Der Brief an die Hebräer (8)
Kapitel 8

Stanley Bruce Anstey

© SoundWords, online seit: 17.12.2020, aktualisiert: 19.12.2020

Die Überlegenheit des Dienstes Christi gegenüber dem Dienst Aarons (Heb 8,1-5)

Das neue Heiligtum

In den Kapiteln 5 bis 7 hat der Schreiber die neue Ordnung des Priestertums Christi dargelegt. Nun spricht er in Kapitel 8 von dem himmlischen „Heiligtum“, in dem Christus im Zusammenhang mit dem „neuen Bund“ dient (Heb 8,1-5), den Er mit Israel schließen wird (Heb 8,6-13). Zu Beginn von Kapitel 8 tritt eine weitere Veränderung ein. Bis zum Ende von Kapitel 7 sehen wir, wie Christus, unser Hoherpriester, für unsere Bedürfnisse in der Wüste, durch die wir gehen, da ist. In Kapitel 8 kommen wir zu der anderen Seite seines Priestertums: Er ist „ein Diener des Heiligtums“ (Heb 8,2). Diese Seite hat damit zu tun, dass wir als Anbeter zu Gott kommen, und nicht damit, dass wir durch die Wüste gehen. Was uns daher in Hebräer 8,1 bis 10,18 vor Augen steht, ist die Wahrheit über das Priestertum Christi im Zusammenhang damit, dass wir uns zu Gott in Anbetung nahen.

Vers 1

Der Schreiber beginnt mit den Worten:

Heb 8,1: Die Summe [der zentrale Punkt] dessen aber, was wir sagen, ist: Wir haben einen solchen Hohenpriester, der sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln, …

Das heißt, das Wesentliche, was zuvor in Bezug auf das Priestertum Christi gesagt worden ist, lässt sich in der folgenden Aussage zusammenfassen: Wir haben einen Hohenpriester, der jetzt zur Rechten Gottes dient.

Der Schreiber spricht von Christus als einem Priester, der sich gesetzt hat! Auch dies war etwas anderes als das, was die Hebräer aus dem Judentum kannten. Die Priester nach der Ordnung Aarons standen immer. Es gab weder in der Stiftshütte noch im Tempel einen Stuhl, auf dem sie sitzen konnten. Diese Tatsache bedeutet, dass die Arbeit dieser Priester nie vollendet wurde. Die Opfer, die sie darbrachten, mussten immer und immer wiederholt werden (vgl. Heb 10,11). (In einer Zeit des Versagens und des Abfalls hatte Eli einen Stuhl direkt vor dem Eingang der Stiftshütte, aber das war nicht die Anweisung Gottes; siehe 1Sam1,9; 4,13.18). In Hebräer 1,3 wird uns gesagt, dass Christus in den Himmel aufgefahren ist und sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt hat kraft dessen, wer Er ist: der Sohn. Hier in Kapitel 8 wird Er als sitzend gesehen in Verbindung mit dem, was Er gegenwärtig als unser Hoherpriester tut. Er übt sein hohepriesterliches Amt der Fürbitte aus einer sitzenden Position heraus aus. Das war etwas ganz Neues und anderes.

Vers 2

Heb 8,2: [Wir haben einen Hohenpriester, der] … ein Diener des Heiligtums und der wahrhaftigen Hütte ist, die der Herr errichtet hat, nicht der Mensch.

Dann wird uns gesagt, dass dieser Ort, wo Christus seinen hohepriesterlichen Dienst ausübt, die „wahrhaftige Hütte ist, die der Herr errichtet hat, nicht der Mensch“ – im Himmel. Mit „wahrhaftig“ meint der Schreiber nicht, dass die irdische Stiftshütte etwas Falsches und Unwahres gewesen sei. An der irdischen Stiftshütte war nichts Falsches. Er meint, dass der Ort, wo Christus dient, das wahre Heiligtum ist, in dem Gott wohnt. Die Stiftshütte, die Mose in der Wüste baute und in der die aaronitischen Priester dienten, war in Wirklichkeit ein „Abbild“ (ein lebensgroßes Modell) des wahren Heiligtums im Himmel. Um dies zu beweisen, zitiert der Schreiber in Hebräer 8,5 in einer Klammer 2. Mose 25,40.

