Eine Zusammenkunft in Blackheath
Wie war es im 19. Jahrhundert?

Ein Journalist

© SoundWords, online seit: 27.08.2006, aktualisiert: 24.09.2019

Anmerkung der Redaktion:
Der folgende Artikel ist ein Auszug aus W.G. Turners Biographie über William Kelly. Es handelt sich um einen Bericht eines Journalisten aus London, der unter dem Pseudonym „Spectator“ (Zuschauer) in der Heimatgemeinde von W. Kelly in Blackheath eine Zusammenkunft zum Brotbrechen besuchte. Man kann sicher darüber streiten, ob es sinnvoll ist, Gebete aufzuzeichnen, da sie ja vor allen Dingen für das Ohr Gottes bestimmt sind. Doch dürfen wir dies heute auch mal so sehen, dass wir ein wenig mehr von den Empfindungen derer verstehen können, die Christus ein Leben lang mit Hingabe dienten. Wer in der sog. Brüderbewegung aufgewachsen ist, wird sicherlich einigen Trost darin finden, dass es damals ähnliche Probleme (Singen, Anstimmen, kein großer Wert auf Gesangsqualität) gab wie heutzutage. Auch andere Punkte sind sicherlich von Interesse: (1) Die Kollekte beschloss damals (im Gegensatz zu heute in Deutschland) nicht die Stunde; (2) Kelly schlug einen Bruder zur Teilnahme am Brotbrechen ohne Empfehlungsschreiben vor; (3) im Anschluss an das Brotbrechen tat Kelly noch einen Dienst am Wort; (4) obwohl Kelly ein begabter Lehrer war, war er wohl kein begabter Redner. 
Dieser Artikel soll keinesfalls so verstanden werden, dass man negativ redet oder denkt über jene, die sich schlicht und einfach im Namen des Herrn Jesus versammeln möchten. Außerdem möge man bedenken, dass diese Zeilen von einem Nichtchristen niedergeschrieben wurden, der einiges für ihn Unverständliche ziemlich ironisch darstellt.

Die „Brüder“ sind wie Zoophyten (gr.: zoiophyton = wirbelloses Tier, das einer Pflanze ähnelt, z.B. eine Koralle oder Seeanemone), die sich zu bestimmten Zeiten vom Elternstamm abtrennen und ein eigenständiges Leben beginnen. Die „Brüder“ tun das genauso, nur dass sie ihre Verwandten hinterher nicht mehr anerkennen. Dieser Entwicklungsprozess hat vor kurzem wieder stattgefunden; ich bin nicht sicher, ob die „Zusammenkunft“, die ich in Blackheath besucht habe, ein Teil des Originalstammes ist oder nicht.

Mr. Kelly ist der „führende Bruder“, wie der Hauptpfarrer genannt wird oder der dienende Bruder, der das Amt des Pfarrers bei einer „Versammlung“ (das ist eine Zusammenkunft) versieht. Bennett Park Hall, „der Saal“, ist hoch und sehr komfortabel; der Tisch ist mit dem üblichen weißen Tuch bedeckt, auf dem eine große Karaffe Wein und ungefähr vier oder sechs große Kelche für die Austeilung des Weines stehen; dies gibt dem Tisch ein einzigartiges Aussehen.

Ich gehe leise hinein. Vor mir steht ein Schild, auf dem die höfliche Bitte steht, nicht in den heiligen Bereich derer einzudringen, die „das Brot brechen“. Ich warte; weitere Leute treffen ein, bis ungefähr einhundertfünfzig Angehörige der wohlhabenden Klasse oder mehr anwesend sind. Für die Besucher stehen Liederbücher zur Verfügung. Sie heißen „Geistliche Lieder für die kleine Herde“. Bezieht sich die kleine Herde auf die „Brüder“?

