Meine Bekehrung zu Gott

Henry Allen Ironside

© CLV, online seit: 18.01.2019, aktualisiert: 19.08.2019

Vorwort der Redaktion:
Henry „Harry“ Allen Ironside (1876–1951) wurde in Toronto geboren, lebte jedoch die längste Zeit seines Lebens in den USA. Er war ein international anerkannter Bibellehrer, Evangelist und Prediger und hat mehr als 80 Bücher geschrieben. Sein Werk umfasst Kommentare zu allen Büchern des Neuen Testamentes und zu den alttestamentlichen Propheten sowie zahlreiche Schriften zu biblischen Themen. Vor allem in der englischsprachigen Welt fanden seine Kommentare weite Verbreitung. (SoundWords veröffentlicht seit einiger Zeit Übersetzungen einiger seiner Kommentare zu den Propheten.) Nach seiner Bekehrung im Alter von 13 Jahren trat er zunächst der Heilsarmee bei, schloss sich später den „Brüdern“ an, zunächst den „offenen Brüdern“, danach den „Grant-Brüdern“, denen er 30 Jahre angehörte. Schließlich war er 18 Jahre lang Pastor der Moody Memorial Church in Chicago, Illinois.
Die folgende Bekehrungsgeschichte Ironsides veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung der Christlichen Literaturverbreitung (CLV), Bielefeld. Sie stammt aus Ironsides Buch Heiligung – Zerrbild und Wirklichkeit. Bei  CLV ist auch eine Biographie über H.A. Ironside erschienen: E. Schuyler English, Ein Leben lang unterwegs für Christus. Außerdem hat der Verlag ein Buch Ironsides über die Geschichte der „Brüder“ herausgebracht: Die Brüdergeschichte – Ein historischer Abriss.

Gottes Wort begann zu mir zu reden, als ich noch ein kleiner Junge war. Ich glaube kaum, dass ich mich daran erinnern kann, wann ich das erste Mal etwas von der Realität der Ewigkeit spürte.

An meinen Vater habe ich keine Erinnerung mehr, da er starb, als ich noch sehr klein war. Aber niemals hörte ich in Gesprächen über ihn etwas anderes, als dass er ein Mann Gottes gewesen sei. Er war in Toronto, meiner Heimatstadt, als „Mann der Ewigkeit“ bekannt. Seine Bibel, an vielen Stellen angestrichen, war mir ein kostbares Erbe, und aus dieser Bibel lernte ich mit etwa vier Jahren die ersten Schriftverse auswendig. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich die wunderbaren Worte aus Lukas 19,10 lernte: „Denn der Sohn des Menschen ist gekommen, zu suchen und zu erretten, was verloren ist.“ Dass ich verloren war und dass Jesus Christus vom Himmel herabgekommen war, um mich zu erretten, waren die ersten göttlichen Wahrheiten, die mein junges Herz aufnahm.

Meine verwitwete Mutter war, so scheint es mir, „einzig unter tausend“. Ich weiß noch, wie aufgewühlt ich war, wenn sie mit mir während meiner Kindheitsjahre niederkniete und betete: „O Vater, halte meinen Jungen davon ab, jemals etwas Größeres als ein Leben mit dir zu begehren. Errette ihn früh und mache aus ihm einen hingegebenen Straßenprediger, wie sein Vater es war. Mache ihn bereit, um Jesu willen zu leiden, Verfolgung froh zu ertragen und die Verachtung der Welt, die deinen Sohn verworfen hat, auf sich zu nehmen, und halte ihn von allem fern, was dir Unehre bereiten könnte.“ Die Worte waren nicht immer die gleichen, doch dem Sinn nach habe ich sie immer wieder gehört.

In unser Haus kamen oft Diener Christi, einfache Männer Gottes, die eine Atmosphäre der Ewigkeit zu verbreiten schienen. Doch für mich waren diese Besuche während meiner Kindheit äußerst unangenehm. Ihre bohrenden Fragen: „Harry, bist du schon wiedergeboren?“, oder ebenso eindrücklich: „Bist du sicher, dass du errettet bist?“, ließen mich zwar immer wieder innehalten, doch ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.

Kalifornien wurde mir zur Heimat, ehe ich meine Heimat bei Gott fand. In Los Angeles begann ich, die Welt zu lieben, und lehnte mich gegen jede Beschränkung auf. Trotzdem machte ich mir immer Gedanken wegen meiner Erlösung.

