Kindererziehung – Das rechte Maß der Zucht
Epheser 6,4

Martyn Lloyd-Jones

© Verlag Liebenzeller Mission, online seit: 11.02.2001, aktualisiert: 14.10.2017

Leitvers: Epheser 6,4

Eph 6,4: Und ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern zieht sie auf in der Zucht und Ermahnung des Herrn.

Vorwort: Das Leben im Geist (aus der Epheserbrief-Serie)

Die Auslegung des Epheserbriefes, ursprünglich gehalten als Predigtreihe in der Westminster Chapel und in Großbritannien unter dem Titel Life in the Spirit erschienen, ist zweifellos eine der bekanntesten und sicher auch der besten Reihen, die Dr. Lloyd-Jones je veröffentlicht hat. Ein repräsentatives Kapitel aus diesen vielen Bänden auszuwählen, fällt nicht leicht.

Ich habe mich für das vorliegende Kapitel entschieden, weil es meinen Großvater von einer sehr menschlichen Seite zeigt. Viele seiner Zuhörer hatten einen gewaltigen Respekt vor diesem Mann, wenn er in seinem schwarzen Talar auf der Kanzel stand und mit gewaltiger Stimme predigte. Doch für seine Enkel war er immer nur der Dacu (sprich: „Daki“), eine anglisierte Form des walisischen Tadcu (sprich: „Tadki“), was „Großpapa“ heißt. Und so haben ihn alle seine Enkelkinder in Erinnerung: als den liebenswerten, warmherzigen Großpapa, der sich um jedes einzelne von uns kümmerte.

Warum er so ein wunderbarer Dacu war, werden Sie verstehen, wenn Sie die folgenden Seiten gelesen haben. Er wusste, wie Kinder empfinden, was in ihnen vorgeht und wie man sich als Erwachsener ihnen gegenüber am besten verhält. Und weil er dies wusste, nahm er die Kinder ernst. Für ihn waren Kinder richtige Menschen, die den Respekt der Erwachsenen verdient haben und mit denen sich zu beschäftigen keine Zeitverschwendung ist (wie es immer noch einige überemsige Erwachsene annehmen).

Viele christliche Elternhäuser sind heutzutage davon geprägt, dass die Eltern über den moralischen Verfall in unserer Gesellschaft schockiert sind und alles dafür tun wollen, um ihre Kinder vor Abwegen zu bewahren. Das Problem besteht nur darin, dass diese Eltern dann sehr oft überreagieren, dass sie ihren Kindern alles verbieten und diese dann, sobald sie aus dem Hause sind (vielleicht, weil sie fern der Heimat einen Arbeits- oder Studienplatz bekommen haben) über die Stränge schlagen und sich schlechter benehmen als Jugendliche, die niemals eine christliche Erziehung genossen haben.

Natürlich ist in der Bibel von Recht und Ordnung, von Erziehung und auch von Strafe die Rede. Aber die Bibel ist in dieser Hinsicht sehr ausgewogen, wie gerade die vorliegende Predigt über Epheser 6,4 zeigt. Dr. Lloyd-Jones war sich dieser Ausgewogenheit immer bewusst. Er glaubte daran; er predigte darüber, und er lebte das vor, was er glaubte und predigte – sehr zur Freude seiner Familie und seiner sechs Enkelkinder, die sich keinen liebevolleren Großvater hätten wünschen können. (Christopher Catherwood)

Grundsätzliche Überlegungen

Ich möchte nun auf die Rolle der Strafe in der christlichen Kindererziehung zu sprechen kommen. Der Apostel Paulus behandelt diese Frage – das, was er mit „Zucht“ bezeichnet – in Epheser 6,4: „Erziehet sie (d.h. die Kinder) in der Zucht und Ermahnung des Herrn.“ Zucht muss es also geben; der Apostel setzt dies voraus. Die Frage ist nur, wie diese Zucht aussehen soll und wie sie angewandt werden soll. Ich sagte bereits, dass unsere viktorianischen Vorfahren an diesem Punkt schuldig geworden sind. Sie waren zwar für „Zucht und Ordnung“, aber sie haben Zucht nicht im biblischen Sinne verstanden und angewandt.

Wir stellen andererseits in unserer heutigen Zeit fest, dass es überall eine heftige Reaktion gegen die Begriffe „Zucht und Ordnung“ gibt, was sicher auch nicht richtig ist, aber doch, wenn wir uns die Vergangenheit ansehen, verständlich ist. Wir sollten allerdings darauf achten, dass wir nicht aus lauter Opposition gegen die übertriebene „Züchtigung“ der Kinder im viktorianischen Zeitalter nun ins andere Extrem verfallen. Was wir brauchen, ist eine ausgewogene Sicht der Dinge, und wenn wir uns in dieser Beziehung an die Bibel halten, werden wir weder auf der einen noch auf der anderen Seite „vom Pferd fallen“. Zucht und Ordnung, so sagt es der Apostel, sind notwendig. Jedoch sollten wir bei ihrer Ausübung sehr vorsichtig sein und keinesfalls überreagieren, denn dann – und das sagt Paulus auch! – werden wir mehr Schaden als Nutzen anrichten.

Es fragt sich natürlich, ob diese einschränkenden Hinweise in unserer heutigen Zeit, die ja kaum noch an den Sinn von Strafe in der Erziehung glaubt, überhaupt noch angebracht sind. Die Gefahr, Kinder zu oft und zu heftig, und vor allem in falscher Weise zu bestrafen, besteht ja eigentlich gar nicht mehr. Was der moderne Mensch viel eher braucht, ist ein Hinweis darauf, dass Strafe sehr wohl nötig ist und wie sie im Einzelnen anzuwenden ist.

