Besonderheiten im Text der Heiligen Schrift – Für und anstelle
hyper – anti

Christian Briem

© CSV, online seit: 07.03.2006, aktualisiert: 28.01.2018

Leitverse: Markus 10,45; 1. Timotheus 2,6

Mk 10,45: Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für [anti] viele (vgl. auch Mt 20,28).

1Tim 2,6: Der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gab zum Lösegeld für [hyper] alle.

Wenn wir die beiden angegebenen Schriftstellen einander gegenüberstellen, so fällt uns ein bemerkenswerter Unterschied auf: In den Evangelien heißt es, dass der Herr Jesus Sein Leben als Lösegeld für viele gegeben habe; im ersten Brief an Timotheus dagegen wird gesagt, Er habe sich selbst zum Lösegeld für alle gegeben. Auf den ersten Blick scheinen sich die beiden Zitate zu widersprechen, aber wir müssen stets bedenken, dass Gottes Wort sich nicht nur nicht widersprechen kann, sondern dass es niemals etwas umsonst sagt, auch wenn wir es vielleicht noch nicht verstehen mögen. Widersprüchlichkeiten und Schwierigkeiten haben ihre Ursache in uns, nie in dem heiligen Wort Gottes. Hätten wir nur die Stelle aus 1. Timotheus 2, so könnte bei oberflächlicher Betrachtung der Gedanke aufkommen, dass, wenn Sich Christus zum Lösegeld für alle gab, auch alle Menschen errettet werden. Tatsächlich hat Satan versucht, dieses Wort in dieser Richtung zu benutzen und den Menschen vorzugaukeln, sie würden – ob sie hier Buße getan und an den Herrn Jesus geglaubt haben oder nicht – schließlich doch alle errettet werden.

Dass dies ein verhängnisvoller Irrtum ist, deutet schon die Tatsache an, dass zweimal in den Evangelien gesagt wird, der Herr Jesus habe Sein Leben als Lösegeld für viele gegeben. Darüber hinaus zeigt ein Vergleich der Stellen im Grundtext, dass der Heilige Geist in den Evangelien ein anderes Verhältniswort benutzt als im ersten Timotheusbrief, das jeweils und richtig mit „für“ wiedergegeben ist: Das erste Wort ist anti, das zweite hyper.

Die Grundbedeutung von anti ist „von Angesicht zu Angesicht“, also „angesichts“, „gegenüber, gegen“. Diese Grundbedeutung hat sich vor allem in mit anti zusammengesetzten Wörtern erhalten. Drei Beispiele mögen diese Bedeutung veranschaulichen:

  • In 1. Johannes 2 hören wir von dem Antichristen (anti-christos), und das ist der Gegenchristus.
  • In Johannes 19,12 wird dem Herrn vorgeworfen, Er rede wider den Kaiser (anti-lego); sie meinen damit, Er würde Sich gegen den Kaiser auflehnen.
  • Ein schönes Beispiel für die oft sehr plastische Sprache der Heiligen Schrift findet sich in Lukas 24,17, wo der Herr Jesus zu den Emmaus-Jüngern sagt: „Was sind das für Reden, die ihr wandelnd miteinander wechselt?“ Für „wechselt“ steht im Grundtext wieder ein mit anti zusammengesetztes Wort – anti-ballo –, was so viel wie „in des anderen Angesicht werfen“ bedeutet: Sie warfen einander die Worte oder Reden ins Angesicht.

Die vorherrschende Bedeutung jedoch von anti ist „für“, „anstelle von“. Sowohl im Alten Testament (in der Septuaginta) als auch im Neuen Testament wird daher dieses Wort zur Beschreibung des Gedankens der Stellvertretung benutzt. Auch hierzu einige Beispiele:

  • „… und opferte ihn als Brandopfer an seines Sohnes Statt“ (1Mo 22,13).
  • „Und nun, lass doch deinen Knecht anstatt [anti] des Knaben bleiben“ (1Mo 44, 33).
  • „Und ich, siehe, ich habe die Leviten aus der Mitte der Kinder Israel genommen, anstatt [anti] aller Erstgeburt“ (4Mo 3,12).
  • „Als er aber hörte, dass Archelaus über Judäa herrsche anstatt [anti] seines Vaters Herodes …“ (Mt 2,22).
  • „Er wird ihm statt [anti] des Fisches doch nicht eine Schlange geben?“ (Lk 11,11).
  • „Weil das Haar ihr anstatt [anti] eines Schleiers gegeben ist“ (1Kor 11,15).

Unsere beiden Stellen in Matthäus bzw. Markus zeigen uns also den Gedanken der Stellvertretung, und wenn es bezüglich des Sühnungswerkes unseres Herrn um Stellvertretung geht, dann sagt die Schrift nie, dass Er für alle (in dem Sinn von anstelle von allen) gestorben ist. Im Gericht Gottes war Er stellvertretend nur für die, die an Ihn glauben würden; nur ihre Sünden, „unsere Sünden“, hat Er auf dem Holz an Seinem Leibe getragen (1Pet 2,24). In diesem Sinn ist Christus eben nicht für alle, sondern nur für viele gestorben.

In 1. Timotheus 2,6 dagegen haben wir einen anderen Gedanken, und dort verwendet der Heilige Geist das Verhältniswort hyper = „für, zugunsten von“. Dort wird uns die Tragweite, die universale Tragweite und Vorsorge des Opfers Christi vorgestellt; und in diesem Sinn ist der Herr Jesus tatsächlich „für“ oder „im Hinblick auf“ alle gestorben: Sein Werk reicht aus für alle, und im Hinblick auf alle Menschen hat es der Herr Jesus ausgeführt. Dafür sei Sein Name gepriesen! Aber hast du schon das dir angebotene Heil, die dir entgegengestreckte Heilandshand ergriffen?

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Aus Ermunterung und Ermahnung
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