Rechtfertigung – durch die Gesetzeserfüllung Christi?
Römer 3,20,21; 4,25; 5,12-21

Frank Binford Hole

© Beröa-Verlag, online seit: 02.02.2005, aktualisiert: 14.01.2018

Leitverse: Römer 3,20.21; 4,25; 5,12-21

Röm 3,20.21: Darum, aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde. Jetzt aber ist, ohne Gesetz, Gottes Gerechtigkeit offenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten … [Christus Jesus], den Gott dargestellt hat als ein Sühnmittel durch den Glauben an sein Blut, zur Erweisung seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden …

Gerechtfertigt sein heißt, von jeder Schuld, die uns zur Last gelegt werden konnte, befreit sein. Dass das die Bedeutung ist, geht klar aus den Worten des Paulus in Apostelgeschichte 13,39 hervor: „Von allem, wovon ihr im Gesetz Moses nicht gerechtfertigt werden konntet, wird in diesem (Jesus) jeder Glaubende gerechtfertigt.“ Das Gesetz konnte uns mit vollem Recht anklagen. Es konnte uns Sünden zur Last legen und eine gerechte Verurteilung über uns bringen. Nur durch Christus kann der Glaubende gerechterweise von jedem Anklagepunkt freigesprochen werden, so dass das Verdammungsurteil von ihm weggenommen ist.

Verdammnis ist also der Zustand und die Stellung, aus denen wir herauskommen, wenn wir gerechtfertigt sind. Sie ist offensichtlich das Gegenteil von Rechtfertigung, gerade wie Schuld das Gegenteil von Vergebung ist. Aber Rechtfertigung, wie sie uns in der Schrift vorgestellt wird, bedeutet mehr als unsere völlige und gerechte Befreiung von der Verdammnis, unter der wir lagen, was man als negative Segnung bezeichnen könnte. Sie schließt unsere Stellung vor Gott in Christus mit ein, in einer Gerechtigkeit, die positiv und göttlich ist.

Wir müssen uns da wieder dem Römerbrief zuwenden. In Römer 3,19 lesen wir, dass „die ganze Welt“ vor Gott für schuldig erklärt wurde. Im 20. Vers finden wir, dass das Gesetz nur überführen kann: Es gibt für uns darin keine Rechtfertigung (Röm 3,20). Im 21. Vers beginnt die Darlegung des Weges Gottes zur Rechtfertigung des Gottlosen (Röm 3,21).

Da „alle gesündigt haben und die Herrlichkeit Gottes nicht erreichen“, ist es nicht überraschend, dass Gott Seine Gerechtigkeit offenbart. Nachdem der Mensch seine Sünde in ihrer ganzen Schwärze geoffenbart hat, war zu erwarten, dass Gott im Gegensatz dazu Seine Gerechtigkeit in all ihrem Glanz offenbaren würde, indem Er den Sünder verurteilte und Sich so vom kleinsten Verdacht entlastete, dass Er die Sünde irgendwie entschuldigen könnte. Doch wunderbar ist die Tatsache, dass Gottes Gerechtigkeit jetzt in solcher Weise geoffenbart wurde, dass sie „gegen alle und auf alle, die da glauben“, kommt. Gerechtigkeit, Gottes Gerechtigkeit, streckt sozusagen ihre Hände wohlwollend allen Menschen entgegen, statt sie drohend anzublicken; und was die Glaubenden betrifft, kommt sie wie ein Mantel auf sie herab, so dass sie damit bekleidet in der Gegenwart Gottes stehen. Und all das geschieht, ohne dass die Gerechtigkeit irgendwie ihre eigene Wesensart verlieren oder aufhören würde, das zu sein, was sie ist.