Im Bereich der christlichen Kirche jedoch – und ich glaube, vor allem im Bereich der evangelikalen Christenheit in den Vereinigten Staaten – ist der Hinweis auf Mäßigung bei der Bestrafung noch immer aktuell. Das liegt daran, dass wir als Menschen immer sehr stark reagieren und dazu neigen, von einem Extrem ins andere zu fallen. Eine solche Haltung kann niemals richtig sein. Es ist eigentlich immer falsch, seine Überzeugungen davon abhängig zu machen, wogegen man ist. Unsere Überzeugungen hinsichtlich christlicher Erziehung sollten sich niemals nur am Negativen orientieren – übrigens ein Grundsatz, der nicht nur für die Fragen der Kindererziehung gilt, sondern auch für andere Bereiche des menschlichen Lebens. Denn wie oft kommt es auch in anderen Lebenssituationen vor, dass wir eine Überzeugung entwickeln, nur weil wir gegen irgendeine andere Überzeugung sind. Lassen Sie mich Ihnen ein aktuelles Beispiel nennen. Es gibt heutzutage Christen – und zwar in den verschiedensten Ländern –, die sehr allergisch auf jedwede Art von Fundamentalismus reagieren. Und weil sie gegen einen falsch verstandenen Fundamentalismus sind, meinen sie, jede Beschäftigung mit den Fundamenten christlicher Theologie und Dogmatik sei überflüssig. Das heißt: Ihre Einstellung wird lediglich durch das bestimmt, was sie für falsch halten. Unsere Haltung sollte jedoch niemals aufgrund einer Negativreaktion zustande kommen, sondern immer positiv bestimmt werden, d.h. nicht durch das, was wir ablehnen, sondern durch das, was wir von der Schrift her als richtig erkannt haben. Sonst wären wir nichts weiter als „Reaktionäre“.

Bezogen auf die Frage nach dem Sinn und Zweck christlicher Erziehungsmaßnahmen bedeutet dies, dass wir als evangelikale Christen nicht den Fehler machen dürfen, zu negativ auf die Missstände der heutigen Zeit zu reagieren und damit wieder in das alte – und ebenso unbiblische – viktorianische Denken zurückzuverfallen. Insofern ist die Ermahnung, die uns der Apostel in diesen Versen gibt, für uns so wichtig.

Paulus unterteilt diese Ermahnung in zwei Punkte, einen negativen und einen positiven. Er beschränkt das, was er über christliche Kindererziehung zu sagen hat, nicht nur auf die Kinder, sondern hat auch etwas an die Adresse der Eltern zu sagen. Die Väter und Mütter werden von dem Apostel mit den Worten ermahnt: „Reizt eure Kinder nicht zum Zorn!“ Dem Negativen stellt er das Positive entgegen: „… sondern erzieht sie in der Zucht und Ermahnung des Herrn.“ Beide Seiten sind wichtig, und nur, wenn wir beide Seiten beachten, wird unsere Erziehung gelingen.

1. Die Kinder nicht verbittern

Lassen Sie mich mit dem Negativen beginnen: „Reizt eure Kinder nicht zum Zorn!“ Man könnte auch übersetzen: „Erbittert eure Kinder nicht, provoziert sie nicht, behandelt sie nicht so, dass sie störrisch werden.“ Dies ist nämlich bei all unseren Erziehungsmaßnahmen die ständige Gefahr. Und wenn es dahin kommt, dass unsere Kinder verbittert werden, hat unsere „Züchtigung“ mehr Schaden als Nutzen angerichtet. Wir haben dann nicht nur keinen Erfolg mit der Bestrafung der Übeltat gehabt, sondern haben durch unsere übertriebene Strenge erreicht, dass das Kind innerlich zornig wird, sich verhärtet und gegen uns eingenommen wird, so dass es am Ende schlimmer ist, als wenn wir die betreffende Strafe oder Erziehungsmaßnahme gar nicht erst angewandt hätten. Dies ist das eine Extrem, welches genauso falsch ist wie das Extrem, auf Zucht zu verzichten. Was wir brauchen, ist eine ausgewogene Erziehung, sind Maßnahmen, die einen positiven Effekt haben und nicht zur innerlichen Verhärtung und Verbitterung unserer Kinder führen. Wir brauchen maßvolle Erziehung und, wo Strafe nötig ist, maßvolle Bestrafung.

Wie können wir dies erreichen? Welche Erziehungsmaßnahmen dürfen Eltern anwenden – und nicht nur Eltern, sondern auch Lehrer und Erzieherinnen, kurz jedermann, der mit jungen Menschen zu tun hat und mit diesen Menschen, die jünger als er selbst sind, bestimmte Erziehungsziele verfolgt? Der Schlüssel hierzu liegt nach meiner Überzeugung in dem vorangehenden Kapitel, und zwar in Epheser 5,18, wo es heißt: „Und sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen.“ Bei der Auslegung dieser Verse sagte ich damals, dass es immer zwei Kennzeichen gibt, die auf jemanden zutreffen, der mit dem Heiligen Geist erfüllt ist: zum einen die Kraft, zum anderen die Ordnung. Geisteskraft und Geistesfülle ist immer eine Kraft, die geordnet ist und die in bestimmten Bahnen verläuft. So schreibt es ja auch der Apostel Paulus an den jungen Timotheus: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Zucht [oder: Besonnenheit]“ (2Tim 1,7).

Der Geist Gottes ist also keine unkontrollierte Kraft, sondern eine Kraft, die durch Liebe, Zucht und Besonnenheit in bestimmte Bahnen gelenkt wird. Geisteskraft und Ordnung sind Kennzeichen des geisterfüllten Christen. Ein Christ, der „voll des Geistes“ ist, unterscheidet sich damit von jemandem, der „voll des Weines“ ist. Wer voller Wein ist und sich betrunken hat, wird immer sehr stark reagieren. Einen Betrunkenen zu heftigen Reaktionen zu verleiten, ist kein Kunststück. Der Mann ist unausgeglichen und unausgewogen. Ihm fehlt die nüchterne Urteilskraft. Er regt sich über Kleinigkeiten auf und freut sich über Kleinigkeiten. Er reagiert auf nebensächliche Dinge und Umstände, als würde es sich um etwas Wichtiges handeln. Der Hauptfehler des Betrunkenen ist die ständige Überreaktion. Der geisterfüllte Christ jedoch, so sagt es Paulus, sollte nicht heftig, sondern besonnen reagieren, sollte also das genaue Gegenteil eines Betrunkenen sein.

Unsere Kinder nicht zu verbittern, sollte also bei unseren Erziehungsbemühungen immer ganz obenan stehen. Wir müssen wirklich alles daransetzen, diese jungen Menschen „nicht zum Zorn zu reizen“. Denn wenn wir als Eltern nicht in der Lage sind, uns selbst zu beherrschen, Selbstkontrolle zu üben und unser Temperament im Griff zu haben – wie wollen wir dann unseren Kindern ein Vorbild sein und sie auf ein bestimmtes Ziel hin erziehen? Ein Ding der Unmöglichkeit! Wie ich schon sagte: Genau hier liegt das Problem des Betrunkenen. Ihm fehlt die Selbstbeherrschung. „Voll des Weines“ ist er nicht in der Lage, seine Reaktionen zu mäßigen. Vielmehr wird er von seinen niederen Instinkten und Gefühlen beherrscht, denn die Kontrollmechanismen des Gehirns, ja das gesamte Entscheidungszentrum, wird durch übermäßigen Alkoholgenuss außer Kraft gesetzt. Es ist beim Alkohol wie bei anderen Rauschmitteln und -giften auch: Der Verstand und die Mäßigung werden unterdrückt; die heftigen, niederen Instinkte werden gefördert. Mangelnde Selbstbeherrschung ist die Folge. Christen jedoch sollten sich beherrschen, denn Christen werden vom Heiligen Geist Gottes bewohnt und sollten darum auch von ihm beherrscht werden.

