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Die geistliche Bewegung, die vor etwa hundertzwanzig Jahren zunächst in England
einsetzte, hat ein Bruder treffend mit den Worten gekennzeichnet: „Die
Wirksamkeit, die Gottes Heiliger Geist in den letzten Tagen auslöste“.
Die Wirkung des Geistes ging dahin, die Gläubigen aus dem Wirrwarr der Formen
und Überlieferungen auf kirchlichem Gebiet heraus- und zu den einfachen
Wahrheiten der Heiligen Schrift zurückzuführen.
Die Wirkung, die nicht ausbleiben konnte, war, dass eine Anzahl von Gläubigen
sich von allen Systemen trennte, welche Menschen zusätzlich zu dem System
errichtet hatten, das Gott und Christus selbst zum Urheber hat, womit nach dem
Wortlaut des Neuen Testamentes die Ekklesia, die Versammlung Gottes und des
Christus gemeint ist.
Die Heilige Schrift gibt denen, die in Wahrheit durch die Geburt aus Gott zu der
Ekklesia gehören, verschiedene Namen, Benennungen oder Titel. Sie sind Jünger,
sind „die Freunde“, sind Heilige und Geliebte und noch
etliches mehr. Die allgemeine Benennung aber ist „Brüder“. Der Herr selbst hat diese Benennung eingeführt:
„… ihr alle aber seid Brüder …“!
— „… gehe hin zu meinen Brüdern und sage ihnen …“; und die Apostel gebrauchen
diese Bezeichnung allgemein in der Apostelgeschichte und in den Briefen.
Soll es uns wundern, dass bei den Gläubigen der Bewegung, von der wir reden,
jeder Rangunterschied, wie solche in der Christenheit üblich sind, verpönt war
und sie sich einfach „Brüder“ nannten? Das war so auffallend und eigenartig,
dass Außenstehende von ihnen als von „den Brüdern“ redeten, zum Unterschied von den
Gläubigen in den Benennungen, die doch auch Brüder sind.
Der Heilige Geist war außerordentlich wirksam, diese Brüder zu einem demütigen
und eingehenden Studium der ganzen Heiligen Schrift anzuregen. Da sie dies mit
intensiver Hingabe taten und die meisten auch die wünschenswerte Gelehrsamkeit
und die Kenntnis des Griechischen und Hebräischen besaßen ebenso die Geduld,
auf weiteres Licht zu warten, wenn ihnen ein Abschnitt oder eine Wahrheit noch
unverständlich war, so ist leicht einzusehen, dass Gott sich zu solch gutem
Willen bekannte und dass der Heilige Geist sie von einer Kenntnis zur anderen
führte; zumal bei den meisten tiefe Herzens- und Gewissensübungen vorausgegangen
waren und die Person Jesu ihnen über alles teuer geworden war.
Einer von ihnen, der wohlbekannte G. V. Wigram, sagte später: „Wir mussten
die teuren Wahrheiten auf den Knien erwerben; heute sind sie wohlfeil zu haben.“
Es hatte sich schon damals, als er dies vor mehr als siebzig Jahren [diese
Schrift ist von 1956! Anm. d. Red.] sagte, viel Übles unter den Brüdern
zugetragen, sodass er ihr Zeugnis als zu Ende gekommen beurteilte. Ist es zu
verwundern, dass es in den letzten Jahren in unserer Mitte bergab ging, nachdem
Gott doch so reichlich gesegnet hatte? Ist es zu verwundern, dass vom Menschen
aus ein Rücklauf einsetzte und noch im Gange ist? Nein, es ist nicht zu
verwundern, denn wir müssen mit betrübten Herzen bekennen: Der Mensch ist immer
und überall derselbe; er verdirbt, was Gott ihm anvertraut hat.
Soviel bekannt ist, war das Erste, was der Heilige Geist wirkte — und zwar an
verschiedenen Orten in Einzelpersonen, als noch keine Rede von den „Brüdern“ war
—, dass das teure Vermächtnis, welches „des Herrn Abendmahl“ heißt, ein und
dasselbe wie „Brotbrechen“ oder der „Tisch des Herrn“, wieder erkannt wurde. Der
Erkenntnis folgte das Verwirklichen, wenn auch anfangs in ganz kleinen Kreisen.
Hand in Hand mit der Erkenntnis, dass, wo zwei oder drei zu dem Namen des Herrn
Jesu hin versammelt sind, Er in ihrer Mitte ist, ging die Verwirklichung dieser
Tatsache. Wir, die wir das von jeher kennen, machen uns wohl kaum einen Begriff
davon, was das für die war, welche das vorher nicht gekannt hatten!
