Zum neuen Jahr: Auf der Überfahrt
Matthäus 8,23-26; 14,25-32

Christian Briem

© CSV, online seit: 26.12.2005, aktualisiert: 29.12.2017

Leitverse: Matthäus 8,18.23-26; 14,25-32

Auf der „Überfahrt“ ins neue Jahr

Wir sind auf der Überfahrt an das jenseitige Ufer. Wir haben es noch nicht erreicht, aber wir sind auf der Überfahrt dorthin. Wie gut, das zu wissen! Besonders, wenn nun wieder ein Jahr hinter uns liegt: Wir sind dem Ziel ein ganzes Stück näher gekommen. Und das erfüllt uns mit Freude und Trost.

Wie wird das neu begonnene Jahr werden? Die Überfahrt – wird sie stürmisch oder in ruhigem Gewässer verlaufen? Bange Fragen! Unnütze Fragen! Hat Gott uns nicht in wunderbarer Güte und Langmut bis hierher getragen und hindurchgebracht? Zudem, Gott zeigt uns nicht den Weg im Voraus, Er zeigt uns das Ziel. Wir können Seinen Weg mit uns erst erkennen, wenn Er ihn gegangen ist. Insofern sehen wir Ihn wie Mose „von hinten“ (2Mo 33,23). Im Übrigen hat uns der Herr Jesus keine glatte Überfahrt verheißen: „In der Welt habt ihr Drangsal; aber seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden“ (Joh 16,33). Es ist nicht gut, mit den Umständen beschäftigt zu sein. Das macht das Herz nur verzagt. Aber lasst uns gerade zu Beginn eines neuen Jahres auf den Herrn Jesus schauen, auf den Anfänger und Vollender des Glaubens: Er ist schon am Ziel, und Er wird auch uns gerade dorthin bringen, wo Er bereits ist!

Wir sind auf der Überfahrt. Und das Wesentliche ist: Er ist bei uns, und Er ist für uns. Zweimal sehen wir den Herrn Jesus im Matthäusevangelium auf einer Überfahrt an das jenseitige Ufer, und jedes Mal erhebt sich ein Sturm, in Matthäus 8 und in Matthäus 14. In Kapitel 8 sehen wir, wie Er im Sturm bei uns, in Kapitel 14, wie Er im Sturm für uns ist. Das wollen wir ein wenig genauer betrachten und Trost daraus schöpfen!

Der erste Sturm

Mt 8,18.23-26: Als aber Jesus eine große Volksmenge um sich sah, befahl er, an das jenseitige Ufer hinwegzufahren … Und als er in das Schiff gestiegen war, folgten ihm seine Jünger. Und siehe, es erhob sich ein großes Ungestüm auf dem See, so dass das Schiff von den Wellen bedeckt wurde; er aber schlief. Und die Jünger traten hinzu, weckten ihn auf und sprachen: Herr, rette uns, wir kommen um! Und er spricht zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam, Kleingläubige? Dann stand er auf und bedrohte die Winde und den See; und es ward eine große Stille.

Das ist die lebendige Beschreibung des ersten Sturmes. Und was uns besonders auffällt: Der Herr Jesus ist bei den Jüngern im Schiff und schläft. Das ist das einzige Mal, dass Er uns schlafend gezeigt wird. Er schläft auf dem Kopfkissen (Mk 4,38), das sicherlich eine liebende Hand Ihm hingelegt hatte. Er schläft im Hinterteil des Schiffes, auch wenn sich ein großes Ungestüm auf dem See erhebt und die Wellen in das Schiff schlagen.

Und die Jünger? Versammeln sie sich voll Zuversicht um ihren Herrn, legen auch sie gleichsam ihren Kopf auf das Kopfkissen des Herrn, auf dem Er ruht? Denn wo Er ist, da sind doch auch sie in Sicherheit. Er ist bei ihnen. Ist das nicht genug? Wenn der Sturm sie in die Tiefe hinabreißen will, muss er auch Ihn mitversenken. Ist das denn möglich?

Wie einst die Jünger sind auch wir leider allzu oft „Kleingläubige“. Wenn sich Schwierigkeiten und Nöte in unserem Leben erheben, vergessen wir so leicht, dass Er bei uns in demselben Boot ist – auf der Überfahrt an das jenseitige Ufer. Er hat Sich mit uns verbunden, wir werden sicher das jenseitige Ufer erreichen, wie stürmisch der Seegang auch ist. Wie manche Gelegenheit haben wir schon verpasst, Ihn durch Stillesein und Vertrauen zu ehren!

