger Mensch in keiner anderen Schule. Die Erfahrung vergisst nie, ihren Lohn zu fordern, und manchmal ist er außerordentlich hoch, nämlich Verlust an Reichtum, Gesundheit und mitunter selbst Verlust des Lebens, wie mancher junge Mann zu seiner großen Überraschung erfahren hat.

Mose hatte das wunderbare Vorrecht, gottesfürchtige Eltern zu haben; und sie waren nicht nur gottesfürchtig, sondern auch mutig, besonders die Mutter. Ihr Glaube empfing eine unerwartete Belohnung: Das Kind, das dem Urteil verfallen war, wurde gerade durch die Tochter des grausamen Herrschers geschützt, der die Verordnung erlassen hatte. Die Schwester – ohne Zweifel unter der Leitung des Herrn – schlug vor, dass die Mutter des Mose zu seiner Amme gewählt wurde.

Man kann sich vorstellen, wie gern und ergeben die Mutter in das junge Gemüt ihres Sohnes die Furcht des Herrn einpflanzte, die der „Weisheit Anfang“ ist [Ps 111,10; Spr 9,10]. Inmitten all des Glanzes des Hofes blieb – trotz der Erziehung in aller Weisheit der Ägypter, die Mose empfing – der Einfluss der Mutter.

Dann kam der Tag der Entscheidung für Mose: „Als er groß geworden war“. Die Zeit der Wahl war gekommen. Welchen Gebrauch würde er davon machen? Versetzen wir uns in seine Lage, und stellen wir uns ihn vor, wie er im Palast des Pharao bis in die Nacht hinein umhergeht. Er hatte einen sicheren Platz, um den ihn alle beneiden mochten: Er war der Sohn der Tochter Pharaos; er hatte Überfluss, Wissen, Stellung, Reichtum, Ehre, wie sie die Welt schätzt – alles war sein.

Die Wahl: auf der einen Hand die Gunst des mächtigen Pharao, auf der anderen „der Zorn des Königs“ [Spr 19,12]; einerseits das Lächeln der Welt, andererseits „die Schmach des Christus“ [Heb 11,26]. Sollte er der Stellung, die er einnahm, den Rücken kehren – einer Stellung, die vielleicht vorher niemals ein niedrig geborener Fremdling erreicht hatte – und sich auf die Seite fremder Sklaven stellen; sollte er sein Prachtbett mit der heulenden Wildnis vertauschen, wo ihn die Hitze am Tag und der Frost in der Nacht verzehrte [vgl. 1Mo 31,40]? Der junge Mann stand vor einer Wahl, deren Gegensätze in diesem Fall ausgeprägter waren als sonst.

Doch Mose hatte ein wunderbare Vision: „Er hielt standhaft aus, als sähe er den Unsichtbaren“ [Heb 11,27], oder wenn wir andere Worte gebrauchen, ohne den Sinn zu ändern, um ihrer Bedeutung eine schärfere Note zu geben: „Er harrte aus, als sähe er den, der nicht gesehen werden kann.“ Das klingt wie ein Widerspruch. Doch wie wahr ist es! Er sah mit dem Auge des Glaubens, was das natürliche Auge nicht sehen konnte. Er sah mit göttlicher Befähigung, wovon das befähigtste Hirn keine Kenntnis haben konnte. Was Weisheit bei Gott ist, ist Torheit bei Menschen [1Kor 3,19]. Die Menschen würden meinen, dass der junge Mose mit solchen Eigenschaften des Geistes und des Köpers, die ihn schon früh als einen künftigen Führer der Menschen kennzeichneten, sich zum Narren machte und auf Vorteile verzichtete, nach denen jeder andere junge Mann des Königshauses mit beiden Händen gegriffen hätte.

Doch Mose war wahrhaft weise. Seine Wahl war vernünftig. Er hatte sein Auge auf die Zukunft gerichtet. Der Genuss der Sünde war nur für eine Zeit, und darum wählte er Ungemach mit dem Volk Gottes [Heb 11,25]. Sie waren arme, geschlagene Sklaven, die hart dienen mussten, doch sie waren das Volk Gottes. Das genügte Mose. Er beging eine Torheit in den Augen der Welt, doch tatsächlich war es göttliche Klugheit, die ihn kennzeichnete, „indem er die Schmach des Christus für größeren Reichtum hielt als die Schätze Ägyptens“ [Heb 11,26]. Es ist ein bewegendes Bild. Wir werden zu außerordentlicher Bewunderung für einen jungen Mann von solcher Entschlossenheit und solchem Mut geführt, und wir folgen seiner späteren Laufbahn mit zunehmender Anteilnahme. Welch einen Gleichmut des Charakters finden wir bei ihm! Wir bewundern seine Sanftmut. Er war nicht aufgeblasen, und doch sehen wir ihn in Szenen von außerordentlicher Bedeutung: auf dem Gipfel des Berges bei Gott, als er das Gesetz und die Verordnungen hinsichtlich des Zeltes der Zusammenkunft empfing; Jahre später sehen wir ihn wieder auf dem Berg bei Gott, ganz allein mit Gott; vierzig Jahre brachte er hinter der Wüste zu; vierzig Jahre war er der Führer des befreiten Volkes Gottes durch die Wüste; seine natürliche Kraft ließ nicht nach; seine Augen waren so scharf wie je; auf das Geheiß Gottes legte er sein wunderbares Leben nieder; Gott begrub ihn und war der Einzige an seinem Grab.

Hätte Mose den Palast erwählt, dann wäre er vielleicht in irgendeiner Pyramide begraben, mit all dem Pomp einer mächtigen Nation, dem Prunk, der königlicher Würde geziemt. Doch keine Zeile über ihn wäre im Wort Gottes zu finden. Vielleicht hätte er dem damaligen Ägypten eine besondere Note verliehen und seine Mumie läge heute in irgendeinem Museum. Doch sie würde verhältnismäßig wenig Interesse erwecken, und auf die Frage „Wer war dieser Mose?“ gäbe es nur eine sehr dürftige Antwort. Aber mit der Wahl, die Mose traf, setzte er sich für die ganze Welt und für alle Zeiten einen Denkstein.

Es liegt eine unendlich große Bedeutung in den Worten unserer Überschrift: „Als er groß geworden war“. Vielleicht sind einige unserer Leser gerade an einem solchen Wendepunkt angelangt. Ihr habt die Wahl zu treffen. Wie wird sie ausfallen? Schaut vorwärts über dieses gegenwärtige Leben hinaus, seht den Unsichtbaren an. Lasst eure Wahl wahrhaft weise sein – der Herr helfe euch –, denn die Folgen sind ewig, und ein Irrtum kann unabänderlich sein.


„Originaltitel: „Als er groß geworden war“
aus Der Dienst des Wortes, Jg. 7, 1929, S. 176–180;
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