Es zog weiter nach sich, dass der von Menschen eingesetzte sogenannte „geistliche
Stand“ abgelehnt wurde und dem freien Wirken des Heiligen Geistes zu Danksagung,
Anbetung, Erbauung usw. Raum gegeben wurde.
Es ging zwar alles nicht von heute auf morgen. Es brauchte seine Zeit, wie auch
die weiterfolgenden Wahrheiten und Tatsachen nicht mit einem Schlag erkannt
wurden:
-
dass der Herr Jesus wiederkommt, zuerst
zur Entrückung seiner Heiligen und dann mit ihnen in Herrlichkeit;
-
dass eine vollkommene Annahme „in Christus“ vor Gott das Teil aller Gläubigen ist;
-
dass alle Gläubigen das ewige Leben
besitzen und dessen gewiss sind (Joh 5,24; 20,31; 1Joh 5,13);
-
dass sie durch den in jedem Einzelnen
wohnenden Heiligen Geist untereinander und mit Christus in der Herrlichkeit
als dem Haupte zu einer Einheit, zu einem Leibe verbunden sind (1Kor 12,13;
Eph 4,4);
-
dass es für sie
- eine himmlische Berufung (Heb 3,1)
- eine himmlische Hoffnung (Kol 1,15),
- ein himmlisches Vaterland (Heb 11,16),
- ein himmlisches Erbteil (1Pet 1,4),
- ein himmlisches Bürgertum (Phil 3,20),
- ein himmlisches Vaterhaus (Joh 14,2-3)
gibt.
Diese Gläubigen lernten begreifen, dass die Versammlung oder Gemeinde von Juden
und Nationen wohl unterschieden werden muss (1Kor 10,32). Ferner wurden ihnen
die drei Anschauungsweisen klar, in denen die Versammlung in der Schrift
vorgeführt wird, nämlich
-
als lokale Versammlung, indem sie alle
Gläubigen einer Örtlichkeit in sich schließt (Apg 8,1; 13,1; 1Kor 1,2);
-
als der Leib des Christus und die
allgemeine Versammlung Gottes auf der Erde, deren Haupt Christus im Himmel ist
(Kol 2,19);
-
in ihrem zukünftigen vollendeten Zustand
als verherrlichte Ekklesia (Eph 5,25-27), die alle Gläubigen vom Tage der
Pfingsten an bis zur Entrückung umfasst.
Klarer als es von irgendeiner Seite früher
geschehen war, erkannten diese Brüder die Tragweite des Werkes Christi am Kreuze
in dessen stellvertretender und sühnender Kraft. Desgleichen die Unterscheidung
zwischen der alten und der neuen Natur in jedem Gläubigen.
Als eine weitere Besonderheit wurde das allgemeine Priestertum aller Gläubigen
(1Pet 2,5.9; Off 1,5-6; 20,6) und deren Freiheit zum Zutritt in einem
Geiste zu dem Vater (Eph 2,18) und ihr Vorrecht als Anbeter im Heiligtum (Joh
4,19-24; Heb 10,19-22) herausgestellt; und anlehnend daran der Unterschied im
Dienst zwischen Gaben und Ämtern (Eph 4,11; 1Tim 3,1).
Da in jenen Jahrzehnten der rationalistische Unglaube auf den Lehrstühlen der
theologischen Fakultäten mehr und mehr sein Haupt erhob, auch sonst vielerlei
alte und neue Irrungen sich ausbreiteten, hatten die Begabten unter den Brüdern
ein weites Feld der Betätigung und taten ihr Möglichstes, Bezeuger der
Wahrheiten der Heiligen Schrift zu sein. Es gab wohl kaum etwas Falsches in der
Lehre, das nicht öffentlich von ihnen ins Licht der Schrift gerückt worden wäre.
Unter anderem wurde auch die Wiederbringungs- oder Allversöhnungslehre
bloßgestellt als das, was sie ist, nämlich ein Irrtum, der ins Verderben führt.
In dem Maße, wie die Zahl der Brüder weltweit wuchs und die Versammlungen sich
vermehrten und vergrößerten, trat auch die Notwendigkeit ein, sich mit unguten
und zum Teil bösen Dingen in ihrer Mitte zu befassen und sich klar zu werden
über das, was die Heilige Schrift über die Zucht sagt. Dieser Punkt wurde und
ist besonders ernst, wenn der Feind hinterhältig die Person des Sohnes angreift
und Grundwahrheiten der Lehre antastet, wie es schon in Korinth geschah, dass z. B. die Auferstehung geleugnet wurde
(1Kor 15,12), oder wenn später ein
Hymenäus und ein Phyletus lehrten, dass sie schon geschehen sei (2Tim 2,18).