Irgendwelche „disziplinierenden Maßnahmen“ gegenüber dem Kind sind also vollkommen sinnlos, wenn Sie sich nicht als Eltern zuerst in Selbstdisziplin geübt haben. Das Kind aus dem Affekt heraus oder gar in Wut zu strafen, richtet schlimmen Schaden an. Woher nehmen wir denn das Recht, einem Kind zu sagen, es solle sich „zusammenreißen“, wenn wir uns selbst nicht am Riemen reißen können? Der Versuch, ein Kind zur Disziplin zu erziehen, ohne sich selbst zur Disziplin erzogen zu haben, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Genau hier liegt doch bei vielen Menschen das Problem, nicht wahr? Wir brauchen uns nur umzuschauen in unseren Geschäften und auf unseren Straßen. Fast täglich begegnen wir dort entnervten Müttern, die in diesem Zustand der fehlenden Selbstbeherrschung ihre Kinder anschreien und verhauen, manchmal regelrecht zitternd vor Wut. Und was ist die Folge? Die Kinder verschließen sich und werden innerlich zornig – nur, weil die Eltern es nicht gelernt haben, sich selbst zu beherrschen.

Wir müssen also unbedingt und immer darauf achten, dass wir maßvoll und nicht unbeherrscht reagieren. Dabei spielt es keine Rolle, was vorgefallen ist. Unsere Kinder mögen uns noch so sehr gereizt haben, vielleicht „bis zur Weißglut“, aber wir haben trotzdem nicht das Recht, unbeherrscht zu reagieren. Ruhe und Besonnenheit sind gefragt, nicht die maßlose Überreaktion des Betrunkenen! Wir sollten immer versuchen, die Dinge nüchtern zu sehen. Diesen Grundsatz der Besonnenheit kann man gar nicht wichtig genug nehmen! Die gesamte Nation hat diese Tugend anscheinend verlernt. Sehen Sie sich einmal an, wie Parlamentssitzungen oder wichtige Konferenzen verlaufen! Wie oft benehmen sich die Menschen dort wie die kleinen Kinder, die sich nicht beherrschen können und viel zu heftig reagieren. Man könnte den Gedanken noch weiter fortführen: Sind maßlose Überreaktionen und fehlende Nüchternheit im Umgang der Menschen miteinander nicht oft sogar Ursachen für Kriege zwischen den einzelnen Ländern? Lassen sich nicht letztlich alle Probleme des menschlichen Lebens – von den alltäglichen Familiensorgen bis hin zu den immer häufigeren Ehescheidungen – auf solche Überreaktionen und Maßlosigkeiten zurückführen? Gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir uns als Eltern die Ermahnung des Apostels zu Herzen nehmen!

2. Auf Berechenbarkeit achten

Ich komme zum zweiten wichtigen Grundsatz, der bei der Kindererziehung zu beachten ist. Er folgt in gewisser Weise aus dem ersten: Alle unsere Erziehungsmethoden und -maßnahmen müssen berechenbar sein. Es gibt für ein Kind kaum etwas Schlimmeres als Eltern, die unsicher, unberechenbar und launisch sind. Es ist schlimm, wenn ein Kind niemals vorher weiß, wie seine Eltern auf ein bestimmtes Verhalten reagieren. Es ist schlimm, wenn Eltern „heute so und morgen so“ reagieren, wenn sie an einem Tag alles durchgehen und fünf gerade sein lassen und am nächsten Tag schon beim kleinsten Ungehorsam aus der Haut fahren. Wie soll ein Kind mit einer solchen Unberechenbarkeit fertig werden? Wie soll es wissen, wie es dran ist? Eigentlich sind launische und unberechenbare Eltern nicht viel besser als betrunkene Eltern. Wie Menschen, die „voll des Weines“ sind und deren Reaktionen man niemals vorhersehen kann, machen auch launische Eltern einem Kind das Leben schwer, denn das Kind weiß niemals, was es gerade zu erwarten hat. Es ist genau wie bei einem Betrunkenen: Sie wissen nie genau, wie der Mann reagieren wird. Mal ist er gut gelaunt, großzügig und durch nichts aus der Ruhe zu bringen; mal ist er wütend und ärgert sich über die kleinste Kleinigkeit. Nüchternheit und Ausgewogenheit kennen Menschen in einem solchen Zustand nicht. Sie sind maßlos, undiszipliniert und launisch. Und wer als Vater oder Mutter derart unberechenbar ist und in diesem Zustand versuchen will, sein Kind zu erziehen, braucht sich nicht zu wundern, wenn er keinen Erfolg hat. Das Kind wird sich verschließen und verhärten. Es geschieht genau das, wovor der Apostel Paulus warnt: Die Kinder werden„zum Zorn gereizt“ und verlieren schließlich jede Achtung und jeden Respekt vor ihren Eltern.

Dies ist nicht nur eine Frage des Temperaments und der Laune, sondern auch eine Frage des rechten Verhaltens. Wer als Elternteil in seinem Verhalten nicht konsequent ist, wer heute dies und morgen das tut, wird niemals einem Kind vernünftige Grenzen setzen können. Konsequenz ist ganz, ganz wichtig! Nicht nur konsequente Strafen bei Übeltaten der Kinder, sondern auch konsequente Lebensführung auf Seiten der Eltern. Wir sollten niemals vergessen, dass wir immer Vorbilder sind, ob wir es wollen oder nicht. Die Kinder beobachten uns ständig. Und wenn die Kinder den Eindruck haben, dass die Eltern launisch und unberechenbar sind, dass sie vielleicht selber das tun, was sie den Kindern verbieten, werden sie die Erziehungsmaßnahmen der Eltern überhaupt nicht mehr ernst nehmen! Inkonsequentes Verhalten auf Seiten der Eltern, fehlende Disziplin in der elterlichen Lebensführung, Launenhaftigkeit und Unberechenbarkeit sind Gift für eine vernünftige christliche Kindererziehung!

