Dispensationalistische oder bundestheologische Sicht? (5)
Jeremia 30–31

Willem Johannes Ouweneel

© SoundWords, online seit: 28.09.2005, aktualisiert: 22.01.2018

Anmerkung der Redaktion:
Innerhalb dieses Artikels werden für die theologischen Denkrichtungen Abkürzungen benutzt. So bedeutet:
(E bzw. G) D: Anhänger des Dispensationalismus
(E bzw. G) B: Anhänger der Bundestheologie
Um innerhalb dieser beiden Gruppen noch zwischen extremen und gemäßigten zu unterscheiden wird manchmal noch ein E für extrem, oder ein G für gemäßigt davor gestellt.

Leitverse: Jeremia 30 und 31

Die Wiederkunft des Messias

Inmitten vieler Prophezeiungen, die in viel kürzerer Zeit eine Erfüllung empfangen haben, finden wir in dem Buch Jeremias diese zwei Kapitel, die prophetisch am weitesten vorausgreifen. Hier haben wir mit einer Prophezeiung zu tun, deren Erfüllung wieder unlösbar mit der Wiederkunft des Messias und der Festigung seines Reiches verbunden ist. In den meisten Prophezeiungen dieser Art wird übrigens nicht buchstäblich über die Wiederkunft des Messias gesprochen. Diese Wiederkunft wird in den prophetischen Büchern auf folgende Weise angedeutet:

  1. Sehr deutlich allein in Daniel 7, wo der Prophet über das Kommen des Sohnes des Menschen spricht. Diese Prophezeiung wird im Neuen Testament öfter direkt angepasst auf die Wiederkunft des Herrn Jesus (Mt 10,23; 16,27.28; 24,27.30.37.39.44; 25,31; 26,64).

  2. Indirekt in den Prophezeiungen, die über das erste Kommen des Messias reden und diese unmittelbar mit der Festigung des messianischen Reiches und somit implizit auch mit der Wiederkunft des Messias verbinden (Ps 2,6-9; Jes 9,5-6; 11,1-10; 40,3-11; 53,1-12; Jer 23,5.6; Mich 5,1-8; Sach 9,9.10). Unter diese Kategorie fällt auch Jeremia 30,9, wo Gott über „David, den König“ spricht, den Er seinem Volk „erwecken“ wird. Dieses „Erwecken“ kann mit dessen Geburt zu tun haben, aber auch einfach bedeuten: auferstehen, auftreten.

  3. Indirekt auch in den Prophezeiungen, die von einem dem Friedensreich vorangehenden „Niederkommen“ des Herrn reden, der die Feinde vernichten und sein Volk Israel retten und einführen wird in die Segnungen des Friedensreiches (Jes 24,21; 29,5; 30,27.30; 31,4; 35,4; 59,20; 60,1; 62,11; 66,6.15.18; Jer 25,30.38; Joel 3,1.16; Mich 2,12; Hab 2,3; 3,3-15 [vgl. Heb 10,37]; Sach 9,14; 10,3; 12,10; 14,3-5).

In diese letzte Kategorie fällt nun auch Jeremia 30, wo wir in Vers 23 lesen: „Siehe, ein Sturmwind des HERRN, ein Grimm ist ausgegangen, ein sausender Sturmwind; er wird sich herniederwälzen auf den Kopf der Gesetzlosen. Nicht wenden wird sich die Glut des Zornes des HERRN, bis er getan und bis er ausgeführt hat die Gedanken seines Herzens. Am Ende der Tage werdet ihr dessen innewerden.“ Dem gesamten Kontext entsprechend können diese Worte verbunden werden mit der mächtigen Offenbarung der Majestät des Herrn, die sich offenbaren wird in der Wiederkunft von Jesus Christus. Diese wird den Sturm von Gottes Zorn herniederkommen lassen auf den Kopf seiner und Israels Feinde.

Die Endzeit in Jeremia 30 und 31

Die in den Kapiteln 30 und 31 enthaltenen Geschehnisse haben die folgenden besonderen Kennzeichen:

  1. Die Rückkehr, die geistliche Wiederherstellung und Vereinigung der zwei und der zehn Stämme: Juda und Israel (gleich ihr vor ihm) (Jer 30,3; 31,7–9,7; 20,31). Wir haben schon gesehen, dass diese Wiedervereinigung nichts zu tun hat mit der Vereinigung von messiasgläubigen Juden und Heiden in der Gemeinde oder in dem Friedensreich.

  2. Die große Drangsal, die unmittelbar der Wiederherstellung Israels vorausgeht (vergleiche Mt 24,21; und weiter zum Beispiel Joel 2,17; 3,5; Mich 7,7-20; Hab 3,16-19; Zeph 1,2–2,3; 3,7.12; Sach 13,8; 14,2-5;). Siehe in Jeremia 30 vor allen Dingen Jeremia 30,4-7.12-15. In Vers 7 ist die Rede von einer „Zeit der Drangsal für Jakob“. Laut dem Buch der Offenbarung (siehe Off 7,14) wird diese große Drangsal kurz vor der Wiederkunft des Messias stattfinden. In dieser Drangsal wird der Überrest von Israel gebildet, geläutert und bereit gemacht, um den kommenden Messias zu empfangen.

