Der ungebahnte Weg
Josua 3,4; Johannes 13,36

© SoundWords, online seit: 08.11.2006, aktualisiert: 02.08.2016

Leitverse: Josua 3,4; Johannes 13,36

Jos 3,4: Ihr seid den Weg früher nicht gezogen.

Als die Kinder Israel im Begriff standen, in das verheißene Land zu gehen, flossen die Wasser des Jordan zwischen ihnen und dem Gegenstand ihrer Hoffnung. Der Jordan ist ein Vorbild des Todes, der zwischen der Wüste und Kanaan liegt, während das Rote Meer jenen Tod vorbildlich darstellt, der Ägypten von der Wüste trennt. Die Israeliten gingen durch das Meer in die Wüste und durch den Jordan in das Land Kanaan. In Ägypten, in der Wüste und in dem Land Kanaan sehen wir die drei verschiedenen Stellungen des Volkes Gottes. Tatsächlich befinden wir uns in Ägypten, bezüglich unserer Erfahrungen sind wir in der Wüste, und durch Glauben sind wir im Geist und dem Grundsatz nach in Kanaan. Wir wandeln durch die Welt, die für die neue Natur moralisch eine Wüste ist. Unsere Heimat ist droben, wo Jesus unser Haupt und Vorläufer ist.

Nun musste der Jordan durchschritten werden, bevor das Volk sein verheißenes Erbe antreten konnte. Zu ihren Füßen dehnte sich der drohende Grenzfluss aus, der wohl nie drohender den Weg versperrte als in dem Augenblick, da der lebendige Gott im Begriff stand, für sein Volk zu handeln, denn „der Jordan … ist voll über alle seine Ufer die ganze Zeit der Ernte hindurch“ (Jos 3,15). Nie war der Tod drohender, schrecklicher und fürchterlicher als in dem Augenblick, als der Fürst des Lebens diese Macht für uns zerstörte und den Tod in den Weg verwandelte, der uns zu unserer himmlischen Heimat führt. Für Israel war das tiefe Bett des Jordan ein ungebahnter Weg. Sie mussten daher warten, bis die von den Priestern getragene Lade des lebendigen Gottes vor ihnen herging, um ihren Weg zu bereiten. „Und es geschah am Ende von drei Tagen, da gingen die Vorsteher mitten durch das Lager, und sie geboten dem Volk und sprachen: Sobald ihr die Lade des Bundes des HERRN, eures Gottes, seht, und die Priester, die Leviten, sie tragen, so sollt ihr von eurem Ort aufbrechen und ihr nachfolgen. Doch zwischen euch und ihr soll eine Entfernung von etwa zweitausend Ellen an Maß sein. Ihr sollt ihr nicht nahe kommen, damit ihr den Weg wisst, auf dem ihr gehen sollt; denn ihr seid den Weg früher nicht gezogen … Und Josua sprach zu den Kindern Israel: Tretet herzu und hört die Worte des HERRN, eures Gottes! Und Josua sprach: Hieran sollt ihr erkennen, dass der lebendige Gott in eurer Mitte ist und dass er die Kanaaniter usw. … gewiss vor euch vertreiben wird. Siehe, die Lade des Bundes des Herrn der ganzen Erde zieht vor euch her in den Jordan“ (Jos 3,2-4.9-11).

Hier haben wir ein herrliches Vorbild davon, wie der Herr Jesus Christus die Macht des Todes für sein Volk überwunden hat. Er begegnete dem Tod in seiner erschreckendsten Form. Der Jordan sah drohend aus, als die Bundeslade seine mächtigen Fluten zurückdrängte und einen Weg für den Übergang der Erlösten des Herrn bahnte. „Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen festen Fußes auf dem Trockenen in der Mitte des Jordan; und ganz Israel zog auf dem Trockenen hinüber, bis die ganze Nation vollends über den Jordan gegangen war“ (Jos 3,17). Es war ein vollständiger Sieg des Lebens über den Tod. Die Macht des lebendigen Gottes verwandelte den Tod in einen Weg des Lebens. Die Füße der Erlösten Gottes durften die finsteren Wasser des Todes nicht berühren. Diese Wasser sahen in der Entfernung drohend aus. Für das natürliche Auge waren sie auch wirklich erschreckend, aber in dem Augenblick, als sich das Volk näherte, war statt einer schrecklichen Flut ein trockener Fußweg zu finden. Gott, der lebendige Gott, war da in Gnade und Wahrheit, was seinen Ausdruck in den Priestern und der Bundeslade fand. Alles wird dadurch verändert. Der Tod verliert seine Existenz, wenn Gott gegenwärtig ist. Die Sünde brachte den Tod in die Welt. Die Sünde ist der wirkliche Stachel des Todes, aber die Gnade ist erschienen und hat alles verändert, so dass der Gläubige sagen kann: „O Herr! Durch dieses lebt man, und in jeder Hinsicht ist darin das Leben meines Geistes.“ Das ist der sittliche Triumph jener Gnade, die „herrschte durch Gerechtigkeit zu ewigem Leben durch Jesus Christus, unseren Herrn“. In und durch Christus hat die Gnade so gewirkt, dass der Tod in einen Diener des Gläubigen umgewandelt ist. Statt ein furchtbarer Feind zu sein, ist er ein wirklicher Teil unseres Eigentums (siehe 1Kor 3,22); anstatt ein unübersteigbarer Schlagbaum zu sein, ist er ein Fußweg geworden.