Gibt uns das alles nicht Anlass, dass wir uns allen Ernstes besinnen auf das, was
der Wille Gottes und was seine Wahrheit in der Schrift ist? Wer unter uns das
tun will, tut wohl, zurückzukehren zu dem, was der Geist Gottes vor mehr als
hundert Jahren wirkte, weil das nichts anderes war als das, was Er selbst, der
Heilige Geist, durch Paulus, Petrus, Judas festgelegt hat, als der Verfall sich
schon zu deren Lebzeiten bemerkbar machte, sowohl hinsichtlich des Verderbens in
der Lehre als auch in moralischer Hinsicht.
Es blieb schon in früheren Zeiten nicht aus, dass die Lehre von der Einheit der
Kinder Gottes nach den Worten des Herrn in Johannes 17 und ihrer Einheit als
Glieder des einen Leibes nach der Lehre des Apostels Paulus von dem „Geheimnis
des Christus“ besonders auffiel und Schule machte, leider aber in den meisten
Kreisen nicht im Sinne der Heiligen Schrift, wie die „Brüder“ es erkannt hatten.
Denn eine Einheit, die besteht, kann man nicht machen; ein Leib ist von
vornherein etwas Vollkommenes, er braucht das nicht erst zu werden. Die „Brüder“
hatten erkannt, dass es sich nur darum handelt, die von Gott und Christus durch
die Sendung des Heiligen Geistes gemachte Einheit anzuerkennen und sich
dementsprechend einzustellen.
Gläubige, welche das nicht wollen, suchten und suchen der Einheit so Ausdruck zu
geben, dass sie aus ihren verschiedenen Benennungen heraus einmal im Jahr für
vielleicht eine Woche brüderlich zusammenkommen, nachher aber bis zum nächsten
Jahr sich wieder in ihre Kreise zurückziehen. Ist das nicht Selbstbetrug und in
Bezug auf den Herrn, das Haupt der einen Versammlung, Vorspiegelung einer
falschen Tatsache? Als der Schreiber dieser Zeilen vor etwa fünfzig Jahren durch
Schriften darauf hingewiesen wurde, war ihm das sofort klar. Er war selbst in
zweien solcher Kreise gewesen. Abgesehen davon, dass, wie in den Landeskirchen
so auch in diesen Kreisen — wenn auch nicht in dem Maße wie dort — der Heilige
Geist gehindert ist, zum Dienst am Wort zu gebrauchen, wen Er will, ist auch die
Art und Weise, wie das Abendmahl gefeiert wird, zu beanstanden. Ein von einer
menschlichen Institution dazu bestellter Mann ist allein berechtigt, es
auszuteilen; und wenn ein außerhalb des betreffenden Kreises Stehender daran
teilnehmen will, braucht er sich nur beim Prediger zu melden. Der Schreiber hat
das miterlebt. Wo bleibt da der feierliche Ernst der Verantwortlichkeit aller
Beteiligten darüber, dass niemand teilnimmt, der nicht wirklich ein Erlöster des
Christus ist und es durch seinen Wandel beweist? Zum Mindesten müsste man, was
diese beiden Punkte betrifft, ihn gut kennen, ehe er zugelassen wird.
In der Christenheit wurden und werden die Wahrheiten, die Gott den „Brüdern“ neu
in Erinnerung rief, im Großen und Ganzen nicht gelehrt. Dafür aber dürfen die
gröbsten Irrtümer gelehrt werden, Christus darf seiner Gottessohnschaft
entkleidet und die Heilige Schrift durch Bibelkritik verunglimpft und in Fetzen
gerissen werden. Formen und Zeremonien hüllen das Ganze ein, auch einen großen
Teil von den Wenigen, die wirklich Kinder Gottes sind.
Ist das nicht Ungerechtigkeit; ist nicht jeder, der den Namen des Herrn nennt,
verantwortlich, davon abzustehen (vgl. 2Tim 2,19-22)?
Die Christenheit ist ein großes Haus geworden, in dem vielerlei Gefäße sind, wie
in jedem großen Hause. Der Hausherr ist Gott und Christus. Echte und unechte
Bekenner machen das Haus aus. Einzelpersonen und Zusammenschlüsse von Personen
in Systeme sind die Gefäße oder Geräte des Hauses. Wenn echte Bekenner des
Christus, die bemüht sind, das Werk und die Person des Christus bekannt zu machen,
sich von den großen religiösen Systemen getrennt haben, so erhebt sich die
Frage: Inwieweit richten sie selber wieder Systeme auf, die dann neben das
System Gottes, das die Versammlung (Ekklesia) ist, zu der sie doch gehören,
gestellt werden? Warum lassen sie sich nicht an der einfachen Wahrheit genügen?
Wohl zunächst aus Unkenntnis. Wenn ihnen aber die Kenntnis nahegebracht wird
und sie wollen nicht darauf achten, dann ist das Eigenwille. Ich verwehre mich
gegen den Vorwurf, eine Bewertung der Freikirchen aufzustellen. Gewiss haben die
„Brüder“ nach dem, was sie geworden sind, am allerwenigsten Ursache, sich als
Gefäß irgendeinen Wert beizulegen.
