Wie wir Gott im Gebet anreden

Christian Briem

© CSV, online seit: 28.09.2005, aktualisiert: 12.09.2018

Heute wollen wir uns weniger damit beschäftigen, wen wir im Gebet anreden, sondern wie wir Gott im Gebet anreden dürfen. Dennoch sei auch der erste Punkt – an wen – kurz gestreift.

Wenn wir uns in Gebet oder Anbetung an Gott als solchen wenden, schließt das im Allgemeinen, wenn auch nicht grundsätzlich, alle drei Personen der Gottheit ein. Wenn wir sie jedoch in unserer Anrede unterscheiden, wozu uns die Heilige Schrift völlige Freiheit gibt, so zeigt uns keine einzige Stelle, dass wir den Heiligen Geist anreden sollen. Das Wort Gottes lehrt uns vielmehr: Der Heilige Geist wohnt in uns, Er ist somit die Quelle und Kraft unserer Gebete und lenkt das Begehren und die Wünsche unserer Herzen zu den anderen beiden Personen der Gottheit hin – zu Gott, dem Vater, und zu Gott, dem Sohn. Verschiedene Stellen machen deutlich, dass wir nicht zum Heiligen Geist, sondern in Seiner Kraft beten, z.B.: „Betend im Heiligen Geiste“ (Jud 20); „Und der Geist und die Braut sagen: Komm!“ (Off 22,17).

Wenn wir an unsere Schwachheit und Abhängigkeit denken, rufen wir zu Gott, dem Allmächtigen. Wenn wir an unsere gesegnete Beziehung als Söhne Gottes denken, rufen wir Ihn als unseren Vater an. Wenn wir an unseren Dienst denken, wenden wir uns im Allgemeinen an den Herrn Jesus. So wird der Charakter unserer Anrede durch die Gedanken bestimmt, die uns in einem bestimmten Augenblick beschäftigen. Im Allgemeinen können wir sagen: Das Kind richtet sich an seinen Vater, der Knecht an seinen Herrn. Aber es ist gewiss nicht gut, scharfe Grenzen zu ziehen oder Regeln in dieser heiligen Sache, dem Umgang des Gläubigen mit Gott, aufzustellen. Es ist weit besser, dass unsere Herzen nach und nach mit den Gedanken Gottes vertraut werden und wir so in der Erkenntnis wachsen. Natürlich können gewisse Definitionen und Unterscheidungen durchaus hilfreich sein, aber sie können nicht das Lernen im vertrauten Umgang mit Gott durch Sein Wort und Gebet und im praktischen Wandel ersetzen.

Jungbekehrte beten sehr oft ausschließlich zu dem, der sie errettet hat – zum Herrn Jesus. Mit all ihren Freuden und Sorgen gehen sie zu Ihm. Sie dürfen das tun, und es ist gut, dass sie es tun; aber es zeigt auch, dass sie Kindlein sind und noch wachsen müssen. Wir haben aber auch Christen kennengelernt, die viel Erkenntnis besaßen und ausschließlich zum Vater und nie zum Sohn beteten. Gerade solchen aber fehlte oft ein demütiger Sinn und wirkliche Liebe des Herzens. Alles ist tatsächlich nur schön, wenn es wahr und von Demut begleitet ist. Wie erfrischend ist es, „Kindlein“ zu hören, wie wenig sie auch noch verstehen mögen, wenn sie nur demütig genug sind, wie neugeborene Kindlein nach der vernünftigen, unverfälschten Milch des Wortes Gottes begierig zu sein (1Pet 2,2), und nicht versuchen, sich wie „Väter“ zu geben! Und wie erbaut es die Seele, „Väter“ zu hören, wenn sie in Gemeinschaft mit Gott Christus kennengelernt haben und Er die Summe und das Wesen ihrer Rede und ihres Wandels ist!

Doch wenden wir uns dem zweiten Punkt, dem Wie unserer Anrede, zu. Wenn sich unser Gebet an den Sohn richtet, so ist es angemessen, Ihn mit „Herr“ oder mit „Herr Jesus“ anzureden. Denn zum einen ist Er unser Herr (Joh 13,13.14), und niemand kann „Herr Jesus“ sagen als nur im Heiligen Geist (1Kor 12,3); zum anderen zeigt uns die Heilige Schrift, dass dies die richtige Art und Weise ist. Hier einige Beispiele:

  • Apg 1,24: Und sie beteten und sprachen: Du, HERR, Herzenskündiger aller, zeige von diesen beiden den einen an, den du auserwählt hast.

