Jesus lernte Gehorsam
Hebräer 5,8.9

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© SoundWords, online seit: 05.07.2009, aktualisiert: 11.12.2017

Leitverse: Hebräer 5,8.9

Heb 5,8.9: … obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam lernte; und, vollendet worden, ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden.

In der Heiligen Schrift gibt es ein Wort, auf das ich die Aufmerksamkeit des Lesers richten möchte. Wir finden es in Hebräer 5,8: „Obwohl er Sohn war, lernte er an dem, was er litt, den Gehorsam.“ Es ist sicher nichts Neues, von Jesus zu hören, dass Er ein gehorsamer Mensch war, und dennoch ist es etwas Wunderbares, dass Er diesen Platz eingenommen hat. Dies ist ein so großes Wunder, dass die Engel sich in Anbetung niederbeugen und begehren, das große Geheimnis zu verstehen. „Obwohl er Sohn war, lernte er … den Gehorsam.“ Was wollen uns diese Worte sagen?

Lieber Leser! Zeigen uns diese Worte nicht den unendlichen und unermesslichen Unterschied zwischen Christus und uns? Wir sind Gehorsam schuldig. Wenn wir nicht gehorsam sind, dann versäumen wir unsere Pflichten gegenüber denen, die über uns gestellt sind und das Recht haben, Vorschriften und Befehle zu geben, die zu befolgen wir verpflichtet sind. Wenn ein Vater seinem Kind einen Auftrag erteilt, ist es dann in deinen Augen etwas Seltsames oder Wunderbares, wenn das Kind gehorsam ist? Keineswegs. Das Kind tut, was es tun muss; man erwartet nichts anderes. Würde es aber dem Befehl des Vaters nicht nachkommen, dann wäre das nur ein Beweis von dem Geist des Ungehorsams, der leider bei den Menschen so natürlich ist. Es ist ganz ordnungsgemäß, dass ein Vater gebietet und das Kind gehorcht. Ebenso wenn eine Frau ihrer Haushaltshilfe Anweisungen erteilt und ihr die tägliche Arbeit vorschreibt, dann würden wir es doch sicher tadelnswert finden, wenn die Haushaltshilfe nicht gehorchte. Es ist ihre Pflicht, gehorsam zu sein. Wie es sich nun mit den Kindern gegenüber den Eltern und mit den Dienstboten gegenüber ihren Herren verhält, so verhält es sich mit allen Menschen Gott gegenüber. „Ein Sohn soll den Vater ehren, und ein Knecht seinen Herrn. Wenn ich denn Vater bin, wo ist meine Ehre? und wenn ich Herr bin, wo ist meine Furcht? spricht der HERR der Heerscharen“ (Mal 1,6). Es liegt in der Natur der Sache, dass Gott gebietet und die Menschen gehorchen.

Welch ein Unterschied besteht nun zwischen Christus und uns? Die soeben angeführten Worte reden zu uns von Ihm, dessen Stellung es war, über alles zu herrschen. Er war kein Knecht, nein, Er war der Herrscher über alles. Er brauchte nicht zu gehorchen, denn Er war der Gebieter über alle, sowohl über die Engel als auch über die Menschen. Er ist der eingeborene Sohn Gottes, „der Abglanz seiner Herrlichkeit und der Abdruck seines Wesens“. Er ist der Schöpfer aller Dinge und trägt „alle Dinge durch das Wort seiner Macht“. Er sprach: „Es werde Licht! Und es ward Licht.“ Er ist aller Herr, und von Ihm wird gesagt, dass alle Engel Gottes Ihn anbeten werden. Statt dass Er zum Gehorsam verpflichtet war, waren alle verpflichtet, Ihm zu gehorchen. Dennoch erniedrigte Er sich, ein Kind, ein Jüngling und ein Mann zu werden. Der Gebieter wurde Knecht und lernte aus Erfahrung, was Gehorsam ist. Obwohl Er Sohn war, lernte Er an dem, was Er litt, den Gehorsam! Unbegreifliche Erniedrigung! Wunderbare Gnade!