Dieser Punkt ist von großer Bedeutung. Wenn Christus jetzt als Priester im himmlischen Heiligtum dient, dann kann es kein irdisches Heiligtum mehr geben, das Gott gehört, so wie es im Judentum der Fall war. Der Herr erklärte dies der Frau am Brunnen. Er sagte zu ihr: „Frau, glaube mir, es kommt die Stunde, da ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet“ (Joh 4,21). Die christliche Welt hat diesen Punkt völlig aus den Augen verloren und sogenannte „Anbetungsstätten“ errichtet. Menschen haben Kathedralen und Kirchengebäude als heilige Orte für Gebet und Gottesdienst errichtet. All diese Orte sind jedoch in Wirklichkeit ein Gebilde aus Judentum und Christentum, und dies hat nicht die Zustimmung Gottes ( vgl. Heb 13,10).

Ein noch besserer Dienst

Vers 3

Die Einführung eines neuen Priestertums, das im himmlischen Heiligtum ausgeübt wird, schließt auch eine Änderung bei den Opfern ein, die der Priester darbringt. Der Schreiber erklärt dies mit den Worten:

Heb 8,3: Denn jeder Hohepriester wird dazu bestellt, sowohl Gaben als auch Schlachtopfer darzubringen; daher ist es notwendig, dass auch dieser etwas hat, was er darbringt.

Die Priester im levitischen System hatten bestimmte Opfer, die sie am Altar darbrachten (3Mo 1-6.7), aber da Christus die Erfüllung dieser Gaben und Opfer ist, ist es nun nicht mehr nötig, dass sie geopfert werden ( vgl. Heb 10,18). Unser Hoherpriester hat jedoch „etwas zu opfern“ (Heb 10,18): Er schenkt Gott die Gebete und den Lobpreis der Heiligen (vgl. Heb 13,15; 1Pet 2,5).

To all our prayers and praises
Christ adds His sweet perfume,
and love the censer raises,
these odours to consume.[1]

Der Herr tritt von seinem himmlischen Platz aus für uns ein (vgl. Röm 8,34; Heb 7,25). Ein Beispiel für seine Fürbitte finden wir im Gebet des Herrn in Johannes 17. Obwohl es noch vor der Himmelfahrt des Herrn war, schreibt Johannes sein Evangelium aus einer Perspektive außerhalb der Zeit und sieht daher den Herrn als bereits aufgefahren an. Obwohl das Priestertum Christi also nicht der Ordnung des aaronitischen Priestertums folgt, übt Er sein Amt nach dem Muster aus, das in Aarons Amt beschrieben wird.

Verse 4-6

Heb 8,4-6: 4 Wenn er nun auf der Erde wäre, so wäre er nicht einmal Priester, weil solche da sind, die nach dem Gesetz die Gaben darbringen 5 (die dem Abbild und Schatten der himmlischen Dinge dienen, wie Mose eine göttliche Weisung empfing, als er im Begriff war, die Hütte aufzurichten; denn „sieh zu“, spricht er, „dass du alles nach dem Muster machst, das dir auf dem Berg gezeigt worden ist“). 6 Jetzt aber hat er einen vortrefflicheren Dienst erlangt, insofern er auch Mittler eines besseren Bundes ist, der aufgrund besserer Verheißungen gestiftet ist.

Wie bereits erwähnt, ist Vers 5 eine Klammer. Um dem Hauptgedanken der Argumentation des Schreibers zu folgen, ist es hilfreich, den Absatz zu lesen, indem man Vers 5 überspringt und von Vers 4 sogleich zu Vers 6 springt. Er sagt: „Wenn er nun auf der Erde wäre, so wäre er nicht einmal Priester, weil solche da sind, die nach dem Gesetz die Gaben darbringen. … Jetzt aber hat er einen vortrefflicheren Dienst erlangt, insofern er auch Mittler eines besseren Bundes ist, der aufgrund besserer Verheißungen gestiftet ist.“ Der Herr war also kein Priester, als Er hier in der Welt war. Das hätte sonst in Konflikt gestanden mit der Ordnung des levitischen Priestertums, das zu jener Zeit in Kraft war, denn das Judentum war damals nicht beiseitegesetzt. Der irdische Weg des Herrn und die Erfahrungen auf diesem Weg bereiteten Ihn jedoch darauf vor, ein Priester zu sein, doch Er trat in sein Priestertum erst ein, als Er zur rechten Hand Gottes aufstieg. Nachdem Er seinen Platz auf dem Thron im Himmel eingenommen hatte (Ps 110,1), setzte Gott Ihn in dieses Amt ein (Ps 110,4).