  • Apg 7,59.60: Und sie steinigten den Stephanus, welcher betete und sprach: HERR Jesus, nimm meinen Geist auf! Und niederkniend rief er mit lauter Stimme: HERR, rechne ihnen diese Sünde nicht zu.

  • 2Kor 12,8: Für dieses flehte ich dreimal zum HERRN.

  • 1Thes 3,11: Unser Gott und Vater selbst aber und unser HERR JESUS richte unseren Weg zu euch.

  • 2Thes 2,16.17: Er selbst aber, unser HERR JESUS CHRISTUS, und unser Gott und Vater, der uns geliebt und uns ewigen Trost und gute Hoffnung gegeben hat durch die Gnade, tröste eure Herzen.

  • Off 22,20: Amen, komm, HERR JESUS!

Keineswegs geziemt es sich also für uns, Ihn einfach mit „Jesus“ oder mit „Jesus Christus“ anzureden. Der Vorwand, „Jesus“ zu sagen sei intimer und mehr unserer Stellung der Nähe entsprechend, ist nicht stichhaltig und der Schrift entgegen. Wie nahe wir auch immer durch die Gnade gekommen sein mögen, Er ist und bleibt immer unser Herr. Sollte es uns nicht zu denken geben, dass der Herr auf Erden nie und von niemand direkt als „Jesus“ angesprochen worden ist als nur von Dämonen? Und ist es nicht bedeutsam, dass, obwohl der Name „Jesus“ über sechshundert Mal im Neuen Testament vorkommt, er nicht ein einziges Mal mit einem zierenden Eigenschaftswort versehen ist? Ausdrücke wie „Liebster Jesus“ mögen gut gemeint und tief empfunden sein, aber sie sind völlig unehrerbietig. Lasst uns äußerst vorsichtig mit schmückenden Beiwörtern umgehen, wenn wir den uns so überaus kostbaren Namen unseres Herrn Jesus nennen, sei es dass wir zu Ihm oder von Ihm reden! Oft verraten unsere vielen lieben Worte nur, dass unser Mund weiter geht als unser Herz und dass es uns an der nötigen Ehrfurcht fehlt.

Dasselbe gilt grundsätzlich, wenn sich unser Gebet oder unsere Anbetung an den Vater richtet. Wir sollten Ihn nicht mit „Lieber Vater“ oder „Geliebter Vater“ anreden. „Lieber Vater“ findet sich in der Schrift ebenso wenig wie „Lieber Gott“ oder „Lieber Heiland“. Wohl ist Gott Liebe, aber Er ist auch Licht. Der Herr Jesus Selbst sagte, wenn Er ein Eigenschaftswort vor „Vater“ gebraucht: „Mein Vater“, „Heiliger Vater“ und „Gerechter Vater“. Dass Abba nicht „lieber“ oder „lieber Vater“ bedeutet, wurde bei einer früheren Gelegenheit bereits ausgeführt. Sicherlich aber ist es unser Vorrecht, Ihn mit „Vater“ oder mit „Mein Vater“ bzw. „Unser Vater“ anzureden (Joh 20,17). Auch dafür gibt uns die Schrift einige Beispiele:

  • Röm 8,15: In ihm rufen wir: Abba, VATER!

  • Gal 4,6: So hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, der da ruft: Abba, VATER!“

  • Kol 1,12: Danksagend dem VATER, der uns fähig gemacht hat zu dem Anteil am Erbe der Heiligen in dem Lichte.

  • 1Pet 1,17: Wenn ihr den als VATER anrufet, der ohne Ansehen der Person richtet nach eines jeden Werk.

Es ist also durchaus richtig und angemessen, wenn wir Gott im Bewusstsein des Kindesverhältnisses, in das wir durch Seine Gnade zu Ihm gekommen sind, als „Vater“ anreden. Aber es besteht die Notwendigkeit, darauf hinzuweisen, dass es sicherlich nicht gut ist, wenn wir Gott nur noch als Vater anreden. Mit aller gebotenen Vorsicht und Ehrfurcht sei es gesagt: Gott ist ein gut Teil mehr als nur Vater. Wir neigen dazu, das aus dem Auge zu verlieren. Gewiss, der allmächtige Gott ist jetzt unser Vater, und das können wir nicht genug würdigen; aber der Herr Jesus fügte den Worten „Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater“ die Worte hinzu „… und zu meinem Gott und eurem Gott“ (Joh 20,17). Dass Sein Gott auch unser Gott ist, ist nicht etwa ein Rückschritt gegenüber der Tatsache, dass Sein Vater auch unser Vater ist. Ganz im Gegenteil! Schon die „Kindlein“, d.h. die noch jung im Glauben sind, dürfen verstehen, dass Gott ihr Vater ist: Sie haben den Vater erkannt (1Joh 2,13). Wenn wir schon nicht fassen können, dass Gott unser Vater ist, wie viel weniger können wir ermessen, was es heißt, dass Sein Gott, d.i. Gott in all Seinen Wesenszügen, in all Seiner Unumschränktheit und in all dem, was Er von Sich in Christus Jesus geoffenbart hat, jetzt auch unser Gott ist. Unendliches Vorrecht!