3. Die Seite des Kindes hören

Auch ist es von ganz entscheidender Bedeutung, dass sich die Eltern die Zeit nehmen, den Standpunkt des Kindes zu hören. Es gibt für ein Kind nichts Schlimmeres, als für irgendetwas bestraft zu werden, was es gar nicht getan hat. Auch übertriebene und ungerechtfertigt harte Strafen sind schlimm. Wer meint, als Elternteil immer im Recht zu sein und es nicht nötig zu haben, auch die Seite des Kindes zu hören, ist ein schlechter Erzieher. Woher wissen Sie denn, dass Sie alle Fakten kennen, dass Sie die Situation wirklich richtig beurteilt haben und dass es nicht doch noch ein Argument gibt, welches für das Kind spricht? Das Kind sollte immer die Gelegenheit bekommen, sich zu äußern. Dass ein Kind dieses Recht manchmal auch ausnützt, ist klar; trotzdem hat es dieses Recht, und wir sollten es ihm einräumen. Hören Sie sich an, was das Kind zu sagen hat, und bestrafen Sie es doppelt, wenn es Sie anlügt oder die Situation ausnützt, aber hören Sie es sich auf jeden Fall an! Wer dies nicht tut, handelt grausam und unverantwortlich.

Denken Sie doch nur einmal daran, wie wir im politischen Bereich reagieren, wenn sich ein Staat oder eine Regierung nicht an diese fundamentalen Rechtsgrundsätze hält. Wir alle verabscheuen Polizeistaaten und Diktaturen und sind mit Recht stolz auf unsere Habeas-Corpus-Akte [engl. Staatsgrundgesetz von 1679 zum Schutz der persönlichen Freiheit], die besagt, dass niemand ohne Gerichtsurteil verurteilt werden darf. Über politisches Unrecht regen wir uns alle sehr eloquent auf; aber geschieht nicht dasselbe immer wieder in unseren eigenen vier Wänden? Kommt es nicht viel zu häufig vor, dass ein Kind sich nicht äußern darf, dass wir ihm den Mund verbieten und es damit verunsichern, provozieren und „zum Zorn reizen“? Das Kind hat grundsätzlich ein Recht darauf, gehört zu werden!

4. Die Kinder nicht in egoistischer Weise festhalten

Noch ein weiterer Punkt ist in diesem Zusammenhang ganz wichtig. „Ihr Eltern, reizt eure Kinder nicht zum Zorn“ bedeutet auch, dass Eltern ihre Kinder nicht in egoistischer Weise festhalten dürfen. Denn wer sich an seine Kinder klammert, erreicht damit nur, dass sie verbittert werden.

Dieser Vorwurf richtet sich besonders an die Adresse solcher Eltern, die nicht erkennen oder nicht erkennen wollen, dass ein Kind eine eigenständige Persönlichkeit ist. Manche Eltern verhalten sich gerade so, als ob die Kinder ihnen gehörten, als ob sie ihr Besitz seien, mit dem sie nach ihrem Gutdünken umgehen dürfen. Solche Eltern haben nicht verstanden, was Elternschaft im biblischen Sinne eigentlich bedeutet. Sie erkennen nicht, dass uns das Leben unserer Kinder nur anvertraut ist, dass wir die Aufgabe haben, unsere Kinder zu hegen und zu pflegen, dass sie jedoch niemals unser Besitz sind. Kinder sind keine Sachen oder Güter, und Eltern sind keine Eigentümer, auch wenn sich viele Eltern so verhalten, als hätten sie ein solches Eigentumsrecht. Es ist deshalb sehr wichtig, dass Eltern die eigenständige Persönlichkeit ihrer Kinder erkennen und anerkennen. Es gibt nichts Furchtbareres als dominierende Eltern! Dominierende Eltern unterdrücken den Charakter ihres Kindes. Sie sind der Ansicht, dass das Kind dazu da ist, ihnen jeden Wunsch zu erfüllen und in erster Linie das zu tun, was sie wollen – eine Einstellung, die man nur als „Besitzergreifung“ und „Umklammerung“ bezeichnen kann. Eine solche Haltung ist eine seelische Grausamkeit, unter deren Folgen die betreffenden Kinder oft noch bis ins Erwachsenenalter zu leiden haben.

Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass die schlimmsten seelischen Probleme, regelrechte menschliche Tragödien, die mir in meiner seelsorgerlichen Tätigkeit begegnet sind, auf eine solche Einstellung der Eltern der betreffenden Person zurückzuführen waren. Ich könnte ihnen eine ganze Reihe von Fällen aufzählen, wo Eltern durch ihre Besitzergreifung das Leben ihrer Kinder völlig ruiniert haben. Ich kenne Frauen – und auch Männer –, welche aus ebendiesem Grunde nie geheiratet haben. Die Eltern hatten einen solchen psychischen Druck auf sie ausgeübt, dass sie das Gefühl hatten, Heiraten sei ein beinahe kriminelles Vergehen gegenüber ihren Eltern. Denn zu heiraten hätte bedeutet, Vater und Mutter zu verlassen; und wem man von Kindheit an eingeimpft hat, dass der Sinn des Lebens darin besteht, für Vater und Mutter da zu sein, der schreckt vor einem solchen Schritt natürlich zurück. Wie tragisch! Es war diesen „Kindern“ niemals erlaubt worden, ein eigenständiges Leben zu führen; der besitzergreifende Vater oder die besitzergreifende Mutter hatten jegliche eigenständige persönliche Entscheidung im Keim erstickt. So etwas hat mit Erziehung oder „Zucht“ überhaupt nichts zu tun. Es ist Tyrannei, und zwar Tyrannei der übelsten Sorte, und es widerspricht der Lehre der Heiligen Schrift. Eine solche besitzergreifende Umklammerung ist unentschuldbar! Sie unterdrückt die Persönlichkeit des Kindes und führt dazu, dass sich dieser Mensch innerlich verhärtet und bitter wird. Und dann passiert genau das, wovor uns der Apostel warnt: Ein Mensch verbittert innerlich und wird „zum Zorn gereizt“. Wie könnte es auch anders sein? Diese Folge tritt fast zwangsläufig ein.

