Ist Christus für die Sünden der ganzen Welt gestorben?
1. Johannes 2,2; 3. Mose 16

William Kelly

© Heijkoop-Verlag, online seit: 17.07.2002, aktualisiert: 11.01.2018

Leitverse: 1. Johannes 2,2; 3. Mose 16

1Joh 2,2: Und er ist die Sühnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt.

Genau lesen …

Der Apostel sagt, dass Christus nicht nur die Sühnung „für unsere Sünden“ ist, „sondern auch für die ganze Welt“. Die „Sühnung der Sünden“ bezieht sich in der ganzen Schrift immer ausdrücklich auf diejenigen, die glauben, neutestamentlich also auf die Kinder Gottes. Christus ist zwar die Sühnung für die ganze Welt in einem allgemeinen Sinn, aber im engeren Sinn nur „für unsere Sünden“. Wenn von der Welt die Rede ist, wird stets ein deutlicher Unterschied gemacht. Man geht also weiter als Gottes Wort, wenn man 1. Johannes 2,2 ergänzt: „sondern auch für die Sünden der ganzen Welt“. Der Hinweis auf „die Sünden“ der Welt ist in diesem Satz durchaus unrichtig. Wenn der Herr die Sünden der ganzen Welt gesühnt hätte, so käme die ganze Welt auch in den Himmel! Wenn Er ihre Sünden in der gleichen Weise wie unsere Sünden getragen hätte, was hätte Gott dann noch an der Welt auszusetzen? Nein, Er ist die Sühnung für unsere Sünden; Er hat sie auf ewig hinweggetan, ausgetilgt durch sein Blut. Würde dies auch für die Welt gelten, so wäre sie ja mit Gott im Reinen!

Die zwei Böcke

Die Calvinisten zeigen auch in diesem Punkt eine oberflächliche, harte und falsche Auffassung. Sühnung gilt nicht nur für die Kinder Gottes. Unabhängig von unserer Errettung musste Gott im Blick auf die Sünde [nicht Sünden!; Anm. d. Red.] verherrlicht und seine Liebe selbst hinsichtlich seiner ärgsten Feinde erwiesen werden. Wir finden diese beiden Wahrheiten im Bilde des großen Versöhnungstages (3Mo 16) dargestellt. Das Volk Israel musste an diesem Tag zwei Ziegenböcke darbringen. Einer davon war für den HERRN, der andere für das Volk. Aber nur auf den Bock, der für das Volk war, wurden alle ihre Sünden bekannt. Bei dem ersten Bock, der für den HERRN war, war das nicht der Fall; er wurde als Sündopfer dargebracht. Der wichtige Unterschied liegt darin: Der erste Bock für den HERRN diente dazu, seine Herrlichkeit, die in dieser Welt durch die Sünde verdunkelt worden ist, ans Licht zu bringen und seine Forderungen in Gnade zu erfüllen. Gott musste im Blick auf die Sünde unbedingt verherrlicht werden.

Damit war aber noch nicht die Frage der Schuld des Sünders geregelt. Um Vergebung zu erlangen, mussten die Sünden ausdrücklich bekannt werden. Das tat Aaron, indem er seine beiden Hände auf den zweiten, lebendigen Bock legte, der für das Volk war. Der erste Bock, der für den HERRN war, wurde geschlachtet, sein Blut wurde in das Heiligtum gebracht und innerhalb und außerhalb des Zeltes gesprengt. Hier haben wir im Vorbild die Sühnung, die sich insoweit auf die ganze Welt erstreckt, als nun jedem Sünder die Frohe Botschaft verkündet werden kann. Diese Lehre finden wir auch an anderen Stellen der Heiligen Schrift, aber durch dieses Vorbild wird der Unterschied besonders deutlich. Das Opfer Christi hat Gottes Natur vollkommen verherrlicht, so dass Er jetzt in seiner Unumschränktheit der ganzen Schöpfung das Evangelium verkündigen lassen kann.

Aber um gerettet zu werden, ist für den Sünder mehr erforderlich. Christus hat „unsere Sünden an seinem Leib auf dem Holz getragen“ (1Pet 2,24). Das wird niemals in Bezug auf die Welt gesagt; das Wort ist sehr genau in den diesbezüglichen Aussagen. Aber da Gott durch das Opfer Christi im Blick auf die Sünde vollkommen verherrlicht worden ist, kann Er durch seine Diener sogar seine Feinde bitten und ermahnen lassen: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2Kor 5,20). Gottes Liebe ist die Triebfeder, Christi Tod der Weg und die Grundlage für die Frohe Botschaft des Heils. Das hießt nicht, dass die ganze Schöpfung tatsächlich gerettet werden wird, aber dass Gott in Christus verherrlicht worden ist. Selbst wenn keine einzige Seele errettet würde, so ist Gott doch durch den duftenden Wohlgeruch Christi und seines Werkes verherrlicht worden.

