„Meine Zeit, mein Gastzimmer, meine Jünger“

Gerard Kramer

© SoundWords, online seit: 27.11.2014, aktualisiert: 30.01.2018

In den Evangelien stoßen wir regelmäßig auf „die Jünger“ des Herrn. Ich wollte gern wissen, ob Er diese Männer auch einmal „meine Jünger“ nannte. Ja, das tat Er nur bei zwei ganz besonderen Gelegenheiten.

Das letzte Passah

In Matthäus 26,17-19 fragen die Jünger den Herrn, wo sie die Vorbereitungen treffen sollen, um das Passah essen zu können. Er sagt daraufhin, dass sie zu jemand hingehen und folgende Nachricht übermitteln sollen: „Der Lehrer sagt: Meine Zeit ist nahe; bei dir halte ich das Passah mit meinen Jüngern“ (Mt 26,18). Markus gibt diese Nachricht wie folgt wieder: „Der Lehrer sagt: Wo ist mein Gastzimmer, wo ich mit meinen Jüngern das Passah essen kann?“ (Mk 14,14). Lukas formuliert die Worte des Herrn folgendermaßen: „Der Lehrer sagt dir: Wo ist das Gastzimmer, wo ich mit meinen Jüngern das Passah essen kann?“ (Lk 22,11).

Wenn wir davon ausgehen, dass diese drei inspirierten Botschaften einander ergänzen, kann rekonstruiert werden, dass der Herr ungefähr Folgendes gesagt hat: „Der Meister sagt: Meine Zeit ist nahe; bei dir werde ich das Passah mit meinen Jüngern halten; wo ist mein Gastzimmer, wo ich das Passah mit meinen Jüngern essen kann?“ Wenn diese Rekonstruktion korrekt ist, ist der Gebrauch des Wortes „mein“ sehr auffallend. Der Herr Jesus spricht einen „Herrn des Hauses“ – von dessen Bereitwilligkeit, sein Haus zu vermieten oder zur Verfügung zu stellen Er, menschlich gesprochen, abhängig war – auf eine Weise an, die gar nicht dazu zu passen scheint. Der „Herr des Hauses“ lernte so, dass ihm von jemand eine Frage gestellt wurde, der in Wirklichkeit die Szenerie bestimmte. Er, der wirklich der Herr war, redete von „meiner Zeit“, „meinen Jüngern“ und „meinem Gastzimmer“.

Das Passah war das Fest, an dem man des Auszugs aus Ägypten gedachte. Dann schlachteten die Juden das Passah oder auch das Passahlamm. Das wies auf das Leiden und Sterben von Christus voraus, der von Paulus „unser Passah“ genannt wird (1Kor 5,7). An dasselbe Ereignis und an dieselbe Person denken wir, wenn wir das Abendmahl feiern, das im Anschluss an das Passah eingesetzt wurde. Wir sehen auf Ihn zurück, auf den das Passah vorauswies. Christus, unser Passah, nannte seine Jünger „meine Jünger“. Ist es nicht wunderschön, zu sehen, dass Er das gerade in diesem Augenblick tat, als Er im Begriff stand, als das wahre Passahlamm sein Blut für sie zu vergießen? Wenn wir den Tod des Herrn verkündigen, dürfen wir das also in dem Bewusstsein tun, dass wir auf eine ganz innige Weise mit Ihm verbunden sind: Er ist von uns und wir sind von Ihm, der uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat (Gal 2,20). Das Abendmahl kann daher auch nur von denen gefeiert werden, die wirkliche Jünger, Nachfolger, des Herrn sind.

Darüber hinaus gedenken wir Seiner auf eine Art und Weise, die Er in einem dramatischen Moment aber dennoch völlig selbst bestimmt hat, nämlich ehe Er leiden würde (Lk 22,15), zu seiner Zeit. Das griechische Wort für „Zeit“ (kairos) zeigt im Neuen Testament oft einen durch Gott gegebenen, bestimmten Zeitpunkt oder Moment an (siehe z.B. Mk 1,15; 13,33; Lk 12,56; 19,44; Apg 1,7; Röm 13,11; Eph 5,16 – „geeignete Gelegenheit“). Darum konnte nur der Herr, der immer tat, was dem Vater wohlgefällig war (Joh 8,29), hier in Matthäus 26,18 und in Johannes 7,6.8 über „meine Zeit“ sprechen. Er war es demnach auch, der zur bestimmten Zeit für Gottlose gestorben ist (Röm 5,6). Gott wird auch in der Zukunft die Erscheinung des Herrn Jesus zu seiner eigenen Zeit zeigen (1Tim 6,15) beziehungsweise Ihn sichtbar erscheinen lassen.

Wir feiern das Abendmahl außerdem an einem Ort, den er sein Eigen nennt, in seinem Gastzimmer. Wir sagen heute: an seinem Tisch (1Kor 10,21). Alles ist also von dem Herrn: sowohl wir selbst (vgl. 1Kor 3,23) wie auch unser auf den Himmel hinweisender Gottesdienst, an dem Er gemeinsam mit uns seine Freude hat (vgl. Heb 8,1.2; 1Pet 2,5). Geben wir Ihm während des Gottesdienstes dann auch wirklich jeden Raum, so dass Er den Namen Gottes des Vaters uns, seinen Brüdern, verkündigen kann und inmitten der Gemeinde Ihm lobsingen kann (Ps 22,23)?

Das neue Gebot

Der „Herr des Hauses“ bekam über die Jünger zu hören, dass der Herr Jesus das Passah mit seinen Jüngern essen wollte. Stellen wir uns vor, dass dieser Mann die Jünger gefragt hätte: „Alles schön und gut, aber wie kann ich denn wissen, ob ihr wirklich Jünger des Herrn Jesus seid?“ Das ist eine ganz legitime Frage an unsere Adresse. Wie können wir den Menschen um uns her beweisen, dass wir wirklich Jünger des Herrn Jesus sind? Der Meister sagte seinen Jüngern Folgendes und nannte sie dabei ebenfalls „meine Jünger“: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebet, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebet. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Joh 13,35). Das ist nicht direkt die Antwort, die wir erwartet hätten, sie ist aber eigentlich doch völlig logisch: Im Leben von Menschen, die sich Christen nennen, das heißt Nachfolger von Christus sind, darf man erwarten, etwas von Christus zu sehen!


Originaltitel: „Mijn tijd, Mijn gastverblijf, Mijn discipelen“
aus Rechtstreeks, Jg. 11, November 2014, S. 7

Übersetzung: Stephan Winterhoff


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