Haben aber die Brüder zur Zeit der Wiederherstellung des Zeugnisses nicht recht
daran getan, sich auch von den kleinen Gebilden menschlicher Planung getrennt zu
halten, wenn sie gewillt waren, den Willen des Hausherrn in allem zu
respektieren, nachdem ihnen der Herr darüber das Licht gegeben hatte, was in
aller Einfachheit getan werden konnte, ohne selber Systeme zu bilden? Wenn man
dem Hausherrn ganz gefallen will, ist es notwendig, sich auch von weniger missfällig
Gefäßen zu reinigen, d. h. auch von solchen auf menschliche
Satzungen sich stützenden Systemen.
Gewiss, die vorhergehenden Gedankengänge des Apostels in 2. Timotheus 2 von Vers
1 an haben zunächst allgemein gesunde Lehre, Treue und Nüchternheit im Auge.
Indem der Apostel aber in Vers 17 auf irreführende Lehrer gekommen ist, weitet
er den Horizont bis dahin, dass er auf die grundsätzliche Reinigung weg von den
Gefäßen der Unehre in einem großen Hause zu sprechen kommt. Es muss schon unguter
Wille vorhanden sein, wenn man seine Augen vor dieser Erkenntnis verschließt.
Doch es sei so, dass mit den Gefäßen zur Unehre nur Einzelpersonen gemeint sind.
Steht deswegen nicht wie ein granitener Fels in Vers 19: „Jeder, der den Namen
des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit“? Ist Ungerechtigkeit (a-dikia)
nicht alles — und erst recht im zweiten Timotheusbrief —, was dem Willen und den
Gedanken Gottes zuwider, was nicht in Übereinstimmung damit ist? Ist es in
Übereinstimmung mit den Gedanken Gottes, Systeme eigener Prägung innerhalb der
einen Versammlung zu machen?
Ist es nicht so, dass die Bemühungen der sogenannten „Allianz“, eine Einheit
unter den Kindern Gottes herzustellen, erstens den Darlegungen des Apostels Paulus
über die Einheit entgegenstehen, zweitens diese Allianzkreise das Tun der „Brüder“,
die sich in Absonderung von allem Bösen, auch vom religiösen Bösen, auf den
Namen Jesu hin versammeln, sogar als verkehrt hinstellen? Zudem, nie könnten und
würden auf diesem Wege alle Glieder des Leibes des Christus in die zu machende
Einheit einbezogen werden. Wenn es gelänge, zwei oder drei Kreise zu überreden,
in die angebahnte Vereinigung einzutreten, was ist mit den anderen Kreisen? Was
mit den einzelnen Gläubigen, die unzweifelhaft in den evangelischen
Landeskirchen und der römisch- und der griechisch-katholischen Kirche sind? Und
die in den fremden Ländern? Und besteht denn überhaupt die Versammlung Gottes
aus zusammengeschlossenen gläubigen Kreisen oder Gemeinschaften? Nicht vielmehr
aus dem Haupt und den einzelnen Gliedern, die als Einzelpersonen den Leib
bilden, weil sie direkt „dem Herrn hinzugetan werden“ (Apg 11,24)? Ist es darum
nicht eine Groteske, was geplant und hergestellt wird? Ist es nicht offenbarer
Widerspruch gegen die Schrift?
Wenn in dem einen oder anderen der Kreise, die sich zusammenschließen, um die
Einheit darzustellen, Männer sind, welche z. B. die Allversöhnungslehre
festhalten und verbreiten, sind diese nicht „von der Wahrheit abgeirrt … und
verkehren den Glauben etlicher“? Gilt da nicht das Wort, abzustehen von der
Ungerechtigkeit? Sind diese Männer und der Kreis, der sich nicht von ihnen
reinigt, sondern sie beherbergt, Gefäße zur Ehre des Hausherrn?
Wenn die Stelle 2. Timotheus 2,19—22 abgelehnt wird, so steht es freilich denen, die
sie ablehnen, frei, die Ungerechtigkeit zu tun. Bleiben noch 1. Korinther 5,13 und
Titus 3,9-11 (1. Korinther 5 hat es mit moralisch Bösem zu tun und hat mit dem hier
entwickelten Gedanken nichts gemein). Zu Titus 3,10-11 sagt jemand ganz richtig:
Die Sekten trennten die
Heiligen der Versammlung Gottes von jeher. Der Mensch aber, der die
Trennungen verursachte, sollte ohne Schonung behandelt werden. Er suchte
eine gewisse Anzahl von Gläubigen um sich zu gruppieren, indem er sich
selbst zum Mittelpunkt eines gesammelten Kreises machte. Praktisch
verleugnete er die Einheit des Leibes des Christus und den einen Mittelpunkt
dieser Einheit, welcher der Herr Jesus selbst ist.
