Wolken vor deiner Seele?
2. Korinther 3,18

John Thomas Mawson

© SoundWords, online seit: 23.08.2006, aktualisiert: 17.12.2018

Leitvers: 2. Korinther 3,18

2Kor 3,18: Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Herrn, den Geist.

Unser Schiff sollte bei Tagesanbruch eine kleine Küstenstadt in Westindien erreichen. Es war auf dem Weg dahin, um die Post sowie einige Reisende zu landen. Wir wussten, dass bei dieser Gelegenheit sich uns einer der schönsten Anblicke dieser Erde zeigen würde. Eine Kette himmelstrebender Berge, deren Fuß in saftigem Grün eingebettet und deren Gipfel von tiefem Violett umgeben waren, während längs der Küste schlanke Palmen ihre federartigen Kronen wiegten. Wir würden ein sagenhaftes Land vor uns haben und einen Hafen mit feinem azurblauen Wasser und seiner malerischen Umgebung. Dies war es, was wir schon im Voraus genossen, worüber wir uns unterhalten hatten. Früh waren wir auf den Beinen und warteten auf den Morgen, der über die östliche See heraufdämmerte. Doch als er schließlich da war, sahen wir nicht die so sehnsüchtig erwartete Landschaft, denn schwere Wolken verbargen jene herrlichen Berge mit ihren schimmernden Farben vor unseren Blicken. Wir konnten nur die Hügel sehen, welche die Küste umsäumten. Diejenigen, die das Gebirge nicht kannten, konnten kaum glauben, dass ein solches da war, und wenn wir anderen nicht eine unauslöschliche Erinnerung in uns gehabt hätten, würden wohl auch wir sein Vorhandensein in Frage gestellt haben.

Unsere Enttäuschung an jenem Morgen wurde ein Gleichnis für mich, das so laut zu mir redete, dass ich gezwungen war, zu hören und darüber nachzudenken. Wie oft sind doch in meinem Leben Wolken aufgestiegen und haben meinen Ausblick verhüllt und vor mir „das, was man nicht sieht“, das Ewige, verborgen. Auch weiß ich, dass dies im Leben meiner Brüder ebenso ist. Welch eine Enttäuschung gibt es doch in dem Leben eines Christen, wenn Wolken sich um die Seele lagern und die Augen, die Gott geschaffen und in das Herz gesetzt hat, Jesus nicht sehen können, der mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt ist.

Das, was näher bei uns ist, mag in unserem Gesichtskreis verbleiben – vielleicht eine förmliche Gemeinschaft mit Christen oder ein Dienst, der in besseren Tagen übernommen wurde –, aber die Freude, das Entzücken, die geistliche Erfahrung eines ungehinderten Glaubensblickes sind verschwunden. Sie werden zu einer bloßen Erinnerung, einer Erinnerung, die nur unser Unglück vermehrt und Seufzer unserer Brust entringt, aus der Gesang hervorgehen sollte.

Es gibt verschiedene Arten von Wolken, und diese sind durch verschiedenartige Umstände entstanden. Die Hauptursache sind entweder die Mischung von Luftströmungen verschiedener Temperaturen oder die Abkühlung der Luft durch verminderten Druck. Das Abkühlen der Zuneigung zu dem Herrn bringt notwendigerweise Wolken über unserer Seele hervor, und wie leicht mag dies durch die in der Welt herrschenden Strömungen geschehen. Doch selbst getrennt davon besteht für die Seele die Neigung abzugleiten.

Ein alter Christ wurde über den geistlichen Zustand einer Versammlung gefragt, mit der er verbunden war. Seine Antwort war: „Es ist alles vor Kälte erstarrt.“ – „Was aber ist die Ursache dieser Erstarrung?“, war die zweite Frage. „Da ist keine besondere Ursache“, sagte er, „es ist eine ganz natürliche Abkühlung.“

Ich glaube, dies ist in zehntausend Fällen wahr. Wolken entstehen nicht nur durch ein absichtliches Abweichen; nein, auch wenn die Seele träge wird und sich schlafen legt. Nebel umhüllt sie, so dass Christus ihr nicht wirksam leuchten kann. Wenn sich irgendjemand dieses erstarrten Zustands bewusst wird und der Wolken, die über seiner Seele lagern, dann ist ein Aufrütteln nötig oder das geistliche Wohlbefinden schwindet mehr und mehr. Dann wird die Seele leicht eine Beute der Welt, des Fleisches und des Teufels. „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten, und der Christus wird dir leuchten“ (Eph 5,14).

Da war etwas Großes, was an jenem Morgen einen so tiefen Eindruck auf mich machte, und es mag wohl sein, dass es allen denen Trost zu bringen vermag, die empfinden, dass Wolken zwischen ihrer Seele und Gott entstanden sind. Es war dies: Als die Sonne in ihrer Kraft am Himmel emporstieg, da kam mir etwas sehr nachdrücklich zum Bewusstsein, was ich natürlich schon längst wusste: Die Wolken sind zeitlich, die Berge aber währen immer; die Wolken gehen vorüber, die Berge aber bleiben. Wie pries ich Gott für diesen Gedanken, und ich tue es aufs Neue, während ich ihn niederschreibe. Selbst wenn die Welt in dein Herz eingetreten ist und eine schwarze Wolke dir den Ausblick verhüllt, so dass, mein Freund, für den ich mit Ernst und Gebet schreibe, sich der Sommer deines Glücks in einen wirklichen Winter der Unzufriedenheit wendet, wissen wir dennoch: „Die Welt vergeht und ihre Lust.“ Sie wird vor dir vergehen und deine Augen werden Ihn sehen, den du nicht gesehen hast, außer im Glauben, und den du liebst, obgleich du jetzt zu deinem Unglück und Kummer deine erste Liebe verlassen hast. Doch Gott bleibt in alledem, was Christus von Ihm geoffenbart hat, und Christus bleibt. Er ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. Die Wolken vergehen. Sie bedecken nicht sein Angesicht, sondern nur dein Herz; sie haben seine Liebe nicht verändert, nur deine Liebe ist es, die erkaltet ist. Doch die Wolken bleiben nicht für immer, Gott und Christus und die Dinge, die Gott bereitet hat für die, welche Ihn lieben, diese bleiben für immer, denn sie sind ewig.

Wie wunderbar ist die Wiederherstellung einer Seele und wie gesegnet zu empfinden, wie der erstarrende Nebel durch die starken Strahlen der Heilandsliebe vertrieben wird. Wie kostbar, wenn wieder Licht und Wärme die Seele mit ihrer Erquickung erreichen. Das ist eine nicht wieder zu vergessende Erfahrung. Doch sie kann nur von denen gemacht werden, die aufrichtig sind und mit tiefem Herzensverlangen die Gegenwart des Herrn suchen; die sich seinem erforschenden Blick unterwerfen. „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne meine Gedanken! Und sieh, ob ein Weg der Mühsal bei mir ist, und leite mich auf ewigem Wege“ (Ps 139,23.24).

Dort werden alle Wolken schwinden,
dort gibt es keine Wüste mehr;
ja, dort wird Ruhe uns und Frieden
in Deiner Gegenwart, o Herr!

Doch schon jetzt möchte Er uns frei von Wolken haben, damit wir seine Herrlichkeit schauen und nach demselben Bild verwandelt werden von Herrlichkeit zu Herrlichkeit als durch den Herrn, den Geist (2Kor 3,18).


Originaltitel: „Clouds“
aus Scripture Truth, Jg. 33, 1925, S. 97–98

Weitere Artikel zum Stichwort Wolken (1)


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüft aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...