Der Wert des Todes Christi (8)
Was ist die Grundlage unserer Rechtfertigung?

Dirk Schürmann

© SoundWords, online seit: 15.02.2004, aktualisiert: 31.07.2018

Leitverse: Römer 3,20-26

Röm 3,20-26: Darum, aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde. Jetzt aber ist, ohne Gesetz, Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten: Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus gegen alle und auf alle, die da glauben. Denn es ist kein Unterschied, denn alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes, und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christo Jesu ist; welchen Gott dargestellt hat zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben an sein Blut, zur Erweisung seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden unter der Nachsicht Gottes; zur Erweisung seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist.

Einleitung

In diesem Artikel soll ganz besonders auf die Frage eingegangen werden, ob unsere Rechtfertigung abhängig ist von dem Gehorsam Christi in der Erfüllung des Gesetzes, wie dies heute in einigen reformatorischen Kreisen gelehrt wird.

Obwohl sich solche, die diese Lehre vertreten, manchmal auf die Reformation stützen, zeigt sich doch, dass diese Lehre damals – zumindest teilweise – abgelehnt wurde. Obwohl natürlich die Lehre der Reformatoren für den Gläubigen keine ausschlaggebende Bedeutung an sich hat – er ist allein dem Wort Gottes verantwortlich –, so ist es doch interessant, die Entwicklung einmal nachzuverfolgen.

Die Grundlage der Rechtfertigung zur Zeit der Reformatoren

Luther

Deswegen beginnt Paulus jetzt von neuem das Gesetz zu behandeln und definiert, was es ist. Dabei nutzt er das, was er zuvor gesagt hatte: zu bezeugen, dass das Gesetz nicht rechtfertigt. Es gibt kein Gesetz, sagt er, dass in sich selbst notwendig wäre für die Rechtfertigung. Wenn wir daher solche Punkte behandeln wie Gerechtigkeit, Leben und ewiges Heil, dann muss das Gesetz völlig außerhalb des Gesichtsfeldes bleiben, als wenn es das niemals gegeben hätte oder niemals sein könnte, sogar als wenn es überhaupt nichts bedeuten würde. Denn in der Angelegenheit der Rechtfertigung kann niemand das Gesetz weit genug wegschieben oder die einzig Verheißung Gottes genügend betrachten. (Luther’s Commentary on Epistle to the Galatians, Kapitel 3, S. 19)

Leider findet sich auch schon bei Luther eine unklare Haltung:

Zu Vers 33 [Röm 9,33]: Denn die Gerechtigkeit Christi geht an den über, der an ihn glaubt, und die Sünde des Gläubigen geht an Christus über, an den er glaubt. Daher kann die Sünde bei einem Gläubigen keinen Bestand haben, genauso wenig wie sie bei Christus überdauern kann [Martin Luther: Vorlesung über den Römerbrief (1515/1516), S. 190. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 639 (vgl. Luther-W Bd. 1, S. 222) (c) Vandenhoeck und Ruprecht].

Diese Gnade und unaussprechlicher Segen ist vor Zeiten Abraham verheißen worden, 1. Mose 12,3; 22,18: „In deinem Samen (das heißt in Christus) sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“; und Jesaja 9,5: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.“ Er sagt „uns“, denn er ist der Unsere ganz mit allen seinen Gütern, wenn wir an ihn glauben; wie Römer 8,32 sagt: „Er hat seines eigenen Sohnes nicht verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben; wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Darum ist alles unser, was Christus hat, uns Unwürdigen aus lauter Barmherzigkeit umsonst geschenkt, obwohl wir doch vielmehr Zorn und Verdammnis, wie auch die Hölle verdient hätten. Deshalb ist auch Christus selbst, der sagt, dass er gekommen sei, den heiligen Willen seines Vaters zu tun (vgl. Joh 6,38; Heb 10,9), ihm gehorsam geworden, und was er getan hat, hat er für uns getan, und hat gewollt, dass es unser sei. Denn er sagt in Lukas 22,27: „Ich bin unter euch wie ein Diener.“ Und weiter in Lukas 22,19: „Das ist mein Leib, der für euch gegeben ist.“ Und Jesaja sagt in 43,24: „Mir hast du Arbeit gemacht mit deinen Sünden und hast mir Mühe gemacht mit deinen Missetaten.“ Deshalb wird durch den Glauben an Christus die Gerechtigkeit Christi unsere Gerechtigkeit, und alles, was sein ist, ja, er selbst wird unser. Demnach nennt sie Paulus in Römer 1,17 „Gerechtigkeit Gottes“. Die Gerechtigkeit wird geoffenbart im Evangelium, wie geschrieben steht: „Der Gerechte lebt seines Glaubens“ (Hab 2,4; Heb 10,38). Schließlich wird auch ein solcher Glaube Gerechtigkeit Gottes genannt, wie es in Römer 3,28 heißt: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde allein durch den Glauben.“ Das ist die Gerechtigkeit, die kein Ende hat und die alle Sünden im Augenblick verzehrt; denn es ist unmöglich, dass eine Sünde in Christus bleibe. Aber wer an Christus glaubt, der bleibt in ihm, ist eins mit Christus und hat eine Gerechtigkeit mit ihm. Darum ist es unmöglich, dass in ihm die Sünde bleibe. Und das ist die erste Gerechtigkeit, der Grund, die Ursache und der Ursprung aller eigenen oder tätigen Gerechtigkeit. Denn sie wird wahrhaftig für die ursprüngliche Gerechtigkeit gegeben, die in Adam verloren ist, und wirkt das, ja mehr als diese ursprüngliche Gerechtigkeit gewirkt hätte.
So ist dieser Spruch in Psalm 31,2 „Herr, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden; errette mich durch deine Gerechtigkeit“ zu verstehen. Er sagt nicht „in meiner“, sondern „in deiner“, das heißt in der Gerechtigkeit Christi, meines Gottes, die durch den Glauben, durch die Gnade, durch die Barmherzigkeit Gottes unser geworden ist. Und die heißt im Psalter an vielen Stellen „das Werk des Herrn“, „das Bekenntnis“, „die Kraft Gottes“, „die Barmherzigkeit“, „die Wahrheit“, „die Gerechtigkeit“. Dies sind alles Worte für den Glauben an Christus, ja die Gerechtigkeit, die in Christus ist. Deshalb darf Paulus in Galater 2,20 sagen: „Ich lebe aber doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“; und in Epheser 3,17: „Dass er euch (Kraft) gebe, dass Christus wohne durch den Glauben in euren Herzen.“
Diese fremde Gerechtigkeit also, uns ohne unser Tun allein durch die Gnade eingegossen, wenn uns nämlich der himmlische Vater innerlich zu Christus zieht, wird der Erbsünde entgegengesetzt. Auch sie ist uns fremd, uns ohne unser Tun, allein durch die Geburt angeboren und verwirkt. [Martin Luther: Sermon über die zweifache Gerechtigkeit (1518), S. 3f. Digitale Bibliothek, Band 63: Martin Luther, S. 946 (vgl. Luther-W Bd. 1, S. 368ff.) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

An Georg Spenlein am 8. April 1516:

Übrigens möchte ich wissen, was Deine Seele macht: ob sie denn nicht endlich, ihrer eigenen Gerechtigkeit überdrüssig, lerne, in der Gerechtigkeit Christi wieder aufzuatmen und auf sie zu vertrauen. Denn zu unserer Zeit brennt die Anfechtung der Vermessenheit bei vielen und besonders bei denen, welche sich mit allen Kräften gerecht und gut zu sein bemühen. Sie kennen die Gerechtigkeit Gottes nicht, welche uns in Christus aufs reichlichste und umsonst geschenkt ist und suchen durch sich selbst so lange gute Werke zu tun, bis sie die Zuversicht haben, vor Gott bestehen zu können, gleichsam mit Tugenden und Verdiensten geschmückt, was doch unmöglich geschehen kann. Du bist bei uns in dieser Meinung, vielmehr diesem Irrtum gewesen. Auch ich bin es gewesen, sogar auch jetzt noch kämpfe ich gegen diesen Irrtum an, habe ihn aber noch nicht überwunden.
Daher, mein lieber Bruder, lerne Christus, und zwar den gekreuzigten, lerne ihm zu singen und an Dir selbst verzweifelnd zu ihm zu sprechen: Du, Herr Jesus, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde; du hast das Meine auf dich genommen und mir das Deine gegeben; du hast angenommen, was du nicht warst, und mir gegeben, was ich nicht war. Hüte Dich, dass Du niemals nach einer so großen Reinheit trachtest, dass Du Dir nicht als Sünder erscheinen oder gar kein Sünder sein willst. Denn Christus wohnt nur in Sündern. Denn deshalb ist er vom Himmel herniedergestiegen, wo er in Gerechten wohnte, damit er auch in Sündern wohnte. Diese seine Liebe erwäge immer wieder bei Dir, und Du wirst seinen überaus süßen Trost sehen. Denn wenn wir durch unsere Bemühungen und Trübsale zur Ruhe des Gewissens kommen müssten: wozu wäre er denn gestorben? Deshalb wirst Du nur in ihm, durch getroste Verzweiflung an Dir und Deinen Werken, Frieden finden. Überdies wirst Du von ihm lernen, dass er, gleichwie er Dich angenommen und Deine Sünden zu den seinen gemacht hat, auch seine Gerechtigkeit zu der Deinen gemacht hat. [Martin Luther: 1516, S. 1ff. Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 7070 (vgl. Luther-W Bd. 10, S. 14ff.) (c) Vandenhoeck und Ruprecht]

Luther schreibt hier zwar nicht, dass die Gerechtigkeit Christi die Gerechtigkeit sei, die Er sich durch das Halten des Gesetzes erworben habe, aber dennoch trägt diese Vermischung von Gerechtigkeit Christi und Gerechtigkeit Gottes leider dazu bei, den wahren Grund unserer Rechtfertigung zu verdunkeln. Obwohl wir Gott stets dafür danken können, dass Er durch Luther den Gedanken der Rechtfertigung aus Glauben wieder neu ans Licht gebracht hat, so müssen wir uns doch fragen, inwieweit Luther die Rechtfertigung Gottes wirklich verstanden hat, da er z.B. Römer 1,17 und 3,21 folgendermaßen übersetzt: „die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“.