Die Lehren eines solchen Menschen mögen so weit nicht schriftwidrig sein. Es
genügte, eine Wahrheit von ihrem Platz wegzunehmen und sie eine überragende
Rolle im Gesamtbild der Schrift spielen zu lassen. Man versammelte Christen
um einen Grundsatz, ob wahr oder falsch, und um den Menschen, der ihn
verkörperte — und die Sekte, welche die Versammlung spaltete, war da.
Derjenige, welcher diesen Platz einnimmt und dadurch das Haupt einer Partei
oder einer Kirche nach seinem Zuschnitt wird, soll schonungslos abgewiesen
werden, denn er hat die Einheit gebrochen und Christus, dem Haupt des
Leibes, Schmach angetan. Nur darf er nicht abgewiesen werden ohne vorherige
Zurechtweisung.
Ein alter, erfahrener Bruder sagt zu
dieser Stelle:
Wenn jemand seine eigene
Meinung geltend machen wollte und dadurch versuchte, Parteien in der
Versammlung zu bilden, so sollte man ihn nach einer ein- oder zweimaligen
Ermahnung abweisen als einen, der sündigt …
Ein solcher begnügt sich nicht mit der Versammlung Gottes und der Wahrheit
Gottes; er will seine eigene Wahrheit darstellen. Warum ist er ein Christ,
wenn das Christentum, wie Gott es gegeben hat, ihm nicht genügt? Indem er
seine Partei für seine eigene Meinung zu gewinnen sucht, verurteilt er sich
selbst.
Wie nimmt sich das im Licht der Lehren des
Apostels Paulus über die Versammlung Gottes aus?
Es sei in diesem Zusammenhang noch angeführt, was ein englischer Bruder den
Brüdern über ihren Ursprung und ihr Zeugnis zu sagen sich gedrungen fühlte. Es
ist wichtig und interessant genug, dass es auch heute noch zur Kenntnis aller
Brüder gebracht werde. Vorher ein Bruchstück aus einem Brief von G. V. Wigrams:
Das Zeugnis unserer Zeit ist
der Ausdruck der Treue und Gnade Gottes — trotz des Verfalls von allem auf
Erden — vermittels derer, die den Verfall fühlen und sich darüber demütigen.
In dieser Stellung waren die Brüder von Gott gesegnet. Sie haben zu viel an
ihre Stellung, an ihr Zeugnis gedacht; sie waren stolz darauf. Und nun eins
von beiden: Entweder werden sie beiseitegesetzt und das Zeugnis wird
anderen gegeben oder sie demütigen sich, damit sie das Zeugnis behalten
können. Die Demütigung kann die Folge des Einwirkens Gottes durch das Wort
auf ihre Herzen sein. Gott schenke ihnen die Gnade, die sie brauchen. Wenn
sie sich aber nicht demütigen, so werden sie durch die mächtige Hand Gottes
gedemütigt werden.
Der Herr wird treu sein; davon mögen die Brüder überzeugt sein. Er schenke
uns Gnade, dass wir uns selbst richten, damit Er uns nicht richten muss. Der„Kommende“ wird bald kommen und wir werden bei Ihm sein. Möge Er uns bei
seiner Wiederkehr sowohl mit seiner Gnade erfüllt als an seiner ganzen
Wahrheit festhaltend finden.
Und nun das Wort des Bruders aus England
über den Ursprung und das Zeugnis der„Brüder“, aus „Die Brüder, ihr Ursprung,
ihre Vermehrung, ihr Zeugnis“, von A. P.Cecil 1879.
Brüder, ertraget ein Wort
der Ermahnung! Der Herr hat einen Rechtsstreit mit uns. Gerade in dem
Augenblick, da wir uns „Brüder“ nennen und von unserem Ursprung, unserem
Wachstum und unserem Zeugnis reden, schüttelt uns der Herr bis ins Innerste.
Ich erschrecke darüber, dass manche von uns keinen höheren Gedanken haben als
den, dass wir zu den„Brüdern“ gehören, die vor fünfzig Jahren [1879
geschrieben!] mit der Absonderung begonnen haben. Wenn wir solch einen
Gedanken mit der Heiligen Schrift vergleichen, so können wir ihn nur als
einen solchen bezeichnen, wie ihn 1. Korinther 1 hinstellt: als eine erbärmlich
sektiererische Weisheit, die durch das Kreuz gerichtet werden muss.
