Der Witwe Recht verschaffen
Lukas 2,36-38; 4,25.26; 7,11-17; 18,1-8; 20,45–21,4

David Willoughby Gooding

© SoundWords, online seit: 07.01.2007, aktualisiert: 14.10.2019

Leitverse: Lukas 2,36-38; 4,25.26; 7,11-17; 18,1-8; 20,45–21,4

Einleitung

Lukas zeigt ein bemerkenswertes Interesse an Witwen. Auf seinen Seiten treffen wir mehr Witwen als in jedem anderen Buch des Neuen Testaments oder auch des Alten Testaments. Hanna, die Prophetin; die Frau, die Elia in Sarepta zu essen gab; die Mutter aus dem Dorf Nain, die ihren einzigen Sohn zu Grabe trug; die Frau, die in dem Gleichnis von der bittenden Witwe und dem ungerechten Richter um ihr Recht bat – alle diese waren Witwen, und Lukas ist der einzige Evangelist, der sie erwähnt. Gleichzeitig erwähnt er natürlich auch, was auch die anderen Evangelisten aufzeichnen, nämlich die Warnung unseres Herrn vor den Schriftgelehrten, weil diese unter dem Schein der Religiosität Geld von Witwen erpressten, und sein Lob der Witwe, die freiwillig die zwei Scherflein, die ihr ganzer Lebensunterhalt waren, in den Gotteskasten im Tempel einwarf.

Der allgemeine Eindruck, den Lukas’ Beschreibung seiner Witwen vermittelt, ist nicht so sehr deren Trauer über den Verlust ihrer Ehemänner – aus diesem Grund könnte man ebenso einen Mann bemitleiden, der seine Ehefrau verloren hatte, oder einen Vater, der sein Kind verloren hatte –, sondern vielmehr das Merkmal der Witwenschaft, das die antike Welt am stärksten beeindruckte: die Hilf- und Schutzlosigkeit der Witwe, nachdem ihr Mann nicht mehr da war. Zu jener Zeit gab es keine Witwenrente und keine Sozialhilfe. Was noch schlimmer war: Es gab keinen Beruf, der einer Witwe offenstand, oder wenigstens keinen, der moralisch einwandfrei war. Wenn sie nicht über angemessene Mittel verfügte, war es für sie ein ständiges Problem, auch nur genug zum Leben zu bekommen. Ihre Not wurde natürlich gelindert, wenn sie einen erwachsenen Sohn oder andere erwachsene männliche Verwandte hatte, denn diese pflegten die Verantwortung für sie zu übernehmen. Wenn sie aber „wirklich eine Witwe“ war, wie das Neue Testament es formuliert (1Tim 5,5), d.h., wenn sie keine männlichen Verwandten hatte, die in der Lage waren, sie zu versorgen, dann war ihr Leben sehr hart.

Selbst einmal angenommen, dass sie ein eigenes Einkommen, Eigentum oder Geschäft hatte, dann wurde sie oft ein Opfer von Trickbetrügern und skrupellosen Geschäftsleuten, die sie beraubten und betrogen. Sie konnte sich natürlich an den örtlichen Richter wenden, damit er sie beschützte und ihr Recht verschaffte, aber allzu oft machte er sich nicht die Mühe, ihr zu helfen, oder er wurde sogar von dem besagten Geschäftsmann bezahlt und war deshalb nicht bereit dazu.

Religion bot dann der Witwe Trost und der war gewiss nicht zu verachten. Die Frommen und Gottesfürchtigen, insbesondere unter den Israeliten, zählten Hilfe für die Witwen zu ihren wichtigsten religiösen Pflichten. Andererseits pflegte die Verwaltung in Gestalt der Schriftgelehrten oftmals, Tempelsteuern und andere religiöse Gebühren zu erheben, sogar von Witwen, die sie keineswegs aufbringen konnten.

Alles in allem war die Lage der Witwen hart und absolut nicht beneidenswert. Es ist deshalb nicht überraschend, dass Not und Schutzlosigkeit manch eine Witwe zu einem größeren Vertrauen, zu einer größeren Abhängigkeit von Gott und zu ernsthafterem Gebrauch des Gebets trieben, als es die meisten von uns zur Angewohnheit haben. Tatsächlich widmeten sich sowohl unter den Juden als auch den Christen einige Witwen gänzlich einem Leben des Gebets und wurden anscheinend in diesem Fall von der Gemeinschaft unterhalten. Hanna, die Prophetin, so berichtet uns Lukas, „wich nicht vom Tempel, indem sie Nacht und Tag mit Fasten und Flehen diente“, während Paulus, als er Anweisungen für die finanzielle Unterstützung von Witwen gibt (1Tim 5,3-10), eine „rechte Witwe“ als solch eine beschreibt, „die auf Gott hofft und verharrt in dem Flehen und den Gebeten Nacht und Tag.“

