Christus – wahrer Gott und wahrer Mensch
Das Zeugnis des Alten und des Neuen Testaments

Frank Binford Hole

© SoundWords, online seit: 09.05.2012, aktualisiert: 20.10.2018

A Christus ist wahrer Gott

Es gibt keine bedeutendere Frage zwischen den Buchdeckeln der Bibel als die, die der Herr selbst den ungläubigen Menschen seiner Zeit stellt: „Was denkt ihr von dem Christus?“ (Mt 22,42). In diesen sechs kurzen Worten stellt Er ihnen den Dreh- und Angelpunkt vor, um den sich alles dreht. Die tiefsten Grundlagen des Glaubens liegen hier, und jeglicher Irrtum oder Fehler in diesem Punkt wird sicher seinen Einfluss auf das ganze [Glaubens-]Gebäude spüren lassen. John Newton drückt das so aus:

„Was denkt ihr von dem Christus?“ ist der Test,
prüft beides, Zustand und System;
du liegst nicht richtig bei dem Rest,
wenn du nicht richtig denkst von IHM.

Unser Ziel ist es zu zeigen, dass die Schrift unseren Herrn Jesus Christus als den wahren Gott vorstellt, der jenseits unserer Vorstellungskraft für die Bestätigung der Ehre Gottes wie für unsere Erlösung wahrer Mensch wurde. Wir wollen die beiden Teile unserer Betrachtung getrennt behandeln und beginnen, indem wir die Göttlichkeit von Jesus beweisen.

Das Zeugnis des Alten Testaments

Zuallererst gehen wir in das Alte Testament. Es ist ein wahres Wort, wenn man sagt, dass „kommende Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen“. Kleine Ereignisse werfen kurze Schatten; große Ereignisse werfen lange Schatten. Fangen wir mit 1. Mose 3,15 an, wo von dem Einen gesprochen wird, der als der alles erfüllende Befreier kommen sollte. Der Kommende ist von solch majestätischer Bedeutung, dass Er einen Schatten wirft, der sich über viertausend und mehr Jahre vor seiner Ankunft erstreckt. Wir sollten gut untersuchen, wer Er ist.

Der Prophet Jesaja

Jesaja 9,5 wird uns die Antwort liefern: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Und man nennt seinen Namen: Wunderbarer, Berater, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Friedefürst.“ Wir sollten diese bemerkenswerte Prophezeiung gut beachten. Hier geht es nicht um eine vorübergehende Offenbarung Gottes in menschlicher Gestalt, wie uns in 1. Mose 18 in Bezug auf Abraham berichtet wird. „Der starke Gott“ ist der Name des Kindes, das geboren werden sollte, des Sohnes, der gegeben werden würde und der, wie der nächste Vers zeigt, auf dem Thron Davids sitzen und von da an Herrschaft ausüben würde, indem Er ein Zeitalter der Gerechtigkeit und dauerhaften Friedens auf der Erde schaffen würde.

Und weiter: Jesaja 9,6.7 ist der Höhepunkt einer Prophezeiung, die schon in Jesaja 7,14 beginnt, wo Jesaja Ahas, den König von Juda trifft, um ihm ein Zeichen des Herrn zu bringen. Dieses Zeichen war: „Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen.“ Immanuel bedeutet „Gott mit uns“, wie uns in Matthäus 1,23 erklärt wird.

Des Weiteren nimmt Jesaja 8 Bezug auf den kommenden Immanuel, und in Jesaja 8,14-18 wird bereits seine Verwerfung angedeutet. Und dann entdecken wir in Jesaja 9, dass der Sohn der Jungfrau, der geboren werden wird, nicht allein für sie, sondern als Geschenk Gottes ganz Israel gegeben wird, dieser kommende Befreier und König, dessen vollständiger Name uns auf fünffache Weise mitgeteilt wird.