In unseren Unterhaltungen reden wir leichthin von dem uns beigelegten
Sektierernamen „Plymouthbrüder“; und bald, fürchte ich, gehen wir weiter und
finden uns damit ab, als ob nichts dabei wäre — es ist ja nur ein Name! Es
genüge zu sagen, dass 1. Korinther 1 das ganz und gar verurteilt; es trifft die
Grundlagen des Christentums und ist ein Abdruck der menschlichen Weisheit
der Philosophen (siehe 1Kor 1 und 2). Es trifft die Wurzel der wahren
Natur der Versammlung, wie sie uns in 1. Korinther 3 gezeigt wird.
„Aus Gott aber seid ihr in Christo Jesu, der uns geworden ist Weisheit von
Gott und Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung“ (1Kor 1, 30). Wir sind
keinem noch so gesegneten Lehrer oder ebensolcher Lehrerschaft verschrieben,
sondern gehören zum Tempel Gottes, und Gottes Heiliger Geist wohnt in uns.
Wir sind nicht „die Brüder“, bei Sektierern und der Welt als „Plymouthbrüder“ geschmäht, deren Ursprung auf die Zeit vor fünfzig Jahren
zurückgeht; sondern wir sind „Brüder“ inmitten der vielen Brüder der großen
Familie Gottes, die schon vorher bestand; Brüder, welche durch die Gnade
Gottes aus der gleichsam viele Jahre währenden babylonischen Gefangenschaft
der Versammlung (Ekklesia) befreit worden und zu dem ursprünglichen Boden
der Versammlung zurückgekehrt sind, die in Christus in die himmlischen Örter
versetzt ist; um den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus als die
Quelle der Einheit, zu bekennen — den Gott und Vater der ganzen zerstreuten
gesammelten Familie Gottes (Eph 1,1-23); Christus zu bekennen als das Haupt seines Leibes
(Eph 1,19-23; 2,1-18) und den Heiligen Geist zu bekennen als
den Erbauer und Bewohner des Hauses Gottes (Eph 2,19-22).
Wir stammen nicht von Lehrern her, so gesegnet und von Gott anerkannt sie
sein mögen, vor fünfzig Jahren von Ihm erweckt und mächtiglich gebraucht, um
lange unter den Trümmern der bekennenden Kirche begrabene Wahrheiten wieder
aufleben zu lassen, sondern von dem Gott, der durch seine unumschränkte
Gnade Petrus, Andreas und Johannes berief, der Christus für unsere
Übertretungen dem Tode überlieferte und unserer Rechtfertigung wegen
auferweckte (Röm 4,25), der später von der Herrlichkeit aus den Saulus von
Tarsus berief, ihn aus der jüdischen und heidnischen Welt, die Christus
verworfen hatte, herausbefreite und ihn von der Herrlichkeit aus als einen
mit Christus einsgemachten Menschen aussandte, um von der Herrlichkeit des
Christus und von dem Einssein der Heiligen mit Ihm als seinem Leibe und seiner Braut zu zeugen.
Unsere Stellung ist nicht in einer Körperschaft, deren Ursprung fünfzig
Jahre zurückliegt, sondern in dem Christus, der, nachdem Er der Maria die in
den Worten „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, und zu meinem
Gott und eurem Gott“ geformte neue Beziehung kundgetan hatte, in die Mitte
seiner versammelten Brüder kam, ihnen „Friede euch“ zurief und in sie
hauchte. Es war der Friede, den Er in seinem Sterben am Kreuze für sie
gemacht hatte, wovon Er ihnen in seinen verwundeten Händen und in seiner
durchbohrten Seite den Beweis gab.
Wir sind in dem Christus, der ein zweites Mal „Friede euch“ zu ihnen sprach,
als der vom Vater gesandte Sohn, indem Er sein eigenes Auferstehungsleben in
sie hauchte, sie also mit sich selbst als dem auferstandenen Haupte der
neuen Schöpfung verbindend.
Wir sind in dem Christus, der nach diesem hinaufstieg als Mensch und den
Heiligen Geist als die Verheißung des Vaters herabsandte, damit Er in ihnen
wohne, sodass nun die neue, volleingeführte Familie Gottes rufen konnte: „Abba,
Vater!“ (Joh 20, 19-23; Apg 1,4).
Gleichzeitig taufte der Heilige Geist sie alle zu einem Leibe und baute sie
zusammen auf, damit sie seine Behausung auf der Erde seien. Dergestalt ist
unser Ursprung dergestalt unsere Stellung. Zu dieser Familie, zu diesem
Leibe und zu diesem Hause allein gehören wir; und wir sind berufen, dem
Zeugnis zu geben, ebenso dem Einen, welcher der Gott und Vater ist. O edler
Ursprung! O hehre Abstammung! Brüder, vergesst es nicht! Lasst niemand eure
Krone nehmen!