Calvin

Er sagt nämlich im Römerbrief: „Sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den sie bei Gott haben sollten, und werden … gerecht aus seiner Gnade …“ (Röm 3,23.24): Da haben wir die Hauptsache (caput) und die erste Quelle vor uns, nämlich dass uns Gott in gnädigem Erbarmen angenommen hat! Dann geht es weiter: „… durch die Erlösung, so durch Christum Jesum geschehen ist“ (Röm 3,24). Da steht also die inhaltliche Tatsache (materia), durch die uns Gerechtigkeit zuteilwird. Dann weiter: „… durch den Glauben in seinem Blut …“ (Röm 3,25): Da tritt uns die das Werkzeug bezeichnende Ursache (causa instrumentalis) vor Augen, durch die uns Christi Gerechtigkeit zugeeignet wird. Zum Schluss fügt er dann auch den Zweck an: „… auf dass er … darböte die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist des Glaubens an Jesum!“ (Röm 3,26). Außerdem bemerkt er ja im Vorbeigehen auch, dass diese Gerechtigkeit in der Versöhnung besteht, und erklärt dementsprechend ausdrücklich, dass uns Christus zur Versöhnung [Sühnung] gesetzt ist (Röm 3,25). (Institutio Christianae religionis, III 14,17–18)

Bei Calvin lassen sich schon erste Ansätze dieser Lehre finden. So schreibt er in seiner Betrachtung über den Römerbrief:

An erster Stelle muss bemerkt werden, dass die Sache unserer Rechtfertigung nicht zu dem Urteil der Menschen gebracht wird, sondern zum Richterstuhl Gottes, wo nichts als Gerechtigkeit gerechnet wird als nur der vollkommene und erfüllte Gehorsam gegenüber dem Gesetz, was eindeutig offenbar wird aus den Verheißungen und Gerichtsankündigungen. Und wenn es nun so ist, dass es keinen Menschen gibt, der zu solch einer vollkommenen Heiligkeit hinaufgeklommen ist, dann folgt daraus, dass alle in sich selbst diese Gerechtigkeit missen. An zweiter Stelle ist es nötig, dass Christus hierzu komme, der, gleichwie Er der einzige ist, der gerecht ist, so auch uns zu Gerechten macht, indem er seine Gerechtigkeit auf uns überträgt. So wird deutlich, dass die Gerechtigkeit des Glaubens die Gerechtigkeit Christi ist … Nachdem wir Teil empfangen haben an Christus, sind wir nicht nur selbst gerecht, sondern werden auch unsere Werke vor Gott als gerecht angesehen, darum nämlich, weil das, was darin unvollkommen ist, durch das Blut Christi getilgt wird.

Die Puritaner

Eigentlich wurde diese Lehre jedoch erst durch die Puritaner richtig populär und hat heute in bestimmten reformatorischen Kreisen ihre Nachfolger.

Owen

Da wir Sünder sind, stand uns sowohl das Gebot als auch der Fluch des Gesetzes entgegen, und Christus konnte weder durch seinen vollkommenen Gehorsam dem Fluch des Gesetzes begegnen – „Du wirst gewisslich sterben“ – noch durch das Höchstmaß an Leiden das Gebot des Gesetzes erfüllen – „Tue dies und du wirst leben“. Genauso wie wir daher behaupten, dass der Tod Christi uns für unsere Rechtfertigung (Vergebung?) zugerechnet wird, genauso leugnen wir, dass er uns für unsere Gerechtigkeit zugerechnet wird. Denn durch Zurechnung der Leiden Christi werden unsere Sünden vergeben, und wir werden von dem Fluch des Gesetzes befreit, welchen er erduldet hat, aber wir werden deshalb noch nicht für gerecht geachtet. Das kann auch nicht sein, denn hierfür müssen die Gebote des Gesetzes erfüllt werden.
Es handelt sich also um verschiedene Sachen – die schmutzigen Lumpen wegnehmen, uns mit einem Wechselkleid bekleiden, oder die Vergebung der Sünden und der Mantel der Gerechtigkeit. Durch das eine werden wir befreit von der Verdammnis, durch das andere haben wir ein Recht auf Errettung. (Aus The doctrine of Justification by Faith, through the Imputation of the Righteousness of Christ; explained, confirmed, and vindicated – http://www.ccel.org/o/owen/just/justification.txt)

R. Govett

Sühnung für die Sünde ist eine ganz andere Sache als die Vergabe ewigen Lebens. Das Blut Jesu musste die Sünde wegtun, ehe die Verdienste des Gehorsams Jesu für den Gläubigen zur Verfügung stehen … Der Tod Jesu räumt Sünde weg, aber er gibt kein Anrecht auf das ewige Leben. Das kommt nur … aus der Beobachtung des Gesetzes.
Aber ist die Abwesenheit von Sünde alles, was das Gesetz fordert? Ist Abwesenheit von Sünde Gerechtigkeit? Ganz vorsichtig gesteht Mr. Darby den Unterschied zu. Wenn jemand Unschuld Gerechtigkeit nennen will, muss das mit einer Qualifikation geschehen, als „negative Gerechtigkeit“, aber das Gesetz fordert „positive Gerechtigkeit“ oder Gehorsam. (Aus The Rightousness of Christ, S. 53f.)

Ein Zitat aus „The Record“

Charles Stanley [ein Evangelist aus der Brüderbewegung im 19. Jahrhundert] sieht nicht, oder wenigstens erwähnt er es nicht, dass, obwohl mir vergeben ist, ich doch nicht gerechtfertigt bin. Reine Vergebung ist nicht Rechtfertigung. Es ist kein Teil seines Evangeliums, dass das Gesetz nicht nur eine Strafe sondern auch eine Forderung hat. Er lehrt nicht, dass nachdem ich (in meinem Stellvertreter) gestraft wurde für alle Verletzungen des Gesetzes, die ich begangen habe, und in so weit mit ihm im Reinen bin, das Gesetz immer noch eine Anforderung an mich hat, und zwar nach einem vollkommenen Gehorsam. Ich war gehalten, nicht nur das Gesetz nicht zu brechen, sondern es auch vollkommen zu halten, das ganze Gesetz. Ich habe das Gesetz gebrochen; die Strafe für diese meine Schuld ist der Tod Christi. Aber für die wiederholte positive Forderung des Gesetzes nach meinem Gehorsam hat das Evangelium von Charles Stanley keine Antwort, während das herrliche Evangelium, Gott sei dank, doch eine Antwort dafür hat. Das ganze Werk des Gehorsams des Herrn Jesus Christus wird von diesem neuen Evangelium ausgeschlossen. Als ein Beispiel für uns zum Gehorsam wird es nicht angeführt, als positives Halten des Gesetzes an unserer Stelle und so für uns wirkend und für uns eine ewige Gerechtigkeit einführend, wird es wesensmäßig, wenn nicht ausdrücklich, ignoriert und geleugnet. Für ihn bedeutet das Evangelium, dass Gott zu dem Sünder kommt und ihm Vergebung anbietet, nicht mit einer Gerechtigkeit, die fleckenlos, vollkommen ist, um ihn völlig gerecht zu machen; er sieht einfach nicht, dass um gerecht zu sein, man nicht nur das Gesetz nicht gebrochen, sondern auch tatsächlich gehalten haben muss. Es sagt nicht nur: „Du sollst das nicht tun und das nicht tun.“ Es gebietet genauso wie es verbietet. Es sagt: „Wenn du das tust musst du bestraft werden“; und es sagt darüber hinaus: „Diese Dinge sollst du tun, und du sollst sie immer tun.“ Das Wesen des herrlichen Evangelium liegt in Folgendem, dass der Herr Jesus nicht nur unsere Strafe trug, sondern auch unser Werk tat. … Wir haben in der Person unseres Stellvertreters nicht nur die ganze Strafe des Gesetzes getragen, sondern auch völlig und vollkommen alle seine Vorschriften beobachtet.

Mylne

Die Gerechtigkeit Christi auf der Erde hatte keine andere Bedeutung, keinen anderen Zweck, als dass sie dem zugeteilt werden sollte, als ein Grund des Verdienstes, der glaubt. Es ist ein wirksamer Ersatz für seine Verantwortlichkeiten, ein mehr als ausreichendes Äquivalent für seinen Mangel an Dienst … Die heilige Natur und der sündlose Wandel Jesu waren beabsichtigt als Ersatz für deine unheilige Natur und deine zahllosen Zu-kurz-Kommen, damit in gleicher Weise wie deine Sünden vergeben sind durch das Blut Jesu, du auch so nicht nur passiv sondern tatsächlich gerecht gerechnet wirst in der Kraft der Gerechtigkeit Jesu. (Aus Reposing in Jesus)

Molyneux

In einfachen Worten: Weißt Du, dass über der Tür des Himmels geschrieben steht: „Tue dies und du wirst leben“? Weißt Du, dass, wenn ein Mensch gereinigt ist von seiner Sünde in dem Blute Christi und geheiligt ist durch den Geist Gottes, er dann nicht zum Himmel gehen kann? Er braucht noch etwas Weiteres. [Anm. der Red.: siehe hierzu unseren Artikel „Kann der Tod Christi allein uns ein Anrecht auf den Himmel geben?“].Er muss einen vollkommenen Gehorsam haben. Der Himmel hängt ab von einem vollkommenen Gehorsam, nicht einem negativen. Gott sprach zu Adam: „Tue dies und lebe.“ Er hat versagt. Du musst einen vollkommenen Gehorsam anbieten, wenn du zu Gott kommst. Hast du ihn bekommen? Es ist der aktive Gehorsam Christi. Es sind nicht seine Leiden. Die haben die Sünde ausgetilgt. Es ist nicht sein Geist. Der heiligt das Herz. Es ist sein vollkommener Gehorsam. Höre: „Durch seinen Gehorsam wird mein gerechter Knecht die vielen rechtfertigen.“[1] (Aus einer Predigt in Exeter Hall, 18.7.1858)

Aus einem „offenen“ Brief 2003

Ich glaube, dass nicht nur der passive Gehorsam Christi in seinen Leiden, sondern auch sein aktiver Gehorsam in seiner Erfüllung des Gesetzes dem Gläubigen zu seiner Rechtfertigung zugerechnet wird. Ohne diese Zurechnung der Gerechtigkeit Christi für den Glaubenden ist auch gar keine Rechtfertigung möglich; sie ist ein zentraler Kern der Rechtfertigung, ebenso wie der Glaube an das Blut Christi. Blut Christi und Tod Christi sind, wenn sie auch nicht voneinander getrennt werden können und dürfen, doch zwei verschiedene Dinge, denen in der Schrift jeweils unterschiedliche Wirkungen zugeschrieben werden. (Volker Jordan)

Unterbewertung des Wertes des Todes Christi

Insgesamt zeigen obige Zitate eine deutliche Unterbewertung des Todes Christi. Es wird nicht verstanden, welche Bedeutung der Tod Christi in den Wegen Gottes hat. Dazu haben wir in der letzten Zeit verschiedene Artikel veröffentlicht:

Mehr als Sündentilgung?!
Gott verändert seine Haltung der Welt gegenüber
Gab es im Sündopfer doch noch etwas zur Freude Gottes?
Ein Sohn zur Freude seines Vaters
Warum wurde der Herr Jesus von Gott hoch erhoben?
„Aktiver“ und „passiver“ Gehorsam Christi

Im Folgenden wollen wir uns nun mit der Frage beschäftigen:

Was sagt die Schrift über die Grundlage unserer Rechtfertigung?

