Wie ich lernte, dass Christus alles ist
Erinnerungen von J.T. Mawson

John Thomas Mawson

online seit: 05.08.2022

Leitverse: Kolosser 2,6.7; 2. Timotheus 2,1.8

Kol 2,6.7: Wie ihr nun den Christus Jesus, den Herrn, empfangen habt, so wandelt in ihm, gewurzelt und auferbaut in ihm und befestigt in dem Glauben, so wie ihr gelehrt worden seid, überströmend darin mit Danksagung.

2Tim 2,1.8: Sei stark in der Gnade, die in Christus Jesus ist … Halte im Gedächtnis Jesus Christus, auferweckt aus den Toten.

Als ich über Kolosser 2,6.7 nachdachte, erinnerte ich mich an meinen eigenen Anfang mit dem Herrn. Von frühester Kindheit an kannte ich das Evangelium, doch dann kam die Zeit, als ich Ihn annahm. „Willst du Ihm vertrauen?“ – das war die Frage, die mir gestellt wurde, und ich antwortete: „Ja.“ Ich erinnere mich, dass am folgenden Tag der Name Jesus immerzu vor mir stand. Ich schrieb ihn in großen Buchstaben und platzierte ihn dort, wo ich ihn fortwährend sehen konnte. Nicht den Segen hatte ich empfangen, sondern Christus selbst.

Damals hätte ich das alles nicht erklären können, aber heute verstehe ich: Der Geist Gottes hatte mich zu Christus geführt; ich glaubte nicht an ein Wort aus der Heiligen Schrift, sondern ich hatte eine Person empfangen, über die die Heilige Schrift spricht. Christus war für mich sehr konkret, sehr reell. Ich erkannte, dass zwischen mir und dem Herrn eine persönliche Beziehung bestand, und sehnte mich danach, Seiner in seinem Tod zu gedenken, aber ich hatte Scheu, meinen Wunsch kundzutun. Nach langem Zögern wurde mir bewusst, dass ich Zeit vergeudete und geistlich zurückfiel, denn ich bewahrte nicht sein Wort. Bisher hatte ich nur verstanden, was das Gedenken seines Todes für mich persönlich bedeutete; was es darüber hinaus bedeutete, dazu war ich noch nicht vorgedrungen. Im Gedächtnismahl ging es damals für mich um nichts anderes als darum, dass der Herr mich liebte und ich seine Liebe erwiderte, aber bis zu diesem Zeitpunkt war diese Liebe sehr real: Ich liebte Ihn und wollte gern seine Gebote halten.

Danach hatte ich den sehnlichen Wunsch, Ihm zu dienen. Ich empfand, es wäre eine große Ehre, Ihm zu dienen – Ihm, der so viel für mich getan hatte. Und ich zweifle nicht daran, dass Er mich damals dazu berufen hat, das Evangelium zu verkündigen. Irgendwann bot sich mir die erste Gelegenheit zu predigen. Ich verbrachte einige Tage damit, eine Predigt vorzubereiten: dass es klug ist, auf den Felsen zu bauen, und töricht, auf Sand zu bauen. Als ich auf dem Weg zu dem drei Meilen entfernten Ort war, wo ich predigen sollte, klang es eindringlich in meinen Ohren: „Siehe, das Lamm Gottes!“ (Joh 1,29), und ich konnte mich an meine ganze vorbereitete Predigt nicht mehr erinnern. Es war quälend, und das umso mehr, als ich bei meiner Ankunft in der Versammlung die Schriftstelle, die ich so sorgfältig studiert hatte, nicht finden konnte. Und noch immer hörte ich die Stimme in mir: „Siehe, das Lamm Gottes!“

Ein Bruder, der in meiner Nähe saß, erinnerte mich daran, dass es Zeit war, mit der Predigt zu beginnen. Ich nahm mein Gesangbuch zur Hand, und das erste Lied, auf das mein Blick fiel, war: „Siehe, das Lamm! Er trug am Kreuze meine Last“.[1] Ich war sehr ermutigt und empfand: Ich konnte darauf vertrauen, dass der Herr mir Worte geben würde, damit ich über den Text „Siehe, das Lamm Gottes!“ predigen konnte. Während ich sprach, glaubte ein alter Mann von 74 Jahren, der lange Zeit in seelischer Bedrängnis und Unruhe gelebt hatte, dem Wort Gottes und kam von der Finsternis zum Licht. Ich wurde dadurch sehr ermuntert und begann, den Weg des Herrn für mich zu erkennen. Es war, als ob Er mir durch diese Erfahrung sagen wollte: „Wenn du mir dienen willst, musst du über mich sprechen, du musst mit mir beginnen. Ich selbst muss dein Leitmotiv, dein Thema sein.“ Wieder war Er selbst es.

Ein Eifer für das Evangelium ergriff mich, und Tag und Nacht waren meine Gedanken mit dem Evangelium und mit meinem Dienst im Evangelium erfüllt. Als ich C.H. Spurgeons sehr hilfreiche und köstliche Ratschläge für Prediger[2] las, sehnte ich mich danach, die Hilfe zu bekommen, die Spurgeon mir zu geben vermochte, damit ich in der Verkündigung noch wirksamer sein konnte. Aber gerade da griff der Herr ein und führte mich einen Schritt weiter. Ein Diener Gottes besuchte unsere Stadt. In seinem ersten Vortrag sprach er über Matthäus 18,20 und betonte, dass der Herr inmitten seiner Versammlung gegenwärtig ist. Das war eine Offenbarung für mich. Nicht die Geschwister, ob sie nun freundlich waren oder nicht, machten die Versammlung zu dem, was sie war; Christus selbst gab dem Ort seinen Charakter. Wenn ich dorthin ging, dann deshalb, um Ihm im Kreis der Seinen zu begegnen, dort, wo Er die Seinen nach seinem göttlichen Recht um sich versammelte.