Als Eltern sollten wir darum alles daransetzen, eine solche Entwicklung zu verhindern. „Saufet euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt!“, sagt Paulus. Der Vers gilt auch in diesem Zusammenhang. Denn wie verhält sich ein Betrunkener? Er hat nur seine eigenen Interessen und seine eigene Befriedigung im Sinn. Hätte er vorher darüber nachgedacht, welche Auswirkung sein Verhalten auf andere hat, so hätte er mit dem „Saufen“ gar nicht erst angefangen! Denn Trunkenheit bringt immer auch Leiden über die Mitmenschen. Es ist ein rein egoistisches Verhalten. Es ist Selbstsucht und Selbstbefriedigung. Vor dieser Art von Egoismus sollten wir uns hüten – sollten sich vor allem Eltern hüten, wenn es um die so wertvolle Beziehung zu ihren Kindern geht.

5. An das Verständnis des Kindes appellieren

Wie verhalten Sie sich nun aber, wenn Sie doch einmal den Eindruck haben: Strafe muss sein?
Sie sollten dann vor allem darauf achten, dass eine Erziehungs- oder Disziplinierungsmaßnahme niemals nur rein mechanisch und um ihrer selbst willen durchgeführt wird. Solche rigorosen, mechanischen Strafen widersprechen dem Geist der Bibel. Sie mögen vielleicht auf dem Kasernenhof angebracht sein; in der christlichen Kindererziehung jedoch haben sie nichts zu suchen. Wahrscheinlich wäre es sogar beim Militär sinnvoller, solche demütigenden Verfahren abzuschaffen und die Menschen nicht mehr nur als bloße Nummern, sondern auch als Personen und Persönlichkeiten anzusehen. In der christlichen Familie jedenfalls ist es unentschuldbar, wenn Väter ihre Kinder mit militärischer Härte strafen. Recht verstandene Strafe ist nie etwas Mechanisches. Sie ist immer sinnvoll und angemessen. Sie hat einen Grund, und dieser Grund sollte auch für das Kind einsichtig sein und ihm vermittelt werden. Das heißt: Wenn Sie Ihr Kind für etwas bestrafen, sollten Sie ihm erklären, warum Sie das tun. Denken Sie daran, dass Ihr Kind einen Verstand besitzt. Es ist kein Roboter, wo Sie irgendeinen Knopf drücken und dann ein bestimmtes Verhalten erwarten können. So etwas hat mit Strafe im biblischen Sinne nichts zu tun. Auch beim Strafen sollten wir Mensch bleiben. Wir sollten reden und erklären, nachfragen und nochmals erklären.

Sie haben es im Laufe meiner Ausführungen sicher schon bemerkt: Mir ist es sehr wichtig, dass wir in allem, was wir tun, auf das rechte Maß achten, dass wir nicht in Extreme verfallen, sondern vernünftig bleiben. Wir haben uns nicht gescheut, die Ansichten vieler unserer heutigen Zeitgenossen zu kritisieren, wonach Strafe in der Kindererziehung völlig überflüssig ist: „Überzeugen Sie Ihr Kind von dem, was richtig ist, und es wird das Richtige tun. Appellieren Sie an den Verstand, und das Kind wird den Verstand gebrauchen!“ Wir sagten, dass diese Erziehungsmethode nicht funktioniert. Aber das andere Extrem, eine Erziehung nach dem Motto „Das wird getan, weil ich es gesagt habe, und damit basta!“ ist genauso schlimm. Das rechte Maß in der christlichen Erziehung besteht darin, auch die nötige Zucht niemals statisch werden zu lassen. Sie muss immer flexibel, d.h. personenbezogen sein. Sie geht auf das Kind ein, berücksichtigt seine spezielle Situation und Persönlichkeit und sie erklärt, warum sie was tut. Das Kind muss wissen und verstehen, was geschieht. Jede Übertreibung und jede unkontrollierte Gewalt ist fehl am Platze.

Christliche Erziehung, auch wenn sie einmal Strafe bedeutet, appelliert an das Verständnis und hofft auf Verständnis.

6. Nicht zu hart bestrafen

Damit bin ich beim sechsten Punkt angelangt: Eine notwendige Strafe sollte niemals zu hart ausfallen. Ich glaube, hier liegt für viele christliche Eltern der heutigen Zeit die größte Gefahr. Sie sehen die zunehmende Gesetzlosigkeit, sind empört über die Disziplinprobleme, die allerorten zu beobachten sind, bedauern und beklagen all dies zu Recht – und machen dann den Fehler, ihrerseits in das entgegengesetzte Extrem zu verfallen und mit ihren eigenen Kindern zu streng umzugehen. Doch das Gegenteil von Disziplinlosigkeit ist nicht Härte, sondern maßvolle Zucht, ist nicht Grausamkeit, sondern Ausgewogenheit. Es gibt in diesem Zusammenhang ein altes Sprichwort, das etwas sehr Wichtiges zum Ausdruck bringt. Es ist der uralte Rechtsgrundsatz: „Die Strafe sollte sich nach dem Vergehen richten.“ Das heißt: Es ist falsch, für jedwede Art von Übertretung die gleiche Strafe zu fordern, und es ist ebenso falsch, ein nur geringfügiges Vergehen mit der höchstmöglichen Strafe zu ahnden. Eigentlich war dieser Grundsatz schon in unserer Forderung enthalten, dass eine Strafe niemals mechanisch erfolgen sollte; denn eine Strafe, die sich nicht die Mühe macht, auf die Art und Weise sowie auf die Schwere des Vergehens einzugehen, kann unmöglich irgendetwas Positives bewirken. Sie wird nur dazu führen, dass der Bestrafte den Eindruck hat, ungerecht behandelt worden zu sein. Eigentlich wird Strafe dann selbst zu einem strafwürdigen Vergehen, denn ein solches Vorgehen ist grausam und nicht heilsam oder hilfreich, wie Strafe es eigentlich sein sollte. Es entsteht dann im Herzen des Kindes der Zorn und die Verbitterung, vor der der Apostel Paulus warnt. Ein Kind, das über die Maßen hart körperlich gezüchtigt oder sonst wie bestraft wurde, wird zornig und innerlich bitter. Kinder haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie sind grundsätzlich bereit, Schuld zuzugeben, wenn sie sie einsehen. Sie merken aber auch sehr schnell, wenn ihre Eltern die Dinge übertreiben: „Was ich getan habe, war zwar falsch, aber so schlimm, wie es jetzt dargestellt wird, war es wirklich nicht!“

Man kann diese Grundsätze auf einen einzigen, einfachen Nenner bringen: Achten Sie darauf, Ihr Kind niemals zu demütigen! Wenn wir als Eltern unsere Kinder in einer Weise bestrafen, die sie demütigt, haben wir selber Strafe verdient! Deshalb: Das Kind niemals demütigen!