Erlösung, Versöhnung, Stellvertretung können von der Rechtfertigung und der Gerechtigkeit Gottes nicht getrennt werden. Auch kann der Gehorsam Christi nicht ausgeschlossen werden (Röm 5,19). Aber in diesem Gehorsam ist das ganze Leben und der Tod Christi zusammengefasst, ohne getrennt zu sein. Von dem Verlassen des Thrones Gottes und der Menschwerdung bis zum Aufopfern seines Lebens auf dem Altar wird alles gesehen als ein großes Ganzes, denn indem „er Knechtsgestalt annahm, indem er in Gleichheit der Menschen geworden ist, und, in seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden, sich selbst erniedrigte, indem er gehorsam ward bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuz“ (Phil 2,7.8). So wie der Gehorsam hier in erster Linie mit dem Tod des Herrn in Verbindung steht, so steht auch der Gehorsam in Römer 5,19 zuerst mit dem Tod Christi in Verbindung und nicht mit dem Gehorsam zum Gesetz, wenn er auch vielleicht darin eingeschlossen ist. In dem Augenblick, wo wir anfangen, das Leben Jesu von seinem Tod zu unterscheiden, wird grundsätzlich sein Tod und sein Blut mit unserer Rechtfertigung verbunden, nicht aber sein Leben. Nirgendwo finden wir übrigens das Gesetz als Grundlage unserer Rechtfertigung in irgendeiner Weise. Nebenbei, wenn das Gesetz von Christus an unserer statt erfüllt worden wäre, wofür brauchten wir dann eigentlich noch eine Sühnung?

Im Folgenden wollen wir nun einige Schriftstellen zu diesem Thema untersuchen. Hierbei wollen wir unberücksichtigt lassen, dass auf der subjektiven Seite auch unser Glaube eine Grundlage unserer Rechtfertigung ist (s. Röm 3,26; 4,5; 5,1). Denn von unserer Seite ist Glauben nötig, denn nur die Glaubenden werden gerechtfertigt. In diesem Sinn sind wir „aus Glauben gerechtfertigt“ (Röm 5,1). Nur wenn wir uns im „Glaubensgehorsam“ unserem Herrn Jesus anvertrauen, kommen wir in den Genuss seines Werkes.

Römer 3,20-26

Röm 3,20-26: Darum, aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde. Jetzt aber ist, ohne Gesetz, Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten: Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus gegen alle und auf alle, die da glauben. Denn es ist kein Unterschied, denn alle haben gesündigt und erreichen nicht die Herrlichkeit Gottes, und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christo Jesu ist; welchen Gott dargestellt hat zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben an sein Blut, zur Erweisung seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden unter der Nachsicht Gottes; zur Erweisung seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist.

Nachdem der Mensch seine Sünde in ihrer ganzen Schwärze geoffenbart hat, wie uns die vorhergehenden Verse (Röm 3,9-20) zeigen, war zu erwarten, dass Gott im Gegensatz dazu seine Gerechtigkeit in all ihrem Glanz offenbaren würde, indem Er den Sünder verurteilte und sich so vom kleinsten Verdacht entlastete, dass Er die Sünde irgendwie entschuldigen könnte. Doch dann folgt in Römer 3,21 ein gewaltiges „Jetzt aber“. Jetzt wird der große Plan Gottes entfaltet.

Dass die Gerechtigkeit Gottes „ohne Gesetz“ offenbart worden ist, schließt den Gedanken aus, dass das Gesetz irgendeine Hand im Spiel hat, diese Gerechtigkeit zu bewirken. Im Gegenteil sagt der nachfolgende Vers: „… und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist.“ Das zeigt deutlich, dass der Preis, der für die Erlösung bezahlt wurde, auch unsere Rechtfertigung mit einschließt, dass das, was das eine bewirkt, bewirkt auch das andere – und das ist das Blut Christi, wie von keinem rechtgläubigen Christen bezweifelt wird. Die folgenden Verse machen uns nun deutlich, dass Gott Christus als Sühnungsmittel gegeben hat, um seine Gerechtigkeit in zweierlei Hinsicht zu verkünden. Einmal, was die „vorher geschehenen Sünden“ betrifft; das sind die, die in alttestamentlichen Zeiten begangen wurden von solchen, die geglaubt hatten, in einer Zeit, bevor die Sühnung durch das Werk am Kreuz geschehen war. Da konnte Gott jetzt beweisen, dass Er gerecht gewesen war, wenn Er diese Sünden hatte hingehen lassen; seine Vergebung war gerechtfertigt durch das Werk am Kreuz. Zweitens kann Er jetzt seine Vergebung in gerechter Weise jedem schenken und ihn sogar für gerecht erklären, der im Glauben an das Werk des Herrn Jesus zu Ihm kommt. Mit anderen Worten: Er hat Christus als Sühnedeckel / Sühnungsmittel / Gnadenstuhl gegeben, um vor dem ganzen Universum die Gerechtigkeit seines Handelns mit der Sünde zu demonstrieren, sowohl was die vergangen Zeiten als auch was die dem Werk nachfolgenden Zeiten angeht.

Wer hätte das gedacht, dass Gott auf diese Weise seine Gerechtigkeit zeigen würde? Als sein Blut am Kreuz floss, wurde das Gegenbild des blutbesprengten Sühnedeckels der Stiftshütte erfüllt. Die Erlösung wurde „in Christus Jesus“ vollbracht (Röm 3,24), und die größte Entfaltung göttlicher Gerechtigkeit, die das Weltall je sehen wird, fand statt. Bald wird die Gerechtigkeit Gottes im Gericht und ewigen Verderben der Gottlosen geoffenbart werden. Jene feierlich ernste Stunde wird dann Zeuge einer bedeutungsvollen Darstellung göttlicher Gerechtigkeit sein und doch nicht so unergründlich und wundervoll wie damals in der noch ernsteren Stunde, als Gott seinen eigenen fleckenlosen Sohn an unserer Stelle richtete und leiden ließ.

Unsere Rechtfertigung wird durch den Charakter Gottes selbst garantiert, mit dem er übereinstimmt und dessen Ausdruck er ist. Wenn Gott dem nicht widersprechen wollte, was Er in sich selbst ist, konnte Er nicht anders, als das Werk zu akzeptieren, Christus aus den Toten aufzuerwecken und uns zu rechtfertigen. Und so wird die Gerechtigkeit Gottes selbst mit Teil unserer Rechtfertigung. „Auf dass er gerecht sei“ kann nur diese eine Bedeutung haben und zeigt, dass sein eigener Charakter, seine Gerechtigkeit in dem, was Er in unserer Rechtfertigung tut, eingeschlossen ist und auch die Grundlage für sein Handeln bietet. Seine Gerechtigkeit wird sogar jetzt mehr darin geoffenbart, dass Er, nachdem das Blut Christi vergossen ist, den Gläubigen rechtfertigt, als wenn Er die Ungläubigen einmal verdammt. Es wird deutlich, dass die Gerechtigkeit Gottes eigentlich nicht nur Teil unserer Rechtfertigung ist, wie oben erwähnt, sondern die Quelle. Denn die Anwendung der Wirksamkeit des Blutes Christi auf uns als Einzelne ist das Ergebnis davon, dass das Blut vorher gemäß der Gerechtigkeit Gottes akzeptiert wurde. Es wird nicht gesagt, dass uns die Gerechtigkeit Gottes mitgeteilt oder zugerechnet wird, sondern sie ist der Boden des ganzen Handelns Gottes im Evangelium dem sündigen Menschen gegenüber. Ein Handeln, durch das Er alles das liefert, was zur Rechtfertigung notwendig ist und durch das Er dann auch einen Sünder rechtfertigt. Diese Gerechtigkeit wird nämlich im Tod Christi in so wunderbarer Weise entfaltet und groß gemacht.

Das Argument, die Gerechtigkeit Gottes bedeute die Gerechtigkeit von Christus, weil Christus Gott ist, hat keinen Wert, bis nicht bewiesen ist, dass das Wort Gottes den Begriff auch in diesem Sinn gebraucht. Jedoch kann zu diesem Zweck kein einziger Abschnitt hervorgebracht werden. Und wenn man den Gehorsam, den Christus als Mensch dem Gesetz gegenüber erwiesen hat, Gerechtigkeit Gottes nennen will, weil Christus auch Gott ist, dann sollte man den Gehorsam auch konsequenterweise den Gehorsam Gottes nennen. Doch dann wird schon deutlich, dass diese Konstruktion eine bloße Fehlkonstruktion ist, ohne dass man überhaupt beachtet hat, dass der Heilige Geist den Begriff hier völlig anders benutzt.

Römer 5,9

Röm 5,9: Vielmehr nun, da wir jetzt durch sein Blut gerechtfertigt sind, werden wir durch ihn gerettet werden vom Zorn.

Diese Schriftstelle lässt überhaupt keinen Raum für irgendwelche Zweifel bezüglich der Ursache unserer Rechtfertigung. Sie ist durch das Blut Christi! Dieses Blut hat eben nicht nur einen negativen Charakter oder ist nur fähig zu vergeben, dieses Blut hat die positive Wirksamkeit und den ganzen Wert dafür, dass Gott uns rechtfertigt. Es ist auch nicht so, dass das Blut nur eine Barriere zur Rechtfertigung hinwegtut, uns also in irgendeinen Zustand der „Unschuld“ bringt. Denn dann müsste der Vers geheißen haben: Vielmehr nun, da wir jetzt durch sein Blut fähig gemacht worden sind, gerechtfertigt zu werden. Aber das Wort ist eindeutig, das vergossene Blut Jesu, das von der Hingabe seines Lebens spricht, hat einen so unendlich großen Wert für Gott, dass seine Gerechtigkeit völlig zufriedengestellt ist, wenn Er uns rechtfertigt.

2. Korinther 5,21

2Kor 5,21: Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.