Ich werde nie vergessen, dass dies das Licht für meine Seele war. Ich musste mich von allen zurückziehen und allein sein, um mit dem Herrn darüber zu sprechen. Seit damals kann ich nicht verstehen, wenn Brüder sagen: „Ich gehe nicht zur Versammlung, wenn dieser oder jener dort zugelassen wird“, oder wenn sie androhen, sich zurückzuziehen, wenn nicht getan wird, was sie für richtig halten. Für mich kommt es darauf an, dass der Herr dort ist, und wenn Er dort ist, muss ich ebenfalls dort sein.

Das war zwar eine große Freude, doch bald kam ich in neue Bedrängnis: Ich musste der Tatsache ins Auge sehen, dass es Versagen gab, und musste feststellen, dass Durcheinander und Trennung viel Verwüstung angerichtet hatten in dem, was mir so gesegnet erschien und was ich als etwas betrachtet hatte, worin der Mensch niemals versagen konnte. Darüber hinaus entdeckte ich: Selbst diejenigen, von denen ich glaubte, dass sie an der Wahrheit festhielten, hatten leider versagt – und zwar in der Art und Weise, wie sie es getan hatten, und in der Geisteshaltung, die dabei offenbar wurde. Dass Parteigeist mit solch verheerenden Folgen in diesen geheiligten Bereich hineinkommen konnte, überraschte mich und war eine herzzerreißende Erfahrung für mich. Ich war zutiefst erschüttert und fragte mich, ob es nicht besser wäre, mich ausschließlich dem Evangelium zu widmen und alles andere sein zu lassen, da es unmöglich war, es zu verwirklichen.

Aber das konnte ich nicht tun. Ich hatte die Freude an Christus und an seiner Versammlung gekostet; ich empfand, dass ich daran festhalten musste. Und ich ging noch einen Schritt weiter und lernte aus dem zweiten Timotheusbrief, dass alles in Christus gegründet und sichergestellt ist. Das, was ich gelernt hatte, konnte ich festhalten, und in schweren Zeiten würde es mir wie ein Licht und ein Wegweiser sein. Ich hatte den Weg aus dem Irrgarten gefunden: Ich musste meine Augen von dem Durcheinander abwenden und „stark sein in der Gnade, die in Christus Jesus ist“ (2Tim 2,1), indem ich „Jesus Christus im Gedächtnis halte“, der, gemäß dem Evangelium des Paulus, „aus den Toten auferweckt ist“ (2Tim 2,8); und alles sollte ich anhand des Wortes Gottes und seiner Vollmacht prüfen. Und wieder war Er selbst es, der der Bedrängnis begegnete, die dadurch entsteht, weil wir alle in der Wahrheit so sehr versagen.

Ich bin diesen Dingen, die mir so deutlich gezeigt wurden, nur zögerlich gefolgt. Allein der Herr und ich selbst wissen, wie oft ich versagt habe, in dem zu wandeln, was ich als den Weg der Wahrheit erkannt hatte. Aber in seiner großen Gnade hat Er mich auf dem Weg erhalten. Und wie geduldig ist Er. Jedes Mal, wenn Er meine Seele wiederbelebt hat, dann hat Er mich wieder zur Freude an diesen Dingen zurückgeführt. Sie bleiben und werden bleiben, solange der Geist der Wahrheit auf Erden weilt.

Mir ist klar, dass alles davon abhängt, dass Christus persönlich seinen Platz hat. Wir sollen Ihn annehmen, in Ihm wandeln, in Ihm verwurzelt und auferbaut sein (Kol 2,6.7), und nur in Ihm können wir im Glauben voranschreiten. Wir mögen eine Lehre haben und für „Grundsätze“ kämpfen und uns zu Recht von dem trennen, was verkehrt ist – doch wenn das alles ist, dann verdorren wir innerlich und gefährden den Frieden unserer Brüder. Wenn wir gemeinsam in Ihm bleiben, werden wir „in Dankbarkeit überströmen“ (Kol 2,7).

Ich habe in meinem Leben viele Prüfungen erlebt. Sie sind zu persönlich, zu heilig, um sie niederzuschreiben, aber eins habe ich festgestellt: Wenn der Herr sich mir in diesen Prüfungen zugewandt hat, dann bin ich geistlich gewachsen, habe ich an geistlicher Substanz gewonnen, egal, was ich sonst verloren habe. Ich habe mühsam gelernt, dass Er zu meinem Segen und zu seiner Ehre alles und in allem sein muss. Er ist das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. Das ist Er für Gott, und das muss Er für jedes Geschöpf sein, das auf ewig gesegnet sein will. Dies ist die Lektion, die der Geist Gottes uns heute lehrt. Glücklich jeder, der sie lernt.


Engl. Originaltitel: „Christ everything“
in Scripture Truth,  Jg. 40, 1959–61, S. 184–186

Übersetzung: Gabriele Naujoks

Anmerkungen

[1] Aus dem Lied „Behold the Lamb! ʼTis He who bore my burden on the tree“ von Thomas Haweis (1732–1778).

[2] Auf Deutsch zuletzt 2016 erschienen bei Betanien. Der englische Originaltitel lautet: Lectures to my Students.

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