Ein soziales Gewissen

Aus diesen letzten Beobachtungen wird jetzt klar, dass Lukas’ deutliches Interesse an Witwen nicht bedeutet, dass er allein unter den frühen Christen ein soziales Gewissen hatte. Er selbst zeichnet auf, dass eine der ersten sozialen Pflichten, die die neugeborene Kirche zu Jerusalem übernahm, die tägliche Fürsorge und Unterstützung der Witwen war (Apg 6,1-6). Dieses soziale Gewissen hatten die Christen darüber hinaus vom Judentum und seinem Alten Testament geerbt. Das Gesetz im fünften Buch Mose zeigt eine bemerkenswert humane Sorge für die Armen und Schwachen im Allgemeinen und für Witwen im Besonderen. Als der Patriarch Hiob die Integrität seines Lebenswandels beteuert, zählt er weit vorn unter seinen Tugenden auf, dass keine Witwe je bei ihm nach Hilfe gesucht hatte und enttäuscht worden war (Hiob 31,16). Und wenn die alttestamentlichen Propheten das Volk für seine Bosheit verurteilen, was sie leider allzu oft tun müssen, und dabei Beispiele der verabscheuungswürdigsten Sünden nennen, stehen Vernachlässigung und Unterdrückung der Witwen im Allgemeinen weit vorn auf der Liste (siehe z.B. Jes 1,23).

Nun wurde die Sorge für die Witwen, während sie jedermann aufgetragen war, vom Alten Testament als besondere Aufgabe der Herrscher und Richter betrachtet. Der eben zitierte Vers ist eigentlich eine Verurteilung der Regierung für ihre politischen und sozialen Sünden: „Deine Fürsten sind Widerspenstige und Diebesgesellen, jeder von ihnen liebt Geschenke und jagt nach Belohnung; der Waise schaffen sie nicht Recht, und die Rechtssache der Witwe kommt nicht vor sie.“

Und die extreme Schwere ihrer Sünde wurde durch die Tatsache vergrößert, dass in Israel die Regierung und der Richterstand als Gottes Repräsentanten angesehen wurden. Ihre Rechtsprechung wurde als Widerspiegelung des Charakters Gottes und als Erweiterung seiner Herrschaft angesehen. Wenn das fünfte Buch Mose, ihr Gesetzbuch, einige Beispiele für ihre Vergleichbarkeit mit Gott und die Unbestechlichkeit seiner Herrschaft geben will, zitiert es als allererstes Beispiel Gottes Sorge für die Witwe: „Denn der HERR, euer Gott, ist der Gott der Götter und der Herr der Herren, der große, mächtige und furchtbare Gott, der keine Person ansieht und kein Geschenk annimmt; der Recht schafft der Waise und Witwe“ (Lk 10,17.18). Wenn also die Fürsten und Richter in Israel die Versorgung der Witwen vernachlässigten und sogar Bestechungsgelder von den Skrupellosen annahmen, um den Witwen in ihren Gerichten die Gerechtigkeit zu verweigern, dann stellte ihr Verhalten folglich nicht nur einen sozialen Skandal dar, sondern eine gotteslästerliche verfälschte Vertretung des Allmächtigen.

Aber wir sollten hier innehalten, um sicherzugehen, dass wir ganz klar verstehen, was das Alte Testament meint, wenn es davon redet, dass Gott „den Witwen Recht schafft“. Diese Formulierung [executing the judgement of the widow] stellt uns vielleicht gedanklich das Bild eines Gerichtes vor Augen, vor dem die Witwe als Beklagte erscheint, um für ihre Missetaten zur Verantwortung gezogen zu werden. Doch das wäre das genaue Gegenteil dessen, was der Ausdruck bedeutet. Er bedeutet vielmehr ein Gericht, vor dem die Witwe als Klägerin erscheinen kann, um es um Gerechtigkeit gegen jene zu ersuchen, die sie betrogen und unterdrückt haben. Der Gedanke daran, vor diesen Richterstuhl göttlicher Gerechtigkeit zu treten, erfüllt sie daher nicht mit Furcht und Zittern, sondern mit Hoffnung und Freude. Die Nachricht vom kommenden Gericht ist für sie keine Drohung, sondern ein wahrhaftiges Evangelium. Wenn Gott nur willens ist, Sich zu rühren und in ihrem Interesse zu handeln, dann werden sein Urteilsspruch und seine Ausführung das Ende ihres Elends bringen sowie die Wiederherstellung ihrer Rechte und Besitztümer, welche Nachbarn, Händler, skrupellose Geschäftsleute und vielleicht sogar die Regierung ihr geraubt haben.