Die Fortschritte, welche die Versammlung Gottes machte, kennt ihr ja; ich
brauche also nicht dabei zu verweilen. Sie breitete sich wunderbar aus.
Aber, o weh! In dem Maße, wie sie sich ausbreitete, sank sie von ihrer Höhe
herab. Eifrig darauf aus, das Böse wegzutun, verließ sie leider ihre erste
Liebe und der Herr musste drohen, den Leuchter wegzunehmen. Das durch
Verfolgung eingehaltene Böse brach neu hervor in der Verbindung, welche die
Kirche mit der Welt durch die besoldeten Leiter der Christenheit einging.
Ein böses System tauchte inmitten des Hauses Gottes selbst auf; es lehrte
Götzendienst; eine babylonische Gefangenschaft breitete sich über die ganze
Kirche aus. Die Wahrheit von der Einheit des Leibes und vom Kommen des Herrn
gingen verloren und es herrschte gleichsam eine mitternächtliche
Finsternis.
Der Schrei der Reformation erscholl; es gab ein teilweises Herauskommen aus
der Gefangenschaft, doch nur, um wiederum in etwas Verhängnisvolles zu
fallen: in etwas, „das den Namen hat, dass es lebe“, obwohl moralischer Tod
über dem Bekenntnis lag. Dann ließ sich die Stimme des Heiligen und Treuen
vernehmen und ein Überrest der Schafe leistete dem Rufen Folge und kehrte
um zu Christus allein. Aber denkt daran, Brüder, es war ein Überrest, der
zurückkam, nicht das Ganze. Wir sind „Brüder“, ein zu Christus
zurückgekehrter Überrest, aber nicht „die Brüder“, viel weniger „Plymouthbrüder“ als eine neue Körperschaft.
Das ist die traurige Geschichte der „Brüder“ und
des Hauses Gottes. Und bedenkt, Brüder, dass eine traurige Zukunft vor dem
Hause Gottes liegt! Laodizeische Lauheit soll folgen, parallel neben
philadelphischer Herzenstreue, bis Er kommt! Welches ist das große
unterscheidende Merkmal bei beiden Kreisen? Bei den Philadelphiern ist es
dies: Christus und sein Wort ist alles. Bei den Laodizeern ist es dies: „Die
Brüder“ sind alles, da sie sagen: „Ich bin reich und bin reich geworden und
bedarf nichts.“ Es ist ein hässliches, korporatives „Ich“ bei ihnen
vorhanden, das durch 1. Korinther 1 gerichtet werden muss, so gut wie das
individuelle „Ich“, der alte Mensch im Brief an die Römer.
Also denn, lasst euer Zeugnis einfach Christus und sein Wort sein, ohne etwas
auszulassen; ohne das Zeugnis des Petrus über den verworfenen Jesus zu
vernachlässigen, der jetzt erhöht und bereit ist, sich auf Davids Thron zu
setzen; der in der Zwischenzeit zum Herrn und zum Christus gemacht ist, Heil
und Vergebung der Sünden gebend, und also dem Reich der Himmel in seiner
jetzigen Form Bestand gibt. (Siehe Apostelgeschichte 2, 30-38; 4, 10-12; 5,
30—32 und viele andere Stellen.)
Ebenso haltet das Zeugnis des Paulus fest, wie viele unter euch
gesegneterweise es tun, indem sie einen geöffneten Himmel verkündigen; den
zweiten Menschen als dort sitzend; Gerechtigkeit und den Heiligen Geist als
von dort aus im Dienst verwaltet und als herniedergekommen, der die
Gläubigen mit Christus im Himmel und miteinander auf der Erde zu einer
Einheit verbindet; mit der glückseligen Hoffnung der Wiederkunft des Sohnes
Gottes vom Himmel, des Bräutigams seiner Versammlung, um sie vor den
Gerichten in das Haus einzuführen und sie dann mit sich zum Herrschen über
die erneuerte Erde zurückzuführen.
Brüder! Lasst uns nicht von unserem Zeugnis reden, sondern es verkündigen als
Zeugnis Gottes, und der freundliche Blick des „Heiligen“ und „Treuen“ wird
weiter auf uns ruhen. Die Bruderliebe, Philadelphia, wird in Wirklichkeit in
unserer Mitte gegen alle zerstreuten Brüder herrschen. Wir werden weiterhin
die geöffnete Tür haben, die niemand zu schließen vermag, und den Kreis von
Menschen nach den Gedanken Gottes darstellen, der, gekennzeichnet durch
diese Schriftwahrheit, allein den Gerichten entrinnen wird. Alle anderen
Gläubigen der gegenwärtigen Haushaltung, die sich nicht zu uns halten,
werden ebenfalls den Gerichten entrinnen, aber als Einzelne; und in der
Herrlichkeit werden dann alle zusammen kraft der Gnade Gottes das
darstellen, was hier versäumt wurde. Mit diesem Entrinnen wird „Philadelphia“ auf dieser Erde aufgehört haben zu bestehen, wenn der Herr
Jesus Christus wiederkommt (Off 3,11).