Wir dürfen diese Worte jedoch nicht in der Weise auffassen, als ob der Herr Jesus wie wir, die wir von Natur ungehorsam sind, den Gehorsam lernen musste. Als Er auf der Erde war, war Er stets der gehorsame Mensch. Er konnte nicht anders als gehorsam sein. Allerdings musste Er den Gehorsam lernen, weil für Ihn, der nur zu gebieten hatte, der Gehorsam etwas Neues war. Aber nachdem Er sich selbst erniedrigt hatte und Mensch und ein Knecht geworden war, war Er in diesem Zustand ebenso vollkommen, wie Er zur Zeit seiner Herrschaft über alles auf dem Thron des Vaters vollkommen gewesen war. Freiwillig hatte Er sich erniedrigt, freiwillig hatte Er Knechtsgestalt angenommen, und freiwillig hatte Er es auf sich genommen, zu gehorchen, anstatt zu gebieten. Wie treffend wird uns dies in Philipper 2 gesagt, wo wir lesen: „Denn diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war, welcher, da er in Gestalt Gottes war, es nicht für einen Raub achtete, Gott gleich zu sein, sondern sich selbst zu nichts machte, und Knechtsgestalt annahm, indem er in Gleichheit der Menschen geworden ist, und, in seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden, sich selbst erniedrigte, indem er gehorsam ward bis zum Tode, ja, zum Tode am Kreuze.“ – Er verließ die Herrlichkeit, die Er vor Grundlegung der Welt beim Vater hatte, um hier auf der Erde zu offenbaren, was Gehorsam ist, ein Gehorsam, der bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz führte, weil es der Wille Gottes war, durch seinen Tod verlorene Sünder zu retten.

Es steht geschrieben, dass Jesus an dem was Er litt, den Gehorsam lernte. Wie konnte Er in allem gehorsam sein, ohne sich dem Hass der Welt auszusetzen? Alle, die Ihn umringten, taten ihren eigenen Willen und lebten nach dem Gutdünken ihres eigenen Herzens. Er war der einzige gehorsame Mensch. Die natürliche Folge davon war, dass Er gehasst, verfolgt und misshandelt wurde. Ein treuer Untertan, der in der Mitte von Verrätern und Aufrührern lebt, wird sicherlich ihrem Hass ausgesetzt sein, und wie sehr würde sich dieser Hass steigern, wenn man die Entdeckung machte, dass dieser der Sohn des Königs und von ihm hergesandt sei? So verhielt es sich mit Jesus. Er, der Sohn des Vaters, wurde von den Weingärtnern ergriffen, aus dem Weinberg gestoßen und getötet, damit sie, wie sie dachten, das Erbe in Besitz rahmen könnten. Und was tat der Herr inmitten dieser Umstände? Er wandelte ununterbrochen auf dem Pfad des Gehorsams. Er ließ sich durch keine Feindschaft oder Verfolgung in seinem Lauf aufhalten. Gingen andere ihren Weg, Er ging seinen Weg; hatten andere ihre Speise, Er hatte die seinige. Dieser Weg und diese Speise waren, den Willen des Vaters, der in den Himmeln ist, zu tun. Getrieben von seiner Liebe zu Sündern, verließ Er den Himmel und die Herrlichkeit, und von derselben Liebe getrieben ging Er inmitten der Schmach und Verfolgung, der Leiden und Schmerzen den Weg des Gehorsams bis zum Tod am Kreuz.