Es ist keine Frage von Rache an ihren Feinden oder notwendigerweise der Wunsch, sie bestraft zu sehen, sondern es geht einfach darum, ihr Eigentum oder ihre Rechte zurückzubekommen oder der Unterdrückung und dem Leid, das sie erdulden musste, ein Ende zu bereiten. Generationen jüdischer Witwen wurden also dazu ermutigt, sich mit dem Glauben zu trösten, dass Gott ein Gott ist, der der Witwe Recht verschafft. Und nicht nur Witwen: Alle, denen Gerechtigkeit und Fairness am Herzen lagen und die sahen, wie Witwen und andere von den Starken und Skrupellosen betrogen oder unterdrückt wurden und die doch selbst nicht die Macht hatten, dagegen einzuschreiten und der Ungerechtigkeit ein Ende zu machen, trösteten sich mit dem Gedanken, dass eines Tages Gott einschreiten würde.

Gericht wann?

Aber wenn Gott ein Gott ist, der der Witwe und dem Unterdrückten Recht verschafft, wann und wie wird Er das tun? Offensichtlich nicht an jedem Tag in der Woche. Selbst die Propheten, die am stärksten die Tatsache betonen, dass Gott Sich um Witwen kümmert, machen durch ihre Verurteilung der Unterdrücker deutlich, dass solche Unterdrücker zu ihrer Zeit allzu üblich waren und dass es ihnen gelang, ohne ständige Eingriffe des Allmächtigen ihre ruchlosen Geschäfte fortzuführen.

Für die Propheten war Gottes Eingreifen in zweierlei Situationen zu sehen. Die erste Art von Situation waren größere Katastrophen im Leben des Volkes. Hesekiel zum Beispiel stellt fest, dass Niederlage, Demütigung und Exil, welche Israel von den Babyloniern zugefügt wurden, Gottes Gericht über das Volk waren, insbesondere über seine politischen und religiösen Führer wegen deren Unterdrückung der Armen und der Witwen (Hes 22,23-31), und Sacharja stimmt dem nicht nur zu, sondern warnt sein Volk, dass, wenn es seine Lektion aus diesem Exil nicht lernte, Gott eine noch schlimmere Niederlage und ein noch schlimmeres Exil über es bringen würde.

Die andere Art von Situation war das Kommen des Messias. In Maleachis Tagen zum Beispiel war es die Stimmung des Volkes, daran zu zweifeln, ob Gott jemals eingriff oder noch eingreifen würde: „Wo ist der Gott des Gerichts?“, fragten sie zynisch. Maleachis Antwort war zuerst seine berühmte Prophezeiung vom Kommen des Vorläufers des Messias: „Siehe, ich sende meinen Boten, damit er vor den Weg vor mir her bereite“ (Mal 3,1) und dann eine weitere Prophezeiung vom Kommen des Messias Selbst, um sein Volk zu reinigen: „Und ich werde euch nahen zum Gericht und werde ein schneller Zeuge sein gegen die Magier und gegen die Ehebrecher und gegen die falsch Schwörenden; und gegen die, die den Tagelöhner im Lohn, die Witwe und die Waise bedrücken und das Recht des Fremden beugen und mich nicht fürchten, spricht der HERR der Heerscharen“ (Mal 3,5).

Also machten in den Jahrhunderten, die Maleachis Prophezeiung folgten, die Schwachen und die Witwen ihren Glauben am Kommen des Messias fest. Und nicht nur die Witwen: Das Volk als Ganzes, als es seine politische Unabhängigkeit verlor und von den großen Heidenmächten unterdrückt wurde und manchmal um seines Glaubens willen verfolgt wurde, fühlte sich schließlich wie eine Witwe und hielt Ausschau nach dem Kommen des Messias und betete um dieses Kommen, damit Er es von seinen Unterdrückern erlöste.

Es war also nicht ohne Bedeutung, dass, als Maria und Josef unseren Herrn als Baby in den Tempel brachten, die Prophetin Hanna, die zu den Umstehenden über Ihn sprach, selbst eine Witwe war:

Lk 2,36-38: Es war eine Prophetin Anna da, eine Tochter Phanuels, aus dem Stamm Aser. Diese war in ihren Tagen weit vorgerückt und hatte sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt von ihrer Jungfrauschaft an; und sie war eine Witwe von vierundachtzig Jahren, die nicht vom Tempel wich, indem sie Nacht und Tag mit Fasten und Flehen diente. Und sie trat zu derselben Stunde herzu, lobte Gott und redete von ihm zu allen, die auf Erlösung warteten in Jerusalem.