Unterschied: Sühnung und Stellvertretung

Zwischen diesen beiden Tatsachen besteht ein großer und wichtiger Unterschied. Wenn Gott dem Menschen alles überlassen hätte, hätte niemand gerettet werden können. Nur durch die Gnade sind wir gerettet worden. Gott bewirkt den Glauben in den Auserwählten, und erst dann wird die Sühnung unserer Sünden wirksam. Kein gottesfürchtiger Mensch nimmt an, dass alle Menschen gerettet werden, oder aber leugnet, dass die Gnade den Unterschied zwischen einem Gläubigen und einem Ungläubigen ausmacht. Der große Versöhnungstag bezeugt uns, dass die Verherrlichung Gottes an erster Stelle steht und unabhängig von der Sühnung der Sünden seines Volkes ist. Von größerer Wichtigkeit war, dass seine Wahrheit, Heiligkeit und Gerechtigkeit, seine Liebe und seine Majestät durch das Kreuz Christi bewiesen wurden. Hier trafen wie nie zuvor Gut und Böse aufeinander. Das Ergebnis war Gericht und Sieg über das Böse und der Triumph des Guten. Dadurch werden nicht nur alle Glaubenden, sondern auch alle Dinge (nicht alle Menschen!) mit Gott versöhnt, und dadurch wird die Grundlage für neue Himmel und eine neue Erde von ewigem Bestand gelegt. Diese Grundlage wird angedeutet durch den geschlachteten Bock, der für den HERRN war. Um das Volk aber von seinen Sünden zu befreien, stellte Gott seine große Barmherzigkeit unter Beweis. So sehen wir, dass die Sünden des Volkes ausdrücklich bekannt und auf den lebendigen Bock gelegt wurden, der sie in ein ödes Land trug, damit ihrer nie mehr gedacht würde. Darin besteht der Unterschied zwischen Sühnung und Stellvertretung.

Wie wird man gerettet?

Der Herr Jesus ist, wie wir hier lesen, die Sühnung für unsere Sünden, „nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die ganze Welt“. Die „Kinder Gottes“ und die „Welt“ werden dabei sorgfältig unterschieden. Deshalb ist es nicht richtig, wenn man übersetzt: „für die Sünden der ganzen Welt“. Es ist gefährlich, den Worten der Schrift etwas hinzuzufügen; wir sollen aber nur ihren klaren Worten Glauben schenken. Durch menschliche Zusätze entstehen Schwierigkeiten, die durch das Festhalten am Wort Gottes vermieden werden können. Dieses Wort genügt, um der ganzen Welt die Barmherzigkeit Gottes zu verkünden, sein Wesen und seine Liebe zu rechtfertigen. Es bezeugt allen Menschen, dass Er ein Heiland-Gott ist. Gott lässt seine Botschaft der Gnade zu allen Menschen ausgehen und gebietet ihnen allenthalben, Buße zu tun. Um gerettet zu werden, bedarf es nach dem Gnadenratschluss Gottes zuerst des Rufes an den Sünder, danach der Wirksamkeit des Heiligen Geistes im Herzen des Glaubenden, damit er Christus ergreift. Das kann aber nicht von der „ganzen Welt“ gesagt werden, und es ist müßig, diese Tatsache leugnen zu wollen. Gottes Wort erklärt uns das deutlich.

Zu jemand, der an den Herrn Jesus glaubt, dürfen wir aufgrund des Wortes sagen: „Er hat deine Sünden getragen.“ Wir haben aber nicht das Recht, einem Ungläubigen oder der „ganzen Welt“ diese Zusicherung zu geben. Nur der Glaube hat ein Anrecht darauf.

Unterschied: Erlösung und Erkaufen

Der große Versöhnungstag gibt uns tatsächlich ein besonders deutliches Zeugnis für einen großen Grundsatz im Wort Gottes, der in der Lehre des Neuen Testaments klar erläutert wird. Denken wir an den Unterschied, der zwischen „Erlösung“ (Eph 1,7) und „Erkaufen“ (2Pet 2,1) besteht. Diese beiden Wahrheiten werden oft miteinander verwechselt (z.B. von den Calvinisten und Arminianern), so dass Wahrheit und Irrtum vermengt werden. Durch seinen Tod hat der Herr die ganze Schöpfung einschließlich aller Menschen, auch der falschen Lehrer, „erkauft“. Wer seine Rechte leugnet und sich gegen seinen göttlichen Gebieter auflehnt, tut dies zu seinem ewigen Verderben. Doch nur diejenigen werden „erlöst“, die durch den Glauben an sein Blut die Vergebung ihrer Vergehungen empfangen. Sowohl die „Erlösung“ des Einzelnen als auch das „Erkaufen“ der ganzen Welt werden in der Schrift gelehrt, aber es entsteht ein großer Irrtum, wenn beide Wahrheiten miteinander vermengt oder verwechselt werden. Durch seinen Tod am Kreuz fügte der Herr seinen Rechten als Schöpfer einen weiteren Anspruch auf alle Kreatur hinzu, indem Er den unermesslichen Kaufpreis für sie bezahlte. Alle gehören nun Ihm und nicht mehr sich selbst, wenn auch nur der Gläubige dies völlig anerkennt. Durch die Erlösung werden wir von Satan und Sünden befreit, doch dies ist nur das Teil des Glaubens.

Die gleiche Wahrheit finden wir in anderen Worten in Hebräer 2,9.10. Durch Gottes Gnade schmeckte Christus den Tod „für alles“ (griech. hyper pantos), auch für alle Menschen (vgl. Heb 2,7.8); alle wurden erkauft. Aber wir finden eine ganz andere Ausdrucksweise in Hebräer 2,10, wo uns mitgeteilt wird, dass Gott, indem Er „viele Söhne“ zur Herrlichkeit brachte, den Anführer ihrer Errettung durch Leiden vollkommen machte. Bringt man diese beiden Wahrheiten durcheinander, so geht nicht nur die Genauigkeit des Wortes Gottes verloren. Auch die Wahrheit wird beeinträchtigt, einerseits durch das mangelnde Verständnis über den für alles bezahlten Kaufpreis, andererseits durch eine geringe Wertschätzung der Erlösung des Einzelnen.

Möge Gott die betrachteten Wahrheiten zur Verherrlichung seines Sohnes an uns segnen.


Aus Was von Anfang war, Heijkoop-Verlag, S. 75–79

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