Hier geht der Gedanke weiter als in Römer 3. Hier sehen wir nicht nur die Gerechtigkeit Gottes uns gegenüber offenbart, sondern wir werden selbst dazu gemacht. Gott handelt gegenüber Christus dementsprechend, was die Gerechtigkeit seines eigenen Charakters am Kreuz gefunden hat, wo die Sünde durch Christus getragen wurde. Der Ausdruck „den, der Sünde nicht kannte“ zeigt, dass sein heiliges Leben bewies, dass Er fähig war, das passende Opfer zu sein, um unsere Sünde auf sich zu nehmen, weil Er sie nicht kannte. Als Nächstes heißt es dann: „… damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.“ Er wurde zur Sünde gemacht, hat sie getragen mit allen Konsequenzen und Tod und Gericht dafür erduldet. Das „damit“ zeigt nun an, was die Konsequenz davon ist: Gottes Gerechtigkeit wird nun darin gezeigt, dass Er Ihn zu seiner Rechten setzt und uns auch einen Platz moralisch vor sich selbst gibt, und zwar nach dem Wert dessen, was für uns getan wurde. Wenn alle Strafe für unsere Sünde voll getragen wurde durch jenen Heiligen, dann muss die Gerechtigkeit Gottes notwendigerweise auf diese Art und Weise antworten, indem Er Ihn aus dem Grab holte und Ihn und uns in Ihm außerhalb des Bereichs der Auswirkungen der Sünde setze, die Er getragen hat.

Es gibt auch nicht den geringsten Grund, hier, wie einige getan haben, den gesetzlichen Gehorsam Christi einzuführen. Das Wort „damit“ verbindet die beiden Satzteile so deutlich, dass es nicht klarer ausgedrückt werden kann: Die Tatsache, dass wir Gottes Gerechtigkeit geworden sind, ist die direkte Folge davon, dass der Sündlose am Kreuz zur Sünde gemacht wurde.

Aber was ist eigentlich Gerechtigkeit – vor allen Dingen, wenn sie sich auf das bezieht, wozu wir gemacht worden sind?

Gerechtigkeit, wie sie uns im Wort Gottes gezeigt wird – angewandt auf schuldige und sündige Geschöpfe –, ist keine Rückkehr zu dem Zustand der Unschuld, den Adam im Paradies vor dem Sündenfall hatte, der Böses nicht kannte. Es ist auch nicht die Gerechtigkeit Christi, der umgeben von Bösem alles das offenbarte, was Gott von Menschen suchte, und Ihn darin verherrlicht hat, trotz all des Bösen, das sich Ihm in den Weg stellte. Sondern die Gerechtigkeit für den schuldigen Menschen ist das Maß dessen, was der Heiligkeit, Gerechtigkeit und Majestät des Charakters Gottes entspricht: indem dies durch den geliefert wurde, der allein dazu fähig war, indem Er Sühnung tat und trug, was die Sünde erforderte. Und Christus hat dies getan. Daher ist es unmöglich, dass Gott etwas anderes tun konnte, als die zu rechtfertigen, für die Er es getan hat.

Römer 4,23-25

Röm 4,23-25: Es ist aber nicht allein seinetwegen geschrieben, dass es ihm zugerechnet worden, sondern auch unsertwegen, denen es zugerechnet werden soll, die wir an den glauben, der Jesus, unseren Herrn, aus den Toten auferweckt hat, welcher unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist.

Alles, was in Gott war gegen die Sünde, wurde ausgeleert in dem Kelch, den Jesus getrunken hat. Und jetzt gibt es den Zorn, den Er getragen hat, nicht mehr, und die Sünde, die Er gesühnt hat, existiert nicht mehr. Sie wurde verzehrt mit dem Opfer, so wie damals das Sündopfer völlig verbrannt wurde. Wir waren mehr als mangelhaft, wir waren schuldig. Daher ist der Gedanke, dass wir durch die gerechten Taten eines anderen gerechtfertigt werden könnten, unpassend. Ja, es würde sogar bedeuten, dass wir gerechtfertigt wären, bevor die Sünde weggetan wäre, wofür ja der Tod Christi notwendig war. Da wir nun Strafe verdient hatten, konnten wir auch nur dadurch gerechtfertigt werden, dass unser Stellvertreter die Strafe für uns trug. Das bedeutete nun nicht, dass uns das eine Art „Gerechtigkeit der Unschuld“ wieder zurückgab. Diese „Gerechtigkeit“ ist unwiederbringlich verloren. Nein, die Gerechtigkeit, die wir jetzt bekommen haben, besteht darin, dass wir aus dem Zustand der Verdammnis herausgenommen sind und in dem auferstandenen Christus in eine neue Stellung gebracht sind, in des Er Sich jetzt selbst befindet kraft des Wertes dessen, was Er getan hat. Deswegen verbindet obige Schriftstelle zu Recht unsere Rechtfertigung mit der Auferstehung. Sie wird also nicht mit dem gerechten Leben und dem Halten des Gesetzes vor dem Tod Christi verbunden, sondern mit der konsequenten Antwort auf das, was Er getan hatte mit dem Werk, durch das Er alle unsere Sünde vor Gottes Angesicht beseitigt hat. Diese Antwort Gottes bestand darin, dass Er Christus auferweckt hat. Das wird in der Schrift auch „die Rechtfertigung des Lebens“ genannt, denn das Auferstehungsleben Christi wird so der Beweis unserer Rechtfertigung.

Unsere Sünde und ihre Strafe sind in Christi Tod zu Ende gekommen, und unsere Rechtfertigung wird gesehen in der neuen Position, die Er als Konsequenz dazu eingenommen hat, und in Gottes Handlungen Ihm gegenüber und uns gegenüber deswegen. Nicht als ob die Auferstehung irgendwelchen Verdienst noch beitragen würde – das wird nur in seinem Tod gefunden. Aber sie hat ihren Wert dadurch, dass sie uns den klaren Beweis gibt, wie Christus selbst frei bzw. gerechtfertigt ist betreffs unserer Sünden in der Gegenwart Gottes. Die Auferstehung als Intervention Gottes in Macht, um unseren Retter aus dem Bereich des Todes und Gerichtes wegzunehmen, in die Er wegen unserer Sünde gegangen war, hat ein besonderes Gewicht in unserer Rechtfertigung, da sie beweist, dass Gott wirklich für uns ist. Zwei gewaltige Handlungen hat Gott für uns getan, die Zeugnis geben von seiner ganzen Gnade gegen uns und dass die Errettung ganz sein eigenes Werk ist: Er hat Jesus für unsere Übertretungen dahingegeben und Ihn wieder auferweckt zu unserer Rechtfertigung. Aber diese beiden Handlungen sind auch alles, was der Apostel anerkennt, wenn es um den rechtfertigenden Glauben geht.

Lasst uns dies an einem Beispiel veranschaulichen. Nehmen wir an, ein Mann sei für ein Vergehen zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Einem andern wird gestattet, an dessen Stelle die Strafe zu verbüßen. Wenn sich die Gefängnistüren hinter dem Stellvertreter schließen, kann der Schuldige, der sich draußen in Freiheit befindet, von seinem Freund wohl ausrufen: „Er sitzt wegen meines Vergehens im Gefängnis“, aber weiter kann er im Augenblick nicht gehen. Es wäre zu früh, hinzuzufügen: „Und deshalb ist es unmöglich, dass ich jemals noch als Strafe für das, was ich getan habe, das Innere dieses Gefängnisses sehe.“ Was geschähe, wenn sein guter Freund nach zwei Monaten sein Leben aushauchte und vier Monate des Strafvollzugs ausstünden oder wenn er aus dem Gefängnis geflohen wäre? Die Behörden würden gerechterweise den ursprünglichen Täter festnehmen und verlangen, dass er die restliche Zeit selbst absitze. Anders wäre es, wenn er nach Ablauf der sechs Monate seinen gutmütigen Stellvertreter aus dem Gefängnis abholen würde. Dann hätte er den Beweis, dass er nun wirklich ein freier Mann wäre. Jetzt könnte er sagen: „Siehe da, du bist zu meiner Rechtfertigung aus dem Gefängnis entlassen worden!“ Er überlegte mit Recht: „Wenn er die Strafe abgesessen hat und aus dem Gefängnis entlassen und jeder Verpflichtung enthoben ist, vollständig entlastet, was mein Vergehen betrifft, dann ist meine Schuld getilgt, ich bin frei, ich bin entlastet!“

Römer 10,3-10

Röm 10,3-10: Denn da sie Gottes Gerechtigkeit nicht erkannten und ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten trachteten, haben sie sich der Gerechtigkeit Gottes nicht unterworfen. Denn Christus ist des Gesetzes Ende, jedem Glaubenden zur Gerechtigkeit. Denn Moses beschreibt die Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz ist: „Der Mensch, der diese Dinge getan hat, wird durch sie leben.“ Die Gerechtigkeit aus Glauben aber sagt also: Sprich nicht in deinem Herzen: „Wer wird in den Himmel hinaufsteigen?“ das ist, um Christus herabzuführen; oder: „Wer wird in den Abgrund hinabsteigen?“ das ist, um Christus aus den Toten heraufzuführen; sondern was sagt sie? „Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen“; das ist das Wort des Glaubens, welches wir predigen, dass, wenn du mit deinem Munde Jesus als Herrn bekennen und in deinem Herzen glauben wirst, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, du errettet werden wirst. Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit, und mit dem Munde wird bekannt zum Heil.

Es ist sehr bemerkenswert, in welch einer Weise der rechtfertigende Glaube ständig mit der Auferstehung verbunden wird. Er besteht darin, an den zu glauben, der mit diesem Ergebnis der Rechtfertigung im Blick Jesus unseren Herrn aus den Toten auferweckt hat. So argumentiert der Apostel in Römer 10 betreffend der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben ist, und der Art und Weise, wie die Sicherheit dieser Tatsache dem Erlösten nahegebracht wird. Hier kontrastiert der Apostel die Gerechtigkeit aus Glauben mit der Gerechtigkeit aus dem Gesetz. Diese Gerechtigkeit aus dem Gesetz wird, wie er sagt, durch Mose beschrieben mit dem Satz: „Tue dies und du wirst leben.“ Wenn er dann von der Gerechtigkeit aus Glauben schreibt, sagt er nicht: „Christus hat vollkommen für euch das Gesetz gehalten“, sondern er bezieht sich auf den Tod und die Auferstehung Christi. Der Gedanke, dass der Ausdruck „Christus ist des Gesetzes Ende jedem Glaubenden zur Gerechtigkeit“ etwa meint, dass Er das Gesetz für uns erfüllt hat, wird ausgeschlossen durch das, was folgt, was nämlich unsere Gerechtigkeit auf eine völlig andere Grundlage stellt.