Vers 5 weist darauf hin, dass die Stiftshütte ein „Abbild“ des himmlischen Heiligtums war. Der Herr sprach zu Mose: „Sieh zu, dass du alles nach dem Muster machst, das dir auf dem Berg gezeigt worden ist.“ Wir könnten fragen: Was genau sah Mose? Mit einem Wort: Er sah keine geistlichen Dinge, sondern ein Muster der Gefäße, die er machen sollte. Da die Stiftshütte ein Abbild des wahren Heiligtums droben war, ist klar, dass Gott nicht beabsichtigte, dass sie eine bleibende Sache sein sollte. Sie war „ein Schatten der zukünftigen Güter“, die Israel vorläufig gegeben worden waren bis zu der Zeit, wenn Christus kommen würde (vgl. Heb 10,1).

Der neue Bund (Heb 8,6-13)

Vers 6

Heb 8,6: Jetzt aber hat er [Jesus] einen vortrefflicheren Dienst erlangt, insofern er auch Mittler eines besseren Bundes ist, der aufgrund besserer Verheißungen gestiftet ist.

So ist der Herr ein Hoherpriester mit einem „vortrefflicheren Dienst“ als die Priester der Ordnung Aarons (Heb 8,1-5). Seine Stellung als Hoherpriester im himmlischen Heiligtum ist dergestalt, dass Er „auch Mittler eines besseren Bundes ist, der aufgrund besserer Verheißungen gestiftet ist“ (Heb 8,6; 9,15; 12,24). Wie Mose der Mittler des alten Bundes war (Gal 3,19), so ist Christus der Mittler des neuen Bundes (Jer 31,31-34).[2]

Der neue Bund ist „besser“, weil er auf „besseren Verheißungen“ basiert. Als der alte Bund geschlossen wurde, gab das Volk ein Versprechen. Sie sprachen: „Alles, was der HERR geredet hat, wollen wir tun!“ (2Mo 19,8; 24,3). Als aber der Herr den neuen Bund gründete, gab Er ein Versprechen ab. Und das hat die Dinge auf eine ganz neue Grundlage gestellt, denn Er versagt nie darin, sein Wort zu halten. So ist der erste Bund dadurch gekennzeichnet, dass das Volk verspricht: „Wir werden …“ Auf der anderen Seite ist der neue Bund dadurch gekennzeichnet, dass der Herr verspricht: „Ich werde …“

Die Segnungen unter dem alten Bund waren an Bedingungen geknüpft. Wenn das Volk daran Anteil haben wollte, musste es seinen Teil dazu beitragen (vgl. Lk 10,28). Mit dem Wort „Wir werden …“ stehen zwei andere Worte in Verbindung: „Du sollst …“ (2Mo 20). Auch sie sind charakteristisch für den ersten Bund. Aber das war gerade die Schwäche dieses Bundes. Da die verheißenen Segnungen von der menschlichen Leistung abhingen, brach das Ganze zusammen, weil der Mensch versagte, seinen Teil beizutragen.

Wie unterschiedlich sind die Dinge im Zusammenhang mit dem neuen Bund! Der entscheidende Satz des neuen Bundes ist das Wort des Herrn: „Ich werde …“ Er beinhaltet bedingungslose Verheißungen, die der Herr selbst erfüllen wird. Diese Segnungen sind daher unveränderlich und sicher. Der große Unterschied zwischen den Bündnissen ist also: Der alte Bund legt fest, was der Mensch tun muss, während der neue Bund sagt, was Gott tun wird.