In ihrem eigenen Leben hatte sie die Trostlosigkeit der Witwenschaft gekannt, und diese hatte sie in eine Frau verwandelt, die ständig Gott diente und auf Ihn wartete. Aber während sie betete, waren ihre Gedanken nicht nur bei ihren eigenen Bedürfnissen: Sie „wartete auf die Erlösung Jerusalems“, auf das Kommen des Messias, damit Er ihr Volk von seiner Unterwerfung unter die Unterdrücker befreite. Als sie Jesus als Messias erkannte, sprach sie von Ihm zu allen, die wie sie auf diese Erlösung warteten.

Etwa dreißig Jahre später – als Johannes der Täufer erschien, sich als der Vorläufer zu erkennen gab, den Maleachi prophezeit hatte, und auf Jesus als den Messias zeigte, der gekommen war, um sein Volk zu richten – schlugen die Hoffnungen der Gläubigen hoch: Nun würden endlich nach so langer Zeit die Witwe und der Unterdrückte ihr Recht bekommen. Aber Christus zerschlug, wie es schien, ihre Hoffnungen. Sie erwarteten, dass das Reich Gottes sofort erscheinen würde, und um ihre irrige Annahme zu korrigieren, erzählte Er ihnen ein Gleichnis: „Ein Fürst zog in ein fernes Land, um ein Königtum zu erlangen und dann zurückzukommen“ (Lk 19,11-27). Die Bedeutung war klar: Er musste zuerst weggehen, und erst wenn Er wiederkäme, würde Er das Werk des Gerichts beginnen und den Unterdrückten Recht verschaffen.

Er erzählte auch das Gleichnis von der bittenden Witwe und dem ungerechten Richter:

Lk 18,1-8: Er sagte ihnen aber [auch] ein Gleichnis dafür, dass sie allezeit beten und nicht ermatten sollten, und sprach: Es war ein gewisser Richter in einer Stadt, der Gott nicht fürchtete und sich vor keinem Menschen scheute. Es war aber eine Witwe in jener Stadt; und sie kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher. Und eine Zeit lang wollte er nicht; danach aber sprach er bei sich selbst: Wenn ich auch Gott nicht fürchte und mich vor keinem Menschen scheue, will ich doch, weil diese Witwe mir Mühe macht, ihr Recht verschaffen, damit sie nicht unaufhörlich kommt und mich quält. Der Herr aber sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt. Gott aber, sollte er das Recht seiner Auserwählten nicht ausführen, die Tag und Nacht zu ihm schreien, und ist er in Bezug auf sie langsam? Ich sage euch, dass er ihr Recht schnell ausführen wird. Doch wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde?

Dieses Gleichnis ermutigte seine Nachfolger zwar mit der Versicherung, dass Gott letztendlich seinen Erwählten, die Tag und Nacht zu Ihm rufen, Recht verschaffen würde, sie aber gleichzeitig auch warnte, dass Gott dies nicht sofort tun würde, sondern lange geduldig ihretwegen leiden würde, und zwar so sehr, dass, wenn der Menschensohn schließlich wiederkommen würde, die Leute schon beinahe den Glauben aufgegeben hätten, dass es überhaupt ein Gericht geben würde.

Und es ist kein Wunder, denn hier berühren wir ein Problem, das der härteste Test für den Glauben ist. Wenn es einen Gott gibt, dem Gerechtigkeit am Herzen liegt, warum lässt Er dann das Böse ungehindert walten? Wenn Jesus Christus wirklich sein Sohn ist, warum hat Er dann nicht das Versprechen der Propheten erfüllt und den Unterdrückten Recht verschafft, als Er hier auf der Erde war? Das Neue Testament verspricht, dass Er wiederkommen und die Welt richten wird. Aber 1900 Jahre sind vergangen, und das Versprechen ist nicht erfüllt worden; und wenn man einmal nicht weiter als bis zum jüdischen Volk geht, so hat es in der Zwischenzeit in der Verlassenheit seiner Witwenschaft die entsetzlichsten Verfolgungen und Unterdrückungen erlitten, oft durch diejenigen, die sich als Nachfolger Christi ausgaben. Wie können wir dem Versprechen glauben?