Joh 13,36: Wohin ich gehe, kannst du mir jetzt nicht folgen.

In Johannes 13 haben wir ein Gegenbild von dem, was wir im Buch Josua gesehen haben. Dort belehrt der Herr seine Jünger, dass Er vor ihnen her durch den Jordan des Todes gehen, dass eine „Entfernung“ zwischen Ihm und ihnen sein müsse, und dass sie Ihn nicht begleiten könnten, während Er diesen furchtbaren Weg ging. „Kinder, noch eine kleine Weile bin ich bei euch; ihr werdet mich suchen, und wie ich den Juden sagte: Wohin ich gehe, dahin könnt ihr nicht kommen, so sage ich jetzt auch euch“ (Joh 13,33). Diesen Weg zu gehen, war für die Jünger ebenso unmöglich wie für die Juden. Jesus musste ihn ganz allein betreten. Wer hätte Ihn begleiten können? Wer hätte dem schrecklichen Heer aller Mächte der Finsternis, der List Satans, der Wut der Hölle und vor allem dem Zorn begegnen können? Wer konnte diesen Dingen widerstehen? Wer außer Ihm, dem Gott-Menschen?

Petrus verstand dies nicht. Er glaubte, dem Tod begegnen zu können. Er wollte es wagen, die göttlich bezeichnete „Entfernung“ – die geheimnisvollen „zweitausend Ellen“ – zu überspringen. Der arme Petrus! Wie wenig dachte er daran, dass das ferne Rauschen der fürchterlichen Fluten des Jordan ihn so sehr erschrecken würde, dass er mit Flüchen und Schwüren seinen Herrn und Meister verleugnen würde. „Herr“, fragt er, „wohin gehst du?“ Jesus antwortete ihm: „Wohin ich gehe, kannst du mir jetzt nicht folgen; du, wirst [mir] aber später folgen“ (Joh 13,36). Mit anderen Worten, der Herr Jesus sagt seinem armen Diener, dass Er ihm vorausgehen müsse, um ihm durch die finsteren Wasser des Todes einen trockenen Fußpfad zu öffnen, auf dem Petrus in Gemeinschaft mit allen Erlösten unverletzt zur Herrlichkeit eingehen könne. Welche Gnade! Er ging allein in die finstere, schreckenerregende Einsamkeit. Wehrlos trat Er dem mit seiner ganzen Macht ausgerüsteten und mit allen Schrecken bewaffneten Tod entgegen. Da gab es kein Ufer, das den wahren Jordan in sein Bett gezwungen hätte. Nur öde, durch keinen Lichtstrahl erhellte Finsternis zeigte sich dem Auge. Dort zeigte sich die Bosheit Satans, des Feindes der Menschen, und die Feigheit seiner nächsten Freunde: Sie flohen. Nachdem endlich Menschen und Teufel ihr Äußerstes versucht hatten, öffnete sich vor dem Fürsten des Lebens eine so dunkle und schaurige Region, dass weder ein Mensch noch ein Engel dort einzutreten vermochte. Dort musste Er den Kelch des gerechten Zornes Gottes über die Sünde trinken, und – was uns unmöglich gewesen wäre – Er musste es ertragen, dass das Antlitz Gottes sich von Ihm abwandte.

Das war die Antwort auf die Frage des Petrus: „Wohin gehst du?“ Wer hätte es verstehen können? Niemand; daher sagt der Herr statt jeder weiteren Erklärung einfach: „Wohin ich gehe, kannst du mir jetzt nicht folgen; du wirst mir aber später folgen.“ Wenn der Weg gebahnt war, sollte Petrus folgen, denn dann konnte er es. Wie gnädig ist der Herr Jesus! Er wollte den Schrecken des Todes begegnen, damit wir die Freude der Unsterblichkeit genießen könnten.

Doch Petrus versteht die Andeutungen des Herrn immer noch nicht. „Herr“, sagt er, „warum kann ich dir jetzt nicht folgen? Mein Leben will ich für dich lassen. Jesus antwortet: Dein Leben willst du für mich lassen? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, der Hahn wird nicht krähen, bis du mich dreimal verleugnet hast“ (Joh 13,37.38). Der arme Petrus kannte weder sich selbst noch den Weg, den er im Selbstvertrauen zu unternehmen bereit war. Aber Jesus – gelobt sei sein Name! – kannte beides. Mit festen Schritten ging Er den Pfad allein, und dann führte Er seinen armen Diener auf demselben Pfad zur Herrlichkeit. Mit welcher Güte sucht Er bei Petrus und den anderen Jüngern jeden Gedanken zu entfernen, der sie mutlos und traurig machen könnte! Er sagt: „Euer Herz werde nicht bestürzt. Ihr glaubt an Gott, glaubt auch an mich. In dem Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wenn es nicht so wäre, hätte ich es euch gesagt; denn ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seiet“ (Joh 14,1-3).


Originaltitel: „The untrodden way“ 
aus Things New and Old, Jg. 7, 1864, S. 101–105


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