Ein in dieser Hinsicht treffendes Wort finden wir in Jesaja 50, wo der Heilige Geist den Herrn sprechen lässt: „Warum bin ich gekommen, und kein Mensch war da? Habe gerufen, und niemand antwortete? Ist meine Hand etwa zu kurz zur Erlösung? oder ist in mir keine Kraft, um zu erretten? Siehe, durch mein Schelten trockne ich das Meer aus, mache Ströme zu einer Wüste: Es stinken ihre Fische, weil kein Wasser da ist, und sie sterben vor Durst. Ich kleide die Himmel in Schwarz und mache Sacktuch zu ihrer Decke.“ – Hier spricht Christus von seiner Macht und Herrlichkeit, jedoch fügt Er, vor dem die ganze Schöpfung sich neigt, die Worte hinzu: „Der Herr, HERR, hat mir eine Zunge der Belehrten gegeben, damit ich wisse, den Müden durch ein Wort aufzurichten. Er weckt jeden Morgen, er weckt mir das Ohr, damit ich höre gleich solchen, die belehrt werden.“ – Der Allmächtige ist Mensch geworden, und dieser Mensch ist demütiger und gehorsamer als das gehorsamste Kind, das jeden Morgen von seinem Vater geweckt wird, um zu hören, was es an jedem Tag zu lernen hat. Wer vermag dieses Wunder zu fassen? Gott ist offenbart im Fleisch. Der Schöpfer des Himmels und der Erde ein kleines, hilfloses, in der Krippe liegendes Kind, ein verachteter Mensch auf der Erde inmitten der Feindschaft der Menschen! Herr, lass uns Deine unbegreifliche Liebe mehr verstehen!

Hat der Herr Jesus sich je geweigert oder auch nur gezögert, das zu tun, was Ihm der Vater geboten hatte? Nein, niemals. Hören wir seine Worte: „Der Herr, HERR, hat mir das Ohr geöffnet, und ich, ich bin nicht widerspenstig gewesen, bin nicht zurückgewichen“ (Jes 50,2-5). Nie war Er ungehorsam. Von der Krippe bis zum Kreuz war Er stets der vollkommen gehorsame Mensch. Welche herrlichen Beweise haben wir davon in seiner Geschichte! „Das Kindlein aber“, so lesen wir, „wuchs und erstarkte, erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade war auf ihm“ (Lk 2,40). Welch ein schönes Bild zeigt uns der zwölfjährige Jesus! Wie vollkommen war die Vereinigung seines Gehorsams gegen Gott und gegen seine Eltern! Als seine Eltern Ihn suchten, war Er in dem Werk tätig, das Gott, sein Vater, Ihm aufgetragen hatte. „Was ist es, dass ihr mich gesucht habt?“, fragt Er in demütigem Ton. „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“ (Lk 2,49). Doch anstatt sich hiermit zu brüsten und sich selbst in den Vordergrund zu stellen, wie es junge Leute so gern tun, „ging er mit ihnen hinab und kam nach Nazareth, und er war ihnen untertan“ (Lk 2,51).

Welch ein Beispiel von Gehorsam war sein Leben vor seinem öffentlichen Auftreten als Lehrer! Der Sohn Gottes, der Schöpfer und Erhalter des ganzen Weltalls wohnte dreißig Jahre lang unbekannt und unbemerkt in dem verachteten Nazareth und verdiente als Zimmermann sein Brot. Welch eine Erniedrigung! Aber zugleich welch eine unendliche Gnade! „Er ist in allem versucht worden in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde.“ Aber dies alles ist nichts im Vergleich zu dem, was der Herr Jesus während der drei Jahre seines öffentlichen Dienstes in Israel erfuhr. Welch ein Weg der Erniedrigung, der Leiden und des Schmerzes! Er wurde in allem versucht. Er stand dem Teufel, den gottlosen Pharisäern, dem blinden Volk und seinen schwachen, kleingläubigen Jüngern gegenüber. Und in allem zeigte Er seine Vollkommenheit: Er war immer gehorsam. Jeder Tag brachte neue Leiden, jeder Tag neue Mühsale und Beschwerden; an jedem Tage lernte Er den Gehorsam an dem, was Er litt. Wie anbetungswürdig ist es, den Mann der Schmerzen in seinem vollkommenen Gehorsam, in seiner völligen Hingabe und Unterwürfigkeit unter den Willen des Vaters zu betrachten!