Ein moralischer Sinn

Hier gibt es Probleme genug; lassen Sie uns einige Antworten zu geben versuchen. Erstens: Wenn es einen Gott gibt, dem Gerechtigkeit am Herzen liegt, warum greift Er nicht ein, wenn eine Witwe betrogen wird, und beseitigt den Betrüger oder, besser noch, beseitigt den Betrüger, bevor dieser seinen Betrug begehen kann? Auf diese Weise gäbe es keine Sünder. Ganz richtig, aber es gäbe ebenso keine Heiligen. Tatsächlich gäbe es keine Menschen mehr. Der Unterschied zwischen einem Menschen und einem bloßen Tier ist, dass der Mensch nicht einfach aus Instinkt heraus handelt: Er hat einen moralischen Sinn.

Um eine echte persönliche Moral zu entwickeln, muss jemand Verantwortung erhalten sowie die freie Wahl in der Ausübung dieser Verantwortung. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass in der Geldkassette meines Chefs, die auf dem Tisch steht, 1000 Euro sind und dass ich leicht damit davonkommen könnte, wenn ich sie stehlen würde, dann habe ich eine echte Wahl vor mir, ob ich sie stehle oder nicht, und muss deswegen eine moralische Entscheidung treffen. Wenn ich jedoch zufällig weiß, dass die Kassette an einen tödlichen Stromstoß angeschlossen ist, ist meine Entscheidung, sie nicht zu stehlen, keine moralische Entscheidung mehr. Ich habe in der Angelegenheit keine Wahl mehr. Ich könnte der größte Schurke der Welt sein, aber wenn ich nicht Selbstmord begehen will, kann ich die Kassette noch nicht einmal berühren.

Erweitern wir das um jede mögliche Sünde und um jeden Menschen auf der Welt. Wenn wir wüssten, dass wir in dem Moment, wo wir etwas Falsches täten oder eine falsche Haltung einnähmen, von einem Blitzschlag göttlicher Gerechtigkeit getroffen und getötet würden, könnte es uns vielleicht gelingen, uns der Sünde zu enthalten, aber unsere Enthaltung würde nicht bedeuten, dass wir wirklich moralische Menschen wären. Wir wären eigentlich nicht mehr als Pawlow’sche Hunde.

Noch einmal: Wenn wir eine moralische Statur entwickeln sollen, muss man uns Verantwortung geben und uns erlauben, sie auszuüben. Nun liebt Gott Kinder, aber er kümmert sich nicht um die Erziehung jedes einzelnen Kindes. Diese Verantwortung hat er Eltern und Lehrern gegeben. Aber wenn ein Elternteil oder ein Lehrer beim ersten Mal, wo er in seiner Liebe zu einem Kind versagt oder irgendeine Sünde begeht, durch Gottes Gericht hinweggerafft würde – wie viele Eltern oder Lehrer würden die erste Woche ihrer Lehrzeit überstehen? Tatsache ist, dass es sehr bald keine Eltern oder Lehrer mehr gäbe. Und dasselbe gilt für Richter und Politiker, Geschäftsleute, eben für uns alle.

Da dem so ist, müssen wir unseren Standpunkt für einen Moment wechseln. Bislang haben wir über Witwen und deren Unterdrücker geredet, und natürlich tendieren wir dazu, uns mit den Witwen zu identifizieren, also eher mit den Leuten, gegen die gesündigt wird, als mit denen, die sündigen. Und es mag wahr sein, dass in unserem Leben äußerst schwere Sünden gegen uns begangen worden sind. Aber solange dies unsere Perspektive ist, wird es uns sehr schwerfallen zu verstehen, warum Gott Sünder nicht sofort richtet, sobald sie sündigen. Aber lassen Sie uns dahin kommen zu sehen, dass nicht nur Sünden gegen uns begangen worden sind, sondern dass wir selbst auch gegen andere gesündigt haben; und in dem Maße müssen wir uns eher mit den Unterdrückern identifizieren lassen als mit den Unterdrückten. Wir werden dann nicht mehr so sehr daran interessiert sein zu fragen, warum Gott Unterdrücker nicht sofort richtet, sondern vielmehr fragen, ob es irgendeine Rettung für Unterdrücker gibt. Können sie errettet werden von ihrer Grausamkeit, bösen Begierden und der Selbstsucht, welche sie verdrehen und zum Sündigen treiben?