Natürlich werden wir ein Kind gelegentlich strafen müssen, doch dann sollte diese Strafe maßvoll und vernünftig sein, d.h., man erklärt dem Kind, warum sie nötig ist, und achtet darauf, dass es die Erklärung auch versteht. Strafen Sie niemals in einer Weise, die dem Kind das Gefühl vermittelt, seine Menschenwürde und seine Persönlichkeit sei missachtet worden, und, was am allerwichtigsten ist: Strafen und demütigen Sie es nicht in Gegenwart Dritter.

Ich weiß selbst, dass es nicht immer einfach ist, alle diese Grundsätze zu beherzigen, doch wenn wir als Christen mit dem Heiligen Geist erfüllt sind, wird der Heilige Geist uns auch in diesen Dingen beistehen und uns ein ausgewogenes Urteilsvermögen schenken. Wir werden dann in der jeweiligen Situation sehr bald merken, ob wir mit einer Strafe nur unserer eigenen Wut Luft machen oder ob sie berechtigt ist. Strafe aus dem Affekt heraus ist immer falsch.

Schlimm ist es auch, wenn wir feststellen, dass wir in irgendeiner Weise Freude daran haben, unsere Kinder zu bestrafen, wie immer diese Strafe auch aussehen mag. Vor allem sollten wir niemals – ich sagte es bereits – auf der Persönlichkeit und dem Charakter unseres Kindes „herumtrampeln“ und vergessen, dass wir es mit einem wertvollen, individuellen Menschenwesen zu tun haben. Ich glaube, dass der Heilige Geist uns besonders in dieser Beziehung warnen möchte. Immer dann, wenn wir die Persönlichkeit des anderen vergessen oder außer Acht lassen, werden wir an dem Punkt schuldig, vor dem Paulus uns so eindringlich warnt: „Reizet eure Kinder nicht zum Zorn!“ Wer in der Erziehung die Persönlichkeitsrechte des anderen missachtet, verspielt beim Kind jeden Respekt und jede Achtung. Die Kinder merken, dass sie ungerecht behandelt werden, dass sie keine Machtmittel haben, gegen diese Ungerechtigkeit anzugehen, und so sinnen sie womöglich auf Rache und werden später als Jugendliche einmal sehr rebellisch. Damit hat die Erziehung ihren Sinn verloren, und es ist niemandem geholfen. Lassen Sie uns also an diesem Punkt sehr vorsichtig sein.

7. Die Entwicklung des Kindes berücksichtigen

Damit bin ich bei meinem letzten Punkt angelangt, dem letzten auf der Liste des Negativen, d.h. dessen, was wir nicht tun sollten. Wir sollten niemals vergessen, dass Kinder sich entwickeln, dass sie größer, älter und reifer werden. Dies ist eine Tatsache, die zwar heutzutage weit mehr Beachtung findet als früher; aber es gibt auch heute immer noch Eltern, die ihre Kinder behandeln, als blieben diese bis in alle Ewigkeit Kinder. Sie mögen längst erwachsen sein, und doch werden manche Fünfundzwanzigjährige noch immer wie Fünfjährige behandelt. Die Eltern merken einfach nicht, dass dieser Mensch, den Gott ihnen in seiner Gnade für eine bestimmte Zeit lang anvertraut hat, ein Individuum ist, das sich entwickelt und heranreift. Sie übersehen, dass Charakter und Persönlichkeit sich verändern, dass der junge Mensch seinen Horizont erweitert, dass er eigene Erfahrungen macht und sich eigenes Wissen aneignet – kurz, dass er dieselben Entwicklungsstufen durchläuft, die Sie als Eltern selbst durchlaufen haben. Diese Entwicklung des Kindes ist unbedingt zu berücksichtigen, vor allem, wenn es sich um Jugendliche handelt.

Eines der größten und am schwersten zu lösenden Probleme in unserer heutigen Gesellschaft ist die Erziehung der Jugend. Jeder, der mit der Erziehung junger Menschen zu tun hat, wird ihnen dies bestätigen können. Ich habe es von Lehrern gehört, und ich habe es von den Mitarbeitern im Kindergottesdienst gehört. Immer heißt es: „Solange die Kinder noch klein sind, sind auch die Probleme noch überschaubar, doch wenn sie dann in die Pubertät kommen, wird es schwierig!“ Eltern von Jugendlichen sagen nichts anderes. Die Pubertät ist eine äußerst schwierige Zeit, und wir sind als Erzieher in diesem Abschnitt der Entwicklung eines Menschen in ganz besonderer Weise auf die Hilfe Gottes angewiesen. Er wird uns auch in dieser Zeit die nötige Gnade und das rechte Verständnis schenken.

Wichtig ist, dass wir uns als Eltern dieser Schwierigkeiten bewusst sind und dass wir uns immer wieder klarmachen, dass ein junger Mensch sich verändert und nicht mehr derselbe ist, den wir noch aus der Zeit der Kindheit in Erinnerung haben. Eltern müssen sich an diese Tatsache gewöhnen, und sie müssen ihr Handeln schon frühzeitig danach richten. Hüten Sie sich davor, Ihr Kind – und wenn es erst neun oder zehn Jahre alt ist – zu manipulieren! Widerstehen Sie der Versuchung zu dominieren, vielleicht zu denken: So habe ich es bisher immer gemacht, und so werde ich es weitermachen. Der Junge muss gehorchen lernen! Wieso wird er auf einmal so „aufmüpfig“? Ich weiß schließlich besser, was für das Kind gut ist. Sein Wille hat sich meinem unterzuordnen! Bitte denken und sagen Sie so etwas niemals! Die Folge wäre wiederum, dass das Kind bitter wird, dass es „zum Zorn gereizt“ wird. Eine solch dominierende Erziehung kann immensen Schaden anrichten, nicht nur im seelischen, sondern auch im körperlichen Bereich. Viele der heute so verbreiteten psychosomatischen Krankheiten sind auf solcherlei Erziehungsfehler zurückzuführen. Eltern können hier große Schuld auf sich laden.