Und denken wir daran, dass in der Schrift – allgemein gesprochen – ein Name seinen Träger beschreibt und nicht nur ein Etikett ohne weitere Bedeutung ist, wie es bei uns heutzutage ist. Und dann denken wir darüber nach, was „der Name“ dieses Sohnes der Jungfrau in seinen fünf Charakterzügen bedeutet:

  • „Wunderbarer“: etwas Einzigartiges, Unverwechselbares, etwas, was gewöhnliches menschliches Wissen völlig übersteigt.
  • „Berater“: jemand, der durch Weisheit, Einfallsreichtum und Autorität gekennzeichnet ist. Er ist der Gegenstand des göttlichen Ratschlags und in der Lage, diesen in die Tat umzusetzen.
  • „Starker Gott“: Das ist der vollständige Titel seiner Göttlichkeit. Das hebräische Wort für Gott ist in der Einzahl „El“, nicht „Elohim“, was der Plural ist. Der Sohn der Jungfrau ist für sich selbst Gott, könnte man sagen.
  • „Vater der Ewigkeit“ (oder „Ewigvater“): Aus Ihm kommen und bleiben die ewigen Zeitalter.
  • „Friedefürst“: Er wird unter seiner gerechten Regierung alle Zwistigkeiten auf dieser Erde zu Ende bringen.

Fassen wir den gesamten Abschnitt zusammen: Es gibt nur ein einziges Wort, das den wahren Charakter und das Wesen dieses Sohnes der Jungfrau beschreibt, und dieses Wort ist: Gott.

Der Prophet Micha

Kommen wir jetzt zu Micha 5,1. So wie an die Prophezeiung über den Sohn der Jungfrau in Matthäus 1 erinnert wird, so wird auch dieser Text in Matthäus 2 zitiert; und beide beziehen sich auf Christus. Bethlehem war an sich von geringer Bedeutung, eine unbedeutende Stadt inmitten der Tausende von Juda; und doch war es dazu bestimmt, unsterbliche Bedeutung zu erlangen. Und wofür? „Aus dir wird mir hervorkommen, der Herrscher über Israel sein soll; und seine Ursprünge sind von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her.“

Hier ist zu beachten, dass das Kind, der Sohn, der geboren wird, nicht uns, d.h. Israel gegeben wird, sondern dass dieser Kommende „mir“, d.h. Jahwe, gegeben wird, um sein Herrscher inmitten Israels zu sein. Als „Israels Richter“ würde Er verworfen werden, wie Vers 1 andeutet, denn Er würde „das heilige Kind (oder: Diener) Jahwes“ sein, gegen den sich miteinander „Herodes als auch Pontius Pilatus mit den Nationen und den Völkern Israels versammelten“ (Apg 4,27). Und doch war dieser „heilige Knecht“ so unendlich groß, dass von seinem Erscheinen als von Alters, seit den „Tagen der Ewigkeit“ (als kleine Randbemerkung) gesprochen wird.

Die Kraft dieser verblüffenden Aussage kann nicht umgangen werden. Das Kind in Bethlehems Krippe war derselbe, dessen „Erscheinen“ von den Tagen der Ewigkeit her war. Er war der aktiv Handelnde in der Schöpfung, denn durch Ihn hat Gott die Welten geschaffen (vgl. Heb 1,2). Er war es auch, der in früherer Zeit als Engel des Herrn erschien, doch niemals in der Weise, wie Er Fleisch wurde durch den Leib einer Jungfrau, wie Er vor dem Herrn in Bethlehem erschien. Und wieder müssen wir feststellen, dass es nur ein Wort gibt, das den wahren Charakter und das Wesen jenes Kindes von Bethlehem beschreibt; und dieses Wort ist: GOTT.

Das Zeugnis des Neuen Testaments

Der Römerbrief

Wir kommen jetzt zum Neuen Testament, und dort lesen wir in Römer 1,1-4, dass „das Evangelium Gottes … seinen Sohn, Jesus Christus, unseren Herrn“ betrifft, „der aus dem Geschlecht Davids gekommen ist dem Fleisch nach“. Es war der Sohn Gottes, der durch seine Fleischwerdung „Same Davids“ wurde; und obgleich Er als Sohn Davids verworfen wurde, wurde Er erwiesen „als Sohn Gottes in Kraft … durch Toten-Auferstehung“. Das ist der Weg, auf dem das Evangelium zu uns kam, und wir sollten das gut beachten. Dass eine Person der Gottheit, die sich unserer Vorstellungskraft entzieht, erst durch die Fleischwerdung Sohn Gottes wurde, ist eine falsche Theorie, der sich manche in unserer Zeit hingeben. Dass der Sohn Gottes durch seine Fleischwerdung Sohn Davids wurde, ist die Wahrheit, die uns im Evangelium Gottes vorgestellt wird.