Wenn wir das zum ersten Mal hören, könnten wir mit dem Ausruf reagieren: Unmöglich! So etwas ist ganz unmöglich! – Wir könnten geneigt sein, verstandesmäßig zu überlegen, dass Gnade zwar so handeln könnte, aber auf Kosten der Gerechtigkeit; der Gerechtigkeit selbst wäre dies nie möglich. Und doch handelt die Gerechtigkeit so, seit sie in Christus geoffenbart worden ist, der von Gott als ein „Sühnungsmittel“ oder „Gnadenstuhl“ dargestellt wurde (Röm 3,25). Als Sein Blut am Kreuz floss, wurde das Gegenbild des blutbesprengten Sühnedeckels der Stiftshütte erfüllt. Die Erlösung wurde „in Christus Jesus“ vollbracht (Röm 3,24), und die größte Entfaltung göttlicher Gerechtigkeit, die das Weltall je sehen wird, fand statt. Bald wird die Gerechtigkeit Gottes im Gericht und ewigen Verderben der Gottlosen geoffenbart werden. Jene feierlich ernste Stunde wird dann Zeuge einer bedeutungsvollen Darstellung göttlicher Gerechtigkeit sein und doch nicht so unergründlich und wundervoll, wie damals in der noch ernsteren Stunde, als Gott Seinen eigenen fleckenlosen Sohn an unserer Stelle richtete und leiden ließ. Das Kreuz Christi wird in alle Ewigkeit die größte Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes bleiben. Es offenbarte natürlich ebenso sehr Seine Liebe, wie Römer 5,8 erklärt; aber ohne die Offenbarung Seiner Gerechtigkeit hätte es auch Seine Liebe nicht kundmachen können.

Der Tod Christi hat die Gerechtigkeit Gottes in zweifacher Weise entfaltet: Erstens, in Bezug auf Sein Handeln gegenüber den Sünden der alttestamentlichen Gläubigen (Röm 3,25), und zweitens gegenüber den Sünden der Gläubigen in der jetzigen Zeit (Röm 3,26). Bevor Christus kam, übte Gott Nachsicht hinsichtlich der Sünden Seines Volkes, obwohl Er dafür noch nicht durch eine vollkommene Sühnung befriedigt worden war. In der jetzigen Zeit rechtfertigt Er den, der an Jesus glaubt. Geschah dieses ganze Handeln Gottes in absoluter Gerechtigkeit? Ganz gewiss, und der Tod Christi bezeugt es, indem er zeigt, dass Gottes Tun völlig gerechtfertigt war, als Er die Sünden während der alttestamentlichen Zeit „hingehen ließ“, wie Er auch gerecht ist, wenn Er den Gläubigen heute rechtfertigt.

Der Tod Christi war in erster Linie die Darbringung Seiner Selbst für Gott, als ein Opfer von unendlichem Wert und Wohlgeruch. Dadurch wurde Sühnung bewirkt, so dass die Ansprüche göttlicher Gerechtigkeit vollkommen befriedigt und der Beweis erbracht wurde, dass die ganze Angelegenheit der Sünde des Menschen geordnet war.

In zweiter Linie jedoch brachte Er Sein Opfer für uns, d.h. für alle wahren Gläubigen, dar. Diese haben das Recht, den Erlöser als ihren Stellvertreter zu betrachten und Römer 4,25 statt in der Mehrzahl in der Einzahl auf sich anzuwenden und zu sagen: Er ist „meiner Übertretungen wegen dahingegeben und meiner Rechtfertigung wegen auferweckt worden“. Um unserer Sünden willen ist Er dem Tod und Gericht überliefert worden, und unserer Rechtfertigung wegen wurde Er aus den Toten auferweckt.

Es gibt viele, die in dieser Beziehung das Evangelium entzweischneiden und den zweiten Teil zu ihrem eigenen großen Verlust unbeachtet lassen. Man kann die Freude völliger Gewissheit nicht genießen, wenn man die Bedeutung der Auferstehung Christi übersieht. Wohl hat Er in Seinem Tod unsere Sünden und deren Strafe ganz getragen, aber erst durch Seine Auferstehung wird erklärt und bewiesen, dass wir freigemacht sind. Wem dieser zweite Teil nicht klar ist, der kennt keinen wahren Frieden.

Lasst uns dies an einem Beispiel veranschaulichen. Nehmen wir an, ein Mann sei für ein Vergehen zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Einem andern wird gestattet, an dessen Stelle die Strafe zu verbüßen. Wenn sich die Gefängnistüren hinter dem Stellvertreter schließen, kann der Schuldige, der sich draußen in Freiheit befindet, von seinem Freund wohl ausrufen: „Er sitzt wegen meines Vergehens im Gefängnis“, aber weiter kann er im Augenblick nicht gehen. Es wäre zu früh, hinzuzufügen: „… und deshalb ist es unmöglich, dass ich jemals noch als Strafe für das, was ich getan habe, das Innere dieses Gefängnisses sehe.“

Was geschähe, wenn sein guter Freund nach zwei Monaten sein Leben aushauchte und vier Monate des Strafvollzugs ausstehend ließe? Die Behörden würden gerechterweise den ursprünglichen Täter festnehmen und verlangen, dass er die restliche Zeit selbst absitze.