  3. Israel wird wiederhergestellt sowohl innerlich durch Bekehrung (Jer 30,8.17; 31,33) wie auch äußerlich durch Rückkehr in das verheißene Land (JEr 30,10.18; 31,7-11.17). Auch hier ist laut D die durchgehende Linie der prophetischen Unterweisungen, dass dasselbe Volk, das Gott aus seinem Land vertrieben hat und das gezüchtigt wurde wegen seiner Sünden, einmal geläutert und gereinigt werden wird und durch Gott zurückgebracht werden wird nach dem Land, das das Volk von alters her bewohnt hat.

    • Man kommt in Konflikt mit fundamentalen hermeneutischen Regeln, wenn man diese Prophezeiung in der Kirche erfüllt sehen will, deren Vorfahren zu 99% nicht in Kanaan gewohnt haben und nie daraus vertrieben worden sind.

    • Diese Erfüllung würde dann ausschließlich Beziehung haben auf ein anderes „geistliches“ Land Kanaan!

    • Für das wirkliche Volk Israel von heute würde diese Prophezeiung darüber hinaus überhaupt keine Bedeutung haben, es sei denn, dass ein Jude gerade das natürliche Israel verlässt und seine Erwartungen einer buchstäblichen Verheißung auf das Land aufgibt! Der Jude, der das tut, findet in der Tat innerhalb der Gemeinde ein geistliches Volk Gottes und ein geistliches „Land“. Aber das hat nichts zu tun mit den Verheißungen, die Gott noch in petto hat für ein bald bekehrtes Volk Israel als solches.

  4. Dann der Segen des messianischen Friedensreiches. Israels Feinde werden gerichtet (Jer 30,11.16.20). Der Messias, der große (Sohn von) David, wird König über das wiederhergestellte Volk Israel; Gott „erweckt“ Ihn (Jer 30,9), lässt den „Fürst“ aus Israel hervorkommen, seinen Herrscher aus seiner Mitte entstehen (Jer 30,21). Jerusalem wird wiederhergestellt (Jer 30,18b; 31,38-40); versuche mal diese Verheißungen (aber sehr wohl in diesen Einzelheiten) zu „vergeistlichen“! – und Israel wird in jeder Hinsicht reich gesegnet (Jer 30,19.22; 31,1,12ff.23-25.27ff.).

  5. Gott schließt einen Neuen Bund mit seinem Volk (Jer 31,31-34). Diese Verheißung wird in Hebräer 8 zitiert und durch EB und dann ohne weiteres auf die Kirche angewandt. Dabei geht EB an Folgendem vorbei:

Nirgends zeigt der Hebräerbrief, dass der Neue Bund in der gegenwärtigen Haushaltung ganz erfüllt ist oder wird, das heißt in der neutestamentlichen Kirche, oder wenigstens dass keine Erfüllung mehr sein wird in für das wiederhergestellte Volk im messianischen Friedensreich.

Der Hebräerbrief ist ausdrücklich an messiasgläubige Juden geschrieben. Als solche besaßen und besitzen sie das erste Anrecht auf die Segnung des Neuen Bundes. Nur in abgeleiteten Sinne – das Blut des Neuen Bundes reinigt auch uns (Heb 13,20; Mt 26,28) – kann man den Neuen Bund auch anwenden auf messiasgläubige Heiden. Aber selbst in dem Friedensreich wird nie von einem Neuen Bund gesprochen, den Gott auch mit den Völkern schließt (vgl. Jes 54,10; 55,3; 59,21; 61,8; Jer 32,40; Hes 16,60.62; 34,15; 37,26; Hos 2,17); sie profitieren nur indirekt von den Segnungen des Neuen Bundes.

Der Neue Bund wird ausdrücklich mit dem „Haus von Israel und dem Haus von Juda“ geschlossen, das heißt also mit den zehn und mit den zwei Stämmen. Das stellt die definitive Erfüllung des Neuen Bundes in die Zeit, wo die zehn und die zwei Stämme in dem verheißenen Land vereinigt sein werden. Es gibt in dem Brief an die Hebräer nichts, was uns das Recht gibt zu behaupten, dass die Kirche der heutigen Haushaltung dieses „Haus von Israel und Haus von Juda“ vorstellt.

Die Einsetzung des Neuen Bundes darf nicht aus ihrem ursprünglichen Kontext in Jeremia 31 gelöst werden, wo sie verbunden wird mit der Bekehrung Israels und seiner Wiederherstellung in dem alten verheißenen Land, wo Jerusalem wieder aufgebaut wird und Israel von den Früchten des Landes genießt. Das lässt deutlich sehen, wann der Neue Bund tatsächlich geschlossen wird: nach der Wiederkunft des Messias, am Beginn des Friedensreiches.

Siehe Graphik [Klick aufs Bild]

Vorheriger Teil Nächster Teil


Übersetzt aus Israel en de Kerk, 1991

Weitere Artikel des Autors Willem Johannes Ouweneel (62)


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüfet aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...