Dann lesen wir wiederum in Römer 9,5 von Israels letzter Herrlichkeit, nämlich dass aus ihrem Geschlecht „dem Fleisch nach, der Christus ist, der über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit“. In diesen Worten haben wir die klarstmögliche Bestätigung von dem, was wir gerade im Alten Testament gesehen haben.

Das Johannesevangelium

Wenn wir dann doch noch eine weitere Bestätigung für die Gottheit des Christus verlangen, dann werden wir sie in den ersten Kapiteln des Johannesevangeliums, des Kolosserbriefes und des Briefes an die Hebräer finden. Lasst uns den ersten dieser Abschnitte lesen und die ersten vier Verse analysieren.

  1. „Am Anfang war das Wort.“ Er begann nicht zu sein am Anfang, sondern Er war schon, d.h., Er existierte bereits am Anfang.
  2. „Das Wort war bei Gott.“ Damit wird gesagt, dass Er unterscheidbar eine eigene Persönlichkeit hatte. Das Wort selbst ist eine unterscheidbare Persönlichkeit.
  3. „Das Wort war Gott.“ Obwohl auf die Person bezogen, ist das Wort dennoch Gott. Das Wort besitzt ohne Zweifel Göttlichkeit.
  4. „Dieses war im Anfang bei Gott.“ Darum ist Er nicht bloß eine zeitweilige Offenbarung von Göttlichkeit. Das Wort besitzt ewige Göttlichkeit.
  5. „Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eins, das geworden ist.“ Er war der handelnde Schöpfer, und nichts ist entstanden außer durch Ihn. Das Wort besaß schöpferische Originalität.
  6. „In ihm war Leben.“ Hier wechseln wir von „allen Dingen“ , was die unbelebte Schöpfung einschließt, zu dem, was in ihrer niedrigen Offenbarung die belebte Schöpfung charakterisiert – zu jenem tiefen Geheimnis des Lebens, das in seiner wahren Natur für das Geschöpf ungelöst bleiben muss. Das Wesen des Wortes ist Lebenskraft.

Bleibt nun noch irgendein Rest an Zweifel daran, wer „das Wort“ ist? Dann lies einfach den Abschnitt bis zu den Versen 16 und 17 weiter: „Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns … voller Gnade und Wahrheit. (Johannes zeugt von ihm …) Denn aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, und zwar Gnade um Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“ Das Wort wurde vollkommener Mensch, und als solcher ist sein Name JESUS CHRISTUS.

B Christus ist wahrer Mensch

Es ist eine sehr zu beachtende Tatsache, dass jede der vier Schriftstellen, die wir bereits untersucht haben (Jes 9; Mich 5; Röm 1; Joh 1), während sie die Göttlichkeit des Herrn Jesus Christus betonen, ebenso klar von seinem Menschsein sprechen.

Das Zeugnis des NT

In der Tat scheint das Menschsein des Herrn Jesus im Neuen Testament so klar auf der Hand zu liegen, dass jegliche in die Einzelheiten gehende Untersuchung gänzlich überflüssig sein müsste. Und doch hat es der große Feind und Verderber des Glaubens nicht versäumt, diese Wahrheit anzugreifen; und von den ganz frühen Tagen der Kirchengeschichte an bis heute sind spitzfindige Theorien in Umlauf gebracht worden, die, während sie Ihn als Menschen in den Himmel heben, gleichwohl die Fülle und Vollkommenheit seines Menschseins leugnen. Wenn wir [diese Vollkommenheit] im Blick behalten, dürfen wir sagen, dass der von Gott geschaffene Mensch nach 1. Thessalonicher 5,23 aus drei natürlichen Elementen besteht, nämlich aus „Geist und Seele und Leib“. Und der Herr Jesus selbst berief sich in aller Deutlichkeit in Bezug auf seine Person auf diese drei Elemente. Wir hören Ihn sagen: „Mein Geist“ (Lk 23,46), „Meine Seele“ (Mk 14,34), „Mein Leib“ (Mt 26,12).