Mr. Kelly erhebt sich jetzt und stellt fest, dass „unser Bruder Soundso aus dem und dem Ort heute das Brot mit uns bricht“. Dies ist, schätze ich, ein Signal, dass die Versammlung begonnen hat, denn unmittelbar danach wird ein Lied bekannt gegeben und im Stehen gesungen. Ich bemerke, dass es eine ungeschriebene Regel zu geben scheint, dass die Gemeinde beim Singen steht, wenn Lieder an das göttliche Wesen gerichtet sind. Wenn die Lieder nur eine Wahrheit über Gott oder Christus enthalten, werden sie im Sitzen gesungen. Der Gesang, wenngleich nicht unmusikalisch, war so langsam, bis er regelrecht schmerzhaft wurde. Ob sie wohl wünschen, dass Außenstehende denken, sie würden einen schmerzhaften Prozess durchlaufen?

Anschließend betete Mr. Kelly. Im Großen und Ganzen war es ein sehr bemerkenswertes Gebet mit einigen denkwürdigen, eindrucksvollen Sätzen. Er sagte: „O Gott, wir danken Dir, dass es Dein Wille ist, uns zusammenzubringen. Wir hätten nie daran gedacht, hätten nie die Freude der Gemeinschaft gekannt und die tiefere Freude von Christus in unserer Mitte. Scheide uns von dem Bösen, von dem Bösen, das schön aussieht. O Gott, mögen unsere Herzen vom Heiligen Geist geleitet werden. Der Himmel ist mit Preisen beschäftigt. Du hast uns berufen, Ihn zu preisen. Er wurde Mensch, um sich jener großen Frage anzunehmen, die für jeden außer Ihn selbst gänzlich unlösbar ist: der Frage unserer Sünden. O Gott, niemals hattest Du einen Gegenstand, der Dein Herz völlig füllte, außer Christus. Wir danken Dir für diesen Einen, der Deine Zuneigung hervorrief, der Deinen Ratschluss der Herrlichkeit herausbrachte. Möge es heilige Freiheit für Deinen Geist geben, das Haupt, Jesus Christus, zu preisen.“

Dann wurde wieder ein Lied gesungen, gefolgt von dem Gebet eines Herrn. Er gebrauchte praktisch denselben Sprachstil wie Mr. Kelly. Ein weiteres Lied wurde stehend gesungen; und dann brach Mr. Kelly das Brot und betete erneut. Diesmal wandte er sich an den Heiland und sagte: „O gepriesener Heiland, es ist dies Dein besonderes Gebot, dass wir Brot zu Deinem Gedächtnis brechen sollen. Lege es in unsere Herzen, dass wir Dir als ständige Opfergabe die Frucht unserer Lippen bringen. Keine Menschen- oder Engelszunge könnte angemessen darlegen, was Dein Tod bedeutet, welch süßen Wohlgeruch für Gott, welch ewigen Ruhm dieser Tod bringen soll. Jeder andere Tod ist der Sünde Lohn. Du bist das ewige Leben, doch bist Du gestorben, Du, der Du die Auferstehung und das Leben bist.“

Nachdem das Brot und der Wein herumgereicht worden waren, gab einer, dessen Erscheinung und Auftreten darauf hindeuteten, dass er der unteren Klasse angehörte, ein Lied bekannt. Der gute Bruder stimmte es zu der Melodie von „Hold the Fort“ an. Sie passte nicht, und so musste er sie auf die richtige Größe ausdehnen. Dies tat der gute Bruder, während der gleichzeitig ein Solo sang. Es ist eigenartig, diese Melodie mit einer Geschwindigkeit von ein bis zwei Stundenkilometern gesungen zu hören.

Schließlich war es zu Ende, und Mr. Kelly stand auf. Dabei ging ein erwartungsvolles Rascheln durch den Raum. Nach seiner kurzen Ansprache wurde der Kasten für die Kollekte herumgegeben. Ein weiteres Lied und kurzes Gebet und die Versammlung löste sich ohne den Segen auf.

Mr. Kelly ist als Lehrer und Theologe ein sehr fähiger Mann; er ist außerdem ein Gelehrter und ganz offensichtlich ein Denker. Früher war er ein Pfarrer. Sein Auftreten als Redner ist nicht angenehm, und er hat eine schwache Stimme, die sich am Ende jedes Satzes senkt.


Aus Biography of William Kelly, W.G. Turner


Hinweis der Redaktion:

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