Wieso ist Christus aber nun des Gesetzes Ende? Nun, sagt Paulus (beachte das begründende „denn“), das muss man einmal im fünften Buch Mose nachlesen. Mose hatte im dritten Buch schon ganz einfach die Gerechtigkeit nach dem Gesetz beschrieben: erst tun, dann leben. Aber in 5. Mose 30 beschreibt Mose die Situation, die entstehen würde, nachdem Israel völlig unter dem Gesetz versagt haben und unter das göttliche Gericht gekommen sein würde. Das Gesetz ist zerbrochen. Was kann einem solch ein Text wie in 3. Mose noch weiter bedeuten, wenn man auf dem Schutthaufen seines geistlichen Bankrotts steht? Aber Mose knüpft gerade daran an, indem er einen neuen Weg zeigt, eine andere Zuflucht: das Wort des Glaubens; genau dasselbe Wort (sagt Paulus am Schluss von Röm 10,8), das wir nun predigen. Wenn man auf der Grundlage des Gesetzes steht, muss alles erst noch geschehen. Da muss man selbst sehen, wie man über die brüchige Leiter der eigenen Anstrengung die Höhe des Himmels und die Tiefe des Abgrundes erreicht. Aber das braucht man jetzt nicht mehr! Es ist nicht mehr nötig, zum Himmel hinaufzusteigen, um Christus herabzuführen – weil Er bereits auf diese Erde herabgestiegen ist. Es ist nicht mehr erforderlich, in den Abgrund hinabzusteigen, um Christus aus den Toten heraufzuführen – weil Er bereits auferstanden ist. Alle „Heilstatsachen“ liegen jetzt hinter uns: Nicht wir gingen in den Tod und anschließend zum Himmel, sondern der Herr Jesus hat das für uns getan! Das große Werk ist vollbracht. Es ist nichts mehr hinzuzufügen. Das Wort ist nahe. Christus ist im Mund derer, die Ihn als Herrn bekennen, und im Herzen aller, die Ihm glauben.

Hebräer 11,4

Heb 11,4: Durch Glauben brachte Abel Gott ein vorzüglicheres Opfer dar als Kain, durch welches er Zeugnis erlangte, dass er gerecht war, indem Gott Zeugnis gab zu seinen Gaben; und durch diesen, obgleich er gestorben ist, redet er noch.

Die Schrift spricht auch von der Rechtfertigung Abels – dem Ersten unserer gefallenen Rasse, von dem wir lesen, dass er gerechtfertigt wurde – nach dem vorbildlichen Wert des Opfers, das er brachte. Sein Glaube zeigte sich, indem er das Leben eines anderen opferte im Austausch gegen sein Leben, von dem er wusste, dass es keinen Bestand haben konnte vor der Gerechtigkeit Gottes. Dies war ein gerechtes Opfer und Gott akzeptierte es in Gerechtigkeit und rechtfertigte ihn um dieses Opfers willen.

Galater 2,21

Gal 2,21: Ich mache die Gnade Gottes nicht ungültig; denn wenn Gerechtigkeit durch Gesetz kommt, dann ist Christus umsonst gestorben.

Wenn wir nun gerechtfertigt sind durch Gott selbst auf der Grundlage des stellvertretenden Opfers und des Wertes des Blutes Christi, dann können wir keine zusätzliche Rechtfertigung gebrauchen: Der Tod und die Auferstehung Christi haben schon alles der göttlichen Gerechtigkeit entsprechend geordnet. Was brauchen wir noch mehr? Wenn wir jetzt noch den lebendigen Gehorsam Christi brauchen würden, um unser Versagen auszugleichen, dann wäre unsere Rechtfertigung unvollkommen. Diesen Gedanken erlaubt die Schrift auch nicht für einen Moment.

Das scheint auch der Gedanke von Galater 2,21 zu sein, wo der Apostel sagt: „Wenn die Gerechtigkeit aus dem Gesetz ist, dann ist Christus umsonst gestorben.“ Man mag vielleicht einwenden: Ja, hier ist gemeint, dass wir das Gesetz erfüllen. – Aber das Wort Gottes ist ganz genau. Und der Heilige Geist wusste, was Er schrieb. Wenn Er das hätte sagen wollen, dann hätte Er es gesagt. Aber erstens sagt er auch mit diesem Vers wieder, dass die Gerechtigkeit durch den Tod Christi allein ist, und zweitens ist der erste Teil des Verses so allgemein, dass es sich auf jede Gerechtigkeit aus dem Gesetz bezieht – auch auf die, die Christus gezeigt hat!

Zwei Stellen, die scheinbar unsere Rechtfertigung mit dem Leben Christi in Verbindung bringen

2. Petrus 1,1

2Pet 1,1: Simon Petrus, Knecht und Apostel Jesu Christi, denen, die einen gleich kostbaren Glauben mit uns empfangen haben durch die Gerechtigkeit unseres Gottes und Heilandes Jesus Christus …

Der Ausdruck „die Gerechtigkeit Christi“ kommt in der ganzen Schrift nur einmal vor und das in einem ganz speziellen Zusammenhang in obiger Schriftstelle. Doch wenn der Heilige Geist hier die Gerechtigkeit Christi in seinem Leben hätte bezeichnen wollen, dann hätte Er den Ausdruck sicher so formuliert: „durch die Gerechtigkeit Jesu Christi unseres Gottes und Heilandes“. Doch so wie Er den Ausdruck hier benutzt, wird sicherlich viel deutlicher die Verbindung zu dem Ausdruck „die Gerechtigkeit des HERRN“ im Alten Testament. Wir müssen beachten, dass der zweite Petrusbrief an Juden gerichtet ist, denen dieser Ausdruck aus dem Alten Testament bekannt war. Dieser Brief hatte sie immer wieder auf die Treue Gottes zu seinen Verheißungen hingewiesen. Aber selbst wenn man es mal als die Gerechtigkeit Christi auffassen würde, wo steht dann hier eine Silbe davon, dass es sich um die Gerechtigkeit handelt, die durch den Gehorsam Christi dem Gesetz gegenüber gezeigt wurde?

Römer 5,18.19

Röm 5,18.19: … also nun, wie es durch eine Übertretung gegen alle Menschen zur Verdammnis gereichte, so auch durch eine Gerechtigkeit gegen alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens. Denn gleichwie durch des einen Menschen Ungehorsam die Vielen in die Stellung von Sündern gesetzt worden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden.

Diese Verse sind benutzt worden, um die These zu unterstützen, dass durch den „aktiven Gehorsam“ Christi in seinem Leben in der Erfüllung des Gesetzes unsere Gerechtigkeit oder Rechtfertigung bewirkt wird. Nun wird hier nichts darüber gesagt, woraus der Gehorsam Christi bestand. Zumindest steht hier nichts von einem Gehorsam in Verbindung mit der Erfüllung des Gesetzes. Es bleibt also der Auslegung überlassen, was hier mit Gehorsam gemeint ist. Diese Auslegung muss zwei Punkte erfüllen:

  1. Sie muss in den Textzusammenhang passen und
  2. sie muss mit den anderen Schriftstellen zu diesem Thema übereinstimmen.
  1. Zu Punkt (1): Römer 5,13 und 14 lauten: „Denn bis zu dem Gesetz war Sünde in der Welt; Sünde aber wird nicht zugerechnet, wenn kein Gesetz ist. Aber der Tod herrschte von Adam bis auf Mose, selbst über die, welche nicht gesündigt hatten in der Gleichheit der Übertretung Adams.“ Auf die Rolle des Gesetzes kommt der Apostel erst in Römer 5,20 zurück. Es handelt sich also bei „alle Menschen“ und bei den Vielen explizit auch um solche, die in der Zwischenzeit zwischen Adam und Mose gelebt hatten und somit nach diesem Abschnitt nicht unter Gesetz standen. Es ist nun schwer nachzuvollziehen, wie man das Erfüllen des Gesetzes durch Christus, um den Mangel der „Vielen“ in diesem Erfüllen auszugleichen, zur Rechtfertigung heranziehen will, wenn ein Großteil dieser Vielen gar nicht unter Gesetz stand. Das kann man nur dadurch umgehen, dass man behauptet – entgegen diesem Abschnitt –, dass diejenigen zwischen Adam und Mose eben doch unter Gesetz gestanden haben; das wird dann ein „moralisches Gesetz“ genannt. Aber mit gesunder Schriftauslegung hat das natürlich nichts mehr zu tun. Außerdem: Wenn in Vers 20 über die Bedeutung der Einführung des Gesetzes gesprochen wird, geht es um etwas ganz anderes als darum, dass durch die Erfüllung – wenn auch durch Christus – Gerechtigkeit erworben werden sollte. Im Gegenteil: „Das Gesetz aber kam daneben ein, auf dass die Übertretung überströmend würde“ (Röm 5,20).

  2. Zu Punkt (2): Die Stellen, die wir zu diesem Thema behandelt haben, zeigen, dass es bei der Rechtfertigung um das Blut und den Tod Christi geht und eben nicht um den Gehorsam in seinem Leben dem Gesetz gegenüber. In diesem Abschnitt geht es um den Gehorsam Christi gegenüber dem Ungehorsam Adams. Eine Parallelstelle hierzu finden wir in Philipper 2,5.6. Auch hier geht es um genau dieses Thema. Und wir finden deutlich, dass der Gehorsam Christi von Anfang bis Ende als ein großes Ganzes angesehen wird: „… indem er Knechtsgestalt annahm … gehorsam ward bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz“, wo sein Gehorsam in vollstem Maße geprüft wurde. Eine Trennung in seinem Gehorsam gibt es nicht, und wenn man unterscheiden will, dann ist es eben gerade sein Tod und nicht sein Leben, was die Rolle für die Rechtfertigung einnimmt, wie die vorher behandelten Stellen zeigen.