Anders wäre es, wenn er eine Woche vor Ablauf der sechs Monate plötzlich seinem gutmütigen Stellvertreter auf der Straße begegnete. Wenn er auf seine Verwunderung hin von seinem Freund erführe, dass diesem aufgrund seines tadellosen Verhaltens ein kleiner Teil der Strafe erlassen sei, wäre er wirklich ein freier Mann. Jetzt könnte er sagen: Siehe da, du bist zu meiner Rechtfertigung aus dem Gefängnis entlassen worden! – Er überlegte mit Recht: Wenn er aus dem Gefängnis entlassen und jeder Verpflichtung enthoben ist, vollständig entlastet, was mein Vergehen betrifft, dann ist meine Schuld getilgt, ich bin frei, ich bin entlastet! 

In diesem Licht gesehen ist die Auferstehung Christi die göttliche Erklärung des völligen Freispruchs für jeden, der an Ihn glaubt. Aber sie ist selbstverständlich noch viel mehr.

Nachdem dieses gesagt ist, müssen wir jetzt beachten, dass Gott Selber nicht nur der Ursprung unserer Rechtfertigung ist, sondern auch Der, welcher uns rechtfertigt. „Gott ist es, welcher rechtfertigt“ (Röm 8,33). Das Urteil gegen uns als Sünder kam von Seinen Lippen. Und von Seinen Lippen kommt auch die Erklärung, dass wir freigesprochen sind, wenn wir an den Herrn Jesus glauben. Unsere Rechtfertigung ist daher vollständig und unwiderruflich. Niemand kann uns verdammen.

Aber von unserer Seite ist Glauben nötig, denn nur die Glaubenden werden gerechtfertigt. In diesem Sinn sind wir „aus Glauben gerechtfertigt“ (Röm 5,1). Nur wenn wir uns im „Glaubensgehorsam“ unserem Herrn Jesus anvertrauen, kommen wir in den Genuss Seines Werkes. Er ist nur „allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden“ (Heb 5,9). Der Glaube ist das Bindeglied, das uns mit Ihm und den rechtfertigenden Verdiensten Seines Blutes verbindet.

In Römer 5,18 wird uns ein weiterer Gedanke in Bezug auf Rechtfertigung vorgestellt. In fast allen ändern Stellen, wo Rechtfertigung erwähnt wird, steht sie in Beziehung zu unseren Sünden – „von vielen Übertretungen zur Gerechtigkeit (oder Rechtfertigung: Fußnote)“, wie Römer 5,16 sagt. Im 18. Vers wird uns dagegen eine andere Seite gezeigt. Dort geht es um die Sünde als Wurzel statt um die Sünden als Frucht. Die eine Gerechtigkeit des Kreuzes gereicht „gegen alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens“ (Röm 5,18). Um diesen Satz zu verstehen, muss man den ganzen Abschnitt – von Römer 5,12-21 – betrachten. Von Natur aus stehen alle Menschen in Beziehung zu Adam als dem Haupt und Ursprung ihres Geschlechts. Durch Gnade und durch den Tod und die Auferstehung Christi stehen alle Gläubigen in lebendiger Verbindung mit Ihm als dem Haupt und Ursprung dieses geistlichen Geschlechts, zu dem sie jetzt gehören. Sie sind, wenn man so sagen darf, in Christus eingepfropft und Teilhaber Seines Lebens und Seiner Natur. Und „in dem Leben Christi“ sind sie rechtlich freigemacht von allen Folgen, die früher „in dem Leben Adams“ auf ihnen lagen. Das ist eine wunderbare Tatsache, die wir oft übersehen.

Rechtfertigung, wie sie der Römerbrief uns vorstellt, bedeutet also nicht nur völligen Freispruch von aller Schuld und der Verdammnis, die mit der gefallenen adamitischen Natur verbunden sind, sondern durch Gottes Werk stehen wir in Christus auch als aus den Toten auferstanden da. Gepriesen sei Gott für eine solche Befreiung!