Verse 7.8

Heb 8,7.8: 7 Denn wenn jener erste Bund untadelig wäre, so wäre kein Raum gesucht worden für einen zweiten. 8 Denn tadelnd spricht er zu ihnen: „Siehe, Tage kommen, spricht der Herr, da werde ich in Bezug auf das Haus Israel und in Bezug auf das Haus Juda einen neuen Bund vollziehen.

Wenn das aaronitische Priestertum vollkommen gewesen wäre, hätte es keine Notwendigkeit gegeben, ein anderes Priestertum einzuführen (Heb 7,11). Worauf der Schreiber in Vers 7 hinauswill, ist: Weil es einen „zweiten“ Bund gibt, sei der Beweis erbracht, dass der erste Bund aufhören müsse. Seine Logik ist einfach und klar: Die Ankündigung, dass der Herr einen neuen Bund aufrichten würde, bedeutet, dass der erste Bund nicht fortgesetzt wird. Wenn das Alte vollkommen gewesen wäre, hätte Gott nicht verheißen, etwas Neues einzuführen. (Es ist wichtig, zu verstehen, dass der neue Bund hier nicht erwähnt wird, um zu lehren, dass er mit Christen geschlossen würde – was häufig irrtümlicherweise gelehrt wird –, sondern um zu beweisen, dass sich der erste Bund erledigen würde.)

Beachten wir: Er sagt nicht, dass der erste Bund ein Fehler war; er sagt: „Denn tadelnd spricht er zu ihnen …“ Der Fehler lag bei den Israeliten, die unter diesem ersten Bund standen; sie versagten darin, die Bedingungen einzuhalten. Das Gesetz war „durch das Fleisch kraftlos“ (Röm 8,3). Nochmals: Das bedeutet nicht, dass mit dem Gesetz etwas nicht stimmte, sondern dass es aus dem Fleisch nichts Gutes hervorbringen konnte, weil das Material insgesamt schlecht war. Daher ist nichts falsch am Gesetz; es ist „heilig, gerecht und gut“ (Röm 7,12); das Problem ist das Fleisch.

Der neue Bund wird mit Israel geschlossen, nicht mit der Kirche

Verse 8-12

Heb 8,8-12: 8 Siehe, Tage kommen, spricht der Herr, da werde ich in Bezug auf das Haus Israel und in Bezug auf das Haus Juda einen neuen Bund vollziehen; 9 nicht nach dem Bund, den ich mit ihren Vätern machte an dem Tag, als ich ihre Hand ergriff, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen; denn sie blieben nicht in meinem Bund, und ich kümmerte mich nicht um sie, spricht der Herr. 10 Denn dies ist der Bund, den ich dem Haus Israel errichten werde nach jenen Tagen, spricht der Herr: Indem ich meine Gesetze in ihren Sinn gebe, werde ich sie auch auf ihre Herzen schreiben; und ich werde ihnen zum Gott und sie werden mir zum Volk sein. 11 Und sie werden nicht jeder seinen Mitbürger und jeder seinen Bruder lehren und sagen: Erkenne den Herrn! Denn alle werden mich erkennen vom Kleinen bis zum Großen unter ihnen. 12 Denn ich werde ihren Ungerechtigkeiten gnädig sein, und ihrer Sünden und ihrer Gesetzlosigkeiten werde ich nie mehr gedenken.

In diesem Absatz wiederholt der Schreiber die Bedingungen des neuen Bundes in voller Länge. Es ist ein Zitat aus Jeremia 31,31-34. Es beginnt mit: „Siehe, Tage kommen, spricht der Herr, da werde ich in Bezug auf das Haus Israel und in Bezug auf das Haus Juda einen neuen Bund vollziehen“ (Heb 8,8). Das ist wichtig! Der Herr sagt sehr deutlich, dass der Bund „mit“ Israel und „mit“ Juda geschlossen wird. An keiner Stelle in der Heiligen Schrift sagt der Herr, dass der neue Bund mit der Kirche geschlossen wird, dennoch ist das seit Jahrhunderten ein häufiger Irrtum unter den Christen. Es ist ein alter Fehler der reformierten (Bündnis-)Theologie.