Noch ein kurzer Gedanke in diesem Zusammenhang zu dem Ausdruck „Rechtfertigung des Lebens“. In Römer 3 sehen wir vor allen Dingen die Rechtfertigung mit dem Blut verbunden, in Römer 4 mit der Auferstehung, in Römer 5 wird nun ein drittes Element hineingebracht: Das Auferstehungsleben Christi wird auf den Gläubigen angewendet. Das scheint ausgedrückt zu werden in dem Ausdruck „Rechtfertigung des Lebens“. Denn wenn Gott Christus nicht nur aus den Toten auferweckt hat, Ihn gerechtfertigt hat von allem, was Er auf sich genommen hat, von welchem dieses Auferstehungsleben ein Zeugnis ist, sondern auch weiter uns dieses Leben mitteilt, so wird das ein zusätzlicher Beweis für unsere Rechtfertigung. Es hat dieselbe Natur, Quelle und Verbindung. Denn es wird aus dem Tod und Grab hervorgebracht. Es kommt von Gott, der ihr Urheber und Spender ist, und es wird genossen in Verbindung mit Christus, dem auferstandenen Menschen, dessen Leben es ist. Aus diesem Grund spricht der Apostel Johannes von der Freimütigkeit am Tag des Gerichts, da „gleichwie er ist auch wir sind in dieser Welt“ (1Joh 4,17). Das bedeutet, dass wir jetzt schon dieselbe Gerechtigkeit und dasselbe Leben haben wie Christus, und so sind wir vor Gottes Augen mit Ihm identifiziert. Von Natur aus stehen alle Menschen in Beziehung zu Adam als dem Haupt und Ursprung ihres Geschlechts. Durch Gnade und durch den Tod und die Auferstehung Christi stehen alle Gläubigen in lebendiger Verbindung mit Ihm als dem Haupt und Ursprung dieses geistlichen Geschlechts, zu dem sie jetzt gehören. Sie sind, wenn man so sagen darf, in Christus eingepfropft und Teilhaber seines Lebens und seiner Natur. Und „in dem Leben Christi“ sind sie rechtlich freigemacht von allen Folgen, die früher „in dem Leben Adams“ auf ihnen lagen. Das ist eine wunderbare Tatsache, die wir oft übersehen. Rechtfertigung, wie sie der Römerbrief uns vorstellt, bedeutet also nicht nur völligen Freispruch von aller Schuld und der Verdammnis, die mit der gefallenen adamitischen Natur verbunden sind, sondern durch Gottes Werk stehen wir in Christus auch als aus den Toten auferstanden da. Gepriesen sei Gott für eine solche Befreiung!


Ouweneel: Die Gerechtigkeit Christi

Dieses Kapitel ist ein Zitat von W.J. Ouweneel aus dem Heft Rechtfertigung (Heft 6 aus der Reihe „Was lehrt die Bibel?“) aus dem Jahr 1978.

 

Die zentrale Frage, um die es nun geht, ist: Was hat das Gesetz mit der Gerechtigkeit Gottes zu tun oder mit der Gerechtigkeit, die uns zugerechnet wird? Wir lesen in Römer 2,13: „Die Täter des Gesetzes werden gerechtfertigt werden“ – an sich ein völlig richtiger Grundsatz, worin jedoch ein großes Problem steckt: Es gibt keine „Täter des Gesetzes! Es gibt niemanden, der Gutes tut, auch nicht einen (Röm 3,10-12). „Darum, aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden“ (Röm 3,20). „… aber wissend, dass der Mensch nicht aus Gesetzeswerken gerechtfertigt wird, sondern nur durch den Glauben an Jesus Christus“ (Gal 2,16). Wenn ein Mensch gerechtfertigt wird aufgrund von „Gesetzeswerken“, bedeutet dies, dass Gott diesen Menschen entsprechend den Maßstäben eines bestimmten Gesetzes für gerecht erklärt, und zwar weil dieser die Werke dieses Gesetzes vollkommen vollbracht hat. Doch eine der größten Wahrheiten, die die Reformation durch Gottes Gnade wieder ans Licht gebracht hat, ist nun gerade, dass der Mensch von Natur ein unverbesserlicher Sünder ist, der kein einziges Werk des Gesetzes vollbringen kann und deshalb völlig von Gottes Barmherzigkeit abhängig ist, worauf er sein Glaubensvertrauen richtet, so dass Gott ihn nicht aufgrund von Gesetzeswerken, sondern aufgrund des Glaubens für gerecht erklärt.

Doch was ist nun der Grund dieser Rechtfertigung? Hier antworten sowohl Luther als Calvin: Ich habe eine Gerechtigkeit nötig, die völlig den Forderungen des Gesetzes Gottes entspricht; nun, das ist die Gerechtigkeit Gottes, nämlich die Gerechtigkeit, die vor Gott gesetzesgültig ist; solch eine Gerechtigkeit (die einzige, aufgrund der ich vor Gott bestehen kann) ist die Gerechtigkeit Christi, denn Er hat vollkommen die Gerechtigkeit des Gesetzes für mich erfüllt; ich habe nicht nur Vergebung meiner Gesetzesübertretungen nötig, ich habe einen vollkommenen Gehorsam (nämlich gegenüber dem Gesetz Gottes) nötig; ich habe diese nicht, doch wird mir die aktive Gerechtigkeit Christi zugerechnet; das ist meine Rechtfertigung.

Wenn große Gottesmänner wie Luther und Calvin dies dargelegt haben und dann noch in Bezug auf ein Thema, das mehr als alles andere als kennzeichnend für die Reformation betrachtet wird, nämlich die Rechtfertigung durch den Glauben, dann zögert man, etwas dagegen einzuwenden. Und doch kann sich sogar der einfältigste Gläubige mit Recht fragen: Wo lese ich in der Schrift, dass mir die Gesetzeserfüllung Christi zugerechnet wird? Wo lese ich, dass Gott mir Seine Gerechtigkeit schenkt? Wo lese ich überhaupt von der Gerechtigkeit Christi (außer in 2. Petrus 1,1 in einem völlig anderen Zusammenhang)? Natürlich sind solche Fragen keine Widerlegung; doch es muss uns immer nachdenklich machen, wenn bestimmte Ausdrücke, die in der Schrift gar nicht vorkommen (und, wie ich glaube, dem Geiste der Schrift fremd sind), in einer bestimmten Theologie nichtsdestoweniger eine Hauptrolle spielen.

Nun ist es tatsächlich so, dass Paulus sagt: „Christus Jesus, der uns geworden ist … Gerechtigkeit“ (1Kor 1,30), denn die Gerechtigkeit, die wir besitzen, ist gegründet auf das, was Er ist und für uns tat. Und tatsächlich ist es so, dass Paulus sagt: „So werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden“ (Röm 5,19). Doch besteht dieser Gehorsam in Seiner Gesetzeserfüllung? Ist es ein gesetzlicher Gehorsam? Welche „Gerechtigkeit des Gesetzes“ forderte denn, dass Er Sein Leben für Sünder geben sollte und dass Er für sie den Fluch des Gesetzes tragen sollte? Lernte Er nicht den Gehorsam an dem, was Er litt (Heb 5,8)? Er war gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze (Phil 2,8)!

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen diesem Gehorsam und dem Gesetz? Ließ das Gesetz einen gerechten Menschen leiden? Doch es war dieses Leiden, es war Sein Blutvergießen, Seine Übergabe in den Tod, die die Grundlage meiner Rechtfertigung ist. Was hat das Gesetz hiermit zu tun? Das Gesetz war dem „ersten Menschen“ (1Kor 15,45) gegeben und entsprach ihm, dem Sünder, doch der Gehorsam Christi entsprach den tiefsten Gedanken Gottes und war zur Verherrlichung Gottes.

Könnte man sagen: Christus erfüllte die Gebote des Gesetzes in voller Konsequenz, ja, bis zum Tode am Kreuz? Christi Gehorsam (Röm 5,19) wird gerade dem Gesetz gegenübergestellt und steht dazu im Gegensatz (Röm 5,20). Das Gesetz kam lediglich daneben ein, um den Zustand des ersten Adam und seines Geschlechtes um so schärfer ins Licht zu stellen und das auch nur in Israel („… auf dass die Übertretung überströmend würde“); doch der gesamte Gedankengang in diesem Kapitel ist, dass die Gerechtigkeit nicht allein für die ist, die unter dem Gesetz sind, sondern auch für die, „welche nicht gesündigt hatten in der Gleichheit der Übertretung Adams“ (Röm 5,14). Die Gerechtigkeit wird überall verkündigt, wo „die Sünde überströmend“ wurde (nicht: „die Übertretung überströmend“ wurde; Röm 5,20). Die ganze Absicht des Apostels besteht nun gerade darin, das System des Gesetzes (oder irgendeines Gesetzes) außer Betracht zu lassen. Sicher, der erste Adam „übertrat“ auch ein „Gesetz“ (siehe Röm 5,14), doch dieses „Gesetz“ war nicht von der Art „Tue dies und lebe“ (d.i., erwirb Leben als jemand, der tot ist), sondern „Tue dies oder stirb“ (als jemand, der lebt). Adam musste nicht gehorchen, um in einem Zustand des Todes das Leben zu erwerben, sondern er musste gehorchen, um das Leben zu behalten, das er bereits hatte und das er durch Ungehorsam verlieren würde.

Nun, ist unsere Gerechtigkeit also eine gesetzliche Gerechtigkeit (nämlich die Gerechtigkeit, die Christus für mich erwarb durch Seine vollkommene Gesetzeserfüllung)? Paulus gibt die Antwort darauf: „Denn Mose beschreibt die Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz ist: ,Der Mensch, der diese Dinge getan hat, wird durch sie leben.‘ Die Gerechtigkeit aus Glauben aber sagt also: … ,Das Wort ist dir nahe, in deinem Munde und in deinem Herzen‘“ (Röm 10,5-8). Hier sind die beiden Gerechtigkeiten einander genau entgegengesetzt und schließen einander völlig aus. Es geht hier nicht darum, wer die Gerechtigkeit des Gesetzes vollbringt (der Sünder selbst oder Christus für diesen), sondern es geht darum, dass die Gerechtigkeit, die aus Glauben ist, einfach nicht „aus einem Gesetz“ ist, in welchem Sinne auch und aus welchem Gesetz auch immer! So sagt Paulus auch in Römer 3,21: „Jetzt aber ist, ohne Gesetz [choris nomu, außerhalb (jedes) Grundsatzes eines Gesetzes], Gottes Gerechtigkeit geoffenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten.“ Das Gesetz zeugt von der Gerechtigkeit Gottes, doch es ist nicht die Grundlage oder der Maßstab davon.