Die Gefahr jedoch ist, dass jemand dem wohl zustimmen möchte, gleichwohl aber die Kraft, die darin liegt, weiterhin abschwächt, so dass die Worte aus seinem Mund etwas ganz anderes meinen als aus unserem Mund; nämlich, dass sein Geist, seine Seele, sein Leib in einer anderen, besonderen Weise verstanden werden muss, so dass man z.B. bezüglich seines heiligen Leibes nicht an einen wirklichen menschlichen Leib denken soll noch bezüglich seines Geistes von einem wirklichen menschlichen Geist. Wenn das wahr wäre, dann gäbe es nicht „den Menschen Christus Jesus“, und zwar in überhaupt keinem Sinn.

Der Hebräerbrief

Es ist uns nicht überlassen, darüber zu räsonieren. Hebräer 2,16.17 sagt deutlich, dass [Gott] sich seiner nach seiner Erniedrigung nicht als Engel, sondern als Same Abrahams angenommen hat: „In allen Dingen musste er den Brüdern gleich werden.“ Beachten wir diese drei bedeutenden Worte: in allen Dingen; wenn nun in allen Dingen, dann in Geist, Seele und Leib.

Hebräer 4,15 gibt uns eine weitere Bestätigung dieser großartigen Tatsache, indem von dem Hohenpriester gesprochen wird, der „in allem versucht worden ist in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde“. Und wieder sagen wir: Lasst uns die drei bedeutenden Worte beachten – in allen Dingen –, die an dieser Stelle eingeschränkt sind durch die folgenden drei Worte „jedoch ohne Sünde “ oder „ausgenommen die Sünde“.

Dies ist ein bemerkenswerter Abschnitt, der es wert ist, genaustens studiert zu werden. Vers 14 betont die Größe unseres Hohenpriesters sowohl in seiner Person als Sohn Gottes als auch in seiner Stellung in den Himmeln. Vers 15 betont sein Mitleid durch die Tatsache, dass Er jegliche Versuchung, die seine Heiligen bedrängt, selbst praktisch erfahren hat, immer jedoch mit Ausnahme solcher Versuchungen, die aus unserer gefallenen, sündigen Natur kommen. Manche Versuchungen betreffen den Geist, andere die Seele, wieder andere den Leib; und es ist leicht zu erkennen, dass der Teufel in der Wüste seine drei Versuchungen in genau diesen drei Richtungen vorbringt. In Lukas 4,1-13 werden sie uns in aufsteigender Reihenfolge vorgestellt: Leib – Seele – Geist. Die heftigsten Prüfungen sind immer die, die sich an den edelsten Teil des Menschen wenden. Der Herr Jesus erfuhr als wahrer und vollkommener Mensch diese vollständige Prüfung. Er bestand [diese Prüfung] in der Schule des Leidens auf vollkommene Weise, und deshalb kann Er vollkommenes Mitleid haben in allen Dingen, ausgenommen die Sünde.

Der erste Timotheusbrief

Diese beiden Abschnitte im Hebräerbrief machen in größter Deutlichkeit klar, dass die Wahrheit von dem Platz unseres Herrn Jesus Christus als Mittler und Priester auf der Tatsache beruht, dass Er Mensch wurde in vollem Sinn des Wortes; deshalb wird die Betonung in 1. Timotheus 2,5 auf sein Menschsein gelegt: „Denn Gott ist einer, und einer ist Mittler zwischen Gott und Menschen, der Mensch Christus Jesus.“ Er ist in der Tat der „Schiedsmann“, nach dem sich Hiob sehnte, der „seine Hand auf uns beide legte“ (vgl. Hiob 9,32.33). Er wusste, dass Gott kein Mensch war wie er selbst, und deshalb sah er die unbedingte Notwendigkeit von einem, der groß genug wäre, seine Hand auf Gott zu legen, jedoch auch gnädig genug, seine Hand auf jemand wie Hiob zu legen.

Das Neue Testament ist die Offenbarung dieses Schiedsmannes, den Hiob sich wünschte – Jesus, der beides ist: Gott und Mensch.

C Häufig vorgebrachte Einwände

Jesus war nicht wirklich Gott

Manche behaupten, dass Stellen wie „Der Vater ist größer als ich“ (Joh 14,28) und andere zeigen, dass der Herr Jesus nicht wirklich Gott war. Wie können Sie dies erklären?, fragt man.

