Die moralische Herrlichkeit des Herrn Jesus (15)
Wie Er zu antworten wusste

John Gifford Bellett

© SoundWords, online seit: 07.01.2006, aktualisiert: 01.08.2016

Leitverse: Matthäus 15; Lukas 2

Ein Schriftwort sagt: „Euer Wort sei allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt, um zu wissen, wie ihr jedem Einzelnen antworten sollt“ (Kol 4,6). Unsere Worte sollten in der Tat „allezeit in Gnade“ sein, so dass sie anderen zum Nutzen sind und „den Hörenden Gnade darreichen“ (Eph 4,29). Oft werden allerdings unsere Worte den Charakter der Ermahnung oder der Zurechtweisung annehmen, zuweilen auch in entschiedenem und strengem Ton oder gar in Eifer und heiligem Zorn gesprochen werden; und so werden sie, wie die Schrift sagt, mit „Salz gewürzt“ sein. Und wenn sie diese schönen Eigenschaften besitzen, d.h. „in Gnade“ und doch „mit Salz gewürzt“ sind, so werden sie davon zeugen, dass wir wissen, „wie wir jedem Einzelnen antworten sollen“.

Unter allen Zügen der moralischen Vollkommenheit des Herrn Jesu tritt besonders dieser scharf hervor, dass Er einem jeden durch Worte zu begegnen wusste, die stets, mochte der Mensch sie nun hören oder das Ohr vor ihnen verschließen, nutzbringend für die Seele waren – durch Worte allerdings, die zuzeiten mit Salz, ja bisweilen sogar stark mit Salz gewürzt waren. So war es z.B., wenn Er an Ihn gerichtete Fragen beantwortete, weniger sein Zweck, eine genügende Erwiderung zu geben, als vielmehr das Gewissen des Fragenden zu erreichen und auf seinen Zustand einzuwirken.

In seinem Schweigen und in seiner Weigerung, irgendeine Antwort zu geben, als Er am Ende seiner Laufbahn vor den Juden oder Heiden, vor den Hohenpriestern oder vor Herodes und Pilatus stand, zeigt sich sein Verhalten ebenso geziemend, als wenn Er redete oder die an Ihn gerichteten Fragen beantwortete. Er legte in dieser Weise vor Gott Zeugnis ab, dass unter den Menschensöhnen wenigstens einer war, der verstand, dass es eine Zeit gibt zu schweigen und eine Zeit zu reden.

Auch bemerkt man eine große Verschiedenheit des Tones und der Redeweise bei dem Herrn in den mannigfaltigen Umständen seines Lebens; und diese Verschiedenheit, ob sie unscheinbar oder hervorragend war, bildet einen Teil des duftenden Wohlgeruchs, der allezeit zu Gott emporstieg. Oft war das Wort Jesu sanft und lieblich, oft bestimmt und streng; bisweilen redete Er in belehrender Weise, manchmal tadelte Er mit aller Schärfe; und hie und da machte die ruhige Belehrung plötzlich dem niederschmetternden Ton der Verurteilung Platz. Denn Er betrachtete und wog alle Dinge stets ab nach ihrer moralischen Bedeutung.

Das 15. Kapitel des Evangeliums Matthäus hat mich in ganz besonderer Weise getroffen, indem es diese Vollkommenheit unter verschiedenen schönen und vortrefflichen Formen hervortreten lässt. Der Herr sieht sich dort veranlasst, der Reihe nach

  • den Pharisäern,
  • der Volksmenge,
  • der armen, betrübten kananäischen Frau und
  • seinen eigenen Jüngern, sei es nach ihrer Unwissenheit oder ihrer Selbstsucht,

zu antworten; und wir können bei dieser Gelegenheit die verschiedenen Weisen sehen, in welchen Er

  • tadelt
  • oder überführt,
  • ruhig und geduldig lehrt
  • oder eine schwache Seele mit Weisheit und Gnade zu erziehen trachtet.

Und diese Verschiedenheit ist stets passend für den Ort und für die Gelegenheit, die Ihn zur Tätigkeit beruft.

Die gleiche Schönheit und das gleiche geziemende Verhalten finden wir in Lukas 2, wo Er weder unterweist noch unterwiesen wird, sondern wo Er nur zuhört und fragt. Es wäre für Ihn nicht passend gewesen zu unterweisen; denn Er war ein Kind inmitten älterer Leute. Sich unterweisen zu lassen, hätte nicht in völliger Übereinstimmung gestanden mit dem reinen und herrlichen Licht, das Er, wie Er wusste, in sich trug. Denn man kann von Ihm in Wahrheit sagen, dass „Er verständiger war als alle seine Lehrer und dass Er mehr Einsicht hatte als die Alten“ (Ps 119,99.100). Ich rede hier nicht von dem, was Er als Gott, sondern was Er als Mensch war, „erfüllt mit Weisheit“, wie es in jenem Kapitel von Ihm heißt. Er wusste von dieser Fülle der Weisheit nach der Vollkommenheit der Gnade Gebrauch zu machen. Darum stellt der Evangelist Ihn inmitten der Lehrer im Tempel weder lehrend noch lernend vor unsere Augen, sondern sagt einfach, dass Er ihnen zuhörte und sie fragte. „Das Kindlein aber wuchs und erstarkte, erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade war auf Ihm.“ So redet die Schrift von seiner Jugend; und wenn Er als Mann mit den Menschen in der Welt verkehrt, so ist sein Wort „allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt“ wie das Wort eines Mannes, der weiß, wie er einem jeden zu antworten hat. Welch eine Herrlichkeit und Vollkommenheit, und zwar in völliger Übereinstimmung mit den verschiedenen Zeitabschnitten der Jugend und des Mannesalters!

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Aus The Moral Glory of the Lord Jesus Christ


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