Das Problem der Sünde (1)
Römer 5: Adam und sein Geschlecht

Frank Binford Hole

© CSV, online seit: 18.07.2002, aktualisiert: 15.01.2018

Leitverse: Römer 5,12-21

Bis Kapitel 5 ist uns nun das Evangelium mit Bezug auf unsere Sünden vorgestellt worden. Unsere tatsächlichen Übertretungen standen dabei im Blickpunkt, und wir haben entdeckt, auf welchem Weg Gott uns von ihnen gerechtfertigt und in Seine Gunst gestellt hat. Doch in Verbindung mit unserem gefallenen Zustand musste mehr als nur diese Frage gelöst werden. Es gab da noch eine Frage, die wir die Frage der Familien oder der Geschlechter nennen können.

Vers 12

Röm 5,12: Darum, gleichwie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen und durch die Sünde der Tod, und also der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben;

Das Haupt unseres Geschlechts ist Adam, und zwar in seinem gefallenen Zustand. Denn erst nach dem Sündenfall zeugte er Söhne und Töchter. Sein Fall trat ein durch eine sündige Tat, aber diese Tat führte einen Zustand der Sünde herbei, der sein ganzes Sein durchdrang. Dadurch wurde seine geistliche Veranlagung so grundlegend verändert, dass sie sich auf alle seine Nachkommen auswirkte. Er konnte Kinder nur „in seinem Gleichnis, nach seinem Bild“ zeugen (1Mo 5,3) – dem Gleichnis und Bild eines gefallenen Menschen. Ein Erbgut dieser Art ist eine entsetzliche Tatsache, und die Schrift bezeugt dies. Bietet Gott mit dem Evangelium auch ein Heilmittel gegen diesen Gifthauch an, der sich über das Menschengeschlecht ausgebreitet hat? Hat Er eine Lösung für das Problem der Natur, aus der die sündigen Taten entspringen – für das Problem der Wurzel, die diese abscheulichen Früchte hervorbringt? Sein Heilmittel in der Frage der Früchte selbst, haben wir ja bereits in den ersten Kapiteln betrachtet.

Er hat ein Heilmittel. Die Lösung dieses Problems ist geschehen. Ab Römer 5,12 werden die Auswirkungen von dem entfaltet, was Gott in dieser Hinsicht getan hat. Was Er getan hat, wird hier nicht mit vielen Worten beschrieben, obwohl klar darauf zu schließen ist. Zugegeben, die Stelle ist etwas schwierig, und die knappen Worte tragen zu der Schwierigkeit bei. Sie wird noch erhöht dadurch, dass einige Verse in verschiedenen Übersetzungen mangelhaft wiedergegeben sind. Eine dritte Erschwernis ergibt sich daraus, dass diese Seite des Sündenproblems allzu oft übersehen wird, und wo das der Fall ist, da sinken wir in Wasser ein, die uns nicht vertraut sind, und verlieren den Boden unter den Füßen.

Zunächst wollen wir beachten, dass die Verse 13-17 eine Einschaltung bilden. Damit das leichter zu erkennen ist, sind sie in verschiedenen Übersetzungen in Klammern gesetzt. Um den Sinn zu erfassen, lesen wir von Vers 12 bis Vers 18. Wir sehen dann, dass der wesentliche Gehalt der Stelle in dem Gegensatz liegt zwischen einem Menschen, der gesündigt hat und andere in die Folgen seiner Übertretung hineinzog, und einem anderen, der Gerechtigkeit vollbrachte und andere unter deren gesegnete Wirkungen brachte. Die ganze Schriftstelle betont einen krassen Gegensatz zwischen Adam auf der einen und Christus auf der anderen Seite. Wenn Adam als Haupt einem gefallenen Geschlecht vorsteht, das dem Tod und der Verdammnis unterworfen ist, sehen wir in Christus das Haupt eines neuen Geschlechts, das in Gerechtigkeit und Leben dasteht.