Es wurde keine Anspielung darauf gemacht, dass die Gerechtigkeit Christi uns zugerechnet werde. Warum?

Weil dieser Gedanke in der Schrift nicht gefunden wird. Es ist nicht schwierig, die Gerechtigkeit Christi darin zu finden. Sie war absolut vollkommen, und deshalb konnte Er Sich als „das Lamm ohne Flecken“ für uns zum Opfer stellen. Aber wir sind durch Sein Blut gerechtfertigt, nicht durch Sein vollkommenes Leben. Er starb für uns, aber es wird nirgends gesagt, dass Er für uns das Gesetz hielt. Hätte Er das getan, so stünden wir schließlich nur in einer gesetzlichen Gerechtigkeit vor Gott, d.h. in einer Gerechtigkeit, die nur so weit geht wie das Halten des Gesetzes Mose. Dann wäre unsere Gerechtigkeit vor Gott gerade diese Gerechtigkeit des Gesetzes, von der Mose spricht (siehe Röm 10,5), wenn auch nicht durch uns, so doch durch Christus zu unseren Gunsten bewirkt.

Aber Gerechtigkeit wird doch zugerechnet, denn wir lesen in Römer 4: „Und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet“ (Röm 4,3), und: „welchem Gott Gerechtigkeit ohne Werke zurechnet“ (Röm 4,6). Was bedeuten denn diese Ausdrücke?

Wenn wir dieses Kapitel sorgfältig lesen, werden wir feststellen, dass der Ausdruck „zurechnen“ oft vorkommt. „Abraham glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.“ Das heißt, Gott betrachtete ihn aufgrund seines Glaubens als gerecht. Ob es sich nun um Abraham im Alten Testament handelt oder in der heutigen Zeit um Gläubige, die ihr Vertrauen auf Christus setzen; Römer 4 zeigt uns, dass es nur einen Weg gibt, um vor Gott, dem Richter aller, gerecht dazustehen: durch Glauben, ohne Werke. Beachten wir es gut: „ohne Werke“! Nicht einmal die vollkommenen Werke Christi zählen hier, obwohl sie alle in Gerechtigkeit vollbracht wurden. Das ist ein weiterer Beweis, falls ein solcher noch nötig wäre, dass wir nicht gerecht gemacht wurden, weil uns Sein Halten des Gesetzes irgendwie angerechnet wird. Das Einzige, was uns zugutekommt, ist Sein Tod und Seine Auferstehung. Das wird im ganzen Kapitel gezeigt und im letzten Vers deutlich ausgedrückt (Röm 4,25).

Dieser Vers wird manchmal so ausgelegt, dass, so wie der Herr Jesus starb, weil wir Sünder waren, Er auch auferweckt wurde, weil wir durch Seinen Tod gerechtfertigt worden seien. Ist diese Ansicht richtig?

Man braucht nur im 5. Kapitel weiterzulesen, um festzustellen, dass dies nicht stimmt. Unsere Kapiteleinteilungen sind Menschenwerk und trennen oft zusammenhängende Gedanken. Das ist hier der Fall. Er ist „unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden. Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott“ (Röm 4,25).

Die erwähnte Auslegung sagt, unsere Rechtfertigung sei durch den Tod Jesu vollbracht worden, und Seine Auferstehung sei die Folge davon. Das schließt aber unseren Glauben ganz aus der Frage aus; und nach dem ersten Vers von Kapitel 5 kann unser Glaube nicht ausgeklammert werden. Sein Tod geschah im Blick auf unsere Sünden und ist die Grundlage zu unserer Rechtfertigung, aber das ist eine andere Sache.

Seine Auferstehung war in erster Linie die Bestätigung der gesegneten Tatsache, dass Er, der Sich unter dem Gewicht des Gerichtes Gottes über die Sünde so tief erniedrigte, nun für immer davon befreit ist. Sie geschah in zweiter Linie im Blick auf die Befreiung all derer, die an Ihn glauben. Das haben wir soeben zu zeigen und zu veranschaulichen versucht. Er wurde im Blick auf unsere Sünden dem Tod überliefert. Er wurde im Blick auf unsere Rechtfertigung auferweckt. Aber die Rechtfertigung gilt für jeden Einzelnen erst, wenn er persönlich glaubt.


Aus dem Buch Das große Heil Gottes, Beröa-Verlag, 2. Auflage 1990, S. 17–26


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