Der Reichtum Israels
Römer 9,4.5

Christian Briem

© CSV, online seit: 29.09.2005, aktualisiert: 18.08.2016

Leitverse: Römer 9,4.5

Röm 9,4.5: … welche Israeliten sind, deren die Sohnschaft ist und die Herrlichkeit und die Bündnisse und die Gesetzgebung und der Dienst und die Verheißungen; deren die Väter sind, und aus welchen, dem Fleische nach, der Christus ist, welcher über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit. Amen.

Zu Beginn des dritten Teiles des Römerbriefes, des heilsgeschichtlichen Teiles, kommt Paulus auf die Vorrechte zu sprechen, die Israel als Nation nach den Gedanken Gottes vor allen anderen Völkern auszeichnet. In äußerst knapper Form stellt er sie vor – eine großartige Zusammenfassung der Segnungen Israels, wie wir sie wohl nirgends sonst in der Heiligen Schrift finden. In der Tat, nur ein Herz, das Israel so glühend liebte, konnte so reden!

Es scheint mir, dass es uns Gläubigen heute, die zum allergrößten Teil aus den Nationen kommen, gut ansteht, einmal über diese Vorrechte Israels nachzusinnen. Einerseits wird uns das vor einer geringschätzigen Haltung gegenüber diesem Volk bewahren und uns zu einer demütigen Gesinnung führen. Denn bedenken wir, von all diesen Vorrechten, die hier der Apostel aufzählt, besaßen wir von Natur aus auch nicht eines (vgl. Eph 2,11.12). Andererseits werden uns auch die Unterschiede deutlicher, die zwischen dem Handeln Gottes mit Israel und der Berufung der Kirche bestehen. Denn die Gläubigen der Gnadenzeit sind aufgrund des Werkes Christi noch ungleich reicher beschenkt worden. Und so macht uns das Sinnen über diese Dinge auch dankbarer.

Das Erste nun, was uns von diesem Volk gesagt wird, ist: Sie waren Israeliten – Nachkommen dessen also, der einst an den Furten des Jabbok mit Gott und Menschen gerungen und gesiegt hatte. Damals hatte Gott ihm den Namen Israel, Gottes Kämpfer, gegeben (1Mo 32,22-32). Als Jakob später aus Paddan-Aram kam, erschien ihm Gott noch einmal und wiederholte die bereits erfolgte Namensänderung: „Dein Name ist Jakob; dein Name soll hinfort nicht Jakob heißen, sondern Israel soll dein Name sein. Und er gab ihm den Namen Israel.“ Und dann verband Gott mit Israel all die Verheißungen, die Er vormals Abraham und Isaak gegeben hatte (1Mo 35,9-15; 48,3.4). Nein, es war nicht etwas Gemeines, nichts Alltägliches, den Namen Israel zu tragen.

Und dann wird eine Kette von Segnungen genannt, die für jene Zeit ohne Beispiel waren, in der sprachlichen Darstellung jeweils durch ein „und“ miteinander verbunden. So hat jede einzelne ihr besonderes Gewicht, wird jede besonders akzentuiert.

Die Sohnschaft gehörte ihnen. Das erinnert uns an das, was Gott einst zum Pharao gesagt hatte: „Mein Sohn, mein erstgeborener, ist Israel; und ich sage zu dir: Lass meinen Sohn ziehen, dass er mir diene“ (2Mo 4,22.23)! Nur dieses Volk hatte Gott von allen Geschlechtern der Erde erkannt (Amos 3,2), nur diesem Volk wurde Er zum Vater (Jes 63,16). Nur von diesem Volk konnte gesagt werden: „Denn welche große Nation gibt es, die Götter hätte, welche ihr so nahe wären, wie der HERR, unser Gott, in allem, worin wir zu ihm rufen?“ (5Mo 4,7). Israel war die am meisten gesegnete Nation auf der Erde. Dennoch waren die Angehörigen dieses Volkes nicht Kinder Gottes im Sinne des Neuen Testaments. Die meisten von ihnen waren nicht von neuem geboren.