Erlösung für Unterdrücker

Die Antwort auf die Frage ist „Ja“, und Christus hat sie in der Predigt, die Er in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth hielt, wunderschön formuliert (Lk 4,16-30). Es gibt einen Abschnitt im Propheten Jesaja (Jes 61,1.2), der wie folgt lautet: „Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat, den Sanftmütigen frohe Botschaft zu bringen, weil er ich gesandt hat, die zu verbinden, die zerbrochenen Herzens sind, Freiheit auszurufen den Gefangenen und Öffnung des Kerkers den Gebundenen; auszurufen das Jahr des Wohlgefallens des HERRN und den Tag der Rache unseres Gottes.“ Dies war natürlich eine Prophezeiung dessen, was der Messias tun würde, wenn Er kommen würde, und auf den ersten Blick sah es so aus, als ob ihr herrlicher Plan der Erlösung der Unterdrückten erfüllt würde, indem der Messias Gottes Gericht über die Unterdrücker ausführen würde.

In der Synagoge las Christus nun diesen Abschnitt vor, doch als Er zu den Worten „das Jahr des Wohlgefallens des HERRN“ kam, las Er sie und brach ab, ohne den Rest zu lesen: „den Tag der Rache unseres Gottes“ usw. Dann schloss Er das Buch und sagte: „Heute ist diese Schrift erfüllt vor euren Ohren erfüllt.“

Es war eine dramatische Geste. Er behauptete damit unbestreitbar, der Messias zu sein. Er behauptete, gekommen zu sein, um den Unterdrückten zu helfen und die Gefangenen zu befreien. Aber ebenso ausdrücklich erklärte Er, dass Er zu diesem Zeitpunkt Gottes Gericht über die Unterdrücker noch nicht einleiten würde. Nicht dass Er gar nicht an die Ausübung des Gerichts geglaubt hätte! Bei anderen Gelegenheiten (Lk 17,22-37; 21,5-36) sprach Er mit großem Ernst von dem allgemeinen Gericht, das sein zweites Kommen begleiten wird.

Aber bei Christi erstem Kommen ging es ihm ebenso sehr darum, die Unterdrücker wie die Unterdrückten zu befreien. Männer wie der Zöllner unterdrückten und betrogen zweifellos die Witwen in ihrem Distrikt. Aber sie taten es, weil sie selbst von Lüsten und Komplexen, die sie nicht kontrollieren konnten, sklavisch getrieben wurden. Saulus von Tarsus hetzte Leute und warf sie in Gefängnisse, weil er selbst in dem unendlich schlimmeren Gefängnis religiöser Bigotterie gefangen war. Den Tag von Gottes Gericht einzuleiten, hätte sicherlich eine Klasse Gefangener erleichtert, aber die andere Klasse wäre dann für immer jenseits aller Hoffnung auf Erlösung gewesen.

Überdies: Sobald wir unser Mitleid mit den Witwen genügend berücksichtigt haben, müssen wir zugeben, dass die Witwen selbst nicht sündlos waren. Ihre Sünden, wenngleich weniger sensationell, hielten sie ebenso sehr gefangen, wie die Sünden der Zöllner diese gefangen hielten. Es war sogar für die Witwen das Beste, dass Christus den Tag des Gerichts nicht sofort einleitete.

Diese Verzögerung im Kommen des Gerichtstages muss jedoch den Glauben derer, die tatsächlich gezwungen sind, dadurch Gräueltaten und Ungerechtigkeit zu erdulden, hart auf die Probe stellen. Das bitterste Element in ihrem Leiden könnte in der Tat sehr gut der Zweifel sein, der sich erheben könnte, ob es letztendlich einen Gott gibt, dem etwas an Gerechtigkeit liegt, oder ob ihr Leiden einfach das bedeutungslose Produkt eines materialistischen und grundlegend amoralischen Universums ist. Christus deutete so etwas in seinem Gleichnis von der bittenden Witwe und dem ungerechten Richter an. Aber wenn der Glaube derart auf die Probe gestellt wird, ist das keine Katastrophe. Es ist nicht einmal eine ungünstige, sondern eine unvermeidliche Folge von Gottes Entschlossenheit, so viele Sünder wie möglich zu retten. Wenn wir Petrus Glauben schenken (1Pet 1,6-9), ist es ein notwendiger Prozess bei der Stärkung des Glaubens bis zu dem Punkt, wo er den Gläubigen dazu befähigt, das Erbe, das im kommenden Zeitalter vor ihm liegt, bestmöglich zu genießen.