Vielleicht fragen Sie sich nun voller Angst, wie Sie alle diese Fehler vermeiden können. Besonders einen Grundsatz sollten wir uns zu Herzen nehmen: Eltern sollten ihren Kindern niemals ihre eigenen Ansichten aufzwingen! Bis zu einem gewissen Alter ist dies natürlich nötig und auch richtig. Wenn man behutsam vorgeht, hat dies nur positive und keine negativen Auswirkungen auf die Kinder. Doch schon bald kommt für die Kinder die Zeit, in der sie – sei es durch die Schule, durch ihre Freunde oder die Gruppen und Vereine, in die sie gehen – andere Meinungen kennenlernen, die unter Umständen von denen der Eltern abweichen. Jetzt wird es für die Eltern schwierig. Instinktiv wollen sie dem Kind vermitteln, was richtig ist; sie wollen das Kind vor falschen Einflüssen beschützen, was ja auch verständlich ist. Aber wenn man diesem Instinkt in falscher Weise nachgibt, wird man als Eltern mehr Schaden als Nutzen bewirken. Wer zu seinem Kind sagt – oder ihm auch nur den Eindruck vermittelt –, dass es die Ansicht oder Überzeugung der Eltern übernehmen muss, nur weil es die Ansicht oder Überzeugung der Eltern (und womöglich auch noch deren Eltern) ist, handelt unverantwortlich. Das Kind wird sich dann sperren. Eine solche Erziehungsmethode ist auch überhaupt nicht biblisch! Im Gegenteil: Sie zeigt, dass derjenige, der sie anwendet, nicht verstanden hat, was im Neuen Testament über Bekehrung und Wiedergeburt gelehrt wird.

Ich möchte an dieser Stelle noch auf einen ganz speziellen Punkt hinweisen – auf einen Aspekt, der übrigens nicht nur für den christlichen, sondern auch für den allgemeinen, zwischenmenschlichen Bereich Gültigkeit besitzt. Es kommen immer wieder Menschen zu mir, die sich frisch bekehrt haben – als Erste und Einzige in ihrer Familie – und die ich dann in ihrem Eifer zur Vorsicht und zur Zurückhaltung ermahnen muss. Diese Menschen können nicht verstehen, dass ihre geliebten Familienangehörigen – seien es Vater oder Mutter, die Ehefrau oder die eigenen Kinder – die Wahrheit des christlichen Glaubens nicht so verstehen und nachvollziehen können wie sie selber. Sie werden dann ungeduldig mit ihren Lieben und neigen dazu, der restlichen Familie den christlichen Glauben aufzuzwingen oder überzustülpen.

Doch das ist ein ganz großer Fehler. Wie soll denn ein Mensch, der nicht wiedergeboren ist, den christlichen Glauben verstehen und üben können? Die Bibel macht es sehr deutlich, dass der Mensch „erleuchtet“ werden muss, bevor er glauben und verstehen kann. Wer „tot ist in Übertretungen und Sünden“, kann gar nicht glauben. Es hat darum keinen Sinn, einem anderen den Glauben aufzwingen zu wollen. Wie sollte jemand, der nicht vom Heiligen Geist erfüllt und erleuchtet ist, verstehen, was Glauben ist? „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden“ (1Kor 2,14). Viele Eltern sind an diesem Punkt einem Irrtum verfallen. Sie haben auf ihre Kinder, die vielleicht sogar schon in der Pubertät waren, eingeredet, haben versucht, ihnen ihren Glauben aufzuzwingen und haben dabei Schiffbruch erlitten. Ein solches Verhalten ist grundsätzlich falsch. Man wird es als Eltern vielleicht schaffen, die Kinder dazu zu bringen, etwas mit dem Mund zu bekennen, was sie gar nicht wirklich glauben, aber das macht die Sache nur noch schlimmer. Wir sollten also niemals versuchen, jemandem unseren Glauben aufzuzwingen.

„Aber wie sollen wir es denn machen?“, werden Sie nun vielleicht fragen. Das Einzige, was wir unternehmen können, ist der Versuch, unsere Kinder davon zu überzeugen, wie gut, wie richtig und wie vernünftig das ist, was wir selber glauben. Dabei müssen wir äußerst behutsam vorgehen und sehr geduldig mit den jungen Menschen umgehen. Kinder und Jugendliche haben ihre eigenen Schwierigkeiten und Probleme, auch wenn manche Erwachsene das nicht einsehen oder verstehen wollen. Für die jungen Menschen aber sind diese Fragen und Probleme sehr real. Wer Kinder erziehen will, muss sich ständig der Persönlichkeit des anderen bewusst sein. Er muss sich in den anderen hineinversetzen, muss versuchen, ihn zu verstehen, ihn zu lieben und ihm ein Stück des Weges entgegenzugehen. Und auch wenn unsere Kinder dies nicht honorieren, dürfen wir niemals zornig oder ungehalten werden. Es kommt alles darauf an, ruhig und besonnen zu bleiben – was allerdings nicht bedeutet, dass wir es unsere Kinder nicht wissen lassen dürften, wenn uns ihr Verhalten verletzt. Wenn sie den Glauben zunächst ablehnen, sollten sie merken, dass wir als Eltern davon überzeugt sind, dass ihnen etwas Wunderbares entgeht und dass sie uns deshalb leid tun. Gleichzeitig sollten wir ihnen immer wieder entgegenkommen und bereit sein, Konzessionen zu machen. Machen Sie so viele Zugeständnisse, wie Sie verantworten können! Hüten Sie sich davor, hart und unnachgiebig aufzutreten, nach dem Motto „Ich bin der Vater; ich habe hier zu sagen, und so und so wird es gemacht!“ Nein, kommen Sie dem Kind entgegen, gehen Sie auf es ein und erkennen Sie die Persönlichkeit und den Charakter dieses individuellen Menschenwesens an! Wenn Sie so vorgehen, wird Ihre Erziehung Frucht tragen und Gutes bewirken.

Lassen Sie mich zusammenfassen: Erziehung sollte immer in Liebe geschehen. Strafe, wo sie nötig ist, sollte ebenfalls in einem Geist der Liebe erfolgen. Wenn Sie zu einer solchen Liebe in der Erziehung nicht fähig sind, sind Ihre Erziehungsversuche von vornherein zum Scheitern verurteilt. Sie sollten dann zunächst einmal an sich selbst arbeiten. – Wenn Paulus uns auffordert, „die Wahrheit in Liebe zu reden“, so gilt dies nicht nur im allgemeinen Sinne, sondern ganz speziell auch hier in unserem Bereich der christlichen Erziehung. Erziehung muss von der Liebe gesteuert sein. Liebe muss das Hauptmotiv aller Erziehung sein. „Und saufet euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasst euch vom Geist erfüllen“, sagt der Apostel (Eph 5,18). Und wie sieht die „Frucht des Geistes“ aus? Wir finden die Antwort in Galater 5,22: „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit.“