Ich war gerade 12 Jahre alt, als ich mit einer Sonntagsschularbeit begann. Ich versuchte, den Mädchen und Jungen der Nachbarschaft ein wenig Bibelwissen zu vermitteln. Ich hatte die Bibel schon mehrfach durchgelesen, und trotzdem hatte ich immer noch keine Gewissheit, errettet zu sein.

Paulus schrieb an Timotheus: „Weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die imstande sind, dich weise zu machen zur Errettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist“ (2Tim 3,15). Doch es war dieser Jesus Christus, der mir fehlte. Ich hatte, so schien mir, immer geglaubt, und doch wagte ich nicht zu behaupten, ich sei gerettet. Ich weiß heute, dass ich alles über Jesus glaubte. Aber ich glaubte nicht an ihn als meinen persönlichen Retter. Zwischen diesen beiden Arten des Glaubens besteht ein riesiger Unterschied: der Unterschied zwischen Errettung und Verlorenheit, zwischen einer Ewigkeit im Himmel oder einer Ewigkeit im Feuersee.

Wie ich schon sagte, machte ich mir wegen meiner Seele beträchtliche Sorgen, und obwohl ich mich in die Welt stürzen wollte und mich auch vieler nichtiger und schlechter Taten schuldig machte, spürte ich doch, dass immer eine bewahrende Hand über mir war. Sie bewahrte mich vor vielem, in das ich sonst zweifellos geraten wäre, und eine gewisse Art der Religiosität prägte meinen Charakter. Aber Religion ist nicht gleichbedeutend mit Rettung.

Ich war fast 14 Jahre alt, als ich eines Tages nach der Rückkehr aus der Schule hörte, dass ein Diener Christi aus Kanada, den ich gut kannte[1], angekommen sei, um einige Versammlungen zu halten. Bevor ich ihn sah, wusste ich schon, wie er mich begrüßen würde, denn ich erinnerte mich nur zu gut an seine bohrenden Fragen, die er mir gestellt hatte, als ich noch kleiner war. Deshalb war ich nicht erstaunt, doch verlegen, als er ausrief: „Nun, Harry, ich bin froh, dich zu sehen. Bist du schon wiedergeboren?“ Ich wurde rot, ließ meinen Kopf hängen und wusste nicht, was ich antworten sollte. Ein Onkel, der gerade zu Besuch war, sagte: „Wissen Sie, Herr M., er predigt schon selbst ein wenig und hat mit einer Sonntagsschule begonnen!“ – „Das ist aber schön“, war die Antwort. „Willst du nicht deine Bibel einmal herholen, Harry?“

Ich war froh, aus dem Zimmer gehen zu dürfen, und sofort lief ich, um meine Bibel zu holen. Nachdem ich so lange, wie es mir unauffällig zu sein schien, geblieben war, um mich ein wenig zu fassen, kam ich zurück. Als ich wieder das Zimmer betrat, sagte der Gast freundlich, aber ernst: „Schlägst du bitte einmal Römer 3,19 auf und liest laut vor?“ Langsam las ich: „Wir wissen aber, dass alles, was das Gesetz sagt, es zu denen redet, die unter dem Gesetz sind, damit jeder Mund verstopft werde und die ganze Welt dem Gericht Gottes verfallen sei.“ Ich wusste sofort, wie ich dieses Wort auf mich anzuwenden hatte. Ich war sprachlos. Der Evangelist erzählte mir daraufhin, dass er auch eines Tages solch ein religiöser Sünder gewesen sei, bis Gott ihm den Mund gestopft und ihm daraufhin klar gezeigt habe, wer Christus ist. Er machte mir klar, wie wichtig es sei, selbst bis dahin zu kommen, ehe ich andere lehren könnte.

Diese Worte blieben nicht ohne Wirkung. Von da an hörte ich auf, von diesen Dingen zu reden, und gab auch meine Sonntagsschule auf, bis ich mir meiner Errettung gewiss war. Aber nun flüsterte mir Satan ein, der meine Seele zugrunde richten wollte: „Wenn du verloren und unfähig bist, mit anderen über die Religion zu sprechen, warum dann nicht alles genießen, was die Welt zu bieten hat, solange du es noch kannst?“

Ich schenkte seinen Worten nur allzu leicht Gehör, und von da an war für etwa sechs Monate niemand mehr als ich darauf bedacht, Dummheiten zu begehen, obwohl mein Gewissen mir immer wieder Schwierigkeiten machte.