Die Tatsache, dass der neue Bund „neu“ genannt wird, zeigt, dass er mit denen geschlossen wird, die den „alten“ Bund hatten (also Israel). Ebenso würden wir nicht davon sprechen, einen „neuen“ Vertrag mit jemand abzuschließen, mit dem wir zuvor noch nie Kontakt hatten. Wir würden nicht zu ihm sagen: „Lass uns einen neuen Vertrag abschließen.“ Das können wir nur zu jemand sagen, mit dem wir bereits einen Vertrag hatten und dem wir einen neuen Vertrag als Ersatz für den alten Vertrag vorschlagen. Ebenso war die Kirche nie unter dem alten Bund. Sie existierte nicht einmal, als der alte Bund geschlossen wurde; sie begann erst am Pfingsttag (Apg 2). Der Herr spricht also nicht davon, einen neuen Bund mit der Kirche zu schließen.

Außerdem ist der neue Bund mit Israel noch nicht geschlossen; er ist zukünftig. Der Zusammenhang von Jeremia 31 zeigt das deutlich. Die Bedingungen und Segnungen des Bundes werden am Ende dieses Kapitels aufgeführt; sie werden in Kraft treten, nachdem der Überrest Israels Buße getan hat und zum Herrn zurückgebracht worden ist. Das ist noch nicht geschehen.

Man behauptet, der neue Bund sei mit Christen geschlossen worden, weil das Trinken des Kelches beim Abendmahl die Gemeinschaft mit dem Blut Christi symbolisiert und der Kelch als „das Blut des neuen Bundes“ bezeichnet wird (1Kor 11,25); deshalb schließen sie, dass der Bund mit Christen geschlossen worden sei. Sie sagen: „Warum sollte der Herr die Christen bitten, Gemeinschaft mit etwas zu haben, was nicht für sie bestimmt ist?“ Als weiteren Beweis weisen sie auf die Aussage von Paulus hin, dass er und seine Mitarbeiter „Diener des neuen Bundes“ genannt werden (2Kor 3,6). Diese Diener des Herrn waren Christen! In ihren Augen ist das Beweis genug, dass der neue Bund tatsächlich mit den Christen geschlossen worden sei.

Wenn man aber Matthäus 26,28 und 1. Korinther 11,25 genauer betrachtet, zeigt sich: Die Betonung beim Abendmahl liegt auf der Gemeinschaft mit dem „Blut“ und nicht auf dem „neuen Bund“. Der neue Bund wird mit Israel geschlossen und er wird ihnen an einem zukünftigen Tag zugutekommen; aber die Segnungen, die das Blut gebracht hat, werden jetzt von uns Christen genossen, ohne dass der Bund mit uns geschlossen worden ist. Man kann fragen: „Warum wird der Bund beim Abendmahl überhaupt erwähnt, wenn er für Christen keine Gültigkeit hat?“ Die Antwort ist: Weil er am Tag des Passahfestes eingeführt wurde, was eindeutig jüdisch ist.

Was 2. Korinther 3,6 betrifft: Es ist wahr, Paulus nennt sich und diejenigen, die mit ihm gearbeitet hatten, „Diener des neuen Bundes“. Aber beachten wir: Paulus macht schnell deutlich, was er sagt, indem er hinzufügt: „nicht des Buchstabens, sondern des Geistes“. Der „Buchstabe“ des neuen Bundes bezieht sich auf die buchstäbliche Erfüllung an einem kommenden Tag, wenn ein Überrest Israels gerettet und in das Königreich gebracht wird (Röm 11,26.27). Es dem „Buchstaben“ nach auf die Kirche anzuwenden, würde bedeuten, dass der Bund mit der Kirche geschlossen wurde, was jedoch nicht wahr ist.

Paulus bediente den „Geist“ des neuen Bundes, nämlich Gnade. Er lehrte die Christen, dass die geistlichen Segnungen des Bundes durch die Gnade ihnen gehörten, auch wenn sie nicht formell damit verbunden waren – und das ist so aufgrund der Kraft des Blutes. Hamilton Smith schrieb:

Wenn auch der Buchstabe des neuen Bundes auf Israel beschränkt ist, so kann doch der Geist des neuen Bundes auf Christen angewandt werden.[3]

In 2. Korinther 3,6 geht Paulus weiter, indem er sagt: „Der Buchstabe tötet.“ Das heißt: Wenn er (oder wir) den neuen Bund auf die Gemeinde gemäß dem Buchstaben anwenden würde, so würde dies den himmlischen Charakter der Berufung des Christen zerstören und den Unterschied zwischen Israel und der Gemeinde zerstören.