Angenommen, wir könnten diese Aussagen, von denen viele im Johannesevangelium vorkommen, alle nicht erklären, so wäre das doch angesichts der deutlichen Darlegung in Johannes 1,1-14 eine schwache Basis für die Leugnung seiner Göttlichkeit, wie wir bereits gesehen haben.

Die Erklärung ist jedoch sehr einfach. Der Herr Jesus war als der Eine vom Vater gesandt, „geheiligt und in die Welt gesandt“ (Joh 10,36), und als solcher wurde Er Diener der Herrlichkeit des Vaters und des Segens des Menschen – der wahre hebräische Knecht aus 2. Mose 21,2-6. Der Fleisch gewordene Sohn wurde darum dem Vater unterworfen, indem Er sich bewegte und handelte in Beziehung zu Ihm, anstatt aus eigener Initiative zu handeln. Deshalb – um noch einmal aus dem Johannesevangelium zu zitieren: „Der Sohn kann nichts von sich selbst aus tun, außer was er den Vater tun sieht“ (Joh 5,19). Alle diese und ähnliche Schriftstellen beziehen sich auf die Stellung, die der Sohn im Verhältnis zu dem Vater einnahm, als Er Mensch wurde.

In der Geschäftswelt sehen wir zuweilen einen Vater, der seine Söhne in gleichberechtigte Partnerschaft aufnimmt und sich dennoch in Fragen hoher Geschäftspolitik und Finanzen ein Einspruchsrecht vorbehält. Die Söhne sind mit dem Vater absolut gleichberechtigt und weit aktiver in der Ausführung der Tagesgeschäfte; und dennoch unterwerfen sie sich seinem weisen Urteil. Diese Illustration soll zeigen, wie unter Menschen beides perfekt miteinander zu vereinbaren ist.

Wir unterscheiden deshalb zwischen dem, was der Herr Jesus grundsätzlich war und ist – Gott gleich – und dem, was Er in seiner Beziehung [zum Vater] wurde – dem Willen des Vaters unterwürfig (vgl. Joh 6,38).

Keine Kenntnis über den Zeitpunkt seiner Wiederkunft

Eine weitere schwierige Schriftstelle ist Markus 13,32, in der der Herr Jesus leugnet, Tag und Stunde seiner Wiederkunft zu kennen. Was ist die Bedeutung dieser Aussage?

Die Antwort ist sehr ähnlich dem, was wir gerade ausgeführt haben. Wir sollten aber noch hinzufügen, dass die Schrift immer Absichten, Ratschläge, Pläne der Gottheit, die Festlegung von Zeitpunkten und Zeitabläufen dem Vater zuordnet. Beachten wir besonders Apostelgeschichte 1,7: „Zeiten und Zeitpunkte …, die der Vater in seine eigene Gewalt gesetzt hat“. Gleichzeitig ordnet die Schrift das Handeln, die Ausführung der Absichten der Gottheit sowohl in der Schöpfung als auch was die Versöhnung angeht wie auch das Gericht dem Sohn zu.

Das sind tiefe Geheimnisse, von denen wir außer durch die Offenbarung [des Wortes Gottes] nichts wissen und von denen wir konsequenterweise nur mit Zurückhaltung und Ehrfurcht reden sollten. Es liegt auf der Hand, dass der Herr Jesus in Markus 13,32 spricht, indem Er sich strikt an den Gesamtkontext der Schrift hält. Ihm allein gebührt das herrliche Handeln, das „Kommen in den Wolken“. Dem Vater allein gehören Zeiten und Zeitpunkte, das Festlegen von Tag und Stunde.

Eingeschränkte Allwissenheit

Manche Menschen glauben, dass der Herr Jesus mit seiner Menschwerdung seine Allwissenheit einschränkte. Sie nennen das die „Kenosis“-Theorie. Wie ist das mit der Schrift zu vereinbaren?

