Die Herrlichkeit des Vaters und des Sohnes (2)
Johannes 13,31.32

Henri Louis Rossier

© EPV, online seit: 31.05.2005, aktualisiert: 22.09.2018

Leitverse: Johannes 13,31.32

Joh 13,31.32: Als er nun hinausgegangen war, spricht Jesus: Jetzt ist der Sohn des Menschen verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in ihm. Wenn Gott verherrlicht ist in ihm, wird auch Gott ihn verherrlichen in sich selbst, und sogleich wird er ihn verherrlichen.

Lieber Bruder,

es ist Dir bekannt, dass der Herr Sich in Johannes 13–17 Seinen Jüngern in Seiner himmlischen Stellung vorstellt, die Er als Folge Seines Werkes auf dem Kreuz eingenommen hat. Er spricht zu ihnen von den Hilfsquellen und den Segnungen, die ihnen zuteilwerden würden, wenn Er von ihnen ginge. Er spricht ferner von der Gabe des Heiligen Geistes als Tröster (Sachwalter) und versucht, ihnen verständlich zu machen, wie nützlich es für sie ist, dass Er weggeht. Ich rufe Dir diese Dinge nur in Erinnerung, um den besonderen Punkt, zu dem Du eine Erklärung wünschst, deutlich zu machen.

Zu Beginn des 13. Kapitels finden wir wieder diesen Ausdruck, der bereits im vorhergehenden Kapitel erwähnt wurde: „Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt zu dem Vater hingehen sollte.“ Diese Worte sind sozusagen das Vorspiel für alle folgenden Kapitel. Der Herr stellt Seinen Tod als ein Ereignis vor, das bereits Resultate hat. Er geht „aus dieser Welt zu dem Vater“. Hier ist nicht, wie in Kapitel 12, die Stunde gekommen, „dass der Sohn des Menschen verherrlicht werde“, sondern die Stunde, dass der Sohn Gottes zum Vater zurückkehrt, den zu offenbaren Er in diese Welt gekommen war. Er steht von der Mahlzeit auf, die Er mit Seinen Jüngern eingenommen hat, und gibt diese irdische Verbindung mit ihnen auf, um sie mit Sich im Himmel zu verbinden. Dorthin kehrt Er zurück. Von dort aus beugt Er Sich in Liebe nieder zu dem Dienst als Sachwalter, um ihnen die Füße zu waschen und sie in die Lage zu versetzen, mit Ihm in dieser neuen Stellung Teil oder Gemeinschaft zu haben. Dazu war es nötig, dass Seine Stunde gekommen war, dass Er die Leiden des Kreuzes durchgemacht hatte.

Nachdem Er die Füße der Jünger gewaschen hat, ist Er im Geiste erschüttert wegen des Verrats Seines Freundes, der seine Ferse gegen Ihn erhoben hat (Ps 55). Doch nachdem der Verräter draußen in der Nacht verschwunden ist, ruft der Herr aus: „Jetzt ist der Sohn des Menschen verherrlicht“ (Joh 13,31).

Dies ist ein anderes „Jetzt“ als im vorhergehenden Kapitel. Das „Jetzt“ der Bestürzung (Joh 12,27) war der Ausblick auf das Kreuz. Das „Jetzt“ dieses Kapitels ist das gegenwärtige „Jetzt“ der Herrlichkeit des Sohnes des Menschen auf dem Kreuz.

Und so wie wir ein anderes „Jetzt“ haben, haben wir auch eine andere Herrlichkeit. In Johannes 12,23 war eine künftige Herrlichkeit die Folge der Leiden des Heilandes; hier finden wir die gegenwärtige Herrlichkeit des Kreuzes selbst, die Verherrlichung des Sohnes des Menschen durch das, was in den Augen der Welt der Höhepunkt der Schande zu sein schien. Das strahlende Licht, das von diesem Menschen ausging, den man mit Übeltätern und Ungerechten auf eine Stufe stellte, leuchtete gerade auf dem Kreuz – dem Ort, der für Ihn der Platz der Schmach und des Fluches war. Ein Lied sagt: „In der Schande erstrahlte Seine Herrlichkeit.“

Worin bestand nun diese Herrlichkeit des Kreuzes? Nachdem der Mensch durch seinen Ungehorsam die Herrlichkeit Gottes nicht erreichen konnte und alles für ihn verloren war, nachdem der Heilige Gott durch ihn verunehrt worden war, erscheint ein Mensch. Dieser Mensch kommt, um den Willen Gottes zu tun; Er kommt, um zu gehorchen; Er ist völlig allein, Er hat keinerlei Hilfe, weder auf der Erde noch von Seiten der Menschen; Er bietet Sich an, das Werk, das Ihm aufgetragen ist, zu vollbringen; Er geht ans Kreuz, und der Himmel ist über Ihm verschlossen. Gott kommt Ihm nicht zu Hilfe. Nicht als Sohn Gottes, sondern als Sohn des Menschen vollbringt Er das Werk. Er stellt in Seiner Person die Herrlichkeit des Menschen wieder her, nachdem der sündige Mensch von der Herrlichkeit Gottes ausgeschlossen worden war. Seine unbeschreiblichen Leiden, die ihren Höhepunkt in dem Verlassensein von Gott finden, weil dieser Mensch, zur Sünde gemacht, mit göttlichem Zorn beladen werden musste – Seine Leiden dienen lediglich dazu, Seine absolute Vollkommenheit ans Licht treten zu lassen, und genau das macht die Herrlichkeit des Kreuzes aus. Der Sohn des Menschen wird verherrlicht, die Herrlichkeit Seiner Person erstrahlt am Kreuz.