Glaube nötig

Es bleibt jedoch die größte Frage von allen. Die Gründe, die wir genannt haben um zu erklären, warum Gott nicht sofort eingreift, um der Witwe Recht zu verschaffen und die Unterdrückung niederzuschlagen, mögen in sich stichhaltig sein. Aber wie können wir sicher sein, dass sie wahr sind und nicht nur unsere Versuche, unser Wunschdenken rational zu erklären? Lukas berichtet uns, dass diese Frage in den Gedanken der Leute von Nazareth ganz oben stand, als sie Christus in der Synagoge zuhörten. Sie hatten von den fassbaren Wundern gehört, die Er in Kapernaum getan hatte, aber sie hatten das Gefühl, dass sie mehr Beweise brauchten, bevor man von ihnen erwarten konnte, Ihm zu glauben. Doch Er lehnte es ab, in ihrer Gegenwart Wunder zu tun. Stattdessen zitierte er einen Vorfall aus dem Alten Testament:

Lk 4,25.26: In Wahrheit aber sage ich euch: Viele Witwen waren in den Tagen Elias in Israel, als der Himmel drei Jahre und sechs Monate verschlossen war, so dass eine große Hungersnot über das ganze Land kam; und zu keiner von ihnen wurde Elia gesandt als nur nach Sarepta im Gebiet von Sidon zu einer Frau, einer Witwe.

Dies erfüllte sie mit Zorn: erstens, weil es an ihrem Stolz rührte, indem es sie daran erinnerte, dass sie, obwohl sie vom Volk her Nachkommen des gläubigen Abraham waren, dennoch weniger gewillt waren, ihren Propheten zu glauben, als die Heiden; und zweitens, weil sie das Gefühl hatten, dass ihre Bitte um weitere Beweise in Form von fassbaren Wundern, bevor sie glauben könnten, ganz vernünftig war und dass Christus auswich, indem Er sie ihnen abschlug.

Aber natürlich wich Christus nicht aus. Fassbare Wunder lieferten sicherlich einen glaubwürdigen Beweis, dass Er jemand Besonderes war. Aber es kommt ein Punkt, wo die bloße Wiederholung dieser Art von Beweis dem endgültigen Nachweis nichts hinzufügt. Was dann gebraucht wird, ist eine andere Art von Beweis. Als Messias behauptete Er, Menschen von ihrer Knechtschaft unter bösen Angewohnheiten, Komplexen und der Sünde befreien zu können. Seine fassbaren Wunder legten dafür Zeugnis ab, dass seine Ansprüche ernst zu nehmen waren. Aber der endgültige Nachweis für einen Einzelnen, dass Christus solch eine Erlösung bewirken konnte, konnte nur kommen, wenn der Einzelne sich persönlich auf Christus einließ und Christus gestattete, sein Werk der Erlösung in ihm zu vollführen. Und hier gebot die Natur der Dinge, dass der Akt des Glaubens und der Hingabe an Christus kommen musste, bevor der Mensch den endgültigen Nachweis haben konnte, dass Christi Anspruch wahr war. Aber die Leute in Nazareth waren nicht bereit, diesen Schritt des Glaubens zu tun. Warum nicht?

Die Geschichte der Witwe aus dem Gebiet von Sidon kann Licht auf das Problem werfen. Als sie Elia traf, hatte sie nur noch genug Essen für eine weitere Mahlzeit übrig und wollte sich, nachdem sie es verzehrt hatte, hinlegen und sterben. Elia sagte ihr, wenn sie ihm zuerst eine Mahlzeit aus diesem Essen zubereiten würde, dann würde Gott ihren Essensvorrat bis zum Ende der Hungersnot wunderbar erhalten. Es war eine gewaltige Prüfung. Wenn sie Elia beim Wort nahm und er sich als Betrüger herausstellte, so hätte sie ihren letzten Bissen verloren und würde dem bevorstehenden Tod ins Angesicht schauen. Was brachte sie dazu, alles, was sie hatte, auf Elias Wort zu setzen?

Tatsächlich war es leichter für sie, als es auf den ersten Blick erscheint. Sie war eine Witwe und völlig mittellos. Selbst wenn sie Elia ihr Vertrauen verweigerte und ihr Essen für sich behielt, war es eine so winzige Menge, dass ihr Tod ohnehin nahe bevorstand. Wenn sie andererseits Elia das Essen gab und er sich als Betrüger herausstellte, hatte sie sehr wenig verloren: Der Tod würde ein paar Stunden früher kommen, das war alles. Doch wenn sie es wagte, sich auf Elia einzulassen, und er sich als wahrhaftig herausstellte, dann war sie gerettet. Sie hatte praktisch nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen. Wenn sie jedoch keine Witwe gewesen wäre; wenn sie ein wenig mehr Essen gehabt hätte, sagen wir: einen Korb voll statt eine Hand voll, hätte sie leicht versucht sein können, auf ihre eigenen Mittel und Möglichkeiten zu vertrauen, in der Hoffnung, dass sie damit durch die Hungersnot kommen könnte. Und dann hätte sie, weil sie auf ihre eigenen mageren Mittel vertraut hätte, sehr wohl Angst davor haben können, den Schritt des Glaubens zu tun und Elia etwas zu geben.