Wir wollen das einmal konsequent durchdenken. Wenn die Gerechtigkeit, die ich empfangen habe, eine gesetzliche Gerechtigkeit ist (nämlich die „aktive Gerechtigkeit Christi“, d.h. Seine vollkommene Gesetzeserfüllung), dann müssen wir gut bedenken, dass

  • diese Gerechtigkeit dann noch immer eine menschliche Gerechtigkeit ist, die nichts mit Gottes Gerechtigkeit (nämlich Seinem Gerechtsein und gerecht Handeln) zu tun hat [Ich bemerke hier noch, dass Calvins Lehre bereits in ihren ersten Lehrsätzen schiefläuft durch seine Behauptung, dass Gottes Gerechtigkeit eine Gerechtigkeit in dem Menschen ist, die vor Ihm rechtsgültig ist, oder dass Er sie dem Menschen geschenkt hat. Warum gilt dies nicht für die Heiligkeit Gottes? Ist das eine Heiligkeit (in dem Menschen), die vor Gott gültig ist, oder ist es Gottes eigene Eigenschaft, dass Er heilig ist? Ist Gottes Barmherzigkeit ein Barmherzig-Sein des Menschen, das vor Gott Wert hat, oder ist es Gottes eigene Eigenschaft, dass Er barmherzig ist? Und weshalb ist es anders mit der Gerechtigkeit Gottes? Der Ausdruck weist auf die Eigenschaft in Gott hin, dass Er gerecht ist; jede Abwandlung dieser einfachen Wahrheit führt in Verwirrung.];

  • diese Gerechtigkeit doch eine Gerechtigkeit aus (dem) Gesetz ist, nicht eine Gerechtigkeit aus Gott (Phil 3,9);

  • diese Gerechtigkeit an der Geistlichkeit des Gesetzes vorbeigeht (die nicht nur das beinhaltet, was ich tun muss, sondern was ich sein muss);

  • diese Gerechtigkeit lediglich aus dem besteht, was ich hätte tun müssen („Tue dies und lebe“) und weiter nichts – eine Gerechtigkeit aus dem Gesetz gibt mir kein einziges Recht auf eine Verbindung mit dem auferweckten Christus (Röm 6,7.8), auf die Herrlichkeit Gottes (Röm 3,23.24; 5,1.2) und auf das ewige Leben (Röm 5,21), ebenso wenig wie Adam in seinem unschuldigen Zustand ein Recht auf diese Dinge hatte.

Es dreht sich alles darum, dass wir zuerst verstehen müssen, welchen Platz das Gesetz in den Absichten Gottes hatte! Gott erprobte zuerst den Menschen ohne Gesetz (von Adam bis Mose), und der Mensch erwies sich als Sünder. Danach erprobte Gott den Menschen unter dem Gesetz (Israel ab dem Sinai), und der Mensch wurde ein Gesetzesübertreter. Der Mensch hatte keine Gerechtigkeit, weder ohne das Gesetz noch unter dem Gesetz. Und siehe da, danach offenbarte Gott Seine Gerechtigkeit außerhalb irgendeines Gesetzes. Und was beinhaltete das? Dass Christus nicht eine menschliche, gesetzliche Gerechtigkeit für mich erwarb, sondern dass Gott in Ihm meinen alten Menschen von Grund auf verurteilte und den neuen Menschen in Seine eigene Gerechtigkeit versetzte (vgl. 2Kor 5,21): in Christus, den himmlischen Menschen, der nun meine Gerechtigkeit ist (1Kor 1,30). Dem alten Menschen wird nicht eine Gerechtigkeit zugerechnet, die er selbst nicht hervorbringen konnte – das wäre indirekt eine Verbesserung des alten Menschen –, sondern Gott hat mit dem alten Menschen als solchem vollständig abgerechnet und hat diesen durch einen neuen Menschen ersetzt, der nichts mit dem Gesetz zu tun hat (ob er nun Jude oder Grieche war), sondern nur mit Gottes eigener Gerechtigkeit. Er ist in und von Christus, und als solcher besteht er nicht mehr für das Gesetz: „Also seid auch ihr, meine Brüder, dem Gesetz getötet worden durch den Leib des Christus, um eines anderen zu werden, des aus den Toten Auferweckten, auf dass wir Gott Frucht brächten“ (Röm 7,4).

Die Konsequenzen der Lehre der gesetzlichen Gerechtigkeit Christi für uns sind ernster, als viele glauben. Da ist ein Mensch, ein Sünder, der im Fleisch lebt; was er nötig hat (lehrt man), ist eine Gerechtigkeit, die dem Gesetz entspricht; nun, ein anderer (Christus) hat das Gesetz erfüllt und so eine gesetzliche Gerechtigkeit erworben, die ihm, diesem Menschen im Fleisch, zugerechnet wird; er wird gerechtfertigt dadurch, dass (ein anderer) das vollbringt, was er selbst hätte tun müssen als Kind Adams, das in dieser Welt lebt und dem Gesetz unterworfen ist – und dann stirbt Christus für diesen gerechtfertigten Menschen!? Welchen Platz und welchen Sinn hat Sein Tod hier? Weshalb Sünden sühnen, wenn sie bereits durch die Gesetzeserfüllung Christi gutgemacht sind? Warum sterben für jemanden, der bereits vollkommen gerechtfertigt ist? Oder ist es das Blut Christi, das die Sünden dieses Menschen austilgt? Dann aber kann keine Rede sein vom Gutmachen: „Alles dessen, was in unseren Werken unvollkommen ist“ (wie ich bereits oben Calvin zitierte). Das ist eine lebensgefährliche Formulierung, die den Ernst des Zustandes des ersten Adams unterschätzt. Es geht nicht um Unvollkommenheiten in den Werken des ersten Menschen – Gott sieht Böses an ihm und nichts anderes; deshalb starb Christus.

Was ist denn nun meine Gerechtigkeit? Verbesserte Gott den alten Menschen, indem Er ihm diese Gerechtigkeit Christi (nämlich die Gesetzeserfüllung, in der der alte Mensch zu kurz kam) zurechnete? Oder hat Gott den alten Menschen vollständig verurteilt, diesen in den Tod Christi gebracht und an seine Stelle einen neuen Menschen gesetzt, der in Christus vor Gott lebt? Hat Gott (durch eine Reihe von Taten Christi) meine Verfehlungen im Fleisch gutgemacht, oder hat Gott dem Menschen im Fleisch radikal ein Ende gemacht? Hat Gott den alten Menschen gerechtfertigt, indem Er dessen Unvollkommenheiten tilgte, oder hat Gott den alten Menschen zu Tode gebracht? Der neue Mensch hat keine Versäumnisse, die gutgemacht werden müssen, denn Christus ist sein Leben. Entweder gibt es ein Gutmachen der Verfehlungen des alten Menschen (doch dann gibt es keinen neuen Menschen), oder ich bin ein neuer Mensch in Christus; doch dann gibt es keine Verfehlungen mehr, die noch gutgemacht werden müssen, denn Christus ist für mich in der Gegenwart Gottes als meine Gerechtigkeit. Wenn ich fehle, denn das Fleisch ist noch in mir, ist Jesus Christus, der Gerechte, mein Sachwalter (1Joh 2,1). Gott mag mich züchtigen, wenn das nötig ist (denn das Fleisch ist in mir) – doch ich bin nicht mehr im Fleisch. Wenn es um Gerechtigkeit und um den Richter geht (nicht, wenn es um meinen praktischen Glaubenswandel geht), gilt 4. Mose 23,21: „Er erblickt keine Ungerechtigkeit in Jakob und sieht kein Unrecht in Israel; der HERR, sein Gott, ist mit ihm, und Jubelgeschrei wie um einen König ist in seiner Mitte.“

Natürlich ist es nicht so, dass das Leben Christi nichts mit meiner Gerechtigkeit zu tun hat. Es ist außerordentlich wichtig, dass gerade Er, „der Sünde nicht kannte“, es war, der für uns zur Sünde gemacht wurde, damit wir Gottes Gerechtigkeit in Ihm würden (2Kor 5,21). Zu dem Geruch Seines vollkommenen Brandopfers auf dem Kreuz gehörte unverbrüchlich der Geruch des vollkommenen Speisopfers Seines Lebens. Er ließ vor Gott sehen, was ein vollkommener Mensch ist, und Er ließ gegenüber dem Menschen sehen, wer Gott ist – aber es konnte in dieser Hinsicht keine einzige Verbindung mit dem Menschen geben (Joh 12, 24.32). Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein – wäre es anders, weshalb sollte es sterben? Wenn die Gesetzeserfüllung Christi mir zugerechnet wird, warum musste Er dann noch meine Sünden tragen? Er vollbrachte dann doch gerade das für mich, worin ich versagte! Mein Versagen wäre dann doch durch das gutgemacht worden, was Er für mich tat!

Ja, aber … es wäre nicht gesühnt worden! „Denn wenn Gerechtigkeit durch Gesetz kommt, dann ist Christus umsonst gestorben“, sagt Galater 2,21. Doch wenn Christus das Gesetz für mich vollbracht hat, ist die Gerechtigkeit durch das Gesetz und ist Christus umsonst gestorben! Doch Gott sei gepriesen! Der Mensch in dem ersten Adam wird (als solcher) überhaupt nicht gerechtfertigt, sondern der Mensch in dem letzten Adam! Und ich bin in dem letzten Adam und also frei vom Gesetz (Röm 6,14; 7,4.6; 10,4; Gal 2,19), habe also niemanden nötig, der für mich das Gesetz erfüllt. Das Gesetz erwirbt im Prinzip eine menschliche Gerechtigkeit für den ersten Adam (Röm 2,13), doch das hat für mich keine Bedeutung mehr, denn ich bin in dem letzten Adam; und was ich nun habe, ist Gottes Gerechtigkeit in dem letzten Adam. Das Gesetz bringt mir nicht in Christus nachträglich eine gesetzliche Gerechtigkeit, sondern es tut das Umgekehrte. Es beweist die vollständige Hoffnungslosigkeit des ersten Adam. Das Gesetz konnte nur eins tun: mich töten; doch diesen Tod erlitt ich in Christus, und ich bin nun in Ihm, dem letzten Adam. Das Gesetz ist gerecht, rechtfertigt aber nicht und ist nicht für Gerechte, sondern für Ungerechte (1Tim 1,8-10); Christus wurde unter dem Gesetz geboren (Gal 4,4), um die, die darunter waren, zu erlösen, nicht indem Er das Gesetz für sie hielt (obwohl Ihn das mit befähigte, das Erlösungswerk zu vollbringen), sondern indem Er für sie ein Fluch wurde und sie von dem Fluch des Gesetzes freikaufte (Gal 3,13)!

Der Tod Christi entscheidet alles – doch dieser Tod hat nichts mit dem Gesetz zu tun, denn das Gesetz fordert nicht den Tod eines Gerechten. In Römer 5, wo der erste und der letzte Adam einander gegenübergestellt werden, geht es gerade um diesen Tod Christi und gerade nicht um das Gesetz (wie wir in den Versen römer 5,13.14.20 sahen). Diese beiden Familienhäupter werden dort einander gegenübergestellt, nicht um das Erste zu verbessern durch das Zweite, sondern um durch den Tod das Erste durch das Zweite zu ersetzen. Eine gesetzliche Gerechtigkeit ist: etwas verbessern an dem ersten Adam. Doch der Gehorsam Christi ist nun das genaue Gegenteil vom Gesetz (Röm 5,19.20). Ich wiederhole: Es dreht sich alles darum, dass wir den richtigen Platz des Gesetzes sehen müssen. Das Gesetz ist nicht der vollständige Ausdruck der Gedanken Gottes – das ist allein Christus. Das Gesetz ist der vollständige Ausdruck dessen, was ein Geschöpf vor Gott sein muss, doch das ist etwas völlig anderes. Sein ganzer Charakter zeigt deutlich, dass Gott es für Ungerechte beabsichtigt hat, denn das ist zu ersehen aus dem wiederholten „Ihr sollt nicht“. Und selbst dort, wo das Gesetz positiv ist – „Ihr sollt den HERRN, euren Gott, lieben“ –, ist es nicht der Ausdruck des Herzens Gottes. Das Herz Gottes fordert keine Liebe, sondern verlangt nach Liebe, die freiwillig und von Natur gegeben wird, wie Christus sie Ihm schenkte; welch eine Herabsetzung wäre es, wenn wir die Liebe, die Christus als Mensch Gott erwies, lediglich als die Erfüllung der Forderung des Gesetzes betrachten würden!