Was Gott getan hat, können wir daher so umschreiben: Er hat in dem Herrn Jesus Christus ein neues Haupt für Menschen erweckt. Bevor Er formell den Platz als Haupt einnahm, vollbrachte Er eine vollkommene Gerechtigkeit durch Gehorsam bis zum Tod. Kraft Seines Todes und Seiner Auferstehung stehen Gläubige nicht länger in Verbindung mit Adam, sondern mit Christus. Sie sind sozusagen Christus eingepflanzt worden. Sie sind nicht länger in Adam, sondern „in Christus“. Das ist die grundlegende Tatsache, die in unserem Schriftabschnitt angedeutet wird und deren herrliche Folgen sorgfältig ausgearbeitet werden.

Vers 18

Röm 5,18: … also nun, wie es durch eine Übertretung gegen alle Menschen zur Verdammnis gereichte, so auch durch eine Gerechtigkeit gegen alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens.

Blicken wir noch einmal auf die Verse Römer 5,12.18 und 19, besonders auf Vers 18. In der Elberfelder Übersetzung lautet der Vers: „Also nun, wie es durch eine Übertretung gegen alle Menschen zur Verdammnis, so auch durch eine Gerechtigkeit gegen alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens“ (Röm 5,18). Dabei ist „gegen alle Menschen“ in beiden Fällen die bessere Übersetzung als „über alle Menschen“ oder „für alle Menschen“, denn das Verhältniswort hier bezeichnet die Richtung. Der Gegensatz besteht zwischen der einen Übertretung Adams, mit der Folge, dass allen Menschen die Verdammnis drohte, und der einen Gerechtigkeit Christi, die Er in Seinem Tod vollendete, mit der Folge, dass für alle Menschen die Tür zur Rechtfertigung des Lebens geöffnet wurde.

Wenn wir noch einige Augenblicke in Ruhe darüber nachdenken, werden wir wahrscheinlich selbst bemerken, dass – obwohl alle Menschen unter die Verdammnis gekommen sind – durchaus nicht alle zur Rechtfertigung gelangen. So ist es auch, denn Vers 18 stellt lediglich die allgemeine Richtung der Jeweiligen Handlungen fest, und es ist wahr, dass nach Gottes Absicht der Tod Christi für alle ist.

Vers 19

Röm 5,19: Denn gleichwie durch des einen Menschen Ungehorsam die Vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden.

Der nächste Vers beschreibt die tatsächlichen Ergebnisse des Ungehorsams Adams wie des Gehorsams Christi, und nur noch viele – genauer „die Vielen“ – sind im Blickfeld.

Unter den „Vielen“ verstehen wir solche, und nur solche, die ihrem jeweiligen Haupt zugehören. Im Fall Adams umfassen „die Vielen“ natürlich alle Menschen, denn von Natur gehören wir alle zu seinem Geschlecht. Handelt es sich aber um Christus, dann gehören nicht alle Menschen zu Seinem Geschlecht, sondern allein alle Gläubigen. Durch den Ungehorsam Adams sind alle Menschen Sünder geworden. Alle Gläubigen aber sind durch den Gehorsam Christi, der bis in den Tod führte, Gerechte geworden.

In den drei Versen, die wir betrachten, haben wir also diese Reihenfolge. Auf der einen Seite: den einen Menschen Adam, eine Übertretung, alle Menschen in der Stellung von Sündern, alle sündigen, folglich sind sie alle unter dem Tod und der Verdammnis. Auf der anderen Seite: den einen Menschen Christus, eine Gerechtigkeit im Gehorsam bis in den Tod, solche, deren Haupt Er ist, sind in die Stellung von Gerechten gesetzt in Rechtfertigung des Lebens.

Vers 13

Röm 5,13: … (denn bis zu dem Gesetz war Sünde in der Welt; Sünde aber wird nicht zugerechnet, wenn kein Gesetz ist.