O, so haltet denn fest an dem Namen des Christus; lasst euch vonseiten der
Menschen keine falsche und anmaßende Benennung aufdrängen! Der schöne Name Christus, des Heiligen und Treuen,
genügt, der Name Dessen, der sich nicht schämt, uns „seine Brüder“ zu
nennen; aber denkt daran, unter vielen anderen zerstreuten Brüdern, die
geradeso gut „Brüder“ sind wie wir, wenn sie es auch nicht als eine
Gesamtheit kundgeben!
Noch einmal sage ich: Ertraget das Wort der Ermahnung! Und möge der treue
Gott, der uns in die Gemeinschaft seines Sohnes berufen hat, das Licht seines Angesichts auf uns leuchten lassen!
Dergestalt ist unser Ursprung, dem wir, wenn wir anders treue Zeugen sind,
Zeugnis geben werden. Dergestalt ist fortschreitend die Geschichte der
Versammlung gewesen, zu der wir gehören, und dergestalt ihr Zeugnis. Aber
wir sind nur „Brüder“ (unter vielen anderen zerstreuten Brüdern), die zu
Christus zurückgekehrt sind, um der Gnade Zeugnis zu geben, die uns
zurückgerufen hat, und die gegen das Ganze Nachsicht übt, und die jeden
Bruder, ob zerstreut oder gesammelt, zur Herrlichkeit führen wird.
Die Versammlung von Philadelphia ist im prophetisch-geschichtlichen Sinn der Ausdruck der Treue in den letzten Tagen des
Weilens der Ekklesia auf der Erde, alle die Gläubigen umfassend, denen der Herr
zuerkennen kann, was Er lobend in Offenbarung 2,10 sagt.
In einer alten Betrachtung lese ich die folgenden wichtigen Sätze:
In Philadelphia sehen wir
die treuen, von Gott anerkannten Bekenner als eine bestimmt getrennte
Körperschaft vor das Auge des „Heiligen und Wahrhaftigen“ gestellt. Dieses
ist ohne Frage ein hervorragender Charakterzug der Gegenwart, wo die
göttliche Ermahnung, sich von den Gefäßen zur Unehre zu reinigen und sich im
Namen Jesu zu versammeln mit denen, die „den Herrn anrufen aus reinem
Herzen“, immer mehr zu einer ernsten Frage in den Herzen der Gläubigen zu
werden beginnt. Wie in den Tagen der Reformation die große Wahrheit von der
Rechtfertigung aus Glauben dem Dunkel der Vergessenheit entrissen und auf
den Leuchter gestellt wurde, so tritt, während das Böse in der bekennenden
Kirche fortschreitet und zum Gericht heranreift, die Person des Christus selbst, als der Mittelpunkt der Vereinigung der Kinder Gottes, und
seine
baldige Wiederkunft als der Gegenstand ihrer Erwartung, immer bestimmter in
den Vordergrund. Der kirchliche Zustand kommt daher hier durchaus nicht in
Frage. Alles bezieht sich auf das, was Christus ist oder sein wird für die,
welche zwar schwach, aber treu sind. Ihre Verbindung mit Ihm ist
unauflöslich, wenn auch alle kirchlichen Bekenntnisformen in ihr in Nichts
versunken sind …
Kein einsichtiger Bruder wird auf den
Gedanken kommen, dass wir Philadelphia seien — wir sind es nur in
Verbindung mit allen Gläubigen, und nur insoweit wie wir das, was
Philadelphia kennzeichnet, verwirklichen.
Lasst uns nicht vergessen, dass wir nicht das geblieben sind, was wir am Anfang
waren. Die Hand Gottes lastet auf uns. Aber sollen wir deswegen zu dem
zurückkehren, was wir aus klarer Erkenntnis heraus verlassen haben? Ändert sich
die Wahrheit Gottes durch das Versagen des Menschen? Was sagt Gottes Wort:
- „Wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wiederum aufbaue, so stelle ich mich
selbst als Übertreter dar“ (Gal 2,18).
- „Wird etwa ihr Unglaube die Treue Gottes aufheben?“ (Röm 3,3).
- „Sollen wir das Böse tun, auf dass das Gute komme?“ (Röm 3,8).
- „Die Gnade Gottes mit allen denen, die unseren Herrn Jesus Christus lieben in
Unverderblichkeit“ (Eph 6,24).
Biografie
von Franz Kaupp
Dieser Artikel wurde
unter dem Titel Absonderung zuletzt von R. Mohncke 1973 veröffentlicht.
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