Und genauso ist es auch für diejenigen, die nun in Christus sind. „Seid nun Nachahmer Gottes, als geliebte Kinder, und wandelt in Liebe, gleichwie auch der Christus uns geliebt … hat“ (Eph 5,1.2) – was hat das mit der Erfüllung des Gesetzes zu tun? Den anderen zu lieben wie Christus mich geliebt hat, was hat das damit zu tun, dass ich den anderen liebe wie ich mich selbst liebe? „Hieran haben wir die Liebe erkannt, dass er für uns sein Leben dargelegt hat; auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben darzulegen“ (1Joh 3,16) – fordert das Gesetz das von mir? Gilt das nicht für solche, für die Christus die Lebensregel geworden ist (vgl. Gal 6,15.16; Kol 3,12-15)? Sicher, ich erfreue mich am Gesetz Gottes, und wenn ich liebe, vollbringe ich „en passant“ [im Vorübergehen, beiläufig] das Gesetz Gottes (Röm 13,8; Gal 5,14; Jak 2,8), aber deshalb ist das Gesetz noch nicht meine Lebensregel; das ist es nur für die, die unter den ersten Adam fallen, und formell auch nur für einen Teil von ihnen (nämlich Israel). Meine Lebensregel ist eine weitaus höhere: „Denn ich bin durchs Gesetz [dem] Gesetz gestorben, auf dass ich Gott lebe; ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,19.20).

Hebe ich damit das Gesetz auf? „Das sei ferne“, sagt Paulus, „sondern wir bestätigen [das] Gesetz“ (Röm 3,31). Paulus selbst wirft diese Frage auf, weil das Gegenargument aufkommen könnte: Wenn nun die Rechtfertigung überhaupt nichts mit dem Gesetz zu tun hat und allein aufgrund des Glaubens stattfindet, ist dann das Gesetz nicht kraftlos (wirkungslos, ohne Ergebnis) gemacht? Nein, gerade im Gegenteil, antwortet Paulus, denn nur so lässt man dem Gesetz vollkommen Recht widerfahren. Gerade wenn man behauptet, dass unsere Gerechtigkeit letztlich doch eine gesetzliche Gerechtigkeit ist und dass die gerechtfertigte Seele nachträglich das Gesetz vollbringen muss (aus Dankbarkeit oder weshalb auch immer), gerade dann nimmt man das Gesetz nicht völlig ernst. Denn das Gesetz verurteilt den Menschen im Fleisch so vollständig, dass der einzige Ausweg für den Menschen der Tod ist und die Ersetzung des alten Menschen durch den neuen. Wer glaubt, dass durch die Gesetzeserfüllung Christi obendrein die Verfehlungen des alten Menschen getilgt werden könnten, nimmt den Fluch des Gesetzes, den es über den alten Menschen bringt, nicht ernst. So jemand macht das Gesetz also kraftlos und ohne Wirkung! Und wer glaubt, dass er sich als Christ unter das Gesetz stellen kann, ohne unter dessen Fluch zu fallen, wenn er es übertritt, macht das Gesetz ebenfalls kraftlos. So jemand nimmt den Fluch des Gesetzes ebenso wenig ernst.

Doch die Schrift sagt: „Denn so viele [Gläubige oder Ungläubige] aus Gesetzeswerken sind [welchen Gesetzesgrundsatzes auch immer], sind unter dem Fluche“ (Gal 3,10). Nicht: So viele das Gesetz übertreten haben, sondern: So viele auf dieser Grundlage stehen; sie sind unter dem Fluch. Gerade derjenige, der einsieht, dass jeder, der auf der Grundlage des Gesetzes steht, notwendigerweise durch das Gesetz verurteilt wird, und dass ein solcher gerade deshalb die Gerechtigkeit Gottes nötig hat, die nichts mit dem Gesetz zu im hat (Röm 3,21); gerade derjenige, der einsieht, dass es nach den Maßstäben des Gesetzes keine einzige Hoffnung für den ersten Adam gibt (auch nicht durch die Gesetzeserfüllung eines anderen), sondern dass es nur Hoffnung für diejenigen gibt, die durch Glauben in dem letzten Adam sind, gerade der „bestätigt das Gesetz“: Er lässt dem Gesetz völlig Recht widerfahren. Es ist nicht so, dass ich gerechtfertigt werde kraft des Gesetzes, wobei es dann ein anderer ist, der das Gesetz für mich vollbrachte, sondern es geschieht überhaupt nicht aufgrund des Gesetzes (Gal 3,10.11). Wäre die Gerechtigkeit trotzdem durch ein Gesetz (sei es durch meine Werke oder die Werke Christi), dann wäre Christi Tod umsonst gewesen (Gal 2,21). Doch nun ist Christus gestorben, und auch ich bin dem Gesetz gestorben (Röm 7,4.6; Gal 2,19), jedoch verbunden mit einem auferweckten Herrn. Ich war als Heide formell allerdings niemals unter dem Gesetz, und jedenfalls bin ich nun nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade (Röm 6,14). Warum soll dann das Gesetz für mich von einem anderen vollbracht worden sein und warum sollte ich eine Gerechtigkeit nötig haben, die gegründet ist auf Werke des Gesetzes?

Der ernste Punkt in dieser Lehre ist der, dass sie letzten Endes die Herrlichkeit der Person Christi Selbst berührt, sowohl was Sein Leben, als auch was Seinen Tod betrifft. Erstens tastet diese Lehre die Notwendigkeit und die Allgenugsamkeit des Sühnungstodes Christi an durch die These Seiner stellvertretenden Gesetzeserfüllung und dadurch, dass sie Raum für eine Verbesserung des alten Menschen lässt, wie dargelegt. Doch sie tastet auch die Bedeutung Seines Lebens auf der Erde für Gott an. Ist es denn wirklich so, dass die Gerechtigkeit, die ich einmal vor dem Richterstuhl Gottes besitzen muss, nichts anderes ist als eine Gerechtigkeit des Gesetzes, und zwar die aktive Gerechtigkeit (der Gesetzeserfüllung) Christi? Ist meine Annehmlichkeit vor Gott nicht mehr als das? Wenn ich angenehm gemacht bin in dem Geliebten (Eph 1,6), ist der Geliebte dann in dieser Hinsicht lediglich ein Mensch, der vollkommen Gottes Gesetz erfüllt hat? Oder ist dieser Geliebte der Sohn, der vollkommen den Vater verherrlicht hat auf der Erde und das Werk vollbracht hat, das dieser Ihm gegeben hatte, dass Er es tun sollte (Joh 17,4)? – Oder will man behaupten, dass dies lediglich das Erfüllen des Gesetzes vom Sinai war? Ein Sohn, der auf die Erde kam, um die Gebote des Vaters zu erfüllen und in Seiner Liebe zu bleiben (Joh 15,10) – erfüllte dieser damit lediglich das Gesetz Moses? Und das Gebot des Vaters, dass Er Sein Leben ablegen sollte, um es wiederzunehmen (Joh 10,17-18) – war das ein Gebot aus dem Gesetz vom Sinai? Ich habe dieses Kapitel mit diesem Argument begonnen, und ich ende auch damit, denn nichts ist wichtiger, als was die Herrlichkeit Christi berührt.

Nein, die Schrift sagt nicht, dass mir die (gesetzliche) Gerechtigkeit Christi zugerechnet wird, sondern dass Christus meine Gerechtigkeit ist – und welch ein Christus! Das ist derjenige, der in Seinem Leben und in Seinem Sterben vollkommen den Vater verherrlicht hat; der einen heiligen und gerechten Gott auf dem Kreuz verherrlicht hat, gerade an an dem Platz, wo das Gericht über die Sünde Ihn traf; der auferweckt wurde durch die Herrlichkeit des Vaters (Röm 6,4) und dem der Vater Seine Gerechtigkeit dadurch erwies, dass Er Ihn im Hause des Vaters verherrlichte (Joh 16,10.14; vgl. 13,1.32; 14,2; 17,1.5). Ich darf auf alle diese Herrlichkeit sehen und wissen: Dieser Christus ist mein Leben. Nicht Seine Gesetzeserfüllung tilgte meine Verfehlungen, Er starb für meine Verfehlungen. Er erfüllte nicht das Gesetz für mich, sondern Er trug den Fluch des Gesetzes für mich. Durch Sein Leben vervollkommnete Er nicht meinen alten Menschen, sondern durch Sein Sterben wurde ich ein neuer Mensch; denn mein alter Mensch ist mit Ihm gestorben, und ich bin nun in dem letzten Adam. Ich bin in Ihm, dem auferweckten Herrn, und Er ist mein Leben.

Für Gott geht es nicht um die Frage, ob Er eine gesetzliche Gerechtigkeit bei mir sieht, sondern ob Christus Gestalt in mir annimmt (Gal 4,19; vgl. Gal 2,20). Für Gott ist nur eine Person wichtig: Christus. Nicht nur ein Christus, der das Gesetz erfüllte (obwohl Er das vollkommen tat), sondern der Gott verherrlichte am Platz des Gerichtes. Christus, der Sohn des Menschen, der zur Rechten Gottes sitzt, der Sohn des Vaters, der im Schoß des Vaters ist, ist alles für das Herz des Vaters. Doch Gott sei gepriesen! Ich bin in dieser Person, und Er ist mein Leben; in Ihm bin ich vor Gott angenehm. Ich bin der Sünde gestorben (Röm 6) und dem Gesetz gestorben (Röm 7), und was nun mein Leben im Fleisch betrifft, lebe ich durch den Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und Sich Selbst für mich hingegeben hat (Gal 2,20).

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Anmerkungen

[1] Anm. d. Red.: Falsche Übersetzung von Jesaja 53,11.


Diese Gedanken gehen zurück auf Schriften vergangener Jahrhunderte.

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