Das Problem des „Selbst“

So war es mit den Leuten aus Nazareth. Die fassbaren Wunder Christi hatten den Beweis geliefert, dass Er zumindest ein Prophet war: So viel wussten sie und leugneten es nicht. Aber als Er behauptete, dass Er als Messias gekommen sei, um Menschen von ihren sündigen Haltungen und Gewohnheiten zu erlösen, konnten sie natürlich in ihrem eigenen Leben keinen persönlichen Beweis haben, dass Er dies wirklich tun konnte, es sei denn, sie wären bereit gewesen, sich Ihm anzuvertrauen und Ihm zu erlauben, sein Werk in ihnen zu tun.

Diesen Schritt des Glaubens waren sie nicht bereit zu tun. Sie sahen keine sofortige und zwingende Notwendigkeit dafür. Sie waren moralisch und rechtschaffen und geistlich reich. Was falsch lief mit der Welt, lag an anderen Leuten. Wenn Christus auf wundersame Weise einige Blitzschläge loslassen und alle Bösen und ungerechten Zöllner hinwegraffen könnte; wenn Er mit Wundermacht die verhassten Römer aus dem Land treiben und ihnen selbst ihre politische Freiheit zurückgeben könnte; wenn Er immer wieder seine Wunder der Brot- und Fischvermehrung wiederholen würde – dann würden sie Ihm natürlich als ihrem politischen Messias huldigen.

Aber darauf zu bestehen, dass ihre sündigen Haltungen und Taten zum Elend der Welt beitrugen, das ging zu weit. Sie waren schließlich nicht so schlecht. Sie waren keine mittellosen geistlichen Witwen. Sie konnten ihr eigenes Leben zurechtbringen. Vielleicht stimmte es, dass sie dabei bislang nicht allzu erfolgreich gewesen waren. Aber schließlich kann man sich nicht ständig den Kopf darüber zerbrechen, ob die Haltung, die man annimmt, und die Dinge, die man anderen Leuten antut, selbstsüchtig und sündig sind. Es ist eine harte Welt, und man muss sich um die erste Person zuerst kümmern. Und überhaupt: Wer war Er, dass Er ihnen unterstellte, sie hätten Rettung nötig?

Sie gerieten in Rage, standen auf, drängten Ihn aus ihrer Synagoge und versuchten, Ihn einen nahe gelegenen Berg hinabzustürzen. Die explosive Gewalt ihrer Reaktion lässt darauf schließen, dass Christus seinen Finger auf einen verborgenen Schuldkomplex gelegt hatte. Vielleicht war der Zorn, mit dem sie Römer, Zöllner, Betrüger und Unterdrücker anzuprangern pflegten, zum Teil von den schwelenden Feuern eines drückenden Gewissens genährt worden, das bezeugte, dass sie selbst nicht ohne Schuld waren. Scham und Furcht hatten ihr Bestes getan, um dieses schlechte Gewissen zu unterdrücken, und die Leute hatten versucht, ihr Unbehagen durch übertriebenes Befolgen religiöser Riten wie das zeremonielle Händewaschen und die Achtung heiliger Tage auszugleichen. Aber jetzt war Christi Unterstellung, dass sie – rechtgläubig wie sie waren – Rettung nötig hatten, zu ihrem Gewissen durchgedrungen und hatte es ausbrechen lassen. Sicher ist es erstaunlich, wie aggressiv einige Leute auf die Behauptung reagieren, dass sie Erlösung brauchen. Aber können wir sicher sein, dass Lukas, wenn er diese Geschichte erzählt, nicht ein Auge auf uns hat?

Studium und Diskussionsfragen

  1. Warum lässt Gott dem Bösen scheinbar freien Lauf?
  2. Was meinen wir damit, wenn wir sagen, dass Christus kam, um nicht nur die Unterdrückten, sondern ebenso auch die Unterdrücker zu befreien?
  3. Sind wir in einem gewissen Sinn vielleicht alle Unterdrücker?
  4. Welches ist die Hauptlehre der Geschichte über die sidonische Witwe?
  5. Warum jagten die Zuhörer Christus aus der Synagoge?
  6. Welche Aspekte dieser Geschichte gelten für unser modernes Leben?

Übersetzt aus dem Buch Windows on Paradise. 14 Studies in the Gospel of Luke,  The Myrtlefield Trust, 2015,
„Avenging the Widow“, S. 25–36

Übersetzung: S. Bauer

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