Auch die Herrlichkeit Gottes war in ihrer Mitte sichtbar geworden, nicht nur in der „Wolke“, die sie durch die Wüste leitete (2Mo 40,34-38; 1Kor 10,2), sondern auch in der Wolke über dem Sühnungsdeckel, in der Er alljährlich dem Hohenpriester erschien (3Mo 16,2). Gewiss, diese sichtbare Herrlichkeit Gottes hatte sie wegen ihrer Untreue bald verlassen müssen. Der Prophet Hesekiel beschreibt in bewegender Weise, wie sich die Herrlichkeit Gottes zögernd, stufenweise vom Haus Gottes wegbegab (Hes 10,4.18; 11,23). Aber der Tag wird kommen, an dem die Herrlichkeit Gottes wieder in das Haus zurückkehren wird (Jes 4; Hes 43,4). Und auf welche Weise wird das geschehen? Dadurch, dass der Herr Jesus in Macht und großer Herrlichkeit erscheinen und dem leidenden Überrest dieses Volkes zu Hilfe kommen wird (Mt 24,29-41). Dann wird Er nicht nur in Jerusalem auf Seinem Thron der Herrlichkeit sitzen (Mt 25,31), sondern auch den Tempel Jahwes bauen: „Und er wird Herrlichkeit tragen“ (Sach 6,12.13).

Auch von Bündnissen konnten sie reden. Den ersten Bund, den vom Sinai (2Mo 24), hatten sie allerdings gebrochen, kaum dass er geschlossen war. Einen zweiten Bund, der nicht an Bedingungen geknüpft war, schloss Gott mit Mose und dem Volk Israel. Kraft dieses Bundes brachte Gott das Volk in das verheißene Land (2Mo 34,10-26). Einen dritten Bund schloss Gott mit Israel im Lande Moab. Er stützte sich auf den ersten Bund vom Sinai und seine Beachtung würde ihnen das Verbleiben im Land der Verheißung sichern (5Mo 29). Aber dann wird es noch einen vierten Bund geben. Er wird erst nach der Drangsal Jakobs mit den beiden Häusern Israels (d.h. mit den zehn und mit den zwei Stämmen) geschlossen werden, wie die folgenden Worte deutlich machen: „Siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund machen werde“ (Jer 31,31-34; vgl. auch Heb 8; 10,16-18). Auf diesen Neuen Bund nahm der Herr Jesus bei der Einsetzung des Abendmahls Bezug: „Dieses ist mein Blut, das des [neuen] Bundes, welches für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28). Sein Blut ist die alleinige Grundlage zur Vergebung von Sünden. Wir dürfen die Vergebung der Sünden schon heute besitzen (Eph 1,7; Kol 1,14), Israel dagegen wird diese Segnung erst in Verbindung mit dem Neuen Bund „nach jenen Tagen“ erhalten.

Auch die Gesetzgebung war das Teil des Volkes Israel gewesen. Mit hörbarer Stimme hatte Gott die zehn Gebote zu ihnen geredet, so dass von ihnen gesagt werden konnte: „Denn wer ist von allem Fleisch, der die Stimme des lebendigen Gottes mitten aus dem Feuer hätte reden hören, wie wir, und wäre am Leben geblieben?“ (5Mo 5,26).

Und dann wird auch noch der Dienst genannt, der diesem Volk anvertraut worden war. Damit ist der von Gott eingesetzte levitische Gottesdienst (das im Grundtext für Dienst verwendete griechische Wort bedeutet Gottesdienst, Kult, Gottesverehrung, Anbetung) gemeint, durch den das Volk mit Gott in Verbindung treten und Ihm Anbetung darbringen konnte. Alle anderen Rituale waren und sind nicht von Gott, sie sind Götzendienst. Dass die Verordnungen für den levitischen Dienst auch eine unerschöpfliche Fülle von Vorbildern auf den Herrn Jesus und Sein Opfer und auch auf den Dienst der Gläubigen in der christlichen Epoche enthält, war zu jener Zeit allerdings nicht bekannt. Wie glücklich dürfen wir uns jedoch heute schätzen, dass wir im Licht des Neuen Testaments die eigentliche prophetische Bedeutung des zeremoniellen Dienstes von Priestern und Leviten des Alten Bundes erkennen können. Doch wird auch einmal die Zeit der Wiederherstellung Israels kommen. Und dann wird der zeremonielle Dienst im Tempel des Tausendjährigen Reiches wieder aufgenommen werden und seine Vollendung in Herrlichkeit finden (Hes 40–47). Wohlbemerkt, das wird auf der Erde geschehen, im Tempel des irdischen Jerusalem. Das himmlische Jerusalem von Offenbarung 21 dagegen zeigt uns die Versammlung in der Herrlichkeit Gottes im Himmel.