Wie die meisten Lügen des Teufels erweckt [diese Theorie] den Anschein der Bibeltreue. Das Wort kenosis stammt von dem griechischen Wort ab, das in Philipper 2,7 verwendet wird und mit „machte sich selbst ohne Ansehen “ bzw. „entäußerte sich selbst “ (oder auch: “sich selbst zu nichts machte“) übersetzt wird, wobei letztere Übersetzungen wohl die besseren sind. Dieser Abschnitt sagt uns, wie unser Herr Jesus – in der „Gestalt Gottes“ und „Gott gleich“ – ohne jede Art von „Raub“ oder „ungesetzliche Habsucht“ (wie es der Fall war, als Adam begehrte, zu sein wie Gott) sich selbst entäußerte, indem Er Mensch wurde. Das heißt: Er entkleidete sich all dessen, was seine äußere Herrlichkeit ausmachte, bis Er nur noch bekannt war als der Sohn des Zimmermanns. Dadurch nahm Er eine Stellung ein, in der Er von Gott – besser gesagt: durch den Geist Gottes – all das empfangen konnte, was Er sonst in eigener Machtvollkommenheit gehabt oder getan hätte.

Das bedeutet aber nicht, dass Er aufhörte zu sein, was Er immer war, oder dass Er unwissend und der allgemeinen Meinung seiner Zeit unterworfen gewesen wäre, wie in blasphemischer Weise behauptet wird. Die ganze biblische Botschaft weist solch eine böse Interpretation dieses Textes zurück. Was sagt Er von sich selbst und über seine Lehre? „Mein Zeugnis ist wahr“, „Mein Gericht ist wahr“, „Wie der Vater mich gelehrt hat, das rede ich“, „Ich rede, was ich bei meinem Vater gesehen habe“, „Jetzt aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der die Wahrheit zu euch geredet hat“, „Wer von euch überführt mich der Sünde?“ All diese Zitate stammen aus einem einzigen Kapitel, aus Johannes 8 (Joh 8,14.16.28.38.40.46).

Ungläubige Menschen halten an Theorien fest, die gänzlich unvereinbar mit der Lehre unseres Herrn sind; und dafür müssen seine Worte in Misskredit gebracht werden. Dieser Prozess der Diskreditierung ist umso erfolgreicher, je mehr es gelingt, die Zuverlässigkeit seiner Worte unter einem Deckmantel der Ehrerbietung vor seiner Herablassung zu unterminieren; und das Ganze funktioniert auch deshalb, weil es mit dem Etikett und im Namen der „Wissenschaft“ versehen wird, was sehr gelehrt klingt, wobei wenig oder gar nichts über die wirkliche Person [des Herrn] vermittelt wird. So weit die „Kenosis“-Theorie.

„Der Christus“ – „der historische Jesus“

Viel wird gegenwärtig in Predigten und Abhandlungen über „den Christus“ einerseits und „den historischen Jesus“ andererseits gesagt, so als ob beide kaum miteinander zu tun hätten. Gibt es dafür irgendeinen schriftgemäßen Grund?

Jesus ist sein persönlicher Name als Mensch, als der Er in diese Welt hineingeboren wurde. Christus, was „der Gesalbte“ bedeutet, beschreibt mehr den Dienst, den Er vollbringt. Aber Jesus ist der Christus (vgl. Apg 17,3); und es gibt keinen anderen Christus als Ihn. Die Meinung, die sie [in ihren Reden] vertreten, ist geradezu ein Musterbeispiel von „Betrügerei der Menschen … durch Verschlagenheit zu listigem ersonnenem Irrtum “ (Eph 4,14). „Der Christus“ wird von ihnen zu einem leeren Ideal gemacht, und der „historische Jesus“ wird behandelt wie einer von vielen Christussen, der uns zeigt, wie wir selbst „Christen“ werden sollten. Damit leugnen sie „den im Fleisch gekommenen Jesus Christus“ und erweisen sich als Geist des Antichrists, von dem 1. Johannes 4,3 spricht.

Niemand kann Ihn wirklich als „im Fleisch gekommen“ bekennen außer solchen, die sowohl an seine Göttlichkeit als auch an sein Menschsein glauben. Er – diese Person – Jesus Christus, kam im Fleisch. Deshalb ist Er Gott. Wir, die wir nur Menschen sind, kommen nicht im Fleisch, wir sind Fleisch.