Wenn wir als Eltern mit dem Heiligen Geist erfüllt sind, werden wir auch diese Frucht hervorbringen, und diese Frucht wird dafür sorgen, dass wir mit der Erziehung unserer Kinder zurechtkommen, in „Liebe, Freude, Friede und Geduld“ – vor allem in Liebe, ohne die alles nichts wert ist, und immer zum Besten des Kindes. Das Ziel jeder Erziehung, auch das Ziel jeder Strafe, muss das Wohl des Kindes bleiben. Es geht nicht darum, dass wir als Eltern irgendwelche Maßstäbe oder Ideale durchsetzen. „Was ich sage, wird getan!“ – eine solche Haltung ist immer falsch. Es geht nicht um uns als Eltern, sondern um unsere Kinder. Das Wohl des Kindes muss immer unser Leitmotiv sein. Und dazu ist es wichtig, dass wir verstanden haben, was Elternschaft eigentlich bedeutet. Kinder sind Menschen, die uns von Gott anvertraut worden sind, nicht, um sie in Besitz zu nehmen und nach unseren Vorstellungen und unserem Gutdünken zu formen, und nicht, um ihnen unsere Persönlichkeit aufzudrücken. So etwas ist äußerst schädlich für ein Kind! Nein, es geht um etwas ganz anderes: Die Kleinen sind uns in den Schoß gelegt worden, damit wir sie zu Jesus Christus führen. Sie sind unserer Obhut und unserer Fürsorge anvertraut worden, damit wir ihnen helfen, zum Glauben an Gott zu finden. Ein Kind ist genauso eine Persönlichkeit wie ein Erwachsener, geschickt auf diese Welt, wie auch der Erwachsene von Gott auf diese Welt geschickt wurde. Wir sollten darum unsere Kinder in erster Linie als Seelen ansehen, nicht als irgendwelche „Haustiere“, mit denen wir machen können, was wir wollen. Es geht in der Erziehung um die wertvollen Seelen kleiner Menschen, und es geht um Erwachsene, denen diese Seelen anvertraut worden sind, um sie zu hegen und zu pflegen.

Noch ein Letztes möchte ich sagen: Es geht auch darum, dass Eltern, wenn sie ihre Kinder erziehen, sie so erziehen sollten, dass diese Kinder Respekt vor ihren Eltern haben. Es ist in der Tat manchmal nötig, dass Kinder bestraft werden müssen, und es kann durchaus sein, dass die Kinder so tun, als würden sie das überhaupt nicht einsehen. Aber wenn wir als Eltern mit dem Heiligen Geist erfüllt sind, wird auch eine Strafe dazu beitragen, dass das Kind uns achtet, liebt und respektiert. Es mag es im Augenblick nicht zugeben und vielleicht schmollen, aber es wird der Tag kommen, an dem uns die Kinder dafür danken werden, dass wir sie auch bestraft haben, wenn es nötig war. Äußerlich mögen es sich die Kinder nicht anmerken lassen, aber innerlich sind sie davon überzeugt, dass wir recht haben. Sie beobachten uns Erwachsene sehr genau, und sie haben hohe Achtung vor jemandem, der konsequent ist und auch tut, was er sagt. Wenn wir uns selbst beherrschen können und nicht aus dem Affekt heraus handeln, sondern weil wir das Beste für unsere Kinder wollen, werden die Kinder dies merken und honorieren. Sie werden uns dafür dankbar sein, dass uns an ihnen gelegen ist, dass sie uns nicht egal sind, sondern dass wir uns für sie einsetzen und sie vor Abwegen bewahren wollen. Wer als Erwachsener die Kinder achtet, wird als Erwachsener auch von den Kindern geachtet werden. Und er wird nicht nur geachtet, sondern sogar geliebt werden.

„Ihr Vater, reizt eure Kinder nicht zum Zorn!“ – Lassen Sie uns über dieser Ermahnung des Apostels nicht vergessen, wie wunderbar das Leben als Familie doch sein kann! Mütter und Väter sind zusammen und bilden eine Einheit. Söhne und Töchter kommen hinzu, und diese Kinder werden von den Eltern geliebt. Doch, ach, wie wenig sieht man von dieser Liebe in unserer heutigen Zeit und Welt. Die Menschen stürzen sich Hals über Kopf in die Ehe, und fast ebenso schnell lassen sie sich wieder scheiden. Kinder sind für viele ein Hindernis. Einerseits werden sie verehrt und fast abgöttisch geliebt, andererseits werden sie angebrüllt und ausgeschimpft, oft bestraft, ohne dass sie es verdient haben und zu Hause gelassen, während die Eltern ihres Weges gehen, um sich „selbst zuverwirklichen“. Wie viele Kinder werden allein aus diesem Grunde in ein Internat gesteckt, nur damit die Eltern ihre Freiheit haben! Wie wenig denkt man dabei an das Kind und daran, was ein solcher Schritt für seine empfindliche Seele und sensible Natur bedeutet!

Solche Tragödien können nur entstehen, wenn Menschen sich nicht von den Erziehungsrichtlinien des Neuen Testaments leiten lassen. Wer sein Kind so behandelt, ist nicht „mit dem Geist erfüllt“, denn sonst würde er als Elternteil sein Kind so behandeln, wie Gott uns behandelt. Stellen Sie sich doch nur einmal vor, Gott würde mit uns Erwachsenen so umgehen, wie wir oftmals mit unseren Kindern umgehen! Wie viel anders begegnet uns doch unser himmlischer Vater. Er ist die Liebe in Person, ist voller Güte, Geduld und Langmut. Ich staune immer wieder neu über seine Geduld, über seine unendliche Liebe für uns und seine Anteilnahme an dem, was uns bewegt. Ich bin Ihm von Herzen dankbar, dass seine Geduld noch nicht zu Ende ist, dass Er uns noch immer erträgt, so wie Er damals sein Volk Israel ertragen hat.

Lassen Sie mich mit einem Vers aus dem Neuen Testament schließen, einem Vers, den ich all denjenigen mitgeben möchte, die Verantwortung tragen in der Erziehung von Kindern und jungen Menschen: „Lasst in euch die Gesinnung wohnen, die auch in Christus Jesus war“ (Phil 2,5). – Wenn Gottes Liebe in uns wohnt, werden wir unsere Kinder nicht „zum Zorn reizen“. Gott selbst wird dafür sorgen, dass die Erziehung gelingt und dass wir vor negativen Folgen, sei es für uns oder für unsere Kinder, bewahrt werden.


Aus Das Beste von Martyn Lloyd-Jones, Bd. 2, S. 67-91
zusammengestellt von Chr. Catherwood, erschienen im Verlag Liebenzeller Mission, Lahr


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