Ach, liebe Geschwister, wenn sich alles gegen uns zu verbinden scheint, wenn wir keinen menschlichen Ausweg mehr sehen, lasst uns bedenken: Er ist bei uns im Schiff, wir werden nicht untergehen! Lasst uns unseren Kopf auf „das Kopfkissen“ legen, so wird sein Friede auch uns erfüllen! Er will dem Geringsten und Schwächsten der Seinigen Vertrauen und Zuversicht einflößen. Hat Er uns nicht befohlen, „an das jenseitige Ufer hinwegzufahren“? Hat Er nicht gesagt: „Lasst uns übersetzen an das jenseitige Ufer“ (Mk 4,35)? Wir unternehmen die Reise nicht auf eigene Kosten, und wir unternehmen sie nicht allein: Er ist bei uns im Schiff und im Sturm. Seine Sicherheit ist die unsrige.

Er, der Wind und Wellen gebietet, der Himmel und Erde durch das Wort Seiner Macht trägt, in dessen Hand auch unsere Zeiten sind – Er ist unser Heiland, der für uns starb, damit wir Sein würden; Er ist es, der für uns lebt, um uns aus jeder Not zu erretten; und Er ist es, der wiederkommen wird, um uns zu Sich in die Herrlichkeit zu nehmen.

Es ist gut zu wissen, dass der Herr Jesus der Herr von allem ist. „Denn von ihm und durch ihn und für ihn sind alle Dinge; ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen“ (Röm 11,36). Er ist der Ursprung, das Mittel und das Endziel aller Dinge. „Wenn Er gebeut, muss aller Sturm sich legen.“ Vielleicht nimmt Er unsere schmerzenden Umstände nicht fort, aber Er will und wird uns diese „große Stille“ schenken – schon jetzt für unsere Seele und bald „die Ruh auf immerdar“.

Der zweite Sturm

In dem zweiten Sturm sind die Jünger allein auf dem See, und der Herr ist allein auf dem Berg, um zu beten. Sie leiden Not von den Wellen, „denn der Wind war ihnen entgegen“.

Mt 14,25-32: Aber in der vierten Nachtwache kam er zu ihnen, wandelnd auf dem See. Und als die Jünger ihn auf dem See wandeln sahen, wurden sie bestürzt und sprachen: Es ist ein Gespenst! Und sie schrien vor Furcht. Alsbald aber redete Jesus zu ihnen und sprach: Seid gutes Mutes, ich bin’s; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, wenn du es bist, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf den Wassern. Er aber sprach: Komm! Und Petrus stieg aus dem Schiffe und wandelte auf den Wassern, um zu Jesu zu kommen. Als er aber den starken Wind sah, fürchtete er sich; und als er anfing zu sinken, schrie er und sprach: Herr, rette mich! Alsbald aber streckte Jesus die Hand aus, ergriff ihn und spricht zu ihm: Kleingläubiger, warum zweifelst du? Und als sie in das Schiff gestiegen waren, legte sich der Wind.

Hier wird uns eine andere Seite unserer Überfahrt vorgestellt: Der Herr Jesus ist für uns tätig. Er ist zur Rechten Gottes, und Er verwendet Sich für uns (Röm 8,34). Er lebt immerdar, um Sich für uns zu verwenden, und Er vermag, uns aus allen Gefahren und Nöten unseres Lebens „völlig zu erretten“ (Heb 7,25). Eine wunderbare Gnade ist auch das!

Es mochte den Anschein haben, als kümmerte den Herrn die Not Seiner Jünger nicht. Sah Er ihre ernste Lage nicht? Was sich in jener Nacht droben auf dem Berge zutrug, belehrt uns jedoch eines Besseren. „Als er die Volksmengen entlassen hatte, stieg er auf den Berg besonders, um“ – nach den Mühen des Tages auszuruhen? O nein!, um – „zu beten“. Er hatte sie vorausgeschickt, um „ihm an das jenseitige Ufer vorauszufahren“, und Er wusste, was ihnen begegnen würde. Wenn sie auch allein zu sein schienen, Er dachte an sie, Er betete für sie. Seine vollkommene Kenntnis und Liebe erfassten alles, was sie betraf, und in der vierten Nachtwache, dem kältesten Augenblick vor dem Morgengrauen, kommt Er zu ihnen vom Berge herab, wandelnd auf dem See, als wären seine Wogen ein „Werk von Saphirplatten“ (vgl. 2Mo 24,10).

Es beglückt uns der Gedanke, Geliebte, dass Sich der Herr Jesus nicht verändert hat, nicht verändern kann, dass Er derselbe ist – gestern, heute und in Ewigkeit – derselbe in seiner Macht und in seinen Zuneigungen. Er kennt auch unsere Lage völlig und hat Mitleid mit unseren Schwachheiten. Er verwendet Sich für uns, damit wir in den Prüfungen nicht ermatten; ja Er kommt sogar in unserer Not zu uns und tritt in unsere Umstände ein. Er lässt auch uns die tröstlichen Worte hören: „Seid guten Mutes, ich bin’s; fürchtet euch nicht!“ Gnadenvoller Herr! Du siehst es, wenn wir „beim Rudern Not leiden“ (Mk 6,48); Du kommst zu uns, steigst zu uns ins Schiff und beschwichtigst unsere Seelen. Sollten wir Dir nicht auch für den vor uns liegenden Zeitabschnitt vertrauen?