Die Schrift lehrt uns deutlich, dass unser Herr von einer Jungfrau geboren wurde. Moderne, ungläubige Theologen lehnen dies völlig ab und behandeln diese Tatsache als von geringer Bedeutung. „Ist das denn eine Sache von lebenswichtiger Bedeutung?“, [fragen sie]. Es ist lebenswichtig, und zwar in höchstem Maße. Alles, was die Wahrhaftigkeit der Schrift berührt, ist von vitaler Bedeutung; denn wenn sie in einem Detail nicht zuverlässig ist, wie kann sie dann in anderen Punkten als zuverlässig gelten? Es ist lebenswichtig, insofern die Grundlagen des Glaubens damit verbunden sind.

In 1. Korinther 15,45-49 wird uns der Herr Jesus im Gegensatz zu Adam vorgestellt. „Der erste Mensch ist von Erde, von Staub; der zweite Mensch vom Himmel“ (1Kor 15,47). In einer bloßen Aufzählung wäre Kain der zweite Mensch; aus dem Blickwinkel dieses Verses war er es nicht: Er war nur eine Reproduktion Adams in der ersten [nachfolgenden] Generation. Die Menschen, die heute über diese Erde gehen, sind nichts anderes als Reproduktionen Adams in – sagen wir mal – der 150. Generation. Aber – und das sollten wir gut beachten –: Der Herr Jesus war in keiner Weise eine Reproduktion Adams. Er war der zweite Mensch. Er war tatsächlich Mensch, denn Er wurde von der Jungfrau Maria empfangen. In allem war Er ein einzigartiger Mensch einer völlig anderen Ordnung, denn Er wurde vom Heiligen Geist empfangen.

Jeder andere Mensch erbt die Natur Adams; der Herr erbte [Adams Natur] nicht. Jeder andere Mensch kommt mit dem traurigen Erbgut – um ein Wort aus dem Rechtswesen zu benutzen – von Sünde, Tod und Verderben in diese Welt, worüber der letzte Teil von Römer 5 spricht. Im Falle unseres gesegneten Herrn wurde dieses Prinzip durchbrochen. Er wurde nicht nach den Gesetzen menschlicher Reproduktion geboren. Er war nicht vom Geschlecht Adams; Er war Er selbst, der letzte Adam, das Haupt eines neuen Geschlechts in der Kraft seines Todes und seiner Auferstehung. Alle diese gewaltigen Tatsachen würden über Bord gehen, wenn die Jungfrauengeburt nicht wahr wäre. Es ist in der Tat lebenswichtig!

Gleichzeitig Gott und Mensch?

„Es ist schwer zu verstehen, wie der Herr Jesus gleichzeitig Gott und Mensch sein kann. Welche Theorie haben Sie als stichhaltigen Beweis dafür?“ [So wird oft gefragt.]

Wir berufen uns überhaupt nicht auf eine Theorie. Vielmehr sind wir davon überzeugt, dass jede Theorie über diesen heiligen Gegenstand unter allen Umständen gemieden werden sollte.

Die eigenen Worte des Herrn waren: „Niemand erkennt den Sohn als nur der Vater“ (Mt 11,27); und dass das so ist, zeigt uns die Tiefen des Geheimnisses über seine Person, die wir als Geschöpfe – und seien wir noch so begnadet und erhaben – nie zu ergründen vermögen. Es gibt unergründliche Geheimnisse in der Schöpfung. Ist es denn verwunderlich, wenn Er als Schöpfer einen Plan hatte, in die Schöpfungsordnung einzugreifen, indem Er Mensch wurde? Gibt es in Verbindung mit der Art und Weise seines Handelns nicht Geheimnisse, die für immer unser Fassungsvermögen als Geschöpfe übersteigen?

Die Wahrheit von der absoluten und umfassenden Göttlichkeit des Herrn Jesus ist unmissverständlich in der Schrift bezeugt, ebenso wie die Wahrheit über sein tatsächliches, völliges und vollkommenes Menschsein. Darüber zu theoretisieren, wie diese Dinge gesehen werden können, kommt aus nichts anderem als aus der Unverschämtheit menschlichen Denkens. Nehmen wir lieber den Platz des Glaubens ein, indem wir uns still verneigen und anbeten.


„The Deity and Humanity of Christ“ aus Foundations of Faith, F.B. Hole, 1922
Quelle: http://www.stempublishing.com/authors/hole/Faith/Deity_Humanity.html

Übersetzung: Hans-Robert Klenke


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