Beachten wir nun die fünf eingeschalteten Verse. Die ersten beiden begegnen einer Schwierigkeit, die bei denen aufkommen konnte, die mit dem Gesetz sehr vertraut waren. Adam sündigte gegen ein ausdrückliches Gebot. Darum war seine Sünde eine Übertretung. Danach vergingen etwa 2.500 Jahre, bis das Gesetz Mose gegeben wurde, nun wurde es wieder möglich zu übertreten. Zwischen diesen beiden Zeitpunkten gab es keine Übertretung, denn es gab kein Gesetz, das man hätte übertreten können.

Vers 14

Röm 5,14: Aber der Tod herrschte von Adam bis auf Mose, selbst über die, welche nicht gesündigt hatten in der Gleichheit der Übertretung Adams, der ein Vorbild des Zukünftigen ist.

Dennoch war Sünde überall anzutreffen, das zeigte sich dadurch, dass der Tod überall herrschte. Der praktische Unterschied liegt darin, dass Sünde nicht „zugerechnet“ wird, wenn kein Gesetz da ist: das heißt, sie wird uns nicht in derselben Weise angerechnet. Nur solche, die das Gesetz gekannt haben, werden nach dem Gesetz gerichtet werden, wie wir in Römer 2 gesehen haben.

Vers 15

Röm 5,15: Ist nicht aber wie die Übertretung also auch die Gnadengabe? Denn wenn durch des Einen Übertretung die Vielen gestorben sind, so ist vielmehr die Gnade Gottes und die Gabe in Gnade, die durch einen Menschen, Jesus Christus, ist, gegen die Vielen überströmend geworden.

Dies vorausgesetzt, bleibt es dennoch wahr, dass Sünde und Tod weltumfassend geherrscht haben. Die gesamte Nachkommenschaft Adams ist in seinen Sündenfall einbezogen. Weil dies so ist, wird in den Versen Römer 5,15-17 der Gegensatz zwischen Adam und Christus herausgearbeitet. Jeder Vers enthält eine besondere Einzelheit, doch der hauptsächliche Gedanke kommt am Anfang von Vers 15 zum Ausdruck, dass nämlich die freie Gnadengabe in Christus in keiner Hinsicht hinter der Übertretung Adams zurückbleibt, sondern in der Tat noch darüber hinausgeht.

In Vers 15 heißt es zweimal „die Vielen“, ebenso wie wir es in Römer 5,19 fanden. Gemeint sind auch hier die Familien von Menschen, die unter ihrem jeweiligen Haupt gesehen werden, sei es Adam oder Christus. Ersterer brachte den Tod über alle, deren Haupt er ist, und das bedeutet tatsächlich über alle Menschen ohne Ausnahme. Jesus Christus führte die Gnade Gottes ein und die freie Gabe der Gnade für die Vielen, die als Geschlecht unter Ihm stehen, das sind alle Gläubigen.

Vers 16

Röm 5,16: Und ist nicht wie durch Einen, der gesündigt hat, so auch die Gabe? Denn das Urteil war von einem zur Verdammnis, die Gnadengabe aber von vielen Übertretungen zur Gerechtigkeit.

Vers 16 stellt den Gegensatz zwischen Verdammnis und Rechtfertigung heraus. In dieser Verbindung übersteigt die Gabe die Sünde. Die Verdammnis kam durch eine Sünde. Die Rechtfertigung wurde triumphierend durch die Gnade erwirkt trotz vieler Übertretungen.