Soll ich einige Beispiele geben? Betrachte Ihn in der Wüste, wo Er vom Teufel versucht wird. Vierzig Tage und vierzig Nächte ist Er ohne Speise, und es hungert Ihn. Der Teufel kommt und fordert Ihn auf, aus Steinen Brot zu machen. Ja, der Herr Jesus brauchte nur ein Wort zu sprechen und die Steine wären in Brot verwandelt worden; Er war der Allmächtige. Aber nein. Er will hier nicht seine Allmacht, sondern seinen Gehorsam offenbaren. „Nicht von Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Worte, das durch den Mund Gottes ausgeht.“ — Betrachtet Ihn am Jakobsbrunnen. Ermüdet von den Anstrengungen der Reise, hungrig und durstig, hat der Herr Jesus Platz genommen. Nur ein Wort brauchte Er zu sprechen und Speise und Trank wären im Überfluss vorhanden gewesen. Aber nein. Auf diesem Wege stillt Er seinen Hunger nicht. Er sendet seine Jünger zur Stadt, um Speise zu kaufen, und Er selbst bittet um einen Trunk Wasser. Ja, der Schöpfer aller Wasserquellen bittet eine arme, ehebrecherische Frau: „Gib mir zu trinken!“ Welch eine Erniedrigung! Welch ein Gehorsam! 

Lest die Geschichte vom Tod und von der Auferweckung des Lazarus. Die Botschaft kommt zu Jesus: „Herr, siehe, der, den du lieb hast, ist krank.“ Jesus liebte Lazarus und seine Schwestern Maria und Martha. Er war ihr Hausfreund. Er weinte am Grab des Lazarus. Sicher würden wir meinen, dass Er nach Empfang jener Botschaft sofort nach Bethanien gehen und seinen kranken Freund wieder gesund machen würde. Doch Er bleibt noch zwei Tage an dem Ort, wo Er war. Er war der völlig gehorsame Mensch. „Meine Speise ist, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat.“

Noch ein anderes Beispiel. Der Herr Jesus war allwissend. Er kannte Judas und Er kannte auch dessen Pläne. Nur ein einziges Wort hätte es Ihn gekostet und alle Pläne des Verräters wären vereitelt gewesen. Aber nein. Er lässt den Sohn des Verderbens seinen Weg gehen. – „Jesus ist allmächtig. Er beweist dies sogar in Gethsemane. Auf sein Wort stürzen die Kriegsknechte zu Boden. Er hätte sie alle vernichten können; Er hätte die Hohenpriester und die Schriftgelehrten, Pilatus und Herodes töten können; mehr als zwölf Legionen Engel hätten Ihm zu Gebote stehen können. Aber nein. Er bedient sich seiner Macht nicht: Er lässt sie alle ihre Wege gehen; Er übergibt sich ihnen freiwillig. Wie ein Schaf wird Er zur Schlachtbank geführt, wie ein Lamm, das stumm ist vor seinem Scherer. „Ich bot meinen Rücken den Schlagenden und meine Wangen den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel“ (Jes 50,6).

Liebe Freunde! Es war seine Liebe zu uns, die Ihn in diesen Zustand des Leidens und des Gehorsams brachte. Sein Gehorsam bis zum Tod ist die Grundlage unserer Errettung. „Der … obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam lernte; und, vollendet worden, ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden.“ – Wollen wir, die wir durch seine Leiden und durch seinen Gehorsam errettet sind, Ihm nicht gehorchen? Welch einen Wert hat der Sohn Gottes dem Gehorsam beigemessen! Wie lieblich muss es daher in seinen Augen sein, wenn wir denselben Gehorsam offenbaren! Treten wir daher in seine Fußstapfen. Wenn wir aufgrund unseres Gehorsams zu leiden haben, nun, dann möge es uns nicht befremden, und mögen wir uns nicht von dem schmalen Pfade der Gerechtigkeit abdrängen lassen, um dem Kreuz zu entfliehen! Denken wir an Ihn, der so großen Widerspruch von Sündern gegen sich erduldet hat, auf dass wir nicht ermüden, indem wir in unseren Seelen ermatten. Folgen wir Jesu, der, „obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam lernte“.


Originaltitel: „Der gehorsame Jesus“
aus Botschafter des Heils in Christo, 1870; S. 191–196


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