Keinem anderen Volk auf der Erde waren auch von Gott derartig weitreichende Verheißungen gegeben worden. Sie werden alle, weil Christus ihre Grundlage und ihr Ziel ist, zu ihrer Zeit ihre Erfüllung finden. Zum Teil haben sie sich bereits erfüllt – in dem ersten Kommen des Herrn Jesus auf die Erde. Dass Israel durch seine Untreue jedes Anrecht auf die Erfüllung der noch ausstehenden Verheißungen verloren hat, wird in Römer 11 behandelt.

Auch konnten sie auf die Väter zurückblicken, auf Abraham, Isaak, Jakob und so fort. Von ihnen leiteten sie ihre Herkunft als Nation ab – nicht ohne Stolz, wie uns Johannes 8,33 zeigt. Aber aus derselben Linie kam der menschlichen Abstammung nach der, der die Krönung von allem ist, der lange verheißene Messias: „… aus welchen, dem Fleische nach, der Christus ist, welcher über allem ist, Gott, gepriesen in Ewigkeit. Amen.“

Den aber hatten sie verworfen, hatten Seine Herrlichkeit nicht erkannt – mit schrecklichen Folgen für sich selbst und ihre Kinder. Aber der Apostel zögert nicht, die Herrlichkeit Seiner Person vorzustellen. Gewiss, Er war Seiner menschlichen Herkunft nach aus dem Samen Davids gekommen (Röm 1,3; 2Tim 2,8). Doch war Er unendlich mehr als nur ein Mensch, selbst mehr als nur der Messias: Er war und ist Gott, gepriesen in Ewigkeit. Die Juden hatten Ihn gekreuzigt, weil Er gesagt hatte, Er sei Gottes Sohn (Lk 22,70.71; Joh 19,7). Und wenn sie Sein Zeugnis auch nicht annehmen, gerade als solcher hatte Er Sich erwiesen, wie uns Römer 1 sagt: „… als Sohn Gottes in Kraft erwiesen dem Geist der Heiligkeit nach durch Toten-Auferstehung“ (Röm 1,4). Welch ein herrliches Zeugnis haben wir hier von der Gottheit unseres Herrn und Erlösers! Ob wohl die vielen Menschen in den christlichen Ländern – mit dem Besitz des Wortes Gottes gesegnet – es eher annehmen als einst die Juden?

Die krönende Segnung für Israel war also, dass der Christus gerade aus diesem Volk kam und dass dieser Christus Gott war. Sie mochten es noch nicht so sehen, aber das war die Wahrheit. War nun die nationale Stellung Israels für immer verloren, weil sie Ihn abgelehnt hatten? Römer 11 zeigt, dass das nicht der Fall ist.

Der Apostel mochte sich Angriffen der Juden ausgesetzt gesehen haben, er sei den jüdischen Vorrechten gegenüber gleichgültig, weil er das Evangelium der Gnade Juden und Nationen zugleich verkündigte. Doch wie haltlos waren diese Anwürfe! Liebte irgendein Mensch das Volk Israel mehr als er? Und überstieg das Maß an Wertschätzung, die Paulus für ihre Vorrechte und ihre Stellung empfand, nicht bei weitem das, was sie selbst darüber dachten? Nein, der Vorwurf, das Evangelium, das Paulus verkündigte, sei mit den Wegen und Verheißungen Gottes in Bezug auf Israel im Widerspruch, entbehrte jeder Grundlage.

Das untermauert er dann, inspiriert durch den Geist Gottes, durch drei Gedanken oder Argumente. Zuerst lenkt er ihren Blick zurück auf die Wege Gottes mit Israel in der Vergangenheit (Röm 9,6-24). Dann zeigt er ihnen, was das Wort Gottes, das Alte Testament, worauf sich zu stützen sie beständig vorgaben, über Israel und die Nationen gesagt hatte (Röm 9,25–10,21). Und als Drittes lenkt er ihren Blick auf den Vorsatz Gottes mit Israel in der Zukunft (Kap. 11). Das sind drei äußerst wichtige Bereiche der Wahrheit. Und was das Studium dieser drei Kapitel so kostbar macht, ist der goldene Faden der Gnade Gottes, der sie alle durchzieht.


Originaltitel: „Der Reichtum Israels“
aus Ermunterung und Ermahnung, 1992, S. 368–374


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