Wenn wir dieses Vorrecht ein wenig verstanden und mit dem Herzen erfasst haben, wie gerne reden wir Ihn dann im Gebet mit „Gott“ oder mit „Gott und Vater“ an! Ist das nicht in sehr vielen Fällen ein weit angemessenerer, umfassenderer Ausdruck als „Vater“? Der Apostel Paulus, der seine Knie vor dem Vater unseres Herrn Jesus Christus beugte (Eph 3,14), richtete sein Gebet für die Heiligen an den Gott unseres Herrn Jesus Christus (Eph 1,17). Es ist erstaunlich, wie oft wir im Neuen Testament das Gebet oder die Anbetung an Gott oder Gott und Vater gerichtet finden. Einige Beispiele mögen das veranschaulichen:

  • Apg 4,24: Sie aber, als sie es hörten, erhoben einmütig ihre Stimme zu GOTT und sprachen: HERRSCHER, du bist der GOTT!“

  • Apg 12,5: Aber von der Versammlung geschah ein anhaltendes Gebet für ihn zu GOTT.

  • Apg 27,35: Und als er dies gesagt und Brot genommen hatte, dankte Er GOTT vor allen.

  • Apg 28,15: Und als Paulus sie sah, dankte er GOTT und fasste Mut.

  • 1Thes 1,2: Wir danken GOTT allezeit für euch alle.

  • 2Tim 1,3: Ich danke GOTT, dem ich von meinen Voreltern her mit reinem Gewissen diene.

  • Phlm 4: Ich danke meinem GOTT, indem ich allezeit deiner erwähne in meinen Gebeten.

  • Kol 4,3: Betet zugleich auch für uns, auf dass GOTT uns eine Tür des Wortes auftue.

  • 2Kor 13,7: Wir beten aber zu GOTT, dass ihr nichts Böses tun möget.

  • 2Kor 1,3: Gepriesen sei der GOTT UND VATER unseres Herrn Jesus Christus. (Siehe auch Eph 1,3; 1Pet 1,3.)

  • Röm 15,6: … auf dass ihr einmütig mit einem Munde den GOTT UND VATER unseres Herrn Jesus Christus verherrlichet.

  • Kol 3,17: Danksagend GOTT, dem VATER, durch ihn.

  • Eph 5,20: Danksagend allezeit für alles dem GOTT UND VATER im Namen unseres Herrn Jesus Christus.

  • 1Thes 1,2.3: „Indem wir euer erwähnen in unseren Gebeten, unablässig eingedenk eures Werkes des Glaubens … vor unserem GOTT UND VATER.

  • 1Thes 3,11: Unser GOTT UND VATER selbst aber und unser Herr Jesus richte unseren Weg zu euch.

Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass sich in sehr vielen Fällen das Gebet und die Danksagung der Apostel und der frühen Christen an Gott, an Gott den Vater, richtete. Das steht in auffallendem Gegensatz zu einer in unserer Mitte um sich greifenden Gewohnheit, nur noch vom und zum Vater zu sprechen. Unser Vater ist auch unser Gott. Lasst uns Ihn auch so anreden! „So ist doch für uns ein Gott, der Vater“ (1Kor 8,6). Lasst uns vor jeder einseitigen Betonung einer Wahrheit auf der Hut sein! Nicht im Geringsten ist es der Zweck dieser Zeilen, die vollkommene Freiheit, die wir in Christus haben, einzuschränken. Würden sie aber dazu beitragen, unser Gesichtsfeld zu weiten und Gott in unseren Herzen größer zu machen, sie hätten ihr Ziel nicht verfehlt.


Originaltitel: „Wie wir Gott im Gebet anreden“
aus Ermunterung und Ermahnung, 1986, S. 13–19


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