Aber da ist noch etwas, was wir lernen sollen: nicht allein Christus in unsere Umstände hineinzunehmen, sondern so über den Umständen zu wandeln, dass wir mehr zu Ihm selbst kommen und Ihn Selbst genießen können. Petrus vermochte es für eine Zeit. Christus allein kann dafür Kraft und Beweggrund sein: „Wenn du es bist …“ Darin liegt der Schlüssel. Ihn verlangte danach, zu ihm zu kommen, und so verließ er auf seines Meisters Wort „Komm!“ die schützenden Umstände der Vorsehung Gottes und wandelte gerade da, wo sein geliebter Herr wandelte – auf den Wassern.

Wer ist unsere Stütze?

Kennen wir etwas davon? Ach, mehr oder weniger stark hängen wir alle an den Umständen, die Gott uns in seiner Güte gewährt, für die wir auch dankbar sind. Aber sind wir bereit, aus Liebe zu Ihm das zu verlassen, was uns die Vorsehung Gottes bereitet hat, um mehr von den Umständen und den natürlichen Stützen losgelöst Ihn inniger kennenzulernen? Die Vorsehung Gottes führte Mose an den Hof des Pharao, und der Glaube Moses führte ihn davon weg, als die Zeit dazu gekommen war.

Der Evangelist Markus sagt uns, dass der Herr Jesus, als Er in der vierten Nachtwache zu ihnen kam, „an ihnen vorübergehen wollte“. Vorübergehen? Warum das? War es vielleicht aus demselben Grund, der Ihn auch veranlasste, sich bei den Emmaus-Jüngern zu stellen, „als wolle er weitergehen“? Wollte Er sie nicht auf die Probe stellen und sie zeigen lassen, was Er ihnen in Wahrheit bedeutete? Gewiss. So fragt Er auch dich und mich, was Er uns wert ist. Er möchte, dass wir, um zu Ihm zu kommen, über den Wassern wandeln, durch Glauben wandeln, dort wandeln, wo es keinen Pfad mehr gibt, wo es keine Stützen gibt als nur Ihn Selbst. Aber das kann nur die Frucht der Macht Christi und des Glaubens an Ihn sein.

Die Emmaus-Jünger hätten viel verloren, wenn sie Ihn nicht genötigt hätten, bei ihnen zu bleiben. Viel hätte auch Petrus verloren, wenn er im Schiff geblieben wäre. „Aber er ist dann gesunken“, sagst du. Ja, aber nicht, ohne eine wichtige Lektion gelernt und eine kostbare Erfahrung gemacht zu haben! Es ist große Torheit, auf den Wind zu sehen, zu glauben, dass man auf ruhigem Wasser leichter wandeln könne als auf rauem. Was, wenn der See glatt wie ein Spiegel gewesen wäre? Er wäre – ohne den Herrn – genauso untergegangen. Über den Umständen wandeln, seien sie gut oder böse, können wir nur in der Macht der Liebe Christi, können wir nur, wenn unser Auge fest auf Ihn gerichtet ist. Sonst sinken wir.

Petrus war auf dem richtigen Weg, auf dem Weg zu Ihm. Aber als er den Herrn aus dem Auge verlor, fing er an, sich mit den ihn umgebenden Umständen zu vergleichen. Das ist die beste Voraussetzung dafür, um in Verzweiflung zu versinken! Die Kundschafter Israels verglichen sich mit den bis an den Himmel befestigten Mauern Jerichos, mit den Riesen, den Kindern der Enakim, die dort waren, und sie waren in ihren Augen wie Heuschrecken. Anstatt dies alles mit Gott zu vergleichen! Was waren die hoch befestigten Mauern, was die Männer von hohem Wuchs im Vergleich zu Ihm?

Aber wie gut, dass bei all unserer Torheit, bei all unserem Kleinglauben seine vollkommene Liebe da ist, die uns nichts vorwirft, und Seine starke Hand, die uns nicht untergehen lässt, die uns an Seine Brust zieht! Petrus in den Armen seines Herrn – das ist auch unser Platz, geliebte Freunde! Es ist wahr, dass wir durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen müssen. Aber über uns ist der Thron des Ewigen, und vor uns liegt die tiefe, ewige Ruhe unseres Gottes. Wir sind auf der Überfahrt, auf der Fahrt nach Hause. Sie ist zuweilen rau und ungestüm, aber ihr Ende ist sicher. Fast schon ist die Küste in Sicht. Inzwischen ist unser teurer Herr für uns (Mt 14), und Er ist bei bei uns (Mt 8). Gepriesen sei Sein Name dafür!


Originaltitel: „Auf der Überfahrt“
aus Ermunterung und Ermahnung, 1987, S. 1–8


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