Vers 17

Röm 5,17: Denn wenn durch die Übertretung des Einen der Tod durch den Einen geherrscht hat, so werden vielmehr die, welche die Überschwänglichkeit der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den Einen, Jesus Christus);

Einem weiteren Gegensatz begegnen wir in Römer 5,17. Verdammnis und Rechtfertigung im vorhergehenden Vers könnten wir die unmittelbaren Folgen nennen. Jeder, der unter das Familienhaupt Adam kommt, steht auch sofort unter Verdammnis. Jeder, der unter das Familienhaupt Christus kommt, empfängt unmittelbar die Rechtfertigung. Was aber ist jeweils das Endergebnis? Das Endergebnis der Sünde Adams war die umfassende Herrschaft des Todes über seine Nachkommen. Das Endergebnis des Werkes der Gerechtigkeit, das Christus vollbrachte, bringt all den Seinen überströmende Gnade und als freie Gabe Gerechtigkeit, so dass sie im Leben zu herrschen vermögen. Nicht nur wird Leben herrschen, sondern wir werden Im Leben herrschen. Welch eine überaus erstaunliche Tatsache! Da verwundert es uns nicht, dass diese unentgeltliche Gabe die Übertretungen übersteigt, wie Vers 17 sagt.

Vers 20

Röm 5,20: Das Gesetz aber kam daneben ein, auf dass die Übertretung überströmend würde. Wo aber die Sünde überströmend geworden, ist die Gnade noch überschwänglicher geworden.

Die Verse Römer 5,20 und 21 wiederholen und fassen zusammen, was wir soeben gesehen haben. Das Gesetz kam daneben hinzu, um die Sünde des Menschen völlig offenbar zu machen. Sünde gab es zu aller Zeit, aber erst mit dem Gesetz wurde sie als wirkliche Übertretung sichtbar, und die Übertretung, die als solche ausdrücklich dem Menschen zur Last gelegt wurde, wurde überströmend. Dem Gesetz folgte nach einer angemessenen Zeit die Gnade, die uns in Christus erreichte. Wir können daher drei Stufen unterscheiden. Als erste das Zeitalter vor dem Gesetz, wo es Sünde gab, aber nicht in dem Charakter von Übertretung. Zweitens die Zeit des Gesetzes, wo die Sünde überströmte, ja, gleichsam die Gipfel des Himalaja erreichte. Drittens die Einführung der Gnade durch Christus – einer Gnade, die wie eine mächtige Flut anstieg, bis über die Berge der menschlichen Sünde hinaus.

Vers 21

Röm 5,21: … auf dass, gleichwie die Sünde geherrscht hat im Tode, also auch die Gnade herrsche durch Gerechtigkeit zu ewigem Leben durch Jesus Christus, unseren Herrn.

Im Evangelium ist die Gnade nicht nur überströmend, sondern sie herrscht. Wir, die wir geglaubt haben, sind unter den wohltuenden Einfluss der Gnade gekommen. Diese Gnade herrscht durch Gerechtigkeit, wie ja auch das Kreuz vorrangig ein Werk der Gerechtigkeit war. Und das herrliche Ziel und die Vollendung von allem ist das ewige Leben. Hier beginnt sich der grenzenlose Ausblick in die Ewigkeit vor uns zu öffnen. Wir erblicken den Strom der Gnade. Wir sehen den Kanal der Gerechtigkeit – bereitet durch das Werk am Kreuz –, in dem die Gnade fließt. Und schließlich sehen wir den grenzenlosen Ozean des ewigen Lebens, in den sie einmündet.

Und alles ist „durch Jesus Christus, unseren Herrn“. Alles ist durch Ihn gewirkt worden. Er ist das Haupt, dem wir als Gläubige unterstehen, und folglich der Urquell, aus dem alle diese Segnungen für uns strömen. Dass sie uns zufallen, hat seinen Grund darin, dass wir in Seinem Leben sind. Unsere Rechtfertigung ist eine Rechtfertigung des Lebens, denn in Christus haben wir ein Leben, das jede Möglichkeit der Verdammnis ausschließt – ein Leben, in dem wir nicht nur von allen unseren Übertretungen freigesprochen sind, sondern auch aus der Stellung von Sündern herausgebracht sind, in der wir uns früher, als mit Adam verbunden, befanden.

Nächster Teil


Aus Grundzüge des Neuen Testamentes, S. 31–36
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