So sind die Christen nach den Grundsätzen des neuen Bundes gesegnet worden, ohne formell unter dem neuen Bund zu stehen. Das Evangelium, das im Christentum gepredigt wird, ist nicht der neue Bund, sondern ist nach der Ordnung des neuen Bundes: die Gnade. Die drei großen geistlichen Segnungen des neuen Bundes sind:

  • der Besitz des göttlichen Lebens durch die neue Geburt (Heb 8,10)
  • eine durch Erkenntnis geprägte Beziehung zum Herrn (Heb 8,11)
  • das Wissen um die Vergebung der Sünden (Heb 8,12)

Diese Segnungen des neuen Bundes sind die elementaren geistlichen Segnungen, die die Gläubigen haben. Sie werden das Teil aller Kinder Gottes sein. In den Briefen an die Römer, Kolosser und Epheser allerdings entfaltet Paulus die Fülle unserer Segnungen, die eindeutig christlich sind. Die Reichweite dieser Segnungen ist viel höher im Wesen und in der Substanz als das, was Israel unter dem neuen Bund besitzen wird, und all das ist „in Christus“, der zur Rechten Gottes ist.

Vers 13

Der Schreiber schließt mit den Worten:

Heb 8,13: Indem er sagt: „einen neuen“, hat er den ersten alt gemacht; was aber alt wird und veraltet, ist dem Verschwinden nahe.

Somit wird der erste Bund als alt beschrieben, aber als der Brief geschrieben wurde, war das mit dem alten Bund verbundene irdische System noch nicht verschwunden. Der Tempel in Jerusalem und sein Dienst waren noch in Kraft, auch wenn sie nicht mehr von Gott anerkannt wurden (vgl. Mt 23,38). „Die Feste des HERRN“ (3Mo 23,4) wurden nicht mehr als solche angesehen, sondern als Feste der „Juden“ (Joh 2,3; 5,1; 6,4; 7,2 usw.). Dieses ganze irdische System war „dem Verschwinden nahe“, denn in wenigen Jahren würden die Stadt und der Tempel von den Römern zerstört werden (Ps 69,25.26; Dan 9,26; Mt 22,7; Lk 21,21-24). Dies geschah im Jahr 70 nach Christus.

Nochmals: Der Zweck des Schreibers mit der Einführung des Themas des neuen Bundes ist es nicht, zu lehren, dass der neue Bund mit Christen geschlossen wurde, sondern zu zeigen, dass der alte Bund hinfällig geworden ist.

Fassen wir das Kapitel 8 zusammen: Der Schreiber hat gezeigt, dass das Amt Christi als Hoherpriester dem von Aaron überlegen ist:

  • Christus ist Diener im wahren Heiligtum – im Himmel selbst (Heb 8,1-5).
  • Er dient im Zusammenhang mit einem besseren Bund, der auf besseren Verheißungen beruht (Heb 8,6-13).

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Anmerkungen

[1] Aus dem Lied „The holiest we enter in perfect peace with God“ von Mary Bowley Peters (1813–1856); Lied Nr. 114 in Hymns for the Little Flock, (1881).

[2] Die Rolle eines Mittlers ist es, zu versöhnen; die Rolle eines Anwalts ist es, wiederherzustellen; und die Rolle eines Priesters ist es, zu stärken. Christus wird im Neuen Testament in allen drei Funktionen gesehen: 1. Timotheus 2,5; 1. Johannes 2,1; Hebräer 4,14.15.

[3] H. Smith, Jesus Christus ist derselbe. Eine Auslegung des Hebräerbriefes, Hückeswagen (CSV) 1987, S. 67.


Übersetzt aus The Epistle to the Hebrews,
Bible Truth Publishers, Addison, USA

Übersetzung: Stephan Isenberg


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