Doch Er ist auch verherrlicht, weil Er durch Sich Selbst ein unermessliches Werk vollbracht und zu einem guten Ende geführt hat – unermesslich, weil Seine Ergebnisse die Ewigkeit als Grenze haben. Er vollbrachte es, ohne etwas übrig zu lassen, das diesem Werk hinzugefügt werden könnte. Dieses Werk beinhaltet einerseits das Heil der Sünder, etwas an sich Unendliches, wenn man bedenkt, dass das Heil nicht nur darin besteht, dass unsere Sünden und alle ihre Folgen (Knechtschaft Satans, Tod und Gericht) weggetan sind, der Feind besiegt ist, die Werke des Teufels vernichtet sind, die Sünde der Welt weggenommen ist, abgeschafft in der Zukunft und für alle Ewigkeit - sondern dass das Heil auch bedeutet: Menschen zu Gott gebracht, Söhne Gottes in die Herrlichkeit eingeführt, Erben Gottes und Miterben Christi, Kinder zum Vater geführt!

Mit diesen Resultaten vor Augen konnte der Heiland sagen: „Jetzt ist der Sohn des Menschen verherrlicht!“ Er fügt hinzu: „Und Gott ist verherrlicht in ihm.“ Was das Werk des Kreuzes über alles herrlich machte, ist die Tatsache, dass es die Verherrlichung Gottes war, und diese Verherrlichung wurde in einem Menschen erfüllt. Ein Mensch befand sich dort – und auf was für einem Platz –, um Gott zu verherrlichen! Gott, wohlgemerkt, nicht den Vater. Der Vater war durch Seinen Sohn auf jedem Schritt Seiner Laufbahn als Mensch hienieden verherrlicht worden, so dass Er zum Vater sagen konnte: „Ich habe dich verherrlicht auf der Erde“ (Joh 17,4). Er wurde zwar auf dem Kreuz auch noch in diesem Charakter als Vater verherrlicht, indem Er Seine Liebe in der Gabe Seines Sohnes offenbarte, aber hier geht es darum: Gott ist verherrlicht, Gott, in der ganzen Vollkommenheit und Fülle Seines Wesens. Gott, der Licht ist; Gott, der Liebe ist; Gott in Seiner Heiligkeit, in Seiner Gerechtigkeit, in Seiner Majestät, und das in Bezug auf die Sünde und zum Heil für alle. Seine ganze Herrlichkeit, mit einem Wort gesagt, ist öffentlich wiederhergestellt und vor den Augen aller ans Licht getreten. Sie wurde einmal am Kreuz offenbart, und darauf bleibt sie die ganze Ewigkeit hindurch gegründet.

Ja, Gott ist verherrlicht, nicht durch den ewigen Sohn, sondern in einem Menschen, der den Übeltätern zugezählt und auf die unterste Sprosse der Leiter der Menschheit gestellt wurde; in einem Menschen, von dem die verderbte Welt sich abwandte; sie zeigte Ihm ihren Abscheu, indem sie Ihn bespuckte; in einem Menschen, vor dem sich der Himmel verschloss und sich mit Schwärze bekleidete und den Gott verließ, indem Er Sein Angesicht vor Ihm verbarg!

„Wenn Gott verherrlicht ist in ihm“, was wird dann notwendig die Folge sein? „So wird auch Gott ihn verherrlichen in sich selbst und alsbald wird er ihn verherrlichen“ (Joh 13,32). Gott verherrlicht diesen Menschen in Sich Selbst; Er lässt Ihn teilhaben oder, besser gesagt, führt Ihn ein in Seine eigene Herrlichkeit. Wird Er noch zögern, Ihn zu verherrlichen? Nein, gewiss nicht. Er wird Ihn alsbald einführen. Die Verherrlichung Gottes ist so vollkommen, so endgültig, so absolut, dass nicht der geringste Grund besteht, in irgendeiner Hinsicht die Belohnung hinauszuschieben, die Gott diesem Menschen schuldig ist, nämlich Ihn in den Mittelpunkt sogar der göttlichen Herrlichkeit zu stellen!

Wenn wir bedenken, lieber Bruder, dass dieser Platz des Sohnes des Menschen der unsrige ist, dass Sein ganzer Gehorsam, alle Seine Leiden – und welche Leiden! – auf dieses eine Ziel hinausliefen, das Er erreicht hat, nämlich uns in der Herrlichkeit denselben Platz zu geben, den Er hat – sollten dann unsere Augen nicht voll Tränen der Dankbarkeit sein und sollten wir nicht die Liebe des Sohnes des Menschen erheben, unseres anbetungswürdigen Herrn und Heilandes?

In Ihm verbunden, der unser Teil und unsere Hoffnung ist,
H. Rossier

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Originaltitel: „Die Herrlichkeit des Vaters und des Sohnes. Drei Briefe an einen Bruder. Zweiter Brief“
aus Hilfe und Nahrung, 1982, S. 300–303


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