Schließlich, an einem Donnerstagabend im Februar 1890, sprach Gott zu mir mit überwältigender Kraft, als ich mit anderen jungen Leuten, die fast alle etwas älter als ich waren, ein geselliges Beisammensein besuchte. Ich hatte eigentlich nur vor, mich für einen Abend gut zu amüsieren. Ich kann mich genau daran erinnern, dass ich aus dem Wohnzimmer in den Nebenraum ging, um mir etwas Erfrischendes zu trinken zu holen. Als ich allein neben einem Tisch mit Erfrischungen stand, standen auf einmal mit erschreckender Klarheit einige Bibelverse vor mir, die ich viele Monate zuvor auswendig gelernt hatte. Es waren Verse aus dem ersten Kapitel der Sprüche, von Vers 24 bis 32. Dort wird wiedergegeben, wie die Weisheit über das Unglück dessen lacht, der sich weigert, auf Unterweisung zu hören, und ihn verspottet, wenn der Schrecken über ihn kommt. Wie nie zuvor sah ich meine Sünde, die darin bestand, dass ich mein Leben immer noch nicht Christus anvertraut hatte und meinen eigenwilligen Weg dem Weg dessen vorzog, der für mich gestorben ist.

Ich ging zurück ins Wohnzimmer und versuchte, wieder die nichtigen Dinge der anderen mitzumachen. Aber das alles erschien mir so hohl, aller Glanz war verschwunden. Das Licht der Ewigkeit schien mir den Raum zu erleuchten, und ich fragte mich, wie man nur lachen könne angesichts des Gerichts Gottes, das – wie ein Damoklesschwert nur an einem Haar befestigt – über uns hing. Wir waren wie Leute, die sich am Rand eines Abgrunds mit geschlossenen Augen irgendwelchen Vergnügungen hingaben, und ich war der Achtloseste dabei, bis mir die Gnade die Augen öffnete.

An jenem Abend, als alles vorbei war, eilte ich nach Hause und verkroch mich in meinem Zimmer. Nachdem ich ein Licht angezündet hatte, nahm ich meine Bibel zur Hand und kniete nieder. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass ich beten sollte. Aber es kam der Gedanke auf, um was ich beten sollte. Klar und deutlich kam die Antwort: „Um das, was Gott dir seit Jahren schon anbietet. Warum solltest du es nicht empfangen und Gott dafür danken?“

Meine geliebte Mutter hatte oft gesagt: „Man kann mit Gott bei Johannes 3 oder bei Römer 3 beginnen.“ Ich schlug beide Schriftstellen auf und las sie sorgfältig. Ich erkannte klar, dass ich ein hilfloser Sünder war, aber dass Christus für mich gestorben ist und dass die Vergebung allen umsonst angeboten wird, die ihm vertrauen. Als ich Johannes 3,16 zum zweiten Mal las, sagte ich: „Das reicht aus! Gott, ich danke dir, dass du mich so geliebt hast und deinen Sohn für mich gegeben hast. Ich vertraue darauf, dass er nun mein Retter ist. Ich stütze mich auf dein Wort, das mir sagt, dass ich ewiges Leben habe.“

Ich erwartete nun ein Gefühl überschwänglicher Freude. Es blieb aus. Ich fragte mich, ob ich mich geirrt haben könne. Ich erwartete eine plötzliche Liebe zu Christus. Auch diese kam nicht. Ich fragte mich ängstlich, ob ich wirklich gerettet wäre, wo ich doch so wenig fühlte.

Ich las die Worte nochmals. Es konnte kein Fehler sein. Gott liebte die Welt, und ich war ein Teil dieser Welt. Gott gab seinen Sohn allen Gläubigen. Daraus schloss ich, dass auch ich ewiges Leben haben musste. Ich dankte Gott wiederum und erhob mich von meinen Knien, um von nun an den Weg des Glaubens zu gehen. Gott konnte nicht lügen. Meine Rettung war sicher.

 

Anmerkungen

[1] Anm. d. Red.: Es war der schottische Evangelist Donald Munro (1839–1908).


Aus Heiligung – Zerrbild oder Wirklichkeit, CLV, Bielefeld, 1989, 1. Auflage der überarbeiteten Fassung 2019, S. 15–22

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